666 Der Tod des Hexers Micha Krämer Nina Morettis 12. Fall Lichterloh brennt der Scheiterhaufen auf einem alten Richtplatz aus der Zeit der Hexenverfolgung. Das verbrannte Opfer ist Sänger einer Heavy Metal Band. In einem Video gesteht er, ein Hexer zu sein, und beschuldigt die übrigen Mitglieder seiner Band ebenfalls der Hexerei. Musste der junge Mann wegen seiner okkulten Liedtexte sterben oder steckt doch etwas ganz anderes hinter der Tat? Nach ersten Recherchen ist Kriminalhauptkommissarin Nina Moretti sich sicher: Der Henker wird weiter morden … Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de © 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln www.niemeyer-buch.de Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: C. Riethmüller Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH eISBN 978-3-8271-8408-5 Micha Krämer 666 Der Tod des Hexers Prolog August 2021 Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe. Ich weiß, wer sie sind, und spüre ihre Anwesenheit. Vor mir können sie sich nicht verstecken. Sie sind unter uns. Schon seit alten Zeiten. Nur, die meisten der dummen Menschlein haben es vergessen. Nicht immer verbirgt sich der Teufel hinter den Masken der Weiber. Manchmal sind es auch die Hexer, die den Satan in sich tragen. Die ihn heraufbeschwören, ihm huldigen und opfern. All die Jahre wurde dem Hexentreiben tatenlos zugesehen. Doch damit ist nun Schluss! Ich werde sie suchen, finden und zur Strecke bringen. Werde den Beelzebub in ihnen austreiben. Mit dem Schwert und dem Feuer, genauso wie es geschrieben steht. Ich habe die Zeilen gelesen. Schwarz auf Weiß steht es da, dass die Hexen Unzucht mit Luzifer und seinen Dämonen treiben. Der Teufel belohnt sie dann mit Hexenkraft für ihre unzüchtigen Liebesdienste. Es schockiert mich, mit anzusehen, wie die dummen Menschlein sie auch noch feiern und ihnen zujubeln. Wie sie tanzen, lachen und mit den Hexen singen … ihnen applaudieren. Doch ich werde ihnen die Augen öffnen. Das, was sich dort unten im Tal auf der Bühne abspielt, hat nichts mit anständiger Musik zu tun, sondern ist lediglich eine Huldigung des Bösen. Die Band gefiel Nina Moretti. Die Musik von Witchwar war melodisch, schnell und erinnerte ein wenig an die alten Songs von Helloween, Iron Maiden oder Metallica. Eine Mischung, die Nina außerordentlich gut gefiel. Und ja, sie war gerade irgendwie mächtig stolz auf die junge Frau mit der neonfarbenen Gitarre, deren Finger in atemberaubender Geschwindigkeit über die Saiten des Instruments flitzten. Von dem, was der Frontmann der Band in sein Mikrofon schrie, verstand sie hingegen kein Wort. Was nicht daran lag, dass dieser auf Englisch sang. Ninas Englisch war im Grunde gar nicht mal so schlecht. Es war sogar wesentlich besser als das Italienisch, welches ihr väterlicherseits in die Wiege gelegt worden war. Nein, sie war sich sicher, dass man den Sänger auch nicht verstehen könnte, wenn er auf Deutsch singen würde. Wobei Gesang im Heavy Metal sowieso vollkommen überbewertet wurde. Klar, wenn man sich die Songs der diversen Metal Bands in gut abgemischter Studioqualität anhörte, konnte man den meisten Texten wunderbar folgen. Live, bei einem Open Air, funktionierte dies allerdings in den seltensten Fällen. „Und was meinst du?“, schrie sie Klaus, ihrem Mann, ins Ohr, der neben ihr an der Theke der Bierbude lehnte und das Geschehen auf der Bühne am Fuße des Weiselsteiner Hanges aufmerksam beobachtete. „Na ja“, schrie er zurück, zuckte mit den Schultern und schaute dabei ein wenig skeptisch. Nina blickte ihn erstaunt an. Sie hätte gewettet, dass es ihm gefallen würde, was die Band da auf der Bühne fabrizierte. Dem schien allerdings nicht so. Klar, sie war im Gegensatz zu ihm keine Musikerin. Dennoch glaubte sie erkennen zu können, ob eine Band gut war oder nicht. Und die vier jungen Frauen um den Sänger waren gut. Gerade endete ein Stück, womit der Geräuschpegel natürlich massiv nach unten ging. Nina nutzte die Gelegenheit weiterzufragen. „Gefällt’s dir nicht?“ Klaus schüttelte den Kopf. „Mit dem Sänger und den Texten gibt das nichts“, fand er. „Wieso? Man versteht doch eh nichts“, wandte Nina ein. „Na, zum Glück. Das ist echt unterste Schublade. Teufel hier … Hölle da … alles ziemlich abgedroschener Satanskram“, erklärte er. „Und woher weißt du das, wenn man den Sänger doch gar nicht versteht?“, interessierte es Nina. „Weil ich die Texte gelesen habe, mein Schatz. Sarika hat sie neulich im Proberaum liegen lassen“, gestand er und grinste nun wieder. Eine weitere Konversation mit ihm war nicht möglich, da die Band gerade wieder mit dem nächsten Stück einsetzte. Klaus hatte also die Texte gelesen, die seine erwachsene Tochter im Proberaum hatte liegen lassen. War das okay?, kam es ihr kurz in den Sinn. Natürlich war das okay. Immerhin brüllte der Typ da vorne eben diese Songtexte gerade ziemlich öffentlich in die Menschenmenge. Solange Klaus nicht auch noch Sarikas Tagebuch oder ihre Post checkte, war doch alles okay. Im Grunde war es ja sogar sehr großzügig von ihm, dass er die Band seiner Tochter im Gartenhaus der Villa, das er vor Jahren mit seinen eigenen Bandkumpels zum Übungsraum ausgebaut hatte, üben ließ. Nicht alle Eltern wären damit einverstanden, wenn die Heavy Metal Band ihrer Zöglinge im heimischen Garten übte. Wenn die Kids dann mal ihre Noten und Texte liegen ließen, durften sie sich auch nicht beschweren, wenn die Altrocker aus Papas Kapelle mal einen Blick darauf warfen. Applaus brandete auf, nachdem Sarika mit einem atemberaubenden Gitarrensolo das letzte Stück beendete und die Band dann hastig von der Bühne eilte, auf der sofort eine Schar von Technikern einfiel, um das Equipment abzubauen und durch anderes zu ersetzen. Nina war neugierig, welche Combo als Nächstes das abgelegene Tälchen bei dem kleinen Ort Weiselstein beschallen würde. Das Programm bei „Rock am Hang“ war wie immer bunt gemischt. Von Blues, über Deutschrock bis hin zu Metal war alles dabei. Interessieren würde Nina im Moment aber mehr, was ihre Stieftochter Sarika gerade mit dem Sänger ihrer Combo diskutierte. Obwohl die beiden sich rechts neben der Bühne ziemlich lautstark stritten, konnte sie wegen der Umgebungsgeräusche auf so einem Festival kein einziges Wort verstehen. „Was ist denn da los?“, fragte Klaus neben ihr, der den Streit nun ebenfalls bemerkt zu haben schien. „Keine Ahnung. Aber wie es ausschaut, haben die beiden mächtig Stress miteinander“, schilderte Nina ihre Eindrücke. Der lange blonde Sänger fasste Sarika nun am Arm und zog sie zu sich. Es schien fast, als wolle er sie küssen. Doch so weit kam es nicht mehr, da das Mädchen ihm ihr Knie in die Weichteile rammte, woraufhin er mit schmerzerfülltem Gesicht zu Boden ging. „Jetzt reicht’s“, hörte Nina Klaus sagen, der seine Bierflasche auf die Theke knallte und Anstalten machte, zu seiner Tochter zu rennen. Nina fasste ihn hinten am T-Shirt und zog ihn zurück. „Du bleibst schön hier, mein Lieber“, raunte sie ihm dabei zu. „Aber …“ „Nix aber“, unterbrach sie ihn. „Deine Tochter ist alt und tough genug, um solche Probleme selbst zu klären“, erklärte sie und beobachte weiter. Sarika hatte sich abgewandt und ging nun in den Pavillon neben der Bühne, wo sie in aller Seelenruhe ihre Gitarre in den dazugehörigen Koffer packte. Die Schlagzeugerin der Band, ein dünnes, blasses Mädchen mit langen, gelockten Haaren, trat zu ihr, klopfte ihr auf die Schulter und sagte etwas. Der Sänger, Nina glaubte sich zu erinnern, dass der Fabrice hieß, ließ sich von einem Nina unbekannten langhaarigen Mann um die dreißig aufhelfen. „Die Mädels sollten sich schleunigst einen anderen Frontmann besorgen“, fand Klaus derweil und nippte nun wieder an seinem Bier. „Warum Frontmann? Eine Frontfrau würde doch viel besser zu den vier Mädels passen“, erwiderte Nina. Klaus schüttelte den Kopf. „Nee, Schatz, beim besten Willen nicht. Zu einer ordentlichen Metal Band gehört ein Sänger und keine Piepsemaus“, meinte er und sah sie dabei ziemlich empört an. Nina, die gerade einen Schluck trinken wollte, setzte ihre Flasche wieder ab. „Sag mal, geht’s noch? Machst du hier jetzt einen auf Obermacho?“, schimpfte sie. „Nein, aber nenn mir doch mal eine erfolgreiche Metal Band mit Sängerin“, fragte er und klang dabei sehr siegessicher. Nina musste nicht lange überlegen. „Warlock mit Doro Pesch, Lita Ford“, wusste sie gleich zwei starke Powerfrauen. „Nightwich“, mischte sich ein Riese mit Glatze ein. „Super, Thilo, fall du mir auch noch in den Rücken“, meckerte Klaus den Bassmann der Gebrüder Poweronoff an und musste dann selber lachen. „Und das ist tatsächlich deine Tochter?“, wollte Thilo indes wissen und deutete mit einer Kopfbewegung auf Sarika, die mit ihrem Gitarrenkoffer in der Hand nun direkt auf den Bierstand zukam. „Jepp, das ist tatsächlich meine Tochter … von der ich zugegebenermaßen erst vor anderthalb Jahren erfahren habe, dass es sie gibt“, erklärte Klaus. Thilo nickte und streckte Sarika nun die Hand hin. „Hallo, super gespielt. Ich bin Thilo Heß“, stellte er sich vor. Sarika lächelte. „Sarika Zielner. Ich hab’ dich schon mal mit deinen Gebrüdern gesehen … find ich echt stark, was ihr da macht, so diese Klassik mit Stromgitarren“, erwiderte das Mädchen. „Na ja, du und deine Mädels seid aber auch nicht übel. Schade, dass wir Brüder vollzählig sind und gerade keine Schwester Poweronoff benötigen“, flachste der große Mann mit dem in der Sonne glänzenden haarlosen Haupt. Sarika verzog das Gesicht. „Na ja, so gut fand ich uns jetzt gar nicht. Vor allem gesangstechnisch ist bei uns noch eine Menge Luft nach oben“, räumte sie ein und verdrehte die Augen. „Hab’ ich dir schon nach eurer letzten Probe gesagt. Am besten, ihr serviert den Idioten ab und sucht euch jemanden, der es auch draufhat“, gab Klaus seine Meinung zum Besten. Sarika nickte und reichte ihm dann den Koffer mit dem Instrument. „Du, Papa, kannst du die mit nach Hause nehmen? Ich möchte noch mit den anderen zu Selina nach Friesenhagen. Wir müssen den Gig mal in Ruhe analysieren und bequatschen, wie es weitergehen soll.“ Klaus sah sie mit großen Augen an. „Wie, ihr wollt schon los? Es spielen doch noch drei andere Bands“, fragte er erstaunt. Auch Nina war ein wenig enttäuscht, dass ihre Stieftochter nicht noch bleiben wollte. Sie mochte die junge Frau, die vor knapp anderthalb Jahren wie ein Orkan in ihr Leben geweht worden war. Die Tochter ihres Mannes aus einer längst vergessenen Beziehung, lange bevor Nina und er zusammengekommen waren. „Okay, klar nehme ich die Gitarre mit“, antwortete Klaus und nahm den Koffer entgegen. „Danke, Papa“, freute Sarika sich, sprang Klaus förmlich an den Hals, gab ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand in der Menschenmenge. „Aber fahr nicht mehr, falls du was trinkst“, rief Klaus ihr, wie Nina fand unnötigerweise, hinterher. Zum einen, weil Sarika überhaupt nicht mit ihrem Wagen unterwegs war, der stand zu Hause im Carport, und zum anderen, weil das Mädchen für ihr Alter wirklich sehr vernünftig war. „Tja, die Jugend von heute, wir waren früher immer die Letzten, die nach einem Auftritt die Kneipe verlassen haben“, fand Thilo. „Und genau deshalb bestell ich uns jetzt auch noch ein Bier“, beschloss Nina und orderte dem Bassmann gleich eins mit. Kapitel 1 Sonntag, 8. August 2021, 7:52 Uhr Betzdorf/Villa Schmitz Ninas Schädel fühlte sich an, als habe man ihn in einen Schraubstock eingeklemmt. Sie mochte „Eyes without a face“ von Billy Idol. Aber nicht mitten in der Nacht. „Magst du nicht mal an dein Handy gehen?“, hörte sie Klaus hinter sich brummen. Nein, Nina mochte jetzt nicht an ihr Handy gehen. Heute war Sonntag, da ging man nicht vor dem Aufstehen ans Telefon. Dennoch tastete sie nun auf dem Nachttisch nach dem Störenfried und nahm das Gespräch, ohne auf das Display zu sehen, an. „Ja“, hauchte sie in das Gerät. „Moin, Nina“, erkannte sie die Stimme ihres Kollegen Thomas Kübler. „Sag mal, hast du eine Ahnung, wie spät das ist?“, fragte sie. „Ja, gleich acht Uhr“, gab Kübler Auskunft. „Okay … Danke für die Info“, erwiderte sie und schlug nun endlich auch die Augen auf. Durch die Ritzen der Rollläden drang spärlich Licht in das Zimmer. Draußen war es tatsächlich schon hell. „Sieh zu, dass du in Wallung kommst, Nina. Ich bin in etwa zehn Minuten bei dir, um dich abzuholen“, meinte er, als sei dies ausgemachte Sache. Sie schwang sich aus dem Bett. „Was? Nee … Warum das? Ich hab frei … Sonntag“, widersprach sie ihm und drückte mit der freien Hand gegen ihre Schläfe. Ein sinnloses Unterfangen, das die Kopfschmerzen auch nicht vertrieb. Sie vertrug einfach keinen Alkohol mehr. Vor zehn Jahren hätten ihr die paar Bier und Schnäpse überhaupt nichts ausgemacht. „Wir haben einen Toten in Friesenhagen, und so, wie die Kollegen von der Streife den Fall schildern, möchtest du dir das bestimmt selbst ansehen“, antwortete er. „Will ich das? Was ist denn los?“, wollte sie nicht wirklich wissen. „Ja, willst du. Alles andere gleich im Wagen. Mach hin“, fand er und hatte, bevor Nina noch etwas fragen konnte, bereits aufgelegt. „Musst du weg?“, fragte Klaus. „Scheint so“, antwortete sie und überlegte dann tatsächlich kurz, sich noch einmal für eine Minute hinzulegen. Vielleicht hätte sie es auch getan, wenn da nicht ein Wort von Kübler gewesen wäre, das eine Unruhe in ihr verursachte. Friesenhagen! Hatte Sarika da nicht gestern am Abend noch hingewollt? Ja, hatte sie. Nina erhob sich und tapste durch das Halbdunkel bis zur Schlafzimmertüre, wo sie noch einmal kurz stehen blieb. „Bist du so lieb und kochst mir einen Kaffee, während ich mich anziehe?“ Sie wartete die Antwort gar nicht erst ab, da sie sich sicher war, dass Klaus ihrem Wunsch nachkommen würde. Stattdessen trat sie auf den Flur und warf erst einmal einen Blick über das Geländer nach unten in die Diele. Vor der Garderobe auf dem Boden lagen Sarikas Schuhe und ihre Lederjacke. Das war gut. Nicht, dass sie es toll fand, dass ihre Stieftochter ihre Klamotten auf den Boden warf. Nein, es erleichterte sie nur ungemein, dass Sarika überhaupt zu Hause war. Die Vorstellung, einmal zu einem Tatort oder Todesfall gerufen zu werden, an dem ein von ihr geliebter Mensch ums Leben gekommen war, verfolgte sie ständig. Als Nina mit noch feuchten Haaren und einem großen Becher dampfenden Kaffees aus dem Haus kam, wartete Kübler bereits im Dienstwagen in der Einfahrt. „Moin“, begrüßte sie ihn, als sie die Tür öffnete und sich auf den mit Lammfell überzogenen Beifahrersitz fallen ließ. Seinen Blick auf den Kaffeepott bemerkte sie sofort. „Eh, muss das sein?“, kam auch nun prompt die Frage. Nina antwortete nicht. Sie wusste genau, was er meinte. Kübler hasste es, wenn sie ihren Kaffee während der Fahrt im Wagen trank. Angeblich aus Angst, sie würde die Sitze einsauen. Wobei es auf einen Fleck mehr oder weniger in der Kiste wirklich nicht ankam. Niemand, der die Karre so sah, konnte sich auch nur im Ansatz vorstellen, wie die originalen Polster unter den alten Lammfellschonbezügen aussahen. Der rote Porsche 911 Turbo hatte nämlich zuvor einem Zuhälter gehört, der seinem Beifahrer bei einem Streit während der Fahrt ein Messer in die Halsschlagader gerammt hatte. Eine Wahnsinnssauerei. Flecke, die aus dem hellen Leder nie mehr rausgehen würden. „Also, was gibt es denn, was ich mir bestimmt selbst anschauen möchte?“, kam sie, während sie sich anschnallte, lieber sofort zum Wesentlichen. Kübler stöhnte recht theatralisch und fuhr los. „Kennst du die rote Kapelle bei Friesenhagen?“, fragte er. „Nein. Muss ich die kennen?“, entgegnete sie. „Ja, als heimatverbundener Mensch solltest du die kennen“, meinte er. „Ich bin Halbitalienerin. Da muss ich nur halb so viele Orte kennen wie du – oder warst du schon mal in der Via Santa Maria del Pianto?“ Sie bemerkte, wie er fragen wollte, was das sei. „Kübler, was ist da in Friesenhagen los?“, wiegelte sie jedoch ab, bevor er den Mund aufmachen konnte. „Unweit der Kapelle wurde heute Morgen von mehreren Personen ein Feuer gemeldet. Irgendwer hat einen Polder mit Holz angezündet. Die Feuerwehr ist ausgerückt, um zu löschen, und hat vor Ort einen oder eine Tote gefunden … genau kann man das wohl ohne einen Gerichtsmediziner nicht mehr feststellen“, berichtete er. „So stark verkokelt?“, hakte sie nach und nippte an ihrem Kaffee, der gerade wirklich äußerst guttat. Es war verdammt spät geworden die letzte Nacht. Bis Friesenhagen fuhren sie schweigend. Nina schlürfte ihren Kaffee und las dabei auf ihrem Mobiltelefon. Die Zwillinge, Chiara und Matteo, hatten ihr geschrieben. Natürlich nicht sie selbst. Die beiden gingen ja erst in die Kita und konnten weder schreiben noch besaßen sie ein Handy. Nein, Oma Inge, bei denen die beiden letzte Nacht geschlafen hatten, hatte das erledigt. Sogar mit einigen Fotos, die die beiden am Frühstückstisch mit Opa Hans Peter zeigten. „Da oben ist die Kapelle“, meinte Kübler, als sie von Engelshäuschen kommend kurz vor Friesenhagen aus dem Wald kamen. Nina entdeckte die kleine rote Kirche auf dem Hügel hinter dem Dorf sofort. Sie war nicht zu übersehen, obwohl es bis dorthin vermutlich noch zwei bis drei Kilometer Luftlinie waren. Das rot angemalte Gebäude, mit den Bäumen und den Löschfahrzeugen der Feuerwehr daneben, hob sich vom ansonsten strahlend blauen Himmel ab. „Warum muss man das Kapellchen eigentlich kennen? Von solchen Kapellen gibt es doch bestimmt Hunderte oder gar Tausende in ganz Deutschland?“, fragte sie und reckte sich nach hinten, um den leeren Kaffeebecher hinter den Fahrersitz zu stellen. „Wegen der Vorgeschichte“, antwortete Kübler und verzog missbilligend das Gesicht. „Aha“, meinte sie nur, da sie immer noch nicht verstand, was er ihr damit sagen wollte. „Da, wo heute die Kapelle steht, war früher eine Richtstätte. Im siebzehnten Jahrhundert wurden dort verurteilte Hexen verbrannt“, legte Kübler nach. Nina blickte ihn an. „Nicht dein Ernst, oder? Hexenverbrennung? Hier bei uns?“ „Doch, klar. Hier war es sogar besonders schlimm. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, wurden da, wo heute die Kapelle steht, an die zweihundert angebliche Hexen hingerichtet“, wusste er. „Und du meinst, der oder die Tote da oben …“, Nina deutete den Hügel hinauf. Sie fuhren nun durch den Ort. Von hier aus konnte man die Kapelle wegen der Häuser gerade nicht sehen. „Ich mein gar nichts … Erst mal schauen, was da genau los ist“, winkte Kübler ab. Nina musste zugeben, dass sie nun doch irgendwie neugierig auf diesen Fall war. Dennoch war ihr mulmig zumute, und auch diese seltsame nicht zu beschreibende Nervosität war nun wieder da. Als sie mit gerade mal zwanzig zu ihrem ersten Tatort fuhr, hatte sie diese Unruhe zum ersten Mal gespürt. Damals hatte sie noch geglaubt, es würde sich irgendwann legen – dass der Tod eines Menschen irgendwann zur Normalität werden könnte. Heute wusste sie, dass dies niemals so sein würde. Der gewaltsame Tod eines Menschen war nicht normal und könnte es, zumindest für sie, niemals werden. Ja, sie war Profi. Ein alter Hase. Doch selbst Gesichter aus Fällen, die schon lange zurücklagen, kamen sie gelegentlich in ihren Träumen besuchen. Das Einzige, was sie als Polizistin für die Verstorbenen noch tun konnte, war, deren Mörder zu finden. Darin waren sie und ihr Team gut. Ihre Aufklärungsrate überdurchschnittlich. Auf der Bergkuppe angekommen, ging es nach links in einen geteerten Forstweg. Nina fiel ein Schild an der Abzweigung auf. Bis Wildenburg, dem kleinen Ort mit der Burg, die ihm den Namen gab, war es nur noch ein Kilometer. Dort war sie schon seit Jahren nicht mehr gewesen. Das Wildenburger Land war ein Zipfel des Landkreises, in dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten. Kleine Orte, einzelne Höfe, eine Burg, das Wasserschloss Crottorf. Ein Paradies für Wanderer und Menschen, die bergige Natur liebten. Die verkohlten Überreste des Holzpolders, auf dem der verbrannte Körper lag, strahlten immer noch Restwärme aus, als Nina den Platz mit der mächtigen Linde vor der kleinen Kapelle betrat. Gerichtsmediziner Doktor Sebastian Wagner beugte sich gerade über die Überreste. „Moin, Sebastian“, begrüßte sie ihn freundlich und fragte sich, warum der Pathologe eigentlich fast immer vor ihr an den Tatorten war. Hatte der einen siebten Sinn oder waren sie und Kübler einfach immer nur zu langsam? „Guten Morgen, liebe Nina … guten Morgen, Herr Kübler“, grüßte der Arzt froh gelaunt mit den Worten zurück, die Nina sich gerade verkniffen hatte. Heute war nämlich gar kein guter Morgen. Vor ihr lag eine Leiche, und ihr Kopf fühlte sich immer noch an, als wäre sie gegen eine Wand gerannt. An Tagen wie heute reichte ein einfaches Morgen oder Moin. „Ohne dass ich drängeln möchte, Sebastian, was können Sie denn schon sagen?“, erkundigte Nina sich vorsichtig. „Ich kann mit Sicherheit sagen, dass der Mann bereits tot war, als man ihn angezündet hat“, antwortete Wagner. „Es ist also ein Mann?“, schlussfolgerte Nina. „Ja, ich denke, das ist ziemlich eindeutig. Der Körper ist bei Weitem nicht so stark verbrannt, wie es auf den ersten Blick scheint“, erklärte der Arzt. „Was ist das denn da auf seiner Brust?“, wollte Kübler wissen und deutete auf die Stelle. Nina wusste sofort, was das war, glaubte aber ihren Augen nicht zu trauen. „Das ist sein Kopf. Er wurde enthauptet, bevor man ihn verbrannt hat – daher auch die Annahme, dass er tot war, bevor man ihn anzündete“, bestätigte Wagner recht sarkastisch, was sie bereits vermutete. „Dann würde ich mal sagen, dass es nichts mit dem Ort und diesem alten Hexenglauben zu tun hat“, schlussfolgerte Thomas wie immer ziemlich voreilig. „Thomas, wir sind noch keine Minute hier und du schließt irgendetwas aus. Meinst du nicht, das wäre ein wenig voreilig?“, rügte sie ihn deshalb. „Nee, mein ich nicht. Aber jeder weiß doch, dass Hexen immer an einem Stück und lebendig verbrannt wurden“, erwiderte er. „Und das weiß jeder woher?“, wurde sie nun schon etwas grantig. Sie hasste diese Art von Diskussionen mit ihm. Kübler war belesen und bestimmt nicht dumm. Dennoch erinnerte er sie gelegentlich an dieses Schweinchen Schlau aus den Cartoons. „Das weiß man eben!“, ließ er nicht locker. „Seltsam, einer der Feuerwehrleute hier aus dem Ort hat mir eben berichtet, dass bei den damaligen Hexenverbrennungen an dieser Stelle die Delinquenten zuerst enthauptet wurden, bevor man sie verbrannte“, mischte sich nun Doktor Wagner ein. „Na, dann hat der eben keine Ahnung“, beharrte Kübler. „Soll angeblich so in den Gerichtsakten stehen, die gibt es als Buch veröffentlicht“, legte Wagner noch einen drauf. Es war dem Mediziner anzusehen, dass es ihm einen Heidenspaß machte, Kübler zu belehren. Ein Spaß, der Nina in Anbetracht des verkohlten Leichnams doch sehr makaber und nicht angebracht erschien. „Ich denke, wir sollten uns erst einmal das nähere Umfeld ansehen. Vielleicht finden wir ja noch Spuren, die nicht vom Löschwasser hinfortgespült oder von den Feuerwehrleuten zertrampelt wurden. Besser, du rufst den Rest der Truppe zusammen. Wir brauchen hier das gesamte Team und am besten noch eine Hundertschaft, um das Gelände weiträumig abzusuchen“, schlug Nina an Kübler gewandt vor. Der Kollege nickte und zückte sein Handy. Nina ging derweil zu den beiden uniformierten Kollegen der Schutzpolizei, die abseits bei einem Streifenwagen standen und sich mit einem Feuerwehrmann unterhielten. Dabei überschlugen sich die Gedanken in ihrem Kopf. Die dringlichste Frage war derzeit, um wen es sich bei dem Toten handelte. Seine Kleidung, soweit er welche getragen hatte, schien das Feuer bereits komplett vernichtet zu haben. So etwas ging immer sehr schnell. Ein Körper hingegen brannte nur äußerst schlecht. In Filmen wurde das immer ziemlich simpel dargestellt. Da reichte oft schon ein Kanister Benzin, um einen Leichnam zu verbrennen. In der Realität sah dies allerdings anders aus. Es brauchte eine Menge Energie und Brennstoff, um einen Leichnam zu beseitigen. Sollte der Tote Ausweispapiere dabeigehabt haben, waren diese vermutlich vollständig verbrannt oder lagen vielleicht noch irgendwo in der Umgebung. Sie würden alle Kräfte benötigen, die sie zusammenziehen konnten, um jeden Stein und jeden Grashalm im näheren Umkreis umzudrehen. Außerdem würden sie checken müssen, ob in den letzten Stunden jemand als vermisst gemeldet worden war. Alles in allem wartete eine Menge Arbeit auf sie und das Team. Sarika ging es mies. Wenn sie nicht so nötig aufs Klo gemusst hätte, wäre sie auch nicht aufgestanden, sondern hätte vermutlich den ganzen Tag verpennt. Sie schlurfte zur Toilette, erledigte, was zu erledigen war, und trottete dann weiter in die Küche, um ein Glas Wasser gegen ihren Mordsdurst zu trinken. „Guten Morgen, mein Sonnenschein“, begrüßte ihr Papa Klaus sie. Sie presste etwas hervor, das entfernt an ein „Moin“ erinnerte, und nahm sich ein Glas aus dem Schrank. Wie konnte einer am frühen Sonntagmittag nur so gut gelaunt sein, wie ihr Erzeuger es immer war? „Und wie war dein Abend noch?“, wollte er nun auch noch wissen. „Ganz nett“, antwortete sie jetzt einfach mal. Was sollte sie auch sonst sagen? Sie hatten bis spät in die Nacht bei ihrer Freundin Selina im Garten gefeiert. Außer der Band war auch noch so ziemlich ihre komplette Abistufe dort gewesen. Irgendwann hatte Sarika dann keinen Bock mehr gehabt und nur noch nach Hause gewollt. Leon Balke, ein Schulkamerad von ihr, der, warum auch immer, ebenfalls auf der Fete gewesen war, hatte sich angeboten, sie nach Hause zu fahren. Eine nette Geste des Jungen, mit dem sie in den letzten anderthalb Jahren, seit sie auf diese Schule ging, noch kein Wort gewechselt hatte. Eine Konversation auf dem nächtlichen Nachhauseweg war ebenfalls gescheitert, da sie, kaum bei ihm eingestiegen, auch zum ersten Mal weggenickt war und er sie erst hier in der Einfahrt wieder geweckt hatte. Sie füllte das Glas randvoll mit Leitungswasser, tapste zum Tisch und ließ sich auf die Eckbank sinken. „Es gibt auch noch Kaffee“, sagte Klaus. Sarika nickte. Ein Kaffee käme nach dem Wasser ganz gut. Der trockene Geschmack in ihrem Mund war widerlich. „Mit Milch und einer Kopfschmerztablette dabei?“, erkundigte Klaus sich. Sie sah ihn an und zwang sich zu einem Lächeln. „Boahhhh, Papa … Das is echt nicht komisch“, sagte sie und trank dann einen Schluck. Er kicherte und erhob sich. Sarika legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Sie hörte, wie er eine Tasse aus dem Schrank nahm, sie füllte und die Milch einrührte. „Bitte schön“, sagte er schließlich und stellte die Tasse vor sie auf den Tisch. Als Sarika hinsah, lagen neben dem Kaffeepott tatsächlich eine weiße Tablette und ihr Handy. „Danke, Papa. Wo kommt denen jetzt mein Handy her?“, wunderte sie sich. Vorhin in ihrem Zimmer war ihr zwar kurz aufgefallen, dass es nicht da war, den noch hatte sie keinen weiteren Gedanken daran verschwendet. „Das steckte noch in deiner Jeansjacke. Zusammen mit deinem Portemonnaie, einigen Schmierzetteln und benutztem Kaugummipapier“, erwiderte er und setzte sich wieder zu ihr an den Tisch. Erst jetzt bemerkte sie die Gitarre, die neben Werk- und Reinigungszeugs vor ihm lag. Es handelte sich um ihre pinkfarbene Jem 777 Steve Vai Signature. Die, die sie gestern beim Auftritt gespielt hatte. „Ähm … Warum wühlst du in meinen Taschen? Und was machst du da mit meiner Ibanez?“, erkundigte sie sich leicht irritiert. „Die Jacke lag total verdreckt auf dem Boden vor der Garderobe. Ich hab’ die Taschen entleert und sie zusammen mit der anderen Wäsche in die Waschmaschine gesteckt“, antwortete er und hob dann die Gitarre ein Stück an, damit sie die Oberfläche sehen konnte. Das Instrument war, um es gelinde auszudrücken, total versifft. Schweiß, Bier und Haare klebten auf dem neonpinken Lack. Die Saiten waren bräunlich angelaufen. Der ganz normale Wahnsinn nach einem Gig bei fünfunddreißig Grad im Schatten. „Ich dachte, ich mach sie mal sauber und zieh dir neue Saiten auf.“ „Ohhh“, antwortete sie nur, beugte sich dann zu ihm hinüber und küsste ihn auf die Wange. „Danke, Paps. Wär’ aber nicht nötig gewesen. Ich hätte, solange die Ibanez dreckig ist, halt eine von deinen Klampfen benutzt“, unkte sie. „Jepp, und genau deshalb hab’ ich mir gedacht, ich erledige das eben schnell für dich“, lästerte er zurück. Mit dem letzten Schluck Wasser nahm sie die Tablette ein und nahm sich dann des Kaffees an. Er tat wahrlich gut. Zwar half der nicht gegen den Kater, doch zumindest der pelzige Geschmack auf ihrer Zunge ließ ein wenig nach. „Sag mal, Sarika, war das Blut auf deiner Jacke eigentlich von dir? Hattest du wieder Nasenbluten?“, fragte Klaus, während er den Body der Gitarre mit einem feuchten Tuch abwischte. „Ach das … Nee, das war nicht von mir“, antwortete sie und musste nun automatisch wieder an den kleinen Eklat am gestrigen Abend denken. Klaus nickte zufrieden, schien aber immer noch auf eine Erklärung zu warten. Obwohl Sarika ihren Vater erst seit etwas über anderthalb Jahren kannte, waren da ein sehr inniges Band und eine große Vertrautheit zwischen ihnen beiden. Ständig bekam sie mit, dass Freunde und Bekannte in ihrem Alter Stress mit den Eltern hatten. Bei ihr war das nicht so. Vielleicht lag es daran, dass sie Klaus erst kennengelernt hatte, als sie bereits erwachsen war. Er war mehr ein guter Freund als ihr Vater. Sie beide hatten so viel gemeinsam. Nicht nur die Musik. Wobei die schon einen besonderen Stellenwert zwischen ihnen einnahm. Musik war einfach ihr beider Ding. Auch das Verhältnis zu ihrer Stiefmutter Nina würde Sarika als ausgesprochen gut bezeichnen. Nina hatte sie, die Tochter aus einer früheren Beziehung ihres Mannes, mit offenen Armen aufgenommen und respektierte sie so, wie sie war. Klar waren sie nicht immer einer Meinung. Gelegentlich krachte es auch schon mal. Doch nach Regen kam bekanntermaßen auch immer wieder Sonnenschein. Kurzum, Sarika war gerne hier bei ihrem Vater und dessen Familie im Westerwald. „Das Blut stammt von Fabrice“, gab sie deshalb zu. „Eurem Gesangstalent?“, höhnte Klaus. „Ja … nee … Das hat sich gestern Abend ausgesungen mit dem Arsch“, erklärte sie. „Ihr habt ihn also endlich gefeuert?“ Die schadenfrohe Erleichterung in seiner Stimme war überdeutlich zu vernehmen. Sarika wusste, dass ihr Vater Fabrice vom ersten Moment an nicht hatte leiden können. Sie hatte das zuerst anders gesehen … anders sehen wollen. Der Typ sah gut aus, seine Gesangsstimme war nicht schlecht, taugte aber für die Art von Musik, die sie machen wollten, nicht wirklich. Fabrice wäre vermutlich in einer Schlagercombo besser aufgehoben. Wenn er lauter oder höher sang, wie es im Metal häufig vorkam, kippte seine Stimme und war nur noch Geschrei abseits der Tonlage. Sarika hatte sich von ihm blenden lassen. Ja, sie hatte sogar einen Moment geglaubt, etwas für ihn zu empfinden. Doch da war sie nicht die Einzige gewesen. Fabrice hatte alles angegraben, was nicht bei drei auf den Bäumen war. „Ja, haben wir“, bestätigte sie, obwohl es nicht ganz dem entsprach, was geschehen war. Doch was zählte, war schließlich das Endergebnis. „Und? Habt ihr schon jemand Neuen?“, wollte Klaus wissen. Sarika verdrehte die Augen. Irgendwie war ihr das heute Morgen viel zu viel Konversation. „Nee, wir überlegen noch. Es gibt Ideen, is aber jetzt auch nicht so wichtig“, wich sie aus und griff sich ihr Mobiltelefon vom Tisch, um zu schauen, ob es eventuell Kommentare oder Posts zu dem gestrigen Auftritt bei Instagram, Facebook und Co. gab. Bereits einer der ersten Beiträge in ihrer Timeline erweckte Sarikas Aufmerksamkeit. Fabrice, ihr Ex-Frontmann, hatte ein Video auf der Fanpage der Band hochgeladen und geteilt. Sie klickte darauf und schaltete den Ton ein. Der würde doch jetzt hoffentlich nicht öffentlich über seinen Abgang aus der Band lamentieren. So ein Mist. Sie hätte ihm gestern Abend noch die Adminrechte auf die Witchwar-Page aberkennen sollen. Das Filmchen war von schlechter Qualität. Alles viel zu dunkel. Das Einzige, was man erkennen konnte, war Fabrices Gesicht. Sein Auge war zugeschwollen und blutunterlaufen. Hatte sie tatsächlich so hart zugeschlagen? Vielleicht wegen des Schlüsselbundes? Auf seiner Stirn war, vermutlich mit Blut, die Zahl 666 geschmiert oder sogar eingeritzt worden. Das Licht flackerte auf seinem ansonsten blassen Antlitz. Sarika kniff die Augen zusammen und sah genau hin. Ja, das schienen eindeutig Kerzen zu sein, die sich in seinen glasigen Pupillen spiegelten. Fabrice weinte. Wobei das nichts heißen musste, da er dies, wie Sarika glaubte, auf Kommando konnte. Der Typ war ein Waschweib sondergleichen. „Mein Name ist Fabrice Gladenberg. Ich bekenne mich schuldig der Hexerei. Ich habe dem Zauberlaster gefrönt und mehrfach bösen Zauber getan. Ich habe mit dem Teufel gebuhlt und bin von Gott abgefallen“, wimmerte Fabrice. Sarika starrte mit aufgerissenem Mund gebannt auf den kleinen Bildschirm. So eine Wahnsinnsshow und ein schauspielerisches Talent hätte sie dem Depp gar nicht zugetraut. Die Frage war nur, was er damit bezweckte. Sie merkte, wie Klaus sich erhob und sich zu ihr auf die Eckbank schob, und hielt das Gerät nun so, dass er mitschauen konnte. „Auf den Tanzplätzen habe ich mit den anderen Hexen und Hexern unzüchtig getanzt, getrunken und gebuhlt. Gesehen habe ich dort Lena Binenbacher, Selina Marksdorf, Fabienne Luca und Sarika Zielner“, stammelte er nun auch noch die Namen der kompletten Bandmitglieder herunter. Dann war das Video zu Ende. Sarika zitterte vor Wut. Was zum Kuckuck sollte dieser Mist? „Spiel das bitte noch mal ab“, bat Klaus sie. Sarika wollte schon den Play-Button betätigen, als das Telefon in ihren Händen zu vibrieren begann. Der Anruf kam von Selina. Sarika konnte sich denken, was die Bassistin wollte. Vermutlich hatte sie das Video ebenfalls gerade gesehen. Kapitel 2 Sonntag, 8. August 2021, 9:13 Uhr Friesenhagen/Rote Kapelle Nina nutzte die Zeit bis zum Eintreffen der Kollegen von der KTU, um sich die Umgebung anzusehen. Thomas war zum Auto gegangen, um seine Kamera zu holen. So etwas brauchte Nina nicht. Teure Kameras wurden ihrer Meinung nach heutzutage, wo es Mobiltelefone mit einer solchen Funktion gab, vollkommen überbewertet. Sie war selbst immer wieder erstaunt, wie toll zum Beispiel die letzten Urlaubsfotos geworden waren. Super Farben und alles gestochen scharf. Wenn sie da an solche Bilder aus ihrer Jugend dachte, die mit einem für damalige Verhältnisse super Fotoapparat gemacht worden waren, dann war das kein Vergleich mehr. Sie zückte also ihr Handy und begann zu fotografieren. Die beiden Bäume vor der Kapelle, die Kapelle selbst, die Hinweistafel aus Holz, auf der auf die Hexenprozesse vor beinahe vierhundert Jahren eingegangen wurde. Bilder vom Tatort und der Umgebung konnte man nie genug haben. Außerdem kosteten Handyfotos ja nichts, da man anders als früher keinen Film entwickeln musste. Sie ging zur Kapelle, betrachtete die Tür und stutzte, als sie die Blutstropfen auf der steinernen Stufe und dem Basaltpflaster davor entdeckte. Nina beugte sich vor und sah durch die kleine Scheibe. Sie hätte nicht damit gerechnet, dass die Kapelle so hübsch eingerichtet war. Alles sah aus, wie man es auch in einer richtigen Kirche erwarten würde. Der Boden war aus Steinplatten, auf denen zwei Teppichläufer lagen. Der eine von der Türe zum Altar. Der andere quer vor selbigem. Rechts und links an der Wand standen Klappstühle aus Holz mit roten Sitzkissen. Im gleichen Rot wie das Tuch auf dem Altar. In der Nische, hinter dem mit frischen Blumen und Kerzen geschmückten Altar, thronte lebensgroß die Gottesmutter. Wobei …nein. Eine Marienstatue konnte das eigentlich nicht sein, da diese ja das Jesuskind im Arm gehalten hätte. Stattdessen hielt diese Frau ein offenes Buch in den Händen. Zu ihren Füßen kniete ein Kind. Vermutlich irgendeine Heilige und für den Fall nicht weiter wichtig. Aus einer Eingebung heraus drückte Nina die Klinke der Tür herunter und war nicht wirklich erstaunt, dass das kleine Gotteshaus nicht verschlossen war. Sie zerrte das Paar Einweghandschuhe, das sie sich aus Küblers Wagen mitgenommen hatte, aus der rechten vorderen Tasche ihrer Jeans und streifte sie über. Erst dann betrat sie die Kapelle. „Och, Mensch, Nina, muss das sein?“, hörte sie hinter sich die Stimme von Torsten Liebig sagen. Sie drehte sich um und sah ihn an. Er steckte wie immer, wenn er einen Tatort betrat, in einem der Einwegpapieranzüge. „Wieso, was meinst du?“, erkundigte sie sich, obwohl sie genau wusste, was er meinte. Wenn es in der Kapelle etwas zu finden gab, wenn hier ein Tatort war, dann war sie gerade dabei, ihn mit ihren Spuren zu kontaminieren. Dass hier etwas geschehen war, schien ihr beinahe außer Frage. „Das weißt du ganz genau“, beschied der Kollege sie derweil. Nina ließ sich nicht beirren und blickte sich um. Mitten in dem Raum stand außer einem der Klappstühle ein Gestell für Opferkerzen. Rechts neben dem Altar lagen auf einen Haufen geworfen Kleidungsstücke und ein abgegriffener Rucksack. Überall auf dem steinernen Fußboden rechts und links des Teppichs befanden sich kleinere Blutspritzer. Zumindest ging sie nicht davon aus, dass hier jemand Farbe verspritzt hatte. „Nina, jetzt komm da raus“, quengelte Torsten. „Jaja … schon gut. Aber ich möchte als Erstes gerne wissen, was da in dem Rucksack ist“, antwortete sie, deutete auf das Objekt der Begierde und bewegte sich dabei langsam rückwärts in Richtung Ausgang. „Nina, kommst du mal?“, hörte sie Thomas rufen, der zusammen mit Kriminaloberkommissarin Heike Friedrich-Liebig, der Frau von Torsten, an der Motorhaube eines Streifenwagens lehnte und auf ein Computertablet starrte. Nina ging zu ihnen hin und begrüßte erst einmal Heike mit einer freundschaftlich angedeuteten Umarmung. Die Beziehung zu der Kollegin war noch nie so gut gewesen wie in den letzten Monaten. Anfangs, damals bei ihrer ersten Begegnung, hatte Nina die blonde Frau mit der Wuschelmähne überhaupt nicht leiden können. Doch mittlerweile war da eine richtige Freundschaft gewachsen. „Moin, Heike, was gibt’s denn?“, wollte Nina wissen, da Heike irgendwie besorgt dreinschaute. Die Kollegin deutete auf das iPad in Küblers Händen. „Vorhin hat eine ziemlich aufgelöste Mutter auf der Dienststelle angerufen. Ihr Sohn ist heute Nacht nicht nach Hause gekommen. Auf der Facebookseite seiner Band hat er ein ziemlich verstörendes Video hochgeladen. Die Frau hat Angst, er könne sich etwas antun … Aber schau es dir mal besser selbst an“, erklärte Heike, während Thomas den Film startete. Nina erkannte den Jungen sofort. Es war Fabrice, der Sänger von Sarikas Band. Er sah übel aus. Ein Auge war blutunterlaufen, daneben eine Platzwunde. Die langen Haare klebten auf seiner verschwitzten Stirn, auf der Zahlen zu erkennen waren. Was er zu sagen hatte, klang wirr, aber in Anbetracht dessen, was sie heute Morgen hier an diesem Ort schon gesehen hatte, irgendwie logisch. Nachdem das Video geendet hatte, ruhte Ninas Blick noch eine gefühlte Ewigkeit auf dem Scheiterhaufen mit den verkohlten menschlichen Überresten. Mit einem Mal war ihr auch klar, woher sie den Rucksack kannte, der neben dem Altar in der Kapelle lag. „Wann hat er das Video hochgeladen?“, erkundigte sie sich bei Kübler, der ebenfalls sehr still und nachdenklich war. „Ähm …“, er tippte auf dem Display des iPads herum, bis er fand, was er suchte. „Laut dem, was hier steht, vor einer Dreiviertelstunde. Genauer gesagt, vor siebenundvierzig Minuten“, las er ab. Nina schüttelte unmerklich den Kopf. Das konnte nicht sein. Vor einer Dreiviertelstunde war der Mann auf dem Scheiterhaufen schon tot gewesen. Der Brand war bereits vor fast zwei Stunden gemeldet worden. Dennoch wurde sie das Gefühl nicht los, dass der verbrannte Körper der von Fabrice Gladenberg, dem Sänger der Band Witchwar, war. „Thomas, finde heraus, von wo und wann das genau hochgeladen wurde. Heike und ich fahren gleich zu Frau Gladenberg. Das ist die Mutter von Fabrice“, gab sie Anweisung und rannte dann zurück zu der Kapelle. Sie musste jetzt wissen, was in dem Rucksack war und von wem er stammte. Die Dusche hatte Sarika gutgetan. Wobei es natürlich auch an dem Kaffee und der Kopfschmerztablette liegen konnte, die sie genommen hatte. Die Sache mit Fabrice lag ihr schwer im Magen, und ihr Entschluss stand fest. Sie würde jetzt zu ihm fahren und ihm das Passende sagen. Die Adminrechte für die Facebook- und Instagram-Pages der Band hatte sie ihm, direkt nachdem sie das Video angeschaut hatte, entzogen. Der Link zum Video selbst war auf der Seite entfernt. Dennoch war es immer noch im Netz über die private Seite von Fabrice zu sehen. Da er nicht an sein Telefon ging und die Gladenbergs keinen Festnetzanschluss besaßen, musste sie also wohl oder übel zu ihm hinfahren und ihn auffordern, den Mist unverzüglich zu löschen. Als sie in die Küche kam, um Klaus zu sagen, dass sie kurz weg sei, war der nicht mehr da. Ein Blick aus dem Fenster in die Einfahrt brachte Klarheit, da der orangene VW Bulli ihres Vaters gerade aus der Einfahrt rollte. Vermutlich war er los, um die Zwillinge abzuholen, die bei Ninas Mutter übernachtet hatten. Sie schnappte sich also noch eine Banane als Frühstück von der Anrichte und verließ dann ebenfalls das Haus. Keine Minute später bog sie mit ihrem bereits ziemlich betagten Mercedes SLK auf die Steinerother Straße in Richtung Betzdorf. Als sie an der roten Ampel in Höhe der Post hielt, kam ihr der Gedanke, dass sie vermutlich ja noch gar nicht hätte selbst fahren dürfen. Die letzte Wodka Cola hatte sie gegen zwei Uhr morgens getrunken. Obwohl sie sich nicht mehr betrunken fühlte, war sie dennoch fast sicher, dass, wenn die Polizei sie anhielt und ins Messröhrchen blasen ließ, es eng werden könnte für ihren Führerschein. Einen Moment überlegte sie daher umzudrehen. Aber nein, sie musste das mit Fabrice jetzt ein für alle Mal klären. Warum sollten die Bullen sie auch anhalten, wenn sie ordentlich fuhr? Per Knopfdruck öffnete sie das Verdeck. Sicher war sicher, so konnte es im Wagen unmöglich nach Alkohol riechen, sollte sie doch noch gestoppt werden. Bis Harbach, so hieß der Ort, in dem die Gladenbergs lebten, brauchte sie keine zehn Minuten. Als sie in die Einfahrt zu dem alten Fachwerkhaus bog, war sie im ersten Moment ein wenig irritiert, da dort bereits ein roter 911er Porsche parkte, den sie nur zu gut kannte und den sie hier auf gar keinen Fall vermutet hätte. Was machte ein Dienstwagen der Kriminalpolizei vor dem Haus der Gladenbergs? Waren Kübler und Nina vielleicht bei Fabrice? Aber weshalb? Klaus hatte ihr vorhin erzählt, die beiden hätten zu einem Todesfall nach Friesenhagen gemusst. Ihr Restalkohol fiel ihr wieder ein. Nina würde ihr vermutlich nicht den Kopf abreißen. Bei Kübler war sie sich da allerdings nicht so sicher. Der Typ war irgendwie ein Spießer und ging bestimmt zum Lachen in den Keller. Nein, es würde wohl das Beste sein, wenn sie hier schnellstens wieder die Biege machte. Sie legte den Rückwärtsgang ein und schoss dann mit durchdrehenden Rädern zurück auf die Straße. Gerade als sie am Ortsausgang das Ortsschild passierte, klingelte ihr Telefon. Der Name des Anrufers wurde auf der Anzeige neben dem Tacho angezeigt. Sie hätte es sich denken können, dass Nina sie gerade gesehen hatte. Sie nahm das Gespräch also an und meldete sich lediglich mit einem: „Ja hallo?“ „Sarika, Liebes … Würdest du bitte wenden und zurück­kommen?“, wies ihre Stiefmutter sie an. „Ja, okay“, willigte sie ein und wendete den Wagen bei der nächsten Gelegenheit in einem Forstweg. Frau Gladenberg war sichtlich besorgt um ihren Jungen. Wozu sie natürlich allen Grund hatte. Nina und Heike hatten auf der Fahrt nach Harbach besprochen, den Eltern gegenüber erst einmal noch nichts von dem verbrannten Leichnam zu sagen. Vorerst war der Junge ja nur verschwunden. Der Rucksack in der Kapelle gehörte, dieser Verdacht hatte sich bestätigt, Fabrice Gladenberg. Dieser Umstand bedeute allerdings noch lange nicht, dass er auch das Mordopfer war. Dass es sich um einen Mord handelte, war für Nina ebenfalls eine unumstößliche Tatsache. Niemand enthauptete sich selbst und legte sich auf einen Scheiterhaufen. Nein, für so etwas gehörten immer noch mehrere dazu. Das Zimmer von Fabrice, bei dem es sich eindeutig um die Höhle eines pubertierenden Musikfans handelte, lag zur Straße. Heike war es, die den kleinen blauen Wagen in der Einfahrt zuerst bemerkte. „Sag mal, Nina, ist das nicht deine Stieftochter?“, fragte sie verwundert. Nina trat ebenfalls ans Fenster und blickte in die von wilden Rosen eingefasste Einfahrt, in der hinter Küblers Dienstporsche ein dunkelblaues Mercedes Cabriolet hielt. Da das Verdeck geöffnet war, konnte man auch wunderbar die Fahrerin erkennen. Eindeutig Sarika. „Hmmm“, antwortete sie lediglich und beobachtete, wie der kleine Wagen wieder zurücksetzte, ziemlich hastig auf die Straße schlidderte und mit quietschenden Reifen davonschoss. „Die hat es aber sehr eilig“, fand Heike. Nina antwortete nicht, sondern wählte stattdessen Sarikas Nummer. Sie hatte Glück. Das Mädchen nahm das Gespräch bereits nach dreimal Läuten an. „Sie kommt zurück“, antwortete Nina nach dem Gespräch, ging dann an Frau Gladenberg vorbei in den Flur, rannte die Treppe hinunter und zur Haustür hinaus. Bereits wenige Sekunden später knirschten zum zweiten Mal für diesen Tag die Räder von Sarikas kleinem Benz in der Einfahrt. Nina trat an den Wagen und beugte sich über die Front- und Seitenscheibe. „Moin, Sari“, begrüßte sie ihre Stieftochter, zu der sie tatsächlich, und anders als es in den Grimmschen Märchen erzählt wurde, ein sehr gutes Verhältnis hatte. „Moin, Nina“, erwiderte diese und sah sie mit geröteten Augen über den Rand ihrer Sonnenbrille an. Scheinbar hatten sie beide heute Morgen das gleiche Problem. „Du wolltest zu Fabrice?“, mutmaßte Nina einfach mal. „Klar … Was soll ich hier sonst wollen?“, schnaufte Sarika verächtlich. „Immer noch Stress mit ihm?“, erkundigte Nina sich weiter und traf, wie es schien, genau ins Schwarze. „Der Arsch hat so ein blödes Video hochgeladen und auf der Witchwar-Seite bei Facebook und Insta geteilt“, zischte sie und hieb dann wütend auf das Lenkrad des Wägelchens. Nina dachte einen Moment nach, was sie sagen konnte und was nicht. Sarika war definitiv eine Zeugin, die sie früher oder später befragen mussten. Dummerweise war sie aber auch ihre Stieftochter. Nina ging um den Wagen herum, öffnete die Beifahrertür, hob Sarikas Handtasche vom Sitz, ließ sich nieder und zog die Türe zu. „Was gibt das jetzt? Soll ich dich wohin fahren?“, fragte Sarika irritiert. „Nein, wir müssen reden. Mach das Dach und die Fenster zu“, wies Nina sie an. „Was ist denn los?“, wollte Sarika wissen, schloss aber wie gewünscht das Dach und die Seitenscheiben. Nina wartete geduldig. Es musste nicht jeder mitbekommen, was sie dem Mädchen zu sagen hatte. „Du bleibst jetzt bitte ganz ruhig und hörst mir zu. Es kann sein, dass Fabrice etwas zugestoßen ist. Heute Morgen wurde oberhalb von Friesenhagen die Leiche eines Mannes gefunden. Es gibt Hinweise, die darauf schließen lassen, dass es sich dabei um Fabrice handeln könnte“, kam sie direkt zur Sache und beobachtete dabei genau Sarikas Reaktion. Sie fiel aus, wie Nina es erwartet hatte. Ihrer Stieftochter entglitten sämtliche Gesichtszüge. Ihre Hände verkrampften sich zitternd um das Lenkrad. „What the Fuck …“, stammelte sie. Nina griff ihren Arm. „Sarika, wir wissen noch nicht, was genau passiert ist und ob es sich tatsächlich um den Sänger eurer Band handelt. Es ist jetzt ganz wichtig, dass du mir alles erzählst, was du weißt und was gestern nach dem Konzert vorgefallen ist“, schilderte Nina ihr sehr eindringlich die derzeitige Lage. Sarika nickte. Oberkommissarin Heike Friedrich-Liebig stand am Fenster und sah hinunter in die Einfahrt. Bei dem Gespräch zwischen Nina und ihrer Stieftochter wäre sie jetzt gerne mal als lauschendes Mäuschen dabei. Worüber die beiden sprachen, war ihr ziemlich klar. Dass Sarika und der vermeintlich verstorbene Junge sich kannten, war mehr als offensichtlich. Die Wand gegenüber dem Fenster war komplett schwarz angemalt worden. Darauf in Weiß das Logo einer Heavy-Metal-Band namens Witchwar, was ja so viel bedeutet wie Hexenkrieg. Ein, wie Heike fand, selten dummer Name. Um das Logo herum verteilt waren Dutzende von Fotos. Einige zeigten auch Sarika Zielner, Ninas Stieftochter. Wobei Nina ihr aber auch schon auf der Fahrt hierher erzählt hatte, woher sie den verschwundenen Jungen kannte. Dass Nina das Mädchen gerade alleine befragte, war aus Ermittlersicht nicht gut. Andererseits konnte Heike es durchaus verstehen. Sie war selbst Mutter. Würde ihre Tochter Florentina da unten in dem Wagen sitzen, hätte Heike auch zuerst alleine mit ihr sprechen wollen und war sich sicher, dass Nina dies ebenfalls respektieren würde. Heike wandte sich ab und ging zu dem Schreibtisch rechts neben dem großen Bett, auf dem ein Laptop stand. Sie klappte das Gerät zu und zog die Stecker für das Netzteil und die Maus heraus. Auf dem Regal über dem Schreibtisch lag eine externe Festplatte. Die würden sie genau wie auch das Notebook mitnehmen. „Meinen Sie, das ist nötig? Fabrice wird das, wenn er nach Hause kommt, bestimmt nicht gutheißen, dass Sie seinen Computer mitgenommen haben“, sagte Frau Gladenberg, die mit besorgtem Blick in der Türe stand und Heike beobachtete. „Das muss leider sein, Frau Gladenberg. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass die Kollegen von der Technik sorgsam mit dem Gerät umgehen und Sie es wohlbehalten wiederbekommen“, erwiderte Heike. Dass Fabrice den Computer vermutlich nicht mehr brauchen würde, verschwieg sie weiterhin. Offiziell waren sie hier, weil die Mutter den Jungen als vermisst gemeldet hatte. So lange nicht feststand, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um Fabrice handelte, würden sie dies auch so belassen. Ein Umstand, der Heike schwerfiel. Doch was war besser? Sollten sie mutmaßen, dass der Sohn tot war, und der stand gleich dann doch plötzlich quicklebendig auf der Matte … oder sollten sie erst einmal die Klappe halten und abwarten, bis sie mehr wussten? Für sie nicht wirklich eine Frage. „Was ist eigentlich mit dem Vater von Fabrice?“, lenkte sie das Gespräch nun erst einmal in eine andere Richtung. „Wir leben getrennt. Schon lange“, antwortete die Frau mit den graublonden Haaren, die vermutlich nur ein paar Jährchen älter war als Heike selbst. Sie war eine, wenn man sich die Sorgen aus ihrem Gesicht einmal wegdachte, sehr hübsche Frau. „Das heißt, Sie und Fabrice leben alleine in diesem Haus?“, fragte Heike weiter. „Ja … nein. Meine Tochter Anne hat noch ein Zimmer hier im Haus. Sie studiert seit letztem Jahr in München und besucht uns nur noch selten. Nur für das Wochenende lohnt sich die weite Fahrt ja nicht“, antwortete Frau Gladenberg. „Hat Fabrice Kontakt zu seinem Vater? Könnte er bei ihm oder bei Anne sein?“, erkundigte Heike sich der Form halber und betrachtete weiter die Fotos, die mit Reißzwecken rund um das Bandlogo von Witchwar auf die schwarze Wand gepinnt worden waren. Auf den Bildern waren auffallend viele Mädchen zu sehen. Heike stutzte. Wenn man es genau nahm. waren da überhaupt keine Jungs drauf. „Wie ist es mit Freunden, Kumpels oder Klassenkameraden? Gibt es da jemanden, der wissen könnte, wo sich Ihr Sohn befindet?“, forschte Heike weiter. Frau Gladenberg überlegte einen Moment. „Eigentlich kämen da nur die Mädchen aus der Band infrage. Einen Freund, also so einen richtigen besten Kumpel, den gibt es soweit ich weiß nicht. Wie es sich mit seinen Klassenkameraden verhält, kann ich nicht sagen. Hier bei uns ist noch nie jemand von denen gewesen. Ich denke, mit denen hat er nicht so viel am Hut“, antwortete sie. „Wie kommt das? Ich meine, wenn ich die Fotos betrachte, sehe ich hier nur Mädchen“, interessierte es Heike nun doch brennend. Jungs hingen doch normal mit anderen Jungs ab, oder nicht? Zumindest kannte sie es nur so. „Fabrice hatte schon immer einen besseren Draht zu Mädchen. Das war schon im Kindergarten so … und, nein, er ist nicht schwul … falls Sie das jetzt denken.“ Zugegeben, der Gedanke war Heike schon kurz gekommen. Überhaupt machte Fabrice auf sie einen eher femininen Eindruck. Sie nahm ein Foto von der Wand, auf dem er mit den vier Mädchen seiner Band abgelichtet war. Fabrice war darauf, genau wie seine Bandkolleginnen, eindeutig und ziemlich stark geschminkt. Er erinnerte sie ein wenig an den Sänger von Tokio Hotel. Wie hatte der noch gleich geheißen? Egal. Alles in allem schien Fabrice Gladenberg keine graue Maus gewesen zu sein. Die Bezeichnung „Paradiesvogel“ würde ihn wohl am besten umschreiben. Heike ließ ihren Blick weiter über die Wände schweifen. Über dem Bett hing ein Kreuz mit dem angeschlagenen Heiland daran. Das Besondere an dem Kreuz war der Umstand, dass der Gekreuzigte samt dem Kreuz verkehrt herum aufgehängt worden war. Was es bedeutete, war ihr schon klar. Neben dem Bett ein Regal mit Schallplatten und CDs. So etwas sah man heutzutage nur noch selten. Selbst zu ihrer Jugendzeit hatte es nur noch wenige Platten aus Vinyl gegeben. Sie wusste aber, dass es für diese Art Tonträger auch heute noch viele Sammler gab. Fabrice besaß, grob geschätzt, einige Hundert davon. Draußen vor dem Haus wurde ein Wagen gestartet. Heike blickte kurz aus dem Fenster und sah Nina, die zurück zum Haus ging. Eigentlich hatte Heike gehofft, dass sie sich gleich noch einmal gemeinsam mit Sarika unterhalten könnten. Aber gut, das Mädchen lief ihnen nicht weg. Eines nach dem anderen. Jetzt waren sie erst einmal hier, um sich umzuschauen. Heike trat vor, zog eine Plattenhülle aus dem Regal heraus, las den Namen der Band und betrachtete das Bild. Es zeigte einen Dämon vor einem rot glühenden Himmel, der eine Kette schwang, an deren Ende sich ein ertrinkender Priester befand. „Fabrice lebt für seine Musik“, hörte Heike die Mutter sagen und blickte zur Tür, in der nun auch Nina erschien. „Ohh, Dio, Holy Diver“, sagte diese direkt und lächelte wissend. „Du kennst die Platte?“, wunderte Heike sich, da sie selbst noch nie davon gehört hatte und auch mit dieser Art von Musik überhaupt nichts anfangen konnte. Zu ihrer Teenagerzeit war es in gewesen, Take That oder Backstreet Boys zu hören. „Ja, hatte ich mal auf CD“, antwortete Nina, trat zu Heike an das Plattenregal und zog eine weitere Hülle heraus. Das Cover war ähnlich abscheulich. Allerdings hatte selbst Heike von der Band Iron Maiden schon einmal etwas gehört. „The Number oft the Beast“, las Nina laut vor und nickte zustimmend. „Lass mich raten … Die hattest du auch mal als CD?“, schlussfolgerte Heike. „Nein, aber mein Göttergatte besitzt die Scheibe ebenfalls“, bestätigte Nina nur indirekt, was Heike befürchtet hatte. „Sag mal, hat Klaus nicht auch Theologie studiert?“, fiel Heike ein. „Ja, auf Lehramt. Warum?“, wunderte Nina sich erst, bevor sich ihr Blick aufhellte. „Ach so, du meinst, wegen der Schallplatten …“, Nina winkte ab. „Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun.“ „Meinen Sie nicht, dass Sie lieber nach meinem Sohn suchen sollten, als hier über Musik zu diskutieren?“ Die Stimme von Frau Gladenberg klang schneidend und vorwurfsvoll. Nina wirbelte herum, zog ihr Mobiltelefon aus der Tasche und hielt es der Frau hin. Heike befürchtete schon, dass Nina Frau Gladenberg das Foto des verkohlten Leichnams zeigen könnte. Doch nichts dergleichen. Das Ganze war mehr eine Geste. „Frau Gladenberg, Sie haben das Video, das Ihr Sohn heute Morgen hochgeladen hat, selbst gesehen und befürchten, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte. Glauben Sie da nicht, dass es für die Polizei besser ist, zu verstehen, wie Ihr Junge tickt, bevor wir die Stecknadel im Heuhaufen suchen? Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um Ihren Sohn zu finden. Gerade sind über einhundert Beamte der Bereitschaftspolizei sowie die Feuerwehr dabei, nach ihm zu suchen. Dieses Video … das hat doch offensichtlich etwas mit der Band zu tun, oder?“, fragte Nina, schien aber darauf gar keine Antwort zu erwarten, da sie nun damit begann, mit ihrem Telefon die Fotos an den Wänden abzufotografieren. Frau Gladenberg schluckte, nickte kurz und wandte sich dann ab, um zu gehen. „Ach, Frau Gladenberg“, fiel Heike noch etwas Wichtiges ein. „Ja?“ „Wir bräuchten noch für einen etwaigen DNA-Abgleich die Zahnbürste Ihres Sohnes.“ Frau Gladenberg sah Heike irritiert an. „Warum, weshalb? Das verstehe ich jetzt nicht. So etwas brauchen Sie doch nur, wenn …“ Sie schluckte. Heike sah zu Nina. Vermutlich einen Moment zu lange, sodass Frau Gladenberg sichtlich ein Verdacht kam. „Was haben Sie gefunden? Was verheimlichen Sie mir?“ Ihre Stimme schien fast zu ersticken. „Beruhigen Sie sich bitte, Frau Gladenberg. Noch ist nichts sicher“, ergriff Nina das Wort. „Was haben Sie gefunden? Ist er …?“ „Wir wissen es nicht, Frau Gladenberg. Wir haben heute Morgen zwar einen Leichnam in der Gegend gefunden, in der sich Ihr Sohn gestern aufgehalten hat, glauben aber derzeit nicht, dass es sich um ihn handelt“, log Nina. Heike bemerkte, wie die Mutter des Jungen zu zittern begann und nach der Türklinke griff. „Ihr Sohn hat das Video gegen sieben Uhr heute Morgen gepostet. Der Tote wurde aber bereits über eine Stunde vorher gefunden. Rein rechnerisch passt das nicht“, erklärte Nina weiter, obwohl dies nicht der Wahrheit entsprach. Tatsächlich war das Video um fünf Uhr zweiundfünfzig hochgeladen worden. Vermutlich von Fabrices Mobiltelefon. Doktor Wagner hatte vorhin den Todeszeitpunkt auf fünf Uhr morgens plus/minus eine Stunde geschätzt. Das Feuer war um exakt sechs Uhr zweiundvierzig gemeldet worden. Frau Gladenberg schien den letzten Satz von Ninas Notlüge jedoch schon nicht mehr wahrzunehmen. Ein erstickter Schrei, dann rutschte sie am Türstock hinunter zu Boden. Nina war sofort bei ihr, während Heike die Nummer des Notarztes wählte. Jetzt war genau das eingetreten, was sie unbedingt hatten vermeiden wollen. Sarika stoppte das Cabriolet direkt an der Zufahrt zum Tüschebachsweiher, sprang hektisch aus dem Wagen und übergab sich über die Leitplanke. Die Bilder, die Gedanken an das, was Nina ihr eben im Vertrauen gesagt hatte, fraßen sich gerade in ihre Eingeweide. Fabrice war vermutlich tot. Verbrannt auf einem Scheiterhaufen an dieser Kapelle oberhalb von Friesenhagen. Die Polizei ging derzeit von einem Gewaltverbrechen aus. Die Möglichkeit, dass er sich selbst angezündet haben könnte, schloss Nina aus. Warum dies so war, wusste Sarika nicht, aber Nina würde vermutlich ihre Gründe haben. Klar, die durfte auch Sarika nicht alles erzählen, was die Polizei ermittelte. Irgendwie war sie ja vermutlich in das Ganze auch involviert. Immerhin hatte Fabrice in seinem Video bei Facebook ihren und die Namen der anderen Bandmitglieder genannt. Verdammt … wer tat so etwas Abscheuliches? Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf. Vielleicht schlief sie ja noch und alles war nur ein blöder Traum. Wobei … nein, so schlecht und mies konnte es ihr noch nicht mal in einem Traum gehen. Nach dem Auftritt waren sie gestern alle zu Selina gefahren. Die Freundin und Bassistin der Band lebte dort in einer zu einer Wohnung umgebauten ehemaligen Stallung auf dem Hof ihrer Eltern. Insgesamt waren sie so um die zwanzig Leute gewesen. Die meisten davon hatte Sarika gekannt. Schulkameraden aus ihrer Abistufe. Einige mit Anhang, andere ohne. Es war, wie sie es erwartet hatte, zum Streit in der Band gekommen. Fabrice ging ihr schon länger auf den Keks. Dass sein Gesang für die Art von Musik, die sie machen wollten, nicht optimal war, war da noch das kleinste Problem. Nein, was Sarika am meisten an dem Typ nervte, war sein ganzes Getue. Fabrice nahm die Themen, die er in die Songtexte hineinschrieb, viel zu ernst. Der glaubte diesen ganzen Satansmüll in seinen Texten tatsächlich. Sie selbst war nicht gläubig. Weder glaubte sie an Gott noch an Satan oder sonst welche Götter. Religion war nicht ihr Ding. Dies war auch der Grund, warum es sie am Anfang nicht gestört hatte, welche Themen die Songs beinhalteten, zu denen sie die Musik geschrieben hatte. Sämtliche Gitarrenriffs und Melodien stammten aus Sarikas Feder. Okay, auch sie hatte sich von den Großen der Musikbranche inspirieren lassen, weshalb einige Passagen der Stücke schon einmal ähnlich klangen wie die Werke bekannter Metal Bands. Es war aber auch unmöglich, das Rad noch einmal neu zu erfinden. Alles war schon irgendwann zumindest ähnlich einmal dagewesen. Fabrice war eine seltsame Type. Ein Paradiesvogel. Vermutlich war dies auch der Grund, warum es niemand lange mit ihm aushielt. Er hatte die seltene Gabe besessen, Leute einzulullen. Als sie ihn im letzten Jahr in der Oberstufe des beruflichen Gymnasiums kennenlernte, war er ihr sofort aufgefallen und auch zuerst sympathisch gewesen. Mit diesen 0815-Typen, die ihr Fähnchen nach dem Wind drehten, hatte sie noch nie etwas anfangen können. Menschen, die aus der Reihe fielen, zogen sie immer schon irgendwie an. Er hatte Sarika gleich am ersten Schultag angegraben. Ihr Avancen gemacht. Allerdings nicht nur ihr. Fabrice baggerte alles an, was nicht schnell genug auf den Bäumen war. Wie Sarika mittlerweile wusste, war es ihm in den meisten Fällen dabei auch ziemlich egal, ob es sich bei den Objekten seiner Begierden um Männlein, Weiblein oder beides gleichzeitig handelte. Seine Performance gestern bei dem Auftritt hatte bei ihr das Fass zum Überlaufen gebracht. Er war einfach nur grottenschlecht gewesen und hatte es noch nicht einmal selbst eingesehen. Der Typ war von sich und dem, was er tat, dermaßen überzeugt, dass es ihr fast hochgekommen wäre. Er war sich vorgekommen wie der King und hatte ihr und den Mädels eine ganz spezielle Aftershowparty vorgeschlagen, die sie bestimmt niemals vergessen würden. Nachdem er ihr erklärt hatte, wie er dies meinte, hatte er sich dann eine gefangen. Zusammen abhängen, feiern und trinken war das eine. Sex im Rudel das andere und überhaupt nicht ihr Ding. Sarika ließ sich auf die Leitplanke sinken und betrachtete die beinahe spiegelglatte Oberfläche des Weihers. Die einzigen Bewegungen gingen von einer einsamen bunt gefiederten Ente aus, die immer wieder mit dem Kopf untertauchte. Was die wohl suchte? Sarika seufzte und rieb sich die Schläfen. Nina wollte von ihr bis heute Abend die Namen aller Partygäste haben. Puh, wo sollte sie die denn alle hernehmen? Die meisten hatte sie ja noch nicht einmal mit Namen gekannt. Vielleicht wusste Leon noch, wer alles auf der Party gewesen war. Immerhin war der im Gegensatz zu ihr vollkommen nüchtern gewesen. Ein seltsamer Freak. So still und in sich gekehrt. Wirklich eine Schönheit war er auch nicht. So ein typisches Opfer, wie es sie in jeder Klassenstufe gab. Obwohl es schon nett gewesen war, dass er sie nach Hause gebracht hatte. Ob der sich zum Abschied von ihr mehr als einen Händedruck erwartet hatte? Wenn, dann hatte er es sich nicht anmerken lassen. Wann, um wie viel Uhr, er sie abgesetzt hatte, wusste sie auch nicht mehr. Sie glaubte bemerkt zu haben, dass es am Horizont schon wieder ein wenig hell geworden war. Sicher war sie sich nicht, da sie einfach zu viel getrunken hatte. An was sie sich noch sehr gut erinnern konnte, war der Moment, als sie Fabrice, nach einer weiteren verbalen Auseinandersetzung, mit der Faust ins Gesicht geschlagen hatte. Zu dem Zeitpunkt war sie noch ziemlich nüchtern gewesen. Erst danach hatte sie sich dann am Wodka vergriffen. Nina hatte vorhin wissen wollen, wann und mit wem Fabrice die Party verlassen hatte. Sarika hatte keine Ahnung. Auf alle Fälle war er nicht sofort abgehauen. Er war ihr noch ein paarmal an dem Abend aufgefallen. Seine Nase in Verbindung mit der aufgeplatzten Lippe und der Platzwunde hatte schlimm ausgesehen. Sein T-Shirt war voller Blut gewesen. Sarika war noch nie so von Sinnen gewesen. Der hatte es echt geschafft, sie auf die allerhöchste Palme zu bringen. Sie erhob sich, ging ans Auto, holte die Schachtel mit den Zigaretten aus dem Handschuhfach und eine kleine Flasche Wasser, die seit Tagen im Fußraum umherkullerte. Sie trank einen Schluck und verzog angewidert das Gesicht. Die Plörre war viel zu warm. Dann steckte sie sich eine Zigarette an. Nicht, weil sie jetzt rauchen musste. Nein, sie brauchte das nicht. Sie würde sich eigentlich sogar als Nichtraucherin bezeichnen. So eine Schachtel hielt bei ihr mehrere Wochen oder gar Monate. Doch der Rauch half ihr im Moment ein wenig, den üblen Geschmack nach Erbrochenem loszuwerden. Fest stand, dass sie der Polizei alles sagen würde, was sie wusste, um zu helfen, den Fall zu lösen. Dafür musste sie sich allerdings wieder an alles ganz genau erinnern. Sie hatte ja keinen Filmriss. Auf keinen Fall. Der Film war halt nur ein wenig verschwommen. Sie öffnete auf ihrem Handy die App für Notizen und begann, die Namen von denjenigen Personen einzugeben, die ihr vom gestrigen Abend noch einfielen. Es funktionierte. Je mehr Namen sie notierte, umso mehr andere kamen ihr in den Sinn. Kapitel 3 Sonntag, 8. August 2021, 11:24 Uhr Betzdorf-Bruche Oberkommissar Hans Peter Thiel stand am Fenster und beobachtete, wie Klaus Schmitz die Schiebetür des alten VW Bullis öffnete und die Zwillinge einsteigen ließ. Seine Rolle als Opa gefiel Thiel. Wäre es nach ihm gegangen, hätten Chiara und Matteo gerne noch ein wenig bleiben können. Vier Jahre waren die beiden jetzt alt. An Kindern merkte man, wie die Zeit verging. Nina und Thomas Kübler seien zu einem Leichenfund nach Friesenhagen gefahren, hatte Klaus ihm vorhin berichtet. Näheres wusste er allerdings auch nicht. Obwohl es nächsten Monat zehn Jahre her war, seit sie ihn in den Ruhestand entlassen hatten, konnte Hans Peter immer noch nicht loslassen. Er hatte seinen Job so manches Mal verflucht, gehasst, aber auch geliebt. Es hatte Momente gegeben, an die er sich nicht gerne erinnerte und die ihn aber auch nach so langer Zeit noch in seinen Träumen verfolgten. Dennoch fehlte ihm das Leben als Polizist. Okay, er jammerte auf verdammt hohem Niveau. Es ging ihm, obwohl er nun siebzig war, gesundheitlich blendend. Er war fit, hatte eine liebevolle Frau gefunden. Finanziell standen sie beide sehr gut da und waren, zumindest gefühlt, drei Viertel des Jahres unterwegs. Fast ganz Europa hatten sie in den letzten Jahren bereist und dabei wunderschöne Orte und viele nette Menschen kennengelernt. Draußen in der Einfahrt startete Klaus den Motor des Bullis und winkte ihm noch einmal zu. Auch die Zwillinge winkten. Hans Peter musste lächeln, als er sah, wie Matteo sein Gesicht an die Scheibe drückte und ihm eine Grimasse schnitt. Er mochte den ungestümen Wildfang, der, wenn er mit ihm zusammen war, lieb und brav wie ein Lämmchen sein konnte. Natürlich mochte er die ruhige und besonnene Chiara ebenso. Wobei die sich eher mit seiner besseren Hälfte Inge verstand. Er sah dem Bulli hinterher, bis er aus seinem Blickfeld verschwunden war. Erst dann ging er in den Flur, schlüpfte in seine Schuhe und nahm den Schlüssel seines BMWs aus der Schale auf dem Garderobenschränkchen. „Willst du noch mal los?“, hörte er Inge fragen, die mit zwei leeren bunt bedruckten Kindertassen aus dem Wohnzimmer kam. „Ja, ich dachte, ich schau noch mal, ob das Reisemobil auch startklar ist“, log er, da er mitnichten vorhatte, nach Grünebach in die Halle zu fahren, in der das große Wohnmobil parkte. Inge legte den Kopf schief und musterte ihn. Und er wusste in diesem Moment, dass sie ihm wie so oft wieder kein Wort glaubte. War er so leicht zu durchschauen? Bevor er etwas sagen konnte, seufzte und nickte sie. „Sag besser nichts, Hans Peter, und grüß Nina und Thomas von mir“, meinte sie nur und schickte sich an, in die Küche zu gehen. Jetzt musste er doch grinsen. Er trat auf sie zu, fasste sie bei den Schultern und gab ihr einen Kuss. „Wie konnte ich nur glauben, dir etwas vormachen zu können, mein Sonnenschein?“, flötete er und ging dann. Thomas Kübler lehnt im Schatten des großen Baumes vor der roten Kapelle und besah sich auf seinem Tablet zum x-ten Mal das Video, das Fabrice Gladenberg am Morgen auf Facebook hochgeladen hatte. Zwar war das Filmchen für die Öffentlichkeit in der Timeline der Band nicht mehr sichtbar, konnte jedoch noch immer im Profil von Fabrice angesehen werden. Sobald Heike ihm das Notebook des Jungen brachte, das sie bei der Mutter im Haus sichergestellt hatten, würde Thomas sich darum kümmern, den Account zu knacken, um das Video offline zu stellen. Er war sich mittlerweile sicher, dass die Aufnahmen im Inneren der kleinen Kapelle gedreht worden waren. Zu erkennen war dies ganz klar am Hintergrund, der schemenhaft im Licht der Kerzen zu sehen war. Außerdem hatten die Kollegen von der Kriminaltechnik frische Blutspuren in und um das kleine Gotteshaus gefunden. Er blickte zu dem Scheiterhaufen, von dem zwei Mitarbeiter des Bestattungsinstituts gerade die verkohlten Überreste des jungen Mannes bargen. Laut Wagner war der Tote schätzungsweise ein Meter neunzig groß gewesen. Im Personalausweis von Fabrice war dessen Körpergröße mit eins zweiundneunzig angegeben. Sie hatten seinen Rucksack samt seiner blutigen Hose und einer Jacke gefunden. Thomas brauchte keine weiteren Beweise. Der DNA-Abgleich würde nur das bestätigen, was sie eh schon wussten. Er stoppte das Video und betrachtete die Stirn des Jungen. Zwischen den verklebten Haaren waren ganz deutlich drei Ziffern zu erkennen. Was die Zahl wohl hier bedeutete? Er hatte so eine Ahnung, war sich aber nicht wirklich sicher. Er zog sein Mobiltelefon aus der Hosentasche, gab die 666 in die Suchmaschine ein und wurde sofort bei Wikipedia fündig. „Die Sechshundertsechsundsechzig ist eine biblische Zahl, die in der heute geläufigen Bedeutung erstmals in der Offenbarung des Johannes vorkommt. Im Rahmen des Okkultismus und der Zahlenmystik wird ihr eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Sie wird auch als Zahl des Tieres oder Zahl des Antichristen bezeichnet“, las er flüsternd die Textstelle und ließ dann das Handy sinken. So ein Mist. Warum nur mussten sie sich ständig mit solchen Psychos rumschlagen? Ermittlungen in solchen Fällen waren meist ziemlich kompliziert, da der Täter, anders als sonst, nicht zwangsläufig aus dem Umfeld des Opfers stammte. Bei einem Mord aus Eifersucht war es zumeist einfacher, da sich in solch einem Fall Opfer und Täter unbedingt kennen mussten. Psychisch kranke Täter, noch dazu mit einem Hang zum Okkulten, brauchten keinen direkten Bezug zum Opfer. Tötung aus Mordlust, nannte die Kriminalistik diese eigentlich eher seltenen Fälle. Von dem Weg, der von der Landstraße zur Kapelle führte, vernahm er das Geräusch eines näher kommenden Fahrzeuges. Er sah auf und erkannte den mittlerweile auch schon in die Jahre gekommenen 5er-BMW von Thiel. Thomas kannte Hans Peter Thiel, seit er vor fünfzehn Jahren als junger Polizist frisch von der Polizeischule kam. Damals war der Wagen noch funkelnagelneu gewesen. Rein optisch stand der Karren auch noch immer wie ein Jahreswagen da. Anders als das Auto war sein Fahrer allerdings über die Zeit um einiges gealtert. Neulich hatte Thomas sich mit seiner besseren Hälfte Alexandra alte Fotos angesehen. Auf einigen war auch Thiel gewesen. Erst da war es ihm wirklich aufgefallen, wie der alte Bulle sich verändert hatte. Die Frage, die sich Thomas jedoch gerade stellte, war, was Thiel hier und jetzt wollte? Der Senior stieg aus und kam näher. An der Absperrung sprach er kurz mit einem der uniformierten Kollegen, der lachend das Absperrband anhob und Thiel darunter hindurchschlüpfen ließ, als gehöre der immer noch zur Truppe. Thomas löste sich aus dem Schatten der mächtigen Linde und ging ihm entgegen. „Moin, Jungchen“, grüßte Thiel gut gelaunt. „Herr Thiel, ich muss Sie bitten zu gehen, dies ist nämlich ein Tatort“, blieb Thomas jetzt einfach mal förmlich. „Sag mal, hast du was genommen?“, fragte Thiel und tippte sich gegen die Schläfe. „Mensch, Hans Peter, wie oft soll ich dir noch sagen, dass das so nicht läuft? Du kannst als Zivilist nicht einfach hier rumschnüffeln, wie es dir gerade passt“, stellte Thomas klar, doch seine Worte schienen an dem Alten einfach so abzuprallen. Thiel latschte an ihm vorbei bis zu dem halb verkohlten Holzstoß, von dem noch immer der Geruch von Verbranntem ausging. Er grüßte die beiden Bestatter und warf noch einen Blick auf den Leichnam, bevor sie den Reißverschluss des Leichensacks zuzogen. „Wisst ihr, wer das Opfer ist?“, wollte der alte Bulle wissen. „Wir haben einen Verdacht“, gestand Thomas. „Und?“ „Wie, und?“, keifte Thomas zurück. Er wusste genau, was Thiel wollte. Der Kerl war neugieriger als ein Klatschreporter. Konnte der nicht einfach zu Hause auf seiner Terrasse sitzen, Zeitung lesen und seiner Inge auf die Nerven gehen? Thiel war nicht in diese Ermittlungen eingebunden. Und nur weil er gelegentlich als Berater für die Staatsanwaltschaft mitmischen durfte, hieß das noch lange nicht, dass Thomas ihm ständig Auskunft geben musste oder durfte. Es gab gewisse Spielregeln in seinem Job, an die er sich halten musste und die auch für Thiel galten. Etwas anderes wäre es, wenn Nina, als leitende Ermittlerin, Staatsanwalt Lambrecht oder irgendein anderer Vorgesetzter Thomas die Weisung gäbe. „Mensch, Kübler, jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen“, beschwerte sich Thiel derweil. „Hans Peter, du weißt genau, dass ich in Teufels Küche komme, wenn ich dir was erzähle. Und überhaupt … warum willst du das eigentlich wissen? Ich dachte, du und Inge wollt in Urlaub“, versuchte er den alten Bullen zu vertrösten, ohne ihm dabei allzu sehr auf den Schlips zu treten. „Okay, Kübler, ihr braucht meine Hilfe hier also nicht“, schien Thiel es endlich zu kapieren. „Genau, Hans Peter, wir haben alles im Griff“, bestätigte er. Thiel nickte und grinste irgendwie verschlagen. „Na, dann ist es ja gut. Weiß ich Bescheid. Dann fahr ich jetzt nach Hause und kümmere mich in Zukunft ausschließlich nur noch um meine Angelegenheiten“, erklärte der Alte, machte kehrt und ging sichtlich eingeschnappt zu seinem Wagen. Thomas hättte schreien können. Dies war der Nachteil, wenn man mit Leuten, mit denen man arbeitete, auch privat zu tun hatte. Vor einigen Jahren, zu der Zeit, als Thomas seine Frau Alexandra noch nicht gekannt hatte, war diese ziemlich am Boden gewesen. Ein Straßenmädchen, gerade einmal sechzehn, alleine und schwanger. Inge Moretti, Thiels bessere Hälfte, hatte Alexandra damals bei sich zu Hause aufgenommen. Sie behandelt, als wäre sie ihre eigene Tochter. Eine tiefe Verbundenheit, die auf Gegenseitigkeit beruhte und die bis heute anhielt. Linus, das ungeborene Kind von damals, war mittlerweile zehn und nannte die beiden älteren Herrschaften, genau wie seine kleine Schwester Leah, ganz selbstverständlich Oma und Opa. Ja, Inge und Thiel kümmerten sich um Küblers Kinder, als seien diese tatsächlich ihre Enkel. Und dies nicht nur an Weihnachten und Geburtstagen. Thiel fuhr zum Beispiel jeden Donnerstagnachmittag mit Leah zum Reitunterricht, wartete dort und brachte sie anschließend wieder nach Hause. Er zahlte der Kleinen sogar die Reitstunden. Letztens waren Thiel und Linus zum Frankfurter Flughafen gefahren. Einfach mal so, um dem Jungen die Flugzeuge zu zeigen. Wenn Thomas und Alexandra mal abends oder über das Wochenende einen Babysitter brauchten, standen Thiel und Inge immer Gewehr bei Fuß. Dennoch war Thiel auch ein sturer alter Mistkerl. Wenn Thomas ihn jetzt gehen ließ, würde er es früher oder später bereuen. Spätestens dann, wenn seine Alexandra es mitbekam. Familie ging seiner Alex über alles. Und außer ihm und den Kindern hatte sie halt nur noch Thiel und Inge. „Mensch, Hans Peter … jetzt warte mal“, gab er also wie jedes Mal wieder klein bei und ärgerte sich dabei über sich selbst. Warum bekam Thiel eigentlich immer seinen Willen? „Was denkst du?“, wollte Nina von Heike wissen, die, seit sie das Haus von Frau Gladenberg verlassen hatten, stumm auf dem Beifahrersitz hockte und aus dem Fenster starrte. Es war mehr als eindeutig, dass dieser Fall der Kollegin ziemlich heftig zusetzte. Natürlich ging der Tod des jungen Mannes auch an Nina nicht einfach so vorbei. Kein normaler Mensch konnte seine Gefühle in solch einem Fall einfach vollkommen ausblenden. Heike drehte den Kopf und hob die Schultern. „Du … das kann ich dir alles gar nicht in Worte fassen, was mir gerade durch den Kopf geht“, erwiderte sie und schüttelte ihr Haupt, als wolle sie damit auch die Gedanken abschütteln. Die Kollegin wirkte blasser als noch am Morgen. „Heike, ich weiß, das klingt jetzt abgedroschen … aber lass das bitte nicht so nah an dich ran“, sagte Nina und lenkte den Porsche dann spontan auf eine geschotterte Haltebucht rechts der Straße. Heike blickte nach vorne durch die Scheibe und nickte. „Ja, ich weiß. Es ist nur … da denkst du, sie sind erwachsen und aus dem Gröbsten raus …“, Heike stockte und schluckte. „Nein, ich denke, das sind sie für eine Mutter nie“, gestand Nina. Sie war davon überzeugt, dass die Gedanken der Kollegin und die ihren gar nicht so weit voneinander lagen. Frau Gladenberg tat auch ihr so unendlich leid. Und die Tatsache, dass sie die Mutter des Jungen auch noch quasi hatten anlügen müssen, machte es nicht besser. Ninas Bauchgefühl sagte ihr, dass es sich bei dem verkohlten Leichnam eindeutig um die Überreste von Fabrice handelte. Die Körpergröße, das Video, der Rucksack. Alles sprach dafür. Der Junge würde nicht wieder nach Hause kommen. Das Einzige, was sie als Polizisten für die Mutter tun konnten, war, ihr schnellstens Gewissheit zu geben und die Umstände lückenlos aufzuklären. „Meine Florentina wird im November schon zwölf“, überlegte Heike. Nina hatte bereits befürchtet, dass Heike Parallelen zu ihren eigenen Kindern knüpfte. Die Ängste der Kollegin, nach einem Vorfall vor einigen Jahren, bei dem sie selbst und ihre Tochter Florentina beinahe ums Leben gekommen wären, waren so heftig, dass Heike sogar lange Zeit in ärztlicher Behandlung gewesen war. Eine Zeit lang hatte Nina sogar geglaubt, dass Heike nie wieder zurück in den Polizeidienst kommen könnte. „Was sagt dir die Zahl 666“, versuchte Nina daher jetzt einfach mal das Thema zu wechseln. Heike blies die Luft aus und nickte. „Ähm, soweit ich weiß, hat es irgendetwas mit der Bibel zu tun“, wusste die Freundin. „Und was sagt dir die Band Iron Maiden?“, wollte Nina als Nächstes wissen. „Schon mal davon gehört. Ich weiß, dass das eine Rockband ist, könnte dir aber nicht den Titel eines einzigen Liedes von denen sagen. Warum fragst du? Ist es wegen der Schallplatte eben? Das war doch diese Band, oder?“, wollte Heike wissen. „Ich zeig dir mal was“, erklärte Nina, gab den Namen „Iron Maiden“ und die „666“ bei Google ein. Es dauerte nur einen Wimpernschlag, bis das Gerät ihr das, was sie gesucht hatte, anzeigte. Sie tippte auf einen Link zur Videoplattform YouTube und reichte Heike dann das Smartphone. Auf dem kleinen Monitor erschien eine düstere Friedhofszene. Dazu eine Stimme in englischer Sprache. Heike sah und hörte aufmerksam zu und nickte dann. „Die Zahl der Bestie … 666. Du glaubst, der Mord könne in Zusammenhang mit der Musik stehen, die das mutmaßliche Opfer gehört hat?“, verstand Heike, was Nina meinte. „Keine Ahnung. Das war halt eben mein erster Gedanke, als ich in dem Filmchen von Fabrice die 666 auf seiner Stirn gesehen habe“, erwiderte Nina und steckte ihr Smartphone wieder ein. „Ich weiß nicht …“, erwiderte Heike und schüttelte den Kopf. „Die Texte, die Fabrice für seine Band geschrieben hat, handelten fast ausschließlich von Tod, Teufel, Hexen und Dämonen“, erklärte Nina. „Du meinst, er war ein Satanist, oder so etwas?“, fragte Heike. „Keine Ahnung, ob er tatsächlich an den ganzen Stuss glaubte, den er zu Papier gebracht und ins Mikro gebrüllt hat. Kann natürlich auch alles nur Show gewesen sein. Die wenigsten dieser Metalheinis glauben an den Kram, den sie in ihren Texten besingen. Von Sarika weiß ich ziemlich sicher, dass sie überhaupt nicht gläubig ist. Die spielt in dieser Band mit, weil sie einfach gerne Musik macht. Mit Gott, Himmel und der Hölle hat die nichts am Hut“, erklärte Nina. Heike überlegte einen Moment und schüttelte dann den Kopf. „Ich denke, wir sollten erst einmal mehr Fakten sammeln, bevor wir in irgendeine Richtung rennen. Vielleicht ist das Ganze auch nur eine billige Inszenierung, um uns auf eine falsche Fährte zu locken“, gab sie zu bedenken. Ein Gedanke, der Nina auch schon gekommen war. „Du hast recht“, gab Nina entschlossen zu, legte den Gang ein und gab Gas. Vielleicht gab es ja am Tatort bereits neue Erkenntnisse. Es nervte Alexandra Kübler jedes Mal gewaltig, wenn Thomas am Wochenende zur Arbeit musste. Wie gerne wäre sie heute Morgen noch mit ihm zusammen im Bett geblieben und hätte, während die Kinder vor der Glotze abhingen, noch das getan, was man als verliebtes Paar an einem solchen Sonntagmorgen halt tat. Aber was nicht war, das war nun mal nicht. Sie war daher gemeinsam mit ihm aufgestanden und hatte, während er zur Arbeit fuhr, Kaffee gekocht, die Hunde versorgt und den acht Hühnern in dem Gehege hinter dem Haus die Eier geklaut. Anschließend hatte sie noch ein paar Tomaten aus dem Gewächshaus besorgt und sich um ihre anderen Pflanzen gekümmert. Die, von denen ihr Polizistenmann offiziell nichts wissen durfte. Dass sie, Alexandra Kübler, mal zur Gärtnerin und Hühnerhalterin werden würde, hätte ihr vor einigen Jahren auch niemand erzählen dürfen, ohne dass sie in schallendes Gelächter ausgebrochen wäre. Die Metamorphose vom Großstadtpunk zur Ökotussi machte ihr gelegentlich selber schon einmal Angst. Doch Alex liebte ihr Leben, so wie es war. Nur weil sie nun glücklich verheiratet mit einem Beamten war und mit zwei Kindern und zwei Hunden in einem schicken Eigenheim wohnte, hieß das ja noch lange nicht, dass der Punk tief in ihrem Herzen nicht mehr existierte. Punk hatte nichts mit grünen Haaren und all dem Äußerlichen zu tun. Punk war man im Herzen und im Kopf. Nachdem Thomas ihr vorhin über die Nachrichtenapp mitgeteilt hatte, dass er nicht zum Frühstück käme und es heute vermutlich, obwohl es Sonntag war, länger dauern könnte, hatte sie mit Leah und Linus alleine gefrühstückt. Die Idee, im Anschluss gemeinsam Kekse zu backen, hatte Leah gehabt. Und so kam es, dass sie nun mit den beiden in der Küche stand und den Teig zubereitete. Schokokekse für die Kinder und Thomas und Schoko- Hanf-Kekse, nach einem selbst ausgedachten Rezept, für sie selbst. Wenn der Herr Polizist im Hause schon mal nicht da war, konnte sie die Zeit auch direkt sinnvoll nutzen und Dinge tun, die er nicht mitbekommen wollte. Zwar wusste Thomas, dass sie gelegentlich wegen ihrer ADHS Cannabis konsumierte, den sie selbst im Gewächshaus zwischen den Paprika und Tomaten zog, doch es war auch ein Thema, über das sie nicht sprachen. Im Übrigen das einzige. Ansonsten würde sie ihre Ehe als sehr harmonisch bezeichnen. Im Gegensatz zu vielen anderen Paaren sprachen sie miteinander und erzählten sich alles. Außer über die Hanfpflanzen im Gewächshaus. Die waren zwar da, doch Thomas übersah die Dinger einfach und erwähnte sie mit keinem Wort. Alexandra würde sich nicht als drogensüchtig bezeichnen. Nein, davon war sie weit entfernt. Dennoch brauchte sie gelegentlich einen Joint, um sich zu erden, wenn die Pferde einmal wieder mit ihr durchgingen. Schon als Kind hatte ihr Papa sie immer „mein Zappelinchen“ genannt. Der Kinderpsycho, zu dem ihre Eltern sie damals schleppten, hatte es nicht so nett ausgedrückt, sondern ihr ohne zu zögern die volle Dosis Ritalin verschrieben. Kinder mit Energieüberschuss, zu vielen Flausen im Kopf und abseits der Norm passten eben einfach nicht ins Bild der gutbürgerlichen spießigen Gesellschaft. Medikamente nahm sie schon lange nicht mehr. Die einzige Medizin, die sie sich gelegentlich gönnte, war eben die, die sie selbst anbaute. „Hey, das sieht ja echt super aus mit den bunten Streuseln“, lobte sie ihre Tochter, die gerade reichlich von den bunten Zuckerstreuseln auf die in Herzform ausgestochenen Teigrohlinge streute. „Ich kann bei deinen Medizinkeksen auch welche draufmachen“, schlug Leah vor. „Nein, mein Schatz, die Streusel machen wir doch deshalb drauf, dass wir die Kekse nicht aus Versehen mal vertauschen. Wir machen die Kinderkekse in Herzform mit bunten Streuseln und die Erwachsenenkekse mit der Medizin drin als Monde ohne Streusel, damit wir sie nicht verwechseln können“, erklärte sie ihrer Tochter noch einmal den Sinn hinter dem Ganzen. „Ich würde das niemals nehmen. Onkel Klaus sagt, von Drogen wird man doof im Kopf“, fand Linus und verzog angewidert das Gesicht. Der Junge kam eindeutig ein bisschen zu sehr nach Thomas, obwohl der in Wahrheit gar nicht dessen leiblicher Vater war. Aber auch dies war gut so, wie es war. Nicht auszudenken, wenn der Junge nach seinem biologischen Erzeuger käme. Der Typ war ein Fehlgriff auf der ganzen Linie gewesen. Alexandra zählte die von Linus ausgestochenen und von Leah verzierten Kekse auf dem Backblech. Neunundzwanzig. Das war nicht gut. „Da fehlt noch einer“, stellte sie fest. „Häh?“, antwortete Linus und klang dabei ebenfalls wieder wie Thomas. „Weil es doch immer eine gerade Zahl sein muss“, erklärte sie ihm. „Wieso das?“, verstand ihr Sohn nicht. Bevor sie antworten konnte, tat Leah es bereits. „Weil durch ungerade Dinge das Universum aus dem Gleichgewicht gerät.“ Linus sah zwischen Leah und Alexandra hin und her. „Ihr spinnt, oder?“ Alexandra schüttelte den Kopf, während Leah einen der ungebackenen Kekse vom Blech nahm und ihn roh aß. Ja, es konnte ein Spleen von Alexandra sein. Aber sie mochte es eben nicht, wenn Dinge unsymmetrisch oder ungerade waren. Vor allem, wenn sie malte, war dies ein wichtiger Aspekt. Punk hin oder her. „Gut, Leah, jetzt passt es wieder“, lobte Alexandra ihre Kleine daher und schob das Backblech in den Ofen. „Mama, du solltest echt weniger von dem Zeug nehmen“, fand Linus derweil und ging dann kopfschüttelnd hinaus. Alexandra blickte zu Leah, die mit den Schultern zuckte. „Der wird mal genauso ein Spießer wie Papa“, stellte die Kleine fest und klang dabei so altklug, dass Alexandra unweigerlich in lautes Gelächter ausbrach. Sarika wollte jetzt unmöglich nach Hause fahren und sich alleine in ihrem Zimmer verkriechen. Sie konnte doch nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen, wenn gerade einer ihrer Freunde gestorben war. Wobei Freund ja nun nicht das richtige Wort war. Gestern in der Nacht hätte sie ihm am liebsten noch den Tod gewünscht oder ihm selbst den Hals umdrehen können. Aber jetzt, wo es so aussah, als sei Fabrice tatsächlich nicht mehr da, tat er ihr leid. Mehr noch. Sie hatte ein richtig schlechtes Gewissen. Sarikas Freundeskreis war überschaubar. Zu den Leuten, mit denen sie damals in Düsseldorf noch abgehangen hatte, hatte sie keinerlei Kontakte mehr. Alle Brücken zu ihrem früheren Leben waren nach dem plötzlichen und viel zu frühen Tod ihrer Mutter abgebrochen. Zwar besaß sie immer noch ein Haus in der Stadt am Rhein, und auch ihre Großeltern wohnten dort, doch es zog sie nichts mehr dorthin. Die Entscheidung, Düsseldorf hinter sich zu lassen und zu ihrem Vater und dessen Familie zu ziehen, hatte sie noch keinen Tag bereut. Auch die neue Schule, in der sie im Frühjahr das Abitur ablegen würde, war okay. Sie hatte eine Menge neue Menschen kennengelernt. Nette Leute … aber auch Idioten. Die gab es überall. Was ihr fehlte, war eine richtige Freundin oder ein Freund. Jemand, mit dem sie über alles reden konnte. Nicht jeder, den man gut kannte, war ein Freund oder eine Freundin fürs Leben. Die Einzige, die ihr gerade einfiel und die dem, was man eine Freundin nannte, am nächsten kam, war Selina Marksdorf, ihre Klassenkameradin und die Bassistin der Band. Sarika hat Glück. Selina schien zu Hause zu sein. Zumindest stand ihr Twingo auf dem Hof vor dem ehemaligen Kuhstall, in dem die Freundin wohnte und in dem sie gestern Abend noch gefeiert hatten. Die Spuren des nächtlichen Gelages waren noch immer allgegenwärtig. Rund um die Feuerschale, die sich direkt hinter dem Twingo auf dem Kopfsteinpflaster befand, lagen gut und gerne ein Dutzend leere Bier- und Weinflaschen. Auf der urigen Bank direkt neben dem Eingang zum Kuhstall stand noch immer die Wodkaflasche. Auf dem Boden davor leere Pappbecher und Zigarettenkippen. Die Türe war nur angelehnt. Dass Selina bereits wach war, stand außer Frage, da Sarika am Morgen, nach der Entdeckung des Videos, ja bereits mit der Freundin telefoniert hatte. Sie klopfte gegen den Türstock und trat ein. Der ehemalige Stall war alt, die Wände dick, mit eher winzigen Fenstern. Es gab fast keinerlei Wände in dem riesigen Raum, alles war offen. Die Gewölbedecke ruhte auf mehreren alten Steinsäulen, wie man sie aus Kirchen oder Klöstern kannte. Nur eben etwas niedriger, wie in einem Keller. Der einzige abgetrennte Raum war das Bad im hinteren Bereich, von wo aus Sarika das Rauschen und Plätschern von Wasser vernahm. Irgendwer duschte da gerade. Selina war es nicht. Die stand nämlich mit Kopfhörern auf den Ohren an der Anrichte der Küchenzeile und goss sich Kaffee in eine Tasse. „Selina?“, rief Sarika. Die Angesprochene reagierte nicht. Gegen den Sound aus den Kopfhörern schien Sarikas Stimme keine Chance zu haben. In dem Moment, als Sarika noch überlegte, wie sie sich bemerkbar machen konnte, drehte Selina sich um und zuckte sofort erschrocken zusammen. „Fuck … Sari … Mensch, hast du mich erschreckt“, stieß Selina aus, riss sich mit der Linken den Kopfhörer von den Ohren, während sie versuchte, mit der Rechten den Kaffeebecher auszutarieren. Was nicht wirklich funktionierte, da doch einiges auf dem Boden landete. „Sorry, die Türe war auf und du hast nichts gehört … ich wisch das eben schnell weg“, bemühte Sarika sich um Schadensbegrenzung. „Nee, lass, mach ich gleich selbst“, antwortete Selina, ging zu dem großen Schlafsofa und ließ sich darauf sinken. „Also, das ist jetzt kein Problem, wenn ich das weg­wische … ist ja quasi meine Schuld“, versuchte sie es noch einmal, war aber dann auch nicht böse drum, als Selina ein weiteres Mal abwinkte. „Nee, lass. Ich muss die Bude gleich eh komplett wischen und das Chaos beseitigen, bevor meine Eltern nach Hause kommen. Meine Alten flippen aus, wenn sie den Hof so sehen, wobei … paar Tage hab’ ich ja noch“, erwiderte Selina und deutete dann auf die Kaffeemaschine. „Wenn du magst, nimm dir auch einen.“ Sarika blickte zu der Tür, die ins Bad führte. „Nicht, dass ich da jemandem etwas wegtrinke.“ Selina kicherte kurz, verzog dann aber das Gesicht und fasste sich an den Kopf, als habe sie Schmerzen. „Nee, das ist nur Lena und nicht, was du denkst … Fuck, tut mir die Birne weh“, stöhnte Selina und massierte mit ihrer Linken ihre Schläfe, während die Rechte den Griff der Tasse fest umklammert hielt. Sarika bediente sich derweil am Kaffee. Ja, sie hatte tatsächlich gedacht, dass da eventuell ein Kerl im Bad war, obwohl es laut Sarikas aktuellster Info derzeit keinen Typen in Selinas Leben gab. Doch solche Dinge konnten sich ja auch schnell einmal ändern. „Hast du mit Fabrice gesprochen?“, wollte Selina nun wissen. Sarika hatte mit genau dieser Frage gerechnet. Immerhin hatten sie beide am Morgen am Telefon besprochen, dass Sarika sich darum kümmern sollte, ihrem ehemaligen Sänger den Kopf zu waschen. Den ganzen Weg von Tüsche­bachsmühle bis hierher hatte sie krampfhaft überlegt, was sie der Freundin sagen sollte. Dass Fabrice eventuell tot war, hatte Nina ihr im Vertrauen gesteckt. Andererseits wollte sie ihre Bandkollegin aber auch nicht anlügen. „Der war nicht zu Hause und ans Telefon geht er auch nicht“, antwortete sie deshalb erst einmal ausweichend. „Aha. Vermutlich hat er es ausgeschaltet, weil er ein schlechtes Gewissen hat, dieser Vollpfosten“, schimpfte sie. „Moin, Sari … du bist es. Hab’ schon gedacht, wer das wohl sein könnte, als ich euch hab’ reden hören“, ließ die Stimme von Lena sie herumfahren. Die Schlagzeugerin kam gerade aus dem Bad. Ihre langen dunklen Locken glänzten nass. Sie war barfuß und steckte in einem viel zu großen weißen Bademantel. „Moin, Lena“, grüßte Sarika zurück und deutete auf die Kanne der Kaffeemaschine. „Scheint noch genug drin zu sein.“ „Nee, lass mal. Man soll ja mit dem anfangen, mit dem man am Abend – oder vielmehr am Morgen – aufgehört hat“, fand sie, ging an den Kühlschrank, entnahm ihm eine Flasche Bier und drückte den Verschlussbügel zur Seite. „Och nee … nicht dein Ernst“, fand Selina. Auch Sarika wurde bereits bei dem Gedanken an ein Bier flau in der Magengegend. „Und was machen wir jetzt mit Fabrice?“, wollte die Drummerin wissen und ließ sich in einen der beiden alten verschlissenen Sessel fallen, die vermutlich noch von Selinas Oma oder vom Sperrmüll stammten. Sarika fläzte sich in den anderen und zuckte mit den Schultern. „Am besten, wir ignorieren ihn einfach“, schlug sie vor, musste dann aber wieder an die Liste mit allen Partygästen denken, die sie für Nina hatte aufschreiben sollen. Verdammt, sie war total in der Zwickmühle. Warum war sie blöde Kuh auch hierhergefahren? „Die Bullen suchen nach Fabrice“, warf sie nach einem Moment der Stille einen Teil ihres Wissens in den Raum. „Warum? Wegen diesem bescheuerten Video?“, fragte Lena verwirrt. „Nein … ja … auch. Fabrices Mum hat ihn als vermisst gemeldet. Sie hat das Video auch gesehen und glaubt, dass er sich etwas angetan haben könnte“, erklärte sie das, was Nina ihr vorhin ebenfalls gesteckt hatte und bei dem es sich vermutlich nicht um ein Dienstgeheimnis handelte. Um Fabrice zu suchen, musste die Polizei ja auch nach ihm fragen. „Quatsch, die müssen doch bei Volljährigen immer ein oder zwei Tage warten, bis die ihn als vermisst suchen gehen. Nur weil ein Typ nachts nach einer Party nicht nach Hause kommt, mobilisieren die doch nicht gleich die gesamte Bullerei“, meinte Selina. „Meine Stiefmutter und ihre Kollegin waren aber bereits bei Fabrice zu Hause, als ich vorhin dort ankam“, erwiderte Sarika. „Ist für Vermisste nicht die normale Polizei zuständig? Ich dachte immer, deine Stiefmum ist bei der Kripo und fängt Mörder?“, bemerkte Lena. „Keine Ahnung … was weiß ich, was die da genau wollten und wer in deren Verein für was zuständig ist“, wehrte sie ab. Verdammt, sie musste aufpassen, was sie hier erzählte. Wenn Nina rausbekam, dass Sarika etwas ausgeplaudert hatte, wäre der Teufel los. Nina war eine total liebe Person. Sie beide verstanden sich super. Doch Sarika wusste auch, wie ihre Stiefmutter darauf reagieren konnte, wenn man sie anlog oder ihr Vertrauen missbrauchte. Sarika sah abwechselnd zu Lena und Selina, die beide jede für sich zu grübeln schienen. „Ich denk’, es ist das Beste, ich fahr heim und hau mich noch mal ’ne Stunde aufs Ohr“, log sie, da sie mit ziemlicher Sicherheit gar nicht schlafen könnte. „Kannst du mich bei mir zu Hause absetzen?“, erkundigte sich Lena. Sarika nickte. Lena wohnte in Wehbach, das sollte kein großer Umweg sein. „Na super. Ich dachte, ihr helft mir wenigstens noch, das Chaos draußen auf dem Hof zu beseitigen“, maulte Selina. „Ähm … ja klar, kein Problem“, beeilte Sarika sich zu sagen, während Lena sich bereits erhob. „Ich zieh mir mal was an, dann erledigen wir das eben. Is ja kein großes Ding“, meinte die Schlagzeugerin und verschwand wieder im Bad. Keine fünf Minuten später sammelte Sarika draußen auf dem Hof die leeren Flaschen ein, während Selina mit Lena die Grillschale mit den Ascheresten fortschleppte. Als die beiden gerade um die Hausecke im Garten verschwunden waren, hörte Sarika ein Motorrad hinter sich auf den Hof knattern. Sie sah auf. Es handelte sich um eine schwere Geländemaschine, die da einen Radau veranstaltete, als wolle sie Tote aufwecken. Der Fahrer, eindeutig ein Feuerwehrmann in schwarzer Kleidung mit gelben Neonstreifen und weißen Reflektoren, brachte die Maschine unmittelbar vor ihr zum Stehen, schaltete den Motor aus und nahm den Helm ab. „Guten Morgen, schöne Frau“, meinte ein Kerl, Mitte zwanzig mit schulterlangem Haar, und grinste sie an. „Moin“, antwortete Sarika lediglich und musterte den Typen, der nun abstieg und das Motorrad auf den Ständer zog. „Dürfte ich die holde Maid nach ihrem Namen fragen?“, laberte er sie ziemlich dümmlich und geschwollen an. „Nö, mein Papa sagt immer, ich soll mich nicht doof von Fremden anquatschen lassen“, antwortete sie frech. „Aha, sagt das der Papi?“, meinte er grinsend. „Hey, Andi“, rief Selina von irgendwoher. Sarika blickte zu den beiden Freundinnen, die durch die Gartenpforte zurück auf den Hof kamen. „Wie du hörst, ich bin Andi. Selina hat dir doch bestimmt schon ’ne Menge von mir erzählt“, erklärte er und hielt ihr die Hand hin. Baggerte der sie gerade an? Ja, das war ziemlich eindeutig. „Sarika Zielner … ich bin eine Klassenkameradin von Selina“, stellte sie sich ihm jetzt einfach mal vor. Selinas Bruder, von dem hatte Selina ihr tatsächlich schon mal erzählt. Schien ein lustiger Vogel zu sein. „Aha … Sarika. Die Gitarrengöttin. Nett, dich mal kennenzulernen.“ „Lass dich von dem Spinner bloß nicht angraben“, fand Selina, kicherte dabei und boxte dem Feuerwehrmann sachte gegen die breite Schulter. „Sag mal, wie sieht es hier eigentlich aus? Scheint, als hätte ich was verpasst“, schien er erst jetzt die Reste der vorabendlichen Hofparty zu bemerken. „Nee, hast du nicht … Aber sag mal, wart ihr heute Morgen schon im Einsatz oder warum trägst du die Klamotten?“, wechselte Selina das Thema. „Jepp, waren wir. Oben an der roten Kapelle hat es gebrannt“, berichtete er, ließ sich nun auf die Bank neben der Kuhstalltür sinken, hob die halb volle Wodkaflasche, die dort noch immer stand, gegen das Licht und schüttelte den Kopf. „Die Kapelle hat gebrannt?“, hakte Selina unbeirrt weiter nach. „Nein, nicht die Kapelle. Jemand hat nur ein paar Meter entfernt einen Holzpolder angezündet … da lag sogar noch einer drauf“, berichtete er und verzog angewidert das Gesicht. „Wie, da lag noch einer drauf?“, kam Sarika Selina zuvor. Kapitel 4 Sonntag, 8. August 2021, 16:55 Uhr Betzdorf/Villa Schmitz Als Thomas Nina zu Hause absetzte, war es beinahe schon fünf Uhr nachmittags. Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel und stach unerbittlich. „Wir sehen uns dann morgen früh im Büro“, verabschiedete sie sich, warf die Wagentüre zu und sah dem roten Porsche hinterher, wie er langsam vom Hof rollte, während sie zum Haus ging. Entfernt hörte sie Kindergeschrei und -gejohle. Dann ein Platschen. Sie bog deshalb vor der Haustüre ab und nahm den Weg, der um das Haus herum in den großen Garten hinter dem Anwesen führte. Der Garten der 80er-Jahre-Villa grenzte direkt an den Wald. Doch da, wo bis vor einem Jahr noch große dunkle Fichten gewesen waren, erstreckte sich nun über eine Fläche von mehreren Fußballfeldern eine mondähnliche, braungraue Wüstenlandschaft, aus der lediglich noch die Stümpfe der toten Bäume ragten. Zwei trockene Sommer und Tausende kleiner Borkenkäfer hatten den fast hundertjährigen Bäumen den Todesstoß verpasst. Den Rest hatte eine riesige Erntemaschine erledigt. Innerhalb von zwei Tagen war der Wald verschwunden. Wahrlich ein Jammer. So wie hier sah es fast überall im Westerwald aus. Kahlflächen und abgestorbene Bäume, wohin das Auge reichte. Fast dekadent mutete da der große Pool an, der sich an die Terrasse der Villa anschloss und in dem der kleine Matteo gerade mit einem Platscher nur knapp neben seiner Schwester Chiara landete. Nina war schon froh, dass die Zwillinge mittlerweile schwimmen konnten. Dennoch achteten sie und Klaus peinlichst darauf, dass die beiden nicht unbeaufsichtigt im und um den Pool herum spielten. Von Klaus war allerdings weit und breit nichts zu sehen, und die einzige Erwachsene, die das Planschen hätte beaufsichtigen können, schien zu schlafen. Sarika lag, lediglich mit einem Bikini bekleidet, bäuchlings auf einer der Liegen und sonnte sich. Ihr Blick war zur Seite gerichtet. Wegen der großen Sonnenbrille konnte Nina nicht wirklich sehen, ob die Augen des großen und ausgesprochen hübschen Mädchens geöffnet oder geschlossen waren. Nina setzte sich auf die Liege neben sie und betrachtete die Achtzehnjährige einen Moment. Die ansonsten sehr helle Haut des Mädchens schimmerte bereits rötlich. Besonders die rechte Schulter, die nicht von den langen, dunklen Haaren bedeckt war, sah beängstigend aus. Das war bereits ein ausgewachsener Sonnenbrand. „Sarika? Hallo, Liebes …“, flüsterte Nina und stupste sie mit dem Finger an. Doch außer einem Grunzen, welches sogar irgendwie recht lustig klang, und einem Zucken kam da nichts. Sie musste wohl ein wenig rabiater werden. „Sarika, aufwachen“, sagte sie nun etwas lauter, rüttelte an dem Mädchen und zog ihr mit der anderen Hand die Sonnenbrille ab. Sarika schreckte auf und hielt sich die Hand vor die Augen, um sie vor der Sonne zu schützen. „Was … wie?“, fragte sie und starrte Nina ziemlich verpeilt an. „Du, Sari … Ich will ja nicht meckern, aber findest du das ’ne tolle Idee, hier halb nackig in der prallen Sonne zu pennen?“, musste Nina jetzt mal die besserwisserische Stiefmutter raushängen lassen. „Ähm, wieso … stört’s dich?“, fragte das Mädchen verdattert. „Nee, eigentlich nicht. Aber du solltest dich entweder in den Schatten legen oder dir was anziehen. Du siehst nämlich schon aus wie ein gekochter Hummer“, erklärte Nina den Grund ihrer Sorge. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie nun zum Beckenrand und begrüßte die planschenden Zwillinge mit jeweils einem dicken Schmatzer. „Ohh, die Frau Hauptkommissarin beehrt uns mit ihrem Besuch“, hörte sie Klaus von der Terrassentüre her rufen. Klang da eine Spur Vorwurf mit? War der sauer, weil sie wieder einmal am Wochenende bei der Arbeit gewesen war? Dem Gesichtsausdruck nach nicht. Vielleicht war es mehr ihr schlechtes Gewissen, das sie das glauben ließ. Sie sah kurz zu Sarika, die aufgestanden war und sich vom Beckenrand ins Wasser gleiten ließ. Das fast zu erwartende Zischen, wie wenn man glühendes Eisen ins Wasser tauchte, blieb aus. Dennoch sah der Rücken ihrer Stieftochter nicht wirklich gesund aus. „Ich zieh mich schnell um und komm dann zu euch in den Pool“, beschloss Nina und ging zu Klaus, der immer noch in der geöffneten Türe zum Wohnzimmer auf sie wartete. „Magst du nicht erst mal was essen?“, fragte Klaus, als sie sich an ihm vorbeizwängte und ihm einen Kuss auf den Mund drückte. „Ähm, ja, was gibt es denn?“, erkundigte sie sich, da sie außer den trockenen Keksen vorhin im Besprechungsraum der Wache noch nichts gegessen hatte. „Vanillewaffeln mit heißen Kirschen und Schlagsahne“, antwortete er. „Hui, ihr lebt hier nicht schlecht, wenn ich mal nicht zu Hause bin“, fand sie und folgte ihm dann in die Küche. Als sie Minuten später zurückkam, war Sarika nicht mehr im Pool. Auf dem Tisch neben der Liege, auf der sie vorhin geschlafen hatte, lag aber noch immer ihr Handy. Vermutlich würde sie also gleich wiederkommen. Es gab noch einiges zu klären. Ninas Gedanken waren noch immer bei der Arbeit. Sie konnte, wenn sie einen Fall wie diesen bearbeitete, nicht einfach nach Hause fahren und dann in den Privatmodus wechseln. Noch dazu, wenn jemand aus ihrem unmittelbaren Umfeld in die Sache involviert war. Dass Sarika irgendetwas mit dem Tod von Fabrice zu tun haben könnte, wollte Nina nicht glauben. Zum Ersten, weil sie ihrer Stieftochter eine solche Tat nicht zutraute, und des Weiteren war die Reaktion, als Nina ihr am Morgen von dem eventuellen Ableben von Fabrice berichtete, ziemlich eindeutig gewesen. Sie glaubte Sarika mittlerweile so gut zu kennen, dass sie merkte, wenn das Mädchen sie anflunkerte. Ihre Reaktion auf die Todesnachricht war echt gewesen. Das änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass sie und Sarika Redebedarf hatten. Klaus hatte Nina vorhin in der Küche von Sarikas blutverschmierter Jacke berichtet, die morgens im Flur gelegen und die er mit in die Waschmaschine geworfen hatte. Sarika hatte Klaus gegenüber erwähnt, dass das Blut von Fabrice stamme. Wie es schien, hatte die Band sich am Abend auf der Fete von ihrem Sänger getrennt. Oder er von ihnen. So genau wusste Klaus das nicht. Nina hingegen wollte es genau wissen. Sie brauchte, um in dem Fall weiterzukommen, jede Antwort und alle Informationen, die sie kriegen konnte. Bei dem Teamgespräch vorhin auf der Wache hatte Thomas etwas gesagt, das Nina zwar ihm gegenüber als Unfug bezeichnet hatte, das ihr aber dennoch zu denken gab. In dem Video, in dem Fabrice zugab, ein Hexer oder Zauberer zu sein, hatte er die vier Mädels aus seiner Band ebenfalls der Hexerei bezichtigt. Vermutlich nur dummes Geschwätz. Thomas glaubte jedoch zu wissen, dass es bei den mittelalterlichen Hexenprozessen übliche Praxis gewesen sei, den Delinquenten die Namen der anderen vermeindlichen Hexen und Ketzer zu entlocken, um diesen dann ebenfalls den Prozess zu machen. Thomas war davon überzeugt, dass die Mädchen in Gefahr waren. Nina wollte das nicht glauben, dennoch ging es ihr aber auch nicht aus dem Kopf. Was, wenn Sarika das nächste Opfer sein könnte? Sie mussten diesen Irren, falls es ihn gab, finden, bevor er erneut tötete. Heikes These, die Tat sei nur eine Inszenierung, um vom wahren Motiv abzulenken, wollte Nina nicht ausschließen, hielt sie aber dennoch für den Holzweg. Als Thomas die Haustüre aufschloss, roch er es bereits. Alexandra hatte gebacken. Doch wie es schien, war niemand zu Hause. Noch nicht einmal die beiden Wuffis Alba und Oscar begrüßten ihn wie sonst. Das Haus war komplett verlassen und wirkte wie ausgestorben. Er ging ins Wohnzimmer und sah durch den Erker hinaus in den Garten. Keine Spur von den Kindern, den Hunden oder seiner Liebsten. Er bemerkte das offen stehende Gartentürchen, durch das man in das Naturschutzgebiet gelangte, das direkt an sein Grundstück grenzte. Dann entdeckte er sie in einigen Hundert Metern Entfernung unten im Tal. Seine Lieben traten gerade aus dem Wald auf die Wiese. Sein Magen meldete sich mit einem üblen Knurren. Es wurde Zeit, dass er endlich was zu essen bekam. Er ging in die Küche und entdeckte die beiden mit Tüchern abgedeckten großen Schüsseln auf der Anrichte. Vorsichtig hob er zuerst das eine und dann das andere Tuch hoch. Kekse und nochmals Kekse stellte er enttäuscht fest. Beide, wie es schien, mit Schokolade. Die einen mit bunten Streuseln, die anderen ohne. Er widerstand der Versuchung. Kekse hatte es eben auch schon im Besprechungsraum gegeben, und ebenso wie dort hielt er sich auch hier zurück. Im Kühlschrank, den er im Anschluss unter die Lupe nahm, wurde er dann fündig. In einem Glasbehälter mit grünem Plastikdeckel entdeckte er ein bereits gebratenes Grill­steak vom Vorabend und einen Rest Nudelsalat. Super, das passte ihm gerade in den Kram. Von den leckeren Keksen könnte er sich dann morgen welche mit auf die Arbeit nehmen. „Papa, Papa, guck mal, wir haben Blumen gepflückt, die man essen kann“, stürmte Leah, gefolgt von den beiden Hunden, in die Essküche, als er gerade den benutzten Teller in die Spülmaschine stellte. Thomas blickte auf das Grünzeug in den Händen seiner Tochter. Kinder kamen ja manchmal auf Ideen … unfassbar! Er hob sie auf den Arm und drückte sie. „Nein, Schatz, Blumen aus dem Wald kann man nicht essen. Da bekommst du nur Bauchweh.“ „Leah, der Papa hat keine Ahnung. Das ist Sauerampfer, den kann man sehr wohl essen, nachdem man ihn gewaschen hat“, fiel Alexandra, die ebenfalls von dem Grünzeug in Händen hielt, ihm jetzt auch noch in den Rücken. „Sauerampfer? Bist du dir sicher?“, fragte er ungläubig. „Jepp. Ganz sicher. Damit machen wir heute Abend einen leckeren Salat“, erklärte sie. Thomas nickte, obwohl er sich nicht sicher war, was er davon halten sollte. Am besten, er würde das gleich mal im Netz recherchieren. Bei Alex wusste man in solchen Dingen nie. Als Thomas am nächsten Morgen das Büro betrat, saß Nina bereits an ihrem Schreibtisch und las auf dem Monitor. Es roch nach frisch aufgebrühtem Kaffee. Das war sehr gut. Da musste er sich schon nicht darum kümmern, welchen zu kochen. „Moin, Kübler“, begrüßte sie ihn, sah dabei nur kurz auf und widmete sich dann wieder ihrer Lektüre. Er hängte seine Jacke an die Garderobe, stellte seine alte Ledertasche neben dem Schreibtisch ab und bediente sich dann wie jeden Morgen erst einmal an der Kaffeemaschine. „Und, gibt es was Neues?“, erkundigte er sich, nachdem er an seinem Platz saß und damit begann, seine Tasche auszuräumen. „Der Obduktionsbericht von Fabrice Gladenberg ist da“, antwortete sie. „Es ist also jetzt sicher, dass es sich um den vermissten Fabrice handelt“, schlussfolgerte er aus Ninas Aussage. Nina nickte und murmelte etwas, das wie ein „Ja“ klang. „Und?“, fragte er nach. Er hasste es, wenn man Leuten alles aus der Nase ziehen musste. Konnte die Kollegin nicht einfach mal innehalten und ihn in einem netten, knappen Gespräch ins Bilde setzen? So wie man das unter befreundeten Kollegen tat? „Wie, und?“, antwortete sie stattdessen ziemlich patzig. „Na … Was steht drin?“, wurde er deutlicher. „Keine Ahnung, Kübler, ich komme ja nicht zum Lesen, weil du mir ständig dazwischenquatschst“, antwortete sie noch pampiger. Thomas ballte die Faust. Ninas morgendliche Launen waren gelegentlich nicht auszuhalten. An Tagen wie heute bereute er es, dass sie sich wieder ein Büro teilten. Er hätte dem nie zustimmen dürfen, als Kriminalrat Dirken vorschlug, dass er und Nina der Effektivität wegen wieder in ein gemeinsames Büro ziehen sollten. Er schloss die Augen und atmete mehrmals tief ein und aus. Dann, als er sich wieder etwas beruhigt hatte, startete er den Laptop. Während das Gerät hochfuhr, packte er sein Frühstück aus. Er liebte es, morgens in aller Ruhe im Büro zu frühstücken und dabei erst einmal einen Blick in die Zeitung zu werfen. Eine Ruhe, die es zu Hause bei zwei schulpflichtigen Kindern, kläffenden Hunden und seiner hyperaktiven Frau nur selten gab. Er öffnete die Brotdose und hob vorsichtig die oberste Scheibe des Vollkornbrotes an, um zu sehen, was sich darunter befand. Käse und Wurst, stellte er zufrieden fest, nahm die Stulle und biss hinein. Während er kaute, holte er die zweite Kunststoffdose aus seinem Ranzen, öffnete sie und stellte sie neben das Telefon auf den Schreibtisch. Die Kekse hatte er sich am Abend zuvor bereits selbst eingepackt. Als Nachtisch quasi. Was in der Welt geschah, interessierte Thomas nicht wirklich, weshalb er die ersten Seiten der Zeitung direkt überschlug und sofort mit dem Regionalteil begann. Es war ja schon irgendwie makaber. Auf der zweiten Seite mit den Nachrichten aus der Region wurde von dem Open-Air-Konzert „Rock am Hang“ berichtet. Eines der drei Fotos zeigte die Band Witchwar mit Frontmann Fabrice Gladenberg, Gitarristin Sarika Zielner und einem weiteren Mädchen mit Gitarre. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein Bericht über das Feuer an der roten Kapelle in Friesenhagen, bei der ein laut der Presse bisher noch nicht identifizierter Leichnam gefunden worden war. Wie nahe Leben und Tod doch manchmal beieinanderlagen! Auf der linken Seite war der junge Kerl noch voller Leben gewesen … und rechts bereits tot. Nina hatte morgens früh noch nie etwas essen können. Sie schielte zu Kübler, der ihr gegenüber an seinem Schreibtisch saß, Zeitung las und zwischendurch immer wieder an seinem Brot knabberte. Konnte der das nicht zu Hause machen? Jeden Morgen das gleiche Drama. Noch bevor der Kollege einen Handschlag tat, war der schon beim Frühstück. „Der Kopf des Jungen wurde mit einem Beil vom Rumpf getrennt. Der Täter hat wohl mehrmals zuschlagen müssen. War anscheinend ziemlich stumpf, das Ding. An den zersplitterten Halswirbelknochen konnte Wagner trotz der Brandspuren Rostpartikel feststellen“, lies sie ihn jetzt einfach einmal an dem, was sie gerade gelesen hatte, teilhaben. Thomas verzog das Gesicht und legte sein angeknabbertes Pausenbrot zurück in seine Frühstücksbox. Ein Umstand, der Nina das erste Lächeln für den noch jungen Tag entlockte. „Klingt nach dem Beil, das wir hinter der Kapelle gefunden haben. Da war ja auch noch Blut dran“, erzählte er nichts Neues. Nina war schon gestern davon ausgegangen, dass es sich um ein Tatwerkzeug handelte. Die Frage war nur, warum der Täter es zurückgelassen hatte. Sie sah zu Kübler, der in Gedanken versunken aus dem Fenster schaute. „Was überlegst du?“, erkundigte sie sich. „Boah … der arme Kerl“, meinte er nur und griff dann wieder nach seinem Brot. „Angeblich hat er davon nichts mehr gemerkt, da er da bereits tot war“, wusste sie. „Aha. Und woran ist er nun gestorben?“, wollte Kübler wissen und legte die Zeitung beiseite. „Sieben Messerstiche in den Brustkorb“, berichtete sie. „Puhhhh … Das nenne ich mal übertötet. Der Bursche wurde mehrmals erstochen, enthauptet und dann noch verbrannt“, zählte Kübler auf, schloss den Deckel der Brotdose und steckte sie zurück in seine Tasche. „Ja. Vorher hat er … oder sie … ihm noch den rechten Daumen und den Zeigefinger zerquetscht“, berichtete sie ein weiteres abscheuliches Detail, stand dann auf und stibitzte sich einen Keks von Küblers Schreibtisch. „Hat Alex gestern mit den Kindern gebacken“, berichtete Kübler stolz. Nina hielt inne und besah sich den Keks. „Und was ist da drinnen?“, erkundigte sie sich vorsichtig. Wenn ihre Freundin Alexandra backte, kochte oder auch nur Essbares einkaufte, musste man auf der Hut sein. Alexandra liebte es, Dinge auszuprobieren. Hinzu kam ihr Ökotick. Wurst ohne Fleisch, veganer Käse, Salat aus Wiesenblumen und, und, und. „Ganz normal, was da halt so rein muss. Mehl, Butter, Zucker und so“, erklärte Kübler. „Und was ist der Unterschied zwischen den herzförmigen mit bunten Streuseln und den Monden ohne Streusel?“, war Nina immer noch nicht überzeugt. „Na, was wohl? Die einen haben Streusel und die anderen nicht. Die Streusel hat Leah draufgemacht“, antwortete Kübler. Nina tunkte ihren Keks kurz in den Kaffee und probierte dann davon. Er war lecker und fluffig und wesentlich besser als die Industriekekse im Besprechungsraum. „Was steht denn heute so an?“, wollte Kübler wissen. „Um neun ist Teambesprechung mit Staatsanwalt Lambrecht. Anschließend fahren Heike und ich noch mal zu Frau Gladenberg“, zählte sie auf und merkte sogleich, wie der Gedanke an den Besuch bei der Mutter des verstorbenen Fabrice ihr wieder aufs Gemüt drückte. „Und was mach ich?“, hakte Kübler nach. Nina nahm die Namensliste vom Schreibtisch, die Sarika ihr gestern Abend noch gegeben hatte, und reichte sie Thomas. „Das ist eine Liste aller Personen, die am Abend vor der Tat mit unserem Opfer gemeinsam gefeiert haben. Die telefonierst du zusammen mit Sandra ab, bestellst die Leutchen ein und befragst sie. Am besten, du fängst da gleich schon mal mit an“, wies sie ihn an. Thomas überflog die Liste und sah dann erstaunt auf. „Da steht auch deine Stieftochter drauf“, stellte er fest. „Ich weiß. Deshalb führen ja auch Sandra und du die Befragungen durch und nicht ich“, erklärte sie ihm. Nina hatte gestern Nachmittag noch lange mit Sarika über Fabrice und die Umstände seines Todes gesprochen. Sie war erstaunt zu hören, dass ihre Stieftochter bereits über den brennenden Holzpolder mit der geköpften Leiche Bescheid wusste. Wie es schien, war der Bruder ihrer Freundin Selina einer der Feuerwehrleute gewesen, die den Brand gelöscht hatten. Dass die Leute in den Käffern auch immer so viel tratschen mussten, ärgerte sie. Es gab nun mal auch Täterwissen, das im Kreise der ermittelnden Beamten bleiben musste. Wenn selbst Sarika schon wusste, was an der Kapelle in Friesenhagen passiert war, dann wusste es nun vermutlich auch schon das ganze Dorf. Alles in allem sehr ärgerlich. Sie sah, wie Thomas zum Hörer griff. „Lass mal. Vielleicht solltest du doch noch warten“, entschied sie sich um. Er sah sie fragend an. „Wie jetzt? Warum das denn?“, blaffte er genervt. „Planänderung. Wir beide fahren jetzt und sofort zu Frau Gladenberg. Ich möchte es hinter mich bringen, bevor sie es von irgendwem anders erfährt“, entschied sie. Ihre Kollegin Heike, die lediglich eine halbe Stelle innehatte, würde erst um kurz vor neun in der Dienststelle erscheinen. Die Besprechung dauerte mindestens eine Stunde. Hinzu kam die Fahrt bis Harbach. Nein, wenn Kübler jetzt damit begann herumzutelefonieren, um die Jugendlichen zu der Befragung herbeizuzitieren, musste er ihnen zumindest im Ansatz den Grund dafür sagen. Dass ein Mensch in dem Feuer an der Kapelle verbrannt war, wussten die vermutlich eh schon alle, da der Dorffunk bestens funktionierte. Nina wollte nicht, dass Frau Gladenberg über Dritte vom Tod ihres Sohnes erfuhr. „Meinst du, wir sind dann bis um neun zur Besprechung wieder hier?“, jammerte Kübler, von dem sie wusste, dass er am liebsten den ganzen Tag an seinem Schreibtisch hockte, um seine Arbeit von hier aus zu erledigen. Thomas fuhr nicht gerne raus zur Kundschaft. „Ist mir egal. Dann müssen die anderen halt kurz auf uns warten. Ich möchte der Frau jetzt sagen, was mit ihrem Sohn ist, bevor sie es von jemand anderem erfährt“, beschied sie ihn, griff ihre Wagenschlüssel und stand auf. Der Anruf von Kriminaloberkommissar Thomas Kübler kurz nach elf war für Sarika nicht überraschend gewesen. Nina hatte ihr bereits am Vorabend erklärt, dass Thomas oder eine Kollegin sie anrufen würde, um sie zu einer Zeugenbefragung vorzuladen. Sarikas vor zwei Jahren verstorbene Mutter war Anwältin gewesen. Sie kannte den Unterschied zu einer Befragung als Zeugin und einem Verhör als Beschuldigte. Nina hatte ihr eingeschärft, die Wahrheit zu sagen und auch das Blut auf ihrer Jeansjacke zu erwähnen. Die gewaschene und zwischenzeitlich bereits wieder getrocknete Jacke steckte in einem Müllbeutel, den Sarika mit zur Wache nehmen würde. Obwohl von dem Blut nichts mehr zu sehen war, würden die Spezialisten der Polizei es noch nachweisen können. Es war besser, direkt mit offenen Karten zu spielen, alles ehrlich zu erklären, anstatt etwas zu verschweigen und nachher doof aufzufallen. Ninas Antwort auf die Frage, warum sie denn überhaupt noch einmal aussagen müsse, wo sie ihr doch schon alles erzählt hatte, war ihr nach kurzer Überlegung dann auch einleuchtend gewesen. Nina war ihre Stiefmutter. Das, was sie zu Hause besprachen, blieb innerhalb der heimischen vier Wände. Damit man später Nina und auch Sarika kein Gemauschel, Verschleierung oder sonst etwas vorwerfen könnte, musste ihre Aussage von einem anderen Beamten, mit dem sie weder verwandt oder verschwägert war, aufgenommen werden. Dass Sarika Fabrice geschlagen hatte, tat ihr mittlerweile leid. Es war auch normal gar nicht ihre Art, auf andere Menschen einzuprügeln. Doch der Typ hatte sie dermaßen provoziert und beleidigt, bis bei ihr eine Sicherung durchgebrannt war. Was Fabrice ihr alles an den Kopf geworfen hatte, bekam sie in ihrem dusseligen Hirn schon gar nicht mehr zusammen. In Erinnerung waren ihr noch die „blöde Bitch“, die „Möchtegern-Gitarristin“ und die „Assi-Combo“ geblieben. Als Letztere hatte er die Band bezeichnet, mit der er, das Mega-Gesangs­talent, von der Minute an nichts mehr zu tun haben wollte. Der Typ hatte echt gemeint, dass er für die Band zu gut sei. Dabei war er der einzige Schwachpunkt von Witchwar gewesen. Klar, er hatte auch die Texte zu der von ihr komponierten Musik geschrieben. Aber die waren ebenfalls durch die Bank einfach nur kacke und unterste Schublade. Gestern Morgen hatte sie noch gedacht, dass sie einfach einen neuen Sänger oder eine Sängerin suchen müssten, damit es mit der Band weiterging. Mittlerweile, nachdem jetzt klar war, dass Fabrice tot war, glaubte sie nicht mehr an die Weiterführung des Projekts Witchwar. Fast ein Jahr Probe, Hunderte Stunden, in denen sie geübt und die Songs entwickelt hatten, waren nach nur drei Auftritten im Endeffekt für die Katz gewesen. Im nächsten Frühjahr machten sie und Selina ihr Abitur. Danach würden ihre Wege sich vermutlich trennen. Lena war bereits fertig mit der Schule und begann demnächst ein Studium in Frankfurt. Fortan würde die Schlagzeugerin nur noch am Wochenende Zeit haben, da sie die Woche über ein Zimmer in der Mainmetropole bewohnte. Fabienne Luca, die Rhythmus-Gitarristin der Band, studierte BWL in Siegen und dachte seit Wochen laut über ein Auslandssemester in den USA nach. Nein, wenn Sarika ehrlich zu sich selbst war, dann musste sie zugeben, dass die Band bereits Geschichte war, bevor es richtig begonnen hatte. Obwohl sie in der letzten Nacht wegen des Sonnenbrandes und der ganzen blöden Gedanken kaum geschlafen hatte, fühlte sich Sarika, als sie die Polizeiwache in der Friedrichstraße betrat, hellwach und topfit. Vermutlich lag es daran, dass sie total aufgeregt war, obwohl sie ja eigentlich gar nichts getan hatte. Mit dem Mord an Fabrice hatte sie nichts zu tun und musste sich eigentlich daher auch keine Sorgen machen. Über die Sprechanlage meldete sie sich bei dem uniformierten Beamten an der Pforte an. Dann wartete sie brav, bis eine Polizistin in Zivil sie abholte. Gesehen hatte sie die Frau schon mal, die sich ihr als Kriminaloberkommissarin Sandra Frings vorstellte. Sie folgte ihr zu einem Raum in der zweiten Etage, in dem Kübler bereits wartete. Auf dem Tisch vor ihm lag ein Schreibblock, daneben ein Mikrofon. In der Ecke entdeckte sie eine Kamera. An der Wand rechts von ihr gab es eine große verspiegelte Scheibe. „Hallo Sarika, schön, dass du so schnell Zeit für uns hast“, begrüßte Kübler sie freundlich und mit Du und reichte ihr die Hand. Auf dem Weg hierher hatte sie überlegt, wie sie ihn ansprechen sollte. Normalerweise duzten sie sich, wenn sie sich trafen. Thomas war ein Freund ihres Vaters und ihrer Stiefmutter. Gelegentlich hatte sie auch schon mal auf deren Kinder aufgepasst, wenn Inge und Hans Peter keine Zeit hatten, weil sie wieder mal mit dem Wohnmobil durch die Weltgeschichte fuhren. „Ja, kein Problem. Ist doch selbstverständlich“, erklärte sie und setzte sich auf den Stuhl, den er ihr anbot. Zu ihrer Verwunderung blieb die Polizistin nicht bei ihnen, sondern ließ sie mit Kübler allein. Sarika kannte Thomas Kübler seit nunmehr anderthalb Jahren. Praktisch seit dem Tag, als sie nach Betzdorf gekommen war. Er war ihr nicht unsympathisch. Nein, das nicht. Dennoch wurde sie nicht wirklich warm mit ihm. Der Typ hatte das, was man im Volksmund auch gerne mal als einen Stock im Arsch bezeichnete. Auf den ersten Blick ein Spießer. Ein Klischeebeamter aus dem Bilderbuch. Andererseits war der aber auch mit einer total durchgeknallten Hippietussi verheiratet. Was nun so gar nicht passen wollte. Kurzum, sie wurde aus Kübler nicht schlau. So locker wie gerade hatte sie den Typen überhaupt noch nicht erlebt. Vielleicht war da doch etwas dran, dass Leute auf der Arbeit ganz anders waren als in ihrem privaten Umfeld. Andererseits hätte sie aber auch gedacht, dass es in diesen Fällen genau andersherum wäre. Zu Hause der lustige Familienpapa und im Dienst ein aalglatter Beamter. Bei Kübler schien das umgekehrt. „Magst du einen Kaffee oder ein Wasser?“, fragte er nun sogar. Mit so einem Service hatte sie bei der Kripo nun gar nicht gerechnet. „Ein Kaffee wäre toll … aber nur, wenn es keine Umstände macht. „Nee, kein Problem. Mit Milch?“, erkundigte er sich. Sie nickte und sah ihm hinterher, wie er den Raum verließ. Ihr Blick fiel auf die verspiegelte Wand rechts von ihr. Ob da jetzt jemand dahinterstand und sie beobachtete? War das mit dem Kaffee vielleicht nur ein Trick, um zu sehen, was sie tat, wenn sie alleine im Raum war? Vielleicht hockten da jetzt sogar mehrere Polizeibeamte und begafften sie. Bei dem Gedanken wurde ihr mulmig. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Kübler mit zwei Tassen in den Händen und einer Brotdose unter den Arm geklemmt zurück. Er schob Sarika eine der Tassen hin, öffnete den Deckel der Brotdose und bot ihr dann noch einen Keks an. „Umsorgt ihr eure Gäste immer so?“, fragte sie erstaunt und bediente sich. So ein Keks würde schon nicht schaden. „Nein, nur die netten“, erwiderte er und zeigte dann auf die Tüte neben ihrem Stuhl. „Was ist denn in dem Müllbeutel?“ Sarika erklärte es ihm knapp, doch er unterbrach sie bereits nach den ersten Sätzen. „Okay. Ich denke, darüber reden wir dann offiziell, wenn es so weit ist. Ich starte jetzt erst einmal die Aufnahme und dann legen wir los“, meinte er und wollte bereits auf eine Taste neben dem Mikro drücken. „Ähm, Thomas, muss ich dich, wenn du das aufnimmst jetzt siezen oder …?“, wollte sie auf Nummer sicher gehen. Er lächelte. „Nee, wir sind hier ja nicht in der Politik oder auf der Schauspielschule“, antwortete er und startete dann die Aufnahme. „Befragung der Zeugin Sarika Zielner. Anwesend KOK Kübler. Sarika, du weißt, dass du hier derzeit lediglich als eine Zeugin vernommen wirst und dass du die Wahrheit sagen musst?“, belehrte er sie. Sarika schluckte und nickte. Thomas lächelte und deutete auf das Mikro. „Es wäre hilfreich, wenn du mit Ja oder Nein antwortest, da das Mikrofon dein Nicken nicht hört“, meinte er. Sie beugte sich vor und sprach langsam und deutlich in das Mikrofon. „Ja, das habe ich verstanden.“ Dann forderte Kübler sie auf zu erzählen, was an dem Abend vorgefallen war. Von Anfang an. Sarika holte tief Luft und begann an dem Punkt, als sie nach dem in ihren Augen ziemlich verpatzten Auftritt die Open-Air-Bühne verließ. Sie erzählte alles und wurde dabei von Minute zu Minute ruhiger. Kübler machte sich währenddessen eifrig Notizen. Einige Male unterbrach er sie, um nach einer Uhrzeit oder einem Namen zu fragen. Bei den Zeiten war Sarika sich ziemlich unsicher, da sie den ganzen Abend und auch in der Nacht nicht ein einziges Mal auf eine Uhr gesehen hatte. Als Kübler, nach etwas mehr als einer Stunde, die Befragung für beendet erklärte, war sie total erleichtert. Nur wenige Sekunden, nachdem er mit einem weiteren Knopfdruck an dem Mikro die Aufnahme beendet hatte, wurde die Türe geöffnet und Nina trat ein. Sie lächelte und schien zufrieden. Sarika war nun davon überzeugt, dass zumindest sie hinter der verspiegelten Scheibe zugehört hatte. „Siehst du, Liebes? War doch gar nicht so schlimm“, meinte ihre Stiefmutter und wandte sich dann an Thomas. „Sandra holt gerade die nächsten zwei Kandidatinnen hoch. Mach du bitte mit Selina Marksdorf weiter, ich bringe Sarika und den Jungen in der Zeit hoch zu Torsten, damit er die beiden erkennungsdienstlich behandelt“, sagte sie und stibitzte sich ebenfalls noch einen der Kekse aus der Plastikdose. Sarika erschrak bei ihren Worten. „Wie … wieso, erkennungsdienstlich?“, erkundigte sie sich irritiert. „Das ist reine Routine. Wir brauchen eure DNA und Fingerabdrücke, um sie mit eventuellen Spuren am Tatort oder an Fabrice abzugleichen“, erklärte Nina ruhig. „Aber …“, versuchte Sarika einzuwenden, doch Nina fiel ihr ins Wort. „Sarika, das ist ein ganz normaler Vorgang, deine Daten werden auch nur für diesen Fall gespeichert und anschließend wieder gelöscht. Das kann euch Torsten aber im Labor noch mal genauer erklären.“ Sarika folgte ihrer Stiefmum auf den Flur und erfuhr nun, wen diese mit „dem Jungen“ gemeint hatte. „Hallo Sarika“, grüßte Leon Balke sie und strahlte irgendwie total begeistert. „Ach, du“, antwortete sie nicht gerade erbaut. Im selben Moment tat es ihr aber bereits leid, dass sie ihn nicht ein wenig freundlicher begrüßt hatte. Leon war ja im Grunde ganz nett. Ein stiller Typ, der sich, bedingt durch seine Art eben halt wunderbar für das Klassenopfer prädestinierte. Dennoch war er hilfsbereit, stets freundlich und hatte sie in der Nacht nach der Party nach Hause gefahren. „Danke noch mal fürs Nachhausebringen“, schlug sie deshalb nun direkt mal einen versöhnlichen Ton an. „Keine Ursache. Hab’ ich gerne gemacht. Lag ja auch auf dem Weg“, erklärte er, während sie Nina die Treppe hinauf in die Etage unter dem Dach der Wache folgten. Das Labor der Kripo war kleiner, als Sarika sich das vorgestellt hatte, und auch überhaupt nicht mit den Kriminallaboren zu vergleichen, die sie aus dem Fernsehen von CSI und den anderen Krimiserien kannte. Kriminalhauptkommissar Liebig, dem sie ebenfalls schon einmal bei der Geburtstagsfeier ihrer Stiefmutter begegnet war, klärte sie noch einmal über ihre Rechte und den Datenschutz auf. Dann nahm er sowohl von ihr als auch von Leon eine Speichelprobe sowie Fingerabdrücke. „Hui, ihr seid hier ja richtig modern“, rutschte es ihr heraus, als Torsten sie aufforderte, ihre Finger über eine Art Scanner zu rollen. „Wie meinen Sie das?“, fragte er und schien irgendwie ein bisschen beleidigt. „Ähm … nee … ich wollte Sie nicht beleidigen oder so. Aber ich hatte tatsächlich gedacht, dass man da erst noch die Finger in Tinte wälzen muss, so wie in den Krimis“, bemühte Sarika sich um Schadensbegrenzung und schielte zu Nina, die am Türstock lehnte und wartete. Während Leon an der Reihe war, sah Sarika sich um. Auf einem Tisch lagen eine Axt sowie mehrere Pinsel. Auf einem anderen entdeckte sie in einer durchsichtigen Plastiktüte einen dunkelgrauen Rucksack, auf dem sich mehrere Aufnäher von Metal Bands befanden. Daneben lag der Müllbeutel mit ihrer Jacke. Sarika trat näher und betrachtete den Rucksack genauer. „Der ist von Fabrice“, sagte sie tonlos. „Ja, das wissen wir“, antwortete Nina und zog sie an der Schulter zum Ausgang. „Ja, is ja gut. Ich fass hier schon nichts an“, beeilte Sarika sich zu sagen. „Das hat niemand behauptet“, erwiderte Nina. Sarika sagte nichts, sondern beobachtete Hauptkommissar Liebig, wie er weiter Leons Fingerabdrücke scannte. „Sag mal, Nina, kann man hier bei euch nicht mal ein Praktikum machen?“, fragte sie aus einer spontanen Eingebung heraus. Nina sah sie erstaunt an. „Ich dachte, du wolltest Jura studieren?“ Sarika zuckte mit den Schultern. Den Plan, Jura zu studieren, hatte sie bereits seit der Grundschule. Wobei sie sich mittlerweile nicht mehr sicher war, ob die Idee von ihr selbst stammte oder ihr dies von ihrem Opa und ihrer Mutter seit ihrer Geburt eingeredet worden war. Das Kind studiert Jura, wird Anwältin und übernimmt die Kanzlei Zielner, genau wie drei Generationen der Zielners vor ihr. Ja, so war der Plan gewesen. „Man kann ja mal über den Tellerrand hinausschauen. Ein Praktikum bei der Polizei wird einem ja auch nicht schaden, wenn man später mal böse Jungs verteidigen muss“, antwortete sie, wie sie fand, sehr diplomatisch. Was sie wirklich wollte, ihren Traumjob, den behielt sie lieber für sich. Nur die wenigsten schafften es, vom Gitarrespielen leben zu können. Bei ihrem Papa hatte es auch nicht funktioniert. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/micha-kramer/666-der-tod-des-hexers/?lfrom=196351992) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.