Atemlos in Hannover Thorsten Sueße Im Alltag erscheint er unauffällig, aber er ist voller Wut, die ihn zum Mörder macht. Immer wieder …
Eine Frau wird von einem unbekannten Täter beim Geocaching in Hannover getötet. Es ist der erste Mordfall für Kriminaloberkommissar Raffael Störtebecker nach dessen Versetzung von Hamburg in die niedersächsische Landeshauptstadt. Der Täter verhält sich außergewöhnlich. Er beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei, indem er der Mordkommission irritierende Nachrichten sowie Fotos und Videos seiner getöteten Opfer zusendet. Und er kündigt sogar das Datum seines nächsten Mordes an, lässt die Polizei aber im Unklaren, wer das zukünftige Opfer sein wird. Die eiskalt ermordeten Frauen standen in keiner erkennbaren Verbindung zueinander. Aber es muss einen roten Faden geben! Der Leiter der Mordkommission schaltet den Psychiater Dr. Mark Seifert ein, um von ihm mögliche Hinweise auf das Tatmotiv des Killers zu erhalten. Die Polizei steht massiv unter Zeitdruck, wenn sie den nächsten angekündigten Mord noch verhindern will … Ein Mörder tötet aus niedrigen Beweggründen. Auch wenn ich die Beweggründe für seine Tat psychologisch nachvollziehen kann, ist er damit noch lange nicht psychisch krank. Dr. Mark Seifert, Psychiater und forensischer Gutachter Der Psychothriller spielt in Hannover. Personen und Handlung sind frei erfunden, eventuelle Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Geschehnissen wären rein zufällig. Im Verlag CW Niemeyer sind bereits folgende Bücher des Autors erschienen: Toter Lehrer, guter Lehrer Die Tote und der Psychiater Schöne Frau, tote Frau Hannover sehen und sterben Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de © 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln www.niemeyer-buch.de Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: C. Riethmüller Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH eISBN 978-3-8271-8414-6 Thorsten Sueße Atemlos in Hannover Psychothriller Prolog Schweiß strömte seinen Rücken herunter, schon seit einigen Minuten, unaufhörlich. Er spürte die Angst im ganzen Körper. Ich muss mich verstecken. Sonst ist alles aus. Die Substanz, die er absonderte, brannte fürchterlich auf der Haut. Sein schwarzes T-Shirt war völlig durchnässt, klebte am Oberkörper wie eine mit Kleister bestrichene Tapete. Wir dürfen uns auf keinen Fall begegnen. Ich kann nicht hierbleiben. Sein Herz vollführte einen lauten Trommelwirbel. Der erbärmliche Zustand, in dem er sich befand, war ihm nur zu gut vertraut. Er durchlebte derartige Situationen nicht zum ersten Mal. Den Park, in dem er sich aufhielt, kannte er in- und auswendig. Vor sich auf einer Rasenfläche sah er eine Gruppe von Menschen, die sich unterhielten und lachten. Noch hatten sie ihn nicht bemerkt. Wenn einer mich dabei beobachtet, wie ich es tue, ist mein Leben vorbei. Er verkroch sich ins Gebüsch, welches den Park von der Zufahrtsstraße abgrenzte. Von hier aus sah er das Haus, welches unmittelbar an den Park grenzte. Es war weiß gestrichen und hatte vier Stockwerke. Es wirkte freundlich von außen, anders als das fünfstöckige Haus, in dem der Tod lauerte. Das Stechen an den Armen und Beinen wurde unerträglich. Das Gebüsch war voller Stechfliegen, die ihn gnadenlos zu quälen begannen. Ich muss in das weiße Haus, ohne dass mich jemand bemerkt. Vielleicht habe ich Glück, und heute passiert nichts Schlimmes. Er duckte sich und rannte los. Der Eingang des Hauses lag vor ihm. Ich bin viel zu langsam. Meine Kraft ist am Ende. Ich bewege mich wie in Zeitlupe. Nach einer Ewigkeit erreichte er den Hauseingang. Keiner der lachenden Typen hatte zu ihm herübergeschaut. Die Erleichterung, das sichere Versteck erreicht zu haben, währte nicht lange. Hier im Erdgeschoss nahm er zunehmend einen beißenden Geruch wahr, der sein Atmen erschwerte. Unter diesen Bedingungen konnte er unmöglich die Treppe benutzen, um nach oben zu gelangen. Er blickte sich um, sah die Tür zum Fahrstuhl. In welchem Stockwerk bin ich am sichersten? Ganz oben, im vierten Stock. Plötzlich hörte er eine weibliche Stimme. Oh nein! Ist sie es? Die Fahrstuhltür öffnete sich. Er sprang in die Kabine und drückte auf den Knopf für die oberste Etage. Hat sie mich doch gefunden? Es darf nicht sein! Der Fahrstuhl war erstaunlich schnell. Mit einem Ruck kam er zum Stehen. Die Tür ging auf, er huschte hinaus, und die Tür schloss sich sofort hinter ihm. Er drehte sich um und sah auf das Schild: 5. Etage. Das ist unmöglich. Das Haus hat nur vier Etagen. Ich bin im falschen Gebäude. Im bin im Todeshaus! Er wollte zurück in den Fahrstuhl. Aber der war bereits wieder auf dem Weg nach unten. Die Treppe! Im Treppenhaus war dieser fürchterliche Geruch. Steigt da Gas nach oben? Der Weg über die Treppe war ihm ebenfalls verstellt. Er hatte nichts mehr zu verlieren. Hastig rannte er den Flur der fünften Etage entlang. Die Appartements waren verschlossen, aber am Ende des Ganges erkannte er eine geöffnete Tür. Der Geruch verfolgte ihn, Umdrehen war nicht mehr möglich. Er betrat das Appartement, drückte mit beiden Händen die Tür hinter sich zu. Zum Glück ist niemand da. Sie darf hier nicht rein. Er zog sich einen Stuhl heran, mit dessen Lehne er die Türklinke blockieren wollte. Aber die Lehne war zu kurz. Er legte das Ohr an die Appartementtür, vernahm jedoch keinerlei Schritte. Da hörte er hinter sich ein leises Lachen. Er sprang herum, sein Blick suchte jeden Winkel der Wohnung ab. Kein Mensch zu sehen. Habe ich mich getäuscht?! Ein Wechselbad von Erleichterung und Angst erfasste ihn. Der Schrank, die Regale, der Tisch und die Stühle … alles war ihm sofort vertraut. Und das versetzte ihn in Panik. Wieder dieses Lachen. Diesmal lauter als vorhin. Er ahnte, wer sich in unmittelbarer Nähe aufhielt. Das Lachen kam von draußen. Um jeden Preis musste er verhindern, dass sie ihn erwischte. Trotzdem schaffte er es nicht, das Appartement zu verlassen. Das Lachen breitete sich in seinem Gehirn aus. Er wollte flüchten, aber es zog ihn an wie eine Motte das todbringende Licht. Schritt für Schritt näherte er sich dem Balkon. Er erkannte ihre Silhouette. Natürlich gehörte das Lachen ihr. Keine andere Person als sie hatte er an diesem Ort erwartet. Sie saß auf der Brüstung des Balkons, drehte ihm den Rücken zu und schaute in den Park. Zwischendurch lachte sie wieder. Hoffentlich schaut keiner zu uns herauf! Er konnte nicht anders. Von hinten trat er an sie heran. Ahnte sie wirklich nichts? Er stieß seine Hände mit aller Kraft nach vorn. Sie konnte sich nicht halten, stürzte mit einem gellenden Schrei in den Abgrund. Im gleichen Moment ließ er sich auf den Boden fallen, um nicht von einem Zeugen erkannt zu werden. Ein vernichtender Schmerz durchfuhr seinen Körper, und er schrie sich die Seele aus dem Hals. Der Ort um ihn herum veränderte sich nach und nach. Es war dunkel, mitten in der Nacht. Das konnte nicht mehr der Balkon im Todeshaus sein. Er hörte auf zu schreien, fing an zu japsen. Wo bin ich? Ich krieg kaum Luft. Sein Körper zitterte, die Kleidung war durchgeschwitzt, er atmete rasch und tief. Ist das wirklich passiert? Die Zimmertür wurde aufgerissen, Licht flutete in den Raum. In diesem Moment wusste er, wo er war. Sein Zimmer im Haus seiner Eltern. „Alles gut, ich bin bei dir“, sagte eine tiefe Stimme. Sein Vater stand im Türrahmen. Mit schnellen Schritten trat er an das Bett seines Sohnes. „Hattest du wieder diesen Albtraum?!“, hörte er seinen Vater sagen, der sich zu ihm auf die Bettkante setzte und seine Hand ergriff. Vaters Worte waren keine Frage, sondern eine Feststellung. Es war immer sein Vater, der zu ihm kam, wenn er diesen Traum hatte und im Schlaf zu schreien begann. Mutter hielt sich zurück, als bemerke sie nichts. „Hast du wieder diese schreckliche Szene gesehen?“, fragte sein Vater als Nächstes. „Ja.“ „Ich kann verstehen, dass dich das alles belastet.“ Vater versuchte beruhigend zu klingen. „Du hast schlimme Dinge gesehen. Die Gespräche mit dem Psychologen werden dir helfen, dass dich das Ganze nicht mehr so belastet. Du hast doch keine Schuld. Wichtig ist, dass du etwas Geduld hast.“ „Ich weiß“, antwortete er rasch. „Ich habe nichts Böses gemacht.“ Sein Vater sorgte dafür, dass er seinen Schlafanzug wechselte, und blieb noch eine Weile bei ihm. Er meint es gut mit mir und will mir helfen. „Geht es wieder?“, sagte sein Vater schließlich. „Willst du das Licht anlassen?“ „Alles klar, du kannst wieder gehen. Und das Licht muss nicht an sein.“ Vater drückte fest seine Hand und verließ langsam das Zimmer. Wenn ich schlafe, hilft mir auch das Licht nicht. Er wälzte sich im Bett hin und her. Papa kennt einige meiner Probleme, aber von den meisten hat er überhaupt keine Ahnung. Sofort waren die Bilder wieder da. Doch, ich habe etwas Schlimmes getan. Einen Mord habe ich nicht begangen. Aber ich habe einen Menschen getötet. Das darf niemals jemand erfahren. Nie im Leben. Die Gedanken schossen ihm weiterhin durch den Kopf. An Schlafen war nicht zu denken. Er wusste aber, dass er irgendwann vor Erschöpfung einschlafen würde. Dabei hatte er in den vergangenen Wochen die Erfahrung gemacht, dass sich meistens, wenn ihn sein Vater in der Nacht getröstet hatte, sein Albtraum in derselben Nacht nicht wiederholte. Wenn ich erwachsen bin, muss ich auf jeden Fall Polizist werden, um wiedergutzumachen, was ich getan habe. Ich sorge mit aller Kraft für Gerechtigkeit. Böse Menschen, die andere unterdrücken und ausbeuten, werden meine Macht zu spüren bekommen. Kurze Zeit später war er eingeschlafen. Kapitel 1 Viele Jahre später … Mittwoch, 2. Mai Der zweite Schreibtisch im Raum war komplett leergeräumt. Die sportlich wirkende Frau mit den langen braunen Haaren lehnte allein am Fensterbrett ihres Büros und starrte auf den Drehstuhl, an dem ihr über Jahre Kriminalhauptkommissar Thomas Stelter gegenübergesessen hatte. Ab heute würde dort jemand anderes sitzen. Wie oft hatten sie in diesem Raum gemeinsam über einem komplizierten Fall gebrütet, dabei ganz unterschiedliche Ansätze verfolgt und sich dennoch ohne viele Worte gut aufeinander abgestimmt. Fast wie ein altes Ehepaar. … Wobei: ich und Ehe, wohl eher nicht. Kriminaloberkommissarin Andrea Renner arbeitete wie ihr Kollege Thomas in der Polizeidirektion Hannover, speziell im 1. Kommissariat der Kriminalfachinspektion 1: Straftaten gegen das Leben. Thomas, um einiges älter als sie, war verwitwet und inzwischen wieder fest liiert. Bei Andrea hatte es nie mit einer wirklich festen Partnerschaft geklappt. Wie werde ich die Tage gemeinsam in einem Büro mit diesem nüchternen, brummigen und wortkargen Typen vermissen! Andrea schüttelte den Kopf. In was für eine idiotische selbstmitleidige Stimmung manövrierte sie sich gerade? Thomas war weder tot noch im Ruhestand noch in München tätig. Er war lediglich in ein Büro am anderen Ende des Flurs umgezogen. Scheiße, ich bin ein Gewohnheitstier. Außerhalb der Arbeit läuft bei mir momentan nicht viel. Ein neuer Kollege würde heute seinen Dienst in ihrem Kommissariat 1 beginnen. Er kam aus Hamburg, hatte quasi seinen Arbeitsplatz getauscht mit Markus, der zeitgleich von Hannover nach Hamburg wechselte. Aus diesem Anlass hatte Thomas Stelter dafür gesorgt, die Belegung einiger Abteilungsbüros zu verändern. Er hatte Andrea mit der Aufgabe betraut, den neuen Hamburger Kollegen „an die Hand zu nehmen“ und in die Gepflogenheiten der hannoverschen Dienststelle einzuarbeiten. Andrea ging davon aus, später nicht wieder in ein gemeinsames Büro mit Thomas zurückzukehren. Thomas war weiterhin in der Nähe, aber die Zusammenarbeit würde vermutlich nie mehr so eng sein wie früher. Die letzten Tage hatte sich Andrea viel mit Schreib­arbeiten beschäftigt und fast keinen Gedanken an den heutigen Tag verloren. Mit dem Neuen würde sie die nächsten Wochen und Monate zwangsläufig eng kooperieren. Für die Arbeitszufriedenheit war es schon entscheidend, ob der Kollege ein sympathischer Kumpel oder ein arrogantes Arschloch war. Kollegen fühlten sich an wie Familie. Man konnte sie sich nicht aussuchen und verbrachte viel Zeit miteinander, ob man wollte oder nicht. Bisher wusste sie nichts über ihn, außer seinem Namen. Und der rief gleich klischeehafte Assoziationen hervor: Norden, Küste, blonder Hüne mit Bart … Nach einem angedeuteten Klopfen wurde die Bürotür geöffnet. Hauptkommissar Hayo Baumann, braune Haare, Mitte vierzig, betrat das Zimmer. „Ist dein neuer Partner noch nicht eingetroffen?“, sagte Hayo mit einem Grinsen. Dabei konnte sie sich mit seiner etwas spöttisch klingenden Betonung des Wortes Partner nicht wirklich anfreunden. „Siehst du ihn hier etwa?!“, antwortete sie schroff. „Du wirkst angespannt“, entgegnete er ruhig. „Du wirst schon klarkommen mit dem Neuen.“ Auf dem Flur waren Schritte zu hören. Und die Stimme von Thomas, die sagte: „Und das hier ist Ihr Büro.“ Ein zur Korpulenz neigender Mann mit schütteren grauen Haaren kam herein – Thomas Stelter. Andrea und Hayo blickten an ihm vorbei auf den Mann neben ihm, der im Türrahmen stehen geblieben war und etwas verlegen wirkte. Er war kein Hüne, eher von durchschnittlicher Größe, dabei weder bärtig noch blond. Stattdessen schaute ein glatt rasierter Mann mit lockigen schwarzen Haaren in die Runde und verkündete: „Mein Name ist Störtebecker.“ „Ach, wie der Klaus?“, entfuhr es Hayo. Der Angesprochene schüttelte den Kopf: „Nein, mit c.“ „Ach, Claus mit C …“ „Nein, Störtebecker mit ck.“ Die Sätze gingen ihm flott über die Lippen. Offenbar hatte er sie nicht zum ersten Mal zum Besten gegeben. Andrea fiel sofort auf, dass er das St nicht wie einen Sch-Laut sondern wie S-t aussprach. Ein angedeutetes, fast spitzbübisches Lächeln war auf seinem Gesicht erkennbar, bevor er erklärte: „Mit dem Piraten oder dem Stralsunder Bier, ohne c, bin ich nach dem jetzigen Stand der Familienforschung weder verwandt noch verschwägert. Ich heiße Raffael Störtebecker.“ Kapitel 2 Dienstag, 8. Mai Es wurde langsam Abend. Der Himmel bewölkte sich zunehmend, es mochten draußen noch ungefähr fünfzehn Grad sein. Mit dem Rad fuhr er durch Kirchrode, einen Stadtteil von Hannover im Süd-­­osten der Landeshauptstadt, vorbei an einzeln stehenden, gepflegten Häusern mit großen Grundstücken. Er war unauffällig gekleidet … Sommerjacke, lange Hose, schwarz-weißer Schutzhelm. Ohne besondere Eile steuerte er auf dem Radweg seinem Ziel entgegen. Sein Blick schweifte von links nach rechts. Alles um ihn herum hinterließ sofort den Eindruck eines gehobenen bürgerlichen Stadtteils. Herauszufinden, wo sie wohnte, war überraschend einfach. Ihre Adresse stand schlichtweg im Telefonbuch. Für ihn ein Ausdruck weltfremder Gutgläubigkeit … oder nachlässiger Gewohnheit. Er hatte sich die nähere Umgebung ihres Hauses im Internet bei Street View angesehen, wobei das Haus selbst unkenntlich gemacht worden war. Sein Smartphone hatte er zu Hause gelassen. Einige ihrer Vorlieben waren ihm bestens bekannt. Sie fuhr regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit, immerhin von Kirchrode bis in die Innenstadt. Außerdem nutzte sie das Rad für ihr Hobby Geocaching. Früher hatte er sich ebenfalls für einige Zeit mit Geocaching beschäftigt. Es ging darum, einen kleinen versteckten wasserdichten Behälter aufzuspüren, der ein Logbuch enthielt, in das sich der Finder mit seinem Nickname eintragen konnte. Derartige Geocaches waren inzwischen auf der ganzen Welt mit unterschiedlichen Schweregraden versteckt. Hinweise, wo sich ein Geocache befand, erhielt der Sucher, der sogenannte Geocacher, über entsprechende Internetseiten, auf denen sich Hinweise wie GPS-Koordinaten befanden. Um einen Geocache zu finden, benötigte man zumindest ein GPS-Handgerät oder ein Smartphone mit GPS-Empfänger. Endlich tauchte ihr Haus vor ihm auf. Es handelte sich um ein Eckgrundstück an zwei kleinen Nebenstraßen in einem Wohngebiet. Das Einfamilienhaus stand in einem Garten, der sich durch hochgewachsene Büsche und Bäume zur Straße abgrenzte. Die niedrig geschnittene Buchsbaumhecke im Vorgarten gewährte eine ungehinderte Sicht auf den Eingangsbereich des Hauses. Er bremste, stieg ab und schob das Fahrrad bis zu der Laterne, die sich auf dem Gehweg neben dem seitlichen Teil des Gartens befand. Ihm war bekannt, dass hier ganz in der Nähe ein Geocache versteckt sein musste. Um sie zu töten, brauche ich den richtigen Moment und den richtigen Ort. Geht das auf dem Grundstück? In den nächsten Tagen? Kein Mensch war momentan in der Nähe. Während er einige Schritte am Doppelstabmattenzaun des Gartens entlangschlenderte, versuchte er sich einen möglichst genauen Überblick vom seitlichen und hinteren Teil des Hauses zu machen, wobei die dichten Büsche nur eine eingeschränkte Sicht auf diesen Bereich zuließen. Ich darf mich hier nicht zu lange aufhalten. Sonst erinnert sich später ein Zeuge daran und kann mich beschreiben. Er hörte die Stimmen von zwei Frauen, die wahrscheinlich über die Terrasse in den Garten gingen. Dann erkannte er Nadine Odem, dunkelblonde Kurzhaarfrisur, Mitte vierzig. Die andere Frau, vermutlich gleichaltrig, konnte ihre Ehepartnerin sein. Die beiden haben mich sicher noch nicht bemerkt. Aber das ist ganz schön brenzlig und womöglich eine Nummer zu groß für mich. Er stieg auf sein Rad und fuhr los, bewusst nicht in die Richtung, aus der er gekommen war. Soll ich meinen Plan canceln? Kapitel 3 Mittwoch, 9. Mai Die Versetzung von Kriminaloberkommissar Raffael Störtebecker von Hamburg nach Hannover lag jetzt gut eine Woche zurück. Andrea Renner wusste, dass er in Hamburg ebenfalls mit der Aufklärung von Tötungsdelikten zu tun gehabt hatte. Ansonsten waren sie über sein Privatleben noch nicht groß ins Gespräch gekommen. Das würde sich heute Abend vielleicht ändern. Andreas junge Kollegin Emma Falkenberg hatte ihr kürzlich im Vertrauen zugeraunt: „Wenn ich nicht gerade einen festen Freund hätte, wäre dieser unverschämt gut aussehende Kerl auch etwas für mich gewesen. Ich beneide dich um die enge Zusammenarbeit mit ihm.“ Raffael und Andrea verließen gemeinsam den großen Gebäudekomplex der Polizeidirektion an der Waterloostraße 9 im zentralen hannoverschen Stadtteil Calenberger Neustadt. Im vierten Stockwerk eines weißen fünfstöckigen Gebäudes befanden sich die Diensträume ihres Kommissariates. Von hier aus waren es nur ein paar Minuten zu Fuß bis zum Biergarten am Maschsee. Andrea hatte Raffael dort zum Feierabendbier eingeladen, um „ein wenig das Eis zu brechen“. Raffael war freundlich und sympathisch. Gerne würde Andrea das eine oder andere mehr über ihn erfahren. Sie schlenderten nebeneinander die Waterloostraße entlang, eine Allee, an deren Ende sie die HDI-Arena sehen konnten. Inzwischen waren sie, wie im Kommissariat üblich, beim „Du“ gelandet. Besonders beschäftigt hatte Andrea Raffaels merklich hörbarer hanseatischer Akzent. Anstelle der inzwischen allgemein üblichen süddeutschen Aussprache Sch-t und Sch-p sagte er konsequent S-t und S-p. Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, die Schauspielerin Heidi Kabel oder Käpt’n Blaubär aus dem Kinderfernsehen hatten so gesprochen. Aber bei Andreas letzten Besuchen in Hamburg hatte sie niemanden mehr so reden hören, außer vielleicht sehr alte Leute. Und Raffael war erst Mitte dreißig, also ähnlich alt wie sie. Sehr behutsam sprach sie ihn darauf an. „Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel“, begann sie vorsichtig, „aber woher kommt deine markante hanseatische Aussprache? Ich kenne niemanden mehr, der so spricht.“ Er blickte im Gehen kurz zu ihr herüber, dann antwortete er: „Ich war als Kind häufig bei meiner Oma, zu der ich eine enge Bindung hatte. Und ich habe früher viele Jahre bei meiner Tante verbracht. Beide haben so gesprochen, und ich habe es geliebt.“ „Und deine Eltern?“ „Meine Mutter ist Hamburgerin, Jahrgang 1962. Sie hat den Akzent gehasst. Und mein Vater, zwei Jahre älter, ist Italiener.“ „Störtebecker ist demnach nicht der Name deines Vaters?“, setzte Andrea nach. „Nein.“ „Folglich heißt du wie deine Mutter …“ „Meine Eltern waren nicht verheiratet, wenn du das wissen willst“, sagte er forsch. „Ist doch nicht schlimm, oder?“ Seine Stimmung schien zu kippen. „Ist absolut okay“, äußerte Andrea beschwichtigend. „Meine Eltern haben aber viele Jahre zusammengewohnt“, brummelte er. Andrea verkniff sich eine weitere persönliche Frage. Zwischen ihnen trat eine merkwürdige Stille ein, die Raffael unvermittelt unterbrach: „Hattest du das auch schon mal? Du rufst im Beerdigungsinstitut an – sind alle Leitungen tot.“ Er lachte. „Wie …?“, murmelte Andrea erstaunt. „Was soll das denn?“ „Kleiner Scherz“, strahlte ihr Gegenüber. Der Kollege hat eine merkwürdige Art von Humor. Sie erreichten die Robert-Enke-Straße und die HDI-Arena. Raffael wollte einiges zu Hannover 96 wissen. Am Nordwestufer des Maschsees setzten sie sich in der Nähe des Courtyard Hotels in einen Biergarten, der schon gut besucht war. Andrea hatte für sie zwei Gläser Bier besorgt. Sie saßen sich gegenüber, die Gäste auf der Bank neben ihnen waren in ihre eigenen Gespräche vertieft. „Störtebeker zapfen sie hier leider nicht“, grinste Andrea, und Raffael lächelte zurück. „Ist eh nicht meine Marke.“ Andrea hatte einige Sätze zu ihrer eigenen privaten Situation erzählt. Sie lebte allein in einer Mietwohnung eines Mehrfamilienhauses, hatte noch zwei Geschwister und Eltern, die alle in der Region Hannover wohnten. Das Verhältnis zu ihnen war weitgehend „okay“, wobei sich der Kontakt in Grenzen hielt. Sie lenkte das Gespräch mit einem unverfänglichen Thema wieder in Raffaels Richtung: „Du kommst aus einer tollen Stadt wie Hamburg. Was reizt dich an Hannover, dass du dich hast hierher versetzen lassen?“ „Niemand aus meiner Familie lebt mehr in Hamburg.“ Er machte eine kurze Pause. „Hamburg ist mir auch zu groß und unübersichtlich. Und nennenswerte Kontakte, die mich halten würden, hatte ich dort nie.“ „Deine Familie ist auch aus Hamburg weggezogen?“ „Mein Vater ist nach Italien zurückgekehrt, seine Heimat Südtirol. Meine Tante ist nach Lüneburg umgezogen. Großeltern habe ich nicht mehr.“ „Und deine Mutter?“ „Die hat Hamburg ebenfalls vor Jahren verlassen.“ Er schaute betrübt. „Sie lebt in der Schweiz.“ „Bist du nie verheiratet gewesen?“ „Doch, früher.“ Er umfasste mit beiden Händen sein Bierglas und wechselte freudestrahlend das Thema: „Ich finde es toll, wie ich hier in Hannover aufgenommen worden bin. Die Arbeitsatmosphäre ist super, und du hast die letzte Woche viel dazu beigetragen. Die Kollegen sind sehr nett. Ich bin total zufrieden.“ Andrea war überrascht von diesem positiven Statement. Nach ihrer Einschätzung hatte es noch gar nicht so viele persönliche Berührungspunkte zwischen Raffael und den anderen Kolleginnen und Kollegen gegeben. Aber ist ja prima, wenn er sich bei uns wohlfühlt. „Und warum hast du dich ausgerechnet nach Hannover versetzen lassen?“ „Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, in Hannover zu wohnen und zu arbeiten“, erklärte er mit fester Stimme. „Ein Cousin von mir lebt schon seit Langem in der Region Hannover und hat oft davon geschwärmt, was Hannover alles landschaftlich und kulturell zu bieten hat.“ Andrea grinste erneut: „So, so, und du hast die Schwärmereien deines Cousins für bare Münze genommen …? Hoffentlich bist du hinterher nicht enttäuscht.“ „Du wirst es nicht glauben“, sagte Raffael freundlich lächelnd, „aber ich habe mich bereits seit Längerem intensiv mit der Region Hannover beschäftigt. Vereinzelt hab ich in Hamburg sogar schon die Hannoverschen Nachrichten gelesen. Ihr habt hier viel zu bieten, was ich sehr schätze.“ „Finde ich klasse, wenn sich ‚Auswärtige‘ für Hannover begeistern. Das sind wir hier gar nicht gewohnt. Aber du hast recht. Was interessiert dich denn besonders?“ Er musste kurz überlegen, dann erklärte er: „Burg Dankwarderode. Davon habe ich zum Beispiel gelesen.“ Andrea musste schlucken: „Burg Dankwarderode liegt nicht in der Region Hannover, sondern in Braunschweig.“ „Sorry, ich hab mich versprochen“, meinte er kopfschüttelnd. „Ich meinte natürlich die andere Burg bei Hannover.“ „Schloss Marienburg …?“ „Genau.“ „Davor kann ich dich nur warnen“, meinte Andrea mit gespielter Ernsthaftigkeit. „Du solltest hier nie Hannover mit Braunschweig verwechseln.“ „Schon klar, war nur ein Versehen.“ Er lachte. „Und mit deiner Hilfe werde ich hier schon schnell Fuß fassen.“ Kapitel 4 Freitag, 11. Mai Die letzten Tage waren ihm die Bilder nicht aus dem Kopf gegangen: Nadine Odem, und was er mit ihr anstellen wollte. Sollte er es tun? Und wenn ja – wo und wann? An diesem Abend wich er von seinem üblichen Tagesprogramm ab und fuhr mit dem Rad erneut nach Kirchrode. Jetzt kannte er bereits die Strecke und die wichtigsten Details im Umfeld des Hauses. Es war mäßig warm und sollte am Wochenende so bleiben. Fürs Radfahren günstige Temperaturen. Er konnte problemlos eine Sommerjacke tragen, die seine Körperkonturen verdeckte. Auf der Straße, die an ihrem Haus vorbeiführte, aber in einiger Entfernung, spielten zwei jüngere Kinder mit einem Ball. Er stellte sein Fahrrad in der Nähe von Nadines Haus ab, behielt den Schutzhelm auf, als er zur seitlichen Umzäunung ihres Hauses ging. Eine ältere Frau, einen Hund an der Leine, entfernte sich mit dem Rücken zu ihm auf dem Gehweg. Als er zwischen den Büschen in den Garten spähte, durchfuhr ihn plötzlich ein eisiger Schreck. Nadine Odem stand mit einer kleinen Schaufel auf dem Rasen und schaute ihm fast direkt ins Gesicht. Er spürte den Adrenalinschub, der durch seinen Körper schoss. Abhauen, bloß weg hier!, war sein erster Gedanke. Und dann: Zu spät! Wenn er sich jetzt übermäßig auffällig verhielt, war sein Plan endgültig undurchführbar. Unter gewaltiger innerer Anspannung blieb er wie angewurzelt stehen. Nadine kam langsam auf ihn zu. Wahrscheinlich habe ich es gleich verkackt! * Nadine Odem liebte die Abwechslung. Bei einer verantwortungsvollen Arbeit wie ihrer, die viel mit Sitzen in Räumlichkeiten zu tun hatte, war ein entsprechender Ausgleich unverzichtbar. Sie fuhr beinahe jeden Tag Rad, werkelte möglichst oft im Garten und suchte nach Geocaches, wobei sie dieses Hobby noch nicht lange betrieb. Jetzt war endlich Wochenende für sie. An diesem Freitagabend entdeckte sie zwischen den Büschen an ihrem Gartenzaun einen Mann, offensichtlich Fahrradfahrer, der sich suchend umblickte. Vor einem Jahr hätte sie das vielleicht noch irritiert, aber als Geocacherin waren ihr inzwischen derartige „Besucher“ vertraut. Sie ging auf den Mann zu und merkte sofort, dass ihm das unangenehm war. Das bestätigte ihre Vermutung. Er war bestimmt ebenfalls Geocacher. In unmittelbarer Nähe vor ihrem Zaun war ein Cache versteckt, der schwierig zu finden war. Die GPS-Angaben waren beim Geocaching nicht auf den Meter genau, sondern beschränkten sich auf ein Areal von einigen Metern Durchmesser, in dem nach dem „Schatz“ gesucht werden musste. Nadine hatte schon öfters Geocacher vor ihrem Zaun angetroffen, die intensiv die Gegend absuchten und nicht fündig wurden, zumal, wenn es sich um noch unerfahrene „Schatzsucher“ handelte. Nicht in das Spiel eingeweihte Passanten wurden von den Geocachern als „Muggles“ bezeichnet, denen gegenüber man geheim halten musste, was man dort tat. In diesem Fall passte alles zusammen. Der Mann an ihrem Zaun gehörte dazu! „Suchen Sie möglicherweise einen kleinen Behälter?“, fragte sie freundlich und signalisierte damit, dass sie gleichfalls Geocacherin war. Untereinander war es üblich, sich zu erkennen zu geben und bei der Suche Tipps auszutauschen. Er antwortete nicht, überlegte offenbar, wie er ihren Satz auffassen sollte. War er doch kein Geocacher? In diesem Moment nickte er und sagte leise: „Ja … natürlich. Hab ihn bisher nicht gefunden.“ Na also! „Wir haben das gleiche Hobby“, outete sie sich. „Möchten Sie, dass ich Ihnen einen kleinen Tipp gebe?“ Er wirkte erleichtert, nickte erneut. „Es ist rund und führt in die Unterwelt“, meinte sie scherzhaft. „Ich hoffe, das reicht … Ich bin übrigens Miraculine.“ Das war ihr Nickname beim Geocaching, eine Anspielung auf ihre Lieblingscomicfigur Miraculix. Der gesuchte Cache befand sich in einem winzigen Nano-Behälter, der als Schraube getarnt im runden Gullydeckel neben dem Gehweg versteckt war. „Danke“, murmelte ihr Gegenüber und wandte sich ab. Seinen Nickname verriet er ihr nicht. Er machte einen recht unerfahrenen Eindruck. Sicherlich ein Anfänger! Aber mehr würde sie ihm nicht verraten. Sie drehte sich um. Ihre Ehefrau Mareike kam auf sie zu. „Ich hatte recht“, verkündete Nadine zufrieden und zeigte mit dem rechten Daumen über ihre Schulter hinter sich. „Er gehört dazu.“ „Du und dein Geocaching!“, lachte Mareike und steuerte auf die Terrasse zu. „Na, wie wär’s?“, rief Nadine ihr hinterher. „Sonntagmittag eine Cacher-Tour mit dem Rad durch den Misburger Wald? Natürlich nach einem gemütlichen Frühstück.“ Mareike drehte sich zu ihr um: „Ohne mich! Radfahren ja, aber nicht immer wieder anhalten und zwischen irgendwelchen Zeckengräsern nach Plastikröhrchen suchen!“ „Na gut, dann fahr ich allein.“ * Ihm war ein Stein vom Herzen gefallen. Als Nadine ihn ansprach, hatte er schnell begriffen, worum es ging. Sie stufte ihn als Geocacher ein. Insofern hielt er sich während des Gespräches zwischen den beiden Frauen weiterhin am Zaum auf. Nadine musste davon ausgehen, dass er über ihren Hinweis erst nachdenken musste. So schnappte er noch die paar Sätze auf, die Nadine und ihre Lebenspartnerin miteinander gewechselt hatten. Schlagartig konkretisierte sich der Plan in seinem Kopf. Die Infos sind Gold wert. So könnte es klappen. Hasta la vista, Baby! Kapitel 5 Sonntag, 13. Mai Rechtzeitig vor zwölf Uhr hielt er sich wieder in der Nähe ihres Hauses auf. Dieses Mal merklich weiter entfernt, im Schatten eines Baumes, der am Straßenrand stand. Er hatte den Fahrradhelm gewechselt, trug heute ein graues Modell. Sein Fahrrad sowie einen Rucksack hatte er an den Baum gelehnt. Er achtete darauf, möglichst nicht von Passanten gesehen zu werden. Zum Glück war sonntags um diese Zeit nicht viel los auf der Straße. In der linken Hand hielt er ein Smartphone, welchem er vermeintlich seine Aufmerksamkeit schenkte. Mit der rechten Hand wischte er gelegentlich über das Display, mittlerweile eine der unauffälligsten Verhaltensweisen von Menschen in Warteposition. Wobei das Smartphone nur ein Fake war. Es handelte sich bei dem Gerät um ein ausrangiertes Modell, welches gar keine SIM-Karte mehr enthielt. Er führte es lediglich als Requisite zur Tarnung offen mit sich herum. Als ein Auto die Straße entlangfuhr, drehte er den Kopf weg, um nicht unnötig sein Gesicht zu präsentieren. Er hatte sich ein kleines Zeitfenster gesetzt, in dem er im Umkreis ihres Hauses warten wollte. Wenn sie sich in diesem Zeitraum nicht auf den Weg machte, würde er wieder verschwinden und sein Vorhaben vertagen. Auf keinen Fall durfte er sich durch ein zu langes Verweilen an einem Ort verdächtig machen. Die Chance war groß, dass Nadine Odem um diese Zeit zu ihrer Geocaching-Tour in den Misburger Wald aufbrechen würde. Was sprach dagegen? Dass sie es sich kurzfristig anders überlegt hatte. Oder dass sie unter „Sonntagmittag“ dreizehn Uhr oder später verstand. Und sollte sich Nadines Ehefrau doch dazu durchringen, sie zu begleiten, ließ sich sein Plan ebenfalls nicht durchführen. Das Schicksal meinte es gut mit ihm. Bereits kurze Zeit nach seiner Ankunft kam Nadine aus dem Haus. In der Eingangstür stand ihre Ehepartnerin und rief ihr etwas zu. Nadine war mit einer dunkelroten Windjacke und einer langen Blue Jeans bekleidet. Einen Rucksack hatte sie ebenfalls dabei. Aus der Garage, welche unmittelbar ans Haus grenzte, holte sie ihr Fahrrad. Zuvor hatte sie ihren schwarz-weißen Schutzhelm aufgesetzt. Die Partnerin winkte ihr kurz und schloss die Eingangstür. Ein Abschied für immer! Nadine trat in die Pedale und fuhr los. Er ließ ihr einen kleinen Vorsprung, dann fuhr er in ausreichendem Sicherheitsabstand hinter ihr her. Ihren Fahrstil hatte er richtig eingeschätzt. Sie war eine geübte Radfahrerin, fuhr durchschnittlich schnell, ohne Ambitionen zu rasen. Es war kein Problem für ihn, ihr zu folgen. Er konnte sich ruhig etwas zurückfallen lassen, da er wusste, wohin die Fahrt gehen würde. Rechtzeitig vorm Wald würde er den Abstand wieder verkürzen. Er würde sie nicht entkommen lassen. Im Wald bist du dran! * Nadine Odem freute sich auf die nächsten Stunden. Ungefähr zwanzig Minuten veranschlagte sie mit dem Fahrrad von ihrem Haus zum Misburger Wald, der sich in einem nordöstlichen Stadtteil von Hannover befand. Zu Hause hatte sie eine Route ausgearbeitet, die sie in einem Rundweg durch den Wald von einem Geocache zum nächsten führen würde. In einigen Fällen hatte sie zuvor am PC einige Rätsel lösen müssen, um die Koordinaten der versteckten Behälter zu erhalten. Dabei handelte es sich um sogenannte Mystery-Caches. Bei den anderen Caches, die sie heute finden wollte, war der Fundort frei zugänglich auf einer digitalen Karte für Geocacher verzeichnet. Sie radelte durch Wohngebiete, passierte den Hermann-Löns-Park und später einen Kleingartenverein. Schade, dass Mareike keine Lust zum Geocaching hat. Aber sie nervt die ständige Unterbrechung eines Spaziergangs oder einer Fahrradtour, ‚nur um im Dreck nach diesem Schnickschnack zu suchen‘, wie sie sich ausdrückt. Nadine erreichte den Misburger Wald, der Teil eines größeren Landschaftsschutzgebietes war, zu dem auch das Altwarmbüchener Moor gehörte. Der Wald bestand aus Laub- und Nadelbäumen. Irgendwo gab es hier einen idyllischen See und mehrere Hundert Jahre alte Bäume, die als Naturdenkmal galten. Zunächst fuhr sie einen breiten geraden Weg entlang und überholte zwei Spaziergänger. An ihren Lenker hatte sie eine Halterung für ihr Smartphone montiert, auf dem sie mithilfe einer Geocaching-App ihre Ziele anvisierte. Neben den breiten Wegen, ideal für Radfahrer und Spaziergänger, führten seitlich immer wieder Pfade durch das üppig grüne Walddickicht. Die Caches lagen in der Regel etwas abseits, um die Gefahr, dass sie zufällig von Muggles entdeckt wurden, zu verringern. Ein Rennradfahrer, bekleidet mit einem blau-gelben Trikot, starrer Blick nach vorne, kam ihr zügig entgegen und schoss an ihr vorbei. Ein Radtrikot mit kurzen Hosen, wie er es trug, wäre für sie völlig unpassend. Als Geocacherin musste sie einplanen, dass der Weg zum Schatz durch Dornengestrüpp und Brennnesseln führte. Behälter und Logbuch konnten unterschiedliche Größen aufweisen. Es gab Minibehälter, meistens magnetisch, die beispielsweise an der Hinterseite eines metallischen Hinweisschildes angebracht waren. Das Logbuch bestand in diesem Fall aus einer winzigen Papierrolle. Bei den meisten Behältern handelte es sich um PETlinge, eine Art Reagenzglas aus Kunststoff mit Schraubverschluss, oder um Filmdosen. Die dazugehörigen Logbücher waren in der Regel zusammengeheftete Papierstreifen im Längsformat. Hier im Wald und seiner Umgebung musste Nadine damit rechnen, dass die Caches in Astlöchern, in Baumstümpfen, unter Steinen im Gebüsch oder im Hohlraum eines Pfostens versteckt sein konnten. Die entsprechende Geocaching-Ausrüstung – Teleskopmagnet, Inspektionsspiegel, Pinzette, Draht, Einmalhandschuhe – führte sie im Rucksack mit sich. Zusätzlich hatte sie in der Jackentasche ein Notizbuch mit Kugelschreiber. Sie stoppte ihre Fahrt. Hier in der Nähe muss der erste Cache sein. Sie blickte sich nach eventuellen Muggles um. Kein Mensch zu sehen bis auf einen Radfahrer, der weit entfernt hinter ihr haltgemacht hatte und vom Rad gestiegen war. Jetzt kann ich es wagen. Sie stellte ihr Rad am Wegesrand ab und schlug sich ins Gebüsch. Einen Hinweis, wo sich der Behälter befand, gab es nicht. Immer wenn es darum ging, mit den Händen in der Erde zu graben oder in dunkle Öffnungen zu greifen, in denen sie unmittelbare Bekanntschaft mit Käfern und Spinnen machen konnte, war sie froh, sich ihre Einmalhandschuhe anziehen zu können. Auch bei diesem Cache kamen die Handschuhe zum Einsatz. Nadine brauchte eine Weile, bis sie die kleine Dose in einem vermoderten Baumstumpf entdeckt hatte. Der Eintrag ins Logbuch mit Nickname und Datum diente dazu, den Erfolg ihrer Suche zu belegen. Der Fund wurde zusätzlich in der Geocaching-App geloggt. Als sie wieder den größeren Weg betrat, registrierte sie, dass der Radfahrer hinter ihr seinen Standort nicht verlassen hatte. Sie fuhr weiter. Die Handschuhe hatte sie wieder abgestreift. Der nächste Cache war einfacher zu finden. Er lag unter Ästen versteckt hinter einem Baum. Ein Spaziergänger tauchte in der Nähe auf, vor dem sie sich verborgen hielt. Ein uneingeweihter Passant sollte nicht sehen, wie sie im Wald mit einem vermeintlichen Reagenzglas hantierte. Beim nächsten Halt waren ihre langen Hosen wieder von Vorteil. Links vom Weg ging ein sehr schmaler Trampelpfad durch ein Feld von hohen Brennnesseln, umrahmt von Buchen, Ahornbäumen und Kiefern. Der Trampelpfad machte einen Schwenk nach links und verschwand hinter dem dichten Grün der Bäume. Ein ideales Versteck für einen Cache. Kein Muggle latscht freiwillig durch die Brennnesseln. Und hinter den Bäumen kann ein Geocacher von niemandem auf dem Waldweg gesehen werden. Die Koordinaten dieses traditionellen Geocaches waren im Internet für jeden Interessierten frei zugänglich. Sie lehnte das Fahrrad an eine Buche neben dem Trampelpfad. Das permanente Rauschen fahrender Autos war im Hintergrund zu hören. Die A37 war nicht weit entfernt. Gerade als sie die ersten Meter durch die Brennnesseln zurückgelegt hatte, sah sie im Augenwinkel einen Radfahrer ankommen. Genau aus ihrer Richtung. Sie überlegte, ob sie einfach weitergehen, stehen bleiben oder auf den Waldweg zurückgehen sollte. Sie entschied sich dafür, in den Brennnesseln zu verharren, zumal sie plötzlich die Eingebung hatte, den Mann zu kennen. Er hatte einen grauen Schutzhelm auf, trug eine Jacke zur langen Cargohose, zudem auf dem Rücken einen Rucksack. Als er näher kam, war sie sich sicher: Der Geocacher, mit dem ich vorgestern vor meinem Haus gesprochen habe. Er nickte freundlich, als er mit seinem Rad vor ihr auf dem Waldweg zum Stehen kam. „Haben Sie ihn gefunden, vorgestern?“, fragte sie. Er lächelte, guckte leicht nach unten: „Oh ja, durch Ihren Tipp haben Sie es mir einfach gemacht. Ich war vorgestern bei Ihnen noch erfolgreich.“ Sie zeigte auf das Smartphone in seiner Hand: „Sind Sie auch auf Cacher-Tour?“ „Ja“, bestätigte er. „Ich gehe davon aus, dass wir an dieser Stelle nach derselben Sache suchen. Geht wohl dort den Trampelpfad entlang …?“ „Das war meine Vermutung.“ Sie blieb stehen und machte keine Anstalten, sich in Bewegung zu setzen. „Ich bin noch nicht lange dabei“, bekundete er. „Aber Geocaching ist ein tolles Hobby. Ich habe dadurch schon etliche freundliche Leute kennengelernt. Man ist sofort auf einer Wellenlänge.“ Nadine fasste Vertrauen zu dem Mann. Mit Geocachern, egal ob Mann oder Frau, hatte sie in vergleichbaren Situationen im Wald oder auf Feldwegen bisher ebenfalls nur gute Erfahrungen gemacht. „Ich hab ja schon vorgestern gesagt, dass ich Miraculine bin“, äußerte sie und blickte ihn auffordernd an: „Und mit wem habe ich es zu tun?“ „Spirou 13.“ „Spirou – wie der Comic-Held …?“ „Genau.“ Der Hinweis, dass er sich womöglich für eine francobelgische Comic-Reihe wie „Spirou und Fantasio“ interessierte, machte ihn gleich für sie sympathischer. Nadine hatte schon immer eine Vorliebe für die francobelgischen Asterix-Comics gehabt. „Und warum 13?“, fragte sie nach. „Das ist meine Glückszahl.“ „Wir können ja zusammen nach dem Cache gucken“, meinte sie schließlich. „Vier Augen sehen mehr als zwei.“ „Ich bin dabei“, strahlte er und lehnte sein Fahrrad an das ihre. * Seine Einschätzung aus der räumlichen Entfernung hatte sich als richtig erwiesen. Der Ort, an dem er sein Vorhaben umsetzen konnte, durfte nicht vom Waldweg aus einsehbar sein. Hier schien alles perfekt. Der Lärm von der Autobahn konnte Geräusche übertönen. Momentan war außer Nadine niemand zu sehen. Was sich natürlich von einer Minute zur nächsten verändern konnte. Er brauchte für sein Vorhaben etwas Zeit, sodass es dringend notwendig war, dass er mit ihr hinter den Bäumen verschwand. Und an dem bewussten Ort zielte sein Plan darauf ab, dass sie ihm den Rücken zuwandte. Er hatte sich die letzten beiden Tage gut präpariert. Natürlich musste er davon ausgehen, dass sie sich im Wald einem fremden Mann gegenüber misstrauisch verhalten würde. Insofern setzte er voll und ganz auf den Geocacher-Bonus. Nadine hatte ihn schon in Kirchrode für ein Mitglied der Cacher-Community gehalten. Im Misburger Wald war sie auf Cacher-Tour, sein Rucksack mit Werkzeugen, die für Geocacher typische Cargohose und seine Einmalhandschuhe müssten ihr eigentlich vertraut vorkommen. Ihren Cacher-Namen hatte er sich gemerkt. „Miraculine“ hatte sofort die Assoziationen Miraculix und Asterix bei ihm ausgelöst. Er setzte darauf, mit dem Namen „Spirou“ eine Gemeinsamkeit zu schaffen, um bei ihr zu punkten. Den Versuch war es wert. Und wenn er ihr einen Cacher-Namen präsentierte, trat an die Stelle seiner Anonymität eine vermeintliche Vertrauenswürdigkeit. Selbstverständlich war der Name „Spirou 13“ nirgendwo auf den Geocaching-Seiten im Internet registriert. Aber da er angeblich neu dabei war, würde es Nadine nicht verwundern, dass sie seinen Namen noch nie gelesen hatte. Da sie in Sachen Geocaching eindeutig über mehr Erfahrung verfügte als er, übernahm sie selbstverständlich die Führung und ging als Erstes den Trampelpfad entlang. Er spürte gleich, dass sie es auch in anderen Zusammenhängen gewohnt war, selbstbewusst voranzugehen. Mit zwei Meter Abstand folgte er ihr. Wie sie hatte er sich seinen Rucksack auf den Rücken geschnallt. Permanent schielte sie auf das Smartphone in ihrer Hand, um sich an der angezeigten Karte zu orientieren. Die App gab Auskunft, wie viele Meter ungefähr sie noch vom Cache entfernt war. Er hatte die ganze Zeit darauf geachtet, dass sie nicht sehen konnte, dass sich auf dem Display seines Smartphones gar keine Geocaching-App befand. Die für ihn tatsächlich wichtigen Gegenstände befanden sich in den seitlich aufgesetzten Taschen seiner Hosenbeine. Der Trampelpfad endete auf einer kleinen Lichtung. Nadine stoppte und blickte konzentriert auf die Baumstämme und den Waldboden davor. Sie hat nur noch Augen für die Suche nach dem Cache! Eine Notwendigkeit, dass sich eine zweite Person daran beteiligte, bestand nicht. Nadine hatte den Cache sofort unter einigen Rindenstücken vor einem Baumstamm gefunden. Dabei bemerkte sie nicht, dass sich ihr Begleiter hinter ihrem Rücken ein Paar Einmalhandschuhe übergestreift hatte. Dieses Mal handelte es sich bei dem Behälter um eine Art Tupperdose, in der sich außer dem Logbuch eine kleine Figur und mehrere Aufkleber befanden. Während sie damit beschäftigt war, sich mit einem Kugelschreiber in das Logbuch einzutragen, hatte er mit der rechten Hand sein Springmesser aus der Beintasche gezogen. Die zweischneidig geschliffene Klinge sprang aus dem Messerheft. Blitzschnell trat er von hinten an Nadine heran, ließ seinen rechten Arm um sie herumschnellen und durchschnitt kraftvoll mit der scharfen Klinge von links nach rechts ihren Hals. Blut floss in großem Schwall sofort aus der Wunde und durchtränkte die Windjacke der Frau. Nadine röchelte, machte einige ruckartige Bewegungen. Zum Schreien war sie nicht mehr in der Lage. Dann kippte sie nach vorne, dabei zeigte sie noch eine Schnappatmung. Gleich ist es zu Ende. Sie verlor kurz darauf das Bewusstsein und lag regungslos auf dem Waldboden. Der starke Blutverlust führte innerhalb kürzester Zeit zum Tod. Er nahm sich Zeit und betrachtete sein Opfer eine Weile. Der Plan ist aufgegangen! Dann holte er die Fotokamera aus seinem Rucksack. Kapitel 6 Sonntag, 13. Mai Der Tatort im Misburger Wald war weiträumig mit rot-weißen Bändern abgesperrt. Kriminaloberkommissarin Andrea Renner war für diesen Sonntag zusammen mit einem Kollegen vom Kommissariat 3, zuständig für Sexualdelikte, zur sogenannten „Mordbereitschaft“ eingeteilt. Mit Raffael Störtebecker hatte sie die Tage zuvor abgesprochen, dass sie ihn – zwecks Einarbeitung – hinzurief, falls es zu einem Einsatz kommen sollte. Es war kurz nach sechzehn Uhr. Andrea und Raffael standen auf einem Waldweg am Absperrband, wo sie von Max Quast, einem Kollegen vom Kriminaldauerdienst im weißen Ganzkörperoverall, mit den wichtigsten bereits bekannten Informationen vertraut gemacht wurden. Hinter dem Absperrband beschäftigten sich zahlreiche weitere Kolleginnen und Kollegen in Overalls mit der Spurensicherung. Dr. Ulrich Lindhoff, der Rechtsmediziner von der Medizinischen Hochschule Hannover, hatte ebenfalls schon seine Arbeit am Tatort aufgenommen. „Zwei Männer, die hier im Wald mit dem Fahrrad unterwegs waren, haben die Leiche gefunden und sofort die Polizei angerufen“, erklärte Max und zeigte Andrea und Raffael gleichzeitig ein Foto auf seinem Smartphone, welches er von der Toten gemacht hatte. „Wir haben bei der Frau ihren Personalausweis gefunden. Sie heißt Doktor Nadine Odem, ist fünfundvierzig und wohnt in Hannover-Kirchrode. Sie liegt dort hinter den Bäumen an einer Stelle, die vom Waldweg nicht eingesehen werden kann.“ „Was hat denn die beiden Männer zu diesem abgelegenen Fundort geführt?“, fragte Andrea erstaunt. „Die beiden sind Geocacher, falls ihr wisst, was das ist …?“ „Nicht genau.“ Andrea runzelte die Stirn. Aber Raffael konnte damit etwas anfangen: „Das ist eine Art GPS-Schnitzeljagd. Ein Kollege aus Hamburg hat sich damit beschäftigt.“ Mit einigen Sätzen erläuterte er Andrea, worum es beim Geocaching grundsätzlich ging. „Die beiden Männer wollten genau an dem Punkt, wo jetzt die tote Frau liegt, nach einem versteckten Geocache suchen.“ Max führte aus, dass die Geocacher als Erstes das einzelne Fahrrad, welches an einem Baum lehnte, bemerkt hätten. Dann wären sie über einen kleinen Trampelpfad zum mutmaßlichen Versteck des Geocaches gegangen. „Ich vermute mal, dass die Geocacher so einige Spuren zertrampelt haben …?“, äußerte Raffael. „Ja.“ Max zog die Mundwinkel nach unten. „Und in ihrer Aufregung noch mehr, als eh unvermeidbar gewesen wäre.“ Der Tatort mit seinen Büschen und Bäumen war ein schwer überschaubares Areal, welches für die Spurensicherung eine überdurchschnittliche Herausforderung bedeutete, der sich der Kriminaldauerdienst in routinierter Kleinarbeit stellte. Dr. Ulrich Lindhoff gesellte sich zu ihnen. „Der Frau wurden mit einem scharfen Gegenstand die Halsgefäße durchtrennt“, begann er. „Welche Organe durch den Schnitt beschädigt worden sind, kann ich euch im Detail nach der Obduktion sagen. Auf jeden Fall ist der Schnitt für den Tod des Opfers verantwortlich.“ „Ist die Frau an der Stelle getötet worden, wo sie gefunden wurde?“, wollte Andrea wissen. „Davon ist auszugehen.“ „Kannst du schon etwas zum ungefähren Todeszeitpunkt sagen, Ulrich?“ „Die beginnende Totenstarre verweist darauf, dass der Tod vermutlich vor zwei, drei Stunden eingetreten ist. Weitere Auskünfte gibt uns die Smartwatch, die die Frau am rechten Handgelenk trägt.“ Das war das Stichwort für Max Quast: „Die digitale Armbanduhr hat kontinuierlich ihre Herzfrequenz gemessen und die Daten per Bluetooth auf ihr iPhone übertragen. Ich hab bereits das iPhone mit dem Daumenabdruck der Toten entsperrt und einen Blick auf die Daten geworfen. Demnach hat ihr Herz gegen 12:45 Uhr aufgehört zu schlagen.“ „Das ist doch schon einmal was“, meinte Andrea Renner anerkennend und wandte sich wieder an den Rechtsmediziner: „Hast du Abwehrverletzungen gesehen?“ „Nein. Kein Anhalt dafür, dass sie sich gewehrt hat.“ „Und Anzeichen, dass sie vergewaltigt worden ist?“ „Bisher kein Hinweis darauf.“ Max mischte sich erneut ein: „Das Opfer hatte außer dem iPhone ein Portemonnaie mit Geldscheinen bei sich. … Also kein Raubmord.“ „Auf dem Foto von der Toten habe ich einen Rucksack gesehen …“, fiel Andrea ein. „Die Sachen im Rucksack scheinen Geocaching-Utensilien zu sein“, entgegnete Max. „In ihrem iPhone war eine Karte fürs Geocaching, die den Misburger Wald zeigt, geöffnet.“ Max schloss daraus, dass Nadine Odem vor ihrer Tötung hier selbst nach Geocaches gesucht hatte. „Spuren vom Täter?“, meldete sich Raffael zu Wort. Max schüttelte den Kopf: „Bisher nicht. Der Ort wird offenbar häufig von Geocachern betreten. Viele kommen vermutlich mit dem Fahrrad hierher, wie das Opfer. Den beiden Männern, die die Tote entdeckt haben, ist ansonsten nichts Verdächtiges aufgefallen. Aber ihr könnt ja gleich noch selbst mit ihnen sprechen.“ „Wir werden später überprüfen lassen, wessen Handy sich im Tatzeitfenster hier in der nächsten Funkzelle eingeloggt hat“, ging Andrea spontan durch den Kopf. „Und wenn auch der Täter nicht mit einem eingeschalteten Handy unterwegs war, so finden wir vielleicht einen Zeugen, der uns einen hilfreichen Hinweis geben kann.“ „Da muss ich dich enttäuschen“, antwortete Max. „Hörst du, was ich höre? … Wir befinden uns in unmittelbarer Nähe der Autobahn. Die Funkzelle, die dieses Waldstück abdeckt, ist auf jeden Fall auch für die A37 zuständig. Die Datenmenge lässt sich kaum bearbeiten. Es wird die Aktivität jeglicher SIM-Karten erfasst. Allein in den heutigen modernen Autos sind das mitunter zehn und mehr SIM-Karten, die ständig Daten senden und empfangen.“ „Schade eigentlich …“, murmelte Andrea. Kapitel 7 Sonntag, 13. Mai In ihrem Dienstwagen, einem grauen VW Passat, waren Andrea Renner und Raffael Störtebecker gegen 17:30 Uhr auf dem Weg nach Hannover-Kirchrode. Andrea saß am Steuer, Raffael auf dem Beifahrersitz. Wenn sie in den vergangenen Jahren mit Thomas Stelter unterwegs gewesen war, hatte er es sich nie nehmen lassen, den Dienstwagen zu steuern. An dieser Stelle merkte sie wieder, dass die alten Zeiten mit Thomas vorbei waren. Raffael las ihr Passagen aus einem Zeitungsartikel der Hannoverschen Nachrichten vor, der knapp zwei Wochen alt war. Kollegen hatten den Artikel im Internet entdeckt und ihn Andrea und Raffael als PDF-Datei aufs Smartphone geschickt. Der Artikel enthielt interessante Informationen über die getötete Frau. Dr. Nadine Odem war seit Kurzem Vorstandssprecherin des hannoverschen Bankhauses Berlinger, einer vor hundert Jahren gegründeten und immer noch im Familienbesitz befindlichen Privatbank mit derzeit hundert Mitarbeitenden. Der Aufsichtsrat der Bank hatte Nadine Odem wegen „kontinuierlich überdurchschnittlich guter Leistungen“ auf diesen Posten berufen, wie es hieß. Die Frau war zwanzig Jahre im Bankhaus Berlinger beschäftigt gewesen und hatte berufsbegleitend Betriebs- und Volkswirtschaft in Hannover studiert. Der Zeitungsartikel ging in der zweiten Hälfte auf Nadine Odems Privatleben ein. Sie war mit einer Berufsschullehrerin verheiratet, hatte keine Kinder. Außerdem wurde erwähnt, dass sie regelmäßig mit dem Fahrrad zur Arbeit kam, gerne im Garten arbeitete und am Wochenende seit einem Dreivierteljahr mit großer Begeisterung ihr Hobby Geocaching ausübte. „Ich bin aufs Geocaching aufmerksam geworden durch Menschen, die alle an meinem Gartenzaun auffällig unauffällig nach etwas suchten“, wurde sie in dem Artikel zitiert. * Mareike Keppler saß zusammengesunken in einem Sessel ihres Wohnzimmers und wischte sich zwischendurch immer wieder eine Träne aus dem Gesicht. Die Nachricht von der gewaltsamen Tötung ihrer Ehefrau hatte sie sehr mitgenommen. Andrea Renner und Raffael Störtebecker hatten auf einem Sofa ihr gegenüber Platz genommen. Der geflieste Raum wirkte modern und freundlich eingerichtet, mit liebevollen kleinen Details, was die Dekoration in der Schrankwand und auf dem Fensterbrett im Erker anging. Alles sieht so harmonisch aus, ging Andrea durch den Kopf. Und jetzt kommen wir mit unserer Todesbotschaft und machen alles kaputt. Mareike trug eine modische beigefarbene Bluse mit Kelchkragen zur schwarzen Jeans. Sie ist eher die Elegante, Nadine die Sportliche. Mittlerweile hatte sich Mareike so weit gefangen, dass sie sich in der Lage sah, Andreas Fragen zu beantworten. Raffael nahm die Rolle des stillen Beobachters ein. Mit Mareikes Einverständnis hatte er ein kleines Aufzeichnungsgerät auf dem Wohnzimmertisch postiert, um das Gespräch, wie bei Zeugenbefragungen üblich, mitzuschneiden. Seit fünf Jahren lebten Nadine Odem und Mareike Keppler zusammen, seit einem Jahr waren sie verheiratet. „Ich hatte auf sie gewartet und mir Sorgen gemacht, obwohl es schon manchmal später geworden ist, wenn sie ihre Geocaches gesucht hat“, äußerte Mareike und fuhr sich mit beiden Händen durch ihre mittellangen braunen Haare. „Ich hatte heute Nachmittag bereits versucht, sie auf dem Handy anzurufen, aber sie ging nicht dran.“ Nach Mitteilung von Mareike hatte sich Nadine nicht mit einem anderen Geocacher zu ihrer letzten Tour verabredet. Andrea erkundigte sich, wann genau Nadine das Haus verlassen und was sie zu dem Zeitpunkt bei sich gehabt hatte. Anscheinend hat der Täter seinem Opfer tatsächlich nichts entwendet. „Ich mache mir solche Vorwürfe“, stieß Mareike hervor. „Sie hat mich gefragt, ob ich mitkomme. Und ich habe abgelehnt.“ Andrea versuchte vergeblich, Mareike zu beschwichtigen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre Nadine nicht ermordet worden, wenn ihre Frau sie begleitet hätte. Aber woher hätte Mareike das ahnen sollen …?! Ihre Ehe bezeichnete Mareike als glücklich und insgesamt konfliktfrei. Andrea stellte die klassische Frage: „Hatte Ihre Frau Feinde?“ „Nadine war immer ein freundlich zugewandter Mensch. Ich weiß nichts von Feinden.“ „Verärgerte Bankkunden …?“ „Dass wir keine Feinde haben, können Sie schon daran ablesen, dass Nadine nie einen Grund dafür gesehen hat, unsere Adresse aus dem Telefonbuch löschen zu lassen. Die Verpixelung unseres Hauses bei Street View haben noch die Vorbesitzer veranlasst.“ Ich in Nadines Position hätte das anders gehandhabt. Aber ich beschäftige mich auch täglich mit den bösen Seiten des Lebens. Andrea fragte weiter in diese Richtung: „Hat Ihre Frau nie Konflikte am Arbeitsplatz erwähnt? Schließlich war sie Vorstandssprecherin einer Bank. Gab’s da keine Neider?“ „Na ja, es hatten sich wohl noch andere Hoffnungen auf diesen Posten gemacht. Aber von einem ernsthaften Konflikt ist mir nichts bekannt.“ „Stress mit Nachbarn, Bekannten oder Verwandten?“ Mareike schüttelte den Kopf. „Und die Tatsache, dass Sie beide als …“, Andrea zögerte kurz, „… als gleichgeschlechtliches Paar zusammenleben, hatte nie zu problematischen Reaktionen Ihrer Umwelt geführt…?“ „Zugegeben, wir haben immer wieder mit Menschen zu tun, die eine lesbische Beziehung für eine psychopathische Fehlentwicklung halten.“ Mareikes Stimme gewann an Kraft und Lautstärke. „Aber die Phase, wo wir uns verstecken mussten, haben wir lange hinter uns gelassen. Nadines Bankhaus und die Berufsschule, an der ich arbeite, haben auf jeden Fall mit unserer Lebensweise keine Probleme.“ Sie lachte bitter. „Die sehen uns eher als Aushängeschild für ihr modernes Diversity-­Konzept.“ „Sie waren als lesbisches Paar“ – Andrea griff auf Mareikes Wortwahl zurück – „also keinen erkennbaren Anfeindungen ausgesetzt?“ „Nein.“ Keine Konflikte, scheinbar alles in bester Ordnung? Dennoch ist Nadine Odem Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Zufällig? Andrea kam noch einmal auf Nadines Hobby zurück: „Gibt es zwischen Geocachern so etwas wie Konkurrenzkämpfe?“ „Bestimmt keine, wo der eine den anderen umbringt. Nadine hat immer davon gesprochen, wie freundlich und zugewandt Geocacher miteinander umgehen. Vor ein paar Tagen war zuletzt einer an unserem Gartenzaun, und Nadine hat ihm Tipps zu dem Geocache in der Nähe unseres Grundstücks gegeben.“ „Kannten Sie den Mann?“ „Nein. Nadine hatte die Vermutung, er wäre schon zwei Tage zuvor da gewesen. Jedes Mal hat er in unseren Garten geschaut. Beim ersten Mal war er schon weg, bevor Nadine ihn ansprechen konnte.“ Andrea fiel sofort der Zeitungsartikel wieder ein. So etwas war in der Vergangenheit offenbar schon öfters vorgekommen und nicht unbedingt etwas Besonderes. Trotzdem ließ sie sich von Mareike genau schildern, was sie wann beobachtet hatte. „Eigentlich habe ich von dem Mann nur den schwarz-weißen Fahrradhelm erkannt“, bekundete Mareike. „Gesicht, Größe und Alter konnte ich durch die Büsche von meiner Position aus nicht erkennen. Nur Nadine ist an den Zaun gegangen und hat kurz mit ihm gesprochen.“ „Können Sie etwas zu seiner Stimme sagen?“ „Er hat nur wenig und leise gesprochen. Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Denken Sie denn, der Mann könnte mit dem Mord etwas zu tun haben?“ „Es geht mir zunächst nur um die Sammlung von Fakten.“ „Mir fällt ein, dass der Mann gerade zu dem Zeitpunkt am Zaun stand, als Nadine mich auf ihre geplante Fahrradtour heute ansprach.“ „Könnte er verstanden haben, worum es in Ihrer Unterhaltung ging?“ „Weiß nicht … schon möglich.“ Leider hatte Nadine gegenüber ihrer Frau keine weiteren Angaben zu dem Mann gemacht. Es war auch unklar, ob der Mann nach dem kurzen Gespräch mit Nadine den Geocache in der Nähe des Hauses gefunden und sich in das Logbuch eingetragen hatte. Auch wenn nachher nichts dabei herauskommt, dachte Andrea, wir werden das Logbuch des Geocaches überprüfen lassen. Andrea und Raffael ließen sich im Anschluss an die Befragung das häusliche Arbeitszimmer von Nadine zeigen, um dadurch einen weiteren persönlichen Eindruck von der Toten zu bekommen. Das ganze Zimmer inklusive Schreibtisch wirkte penibel aufgeräumt. Mareike Keppler war sofort damit einverstanden, dass Andrea Nadines Notebook im Rahmen ihrer Ermittlungstätigkeit mitnahm. Die Datenauswertung des Notebooks oder PCs eines Mordopfers konnte bei der Erforschung des Tatmotivs hilfreiche Hinweise geben. Nicht, dass wir noch übersehen, dass die Ermordete Erpressermails erhalten und aus Rücksicht auf ihre Ehepartnerin verschwiegen hat … Kapitel 8 Montag, 14. Mai Kriminalhauptkommissar Thomas Stelter leitete als Ermittlungsführer die neu gebildete Mordkommission Dr. Odem. Am frühen Morgen hatte er das zusammengestellte Ermittlerteam, das aus einer größeren Anzahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bestand, in den Konferenzraum des Kommissariats 1 im vierten Stockwerk ihres Dienstgebäudes gebeten. Die bisher vorliegenden Ergebnisse im Mordfall Nadine Odem wurden vorgestellt. Der Leichnam der Frau war kurz vor fünfzehn Uhr von den beiden Geocachern gefunden worden. Die Route, die die Frau ab kurz nach zwölf Uhr zwischen Kirchrode und ihrem Tötungsort zurückgelegt hatte, war rekonstruierbar mithilfe der Auswertung der Funkverbindung ihres Smartphones, ihrer digitalen Einträge in die Logdatei der Geocaching-App und ihrer handschriftlichen Vermerke in den Logbüchern der gefundenen Geocaches. Die Daten der Smartwatch, nach denen der Tod gegen 12:45 Uhr eingetreten war, passten vom Zeitverlauf her genau zu der von Nadine Odem bis dahin zurückgelegten Strecke. Bei der Tötungsart zogen die Ermittler vorrangig einen männlichen Täter in Betracht, aber eine Frau konnte nicht sicher ausgeschlossen werden. Spuren, die eindeutig dem Täter zugeordnet werden konnten, gab es bisher nicht. Das Motiv der Tat war völlig unklar. War Nadine Odem im Wald zufällig auf einen psychopathischen Killer gestoßen? Gab es vorher keine persönliche Verbindung zwischen Täter und Opfer, und die Frau war tragischerweise zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen? Oder hatte ihr jemand gezielt aufgelauert oder war ihr gefolgt, mit der Absicht, sie zu töten? Und wer kam dafür infrage? Eine Person aus ihrem privaten oder beruflichen Kontext? Ein Auftragskiller? „Wir müssen auf jeden Fall in alle Richtungen ermitteln“, bekräftigte Thomas Stelter. * Andrea Renner ließ ihren Blick langsam durch den weit­räumigen und imposanten Empfangsbereich schweifen. Zwei Kunden saßen auf einem der bequem aussehenden Sessel im Wartebereich und guckten zu ihr herüber. Zusammen mit Raffael Störtebecker stand sie am zentralen Empfangstresen im Erdgeschoss des Bankhauses Berlinger. Bei der Nennung seines Familienamens hatte Raffael den Nachsatz hinterhergeschoben: „Nicht wie der Pirat oder das Bier, sondern ein -becker mit ck.“ Was wirklich niemanden interessierte, wie Andrea im Stillen vermutete. Zumindest der Mitarbeiter am Empfang hatte lediglich ohne Kommentar die Stirn gerunzelt. Die Privatbank befand sich direkt in der hannoverschen City, in unmittelbarer Nähe vom Kröpcke. Andrea und Raffael warteten darauf, zu einem Mitglied des Vorstandes gebracht zu werden, nachdem der zuvorkommende Mitarbeiter hinter dem Tresen mit dem Vorstandssekretariat telefoniert hatte. Eine Frau Mitte dreißig in einem dunkelblauen Kostüm kam auf sie zu, begrüßte die beiden und geleitete sie ins erste Stockwerk. Die Frau hieß Simone Bechtel und gehörte zum Sekretärinnen-Pool der Vorstands­etage. Ihr Gesichtsausdruck, der eine tiefe Betroffenheit ausdrückte, ließ vermuten, dass sie bereits durch die Medien über den Mord an der Vorstandssprecherin ihrer Bank informiert war. Simone führte die Besucher durch einen breiten langen Flur, an dessen Wand die Bilder eines modernen Künstlers hingen. Das Bankhaus war für die Kunstausstellungen in seinen Räumlichkeiten bekannt. Vor Jahren hatte der Sohn von Thomas Stelter hier seine Gemälde aushängen dürfen. Die letzte Tür auf dem Flur gehörte zum Büro von Lothar Pannier, der Andrea und Raffael mit einem kräftigen Händedruck empfing und dann an den Besprechungstisch seines großzügigen Arbeitszimmers bat, nachdem Andrea den Grund ihres Kommens genannt hatte. Simone blieb stumm auf dem Flur stehen und zog die Tür hinter sich zu. „Schrecklich, einfach schrecklich“, äußerte Lothar Pannier. „Ich hab es in der Zeitung gelesen und im Radio gehört. Wer tut so etwas?“ Sein Gesichtsausdruck deutete an, dass er darauf zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Antwort erwartete. Er mochte Ende vierzig sein, hatte volles braunes Haar mit grauen Strähnen und trug zur blauen Krawatte einen grauen Anzug, der seine schlanke Figur vorteilhaft betonte. Bei der Befragung durch die beiden Mitglieder der Mordkommission hatte sein Ton durchgängig eine ernste und sachliche, aber zugewandte Note. „Der jeweils für fünf Jahre berufene Vorstand besteht immer aus drei Mitgliedern. Ich bin für die Bereiche Recht und Risiko zuständig, wirke also nach innen, während Frau Doktor Odem als Vorstandssprecherin die Bereiche Markt und Strategie zugeordnet sind. Sie ist somit das Aushängeschild der Bank.“ Auf Raffaels Frage, wer denn vor Nadine Odem diesen Posten bekleidet hatte, nannte Pannier den Namen des Mannes und dass dieser aus Altersgründen nicht mehr dafür zur Verfügung gestanden habe. „Hätte Sie der Posten des Vorstandssprechers nicht auch gereizt?“, setzte Raffael nach. Der Befragte runzelte die Stirn, dann schüttelte er den Kopf. „Die Aufgaben eines Vorstandssprechers unseres Bankhauses sind eine reizvolle Herausforderung. Aber Frau Doktor Odem war aufgrund ihrer konstanten Verdienste für die Bank die erste Wahl für diesen Posten. Das hat der Aufsichtsrat zu Recht so entschieden. Ich bin mit meinem Aufgabenbereich sehr zufrieden.“ Ich glaube, er wäre auch gern das Aushängeschild der Bank, mutmaßte Andrea. Aber dass er deswegen seine Kollegin ermordet, kann ich mir nicht vorstellen. „Und wer ist das dritte Vorstandsmitglied?“ „Herr Rosenberger, der genau wie ich schon zum Vorstand davor gehörte, kümmert sich um die Bereiche Personal und IT. Er ist seit zwei Wochen in Kanada … im Urlaub. Aber wegen der Ermordung von Frau Doktor Odem wird er seinen Urlaub vorzeitig abbrechen und nach Hannover kommen.“ Womit Herr Rosenberger ein bombensicheres Alibi hat. „Was waren denn das für Verdienste, mit denen sich Frau Doktor Odem für den Posten als Vorstandssprecherin empfohlen hat?“, erkundigte sich Andrea Renner. „Die erfolgreiche Leitung der Kreditabteilung für einige Jahre, eine Tätigkeit als Führungskraft auf der zweiten Ebene unter dem Vorstand.“ „War sie beliebt?“ „Allemal.“ Er überlegte kurz. „Sie hatte eine sympathische und authentische Ausstrahlung, das kam bei Mitarbeitern und Kunden gut an.“ Andreas Frage nach nennenswerten Konflikten in der Vergangenheit, beispielsweise gravierendem Ärger mit unzufriedenen Kunden der Kreditabteilung, verneinte Pannier. Dann erkundigte sie sich, mit welchem Personenkreis die Ermordete zuletzt beruflich zu tun hatte. „Mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit hat sie außerhalb der Bank verbracht. Um neue Geschäfte zu vermitteln, hat sie sich mit Vertretern mittelständischer und größerer Betriebe getroffen, wie Mäntelhaus Kaiser, I.G. von der Linde, Bahlsen oder Conti.“ „Welche Bedeutung hatte es für die Bank und deren Kunden, dass Nadine Odem in einer lesbischen Beziehung lebte?“, mischte sich Raffael ein. „Dass das Bankhaus für Kontinuität und traditionelle Werte steht, heißt nicht, dass wir uns gegenüber bestimmten Formen sexueller Orientierung unserer Mitarbeitenden intolerant zeigen – im Gegenteil“, betonte Pannier mit kräftiger Stimme. „Und unsere Kunden wussten selbstverständlich nichts über das Privatleben von Frau Doktor Odem.“ „Bis vor zwei Wochen“, ergänzte Raffael, „als es in der Zeitung stand.“ * Am Ende ihres Gesprächs erkundigte sich Raffael Störtebecker bei Lothar Pannier, wo sich dieser gestern im Tatzeitraum aufgehalten hatte. „Zählen Sie mich ernsthaft zum Kreis der Tatverdächtigen?“, äußerte das Vorstandsmitglied. „Nein, verstehen Sie das bitte nicht falsch“, lächelte Andrea. „Das ist eine reine Routinefrage.“ Bereitwillig führte Pannier aus, zu dieser Zeit einen Bekannten im Stadtteil Zoo besucht und anschließend mit diesem einen Spaziergang durch den Stadtwald Eilenriede gemacht zu haben. Danach führte er Andrea und Raffael auf deren Wunsch durch Nadine Odems Büro, welches auf demselben Flur zwei Türen entfernt lag. Wirkt genauso aufgeräumt wie ihr Arbeitszimmer in Kirchrode, dachte Andrea. Das Büro zwischen Nadine Odem und Lothar Pannier war das Vorstandssekretariat. Hier sprachen die beiden, nachdem sie sich von Pannier verabschiedet hatten, mit der Sekretärin Simone Bechtel. „Frau Doktor Odem war eine selbstbewusste und zielstrebige Frau“, bekundete Simone Bechtel, „aber auf keinen Fall ein Ellbogentyp. Ich mochte sie sehr. Auf der ersten Führungsetage von Bankhäusern ist es absolut unüblich, dass eine Frau einen solchen Posten bekleidet.“ „Hatte sie Neider?“, wollte Andrea wissen. „Das ist mir nicht aufgefallen.“ Und wenn doch, würden Sie es mir nicht sagen, vermutete Andrea und fragte: „Haben Sie eine Idee, wer nach dem Tod von Frau Odem zum Vorstandssprecher berufen wird?“ „Dafür ist es noch zu früh. Ich habe keine Vorstellung, wie der Aufsichtsrat auf diese schreckliche neue Situation reagieren wird.“ „Wissen Sie, wie Externe, also Geschäftspartner und Kunden, darauf reagiert haben, dass auf einmal eine Frau das Aushängeschild der Bank war?“ „Schwer zu sagen.“ Die Sekretärin zuckte mit den Schultern. Nach einigen Sekunden Pause erzählte sie: „Eine Frau Jordan von den Hannoverschen Nachrichten hatte angerufen, um gleich einen Interview-Termin für einen längeren Zeitungsartikel zu vereinbaren. Kurze Zeit später hatte sich der Chefredakteur der Ihme News … Namen habe ich vergessen … gemeldet und wollte ebenfalls ein Interview mit Frau Doktor Odem führen.“ Bei den Ihme News handelte es sich um eine reine Online-Zeitung für Hannover. „Den Artikel in den Hannoverschen Nachrichten kennen wir“, erklärte Andrea. „Ja, wertschätzend geschrieben. Frau Doktor Odem war zufrieden damit. Sie hat lange Zeit hier im Büro mit der Journalistin über alles gesprochen. Wobei ich keine Einzelheiten kenne. Ich habe den beiden lediglich einmal eine Tasse Kaffee ins Büro gebracht.“ „Und ist das Interview mit den Ihme News zustande gekommen?“ „Ich glaube nicht.“ Kapitel 9 Dienstag, 15. Mai Seit ungefähr zwei Tagen lief jetzt die Ermittlungstätigkeit der Mordkommission Dr. Odem auf vollen Touren. Der Mord an der Vorstandssprecherin des hannoverschen Bankhauses Berlinger stieß erwartungsgemäß auf großes Interesse bei den Medien, was Ansporn und vor allem Erfolgsdruck für Hauptkommissar Thomas Stelter und sein Team bedeutete. Seit gestern lag der endgültige Obduktionsbefund aus der Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule vor. Der Schnitt am Hals verlief fast horizontal, hatte neben den großen Arterien und Venen beidseits auch gleichzeitig die Luft- und Speiseröhre mit durchtrennt. Das Opfer war an den Folgen des massiven Blutverlustes und einer Luftembolie schnell verstorben. Ulrich Lindhoff war sich sicher, dass das Opfer nicht mehr in der Lage gewesen war zu schreien. Es hatte definitiv keine Vergewaltigung und keinen Abwehrkampf gegeben. Der Mörder (das Wort „Mörderin“ verwendete in diesem Fall momentan niemand im Team) musste sein ahnungsloses Opfer von hinten überrascht haben. So wie es aussah, war die Frau gerade mit dem Eintrag in das Logbuch des gefundenen Geocaches beschäftigt gewesen. Das rekonstruierte Szenario implizierte die folgenden Überlegungen: Hatte Nadine Odem den Täter für einen harmlosen Geocacher gehalten? War der Täter einfach zufällig vor Ort, oder hatte sie ihn womöglich auf dem Waldweg getroffen und war mit ihm ein Stück gemeinsam zum späteren Tatort gefahren? Kannte das Opfer seinen Mörder? Auf der Route von Kirchrode zum Misburger Wald gab es keine polizeilichen Überwachungskameras, die die Frau und einen eventuellen Verfolger aufgezeichnet haben könnten. Die Polizei hatte die Medien für einen Aufruf an die Bevölkerung genutzt. Gesucht wurden Zeugen, die Nadine Odem am Sonntag auf dem Weg zum Tatort gesehen hatten. Für die Mordkommission konnten Hinweise auf eine zweite Person, die Nadine beispielsweise mit dem Fahrrad begleitet hatte oder direkt hinter ihr hergefahren war, möglicherweise richtungsweisend sein. Tatsächlich hatte ein Spaziergänger Nadine Odem auf ihrem Fahrrad gesehen, wobei die Frau allein gewesen wäre. Der Mann konnte sich an weitere einzelne Radfahrer mit Schutzhelm und Trikot auf Rennrädern erinnern, denen er später begegnet war, ohne Angaben zum Gesicht oder zum Alter der Personen machen zu können. Den Hinweisen von Mareike Keppler über den vermeintlichen Geocacher an ihrem Gartenzaun waren die polizeilichen Ermittler recht zügig nachgegangen. Ihre Recherchen ergaben, dass der Cache im Gullydeckel tatsächlich an dem Freitag, an dem Nadine dem Mann den Tipp gegeben hatte, noch im Internet geloggt worden war – von einem Geocacher aus Hannover mit dem Nickname Hahn Solo 6. Mit dem Namen hatte sich der Geocacher auch auf der winzigen Papierrolle dieses Nano-Caches am 11. Mai handschriftlich eingetragen. Davor war der Cache zuletzt am 8. Mai von einer Frau gefunden und geloggt worden. Im wahren Leben hieß Hahn Solo 6 Ingo Hauser und arbeitete als Angestellter in einer IT-Firma. Er hatte sein Smartphone fürs Geocaching in Kirchrode verwendet, war seit zwei Jahren registriertes Premium-Mitglied der offiziellen Geocache-Datenbank im Internet und hatte dort als Kommentar zu seinem Log geschrieben: „Nach einer gründlichen Inspektion des mugglefreien Umfeldes konnte der Cache recht schnell gehoben werden.“ Für die Mordkommission war es nicht sonderlich schwierig, den Mann ausfindig zu machen. Bei seiner Befragung berichtete er, am 11. Mai mit dem Auto zum Geocaching gefahren zu sein. Er habe niemanden im Garten von Nadine Odem gesehen und mit niemandem gesprochen. Zur Tatzeit wäre er mit seiner Freundin am Maschsee gewesen, was diese bestätigt hatte. Aber wer war der Mann, der am 11. Mai kurz mit Nadine Odem an ihrem Grundstück geredet und womöglich ihre Planung für den Sonntag mitbekommen hatte? In das Logbuch des Geocaches im Gullydeckel hatte er sich nicht eingetragen, folglich auch nicht in der Online-Datenbank von Geocaching.com. Entweder hatte er den Nano-Cache trotz Nadines Hilfestellung nicht gefunden (angesichts des Schweregrades nicht völlig unwahrscheinlich), oder der Cache hatte ihn überhaupt nicht interessiert. Zumindest ließ sich ihm bisher kein eingeschaltetes Smartphone zuordnen, wobei Geocacher natürlich auch GPS-Handgeräte verwendeten, die nicht aktiv Signale senden und deshalb an Dritte keine Informationen über den eigenen Standort verraten. Bei der Befragung der Nachbarschaft von Nadine Odem kam heraus, dass eine ältere Frau, die einige Häuser weiter wohnte, den Mann mit dem Fahrradhelm neben dem Gartenzaun der Ermordeten gesehen hatte. Die Zeugin war dort am frühen Abend mit ihrem kleinen Hund spazieren gegangen und hatte bereits eine größere Entfernung vom besagten Eckgrundstück zurückgelegt, als der angeleinte Hund in die entgegengesetzte Richtung wollte. Die Frau hatte sich für einen kurzen Moment umgedreht und einen Mann wahrgenommen, der in den Garten von Nadine Odem schaute. Nach ihrer Beschreibung hatte der Mann – neben dem schwarz-weißen Schutzhelm – eine helle Jacke und Blue Jeans getragen. Die Angaben der Zeugin resultierten aus einer Beobachtung, die ein paar Sekunden angedauert hatte und aus größerem räumlichem Abstand erfolgt war. Die Frau war sich dennoch sicher, dass der Mann keinen Bart und keine Brille hatte. Der Fahrradhelm habe sämtliche Haare verdeckt. Insofern konnte es sich um eine Kurzhaarfrisur oder eine Glatze handeln. An weitere Details zum Gesicht des Mannes konnte sie sich nicht erinnern. Das Alter des fraglichen Geocachers grenzte die Zeugin mit „jung bis mittleres Alter“ ein. Den Mann hatte sie zuvor noch nie gesehen. Thomas Stelter war inzwischen darüber informiert, dass es in der jüngeren Vergangenheit keinen ähnlich gelagerten und bisher ungeklärten Mordfall wie diesen in anderen Städten und Bundesländern gegeben hatte. Die Auswertung der Handydaten des Opfers unterstrich die Einschätzung ihrer Ehepartnerin, dass Nadine Odem wenig mit Freunden, Bekannten und Familie kommuniziert und stattdessen für ihre Arbeit und ihre Hobbys gelebt hatte. Thomas Stelter konnte sich mit dem bisherigen Bild über das Opfer, dass es in Nadines Privat- und Berufsleben keine nennenswerten Konflikte gab, immer noch nicht anfreunden. Andrea Renner hatte gestern die Interviewanfragen der Hannoverschen Nachrichten und der Ihme News erwähnt. Thomas beauftragte Hauptkommissar Hayo Baumann, diesbezüglich mit beiden Zeitungen Kontakt aufzunehmen. Hayo sollte insbesondere die Journalistin, die vor ungefähr drei Wochen für die Hannoverschen Nachrichten in der Bank dieses längere Interview mit der Vorstandssprecherin geführt hatte, über Nadine Odem befragen. Solveig Jordan war bekannt als erfahrene Journalistin. Es war immerhin möglich, dass sie über interessantes Insiderwissen bezüglich der Vorstandsetage des Bankhauses verfügte oder im Interview Konflikte herausgehört oder gespürt hatte. Hayos Bericht über sein persönliches Gespräch mit Solveig Jordan bestätigte ansatzweise die Vermutung von Thomas Stelter. Die Journalistin war sehr angetan von ihrer toughen Interviewpartnerin und wollte herausgehört haben, dass ein anderer Kollege in der Bank durchaus scharf auf den Posten des Vorstandssprechers gewesen wäre. Allerdings würde er sich seine eventuelle Enttäuschung nicht anmerken lassen. Daraufhin hatte Hayo Baumann noch den Chefredakteur der Ihme News angerufen, aber der hatte ihm mitgeteilt, dass Nadine Odem keine Zeit für ein weiteres Interview mit ihm gehabt hätte, sodass ein persönliches Gespräch mit ihr nicht zustande gekommen wäre. „Ich glaube“, murmelte Thomas Stelter allein an seinem Schreibtisch vor sich hin, „die Aufklärung des Falles entwickelt sich zu einer harten Nuss.“ Kapitel 10 Mittwoch, 16. Mai „Was ist denn das für eine Scheiße?!“, rutschte es Hauptkommissar Thomas Stelter heraus. Er betrachtete das bedruckte weiße Blatt Papier auf seinem Schreibtisch, das er gerade mit Einmalhandschuhen aus dem ebenfalls weißen fensterlosen Umschlag im Format C5 gezogen hatte. Außer Andrea Renner und Raffael Störtebecker standen die Oberkommissare Arif Kimil und Jan Schuster um ihn herum, die ebenfalls der Mordkommission Dr. Odem angehörten. „Ach, jetzt wird’s aber irre“, kommentierte der dunkelhaarige Arif, ein mittelgroßer Mann um die vierzig mit türkischen Wurzeln, der schon jahrelang zum Kommissariat 1 gehörte. „Das sieht nach einer Nachricht des tatsächlichen Täters aus“, kommentierte Jan, ein drahtiger Typ Mitte dreißig. „Die Formulierung auf dem Umschlag war ja schon ein kleiner Hinweis auf einen außergewöhnlichen Inhalt.“ Der verschlossene Umschlag war ganz regulär mit der Post verschickt worden und heute angekommen. Die aufgedruckte Adresse, vermutlich von einem Tintenstrahldrucker, lautete: An die Mordkommission, die sich mit Nadine Odem beschäftigt Waterloostr. 9 30169 Hannover Rechts oberhalb der Anschrift befand sich eine Automatenbriefmarke, die gestern mit einem Stempel des Briefzentrums Hannover entwertet worden war. Ein Absender war nicht auf dem Umschlag vermerkt. Thomas hatte das Kuvert vorsichtig geöffnet, das genau dieses eine in der Mitte gefaltete Blatt enthielt. Auf die obere Blatthälfte war mit großen fetten Buchstaben ein Satz in der Schriftart Arial gedruckt worden: „Ich habe ihr den Atem genommen“. Auf der unteren Blatthälfte dokumentierte der Verfasser unmissverständlich, um wen es ihm ging. Thomas und alle Anwesenden starrten gleichermaßen auf das gedruckte Farbfoto, welches die auf dem Bauch liegende Nadine Odem zeigte. Das Gesicht der Frau war im Profil erkennbar, wobei der Kragen der weinroten Windjacke ihren Hals verdeckte. Die Frau lag im Wald, neben ihr waren ein Kugelschreiber, ein Smartphone und eine Tupperdose mit einer kleinen Spielzeugfigur zu sehen. „Das kann keine makabre Fotomontage sein“, äußerte Andrea mit gedämpfter Stimme. „Das ist direkt am Tatort fotografiert worden, wahrscheinlich kurz nachdem das Opfer getötet worden ist.“ „Dass jemand den Leichnam noch vor den beiden Geocachern gefunden hat und sich jetzt mit dieser geschmacklosen Nummer wichtigmachen will, kann man natürlich nicht ausschließen“, warf Arif ein. „Das stimmt“, erklärte Raffael und hob etwas oberlehrerhaft den rechten Zeigefinger. „Aber die Chance, dass wir es hier mit einer Botschaft des Täters zu tun haben, erscheint mir sehr groß. Schließlich haben wir solche Tatortfotos nicht an die Öffentlichkeit gegeben.“ „Und was ist die Botschaft?“, grunzte Thomas. „Der Verfasser hat Humor …“, äußerte Raffael spontan, der angesichts des irritierten Gesichtsausdruckes seiner Kollegen ergänzte: „Ich meine, er hat offenbar eine spezielle Art von schwarzem Humor. Er verknüpft in einem Wortspiel den Namen des Mordopfers, also die alte dichterische Bezeichnung für Atem, mit der vollzogenen Tötung, die Nadine Odem schließlich den Atem nimmt.“ Thomas und Arif guckten weiterhin irritiert. „Ich bin gespannt“, meinte Andrea, „ob er dieses dürftige ‚Bekennerschreiben‘ auch an andere Stellen schickt, wie beispielsweise die Presse.“ „Wenn uns der Täter schon ein Bekennerschreiben zukommen lässt“, sagte Jan in einem gespielt klagenden Tonfall, „hätte er sich wenigstens noch die Zeit nehmen sollen, es ordnungsgemäß mit seinem Absender zu versehen.“ „Da er das aber nicht getan hat“, warf Andrea ein, „untersuchen wir eben Umschlag und Blatt auf die typischen Druckerspuren, mögliche Fingerabdrücke oder Hautpartikel.“ Ihre Stimme bekam einen optimistischen Tonfall. „Vielleicht wissen wir bald mehr über den Absender, weil der Typ der irrigen Auffassung war, dass man auf Papier keine verräterischen Spuren hinterlässt.“ Thomas zuckte mit den Schultern. „Ich frage mich, aus welcher Motivation heraus er das Foto mit dem Einzeiler an die zuständige Mordkommission versendet“, brummte er. „Um sich aufzuspielen in dem Glauben, ihr kriegt mich doch nicht …? Ich denke, jetzt ist der richtige Moment, Mark Seifert anzurufen.“ Dr. Mark Seifert leitete als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit forensischer Erfahrung den Sozialpsychiatrischen Dienst der Region Hannover. Thomas Stelter hatte den Psychiater aufgrund seines kriminalistischen Spürsinns in den vergangenen Jahren öfters bei Mordermittlungen zur Erstellung eines psychologischen Täterprofils erfolgreich hinzugezogen. Kapitel 11 Freitag, 18. Mai Lara Klein las dieselben Textpassagen auf dem Computerbildschirm jetzt bereits zum dritten Mal. Verdammt, ich muss mich endlich konzentrieren, sonst baue ich wieder Mist. Es sind diese blöden Gedanken, die mich immer wieder rausbringen. Sie saß am Schreibtisch eines Doppelbüros ihrer zwanzig Jahre jüngeren Kollegin Romy Dudek gegenüber, die nach Beendigung eines Telefonats nahtlos wieder flüssig auf der Tastatur zu tippen begann. Lara und Romy arbeiteten als Sachbearbeiterinnen für Eingliederungshilfe bei der Region Hannover, einem Kommunalverband besonderer Art, der neben der niedersächsischen Landeshauptstadt noch zwanzig weitere Gemeinden umfasste. Der Arbeitsplatz der beiden Frauen befand sich im sechsstöckigen Haus der Region am Rand der Südstadt von Hannover. Es gehörte zu ihren Aufgaben, die Anspruchsvoraussetzungen von Menschen mit Behinderung auf Eingliederungshilfe sozialhilferechtlich zu prüfen. Dabei ging es insbesondere um die Einkommens- und Vermögensprüfung sowie die Prüfung der örtlichen Zuständigkeit. Lara und Romy forderten fachärztliche Stellungnahmen an, arbeiteten regelmäßig mit Ämtern und Einrichtungen zusammen und verfassten am Ende Bescheide mit eigenem Ermessensspielraum. So viele Vorgänge, die täglich über meinen Schreibtisch gehen. Ich kenne nicht die Menschen, nur ihre Akten. Lara tauchte schon wieder in ihre Gedankenwelt ein. Eine Behinderung ist für manche bestimmt ein schweres Schicksal. Schon verrückt, dass ich jeden Tag Behinderte unterstütze und selbst eine schlimme Behinderung hab, die ich verschweige. Sie versuchte sich wieder auf das Schriftstück zu konzentrieren, das ihr ein rechtlicher Betreuer per E-Mail zugeschickt hatte. Laras Behinderung hieß Alkohol. Und der hatte sie schon vor über zehn Jahren zunehmend aus der Bahn geworfen. Alle Höhen und Tiefen dieser Abhängigkeit hatte sie bereits durchlebt. Am Anfang war das Zeug eine willkommene Abwechslung, um den Schmerz zu betäuben. Da entschied sie noch selbst, wann sie sich zuschüttete. Belastende Themen gab es genug. Aber nach und nach verspürte sie den Zwang, ihren Körper den ganzen Tag über mit einem Alkoholpegel zufriedenzustellen. Sie konnte das Trinken nicht mehr kontrollieren und steigerte ihren Konsum immer mehr, um quälenden Entzugserscheinungen entgegenzuwirken. Im betrunkenen Zustand kam es zu fürchterlichen Streitereien mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Auf einmal ließ sie ihre Wut raus und beschimpfte die beiden. In dieser Phase riss der Alkohol wie eine unheilvolle Lawine sämtliche Hemmungen mit sich fort. Heute war sie froh, sich nicht mehr an alle grauenhaften Auseinandersetzungen erinnern zu können. Damals hatte sie wiederholt versprochen, mit dem Trinken aufzuhören. Aber sie schaffte es nicht, ihre Versprechen einzuhalten, und schämte sich, wenn sie in der Wohnung und am Arbeitsplatz heimlich kleine Schnapsflaschen versteckte. Ihr ganzes Streben zielte darauf ab, so bald wie möglich den nächsten Schluck zu nehmen. Die Behauptungen ihres Mannes, sie sei Alkoholikerin, wies sie wütend zurück. Sie leugnete jegliche Notwendigkeit, sich entgiften und suchttherapeutisch behandeln zu lassen. Natürlich bekam ihr Arbeitgeber zuletzt mit, was mit ihr los war. Als Verwaltungsangestellte hatte sie unentschuldigt gefehlt und war wiederholt mit einer Alkoholfahne am Arbeitsplatz aufgefallen. Mehrfache Aufforderungen des Arbeitgebers, sich in Behandlung zu begeben, hatte sie in den Wind geschlagen. Alles brach über ihr zusammen. Sie verlor ihre Arbeit, und ihr Mann ließ sich von ihr scheiden. Ihr Sohn, damals vierzehn, wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben und blieb beim Vater, dem das alleinige Sorgerecht zugesprochen wurde. Und das war nur der Anfang ihrer Talfahrt. Lara kam allein nicht klar, übernahm zwischendurch verschiedene Tätigkeiten, trank weiter und brach mehrfach mit Filmriss in ihrer neuen Wohnung zusammen. Schließlich wurde sie mit einem Unterbringungsbeschluss zur stationären Entgiftung in die Psychiatrische Klinik der Medizinischen Hochschule eingewiesen. Es blieb nicht bei dem einen Krankenhausaufenthalt. Lara wurde über Jahre immer wieder rückfällig und landete noch mehrmals, psychisch und körperlich in schlechtem Zustand, in der MHH-Psychiatrie. Dort lernte sie Petra kennen, eine langjährige trockene Alkoholikerin, die regelmäßig auf die Station kam, um ihre Selbsthilfegruppe vorzustellen. Mit großer Überwindung schaffte es Lara, sich einzugestehen, Alkoholikerin zu sein. Sie nahm sich ein Beispiel an Petra, einer zehn Jahre älteren Frau, die nach einer katastrophalen Phase des Leugnens konsequent zu ihrer Alkoholabhängigkeit stand und durch regelmäßige Teilnahme an der Selbsthilfegruppe abstinent geblieben war. Lara rang sich mit Petras Unterstützung dazu durch, eine stationäre Entwöhnungstherapie für Abhängige zu machen, die im Anschluss im ambulanten Rahmen in Hannover weitergeführt wurde. Während sie an den ambulanten Einzel- und Gruppengesprächen teilnahm, ging es langsam wieder bergauf. Sie bekam letztes Jahr ihre jetzige Stelle bei der Region Hannover. Im Bewerbungsgespräch konnte sie sich als stabile und Zuverlässigkeit ausstrahlende Frau präsentieren. Dabei gestand sie ein, „lange zurückliegende und überwundene depressive Phasen“ gehabt zu haben. Die Alkoholabhängigkeit wurde in ihren Arbeitszeugnissen nie erwähnt. Lara konnte damals fast körperlich spüren, wie uneins sich das Auswahlgremium war, diese Frau mittleren Alters mit einer psychischen Störung in der Vorgeschichte einzustellen. Umso dankbarer war sie, als die Region Hannover bereit war, dieses Risiko mit ihr einzugehen und ihr eine neue berufliche Chance zu geben. Und wenn Lara in der halbjährigen Probezeit keine vernünftigen Leistungen zeigte und häufig fehlte, war sie ihre Stelle schnell wieder los. Auf keinen Fall wollte sie ihren neuen Arbeitgeber enttäuschen, der großes Vertrauen in sie gesetzt hatte. Ihre Probleme mit Alkohol hielt sie am Arbeitsplatz geheim. Ich muss diese Gedankenketten unterbrechen und nicht ständig in die Vergangenheit abdriften, rief sich Lara im Stillen zur Ordnung, als sie merkte, dass Romy mit fragender Miene zu ihr herübersah. „Ist was mit dir?“, fragte ihre Kollegin fürsorglich. „Ich hab schon die ganze Woche den Eindruck, dass dich etwas belastet. Geht’s um Timo …?“ „Nein, privat gibt’s keine Probleme“, schwindelte Lara. „Ich hab manchmal so Hitzewallungen, wahrscheinlich die Hormone.“ Die Andeutung, ihr könnten die ersten Auswirkungen der Wechseljahre zu schaffen machen, klang im Fall von Lara, die übernächsten Monat fünfundvierzig wurde, durchaus plausibel. Aber die hormonellen Beschwerden waren nur ausgedacht. „Du Ärmste“, murmelte ihre Kollegin und gab sich damit zufrieden. Romy war eine nette und lebenslustige junge Frau. Ihr hatte Lara anvertraut, dass sie dabei war, den Kontakt zu ihrem inzwischen 22-jährigen Sohn Timo wiederherzustellen. Vor ein paar Wochen hatte sich Lara von ihr überreden lassen, abends gemeinsam durch Hannover zu ziehen. Ein Abend, der Lara eine bittere und lebenswichtige Erfahrung bescherte. Völlig unbekümmert hatte Romy in einer Bar zwei Cocktails für sie beide bestellt. Lara war nach so langer Trockenheit der Meinung gewesen, es bei dem einen Glas Alkohol bewenden zu lassen. Aber auf das erste folgte das zweite und dritte, und sie stürzte ab wie früher. Nach diesem Abend saß Lara der Schreck in allen Gliedern. Ihr war deutlich geworden, wie zerbrechlich ihre aktuelle Stabilität war. Seitdem hielt sie zu Romy Distanz und ging nicht wieder mit ihr auf Tour. Heute ist mein Tag X. Wenn mein Plan funktioniert, ist es der erste persönliche Kontakt seit Jahren. Es hängt so viel davon ab. Mein ganzes Leben … Sie tippte fast mechanisch einige der üblichen Formulierungen in die Tastatur. Ihre Arbeit durfte sie nicht vernachlässigen! Für eine Mutter ist es das Schlimmste, wenn der eigene Sohn nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Ich liebe ihn doch. Lara schaffte es nur vorübergehend, die volle Aufmerksamkeit ihrer Arbeit zu widmen. Zum Glück war heute Freitag und um 12:30 Uhr Dienstschluss. Mit Timo und ihrem Ex-Mann Sven hatte sie sich seit Jahren nicht mehr persönlich getroffen. Zu massiv war die Ablehnung insbesondere von Timo, der seine Mutter seit der Scheidung um keinen Preis besuchen wollte. Lara wusste, dass Timo noch mit seinem Vater zusammenwohnte und inzwischen in Hannover studierte. Wenn sie versuchte, ihren Sohn anzurufen, beendete der sofort das Gespräch. Bei Sven hatte sie es immerhin vor ein paar Wochen geschafft, mit ihm ein kurzes Telefonat zu führen. Er war ablehnend, aber in den darauffolgenden Wochen hatte er sich dennoch auf weitere Anrufe von ihr eingelassen. Ich kann Svens abweisende Haltung verstehen, nach allem, was er mit mir durchgemacht hat. Ich war damals zuletzt total ekelhaft zu ihm. Aber nach meinem schrecklichen Absturz weiß ich zu schätzen, was ich früher an ihm hatte. Ich glaube, ich würde alles dafür geben, ihm und Timo wieder näherzukommen. Wenn ich Sven zurückgewinne, schaffe ich es vielleicht auch bei Timo. Sie brauchte einen kurzen Ortswechsel, verließ das Büro, um die Damentoilette aufzusuchen. Über dem Waschbecken betrachtete sie kritisch das eigene Spiegelbild. Dabei strich sie mit beiden Händen ihre mittellangen rotblonden Haare zur Seite. Wenn ich mich gut zurechtmache, wird ihm das gefallen. Vor unserer Scheidung hab ich mich zuletzt völlig gehen lassen. Die ersten Jahre nach unserer Hochzeit, als wir eine kleine Familie wurden, waren wir total glücklich miteinander. Er ist auf meine Wünsche eingegangen, war selbst so weich. Ich mochte seine anfängliche Schüchternheit, als wir uns kennenlernten. Nach unserer Trennung hatte ich mit einem Mann keine ernsthafte Beziehung mehr. Und wenn es stimmt, was Sven am Telefon erzählt hat, hat er ebenfalls momentan keine Partnerin. Zurück im Büro brachte sie den allernotwendigsten Schriftkram zu Ende. Dann machte sie pünktlich Feierabend. Im Supermarkt gegenüber kaufte sie noch einige Lebensmittel und Getränke ein. Eine besondere Herausforderung war der Gang mit den alkoholischen Getränken. Sie musste sich jedes Mal aktiv dagegen wehren, um nicht wie früher einfach zuzugreifen. Das Böse ist immer und überall, ging ihr spontan die Textzeile eines Schlagers ihrer Kindheit durch den Kopf. „Mordkommission erhält Brief von Nadine Odems Mörder“, verkündete das TAGESBLATT Hannover auf seiner ersten Seite. Lara griff nach der Zeitung und las schnell die ersten Sätze des Artikels. Der Täter schreibt der Polizei?! Unfassbar. Was geht da im Gehirn eines Menschen ab, der sinnlos einen anderen Menschen ermordet …? Über den Inhalt des Schreibens stand nichts in dem Artikel. Wahrscheinlich hält die Kripo das geheim. Mit großem Interesse hatte sie jeden Tag die Berichterstattung der Presse über den Mord an der Bankerin verfolgt. In ihrer Wohnung, die im nördlichen Teil von Hannover lag, fiel ihr Blick im Flur als Erstes auf die leeren Pappkartons, die sich schon wieder angesammelt hatten. Lauter Verpackungen ihrer Bestellungen bei diversen Online-Shops. Alles Frustkäufe, weil ich seit Ewigkeiten ziemlich isoliert bin und fast immer alleine in meiner Bude hocke. Und als Highlight meiner Kaufwut bekomme ich zusätzlich diese sinnlosen Prämiengeschenke zugesandt. Die einzige regelmäßige Besucherin ihrer Wohnung war Petra, die jeden Sonntagvormittag zum Frühstück kam. Für Lara ein willkommener Anreiz, ihre Wohnung nicht wie früher komplett vermüllen zu lassen. Die beiden Frauen hatten vereinbart, dass Petra immer Laras Wohnungsschlüssel mitnahm, damit sie im Zweifelsfall die Tür aufschließen konnte, wenn Lara wegen eines Alkoholrückfalls dazu nicht mehr in der Lage sein sollte. Darüber hinaus hielt Lara regelmäßigen Kontakt zur Selbsthilfegruppe. Sven wollte sich am Telefon nicht auf ein Treffen mit mir einlassen. Es funktioniert nur, wenn ich ihn vor vollendete Tatsachen stelle. Ich hoffe, dass er mir persönlich nichts abschlagen wird. Um sechzehn Uhr ist er freitags immer zu Hause, hat er erzählt. Ich hab ihn geschickt ausgehorcht. Er ahnt nicht, dass ich heute vor seiner Tür stehe. Laras Anspannung wuchs. Hoffentlich krieg ich vor Aufregung keinen Durchfall. Ich tu unschuldig und sage, ich war zufällig in der Nähe und hab mir gedacht, einfach mal zu klingeln. Sie zog sich im Badezimmer um, entschied sich für ein sportliches Outfit mit Pulli, Jacke und Sneakers. Danach nahm sie sich ausreichend Zeit für ihr Make-up. Richtig geschminkt hab ich mich zuletzt bei meiner unsäglichen Sause mit Romy. Mit ihrem Hyundai i10 fuhr sie zurück in die Südstadt, wo Sven mit Timo in einer Mietwohnung lebte. Ich genieße es, mir wieder einen Kleinwagen leisten zu können und nicht mit den vollgestopften Öffis fahren zu müssen. Sie arbeitete seit Monaten im selben Stadtteil, hatte aber dort weder ihren Mann noch ihren Sohn getroffen. Was zum einen sicherlich daran lag, dass die Südstadt eine große Fläche mit zahlreichen Wohnhäusern umfasste. Zum anderen hatte sie sich bis heute nicht getraut, sich Sven und Timo persönlich zu nähern. Es war 16:30 Uhr. Die Wohnung ihres Ex-Mannes befand sich im zweiten Stock eines dieser vierstöckigen Häuser, die sich zu beiden Seiten der Straße aneinanderreihten, immerhin mit Balkon und kleinem Vorgarten. Eine Grünanlage mit Spielplatz war nicht weit entfernt. Dem Hauseingang schräg gegenüber fand sie einen Parkplatz. Svens Auto, ein schwarzer Rover Mini, stand direkt vor der Tür. Sie hatte plötzlich das Gefühl, schlecht Luft zu bekommen, klammerte sich am Lenkrad ihres stehenden Fahrzeugs fest. Was ist los mit mir? Wenn ich es jetzt nicht wage, mache ich es nie. Timo wird nicht mit mir sprechen, aber Sven. Ich werd ihn bitten, dass wir gemeinsam einen Spaziergang machen. Ganz bewusst atmete sie langsam tief ein und aus. Mir ist flau im Magen. Ich hätte vorher was Vernünftiges essen sollen. Aber insgeheim hatte sie gehofft, mit Sven gemeinsam in einem der Bistros eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Sie stieg aus und überquerte die Straße. Auf dem Gehweg vorm Eingang blieb sie stehen und ließ den Blick an der Hauswand nach oben bis zum zweiten Stock schweifen. In einem der Fenster hatte sich für eine Sekunde die Gardine bewegt, die Konturen einer Person waren kurz sichtbar. Ist das Timo gewesen? Oder Sven? Bilder überfluteten sie, verbunden mit Herzklopfen und der Panik, in diesem Moment etwas Fürchterliches loszutreten. Vor ihrem geistigen Auge erschien ihr Mann, dann ihr Sohn. Beide hatten den Mund weit aufgerissen, als würden sie schreien. Soll ich umkehren? Die Bilder verschwanden von einer Sekunde zur anderen. War ja klar, dass ich Muffensausen bekomme. Aber ich ziehe es durch. Sie ging zum Hauseingang und klingelte bei „Klein“. Als nach einer halben Minute keine Reaktion erfolgte, drückte sie den Klingelknopf zweimal hintereinander erneut. Hat mich einer von ihnen am Fenster gesehen? Und jetzt tun sie so, als ob keiner zu Hause wäre? Nach einem weiteren Versuch ging sie zu ihrem Wagen und fuhr weg. * Sven Klein mochte die Drei-Zimmer-Wohnung, in der er seit Jahren mit seinem Sohn Timo zusammenlebte. Die Südstadt bot ihm alles, was er schätzte: den Maschsee, die Eilenriede, Museen, Fitnessstudios, Biergärten und jede Menge Einkaufsmöglichkeiten. Auf seinen Wagen, einen über zwanzig Jahre alten Rover Mini, ein britisches Exportfahrzeug mit Steuerrad links, war er als Liebhaber dieses Kult-Autos besonders stolz. Auch Timo durfte gelegentlich damit fahren, wobei diesem ein Auto mit moderner technischer Ausstattung lieber gewesen wäre. Sven arbeitete im Fachbereich Gebäudemanagement der Stadt Hannover, war dort Teamleiter für das Sachgebiet Finanzen, Rechnungswesen und Controlling. Die belastenden familiären Konflikte hatten Vater und Sohn fest zusammengeschweißt. Ihre gute Beziehung hatte selbst Timos Pubertät problemlos überstanden. Darin sah Sven die Erklärung, dass Timo bisher keine Anstalten machte auszuziehen. Aber spätestens, wenn er sein Studium abgeschlossen hatte, würde es so weit sein. Das letzte längere Treffen mit Lara lag Jahre zurück. Ein paar Mal waren sie sich danach in einiger Entfernung kurz über den Weg gelaufen, in einer Stadt wie Hannover unvermeidlich. Jetzt rief ihn Lara seit Wochen in gewissen Abständen auf dem Festnetz an. Die Telefonate wurden immer länger. Sven wollte sich auf keinen Fall mit ihr verabreden. Das hatte er Timo versprochen. Und plötzlich kreuzte sie vor seinem Haus auf! Durch Zufall hatte er sie vom Fenster aus gerade noch rechtzeitig auf der Straße erkannt. Timo war noch in der Uni. Sven hatte gerade seine Sporttasche gepackt und wäre ihr beinahe unten in die Arme gelaufen. Als es mehrfach klingelte, reagierte er nicht. Sie sollte glauben, dass er ausnahmsweise noch nicht zu Hause war. In ausreichendem Abstand von der Gardine konnte er beobachten, wie Lara in ihren Wagen stieg. Sie haut ab. Schwein gehabt! Er wartete noch eine Viertelstunde, dann verließ er die Wohnung. Sven, sechsundvierzig, kurze dunkelblonde Haare, leicht angegraut, war schlank und wirkte körperlich fit. Er hatte sich etwas vorgenommen und wollte nicht zu spät kommen. Im Treppenhaus hörte er, wie unten die Haustür aufgeschlossen wurde. Gleich darauf kam ihm Annika Brennecke entgegen, eine ungefähr gleichaltrige Frau mit langen braunen Haaren, die im ersten Stock wohnte. Sie blickte auf die Sporttasche in seiner Hand und fragte ihn mit spöttischem Unterton: „Na, noch was für den Körper tun, Sven?“ „Deinem scharfen Blick entgeht einfach nichts“, antwortete er ironisch. Dann sah er zu, dass er ohne ein weiteres Wort schnell an ihr vorbeihuschte. Wenn ich ein Gespräch zulasse, verhakeln wir uns nur. Vor vier Wochen hatten sie sich einmal hier in der Südstadt „auf ein nachbarschaftliches Getränk“ in einer Kneipe verabredet, waren anschließend im angeheiterten Zustand in ihrer Wohnung miteinander im Bett gelandet. Wobei er noch in derselben Nacht wieder gegangen war und die restlichen Stunden bis zum Morgen in seinen eigenen vier Wänden geschlafen hatte. Am nächsten Tag hatte er sich ihr gegenüber so benommen, als wäre nichts gewesen. Seitdem herrschte eine merkwürdige unausgesprochene Beziehung zwischen den beiden. Sven versuchte, ihr möglichst wenig über den Weg zu laufen. Was innerhalb desselben Hauses nicht wirklich funktionierte. Er verließ das Haus und war erleichtert, die Begegnung mit Annika schnell hinter sich gebracht zu haben. Erfreulicherweise parkte sein Auto heute einmal direkt vorm Hauseingang. Das klappte nicht immer in der Südstadt. Schwungvoll verstaute er die Sporttasche im Kofferraum und setzte sich ans Steuer. Bevor er losfahren konnte, öffnete jemand die Beifahrertür. Völlig überrascht drehte er den Kopf nach rechts und zuckte unwillkürlich zusammen. Ach, du Scheiße! Heute ist wirklich nicht mein Tag. Da stand Lara auf dem Gehweg neben dem Auto. Bevor er protestieren konnte, nahm sie bereits auf dem Beifahrersitz Platz und schloss die Tür. Sven fühlte sich ausgetrickst, hatte sofort die Vermutung, dass Lara nur ein kleines Stück mit dem Wagen weitergefahren war und sich dann vermutlich vorm Eingang des Nebenhauses versteckt hatte, um auf ihn zu warten. Ich hatte nur meinen Wagen im Blick, hab sie gar nicht bemerkt. „Hallo Sven“, meinte Lara mit einem verlegenen Lächeln, „ich freu mich, dich zu sehen.“ „Wo kommst du denn her?“, brummte er. „Hast du mir aufgelauert?“ „Nein, ich bin ganz zufällig hier … und da war auf einmal der Wunsch, dich persönlich zu sehen.“ Sie hatte etwas Flehendes in den Augen. „Vorhin hatte ich schon mal geklingelt, aber da warst du noch nicht zu Hause. Ich bin kurz weggefahren, hab was erledigt und mir dann überlegt, noch mal wieder zurückzugehen und mein Glück erneut zu probieren. Toll, dass es geklappt hat.“ Zufällig … ich glaub dir kein Wort, schoss es ihm durch den Kopf. Wenn ich dich nicht gleich rausschmeiße, sülzt du mich wieder voll. Wehret den Anfängen! „Unsere Telefonate haben mich in den letzten Wochen aufgebaut und mir wieder Lebensmut gegeben“, sagte sie mit anscheinend echter Begeisterung. „Danke, dass du die Gespräche nicht gleich abgebrochen und mir zugehört hast.“ Sven wollte ihr verärgert mitteilen, dass er am Telefon klar gesagt hätte, dass weder er noch Timo sie persönlich treffen möchten. Aber ihre freundlichen Worte machten es ihm jetzt unmöglich, seine Ablehnung zu formulieren. Stattdessen murmelte er: „Ist ja schön, dass du das so siehst.“ Wenn sie gefeixt hätte, ihn überlistet zu haben, wäre es ihm leichtgefallen, ihr kontra zu geben. Aber das tat sie nicht. „Hättest du heute Zeit für einen kleinen Spaziergang?“, fragte sie mit gesenktem Blick. „Geht leider nicht. Ich muss zum Sport.“ „Fußball – wie früher?“ Sven hatte vor Jahren ein wenig im Verein gekickt. Es gab harmonische Zeiten, da hatten Lara und er im Fußballtrikot gemeinsam beim Public Viewing die Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft verfolgt. Mit dem Wort Fußball löste Lara bei ihm schlagartig positive Erinnerungen aus, wenn auch nur für Sekunden. „Nein, Fitnessstudio“, antwortete er laut, und unterbrach selbst die sentimentalen Bilder. „Merkt man gleich. Gut siehst du aus“, lobte sie. „Zu welchem Fitnessstudio fährst du denn?“ „Fitness for all in der Südstadt.“ „Trainiert Timo da auch?“ „Nein, der macht Hochschulsport.“ „Und du fährst jeden Tag nach Dienst ins Fitnessstudio …?“ „Ach was, meistens nur dienstags und freitags.“ Sie wickelt mich ein, ich muss sehen, dass ich hier wegkomme – ohne sie. „Ich muss jetzt los“, sagte er mit Nachdruck. „Nach dem Training fahre ich direkt zum Stammtisch mit Arbeitskollegen.“ Er legte die rechte Hand symbolisch auf den Schalthebel. Noch machte sie keine Anstalten, den Wagen zu verlassen. Stattdessen meinte sie: „Ich bin jetzt stabil, habe seit Jahren keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken.“ „Das mit dem Alkohol hast du mir schon am Telefon erzählt.“ „Es gab mal eine Zeit, da haben wir uns sehr geliebt …“ Er bemerkte, wie sich ihre linke Hand seiner rechten näherte, und zog die Hand rechtzeitig zurück. „Und dann kam die Zeit“, konterte er, „da hast du mir ins Gesicht geschrien, dass du mich hasst, mich und Timo.“ „Das war nicht ich, das war der Alkohol“, beteuerte sie. „Durch unseren gemeinsamen Sohn sind wir immer miteinander verbunden.“ „Ich verspäte mich“, äußerte er unwillig, „ich würde jetzt gerne fahren.“ „Ja natürlich, entschuldige. Können wir statt heute am kommenden Wochenende spazieren gehen?“ „Am Samstag und Sonntag bin ich schon verplant.“ „Dann am Tag darauf …? Das ist Pfingstmontag.“ „Na gut, okay. Pfingstmontag. Aber nicht hier in unmittelbarer Nähe. Wegen Timo.“ Sie strahlte und schlug einen Treffpunkt am Montagnachmittag im Tiergarten in Hannover-Kirchrode vor. Sven willigte ein und war froh, dass Lara endlich ausstieg. Mit einem gequälten Lächeln erwiderte er ihr freudiges Winken zum Abschied. Ach, du meine Güte, dachte er sich. Wie wird das enden?! * Als Sven abends den Flur seiner Wohnung betrat, hörte er Geräusche aus Timos Zimmer. Sein Sohn war also zu Hause. Für Sven nicht selbstverständlich. Timo war oft bis spät in die Nacht unterwegs, mit Kommilitonen – wie er immer sagte –, „die du eh nicht kennst, Papa“. Seit Neuestem engagierte er sich für Tierrechte, obwohl er früher ein Riesenfan von Steaks und Schinkengrillern gewesen war. Sven klopfte an die geschlossene Zimmertür. Zwar hatte Timo schon seit Längerem keine junge Frau mehr zu Besuch gehabt, aber das konnte sich womöglich schlagartig ändern. Momentan war Sven sich unsicher, ob sein Sohn momentan überhaupt eine Freundin hatte. In solchen Angelegenheiten hielt sich Timo gerne bedeckt. Ein kurzes „Ja“ war die Reaktion auf Svens Klopfen. Timo saß auf einem Drehstuhl am Schreibtisch, hatte einen Controller in beiden Händen und versuchte die virtuelle Autojagd auf dem Monitor für sich zu entscheiden. Auf dem Drucker neben dem Schreibtisch türmte sich ein Stapel Unterlagen, die Sven mit Timos Studium Bau- und Umweltingenieurwesen in Verbindung brachte. Das Zimmer war ansonsten praktisch eingerichtet mit einer relativ neuen Ausziehcouch, Timos altem Kleiderschrank aus der Schulzeit, einem breiten Regal mit Flachbildfernseher sowie Tisch und Stuhl. Timo unterbrach das Videospiel, fuhr sich mit der linken Hand über die kurzen blonden Haare. Während er sich umdrehte, begrüßte er seinen Vater mit der obligatorischen Floskel: „Und, was geht ab?“ „Alles okay“, behauptete Sven. Timo, der inzwischen ungefähr Svens Körpergröße hatte, presste skeptisch die Lippen aufeinander. Seine Gesichtszüge erinnern mich an Lara, ging Sven durch den Kopf. Aber das mag er nicht hören. „Wenn du so guckst, ist irgendetwas mit dir?!“, bohrte Timo. „Nein, alles okay.“ „Ich kenn dich doch!“, ließ Timo nicht locker. Sven rang einige Sekunden mit sich, dann sagte er: „Ich treffe mich mit ihr.“ „Mit wem?“ Timo musste nicht lange überlegen: „Etwa mit Lara?!“ „Ja, mit deiner Mutter.“ In Timos Mimik spiegelten sich Fassungslosigkeit, Entsetzen und Ärger wider. „Du hast mir versprochen, sie nie wieder in unser Leben zu lassen! Aber als du sie am Telefon nicht gleich abgewimmelt hast, war schon klar, worauf das hinausläuft!“ „Ich will eigentlich auch keinen Kontakt mit ihr“, versuchte Sven seinen Sohn zu beschwichtigen. „Aber es fällt mir schwer, sie ganz abzuweisen. Und sie ist deine Mutter.“ „Ja, sie hat mich mal zur Welt gebracht.“ Timo lachte spöttisch, warf den Controller zur Seite und ballte die Fäuste. „Aber meine Mutter ist sie schon lange nicht mehr! Du darfst dich auf keinen Fall mit ihr treffen!“ Seit der Trennung bezeichnete Timo sie nur noch als „Lara“, wenn er über seine Mutter sprach, was selten genug passierte. „Sie hat mir heute vorm Haus aufgelauert. Ich hab zugesagt, dass wir am Montag im Tiergarten spazieren gehen.“ „Sag das ab!“ „Das geht nicht mehr“, sagte Sven ohne großen Nachdruck. „Sie hat mein Versprechen. Das wäre unfair.“ „Weißt du noch, wie oft Lara ihre Versprechen, nicht mehr zu saufen, gebrochen hat?!“, fuhr Timo aus der Haut. „Mir ist sehr genau in Erinnerung, was sie uns jahrelang angetan hat! Wie sie dich aufs Übelste beleidigt und mehrfach auf dich eingeschlagen hat. Und alle möglichen Sachen, die wir beide geliebt haben, sind ihrer blinden Zerstörungswut zum Opfer gefallen.“ „Ich weiß …“ „Die Zeit war einfach nur grauenhaft.“ Timo redete sich in Rage. „Damals dachte ich, es würde nie aufhören. Und wenn du einkaufen warst, weil Lara mit ihrem besoffenen Kopf dazu nicht mehr in der Lage war, hat sie ihre Wut an mir ausgelassen.“ „Ich kann auch die Gründe verstehen, warum sie zu trinken angefangen hat.“ Timo ließ den Satz seines Vaters unkommentiert und forderte ihn auf: „Beende das mit Lara, bevor alles wieder von vorne anfängt!“ Kapitel 12 Samstag, 19. Mai Die Vorstellung, sein getötetes Opfer nicht nur zu fotografieren, sondern den Tötungsakt und die letzten Sekunden davor per Video aufzuzeichnen, erfüllte ihn mit Vorfreude. Bereits im normalen Internet gab es ein reichhaltiges Angebot an Spionagebrillen. Er hatte sich im Darknet eine derartige Brille bestellt und auf dem Postweg zuschicken lassen – von einem Händler, der angesichts seiner Angebotspalette sicher keine Anfragen der Polizei nach einem möglichen Käufer aus Hannover beantworten würde. Wenn er sich im Internet bewegte, war er sich stets bewusst, dass er sich vor einer späteren Nachverfolgung durch die Polizei schützen musste. Gleich am Vormittag begann er, sich mit den Funktionen der ausgepackten Brille vertraut zu machen. In der schwarzen Kunststofffassung, die nur Brillengläser aus Fensterglas umschloss, war vorne links eine Mini-Kamera eingebaut. Mit nur einem einzigen Knopfdruck ließ sich die Videoaufzeichnung starten. Eine besondere Funktion hatte der linke Brillenbügel. Hier befand sich vorne auf der Innenseite, mit dem Daumen gut erreichbar, der unauffällige Knopf zum Ein- und Ausschalten, im unteren Bereich die USB- und Speicherkartenschnittstelle. Auf der eingelegten Micro-SD-Speicherkarte konnten die Videoaufnahmen gespeichert werden. Über den USB-Anschluss wurde die Spionagebrille mit dem PC verbunden, um Daten überspielen und anschließend bearbeiten zu können. Laut Beschreibung erreichten die Aufnahmen HD-Qualität. Genau so will ich es haben. Genial. Ich hoffe, dass später im Einsatz alles so abläuft wie versprochen. Er hatte gelesen, dass es selbstverständlich nicht erlaubt war, Menschen ohne deren Genehmigung heimlich zu filmen. In meinem Fall sind die gefilmten Personen eh nicht mehr in der Lage, dagegen zu protestieren. Spionagebrillen wie seine konnten selbst bei Amazon oder eBay in großer Auswahl legal erworben werden. Gesetzlich verboten waren lediglich Spionagekameras, die nicht nur Bilder und Videos aufzeichnen, sondern diese gleichzeitig an andere Empfänger kabellos senden konnten. Das passende Etui hatte der Hersteller gleich mitgeliefert. Er ging ins Badezimmer, setzte die Brille auf und betrachtete sich im Spiegel. Sieht aus wie eine x-beliebige moderne Brille. Völlig unauffällig, wenn ich mich damit in der Öffentlichkeit bewege. So bald wie möglich probier ich das aus. Da hätt ich schon früher drauf kommen können. Schade, dass ich das Teil bei der Schächtung von Nadine Odem noch nicht hatte. Manche Ideen kamen ihm erst nach und nach. Auch das gelungene Wortspiel mit Atem und Odem in der Botschaft an die Polizei war ihm erst kurz vorher eingefallen. Das ganze Projekt war eine Versuchung, die er zunehmend als angenehm empfand. Aber es hatte auch eine Zeit lang gedauert, bis er sich endgültig dazu hatte durchringen können. Die Erstellung und das Absenden der Nachricht für die Mordkommission hatten ihn beträchtliche Mühe gekostet. Zunächst ging es darum, sich darüber zu informieren, welche Informationen die Polizei einem gedruckten Blatt Papier entnehmen konnte. Farblaserdrucker zum Beispiel versahen ihre Ausdrucke automatisch mit einem fast unsichtbaren gelben Code aus Pünktchen, der Aufschluss über die eindeutige Seriennummer des Druckers sowie Datum und Uhrzeit gab. Außerdem fanden sich beim Laserdrucker auf dem Papier alle Schäden und Abnutzungsspuren der Belichtungstrommel wieder. Ein Thermodrucker hinterließ charakteristische vertikale Streifen auf dem Blatt, da die Heizelemente nie perfekt gleich waren. Er hatte sich für die Verwendung eines bestimmten Tintenstrahldruckers entschieden, der es den Ermittlern sehr schwierig machte. Das Fehlerbild durch verstopfte Düsen veränderte sich nach Einsatz des Reinigungsprogrammes ständig. Die Positionierung des in die Tintenpatrone integrierten Druckkopfes war nach dem Patronenaustausch ebenfalls völlig anders. Was allerdings gleich blieb, selbst nach Auswechselung von Verschleißteilen, waren die typischen Spuren, die der Einzelblatteinzug hinterließ. Aber um ihm darüber auf die Schliche zu kommen, musste die Polizei über vergleichbare von ihm gedruckte Schriftstücke verfügen oder den Drucker in seinem Raum ausfindig machen. Der größte Arbeitsaufwand bestand für ihn darin, keine Fingerabdrücke, Schweißtropfen oder Speichel auf dem Blatt, der Briefmarke oder dem Umschlag zu hinterlassen. Es durften auch keine Hautpartikel oder Textilfasern im Kuvert landen. Dazu fuhr er das volle Programm, ging absolut auf Nummer sicher. Er arbeitete auf Einmalunterlagen durchgängig mit Mund-Nasen-Schutz, Einmalhandschuhen, -haube, -schutzkittel und -plastiktüten, ließ Umschlag und Druckerpapier bis zum Gebrauch in der Verpackung. Seinen Oberkörper hielt er beim Verschließen des Umschlags immer leicht nach hinten gebeugt. Besonders wichtig war es, diese Arbeit ohne Störung von außen durchziehen zu können. Aber das Ganze ging schneller als gedacht. In dieser Situation fühlte er sich wie ein Wissenschaftler in einem Forschungslabor, der sich mit sämtlichen Vorsichtsmaßnahmen vor einem unsichtbaren, aber lebensgefährlichen Virus schützen musste. Eine größere Menge Briefmarken hatte er sich irgendwann spätabends aus einem Automaten vor einem Postamt besorgt und dabei Handschuhe getragen. Zwischenzeitlich war ihm der Gedanke gekommen, mit seinen Sicherheitsmaßnahmen zu übertreiben. Auf der anderen Seite hatte er gewaltigen Respekt vor den heutigen Möglichkeiten der kriminaltechnischen Untersuchung. Außerdem fand er zunehmend Gefallen an diesem Tun. Als ihm die Szene, wie er den Brief abgeschickt hatte, wieder einfiel, musste er unwillkürlich lachen. Im Dunkeln hatte er den Umschlag in einen abgelegenen Briefkasten eingeworfen. Das Irrwitzige war der Weg dorthin. Den Umschlag hatte er, verpackt in einem Gefrierbeutel, in einer Konferenzmappe mit Schultergurt transportiert. Seine Hände steckten in Einmalhandschuhen, die er in seinen Jackentaschen verborgen hielt. Wirklich abgefahren! Dieser Brief an die Mordkommission … einfach ein geiles Retro-Feeling … wie bei J. Adam. Die Bestellung der Spionagebrille war gleichzeitig die Entscheidung fürs Weitermachen. Ich weiß jetzt, wer die nächste Frau ist. Kapitel 13 Samstag, 19. Mai Lara Kleins Stimmung befand sich seit gestern in einem Höhenflug, wie sie ihn zuletzt am Tag der Stellenzusage bei der Region Hannover erlebt hatte. Und die Ursache dieses Glücksgefühls stand eindeutig fest. Zum ersten Mal nach der selbstzerstörerischen Trennung hatte Sven ihr versprochen, wieder etwas gemeinsam mit ihr zu unternehmen. Das, was sich Lara in den letzten Wochen erträumt hatte, war Wirklichkeit geworden. Ihre Hoffnung, dass sich Sven im direkten Kontakt zugänglicher als am Telefon zeigte, hatte das kurze Gespräch im Auto tatsächlich bestätigt. Jetzt würde sie am Ball bleiben und sich richtig ins Zeug legen, um Sven zurückzugewinnen … und durch ihn Timo. Dabei kalkulierte sie ein, dass sich der Prozess der Wiederannäherung über viele Monate hinziehen konnte. Aber die Zeit würde sie sich und ihrer Familie geben. Lara steckte voller Tatendrang und hatte zunächst keine Vorstellung, wie sie ihn produktiv nutzen konnte. Spontan kam ihr der Einfall, online eine Jahresmitgliedschaft bei Fitness for all in der Südstadt zu buchen. Auf der Stelle setzte sie den Gedanken um. Damit war gewährleistet, dass ihr persönliches Band nicht gleich wieder abriss. Wir können zusammen sein, aber jeder macht sein eigenes Training, ohne uns zu sehr auf die Pelle zu rücken. Immer noch ganz euphorisch besuchte sie gleich am Vormittag das Fitnessstudio, um sich mit den Abläufen vertraut zu machen. Ihre Entscheidung erwies sich als goldrichtig. Eine Mitarbeiterin begrüßte sie freundlich, fragte nach ihren individuellen Wünschen und führte sie durch die Räumlichkeiten auf zwei Etagen. Aber das Highlight des Tages kam erst noch. Lara wurde auf ihre positive Ausstrahlung angesprochen. Ein leitender Angestellter fragte, ob sie Lust hätte, sich „derart begeistert“ fotografieren zu lassen. Ihr strahlendes Gesicht würde sich „fantastisch“ für die geplante Onlinewerbung des Fitnessstudios, unter anderem in den Ihme News, machen. Lara verkörpere vom Alter her eine der Zielgruppen, die bewusst angesprochen werden sollten. Außer ihr hätte sich schon ein Mann für die Werbekampagne fotografieren lassen. Lara war Feuer und Flamme. Was für eine Wertschätzung! Noch nie hatte ihr jemand eine derartige Frage gestellt. Natürlich sagte sie zu. Damit wurde sie zu einem der Gesichter von Svens Fitnessstudio. Der Umstand, dass sie noch keine langjährige Kundin war, spielte offenbar keine Rolle. Mehrere Fotos zur Auswahl waren schnell gemacht. Neben ihrem Porträt sollten später ihr Vorname und ein Satz stehen, der ihr in den Mund gelegt wurde: „Als Frau fühle ich mich hier wohl!“ Dafür erhielt sie für ein halbes Jahr kostenlos die VIP-Mitgliedschaft. Ein toller Tag! Kapitel 14 Samstag, 19. Mai Auf einmal trat eine weitere Frau in sein Leben … Er kümmerte sich heute, am Samstag vor Pfingsten, um die Rückgabe des Leerguts. Im vorderen Bereich des Supermarktes, außerhalb der Einkaufszone, befanden sich nebeneinander zwei Automaten zur Leergutannahme. Ausgerechnet heute war der rechte Automat defekt. Ein Techniker hantierte an dem Gerät herum. Dementsprechend hatte sich eine kleine Schlange von Kunden vor dem linken Automaten gebildet. Mist, warum streikt das blöde Teil gerade heute? Er stand mit seinem Einkaufswagen, darin Kisten mit leeren Bier- und Wasserflaschen, auf Platz drei der Schlange. Direkt hinter ihm wartete eine Blondine, in deren Wagen sich das Leergut stapelte. Zwei Kistentürme mit leeren Plastikflaschen ragten nebeneinander in die Höhe. Meine Güte, was für ’ne Sammlung. Wahrscheinlich ist Blondie zu faul, häufiger ihr Leergut wegzubringen. Zum ersten Mal trug er die Brille außerhalb seiner vier Wände, um sie für den Einsatz zu testen. Gute Entscheidung von mir, den Zeitstempel für alle Aufnahmen auszuschalten. Der verunziert nur die Ästhetik des Bildes. Ich will die Videos später in ihrer zeitlosen Schönheit betrachten. Unauffällig betätigte er den Aufnahmeknopf, dann blickte er in die Runde, wie zufällig auch zu Blondie, gab sich bewusst geistesabwesend. Ein Mann hatte seine gesammelten Werke dem Automaten anvertraut. Den Leergutbon in der Hand, räumte er mit seinem Einkaufswagen das Feld. Platz zwei. Die Alte vor mir ist auch nicht die Schnellste. Das kann dauern. Er filmte die Frau um die siebzig, wie sie einzelne kleine Plastikflaschen in die Maschine einführte. Dadurch bekam er nicht rechtzeitig mit, dass der Techniker seine Arbeit beendet und den rechten Rückgabeautomaten wieder freigegeben hatte. Aus dem Augenwinkel sah er, wie die Blondine mit ihrem Einkaufswagen neben ihm auftauchte und auf den rechten Automaten zustrebte. He, erst bin ich dran! Er packte den Griff seines Wagens und versuchte mit einer blitzschnellen Bewegung noch vor der Frau am rechten Leergutautomaten zu sein. Oh, Scheiße! Die Frau war bereits an ihm vorbei, und sein Wagen rammte ihren von der Seite mit voller Wucht. Der Schwung brachte die Zwillingstürme ins Kippen. Zwei ihrer Kisten wurden aus dem Wagen geschleudert und fielen zu Boden. Blondie verzog ärgerlich das Gesicht: „Kannste nicht aufpassen?!“ Ihre Formulierung ermunterte ihn, bei seiner Antwort das „Sie“ zu überspringen und sie ebenfalls zu duzen: „Du kannst dich nicht einfach vordrängeln! Ich warte schon länger.“ Nach dem Zusammenstoß standen die beiden für alle anderen Kunden sofort im Mittelpunkt des Interesses. „Da du keine Anstalten gemacht hast, dachte ich, du lässt mir den Vortritt.“ Ihr ärgerlicher Gesichtsausdruck verschwand. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht ärgern.“ „Ich bin nicht ärgerlich“, brummte er, schob seinen Wagen zur Seite und half ihr dabei, die Kisten aufzuheben und die verstreuten Plastikflaschen einzusortieren. „Gehen Sie bitte vor“, sagte er Richtung Warteschlange, wo sich bisher niemand getraut hatte, auf die rechte Spur zu wechseln. Plötzlich kam ihm seine Hauruck-Aktion von eben kindisch vor. In einem versöhnlichen Tonfall sagte er: „Entschuldige, dass ich dich angerempelt hab.“ Die Blondine machte einem nachrückenden Kunden Platz und lächelte ihren „Unfallgegner“ freundlich an: „Schon vergessen. Bist du immer so forsch?“ „Liegt in meinem Naturell“, antwortete er mit dem Anflug eines Lächelns. Blondie machte keine Anstalten, sich wieder in die Warteschlange einzufädeln. Die ist verdammt sympathisch, schoss es ihm durch den Kopf. Kein Ring am Finger. Und zu seinem eigenen Erstaunen fragte er: „Verrätst du mir deinen Namen? Vielleicht hat unser Zusammenstoß ja Folgen.“ Mann, was red ich fürn Scheiß. Peinlich! Aber auf die Schnelle fällt mir nichts ein. Er befürchtete schon, die unerwünschte Quittung für seine wenig geistreiche Anmache zu bekommen. Vielleicht ist sie liiert und droht mir den Besuch ihres Freundes an. Aber sie grinste nur und sagte: „Ich heiße Elena – und du?“ Elena, dieser Name! Das passt perfekt! Etwas ließ ihn zögern, dann antwortete er aus einer plötzlichen Laune heraus: „Ich bin Zorro.“ Sie lachte laut: „Der maskierte Kinoheld?“ „Ja. Aber verrat’s nicht weiter.“ „Von dir hat man ja schon Jahre nichts mehr gesehen“, meinte sie mit gespieltem Erstaunen. „Glaub mir, das ändert sich wieder.“ „Na, da bin ich mal gespannt.“ Gleich wird sich unser Wortgefecht erschöpfen. Ich will, dass wir uns wiedersehen. Wie krieg ich das hin? „Ich hab was wiedergutzumachen“, behauptete er und zeigte auf ihre Flaschenkisten. „Kann ich dich zum Getränk einladen?“ Ihr Lachen schwächte sich ab. „Ist total nett“, erklärte sie. „Aber momentan hab ich echt viel zu tun. Vielleicht später.“ „Was heißt später? Ich weiß ja nicht, wo du wohnst.“ Sie legte den Kopf zur Seite: „Da du Zorro bist, warte ich ab, bis du dich wieder in der Öffentlichkeit zeigst. Und dann entscheide ich, ob ich mich bei dir melde.“ Dämliches Gequatsche. Erst flirtet sie mit mir, dann lässt sie mich auflaufen. Sie lachte wieder: „Also, mach’s gut, Zorro!“ Du willst mich verarschen, du blödes Miststück. Nur weil du gut aussiehst, musst du nicht glauben, dass du so mit mir umspringen kannst! Wenn du wüsstest, ich kann auch ganz anders. Vielleicht wirst du Nummer drei oder vier auf meiner Todesliste. Inzwischen hatten sich die Warteschlangen vor den Leergutautomaten nahezu aufgelöst. Gleichzeitig schoben die beiden nebeneinander ihre Flaschenkisten in die Maschinen. Elena winkte ihm zu und entschwand danach in den Einkaufsbereich. Elena, die Geliebte des Zorro. Ein Wink des Schicksals! Ich muss sie unbedingt im Blick behalten. Er verfolgte sie im Sicherheitsabstand mit seinem Einkaufswagen durch die Gänge des Supermarktes. Offensichtlich hatte sie eine längere Einkaufsliste dabei, kaufte unter anderem Lebensmittel ein, die schnell wieder zu Hause in den Kühlschrank mussten. Dann fährt sie bestimmt vom Supermarkt direkt nach Hause. Ich muss herausfinden, wo sie wohnt. Wenn sie vor mir an der Kasse ist, könnte sie mir entwischen. Er überlegte kurz, dann stoppte er seine Verfolgung und lud im Eiltempo die wichtigsten Einkäufe in seinen Wagen, die er zwingend benötigte. Danach ging er zum Kassenbereich und schaute sich um. Elena war noch nicht zu sehen. Geschafft! Als er bezahlt hatte, entdeckte er Elena mit vollem Einkaufswagen in der Warteschlange der letzten Kasse vorm Ausgang. Das dauert, bis sie da rauskommt. Er packte die Einkäufe in sein Auto, brachte den leeren Einkaufswagen zurück und beobachtete dabei den Ausgang. Da ist sie! Er hielt sich im Hintergrund. Sie sollte nicht mitbekommen, dass er ihr nachspionierte. Ihr Auto ist der dunkelblaue Ford Fiesta. Kennzeichen hab ich mir gemerkt. In seinem eigenen Wagen wartete er so lange, bis sie mit ihrem Ford vom Parkplatz fuhr. Dann folgte er ihr. Fühlt sich geil an. Wie im Film. Aber das hier ist real. Bin ich der Held oder der Terminator? Nach fünf Minuten Fahrt hatten sie ihr Ziel erreicht. Ein Wohngebiet mit vierstöckigen Mietshäusern, ein Kiosk an der Ecke, am Straßenrand einzelne Bäume, die Gehwege mit Autos zugeparkt. Sie hatte Glück, erwischte gerade noch eine Lücke, in der sie ihren Wagen abstellen konnte. Er parkte in einiger Entfernung in zweiter Reihe und konnte erkennen, in welches der Gebäude sie die Taschen mit ihren Einkäufen brachte. Jetzt weiß ich, wo ich dich finde. Führt dein Weg zu mir oder in die Hölle? Kapitel 15 Pfingstmontag, 21. Mai Auf den Höhenflug der letzten Tage folgte der brutale Absturz. Das kann doch nicht sein! Da ist was schiefgelaufen! Bis eben war ich so glücklich wie lange nicht mehr, das kann unmöglich ein fataler Irrtum gewesen sein! Lara war um 14:50 Uhr überpünktlich am vereinbarten Treffpunkt gewesen, dem Haupteingang zum Tiergarten. Aber Sven war einfach nicht aufgetaucht. Ist ihm auf dem Weg hierher etwas passiert? Hat er das falsche Datum im Kopf? Glaubt er, wir treffen uns an einem der Nebeneingänge? Diese Fragen waren ihr als Erstes durch den Kopf gegangen. Der Tiergarten, ein umzäuntes Park- und Waldgelände mit freilaufenden Damhirschen, hatte eine Größe von mehr als einem Quadratkilometer. Dann übermannten sie Verzweiflung und Wut. Hat er den Termin vergessen? Hat er’s sich anders überlegt? Oder wollte er von Anfang an nicht kommen? Sie kannte weder seine Handynummer noch seine Mailadresse. Natürlich war sie auch zu dem anderen Eingang, der ebenfalls an der Tiergartenstraße lag, gelaufen. Aber Sven war nirgendwo zu sehen. Sie wählte mehrfach seine Festnetznummer, niemand ging an den Apparat. Tränen liefen ihr die Wangen herunter. Sie bekam auf einmal schwer Luft. Ist er nicht zu Hause, oder geht er nicht dran? Sie verspürte einen enormen Bewegungsdrang, hetzte mit starrem Blick planlos über die Wege, ignorierte dabei das Wildschweingehege ebenso wie entgegenkommende Besucher. Zuletzt setzte sie sich auf eine Bank. Soll ich zu ihm in die Südstadt fahren? Falls er da ist, lässt er mich eh nicht rein. Wie am Freitag. … Und Timo wäre das überhaupt nicht recht. Der Spaziergang heute hat sich so oder so erledigt. Sie wischte sich mit beiden Händen die Tränen aus dem Gesicht. Vielleicht gibt es für alles eine harmlose Erklärung. Nicht gleich den Kopf verlieren und alles hinschmeißen. Sie schüttelte den Kopf. Soll ich jetzt hoffen, dass er einen Unfall hatte und deswegen nicht aufgekreuzt ist?! Egal, ich gebe uns noch eine Chance. Wahrscheinlich taucht er morgen zwischen siebzehn und achtzehn Uhr im Fitnessstudio auf. Ich kann da unmöglich entspannt meine Übungen neben ihm machen. Also fahre ich zu einer Zeit dorthin, wenn er schon mit großer Wahrscheinlichkeit beim Training ist. Ich will einfach nur mit ihm reden. Diesmal muss ich mich beherrschen und ruhig bleiben. Nicht wieder ausrasten! Verdammt, ich weiß, dass ich schnell in alte aggressive Muster verfalle. Auf einmal verspürte sie den starken Wunsch, ihren Frust mit Alkohol zu betäuben. Nur das nicht! Soll ich Petra anrufen? * Genau um 15:17 Uhr klingelte das Festnetztelefon zum ersten Mal. Sven zuckte leicht zusammen, obwohl er jede Minute mit dem Anruf gerechnet hatte. Eine ihm nicht bekannte Handynummer! Heute am Pfingstmontag um diese Uhrzeit konnte das nur Lara sein. Er blieb standhaft und nahm das Gespräch nicht an. Timo war nicht zu Hause. Ein Treffen mit Lara, wenn sie denn mehr als nur gelegentliche Telefonate und einen Spaziergang wollte, passte nicht in seine Zukunftspläne. Seit ihrem Gespräch im Auto war einiges passiert. Seinen Termin gestern Abend konnte er schon nicht genießen, weil ihm die Sache mit Lara immer im Kopf herumspukte. Timo setzt mich massiv unter Druck. Ich verstehe ihn. Er hat auch Angst um mich, dass sich die schlimmen Szenen wiederholen. Ich habe vor seinen Augen Schläge eingesteckt, mich immer bewusst zurückgehalten. Als Kind hatte ich es auch nicht einfach und konnte Lara teilweise verstehen. Nur einmal hab ich ihren körperlichen Angriff mit Gegengewalt abgewehrt und heftig zugeschlagen. Schrecklich, dass Timo das live miterlebt hat. Aber er hat das nur seiner Mutter vorgeworfen. Paradoxerweise klammerte sich Sven an das Fünkchen Hoffnung, Lara hätte sich im Griff und könnte wieder ein halbwegs normales Verhältnis zu ihrem Sohn aufbauen. Aber bei der Vorgeschichte ist das wahrscheinlich unmöglich. Ich muss die Entscheidung vor allem für Timo treffen. Ich beende das kurze Intermezzo mit Lara. Besser ein Ende mit Schrecken … Natürlich wäre es korrekt gewesen, Lara am Vormittag anzurufen, um den Spaziergang und alles andere abzusagen. Aber ich kenn mich. Dann lasse ich mich bequatschen. Und ich werde mich hüten, ihr eine Mail zu schicken und damit meine Adresse zu verraten. In Gedanken hatte er Laras Reaktion mehrfach durchgespielt. Das abrupte Ende wird ihr sehr wehtun, sodass sie die Lust an weiteren Kontakten mit uns verliert. Dann haben wir Ruhe. Oder flippt sie total aus und will sich rächen? Das Telefon klingelte erneut siebenmal hintereinander. Durchhalten! Nicht schwach werden! Für zehn Minuten war Ruhe. Dann setzte das Klingeln wieder ein. Schon nach dem fünften Mal war Schluss. Ich hoffe, sie gibt damit auf. Jetzt muss ich konsequent bleiben. Sven rang sich dazu durch, Laras Festnetz- und Handynummer zu sperren. Durch unsere wöchentlichen Telefonate habe ich sie nur angelockt. Da er befürchtete, sie könnte sich mit unterdrückter Nummer melden, erweiterte er die Sperrung auf anonyme Anrufer. Da war kein Triumph, er fühlte sich einfach nur schlecht. Diesmal bin ich das Schwein. Er verließ das Haus, stieg in seinen Rover Mini und fuhr los, irgendwohin … Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». 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