Das Konzerthaus Maike Rockel Was fühlst du, wenn du in die kalten Augen deines Mörders schaust und begreifst, dass du für jemand anderen sterben musst?
Als eine geschächtete, nur mit einem rosafarbenen Rock bekleidete Leiche gefunden wird, gerät Kommissarin Nora Kardinal in den Sog eines perfiden Verbrechens. Der Tote ist der Sohn des Architekten Albert Berend, der mit der Bauleitung der „Elbphilharmonie“ betraut ist. In dessen privatem Umfeld geschehen weitere grausame Morde. Eine heiße Spur führt Nora in die dunkle Zeit der Stasi. Nach und nach kommt sie dem Täter und ihrer eigenen Vergangenheit so nah, dass Nora den tödlichen Atem des Mörders im Nacken spüren kann … In der kleinen Welt, in welcher Kinder leben, gibt es nichts, dass so deutlich von ihnen erkannt und gefühlt wird, als Ungerechtigkeit. Charles Dickens Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Die Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de © 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln www.niemeyer-buch.de Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: C. Riethmüller EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH eISBN 978-3-8271-8411-5 Maike Rockel Das Konzerthaus Prolog „Wärest du wenigstens ein Mädchen geworden. Du bist schuld, dass ihr euch geteilt habt!“, kreischte meine Mutter, und ihr absonderlicher Blick, den ich erst später einordnen konnte, ließ mich erschauern. Verstehen Sie das? Ich begriff es erst viel später, was sie meinte und was in ihrer abgründigen Seele vorging, aber sie ließ ihre tiefe Ablehnung zu meinem schmerzhaften Wegbegleiter werden. Es war mein Schicksal, dass ich in dem schändlichen Lebenskonzept meiner Mutter keinen Platz hatte. Es wäre ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, mich zu lieben, aber sie verweigerte mir ihre Gunst. Sie würdigte mich entweder keines Blickes oder setzte mich auf unverzeihliche Weise herab, obwohl ich wie ein Stern strahlte. Ich versuchte, ihre harte Hand abzuwehren. Eine eiserne Hand, die mich nie zärtlich und liebevoll berührte, nie den Weg zu meinen Wangen gefunden hatte, um mich zu streicheln oder eine Träne nach einem Sturz wegzuwischen. Knöcherne Finger bohrten sich schmerzhaft in meine Oberarme. Ihr saurer Körpergeruch und ihre Fahne stiegen mir in die Nase, während mein Bruder mir mit einem Ruck die Hose von den Beinen zog. Weinen musste ich. Ich weinte vor Wut und Scham und verlangte, mir das nicht anzutun. Meine Mutter aber hielt mich fest und lachte nur. Sie stieß dabei immer schneller werdende, rhythmische Laute aus, als würde sie keine Luft mehr bekommen und an ihrem eigenen Lachen ersticken. Als mein Bruder es wagte, mir einen rosafarbenen Rock anzuziehen, trat ich immer wieder nach ihm. In diesem unfairen Kampf pulsierte das Blut in meinen feinen Äderchen, und mein Gesicht verfärbte sich glühend rot. Als ich ihn schmerzhaft in seine kläglichen Eier stieß, schrie er auf und ließ von mir ab. Sein Lachen erstickte. Aber meine Mutter war unerbittlich. „Tanz für uns! Los, dreh dich und lass deinen Rock schwingen“, wieherte sie und nahm einen gierigen Schluck Wodka aus einer alten Saftflasche. Jeder konnte sehen, dass sie eine Säuferin war, trotzdem glaubte sie, ihre Umwelt mit diesem erbärmlichen Trick täuschen zu können. Mein Bruder hatte sich schnell gefangen, nahm die Gitarre und sang das Kinderlied aus Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel.“ Warum meine Mutter diese Oper immer und immer wieder hörte, weiß ich nicht. Sie war keine Freundin der Musikkultur oder ein kontemplativer Feingeist. Vielleicht ergötzte sie sich einfach nur daran, wie unbarmherzig dieses Geschwisterpaar von seinen Eltern getäuscht und ausgesetzt wurde. Brüderchen, komm, tanz mit mir, beide Hände reich’ ich dir, einmal hin ... „Wenn du jetzt nicht tanzt, dann wird dich Gottes Strafe treffen. Ich verkaufe dich! An einen Kinderpornoring oder an den, der am meisten Geld bezahlt!“ Natürlich wusste ich damals nicht, was ein Kinderpornoring war oder dass man Kinder verkaufen konnte, aber ich wusste, dass ich nicht noch mehr von Gott bestraft werden wollte. Meine Kindheit war bereits Leid genug. Meine bösartige Mutter zwang mich zu hoffen, dass sie mich eines Tages doch lieben könnte, wenn ich mich nur mehr anstrengte! Sie brachte mich dazu zu glauben, es verdient zu haben, im Schatten meines Bruders zu stehen. Sie aber hätte mich lieben müssen. Stattdessen liebte ich den Menschen, der mich demütigte und misshandelte. Beide Arme nach oben gereckt, führte ich die Fingerspitzen über meinen Kopf wie zu einem Gebet zusammen, drehte mich zu der Musik wie eine Ballerina und tanzte, tanzte, tanzte. Während ich zu Gott betete, nahm meine Zunge den salzigen Geschmack einer herablaufenden Träne auf. Brüderchen, komm, tanz mit mir, beide Hände reich’ ich dir, einmal hin ... Meine Mutter hatte viele quälende Ideen, mich für meine Existenz zu bestrafen. Wahrscheinlich wäre es für uns alle besser gewesen, sie hätte mich verkauft. Ich aber überlebte diese dunkle Zeit und gelangte zu der Erkenntnis, dass Gott alle Sünden vergeben wird. Aber diese allmächtige Gnade hatte ihren Preis. Für meine göttliche Vergebung lernte ich Opfer zu bringen, aber auch Opfer zu suchen, um jegliche Schuld zu sühnen. I. Kalenderwoche 49/50 2015 Kapitel 1 Mone An einem winterlich kalten Hamburger Nikolausabend näherte sich ein Mann mit einer Schirmmütze einer blassgrauen, viergeschossigen Jugendstilvilla, drehte behutsam einen zylinderförmigen Schalldämpfer auf die Mündung seiner schwarzen Pistole und verbarg die Waffe unter seiner Jacke. Er schnippte den Stummel seiner Zigarette auf die unberührte, hauchdünne Schneedecke und richtete seinen Blick auf das Etablissement. Alle vierzehn Fenster des Hauses waren von außen mit aus grünen Tannenzweigen gesteckten Kränzen, die mit schwungvoll gebundenen, roten Schleifen verziert waren, festlich geschmückt. Durch die an der Eingangstür angebrachten Leuchtkegel erstrahlte die weihnachtliche Fensterfassade in warmem Licht und erinnerte an die Türchen eines noch unberührten Adventskalenders. Lediglich das dezente kleine Metallschild mit der Aufschrift Flow Nightclub wies darauf hin, dass in diesem gehobenen Lokal nichts unberührt blieb und keine christlichen Wünsche erfüllt wurden. Nur ein Mann und eine Frau saßen im schummrigen Licht an der aus Mahagoni gebauten, sechs Meter langen Bar. Direkt bei der Frau lag auf dem Tresen neben ihrem Smartphone und einer Schachtel Zigaretten ein elegantes Damenfeuerzeug, auf dem versteckt auf einer Seite Mone eingraviert war. Im Hintergrund spielte leise Musik. Simone trug einen noblen, schmal geschnittenen, dunkelblauen Hosenanzug, der zu einem verstohlenen Blick in das aufreizende Dekolleté und auf die rote Spitze ihres Bustiers verführte. Sie war blond, annähernd fünfunddreißig Jahre alt, hübsch und hatte himmelblaue Augen. Ihr knallroter Lippenstift setzte einen Akzent in dem sonst dezent geschminkten Gesicht. Interesse vorgebend, fuhr sie sich immer wieder mit ihren rot lackierten, langen Kunstnägeln durchs Haar, während der Mann auf sie einredete und hierbei gelegentlich seinen Oberkörper nach oben streckte. An der Bar arbeitete Simones langjährige Lebensgefährtin Lotta Kardinal, die gerade den Kühlschrank mit Champagner auffüllte und mit einem Hüftstoß die Tür schwungvoll zuknallte. In einer Stunde würde der Club öffnen, und sie hatte noch einiges vorzubereiten. „Ich geh nach oben und mache die restlichen Zimmer fertig. Soll ich euch noch eine Flasche Champagner aufmachen? Bin nämlich dann erst mal für eine Weile weg“, fragte Lotta. „Wir können noch etwas vertragen oder was meinst du?“ Während Simone sprach, drehte sie sich zu ihrem Freier und strahlte ihn an. Sie war geschäftstüchtig, denn für jede georderte Flasche erhielt sie eine beachtliche Provision. Er nickte, und Lotta stellte eine hochpreisige Flasche Champagner in einem Eiskühler auf den Tresen. Dann verließ sie die Bar. Simone betrachtete ihren Kunden während seiner zeit­intensiven Erzählung und beobachtete, wie sich in seinem Mundwinkel klumpige Spuckereste bildeten, die sich zu weißen, hüpfenden Ziehfäden entwickelten und ungefähr so aussahen wie die zuletzt gebildete Fischfigur eines Handfadenspiels, mit dem sich Schulkinder in vergangener Zeit während der Pausen gerne die Zeit vertrieben hatten. Sie hatte sich an ihren Stammkunden gewöhnt, der es vorzog, den Club außerhalb der Geschäftszeiten zu besuchen. Er war schon älter, trug schlecht sitzende Kleidung und saß unbeholfen auf dem für ihn viel zu hohen Barhocker. Das wenige Haar war kunstvoll über seinen Kopf drapiert, ergebnislos bemüht, über seine für jedermann sichtbare Glatze hinwegzutäuschen. Die fettige gelblich-weiße Strähne, die er über die gesamte Glatze gekämmt hatte, klemmte er hinter den Bügel seiner abgeplatzten Hornbrille. Professionell ignorierte Simone das unansehnliche Äußere und nahm seine erschlaffte, auf seinem Bein ruhende Hand. Während sie ihn vom Barhocker zog, rutschte sein Handy aus der hinteren Hosentasche und fiel, von beiden unbemerkt, geräuschlos auf den Teppich. Mit ihrer zartgliedrigen Hand griff sie elegant nach ihren Rauchutensilien und ihrem Handy und führte ihren Kunden in eines der im Souterrain gelegenen Zimmer des Etablissements. Der Mann mit der Schirmmütze hatte die Bar über die bereits geöffnete Hintertür betreten. Sein muskulöser Oberkörper steckte in einer zu kleinen grünen Bomberjacke, was seiner stattlichen Erscheinung etwas Lächerliches gab. Die zu eng stehenden, seegrünen Augen und das kurz rasierte braune Haar fügten sich stimmig in die Gesamt­erscheinung. Im Souterrain waren alle Wände des Zimmers in einem dunkelroten Farbton getüncht, und der an der Wand hängende in Gold gerahmte Spiegel hatte schon üppige Fantasien sichtbar gemacht. Auf dem mit weißer Bettwäsche ausgestatteten Doppelbett hatte Lotta dekorativ zwei Badehandtücher mit Duschproben hingelegt. Mit einem Handtuch in der Hand betrat Simone das angrenzende Badezimmer, während ihr Kunde sich vollständig auszog und seine Bekleidung sorgfältig über einen Stuhl neben dem Bett hängte. Die gekühlte Champagnerflasche auf dem Eckrand des Whirlpools unweit des Bettes war bereits geöffnet, und zwei gefüllte Gläser luden zu einem weiteren Drink ein. Wohlig ächzend glitt er in den mit dampfendem Wasser gefüllten Pool. Er führte das Glas an seine Lippen und ließ einen kühlen Schluck die Kehle hinuntergleiten. Entspannt schloss er die Augen. Der Mann mit der Schirmmütze öffnete langsam und unbemerkt die Tür des süßlich duftenden Zimmers. Er schien sich auszukennen, trat geräuschlos an den im Whirlpool dösenden Kunden heran, hob routiniert den Arm, zielte auf die Schläfen des seitlich zu ihm sitzenden nackten Mannes und betätigte den Abzug. Durch die Wucht des kaum hörbaren Schusses schlug der Kopf zur Seite und zog den gesamten Oberkörper mit, der sanft und fast geräuschlos ins Wasser sank. Das Projektil traf zentral ins Stammhirn, und der Freier war sofort tot. Ohne Zeit zu verlieren, breitete der Mann auf dem roten Teppichboden eine große, blaue Plastikfolie aus, zog den toten Kunden mühelos aus dem fast randvollen Wasserbecken und bettete ihn auf die vorbereitete Unterlage. Als Simone den Raum betrat, hatte sie das weiße Badehandtuch um den noch feuchten Körper gewickelt und unterbrach – ohne die maßgebliche Veränderung im Zimmer anfangs bemerkt zu haben – die Stille. „Schatz, jetzt werden wir es uns richtig schön machen. Was darf ich denn heute für dein Wohlbefinden ...?“ Zuerst fiel ihr Blick auf die Champagnerflasche, die im zartrosa gefärbten Wasser schwamm, und dann sah sie den Toten auf dem Boden liegen. Sofort brach sie ihr geschäftsmäßiges Geplauder ab und starrte Schirmmütze an, der damit beschäftigt war, ihren toten Kunden einzuwickeln. „Wat haste jetan? Icke hab’ euch doch allet erzählt!“ Mit greller Stimme fiel sie in ihren Berliner Dialekt, was immer geschah, wenn sie aufgeregt war. Sie unterbrach sich und starrte erneut in den Whirlpool. „Wieso knallst’e denn meenen Stammkunden ab? Der hat mir doch aus der Hand jefressen und allet erzählt, wat ihr hören wolltet ... Mir brummt noch der Schädel von seinem Jesabbel heute über den Riesenskandal.“ Sie legte ihre Hand dramatisch an die Stirn, als habe sie stechende Kopfschmerzen. Unbeirrt wickelte der Mann die Leiche ein und sammelte die Hülse am Fuß des Beckenrandes auf, als wäre Simone gar nicht anwesend. Mit einem konspirativen Kopfnicken deutete sie in Richtung Pool und flüsterte: „Der quatschte was von einer Konzerthalle, einem richtigen dicken Jeschäft, und nun ballerst du den ab, wie räudig. Oh Mann, mir is’ echt übel ...“ Sie ließ sich aufs Bett fallen und fingerte eine Zigarette aus der Schachtel. Mit zittrigen Händen zog sie den Rauch tief in ihre Lunge, als wäre es ihre letzte Zigarette, und atmete den Qualm langsam aus. Und dann beging sie einen gravierenden Fehler. „Und wat von ’nem wichtigen Unternehmer von hier, Melzer oder so, den er fett inne Hand hat wejen Schmierjeld, wat weeß icke. Alter, der hat so viel erzählt, von Politikern, Bürgermeister, det kreest allet in meenem Kopp.“ Als der Mann mit der schwarzen Schirmmütze den Namen Melzer hörte, hielt er inne. Er hob den Kopf, kniff kaum sichtbar die Augen zusammen und schien zu überlegen. Simone stand auf und ging zum Pool. Sie zog an der Zigarette und starrte auf die eingewickelte Leiche. „Wie willste den Kollejen eijentlich hier raus­schaffen?“ Die Schirmmütze antwortete nicht und schoss der überraschten Simone direkt zwischen die Augen. Seine grüne Bomberjacke hatte er für die Aufräumarbeiten ausgezogen und auf das unberührte Bett geworfen. Er steckte die zweite Patronenhülse in seine Hosentasche, sammelte sämtliche restliche Kleidungsstücke auf und warf diese auf Simones leblosen Körper. Endlich war die Scheißnutte still. Ihre schrille Stimme hatte er eh nie leiden können. Verdammt, er hatte doch so aufgepasst, aber ihr Blut, das an die rote Wand gespritzt war, musste er noch entfernen. Das Badewasser hatte er bereits abgelassen und den Pool im Anschluss gereinigt. Nach getaner Arbeit war auch das Blut an der Wand nicht mehr zu sehen. Er war zufrieden. Die in Plastik fest verschnürten Leichen trug er einzeln über einige wenige Treppen nach oben und verließ das Etablissement unauffällig über einen versteckten Hintereingang, der prominenter Kundschaft vorbehalten war. Er lud die beiden Körper gekonnt in den Laderaum seines Kastenwagens und fuhr über die unbefahrene Seitenstraße in die kalte Nacht. Die Lichtkegel der Straßenlaternen verschwammen während der Autofahrt vor seinen Augen, und er bemerkte, dass eine seiner Kontaktlinsen fehlte. Kapitel 2 Aller guten Dinge sind drei In München schien an demselben Nikolaussonntag die späte Nachmittagssonne auf die Kupferkuppel der Gökhan-Moschee und ließ die hellgrüne Patina in einem besonderen Glanz erstrahlen. „Wie weit bist du?“, dröhnte es in Nora Kardinals Ohr, an das ihr Smartphone unter einem Tschador geklemmt war. Reflexartig hielt sie sich die Hand an ihre Ohrmuschel und friemelte mit dem Daumen ihr Handy zum Mund. „Ich bin jetzt bei der Moschee und treffe mich gleich mit dem Imam. Ich glaube, wir sind nah dran“, wisperte Kriminaloberkommissarin Kardinal ihrem Einsatzleiter zu. Inzwischen war sie fünfunddreißig Jahre alt und sollte heute die Früchte der Saat ernten, die sie in den letzten sechs Jahren Ermittlungsarbeit in die Erde der Münchener Salafistenszene gesetzt hatte. Optisch fügte sie sich perfekt ein in diese fast undurchdringbare Parallelwelt von Anhängern, die unter dem Schutzschirm der Religionsfreiheit gefährliche und überstanden geglaubte patriarchalische Lebensweisen der vorangegangenen Jahrhunderte zu etablieren versuchten. Ihr eigenes nordafrikanisches Aussehen half ihr bei ihrer verdeckten Tätigkeit. Die neuen Glaubensbrüder und -schwestern nannten sie Yasemine, und in Noras langen, dunklen Gewändern, ihrer Arbeitskleidung quasi, verschwand ihre sportliche Gestalt trotz ihrer 1,76 Meter Größe und ließ sie kleiner erscheinen. Hinter ihrer runden Hornbrille blitzten tiefbraune, kluge Augen, die von dichten schwarzen Wimpern eingerahmt waren. Unter ihrem Hidschab oder wahlweise dem Tschador verbarg sie dunkelbraunes, gewelltes, schulterlanges Haar, welches sie meistens zum Zopf zusammengebunden hatte. Nora hatte sechs Jahre darauf hingearbeitet, in diese Szene einzudringen und aufzusteigen, um über die wichtigen Schaltzentralen geplante Attentate aufzuspüren. Ihre tunesischstämmige Mutter hatte mit ihr als Kind nur Arabisch gesprochen, was ihr ermöglichte, einen Fuß in das Tor der islamistischen Welt zu setzen und das Vertrauen eines entscheidenden Wissensträgers zu gewinnen. Vor wenigen Minuten hatte sie das Treffen mit ihm in der Gökhan-Moschee beendet, die, eingefriedet von einer niedrigen grauen Betonmauer, hinter der wild und ungeordnet immergrüne Sträucher wuchsen, welche einen idealen Sichtschutz boten, als beliebter Treffpunkt für den islamistischen Austausch genutzt wurde. Die Betonmauer mit dem überdimensionierten Strauchbewuchs wirkte wie eine Aneinanderreihung von lang gestreckten Blumenkästen, die für die hochgewachsenen Pflanzen viel zu klein geraten waren. Nora verließ das Moscheegelände, nahm ihr Handy in die Hand und tippte Sieberts Nummer auswendig auf das Display, während der Imam erschien, mit dem sie sich vor wenigen Minuten getroffen hatte. Sie sprach beiläufig in ihr Handy: „Kontaktperson verlässt die Moschee und wird sich jetzt auf dem Weihnachtsmarkt mit einem Ahmed treffen!“ „Jetzt?“ „Ja, jetzt sofort.“ „Scheiße, die Observationstruppe steht noch nicht!“ Stille. Angestrengt überlegte Siebert, was zu tun war. „Nora, zieh dich trotzdem zurück, mit Glück kriegen wir es hin!“ „Nein, das mach ich nicht. Zu riskant, so lange zu warten. Wir verpassen ihn sonst. Ich folge ihm bis zum Weihnachtsmarkt und übergebe dort an euch.“ Noras Stimme zitterte, ohne dass sie ahnte, aus welchem Grund sie ihr wegzubrechen drohte. Selbst wenn ihr in diesem Moment jemand zugeflüstert hätte, dass in wenigen Minuten ein nie da gewesener, zu einer tödlichen Wende in ihrem Leben führender Kontrollverlust über sie hereinbrechen würde, hätte sie ihren Einsatz zu Ende gebracht. Für Nora war es nie eine Frage, für welchen Weg sie sich bei einer Gabelung entscheiden würde. Es war immer der regelkonforme Pfad, den sie ihr gesamtes Leben beschritten hatte und bis zum Ende gegangen war und der ihr die tiefe Gewissheit verschaffte, das Richtige zu tun. Dass sie einmal über geplante gemeingefährliche Gesetzesbrüche unendliche Dankbarkeit empfinden könnte, war in der gesetzestreuen Welt, in der sie lebte, unvorstellbar. „Nora, auf keinen Fall wirst du ihn verfolgen! Gib die Beschreibung durch. Vielleicht können wir ihn mit einer kleineren Einheit finden und aufnehmen!“, befahl ihr die Stimme am anderen Ende. Als ihr jetziger Einsatzleiter und VE*-Führer(*VE = Verdeckter Ermittler) Max Siebert ihr vor sechs Jahren die Verwendung als verdeckte Ermittlerin näherzubringen versucht hatte, war sie zunächst skeptisch gewesen, denn sie war mit ihrem Job in Hamburg zufrieden – wie man so sagt. Die überraschende Offenbarung ihres damaligen Freundes jedoch, unter keinen Umständen in Beziehungslangeweile erstarren zu wollen und sie nicht mehr zu lieben, bildete eine Zäsur in ihrem Leben und gab den entscheidenden Impuls, nach München zu ziehen, um als neugeborener Single das Leben einer anderen zu leben. Ihr Freund hatte noch beiläufig mitgeteilt, schon länger eine neue Partnerin zu haben und lange nicht mehr so glücklich gewesen zu sein. Dabei hatte er seinen Kopf geneigt und sie mitfühlend angeschaut. Das war es. Vorbei. Nora hatte es damals noch verwirrt, dass er geweint hatte, was ihr naheging und Hoffnung in ihr aufkeimen ließ. Erst später verstand sie, dass er nur um seiner selbst willen getrauert hatte. Als ihr Freund sie zum Abschied gütig in den Arm nehmen wollte, wies sie ihn zurück. Ein Wiedersehen gab es nicht mehr. Nora sprang kopfüber in ein polizeilich überwachtes Abenteuer. In München hatte sie sich schnell eingelebt und erkannte in der Veränderung auch den Vorteil, ihre in der Nähe von München lebende Mutter und ihren urbayrischen Vater häufiger sehen zu können, die ihr bei einem der ersten Besuche Isa geschenkt hatten, ein entzückendes schwarzes Hundewelpenknäuel. Entgegen aller Regeln verfolgte Nora den Imam. Auf keinen Fall wollte sie es darauf ankommen lassen, ob Siebert seine Leute zusammenbekam. Keiner hatte diesen Ahmed bisher zu Gesicht bekommen. Das Risiko einzugehen, dass er außer Kontrolle geriet, war keine Option. Sie musste handeln. In einem geschützten, unbeobachteten Bereich entledigte sich Nora eilig ihres Tschadors und stopfte den Ganzkörperschleier in ihren handlichen Rucksack, während sie die Kontaktperson zu Fuß verfolgte. Ihr Handy hielt sie dabei in der Hand und hörte, wie Siebert von ferne fluchte. Bevor sie den an diesem Abend mit all seinen Bretterbuden im warmen Licht erstrahlenden Christkindlmarkt sehen konnte, stieg ihr bereits der Duft nach gebrannten Mandeln, Glühwein und Zimt in die Nase. Trotz der frostigen Winterzeit wurde Nora während der Verfolgung heiß. Dichte Menschenmassen in Weihnachtsstimmung bevölkerten den Markt und wärmten ihre Hände an den heißen Punschbechern, während in dem Fahrgeschäft an der Ecke der besonders beliebte Feuerwehrwagen, das Polizeiauto und die in Rosa lackierte Feenkutsche mit ihren kleinen Fahrgästen im Kreis getrieben wurden. Nora stieß während ihrer Verfolgung gegen unbekannte Schultern und schob sich durch die sich amüsierende Menschenmenge, während die wohlbekannten Angstwellen durch ihren Bauch tobten und die Panikattacke übermächtig wurde. Sie hyperventilierte, und die Musik um sie herum wurde dumpf. Immer mehr fürchtete sie sich vor Menschenansammlungen. Immer häufiger musste sie bei diesen Beklemmungen ihre Zahlen und Verse aufsagen. Immer verzweifelter versuchte sie, diese sinnlosen Gedanken und die tiefe Furcht mit ausgedachten Versen zu vertreiben und zu neutralisieren. Gerade jagte wieder so ein Scheißgedanke durch ihren Kopf. Sie stellte sich vor, wie ihre Labradorhündin Isa auf ihrer Hundedecke selig schlief. Oh Gott, was, wenn ein Einbrecher kommt? Was ist mit Isa? Was wird er tun? Sie wird bellen. Er hat eine Waffe! Was wäre wenn ... Die Zwangsgedanken entwickelten sich übermächtig zu einem Hemmnis und verlangsamten Noras Schritt. Der Abstand zwischen ihr und der Zielperson wurde größer, aber noch konnte sie sie sehen. „Nora, wo bist du? Gib deine Standortdaten durch. Ich habe eine einsatzbereite kleine Einheit um den Christ­kindlmarkt aufstellen können. Wir übernehmen jetzt.“ Schweigen am anderen Ende des Handys. „Ey, antworte doch ...! Verdammt, du gefährdest den Einsatz!“ Nora war in ihrer dunklen Welt angekommen und begann, die sie beruhigenden Verse leise vor sich hin zu murmeln: „Aller guten Dinge sind drei, sagten drei kleine Dreikäsehoch und kauften drei Brote, Schwarzbrot, Graubrot, Weißbrot, bevor sie sich dreimal bekreuzigten.“ Sie bekreuzigte sich dreimal. Jetzt muss ich nur noch dreimal bis dreißig zählen, und dann wird alles gut, dachte sie. Alles wird gut. Alles wird gut. Aber sie wurde durch die Stimme aus ihrem Handy unterbrochen. „Nora, du kommst sofort zu mir. Ich breche den Einsatz ab ... Scheiße, Mann!“ In ihrem tragischen Drang, das Ritual zu Ende bringen zu müssen, drückte sie auf den roten Hörer ihres Displays und beendete den Kontakt zu Siebert. Sie begann von Neuem und konnte endlich ungestört ihren zwanghaften Vers zu Ende bringen. Das war jetzt alles, was zählte. Nora wiederholte den Reim wie ein Mantra und zählte im Anschluss dreimal bis dreißig und spürte, wie ihre Anspannung von ihr abließ und sie etwas ruhiger wurde. Sie fühlte sich besser, und die Angst wich von ihr. Die Zielperson hatte sie allerdings verloren. Sofort schoss erneut Adrenalin durch ihren Körper, und Verzweiflung ergriff Besitz von ihr. Sie hatte einen sehr wichtigen Einsatz, für den sie sechs Jahre operativ gearbeitet hatte, in nur wenigen Minuten vollständig zerstört. Erst hatte sie sich Sieberts Anweisung widersetzt, und nun hatte sie den Imam und damit auch Ahmed verloren. Ein riesenhafter Scheißärger rollte auf sie zu, das wusste sie. Mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern schickte sie sich an, den Christkindlmarkt zu verlassen, da stellte sich ihr unerwartet jemand in den Weg. Bedrohlich baute sich der Imam auf und feindete sie an. „Wieso verfolgst du mich?“, fragte er sie auf Arabisch. Seine Stimme klang spitz und beängstigend, und er schaute sie von oben bis unten an. Es entging ihm nicht, dass sie ihren Tschador nicht mehr trug. „Das tue ich nicht. Ich ... ich bin hier verabredet mit einer Freundin.“ Mit fester Stimme versuchte sie, zu überzeugen. Dabei führte sie ihre Hand, in der sie immer noch ihr Handy hielt, heimlich hinter ihren Rücken, um es in der Hosentasche verbergen zu können, aber es war zu spät. „Und wofür benötigst du das Handy?“, fragte er wütend, packte ihren Arm, riss ihn nach vorne und entwand ihr das Gerät. Ihr wurde heiß, sie spürte, wie etwas Warmes von ihrem Magen in ihre Kehle hochschoss und ihr Herz so stark im Hals zu schlagen begann, dass sie das Gefühl hatte, an ihrem eigenen Herzen zu ersticken. Sie sprach kein Wort. Bevor der Imam sie packen konnte, drehte sie sich jedoch blitzartig um und rannte durch die Seitenstraßen, weg von der Musik und den Lichtern, bis ihre Lunge zu platzen schien. Sie konnte ihren Verfolger abhängen, aber er hatte ihr Handy. Die nächste Katastrophe. Sie war am Boden zerstört. Nora wischte sich erst eine Haarsträhne und dann eine Träne aus dem Gesicht. Mutlos war sie und ohne Idee, wie sie Siebert diesen Misserfolg erklären könnte, aber sie hatte eine schreckliche Ahnung, was auf sie zukommen würde. Nora hetzte mit ihrem Mountainbike, welches sie am Präsidium abgestellt hatte, nach Hause und betrat ihre Dachgeschosswohnung. Vom Klappern der Schlüssel geweckt, hob Isa kurz den Kopf und klopfte vor Freude mit dem Schwanz gegen ihre Hundedecke. Als Erstes legte Nora den Wohnungsschlüssel so auf den Flurtisch, dass das Bild des Anhängers nach oben zeigte und über dem Schlüssel zum Liegen kam. Dann kontrollierte sie, ob ihre aufgehängten Jacken im richtigen Abstand an der Garderobe hingen. Erst danach wandte sie sich ihrer Labradorhündin zu, die ungeduldig während Noras Ordnungsphase schwanzwedelnd um ihre Beine herumstrich und ihr mehrfach mit der noch vom Schlaf warmen Schnauze gegen das Bein stupste. „Warte, Isa, noch einen Moment.“ Nora kramte ihr privates Handy aus der untersten Schublade ihres Schreibtisches hervor und schrieb per WhatsApp an Siebert: Scheiße, Imam hat mein Handy. Ahmed verloren. Morgen um 10, wie immer. Sieberts vielfache Versuche, Nora auch auf ihrem privaten Handy zu erreichen, blieben erfolglos. Sie hatte es ausgestellt. Nora beugte sich zu Isa herab, und die Hundedame ließ sich zufrieden auf dem Rücken liegend kraulen. In diesem Moment war Nora erleichtert und vergaß für einen kurzen Augenblick die eben erlebte Katastrophe. Sie fuhr immer wieder mit der Hand durch Isas glänzendes Fell und genoss die beruhigende Wirkung. Nora legte sich zu ihr, vergrub ihren Kopf in ihr Fell und genoss den Hundegeruch, der Isa umgab, wenn sie geschlafen hatte. Am scheensten is’, wenns schee is’, dachte sie. *** Der Duft von frisch gebackenen Franzbrötchen stieg Nora am nächsten Morgen in die Nase, als sie die Lieblingsfrühstückskneipe von Max Siebert betrat. Das einzige Lokal in München, welches selbst gebackene Franzbrötchen anbot. Siebert saß auf einem knallroten Sessel und wartete auf sie. Als er Nora entdeckt hatte, winkte er ihr zu. Sie grüßte zurück und passierte einen an der Wand hängenden Spiegel. Ganz nah trat sie heran, kontrollierte ihr in Mantel, Mütze und dicken Schal eingehülltes Äußeres und strich dreimal über ihre im scharfen Bogen geschwungenen dichten Augenbrauen. Sie setzte sich an Sieberts Tisch und bestellte sich einen Cappuccino. Sieberts Miene war so finster, dass sie kein Wort herausbrachte. Max Siebert hatte rötliche Haare, eine sportliche Figur und bei anderen Anlässen freundliche Augen. Überdies trug er einen Dreitagebart, den Nora sexy fand. Heute trug er allerdings einen grauen Anzug, was sie irritierte. Auch fand sie ihn in dieser Sekunde ganz und gar nicht sexy. Er unterbrach das Schweigen. „Nora, ich musste noch nie einen Einsatz abbrechen, weil mein Ermittler verrücktspielt. Hast du denn gar nichts gelernt? Und wieso hast du den Kontakt abgebrochen?“ Natürlich kannte Nora den Grund. Aber konnte sie ihn verraten? Würde es nicht heißen, du musst etwas unternehmen, und sie wäre am Ende des Tages womöglich dienstunfähig? Das wollte sie auf keinen Fall und verbarg daher ihre Erkrankung und den daraus resultierenden Misserfolg erneut mit einer Lüge. Einen Fehler durch eine Lüge zu verbergen, heißt, einen Flecken durch ein Loch zu ersetzen, hatte einmal ein einflussreicher griechischer Philosoph gesagt. Der Spruch stand in Noras WhatsApp-­Status. Aber die Wahrheit wollte Nora nicht sagen, und sie nahm in Kauf, dass alles noch schlimmer kommen könnte. „Ich kann es dir nicht erklären, Max, vielleicht kein Netz?“ Sie zuckte mit den Schultern. Ungläubig sah er sie an. „Wie konnte der Imam dein Handy kriegen? Mann, was für ’ne Aktion. Echt, Nora!“ Siebert war misstrauisch und strich sich während der Befragung durch seinen rötlichen Bart. Nora schilderte ihm kleinlaut, dass der Imam sie während der Verfolgung entdeckt und direkt angesprochen hatte. „Ich bin verbrannt!“, stellte sie fest. Er sah sie fassungslos an und konnte seine Wut kaum zügeln. Nora zuckte zusammen, als er mit der Hand auf den Tisch schlug. „Du bist raus. Ich zieh dich ab!“ Sie starrte auf ihren unberührten Cappuccino und trank einen Schluck. Er war kalt. „Ich bespreche das mit dem Leiter für operative Einheiten, und dann sehen wir weiter. Du musst aus dem Einsatz raus und zurück nach Hamburg.“ Nora schluckte, das hatte sie vermutet, aber das wollte sie nicht. Wollte sie auf keinen Fall. Sie liebte München und ihre Arbeit hier. All das sollte jetzt vorbei sein? Aber es hatte keinen Sinn zu opponieren. Die Entscheidung würde so fallen, das wusste sie. Nach Hamburg zurückzukehren, war aber immer noch besser, als in irgendeiner Abteilung als Dienstunfähige am Computerschreibtisch zu verenden. „Wo wird man mich einsetzen?“ „Das weiß ich nicht“, erwiderte Siebert etwas freundlicher. „Ich bespreche das mit dem zuständigen Kollegen in Hamburg. Du hörst von mir. Wahrscheinlich geht es sehr schnell. München ist jetzt ein gefährliches Pflaster für dich. Du musst hier weg. Wenn ich mehr weiß, rufe ich dich an.“ Die Andeutung eines Lächelns huschte über sein Gesicht. Ihr quirliges Temperament hatte ihn fasziniert, aber er wusste, dass er über seinen schon länger gehegten Verdacht nicht würde schweigen dürfen. „’tschuldigung“, sagte Nora, als sie mit einem Mann in einem passgenauen Nadelstreifenanzug an der Tür des Cafés zusammenstieß und dann ihren Weg fortsetzte. Beim Hinausgehen musterte der Mann im Anzug sie eingehend und stellte sich sodann an den Tresen. „Einen Espresso doppio bitte.“ Siebert stand auf und stellte sich neben den Mann. „War sie das?“, fragte der Mann Siebert und leckte sich mit der Zunge die Crema von der Oberlippe. „Ja.“ „Max, ich setze in Hamburg meinen besten Mann auf sie an. Schick mir bitte Personalbogen und Liste ihrer Vorlieben und Besonderheiten.“ Mit diesen Worten beendete Horst Röpke das kurze Treffen. Als am Nachmittag des gleichen Tages Noras Telefon klingelte, lag sie mit Isa auf dem Sofa und nahm erstarrt die Anordnung von Max Siebert entgegen, dass sie bereits am nächsten Tag nach Hamburg zurückkehren müsse. In der Abteilung für vermisste Personen sollte sie anfangen, die der Abteilung für Kapitalverbrechen angegliedert war. „Ich kümmere mich um die Formalien und deine Wohnung hier in München. In Hamburg kommst du vorläufig in einer Dienstwohnung unter.“ Die vielen Informationen prasselten auf sie ein. „Nora, ich kann dich nur schützen, wenn du auf mich hörst und sofort das Nötigste packst. Heute Abend geht dein Zug.“ „Du denkst an meinen Hund, den muss ich doch mitnehmen?“, fragte sie mit letzter Kraft. „Ja, mach dir keine Sorgen“, beruhigte er sie. Sie hörte zwar Max’ sanfte Stimme, aber nicht, was er sagte. Ihre Gedanken schweiften ab. Was sollte sie in Hamburg, was in dieser unsäglichen Abteilung? Es war ihr jetzt schon zuwider. Kapitel 3 Montag 7.12.2015 Parlamentarischer Untersuchungsausschuss Hamburg Gernot Melzer war sich seiner Rehabilitierung sicher. Endlich würde er die Gelegenheit bekommen, seine Position darzulegen. Heute würde er alles geraderücken können. Der Fahrer seiner dunkelblauen Limousine bog in die Straße hinter einem Rathaus ein. Als er die Fahrzeugtür öffnete, seinen Fuß gewandt auf die Straße setzte und seinen Kopf anhob, wirkte er mit jeder seiner einstudierten Bewegungen, mithilfe derer er sich aus dem Auto schälte, als würde er vor einem für ihn ausgerollten roten Teppich aussteigen und eine Schar an Fotografen erwarten. Wirklich gut aussehend war er nicht, denn durch den über Jahrzehnte genossenen Alkohol und die unzähligen Zigaretten schimmerte seine Haut gräulich-gelb und war aufgedunsen. Aber er war stattlich gewachsen und hatte trotz seiner über fünfzig Jahre noch volles, allerdings gefärbtes blondes Haar. Sein unsportlicher Körper steckte in einem dunkelblauen Anzug, der von seinem langjährigen Schneider angefertigt worden war. Gernot Melzer komplettierte seine Erscheinung mit italienischen spitzen Designerschuhen, die aus schwarz-weißem Schlangenleder gefertigt waren. Insgesamt wäre er zwischen den extravaganten Flaneuren auf der italienischen Luxusmeile der Via Monte Napoleone in Mailand nicht aufgefallen. Angespannt blickten seine eisblauen Schlupfaugen durch seine Pilotenbrille auf sein Handgelenk, welches eine schwere Luxusuhr schmückte. Es war viertel vor zehn, und er fragte sich, wo sein Anwalt blieb. Immerhin bezahle ich dich gut, dann könntest du wenigstens pünktlich sein, ging es ihm durch den Kopf. Er kniff verärgert seine Augen zusammen, sodass sich drei tiefe Furchen zwischen den Augenbrauen bildeten. Für zehn Uhr war Gernot Melzer durch das Gremium des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses (PUA) geladen worden, und viel Zeit blieb nicht mehr, um noch einmal die wichtigen Details durchzugehen. In Gedanken ging er seinen Werdegang durch, der im PUA sicher zum Thema gemacht werden würde. Er war vorbereitet. Sollen sie nur fragen. Gernot Melzer lächelte überlegen. Ja, er verdiente den Erfolg. Mit viel Ehrgeiz, schneller Auffassungsgabe und Fleiß, wahrscheinlich auch mit einer ordentlichen Portion Skrupellosigkeit, hatte er ein expandierendes Bauunternehmen geschaffen und sich hohes Ansehen in der Hansestadt erworben. Wenn er zu einem Empfang im Rathaus oder einem anderen gesellschaftlichen Ereignis geladen worden war, freute sich Melzer wie ein Kind, das lange auf eine ersehnte Einladung zum Kindergeburtstag gewartet hatte. In der Tat, er war für den Wirtschaftsstandort Hamburg unentbehrlich. Ja, er war ein erfolgreicher hanseatischer Kaufmann mit hohem Ansehen. Überdies spendete er für das Kinderhospiz namhafte Summen, wirklich, man konnte ihm nichts nachsagen. Er lächelte stolz und selbstgefällig. Melzer griff in seine Manteltasche und zündete sich eine Zigarette an, musste dann aber plötzlich einen Schritt zurücktreten, um dem an ihm vorbeirasenden Kurierfahrer auszuweichen, der ihm mit einem Schulterblick kopfschüttelnd bedeutete, dass er dem König der Straße im Weg gestanden hatte. „Gehts noch, du Penner?“, entfuhr es Melzer, aber der Radfahrer fuhr unbekümmert weiter. „Diese Kuriere sind echt die Pest“, schimpfte er leise vor sich hin und zog gierig an seiner Zigarette, während er nach seinem Rechtsanwalt Peter Dietrich Ausschau hielt, nicht ohne ihm zuvor eine eindringliche WhatsApp geschickt zu haben. Warten war nicht seine Stärke und schon gar nicht in diesem Moment. Wieder verdunkelte sich sein Gesicht, und er schob seine Zunge unter die Oberlippe. Diese blödsinnige nervende Presseberichterstattung über die damaligen Zustände auf der Baustelle der Elbphilharmonie muss ein Ende haben. Und diese dauernden Lügen und unzutreffenden Verdächtigungen dieses Architektenbüros, allen voran Albert Berend, sind eine kaum zu überbietende Unverschämtheit. Das Rufen seines Namens riss ihn aus seinen Gedanken. Sein Gesicht hellte sich auf, denn Rechtsanwalt Dietrich kam mit langen Schritten auf ihn zu und streckte ihm zur Begrüßung den Arm entgegen. Ohne seinen Handschlag zu erwidern, baute Melzer sich auf und maßregelte seinen Beistand für die Verspätung wie einen Pennäler, was dieser souverän an sich abprallen ließ. Durch Melzers angestrengte Mimik und seine aufgebrachte Sprache fiel sein immer leicht herabhängender rechter Mundwinkel noch mehr aus der Gesichtssymmetrie. Fasziniert betrachtete Dietrich das aus der Form geratene Mienenspiel, und ihm fiel ein, dass er mal ein Gespräch in Melzers Büro verfolgt hatte, in dessen Verlauf die Sekretärin und ihre Kollegin vermuteten, dass Melzer mal einen Schlaganfall erlitten haben könnte. Dietrich war demgegenüber davon überzeugt, dass diese Lähmung von einer tiefen Verletzung zeugte, über die Melzer nie würde sprechen können. Und damit sollte er recht behalten. Auf dem Weg zum Sitzungssaal besprachen sie in der verbliebenen Zeit die kritischen Punkte und unterbrachen ihre Unterredung erst, als sie im Vorraum des Sitzungssaals Albert Berend, der federführend mit dem Entwurf der Elbphilharmonie und deren Baubegleitung betraut war, auf einer Holzbank sitzen sahen. Er war ein attraktiver Mann um die fünfzig, schlank und gut gekleidet. Mit frisch geschnittenen silbergrauen Haaren und einem kurz gestutzten Vollbart, der seine vollen Lippen wirkungsvoll einrahmte, wartete er auf seine Einvernahme. Irritiert über Berends Anwesenheit, betrat Melzer in Begleitung seines Bevollmächtigten den Saal und war – wenn auch nur für einen kurzen Moment – sichtlich beeindruckt von den mit Holz vertäfelten Wänden und den quadratisch aufgestellten Tischen, an denen die Mitglieder des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses Platz genommen hatten. Im Zentrum des Raumes an der hinteren Wand imponierte ein altarähnlicher Bereich, an dem die ehrgeizige, von den Mitgliedern des Ausschusses gewählte Vorsitzende Anne Fliege-Schulz thronte. Sie hatte kurzes, platinblondes Haar und trug eine rote Lesebrille auf der Nase. „Herr Melzer“, gab sie kühl bekannt. „Wir mussten Ihre Vernehmung leider kurzfristig verlegen auf 11.30 Uhr, da der Zeuge Berend wegen eines Todesfalles an dem ursprünglich vorgesehenen Termin nicht erscheinen konnte und jetzt an Ihrem Termin vernommen werden soll. Bitte finden Sie sich um 11.30 Uhr wieder ein.“ Melzer verließ gemeinsam mit seinem Verteidiger wutschnaubend den Saal und machte sich gegenüber seinem Rechtsanwalt Luft. „Wegen des Architekten muss ich jetzt warten. Was glaubt die Kuh eigentlich, wer sie ist? Wegen eines Todesfalles kann er nicht erscheinen. Kann man da nicht mal vorher Bescheid geben?“ Plötzlich hielt er inne. Er wiederholte in Gedanken die Ausführungen der Vorsitzenden. „Wegen eines Todesfalles ...“ Sein Magen krampfte, und trotz der sich langsam ausbreitenden Hitze fröstelte er. Hastig verabschiedete er sich von seinem Verteidiger, verließ das Rathaus und trank in einer kleinen, unscheinbaren Bar um die Ecke trotz des frühen Tages ein Glas Weißwein. Dabei googelte er Todesanzeigen der letzten Tage. Während er in seinem Handy die Anzeigen hektisch durchblätterte, trank er immer wieder einen Schluck Wein. Als er das Glas ein weiteres Mal zum Mund führte, erstarrte er, das Glas an seinen Lippen haltend, als hätte er in diesem Moment vergessen, dass er trinken wollte. Er fixierte das Display seines Handys und las immer wieder den Namen, als könnte er auf diese Weise besser begreifen, dass die Mutter von Albert Berend gestorben war. Mit leichter Verspätung kehrte er gegen 11.45 Uhr zurück zum Sitzungssaal, in dem alle Beteiligten am Tisch saßen und auf ihn warteten, auch sein Vertreter. „Herr Melzer, ich hatte Ihre Vernehmung auf 11.30 Uhr anberaumt und nicht auf 11.45 Uhr. Ich darf Sie bitten, respektvoll mit meiner Zeit umzugehen und meine Ladungszeiten zu beachten.“ Gernot Melzer nahm nach der Ermahnung auf dem für ihn vorgesehenen Stuhl Platz. Er spannte seinen gesamten Körper an und presste die Kieferknochen aufeinander. Leichtes Zucken an den Gesichtsknochen war trotz aller Beherrschung zu sehen, und auch die sich rötende Halsschlagader pulsierte. Schon jetzt hätte er der Vorsitzenden ins Gesicht springen können, er musste sich unbedingt zusammenreißen. „Entschuldigen Sie bitte“, presste er hervor. „Herr Melzer, wie Sie wissen, geht es darum festzustellen, wie es zu den katastrophalen Zuständen auf der Baustelle und zu der explosionsartigen Kostensteigerung gekommen ist. Insoweit ist es von Bedeutung, wie es überhaupt dazu kam, dass Sie im Rahmen des Vergabeverfahrens den Zuschlag bekommen haben. Worauf beruhte Ihre im Nachhinein hinfällige Kalkulation, die Ihnen aber den Zuschlag sicherte?“ „Frau Vorsitzende, lassen Sie mich zur Einführung zunächst erläutern, dass es für mich und meine Firma eine besondere Ehre ist, für die Hansestadt dieses großartige Projekt federführend bauen zu dürfen und ich nicht ohne Stolz berichten kann, dass wir uns der Fertigstellung mit großen Schritten nähern ...“ Die Vorsitzende unterbrach ihn: „Herr Melzer, bitte beantworten Sie meine Frage.“ Melzer bemerkte, wie die Wut in ihm hochstieg. Es gefiel ihm nicht, wie sie mit ihm sprach, aber er wusste, wie wichtig es für sein Vorhaben war, nicht die Beherrschung zu verlieren. „Frau Vorsitzende, die Planungen des Architekten Berend waren unvollständig, und so gut wir es konnten, haben wir eine belastbare Kalkulation vorgelegt.“ Die Vorsitzende widersprach und blätterte in ihren Akten. „Nach den mir vorliegenden Unterlagen haben Sie keine den Bauplänen entsprechende Angebotskalkulation abgegeben. Mir liegen hier sogar Zeugenaussagen von Mitarbeitern Ihrer Firma vor, wonach Sie erklärt haben sollen, dass die Architektenpläne für einen seriösen Kostenvoranschlag völlig untauglich gewesen seien.“ „Mögen Sie mir freundlicherweise sagen, um wen es sich da handelt?“, versuchte Melzer Zeit zu gewinnen. „Haben Sie nicht wegen der unvollständigen Planung damit rechnen müssen, dass Sie diese Kalkulation nicht würden halten können? Wieso haben Sie einen Kosten­voranschlag abgegeben, obwohl, wie Sie selbst gesagt haben sollen, die Pläne für eine Kostenkalkulation völlig ungeeignet waren?“ Sie schaute ihn erwartungsvoll an. Melzer rutschte auf dem Stuhl hin und her und suchte nach einer Antwort. Er legte einen Aktenordner auf den Tisch und suchte sein erstes Angebot. Die Vorsitzende setzte ihren Vorhalt fort, indem sie Melzer mit einem weiteren kritischen Aspekt seines Kosten­voranschlages konfrontierte. „Immerhin hat unter anderem das am Vergabeverfahren beteiligte renommierte Unternehmen Hochtief AG eine deutlich höhere Kostenkalkulation abgegeben und demzufolge den Zuschlag nicht erhalten.“ „Ja, da müssen Sie die am Vergabeverfahren beteiligten Behördenmitarbeiter befragen, Frau Vorsitzende, da kann ich wenig zu sagen, auch wenn ich Ihnen da gerne weiterhelfen würde ...“, schmeichelte er und überlegte, ob er jetzt nicht doch etwas zu weit gegangen war. Fliege-Schulz überhörte die unterwürfige Bemerkung und hielt ihm weiter vor: „Der Zeuge Albert Berend berichtete vorhin in seiner Vernehmung, dass er den Zustand auf der Baustelle unbeschreiblich chaotisch fand und Ihre Firma dies zu vertreten gehabt habe. So berichtete der Zeuge, dass Sie und Ihre Bauleiter täglich Nachforderungen gestellt und Mängellisten aufgestellt hätten. Eine Flut an Behinderungs- und Verzögerungsanzeigen sei von Ihnen erstattet worden.“ Melzer unterbrach die Vorsitzende und wurde laut. „Was hätten Sie getan, wenn Sie Baupläne ausführen sollen, die sich täglich ändern?“ Er haute mit der Faust auf den vor ihm stehenden Tisch und schaute in die Runde, um nach Verbündeten zu suchen. Er fand keine. Mit gesenktem Kopf wühlten die Abgeordneten entweder in Aktenbergen, machten Notizen oder versuchten, gegen die Langeweile anzukämpfen. „Mäßigen Sie sich in Ihrem Ton, Herr Melzer, um meine Einschätzung geht es hier nicht“, entgegnete sie sachlich. „Erklären Sie mir, ob es zutrifft, wie der Zeuge Berend bekundet hat, dass Ihre Firma im Rahmen der Betonarbeiten am großen Saal derart gravierende Fehler gemacht haben soll, dass sowohl die Statik als auch die Akustik und somit das gesamte Bauprojekt gefährdet gewesen seien. Mehrere Hohlräume sollen in der Betonschale entdeckt worden sein, die die Klangisolierung hätten gefährden können.“ Melzer erkannte, dass sein Plan nicht aufging. Alle im Saal schienen sich gegen ihn verschworen zu haben. Offenbar positionierten sich alle für Albert Berend. „Frau Vorsitzende, ich dachte, Sie sollen die Vorkommnisse aufklären, stattdessen scheinen Sie doch schon sehr festgelegt zu sein und suchen die Schuld einseitig bei mir ...“, versuchte er einen Gegenangriff, den die Vorsitzende jedoch abwürgte. „Herr Melzer, Sie sollen sogar die Ultraschalluntersuchungen verweigert und die Vertreter des Architekten der Baustelle verwiesen haben.“ Melzer ärgerte sich, da er nicht gut genug vorbereitet war, um auf diese Details überzeugend einzugehen. Wenn er ehrlich war, hatte er ein wenig den Überblick verloren. Er drehte seinen Kopf zur Seite und schaute Hilfe suchend zu seinem Anwalt, der nun reagierte. „Frau Vorsitzende, ich beantrage Einsicht in die Ihnen vorliegenden Unterlagen, aus denen sich ergeben soll, dass die Vertreter der Firma meines Mandanten sich auf der Baustelle in vorwerfbarer Weise verhalten haben.“ „Hierzu war doch schon ausgiebig Gelegenheit!“, entgegnete sie verwundert. „Konnten Sie sich nicht genügend vorbereiten, Herr Melzer? Sie wussten doch, dass es heute genau darum gehen würde.“ Melzer antwortete nicht und gab resigniert auf. Er hatte für den heutigen Tag verloren und nicht damit gerechnet, dass Albert Berend sich mit seinen Vorwürfen derart weitreichend Gehör verschaffen würde. Fliege-Schulz beendete die Anhörung. „Ich denke, so hat es keinen Sinn, wir sehen uns an einem weiteren Termin wieder, wenn Sie besser vorbereitet sind. Sie wissen jetzt ja, auf welche Themen es ankommt. Ich beende die Sitzung. Fortsetzungstermine werden bekannt gegeben“, spulte die Vorsitzende die Formalien ab. Gernot Melzer verließ erhobenen Hauptes den Saal, aber innerlich brodelte es in ihm. Er ließ das Blitzlichtgewitter der Presse über sich ergehen und flüchtete in die kleine Bar, in der er sich einen Cappuccino und ein weiteres Glas feinperligen Weißweins gönnte. Melzer saß in einer uneinsehbaren Ecke des Lokals direkt vor einem kleinen Spiegel und las Zeitung. Von ihm unbemerkt betrat ein Pärchen das kleine Ecklokal und ließ sich an einem kleinen Tisch auf eine gemütliche rot gepolsterte Bank fallen. Sie gingen sehr vertraut miteinander um, und ihre auf dem Tisch liegenden Hände fanden immer wieder zueinander. Gegenüber ihrem Tisch drehte der Barista den Siebträger mit gekonnten Handgriffen aus der Espressomaschine, klopfte den alten Kaffeesatz in den Abschlagbehälter und bereitete Melzers Kaffee zu. Durch das Pfeifen der Maschine merkte Melzer auf und hob den Kopf. Er schaute direkt in den ihm gegenüber hängenden Spiegel und wurde auf das turtelnde Paar aufmerksam. Eine alberne, rote Lesebrille auf dem kleinen, runden Tisch zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Als der Mann die Umarmung löste, erkannte Melzer die beiden Personen und wollte es nicht glauben. Architekt Albert Berend hatte gerade eine Frau mit platinblonden, kurzen Haaren umarmt, die Frau, die ihn, Melzer, herabgesetzt und Albert Berend bevorzugt hatte. Fliege-Schulz. Er starrte fassungslos auf das beschäftigte Paar und realisierte, dass er zu keinem Zeitpunkt eine faire Chance gehabt hatte. Gernot Melzer musste feststellen, dass dieser PUA-Ausschuss eine Farce war, eingerichtet für die politische Galerie. Wieder und wieder fühlte er die glimmende Wut in sich aufsteigen. Ohne etwas von seinen Getränken angerührt zu haben, schob er den Stuhl nach hinten, stahl sich zum Tresen, bezahlte seine Rechnung und verließ das Café. Das leise Klimpern der in den Opferstock fallenden Münzen unterbrach die von Weihrauch umgebene Stille in Melzers Lieblingskirche Am Weiher. Er blickte in das Flackern der von ihm angezündeten Kerze, wandte sich zum Gebet in das Kirchengestühl und sprach das „Vaterunser“. Was zu tun war, wusste er nun. Kapitel 4 AZ: LKA HH 141 033/1K/3033312/2015 Nora Kardinal fragte sich, was sie erwarten würde, als sie am Dienstagmorgen das Landeskriminalamt in Ham­burg (LKA) betrat. Das sternförmige Gebäude kannte sie noch aus ihrer früheren polizeilichen Tätigkeit in Hamburg, und sie fand problemlos in diesem Labyrinth ihre neue Abteilung, die Mordkommission. Sie schüttelte viele Hände, die ihr freundlich entgegengestreckt wurden, und war froh, als sie endlich in ihrem Büro angekommen und alleine war. Dort sackte sie auf ihrem Drehstuhl zusammen wie eine Marionette, deren Fäden gerade durchtrennt worden waren. Die Müdigkeit zog fast schmerzhaft durch ihre Glieder, während sie langsam mit ihrer Hand über den dreckigen Bürotisch strich, als hoffte sie, auf diese Weise ihre tiefe Verzweiflung beiseitewischen zu können, so wie diesen grauen Staub. Aber ihren Fehler konnte sie nicht ungeschehen machen. Als Nora aus dem Fenster blickte, entdeckte sie zwei Eichhörnchen, die auf der von schmutzigem Schnee bedeckten Wiese, die durch kleine grüne Rasenflecken durchbrochen war, hektisch hin und her liefen und emsig damit beschäftigt waren, die Nüsse zu finden, die sie im Herbst vergraben hatten. Aufgeregt piepsend jagten sie sich plötzlich, als würden sie Fangen spielen. In Einstimmung auf die verfrühte Paarungszeit sprangen sie in einem atemberaubenden Tempo von Ast zu Ast und stießen sich dabei mit ihren muskulösen Hinterbeinen wendig von den wackelnden Zweigen ab. Sie rasten durch den blattlosen Baumbestand und lieferten sich eine wilde Verfolgungsjagd, in deren Verlauf gelegentlich ihre weißen Bäuche aufblitzten. Nora war gefangen von diesem Schauspiel und vergaß für einen Moment ihre düsteren Gedanken. Fasziniert und mit einem Lächeln im Gesicht schaute sie den Nagern hinterher, als jemand das Büro betrat. Alexander Berend blieb im Türrahmen mit einem Stapel brauner Akten stehen. Nora drehte sich zu ihm um und musterte ihn eingehend. Seine Haare waren rötlich, und er trug einen Dreitagebart, wie Max Siebert. Dennoch hatte er durch seinen olivfarbenen Hautton insgesamt ein südeuropäisches Erscheinungsbild. Alexander Berend war groß und sportlich gekleidet und blickte Nora neugierig an. Sie sah ihm direkt in seine braun-grünen Augen und versuchte, seinem Blick standzuhalten. Er trat an ihren Tisch, legte die Akten ab und streckte ihr zur Begrüßung freundlich seine Hand entgegen. „Ich bin der stellvertretende Leiter der Mordkommission. Wenn wir in den nächsten Tagen eine Aufgabe für dich haben, werden wir dich sofort einsetzen. Bis dahin bitte ich dich, die tagesaktuellen und teilweise sehr eiligen Vermisstenvorgänge durchzusehen und gegebenenfalls Anträge beim Haftgericht zu stellen. Wir freuen uns über deine Teamverstärkung und auf gute Zusammenarbeit.“ Mit diesen Worten ließ er sie mit ihrer neuen Aufgabe im Büro zurück. Missmutig zog sie den Aktenstapel zu sich und sichtete die Akten. Schon nach nicht ganz zwanzig Minuten fielen ihre Augen immer wieder zu, und sie fragte sich, was schlimmer war: dienstunfähig am Computer Verwaltungskram zu bearbeiten oder Vermisstenanzeigen durchzugehen. Sie konnte sich nicht entscheiden. Auf einer der Akten las sie das Aktenzeichen LKA HH 141 033/1K/3033312/2015. So viele meiner Glückszahlen, dachte Nora und merkte auf. Zögerlich führte sie ihre Hand unter den rauen Aktendeckel und schlug den Vorgang auf. Eine Anzeige zum Nachteil Simone Maar. Sie blätterte oberflächlich die Akte durch und las: Am Montag, den 7.12.2019 gegen 9 Uhr, erreichte das PK 33 ein anonymer Anruf. Die Anruferin teilte mit, dass ihre Arbeitskollegin Simone Maar seit Sonntagabend vermisst sei. Auf mehrfache Frage des Unterzeichners, ob die Vermisste vielleicht nur ein verlängertes Wochenende angetreten oder sich verliebt habe und nun bei ihrem neuen Freund sei, versicherte die Anruferin, dass dies nicht sein könne. Ihre Arbeitskollegin sei sehr zuverlässig und hätte ihr gesagt, wenn sie am nächsten Tag nicht würde arbeiten können. Auf Nachfrage teilte die Anruferin mit, dass es sich bei der Arbeitsstelle um den Nightclub „Flow“ handele, Am Schwanenwik 31a. Die Anruferin habe mehrfach versucht, die Vermisste über das Handy zu erreichen, was bisher misslungen sei. Bei der Handynummer handele es sich um die Nummer 0176/233 322 78. Sie mache sich große Sorgen, da die Vermisste Diabetikerin sei und ihr Insulinbesteck immer noch an ihrem Arbeitsplatz liege, was sehr untypisch sei. Auf die Frage nach ihren Personalien erklärte die Anruferin, diese seien unwichtig, und beendete das Gespräch. Eine Recherche des Unterzeichners hat ergeben, dass es sich bei diesem Club um ein Edelbordell handelt und die Handynummer auf eine fiktive Personalie eingetragen ist. Ein Rückruf bei der Vermissten hat keinen Kontakt ermöglicht, obwohl das Handy aktiv geschaltet ist. Gegen 11 Uhr rief dieselbe Anruferin (der Stimme nach) erneut an und fragte, was in der Sache schon unternommen worden sei. Der Unterzeichner führte aus, dass das Handy auf eine Fiktivpersonalie eingetragen sei und zur Überprüfung der Schlüssigkeit ihrer Angaben die Anruferin ihre Personalien angeben müsse. Die Gesprächsteilnehmerin hat daraufhin ihre Personalien angegeben. Danach handelt es sich um: Lotta Kardinal Weidenstraße 3 Hamburg Telefon: 0176/9812209 Nora riss ihre Augen auf und unterbrach ihr Aktenstudium. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder. Sie fühlte einen intensiven Schmerz in ihrem Magen und schob ihre Unterlippe nach vorne. Während sie in ihrem Schreibstuhl erneut zusammensank und auf die Akte starrte, lösten sich einzelne Buchstaben aus dem Text und wiegten sich im Takt nach den Klängen von Chopin op. 64.2. Das melancholische, aber auch fröhliche Stück, welches Noras Opa häufig gehört hatte, begleitete sie in ein Krankenhaus, in dem sie als kleines Kind wegen eines Autounfalls gelegen hatte. Ihre ältere, neun Jahre alte Schwester Lotta trat mit einem riesigen, gelben Luftballon an Noras Krankenbett heran. Lotta schlang aber nicht – wie sonst – ihre Arme um sie, obwohl Nora ihre erwartungsvoll ausgebreitet hatte. Starr stand sie vor ihrem Krankenbett, ballte beide Hände zu Fäusten und schaute sie wütend und verzweifelt an. Dieser Blick, den niemand hätte deuten können, grub sich wie ein Brandzeichen in Noras Gedächtnis. Bis heute verstand sie nicht, warum ihre Schwester so wütend auf sie gewesen war und sich seitdem so von ihr entfernt hatte. Ungewohnt schrilles Klingeln riss Nora aus ihren Bildern heraus. Sie nahm den Hörer des Telefons ab und stellte sich vor: „LKA 41, Vermisstenabteilung, Kardinal.“ „Hier ist Max aus München. Nora, ich wollte hören, ob du gut angekommen bist?“ Noch wehmütig, aber auch aufgeregt, berichtete sie ihrem ehemaligen VE-Führer aus München von ihrem ersten, langen Tag in Hamburg und auch darüber, dass sie glaubte, ihre Schwester in einer Akte entdeckt zu haben. „Stell dir vor, sie taucht hier als Anzeigende auf, in einer Vermisstensache, die ich mir zufällig gegriffen habe.“ „Es gibt keine Zufälle“, bemerkte Max und machte einen tiefen Atemzug. „Ich vermisse dich, Nora.“ Kaum ausgesprochen, bereute Siebert es bereits. Schließlich wollte er ihr das Einleben in Hamburg nicht noch schwerer machen und hatte sich fest vorgenommen, nichts zu sagen, was sie traurig machen könnte. Als er jedoch ihre Stimme gehört hatte, konnte er nicht anders und musste diesem Impuls nachgeben. Aber so war es nun. Nora musste nach Hamburg zurückkehren, weil sie die Ermittlung eines mutmaßlichen Terroristen vereitelt hatte und enttarnt worden war. Und nun hatte er in erster Linie eine Instruktion zu befolgen. „Nora, ich muss hier für dich noch ein paar Formalitäten regeln, könnte dich dann aber besuchen kommen.“ Nora schwieg und hing ihren Gedanken nach. „Wirst du wieder in diesen Jazzclub gehen, in dem du früher auch schon Musik gemacht hast? Wie hieß der noch, ,Birdland‘ oder so?“, fragte er. „Am Wochenende ist Vocalsession, da werde ich wohl hingehen. Wieso? Willst du kommen?“ Sie war irritiert über das Interesse. „Nein, nein, das werde ich wohl nicht schaffen“, lachte Siebert, während er auf das Display seines Handys tippte. „Birdland“, Wochenende, Nora. Er drückte auf Senden, und zwei graue Haken quittierten die Ankunft seiner Nachricht. Ob er das Richtige tat, wusste er nicht, aber er war verpflichtet, an der Aufklärung mitzuwirken, so unwohl er sich dabei auch fühlen mochte. „Verzeih, Max, ich bin durcheinander …“ Ihre Stimme kippte leicht, und es war still. Gefasst sprach sie weiter. „Ich habe schon seit ewiger Zeit keinen Kontakt mehr zu meiner Schwester Lotta.“ Während Nora im Vertrauen von ihrer Beziehung zu Lotta erzählte, nahm Siebert sein Handy und sah im Display, dass der Empfänger seine Nachricht bereits gelesen hatte. Horst Röpke antwortete: OK. Kümmere mich. „Irgendwie hatte ich mich damit abgefunden“, sprach Nora weiter, und ihre Stimme begann sich zu überschlagen. „Und nun finde ich sie auf diese Weise wieder. Das ist Fügung. Ich werde sie anrufen und fragen, wie es ihr geht, was sie macht und … “ Nora freute sich zwar über ihre wiedergefundene Schwester, fühlte sich aber zugleich unbehaglich. Wie würde Lotta auf ihre Begegnung reagieren? Jäh fiel ihr ein, dass die Vermisstensache eilig war, und sie beendete das Telefonat. „Max, ich melde mich bei dir, ich muss jetzt auflegen und Lotta und die vermisste Frau suchen, pfiat di.“ Nora stürmte aus ihrem Büro und suchte einen ihrer Kollegen im Nachbarzimmer auf, bei dem sie sich erkundigte, welcher Ermittlungsrichter für Vermisstensachen zuständig sei. „Geht nach Anfangsbuchstabe“, erläuterte Kriminal­oberkommissar Pieter Struck, auf dessen Schreibtisch einige Polizei-Playmobilfiguren aufgereiht waren und der selbst ein wenig skurril wirkte. Ganz am Rand der Sammlung stand ein Pastor mit weißem Kragen, langem schwarzen Gewand und einem goldfarbenen Kelch mit einem Kreuz. Pieter Strucks größter Stolz war allerdings eine GSG-9-Figur, Elite Force BBI, deren Hand etwas dynamischer wirkte als die sonst üblichen halb runden starren Sichelhände. Nora betrachtete den Pastor und nahm sich vor, ihren Kollegen bei Gelegenheit zu fragen, ob er gläubig sei oder der Pastor es nur wegen seiner Sammelleidenschaft in die Ruhmeshalle der Plastikfiguren geschafft hatte. „Hey, Pieter, könntest du mir helfen, habe das bisher noch nicht gemacht.“ Gleichzeitig griff sich Nora eine Polizeifigur mit khakifarbener Hose und strich mit ihrem Daumen über die grüne Plastikjacke mit den aufgemalten Taschen. Die Hände erinnerten sie an die Ersatzhand von Käpt’n Hook, nur eben ohne Haken. Während Nora den kleinen, ergrauten Polizisten mit der Prinz-Eisenherz-Frisur und dem grauen Schnurrbart betrachtete, fiel ihr auf, dass Pieter Struck viel Ähnlichkeit mit dem älteren Herrn aus Plastik hatte. Freundlich schaute er Nora durch seine silberfarbene Brille an. „Frag den Richter, was er an Infos benötigt, Telefonnummer findest du im Outlook.“ *** Das Klingeln des Telefons riss Ermittlungsrichter Markus Hirsch aus seinem Aktenstudium. „Hirsch“, hörte Nora am anderen Ende der Leitung. „Guten Tag, Herr Hirsch, Nora Kardinal, vom LKA 41. Wir haben eine vermisste Person, und ich benötige eine Handyortung für sie. Die Sache ist wirklich sehr eilbedürftig, da die Person schon seit Sonntagabend vermisst wird und die Akkukapazität des angeschalteten Handys sich immer weiter verringert!“, erläuterte Nora ihr Anliegen und beantwortete noch einige seiner Fragen, bis sie ihn endlich sagen hörte: „Ich benötige einen schriftlichen Antrag mit Begründung. Wann können Sie den faxen?“ „In einer halben Stunde haben Sie alles, vielen Dank“, beendete Nora das Telefonat. Eine Stunde später hatte sie die richterliche Anordnung und ließ über die Technische Abteilung des LKA mittels einer sogenannten „Stillen SMS“ oder „Stealth Ping“ das Handy der Vermissten orten. Es klingelte, und während Nora den Telefonhörer aufnahm, setzte sie sich seitlich auf den Tisch. Pieter Struck beobachtete ihr Mienenspiel, während sie zuhörte. Nachdem sie aufgelegt hatte, sprang sie auf und ging zu ihrem Bürostuhl. „Hey, wir haben Glück. Wir haben ein Signal, obwohl das Handy schon seit Sonntagabend durchgehend in Betrieb ist“, rief sie ihrem Kollegen über die gegeneinander aufgestellten Schreibtische zu. „Zuletzt hat es sich in der Funkzelle in der Borsigstraße eingeloggt.“ „Dort ist eine Müllverbrennungsanlage“, bemerkte Pieter, der dort vor Kurzem einen Einsatz gehabt hatte und sich nur zu gut an den Straßennamen erinnern konnte, da seine Lieblingslehrerin in der Grundschule Borsig hieß. Wenn man es genau nahm, war er als kleiner Bub in seine hübsche, junge Lehrerin verliebt, aber das war eine andere Geschichte. „Okay, worauf warten wir?“ „Muss noch mein Butterbrot aufessen“, entgegnete Pieter kauend. „Häh?“ Missbilligend und ohne jedes Verständnis blickte Nora ihn an. Sie wollte gerade zu einem Vortrag über effiziente und schnelle Polizeiarbeit ansetzen, da kam ihr Pieter zuvor. „Mann, das war ein Spaß!“, stieß er belustigt, aber auch irritiert darüber aus, dass sie tatsächlich geglaubt hatte, er wolle jetzt weiteressen. Sie musste ihn eben noch besser kennenlernen. Er legte sein Brot zurück in die Tupperdose, wischte sich seine fettigen Hände an den Hosenbeinen ab und folgte Nora zum Parkplatz des Präsidiums. Während sie mit Blaulicht zum Zielort fuhren, klappte Nora den Laptop auf, um das Signal des Handys verfolgen zu können. Gleichzeitig rief sie bei der Müllverbrennungsanlage an, kündigte ihr Kommen an und ordnete gegenüber dem Leiter der Schicht an, die Arbeiten sofort einzustellen. Sie beschlich ein ungutes Gefühl. Würden sie dort nur ein weggeworfenes Handy finden oder mehr? „Fahr schneller“, herrschte sie Pieter an. Sie war noch sauer über seinen Spaß, den er sich mit ihr erlaubt und den sie nicht verstanden hatte. Als sie eilig das Werksgelände und den Müllbunker betraten, war Nora von dem Anblick, dem Lärm und vor allem dem Gestank der Müllverbrennungsanlage wie erschlagen. Sie standen in einer riesigen Halle, und die grauen Wände des tiefen Betonraums wirkten wie das Parkdeck der Imperialen Raumflotte „Millennium Falcon“ von „Star Wars“. Das Quietschen des Greifarms, der sich in den bunten Müll bohrte, riss Nora aus ihrer Starre. Aus der in dem Greifarm eingequetschten Müllmasse löste sich eine PET-Flasche und fiel in die Tiefe, während die Schaufel direkt auf den Verbrennungsofen zuhielt. Nora wurde übel. Nicht nur von dem beißenden Gestank, sondern auch von der Tatsache, dass die Schaufel sich genau an der Stelle in den Müllberg eingegraben hatte, an der ihr das Laptop ein Signal anzeigte. Sie fuhr den Schichtleiter an: „Maschinen aus, sofort! Sagen Sie mal, was genau verstehen Sie nicht, wenn ich Sie auffordere, die Arbeiten einzustellen?“ Nora bellte unbeherrscht in den Hörer und vergaß dabei den Lärm und den Gestank, der sich langsam in ihren Klamotten festsetzte. „Maschinen aus!“, wiederholte sie. „Wir suchen eine vermisste Person, und wir würden sie gerne finden, bevor ihr sie verbrennt“, schrie sie. Nora ließ weder den Greifarm noch den Signalpunkt des Handys auf ihrem Laptop aus den Augen, bis die Maschine nach Anweisung des Schichtleiters endlich stoppte und erlösende Stille einkehrte. Rasch organisierte sie sich eine Schaufel, suchte zusammen mit Pieter einen Einstieg in den Betonraum und grub an der durch das Signal vorgegebenen Stelle. „Worauf wartest du?“, herrschte sie Pieter an. „Besorge dir auch eine Schaufel und hilf mir beim Graben! Oder willst du bloß rumstehen und mir zuschauen? Zur Not müssen wir weitere Kollegen anfordern.“ Plötzlich hörte Nora auf zu graben, denn ihr Spaten stieß dumpf auf etwas Großes. Sie räumte die oberste Schicht aus Tüten, Konserven und Flaschen beiseite und schaufelte etwas in der Größe eines erwachsenen Menschen frei, das in eine blaue Plastikfolie verpackt war. Nora erstarrte, denn ihre Vorahnung hatte sich bewahrheitet. In dieser Verpackung würde nicht nur das Handy der Vermissten gefunden werden. Als sie das Ende der Plastikmumie anfasste, erfühlte sie durch das knisternde Plastik ein Paar feste Schuhe. Sie öffnete das Paket vorsichtig am anderen Ende, um sich zu vergewissern, ob sie das gefunden hatten, was sie vermuteten. Verwundert musste sie jedoch feststellen, dass sie keine weibliche, sondern eine männliche Leiche mit einem Kopfschuss entdeckt hatten. „Ich informiere die Spurensicherung und den diensthabenden Rechtsmediziner“, spulte Pieter die Arbeitsschritte ab. Nachdem die hinzugerufenen Kollegen der Spurensicherung, die alle in weißen Ganzkörperanzügen steckten und kaum zu unterscheiden waren, die Spuren auf dem Plastikpaket gesichert und den Leichnam aus dem riesigen Betonraum getragen hatten, beobachtete Nora den Laptop am Rande des Beckens, während sie darüber grübelte, wieso das Handy der Vermissten bei der männlichen Leiche lag. Als Pieter ein weiteres Telefonat beendet hatte und mit Nora die nächsten Schritte besprechen wollte, verwirrte ihn ihr verblüfftes Gesicht. Nora hatte vor wenigen Sekunden das Ortungssignal des Laptops beobachtet und registriert, dass es seine Position nicht geändert hatte, obwohl das geborgene Paket schon außerhalb des großen Betonbeckens bewegt wurde und dieser Standortwechsel hätte angezeigt werden müssen. Den Bruchteil einer Sekunde später rief Nora: „Das Handy liegt immer noch im Müllbecken, wir müssen zurück und weitergraben! Vielleicht liegt da noch eine zweite Leiche!“ Nach zehn anstrengenden Minuten fanden Pieter und Nora ein zweites blaues Paket, öffneten es und stellten fest, dass es eine weibliche Leiche enthielt. Auch dieses Opfer, bei dem es sich mutmaßlich um die Vermisste handelte, war mit einem Kopfschuss getötet worden. Beide Leichen wurden ins Institut für Rechtsmedizin verbracht, und Nora und Pieter verabschiedeten sich von dem Schichtleiter, der etwas Unverständliches knurrte, weil er verärgert war, dass er seine Arbeit erst jetzt wieder­aufnehmen durfte. *** „Ich fahre gleich noch in den Puff, um die Anzeigeerstatterin zu informieren und zu befragen. Begleitest du mich?“, fragte Nora. Pieter öffnete die Fahrertür des VW Passat Variant, schaute hoch und winkte ab. „Wenn du mich nicht unbedingt dabeihaben musst, würde ich gerne nach Hause fahren, hab schon so viele Überstunden.“ Er lächelte schief und setzte Nora in der Nähe des Etablissements ab, wo sie auf den Concierge zuging. Goldene Knöpfe blitzten auf seiner roten Uniform, und weiße Locken guckten unter der farblich abgestimmten Schirmmütze hervor. Eine Montur, wie sie auch von Portiers des „Vier Jahreszeiten“, „Atlantik“ oder anderer gehobener Luxushotels getragen wurde, um – unter Ausschluss des Alltages – jeden einzelnen Gast schon vor der Tür zuvorkommend zu empfangen. Heute war es anders. Nora zeigte ihren Dienstausweis, fragte, ob sie Lotta Kardinal sprechen könne, und erklomm die Treppenstufen des Lokals. Lotta Kardinal stand hinter dem Tresen, lächelte den einzigen Gast freundlich an, während sie ihm eine Zigarette anzündete. Geschäftig und flink drehte sie sich zu der schummrig beleuchteten Bar, nahm eine Flasche Wod­ka aus dem verspiegelten Regal und begann, den bestellten „Sex on the beach“ zu mixen. Ihr blonder, lockiger, zu einem Pferdeschwanz gebundener Zopf sprang dabei hin und her. Sie maß 1,70 Meter, hatte eine sportliche Figur, warme, freundliche blaue Augen und eine kleine Nase. Jedoch hatten sich um ihre Mundwinkel bereits tiefe Falten gesammelt, die ihrem Gesicht insgesamt etwas Hartes, Unnahbares gaben. Lotta trug ein schneeweißes Hemd mit einer Fliege, eine schwarze Weste, und um die schwarze Hose hatte sie eine gestärkte weiße Schürze gebunden. Mit beiden Händen und ausgestellten Ellenbogen schüttelte sie den kühlen Cocktailshaker in fließenden Bewegungen schwungvoll nach oben und unten. Währenddessen blickte sie in den Barspiegel, und das Rascheln der kleinen Eisstücke endete abrupt, als Nora Kardinal den Barbereich betrat. Lotta erkannte ihre Schwester sofort. Es war still im Lokal, denn im Hintergrund lief nur leise Musik. Lotta spürte ihr pumpendes Herz. Adrenalin spülte durch ihr Blut, ihr wurde heiß, und ihr Magen rebellierte. Er fühlte sich an, als würde er sich stetig mit einer heißen, flüssigen Lauge füllen und jeden Moment überlaufen, wie ein vergessenes Tiegelchen in einer Alchemistenküche, welches mit einer gluckernden, brodelnden Substanz gefüllt war, die jeden Moment über den Rand zu schwappen drohte. Ihrem Impuls, aus dem Lokal zu fliehen, gab sie nicht nach. Das war keine Option. „Hallo“, sagte Nora und trat an den Tresen heran. Sie hatte sich zur Einleitung einen Satz zurechtgelegt, den sie mechanisch aufsagte. „Lotta, das ist ein unglücklicher Moment für ein Wiedersehen, den habe ich mir anders vorgestellt, aber ich muss dir einige Fragen stellen.“ Unsicher kramte Nora in ihrer Hosentasche nach ihrer Polizeimarke. „Ich bin hier wegen deiner Vermisstenanzeige. Es tut mir wirklich sehr leid, wir haben das Handy deiner Kollegin orten können und dabei eine weibliche Leiche entdeckt. Du müsstest sie noch identifizieren, aber wir gehen davon aus, dass es sich um die Vermisste handelt. Und wir haben auch noch eine weitere Leiche gefunden. Beide lagen im Betonraum der Müllanlage vergraben.“ Nora machte eine kurze Pause, um sich zu sammeln. „Erzähl doch bitte einmal, wie es zu deiner Anzeige kam.“ Durch Lottas Kopf flitzten so viele Gedanken, dass sie sie kaum zu bändigen vermochte. Ihre Simone tot? Das durfte nicht sein! Das musste ein Irrtum sein! Aber wenn sie es doch war? Das würde sie nicht ertragen können. Und ausgerechnet ihre verhasste Schwester Nora stand vor ihr. Hätte nicht ein anderer Polizist kommen können? Ausgerechnet Nora! Und nun wusste sie auch noch, wo Lotta arbeitete. Bisher hatte Lotta ihren sündigen Job in der Bar gut verheimlichen können, und nun kam alles zusammen. Vor ihr stand ihre jüngere Schwester, die ihr so großes Leid angetan und verhindert hatte, dass sie ihr anvertrautes Liebstes hatte beschützen können. Über Lottas Augen legte sich ein leichter Glanz, bloß nicht weinen, dachte sie, bloß nicht weinen, nicht hier, nicht vor ihr. Ihr Blick verfinsterte sich wieder. „Ich habe dir nichts zu sagen“, entgegnete sie. „Alles, was ich weiß, habe ich bei meiner Anzeige erzählt, dem habe ich nichts hinzuzufügen.“ Lotta überlegte einen Moment. „Wisst ihr schon, wie sie gestorben ist?“, wollte sie doch wissen. Nora fiel auf, dass Lotta zutiefst getroffen war und sich der Glanz in ihren Augen hartnäckig hielt. „Nein, noch nicht, die Leichen sind im Institut und werden erst noch obduziert. Warst du mit der Frau befreundet?“ „Wofür ist das wichtig?“ Lotta reagierte trotzig und wollte die Unterredung so kurz wie möglich halten. „Hör mal, Lotta, du hast die Pflicht, Auskunft zu erteilen, zwar nicht mir gegenüber, aber spätestens bei der Staatsanwaltschaft. Es ist nicht an dir, mir Fragen zu stellen.“ Nora biss sich auf die Lippen, wie dumm von ihr, so würde sie ihre Schwester nicht dazu bewegen können, Fragen zu beantworten. „Es tut mir leid, Lotta, ich bin gerade überwältigt von unserer Begegnung und …“ Noras Unterkiefer bebte, weil sie ihre Wut und Tränen unterdrückte. Lotta hatte Nora schon immer für alles Schreckliche, was in der Familie Kardinal passiert war, verantwortlich gemacht. Unvorhergesehen stand die alte Wut zwischen ihnen, aber verdammt, sie musste sich auf die Ermittlungen konzentrieren. „Ich habe dir nichts zu sagen“, wiederholte Lotta. „Ich denke, die Tote war eine Freundin von dir, willst du nicht wissen, wer sie umgebracht hat?“ „Ich habe dir nichts zu sagen!“ Mit eisigen Augen blickte Lotta über Nora hinweg, die beharrlich nachsetzte. „Mensch, Lotta, denk doch an Mone. Meinst du nicht, sie würde wollen, dass du mit uns zusammenarbeitest? Uns hilfst, ihren Mörder zu finden?“ Als Nora den Spitznamen Mone aussprach, senkte Lotta ihren Kopf und kämpfte erneut mit den aufkommenden Tränen. „Woher weißt du, dass ich sie Mone nannte?“ Nora antwortete nicht und zuckte mit den Schultern. Sie wusste es nicht sicher, aber sie hatte das Feuerzeug an der Leiche mit dem Aufdruck Mone gefunden und es vermutet. Über Lottas Gesicht rann eine Träne, und ihre Augen bekamen einen samtigen Ausdruck. Dann begriff Nora. „Ihr wart ein Paar!“, stieß sie aus. „Ja“, schluchzte Lotta, deren abweisende Haltung in sich zusammenbrach. Sie schob ihre Hand unter den Tresen, kramte in einer Schublade und übergab Nora ein Handy. „Hier, das hat ihr letzter Gast bei mir liegen gelassen. Vielleicht hilft euch das weiter.“ Lotta fand schnell ihre Fassung wieder und beendete das Gespräch. „Ich muss jetzt weiterarbeiten. Bitte geh, sonst kriege ich Ärger mit meinem Chef.“ Sie begleitete Nora zum Ausgang und verabschiedete sich kühl. Nora machte keinen Versuch mehr, sich ihrer Schwester zu nähern. Traurig verließ sie den Laden und ließ eine ebenso verzweifelte Lotta zurück. Kapitel 5 Akoya-Perle Sevinc Berend war aufgeregt. Ein ähnliches Gefühlschaos hatte sie durchlebt, als sie ihren Ex-Mann, den berühmten Architekten Albert Berend und Vater ihrer Kinder, geheiratet hatte. Wenn sie diesen heutigen Abend nur schon gemeistert hätte. Aber er hatte gerade erst begonnen. Allein stieg sie aus dem nagelneuen Taxi aus, welches vor ihrem Stammlokal „Da Massimo“ hielt. Es musste perfekt werden. Der reservierte Bereich war extra für sie mit weißer Tischdecke, Teelichtern und grünen Zweigen geschmückt. Die unzähligen roten Pfefferkörner, die sich im Zusammenspiel mit der weißen Tischdecke zu einem feurigen Punktemuster formierten, gaben der Tischdekoration zusammen mit den grünen Zweigen einen weihnachtlichen Zauber. Nur ein Gedeck der Tafel war noch zusätzlich mit zarten, rosafarbenen Blüten und Schwarzkümmel besonders liebevoll verziert. Sevinc verweilte trotz der eisigen Kälte einen Moment vor der Glastür und entdeckte Massimo, die immer freundlich lächelnde Seele des Lokals. Sie beobachtete ihn, wie er quirlig zwischen den Tischen hin und her lief, Wein nachschenkte und kleine Späße machte, die den Gästen ein Lächeln über das Gesicht huschen ließen und die Augen zum Leuchten brachten. Fast verliebt schien sie ihn anzusehen – so ging es im Übrigen den meisten seiner weiblichen Stammgäste – und betrat das italienische Lokal. Massimos Lieblingslied von Zucchero „Così celeste“ klang durch den Raum. Als er sie erblickte, brachte seine Freude perfekte Zähne zum Vorschein. Er schob seine schwarze Brille auf den kahlen Kopf und nahm sie in den Arm. „Buon compleanno, mia cara Sevinc.“ Wie es die Italiener gerne machten, deutete er zweimal einen Wangenkuss an. Sevinc bedankte sich für die guten Wünsche und plauderte noch einen Moment mit ihm, bis sie ihre Tochter Julia am Geburtstagstisch zusammengekauert und mit hängenden Schultern sitzen sah. Sevinc ging langsam zum Tisch und setzte sich neben sie. Julia sah trotz des vom Weinen verquollenen Gesichtes sehr hübsch aus. Klein war sie und zierlich, ein Ebenbild ihrer Mutter. Ihr akkurater, brauner Pony reichte ihr bis zu den Augenbrauen und schmeichelte ihrem länglichen Gesicht. Sevinc überlegte, seit wann es für sie möglich war, ihre Tochter ohne Verschleierung außerhalb der vier Wände treffen zu können. Sie konnte es nicht genau sagen und merkte, wie sehr sie sich bereits daran gewöhnt hatte. Der Schreck war ihr damals, als sie ihre Tochter zum ersten Mal verhüllt in einem Hijab auf der Straße gesehen hatte, in die Glieder gefahren. Und dies, obwohl – oder musste man sagen, weil? – Julia Islamwissenschaft studierte. Sevinc jedenfalls machte Julias Ehemann Ercan mit seinen strengreligiösen Ideen für ihre damalige Wandlung verantwortlich. Erst sehr viel später konnte sich Julia von ihren Fesseln befreien. Heute empfand Sevinc Stolz auf ihre einzige Tochter, die mit Energie und Herzblut als Dozentin im Institut für Islamwissenschaften arbeitete. „Unveränderlich erscheinende Dinge können sich wandeln, Mama“, hatte sie Julia oft sagen gehört. „Meistens bedarf es hierfür nur eines Wechsels der Perspektive und viel Muts.“ Leise lächelte sie über die Klugheit ihrer Tochter. Heute würde Sevinc, die selber nicht gläubig war, den Auslöser für Julias Veränderung nicht ergründen können, aber vielleicht eine Antwort auf die Frage finden, warum ihre Tochter weinte. „Ach Mama.“ Julia riss Sevinc aus ihren Erinnerungen. „An deinem Ehrentag wollte ich nicht weinen, aber ich habe mich so mit Ercan gestritten“, klagte sie. „Er will nicht akzeptieren, dass ich ein anderes Leben führe, ohne Hijab und ohne Einschränkung. Immer wieder wirft er mir vor, ich sei keine gute Muslima und würde gegen Mohammeds Gebote verstoßen.“ Sevinc hörte diese Vorwürfe nicht zum ersten Mal. Auch Ercans Mutter mischte sich regelmäßig ein und warf ihr ebenfalls vor, Julia würde sie und Ercans Familie entehren. „Mama, er hat mir sogar gedroht, mich aus der Wohnung zu werfen. Den Jungen will er mir wegnehmen.“ Als sie diese Worte aussprach, begann sie erneut zu schluchzen und begrub ihren Kopf an der Schulter ihrer Mutter. Ihre Tränen liefen unaufhörlich, und sie holte immer wieder tief Luft, sodass ihr zarter Körper bebte. „Ach, meine Julia, Dinge können sich ändern. Du musst mutig sein und die Perspektive wechseln“, versuchte Sevinc Julia mit ihren eigenen Worten zu trösten und nahm sie fest in den Arm. Sie hielt ihre verzweifelte Tochter für lange Zeit fest umschlossen. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein, als Julia die Stille durchbrach. „Mama, ich lasse mir das nicht mehr gefallen. Ich werde Ercan verlassen.“ Sie löste sich aus der tröstlichen Umarmung und schaute ihre Mutter an. Julia war so klar, als wären ihr befreiender Entschluss und ihr Mut zum Handeln über lange Zeit gereift, wie eine kostbare Akoya-Perle im tiefen Ozean. Ein wenig traf es Sevinc, dass sie an diesem Teil ihres Lebens nicht teilhaben durfte. Aber war es so? Wieso glaubte sie eigentlich, von Julias Entwicklung ausgeschlossen gewesen zu sein? Vielleicht hätte sie nur fragen müssen? Aber das hatte sie nicht getan. Wenn sie ehrlich zu sich war, hatte sie sogar selten Fragen gestellt. Sie hatte Angst davor, mit den Antworten nicht umgehen zu können, sodass der Blick hinter die Fassade ihre eigene heile Welt erschüttern würde. Das Zentrum ihres Handelns war, darauf zu achten, dass dies nicht würde geschehen können. Sevincs nur zurückhaltend geschminktes Gesicht hellte sich wieder auf, als sie die Bedeutung von Julias Worten erfasste. Julia hatte sich nicht nur dauerhaft ihres Textilgefängnisses entledigt, welches – so Julia – einige der muslimischen Glaubensmänner erfunden hatten, um ihre Frauen zu beherrschen, sondern sie würde auch ihren Ehemann verlassen. Sevinc bewunderte ihre Tochter für ihre Furchtlosigkeit und freute sich darüber, da sie ihren Schwiegersohn sowieso nicht richtig leiden konnte. „Ich versichere dir, Julia, dass ich dich unterstütze, wo immer es mir möglich sein wird.“ Während sie Julia auf die Stirn küsste, winkte sie Massimo zu, der gerade zwei Gläser Prosecco Spumante brachte. „Ich glaube, das wird euch guttun. Salute!“ „Mohammed wird es dir nachsehen“, sagte Sevinc augenzwinkernd, und gemeinsam stießen sie auf ihren Geburtstag an. Währenddessen betrat Albert Berend mit einem Blumenstrauß in der Hand das Lokal, eilte zielstrebig auf Sevinc zu und gratulierte ihr mit einem flüchtigen Kuss. Mit großer Anspannung in der Stimme überbrachte er seiner Ex-Frau eine enttäuschende Nachricht. „Ich kann nicht lange bleiben, es tut mir leid, aber ich habe nachher noch einen Termin mit einem der Akustiker.“ Während er sprach, entfernte er ungeschickt das knisternde Blumenpapier und legte es gedankenlos auf den liebevoll geschmückten Tisch. „Es geht um die ‚Weiße Haut‘, diese komplizierten besonderen Decken und Wände für das Konzerthaus.“ Julia und Sevinc hörten interessiert zu. Insbesondere Julia wurde regelmäßig von ihrem Vater über die neuesten Entwicklungen informiert. Sie fieberte aus ganz persönlichen Gründen der baldigen Eröffnung des Konzerthauses entgegen. Aber sie hatte ihr Geheimnis ihrem Vater noch nicht offenbart. Es sollte eine Überraschung werden. „Ich habe euch sicher von dem Computerprogramm erzählt, mit dem für jede einzelne Gipsplatte eine individuelle Oberflächenstruktur berechnet worden ist?“ „Ja, Papa, diese Gipsplatten sollen einen fantastischen Klang an jeder Stelle des Konzertsaals gewährleisten.“ Albert wischte sich mit einem Taschentuch über seine feuchte Stirn. „Von wegen ‚fantastischer Klang‘. Nun sind Probleme beim Einbau aufgetreten. Mein Gott, hoffentlich wird das kein Desaster. Erst diese Dauerprobleme mit Melzer und nun das!“ Er unterbrach seinen Redefluss, setzte sich und sah in Sevincs enttäuschtes Gesicht. Also wollte er ihr entgegenkommen. „Einen schnellen Spumante kann ich aber wohl mit euch trinken. Wo sind denn Alexander und Denis?“ „Alexander hat geschrieben, dass er wegen einer Besprechung im LKA später kommen würde.“ Sevinc schwieg für einen Moment und sprach mit leiser Stimme: „Vielleicht kommt er sogar gar nicht … Dabei habe ich mir doch so gewünscht, dass wir heute alle zusammen sind.“ Es war nicht irgendein Geburtstag. Sie wurde fünfzig Jahre alt, und dieses Ereignis wollte sie mit ihren Kindern, Albert und vor allem mit ihrem neuen Freund im ganz kleinen Kreis feiern. Sie war sehr gespannt, wie ihre Kinder ihren Lebenspartner wohl aufnehmen würden. „Aber ich bin doch da, Mama!“, hörte Sevinc eine Stimme in ihrem Rücken. Sie drehte sich um und versank glücklich in den Armen ihres Sohnes Denis. Denis Berend war groß gewachsen und stämmig. Er hatte längeres, glänzendes Haar, welches jedoch an den Seiten sehr kurz rasiert war. Er trug einen Kinnbart und hatte eine Narbe, die den Schwung seiner Augenbraue durchbrach. Eine Tätowierung zierte seinen teilrasierten Schädel mit „OE“, eine Abkürzung für Osman Eternal. Sevinc küsste ihren Sohn und strich mit ihrem Finger über seine Kette. Die Hand der Fatima. All ihren Kindern hatte sie zum zehnten Geburtstag diese Kette geschenkt. Zwischen dem drängenden Bedürfnis nach Spiritualität und der lenkenden Kraft ihres Verstandes hin und her gerissen, glaubte sie trotz allem an die Energie der schützenden Hand vor dem Bösen. Gegenüber seiner Familie hatte Denis aus der Mitgliedschaft im Verein der OE, dem Konkurrenzclub der Thunder Devils, ebenfalls eine Rockergruppe, die sich im Rotlichtmilieu verdingte und einträgliche Geschäfte machte, kein Geheimnis gemacht. Zum Thema wurde es aber trotzdem nicht gemacht, damit kein Streit aufkam. Dennoch war Denis froh, seinem Bruder Alexander heute noch nicht begegnet zu sein. Die Brüder waren sich nicht „grün“, wie man so sagt. Denis setzte sich neben seine Schwester und seine Mutter an den runden Tisch und wirkte an dem sagenhaft hergerichteten Geburtstagstisch mit seiner plumpen Massigkeit fehl am Platze, so als säße er mit seiner Rockerkutte zwischen Ritter Sir Lancelot und Percival an der Tafelrunde. Abrupt begannen Sevincs Augen zu leuchten, als ein hochgewachsener Mann mit gepflegtem Äußeren und weißem, vollem Haar die Glastür öffnete. Er ging freudig auf Sevinc zu, die sich sofort erhob, kaum dass sie ihn erblickte. Den Arm um ihn legend, sprach sie mit feierlichem Unterton in der Stimme. „Endlich kann ich euch meine neue Liebe vorstellen. Matthias Schmitz.“ Der Neuankömmling begrüßte alle mit Handschlag, stieß dabei beinahe ein gefülltes Sektglas vom Tisch und setzte sich verlegen auf einen der rot gepolsterten Stühle. Sevinc löste auf ihre natürliche, warmherzige Art schnell die Anspannung ihres Freundes, registrierte aber an Denis’ abweisender Körperhaltung, dass ihr Freund es mit Denis schwer haben würde. Julia hingegen schien Matthias zu mögen, und Sevinc freute sich, dass sie mit ihm angeregt plauderte. Bereits nach einer Stunde verabschiedete sich Albert von der inzwischen gelockerten und fröhlichen Runde. Als er sein Auto aufschloss, nahm er aus dem Augenwinkel einen südländisch aussehenden Mann wahr, der wütend das Restaurant betrat und sich dort suchend umschaute. Als er Sevinc entdeckt hatte, stampfte er über die hellen Pitchpine-Dielen des Lokals mit großen Schritten auf sie zu. Sie erkannte den Mann, es war Mesut Aslan, und ihr Gesicht verfinsterte sich. „Was willst du hier? Du darfst dich mir bis auf hundert Meter nicht nähern! Verschwinde!“ Mesut gratulierte Sevinc ungerührt und übertrieben herzlich, als wäre er der letzte fehlende Gast gewesen, auf den alle gewartet hätten. Er baute sich vor ihr auf und flüsterte in einem unterdrückt aggressiven Tonfall: „Sevinc, du wirst nie glücklich werden ohne mich, deswegen werde ich immer da sein, wo du bist und dich nie vergessen lassen, dass man einen Aslan nicht so behandelt ...“ Weiter kam er nicht, da packte Denis ihn am Kragen und zog ihn aus dem Lokal. Mit einem kräftigen Stoß brachte er Mesut zum Taumeln, der, über seine eigenen Füße stolpernd, endgültig das Gleichgewicht verlor. „Wenn du meine Mutter noch einmal nervst, polier‘ ich dir richtig die Fresse. Leg dich nicht mit mir an, du Wichser. Ey, ich fick dich und deine Mutter.“ Dabei warf er ruckartig seinen Kopf in den Nacken. Mesut Aslan rappelte sich auf und verschwand schnellen Schrittes in der ersten Seitenstraße, während Denis wieder zu seiner Familie zurückging. Lange blieb er jedoch nicht mehr, sondern erhob sich gegen dreiundzwanzig Uhr, klopfte kurz auf den Tisch und verabschiedete sich von der Runde. Seine Mutter nahm er in den Arm, drückte sie, hob sie einmal kurz hoch und setzte sie dann ab, wie er es immer beim Abschied tat. „Feier noch schön, Mama, ich habe noch einen wichtigen Termin, du weißt, die Geschäfte rufen.“ Er zwinkerte Sevinc zu und verließ das Lokal. Sevinc wusste nicht, welchen Geschäften er jetzt nachgehen wollte. Darüber machte sie sich keine Gedanken. Sie war stolz auf ihren Erstgeborenen und darauf, was er erreicht hatte. Mit einer Speditionsfirma hatte er sich selbstständig gemacht und führte sein kleines Unternehmen sehr erfolgreich. Immerhin konnte er sich ein teures Auto leisten und sich sein verrücktes Motorradhobby in seinem Männerclub finanzieren. Denis drückte den Knopf der Fernbedienung, vernahm ein zweifaches, kurzes, helles „Klack-Klack“ und entriegelte die Fahrerseite seines roten Mercedes Benz AMG Coupé mit gold lackierten 22-Zoll-Felgen. Er ließ sich in seine Ledersitze fallen und fuhr mit aufheulendem Motor auf die Reeperbahn, wo er eines seiner „Pferdchen“ treffen wollte. Lisa Fels schaffte neben anderen „Freundinnen“ für Denis an und war inzwischen bis unten an der Ecke der Davidstraße aufgerückt. Sie fror und sah aus, wie die meisten Prostituierten aussehen. Große Silikonbrüste, die die Haut zum Bersten brachten, falsche lange Nägel, aufgepumpte Lippen und bis zur Unkenntlichkeit geschminkt. Als sie Denis sah, glänzten ihre Augen. „Du, Schatz“, sagte er, und seine Stimme ließ erkennen, dass er ein Nein nicht akzeptieren würde. „Ich brauch dringend Kohle, wie viel hast du gerade da?“ Enttäuscht kramte sie in ihrer Bauchtasche und übergab ein Bündel Scheine. „Sei nicht immer so wählerisch und mach‘, was die Kunden wollen. Du stehst ja in der Poleposition. Morgen will ich mehr Kohle sehen. Ich fahre nachher zu mir nach Hause, brauchst also nicht auf mich zu warten, Schatz.“ Mit diesen Worten verließ er die Davidstraße und betrat angespannt den legendären Club „Ritze“, um sich in einem Hinterraum mit dem Mann zu treffen, der ihm – so seine Vermutung – wegen des geplatzten Kokaindeals eine Menge Ärger machen würde. Albaner-Klaus richtete sich auf und ging Denis mit großen Schritten entgegen, als dieser den kleinen, von Nebelschwaden durchzogenen Raum betrat. Er baute sich vor ihm auf. „Ich hab es schon gehört, Denis, aber es ist mir scheißegal, dass die Bullen das Kilo sichergestellt haben. Ich will meine Kohle, 35000 Euro schuldest du mir.“ Ohne darauf einzugehen, schimpfte Denis über die einige Tage zurückliegende Polizeiaktion. „Irgendeiner von den Schweinen hat den Deal an die Bullen verpfiffen, wir waren so vorsichtig, Scheißdreck, wenn ich den Verräter erwische, ist der tot, ich schwör‘...“ „Heute war deine letzte Chance zu bezahlen. Ich habe die Thunder Devils im Nacken, die wollen ihre Kohle.“ „Ich scheiß auf die Wichser, sollen die doch kommen, wenn sie was wollen. Ich bin ein Osmane. Wir Osmanen haben keine Angst.“ Dabei klopfte sich Denis mit seiner Faust auf das Osman-Abzeichen. Ein asiatisch anmutender, auf einer Harley Davidson sitzender Glatzkopf mit Sonnenbrille und einem nach hinten gerutschten Fes, dem orientalischen, kegelstumpfförmigen, roten Hut, der aussah wie ein umgedrehter, runder Blumentopf. Diese Geste wirkte eine Spur übertrieben, als wäre er ein Gladiator und wollte Cäsar vor dem Kampf huldigen. Die Todgeweihten grüßen dich. „Scheiße, Mann, die knallen dich ab und mich gleich dazu, du Arsch, du hast doch Kohle, Mann, Alter, lass mich nicht hängen!“, sagte Albaner-Klaus. „Was kann ich dafür, wenn die Bullen den Schnee klauen? Ich kann von Glück sagen, dass ich gerade nicht da war, als die Schmiere aufgeschlagen ist, sonst wäre ich jetzt auch im Knast. Mann, Scheiße, ich habe keine Kohle gekriegt, also kriegen die Pisser auch nix.“ Krachend fiel der Stuhl zu Boden, als Albaner-Klaus aufsprang und Denis am Kragen packte. Er schlug ihm mit der Faust direkt auf die Nase. Denis hörte es knacken. Der helle Schmerz schoss ihm durch die Schädeldecke und Tränen in die Augen. Er ekelte sich über den eisenhaltigen Geschmack seines Blutes, das ihm in den Mund rann. Mit der Außenfläche seiner Hand wischte er sich über die Mundwinkel. Albaner-Klaus schrie ihn mit hochrotem Kopf an. „Ich werde ihnen sagen, wo sie dich finden, du wirst dich wundern, wie schnell sie dich am Arsch haben.“ Er stieß Denis zur Seite, rannte aus dem Raum, legte der verdutzten Kellnerin zwanzig Euro auf den Tresen und donnerte aus der Kneipe. Denis verließ ebenfalls das kleine Hinterzimmer, erbat sich bei der Frau an der Bar ein Taschentuch und reinigte sich notdürftig. Fluchend knallte er die Lokaltür zu, hetzte zu seinem in der Nähe abgestellten roten Benz und startete seinen Wagen. Er hatte weder den auf dem Kiez in der Nähe seines Wagens abgestellten weißen Van noch die dunkel gekleideten Gestalten bemerkt, die ihn beobachtet hatten. Die Scheinwerfer des weißen Sharans leuchteten auf, und die beiden Männer nahmen die Verfolgung auf. Denis verlangsamte das Tempo, als er knirschend in den kleinen, von großen Bäumen beidseitig gesäumten Feldweg einbog, der so schmal war, dass die kahlen, beschneiten Zweige von beiden Seiten des Weges wie ein Dach wirkten. Es schien, als würde man in einen von innen mit Bäumen bewachsenen, dunklen Tunnel fahren, für den kein Ausgang vorgesehen war. Denis schaltete das Abblendlicht an, um den Weg besser sehen zu können. Seine kleine Bauernkate war das letzte Haus im Dorf, und gelegentlich mochte er die Abgeschiedenheit. Er betrat sein Häuschen und suchte den Lichtschalter. Das war das Letzte, woran er sich erinnern konnte, bevor ein harter, schmerzhafter Schlag auf den Hinterkopf ihm das Bewusstsein nahm. Kapitel 6 Spuren-Personen-Treffer Früh am Morgen wickelte Nora der schwanzwedelnden Isa eine Leuchtweste um den Rumpf, schwang sich auf ihr Rennrad, an ihrem Kopf eine hell leuchtende Stirnlampe befestigt, und startete ihre morgendliche Radrunde entlang der Kollau durchs Niendorfer Gehege. Der Wind pustete eiskalt unter ihre Sportjacke, die sich zu einem Ballon aufblähte, und ließ sie frösteln. Um warm zu werden, trat sie die Pedale immer schneller und erkundete das dunkle Gehege mit den schwarzen, knorrigen Bäumen. Ihr Stirnlicht und der silberfarbene, hell leuchtende Mond wiesen ihr mit bizarren Schatten den Weg. Gelegentlich drehte sie sich zu Isa um. Mit beklemmenden Gefühlen im Bauch ließ sie die gestrigen Ereignisse Revue passieren. Vor allem dachte sie über die Begegnung mit ihrer Schwester nach. Sie und Lotta hatten in Hamburg viele Jahre nebeneinanderher gelebt, ohne von der jeweils anderen zu wissen. In dieser großen Weltstadt waren sie sich nicht ein einziges Mal begegnet. An Familientreffen nahm Lotta auch schon lange nicht mehr teil. Trotzdem hatte sich Nora mehr als einmal vorgestellt, wie die Begegnung zwischen ihnen verlaufen würde. Was sie tun müsste, um Lotta zurückzugewinnen. Aber sie hatte auch ihre Härte und Unnachgiebigkeit gefürchtet. Ungeachtet ihrer Bedenken hatte sie Lotta trotzdem gesucht. Über Facebook und über die Einwohnermeldedaten hatte sie schnell ausgemacht, wo sie wohnte. Schon einige Male hatte sie mit ihrem Fahrrad vor Lottas Wohnung gestanden und zum erleuchteten Fenster hochgeschaut. Sie hatte es auch einige Male geschafft, bis zur Haustür vorzudringen, den Impuls zu klingeln hatte sie jedoch immer unterdrückt. Wenn ihr Zeigefinger auf dem Klingelknopf geruht und sie sich mit einem klebrigen Kloß im Magen vorgestellt hatte, was sie ihr sagen könnte, hatte ihr stets der Mut gefehlt zu klingeln. Gestern war nun der Moment gekommen, wo sie sich Lotta hätte nähern können, stattdessen musste sie ihr die Todesnachricht ihrer Lebensgefährtin überbringen. An ihrem Hosenbein rüttelte und brummte das Handy und holte sie aus ihren Gedanken. „Ja.“ „Guten Tag, Doktor Manz von der Rechtsmedizin hier, spreche ich mit Frau Kardinal?“ „Ja, guten Morgen, Herr Doktor Manz.“ Nora wunderte sich, zu so früher Stunde schon die Obduktionsergebnisse erfahren zu können, und war beeindruckt von den schnellen Resultaten. Sie lauschte dem vorläufigen Bericht des Rechtsmediziners und konnte es kaum glauben. Beide Leichen waren mit einem mehr oder weniger aufgesetzten Kopfschuss hingerichtet worden. Das konnte die Spurensicherung über die Schmauchspuren feststellen. Überdies hatte man beim Auswickeln der weiblichen Toten an der innenliegenden Plastikverpackung eine Kontaktlinse gefunden. „Die dürfte für eine DNA-Untersuchung von Interesse sein, aber das wissen Sie sicher selbst“, kommentierte Dr. Manz den Fund und beendete das Gespräch. Nachdem Nora das Handy wieder eingesteckt hatte, drehte sie suchend ihren Kopf und entdeckte Isa mit der blinkenden Weste. Diese hatte nach einem fest verwurzelten Ast geschnappt und zog nun verspielt immer wieder daran. Ihr Hintern bewegte sich durch das Zerren rhythmisch hin und her, jedoch gab sie nach einer Weile entmutigt ihr Vorhaben auf. Nora beobachtete Isa und musste leise lächeln. Sie wählte die bereits eingespeicherte Nummer ihres Kollegen Alexander Berend und informierte ihn über die Neuigkeiten. Alexander entschied, mit unterschiedlichen Kräften sowohl die Wohnung des weiblichen Opfers als auch das Bordell zu durchsuchen, in dem sie gearbeitet hatte. Er instruierte Pieter Struck, damit er sich um die beiden richterlichen Durchsuchungsbeschlüsse für die Objekte kümmerte, und organisierte die Spurensicherung für das Bordell „Flow“, welches seiner Vermutung nach noch geöffnet und vielleicht der Tatort war. Nora beauftragte er damit, das Handy, welches Lotta Kardinal ihr übergeben hatte und dem letzten Freier von Simone Maar zuzuordnen war, über die technische Abteilung auslesen zu lassen. „Ach, und kläre bitte, ob eine männliche Person vermisst wird!“ *** Am Freitagnachmittag kamen alle mit dem Fall befassten Kollegen der Mordkommission zusammen und betrachteten das von Nora aufgestellte Schaubild auf dem Smartboard, auf dem die Namen der in den Fall verwickelten Personen aufgelistet waren. Während ihres Vortrages lief Nora in ihren schwarzen Sneakers vor der Tafel hin und her. Sie trug diese Turnschuhe fast immer, weil sie fand, dass ihre zu groß geratenen Füße darin kleiner wirkten. Sie projizierte die Bilder der beiden Toten an die Tafel, beschriftete diese und malte für die bessere Verständlichkeit Pfeile und Bögen auf das Brett. Zufrieden schob sie ihre Nickelbrille ins Gesicht und drehte sich zu ihren Kollegen, die sie erwartungsvoll anblickten. Pieter Struck, Andreas Schmid, Tanja Richter, Martina Mann und Alexander Berend waren pünktlich erschienen, während Michael Kloss verspätet dazukam, weil er mit einer neuen Vermisstenanzeige und der Einvernahme von Lisa Fels befasst war. Lisa Fels hatte ihren Freund Denis Berend am Dienstagabend das letzte Mal gesehen und seitdem nicht mehr telefonisch erreicht. Während sich Michael Kloss in dem Drehstuhl wog, wandte er sich an seine Kollegen. „Entschuldigt, es hat länger gedauert als erwartet.“ Dabei schielte er besorgt zu Alexander und schien ein ungutes Gefühl zu haben. Nora referierte über das weibliche Opfer Simone Maar, die in dem Edelpuff gearbeitet und mit der dort beschäftigten Lotta Kardinal eine Liebesbeziehung gehabt hatte. Dabei beschloss sie, zunächst Stillschweigen darüber zu bewahren, dass es sich bei Lotta Kardinal um ihre Schwester handelte. „Die Identität der Frau konnte durch ihre Lebensgefährtin festgestellt werden. Des Weiteren haben wir mit der speziellen Superlite S 04 Blut gefunden und DNA extrahieren können. Es wurden alle Spurenträgerflächen mit der Lichtquelle illuminiert. In einem der Bordellzimmer sind wir an Wand und Boden fündig geworden. Die Untersuchung des Blutes hat ergeben, dass es sich um Mischspuren handelt, das Blut aber trotzdem Simone Maar zugeordnet werden kann.“ Nora machte eine Pause und schaute in die Runde. „Wir haben somit den Tatort gefunden“, gab sie feierlich bekannt. Sie wandte sich mit erhobenem Arm dem zweiten Bild an dem Brett zu. „Diese männliche Leiche haben wir anhand des Handys identifiziert, welches uns Lotta Kardinal überlassen hat. Es handelt sich bei dem zweiten Opfer um Manfred Bülow, der von seinen Kollegen als vermisst gemeldet worden war. Er war ein ehemaliger Mitarbeiter der Baubehörde, federführend zuständig für das Vergabeverfahren des Bauvorhabens Elbphilharmonie. Ein Einzelgänger, keine Familie, aber einen Haufen Geld auf dem Konto.“ Sie nickte Tanja Richter lobend zu. „Dank Tanja sind wir auch bereits im Besitz der Kontounterlagen. Zwischen 2007 und 2015 gibt es Kontenbewegungen, kleinere Beträge, aber regelmäßig. Sowohl Einzahlungen als auch Abhebungen. Bülow hat regelmäßig Bareinzahlungen vorgenommen. Auch hob er regelmäßig monatlich 1500 Euro ab. Es ist aber unklar, von wem er das Geld bekommen haben könnte.“ Während sie zum Board lief, um ein neues Dokument aufzurufen, stolperte sie über ihre Füße. Es war ihr unangenehm, kurz errötete sie und setzte dann aber ihren Vortrag fort. „Hier ein WhatsApp-Chatverlauf aus Bülows Handy von November 2015, der ist fundamental.“ Nora las die Nachricht vor, die übersät war mit gelb leuchtenden, lächelnden Emojis. „Wir müssen uns noch mal treffen. Irgendwie, denke ich, sollte es angesichts der für Sie lohnenden Kostenexplosion noch mal eine Aufstockung geben, Smiley. Das ,Flow‘ ist teuer. Smiley.“ Nora wandte sich der Runde zu, die an dem langen Bürotisch saß und sich Notizen machte. „Wir müssen herausfinden, wem diese Nachricht galt, aber ich mache mir da nicht viel Hoffnung.“ Nora setzte ihren Vortrag fort. „Jetzt wird es spannend. Die Kontaktlinse, die wir bei der weiblichen Leiche gefunden haben, kann Frank Meister zugeordnet werden. Wir haben einen ,Spuren-Personen-Treffer‘ der DNA-Kartei des Bundeskriminalamtes erhalten. Polizeilich ist er bekannt als Zuhälter, und außerdem ist er mehrfach vorbestraft. 2005 wurde er aus der Haft entlassen. Und jetzt kommt der Clou: Er ist seit seiner Haftentlassung in der Sicherheitsabteilung von Gernot Melzer beschäftigt.“ Nora machte eine Kunstpause und sah erneut in die Runde. Die Blicke ihrer Kollegen waren weiterhin aufmerksam auf sie gerichtet. „Gernot Melzer ist Inhaber der Baufirma Melzer. Er baut, wie ihr wisst, federführend die Elbphilharmonie. Das Konzerthaus ist kurz vor der Eröffnung. Versteht ihr? Der für das Vergabeverfahren des Bauvorhabens Elbphilharmonie zuständige Sachbearbeiter ist Stammkunde im ,Flow‘ und wird dort von Frank Meister abgeknallt. Es liegt auf der Hand, dass Bülow auf der Gehaltsliste von Melzer stand. Welche Rolle die Prostituierte spielt, ist noch unklar. Vielleicht war sie Zeugin und musste beseitigt werden?“ „Aber warum tötet Frank Meister Bülow nicht an einem Ort ohne Zeugen?“, gab Alexander zu bedenken. „Ob dort noch weitere Zeugen waren, werden wir noch klären“, entgegnete Nora. „Wird sich finden. Möglicherweise hatte er mit ihr eine andere Rechnung offen? Immerhin ist oder war er ja im Zuhältermilieu tätig.“ Sie überlegte kurz. „Ich werde über die Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl gegen Frank Meister beantragen lassen und versuchen, gegen Gernot Melzer eine Telefonüberwachung zu erwirken. Pieter, übernimmst du die Recherche und Beantragung der Telefonüberwachung?“ Er nickte und trank den letzten Schluck kalten Kaffee. Nach der Besprechung erhob sich Michael Kloss aus dem Drehstuhl und ging langsamen Schrittes auf Alexander zu, der von ihm abgewandt gerade an der Kaffeemaschine stand. Leise schimpfte er über den verkrusteten Schmutz, den er seinen faulen Kollegen verdankte, während er die Maschine reinigte. Als Alexander seinen Kollegen bemerkte, drehte er sich um. „Hör mal, Alexander, dein Bruder wird vermisst, seine Freundin war eben hier. Hast du es schon gehört?“ „Nein“, antwortete Alexander. „Aber mein krimineller Bruder war schon häufiger mal verschwunden. Der taucht schon wieder auf.“ Mit diesen Worten wandte er sich wieder der Kaffeemaschine zu, aber bei Michael Kloss blieb das mulmige Gefühl. *** „Ja“, meldete sich Albert Berend am Telefon. Der Wind pfiff so laut zwischen den Gebäuden, dass Berend kaum zu verstehen war. Die nordöstlichen Böen zerrten gewaltig an der royalblauen Europafahne, und das rhythmische Klappern des Seils am Fahnenmast tat das Übrige. „Ich bin es, Anne“, meldete sich die PUA-Vorsitzende Fliege-Schulz. „Ich muss dich sofort sprechen. Wo bist du?“ Ihr helle Stimme verriet große Aufruhr. „Direkt vor der Elbphilharmonie. Ich habe hier zu tun, komm doch her, dann zeige ich dir die Plaza und die längste Rolltreppe Westeuropas. 82 Meter lang … “ Albert Berend platzte vor Stolz, aber Anne unterbrach ihn. „Ich versteh dich kaum. Muss dir was Wichtiges erzählen. Du glaubst es nicht, der Senator hat mich angesprochen“, schrie sie durchs Telefon, damit Albert sie verstand. Sie verabredeten sich, und nach einer Viertelstunde erblickte er seine Freundin, wie sie mit schnellen, kleinen Geisha-Schritten auf ihren hochhackigen Stiefeln über die Brücke lief. Er war fasziniert und belustigt von ihrer Art zu gehen und lauschte dem „Klack-Klack-Klack“ ihrer Absätze. Albert schlug den Kragen seines Kaschmirmantels hoch, steckte sich eine Zigarette an und ging ihr grinsend entgegen. Er wollte sie in den Arm nehmen, aber sie machte sich ganz steif. Sie wand sich aus seiner Umarmung, woraufhin er seinen Kopf zur Seite legte. „Komm, bevor du mir deine Geschichte erzählst, zeige ich dir die Plaza. Geht wirklich schnell“, versuchte er sie zu beruhigen. Er schob sie auf die sich in Bewegung setzende surrende Rolltreppe, und sie verfolgte mit ihrem Blick den Bogen des weißen Tunnels. Die Wände waren aus weißem Putz und durchbrochen von unregelmäßig angeordneten runden Glasscheiben, die das Licht reflektierten. Der illuminierte Handlauf gab der „Anfahrt“ zur Plaza den Anschein, als würde man in eine andere Zeit hinübertreten, gewissermaßen die hanseatische Weiterentwicklung der amerikanischen Serie „Time Tunnel.“ Für einen Moment war Anne durch das gebogene Bauwerk eingenommen, dann aber erhob sie ihre Stimme. „Albert, genau deswegen habe ich jetzt einen Haufen Ärger. Die wissen von uns. Der Senator Maybach hat gesagt, wenn ich nicht die Stellungnahme des Ausschusses zugunsten Melzers Baufirma ausfallen lasse, wäre er gezwungen, unser Verhältnis den PUA-Mitgliedern zur Kenntnis zu bringen. Das würde zu meiner Ablösung führen und sicherlich meinen Mann nicht besonders erfreuen.“ Anne war außer sich. „Begreifst du? Das demokratische Prinzip wird ins Gegenteil verkehrt. Jetzt kontrolliert der Senator den PUA. Ich bin so unendlich wütend und ...“ Sie stutzte. „Woher weiß der das überhaupt, und wie kommt er dazu, sich so für Melzer zu positionieren?“ Sie schaute Albert an, und ihr war klar, dass Albert nicht begeistert darüber sein würde, was sie ihm gleich zu sagen hatte. „Mir ist es egal, wer an der Baumisere Schuld hat. Ich will den Vorsitz auf jeden Fall behalten, und wenn der Senator Maybach will, dass sein ,Liebling‘ Melzer besser wegkommt, dann in Gottes Namen werde ich meinen Einfluss geltend machen, wenn die Stellungnahme verfasst wird.“ „Was heißt das denn? Krieg ich nun den Schwarzen Peter? Bist du jetzt total übergeschnappt? Du zerstörst mein Lebenswerk!“ Albert konnte es nicht fassen. Er dachte an den Beginn des Projektes und über die intensive Zeit nach, als sich der Ideengeber Gérard vom Projekt der Elbphilharmonie zurückgezogen und Albert erfahren hatte, dass die Stadt Hamburg nicht mit dem Architektenbüro Herzog und de Meuron, sondern mit ihm weitermachen wollte. Ein noch nie erlebtes Glücksgefühl hatte ihn damals erfüllt. Mit ihm hatte die Stadt zusammenarbeiten wollen. Ihm hatten sie dieses große Bauvorhaben anvertraut. Und jetzt wollte Anne ihm alles nehmen. Das würde er nicht zulassen. „Anne, ich habe die Chance meines Lebens bekommen. Ich habe mich mit meinem Architekturkontor durchgesetzt. Ich habe die weiteren Ausführungen geplant und dieses atemberaubende Wahrzeichen geschaffen. Ich ...“ „Ja“, unterbrach sie ihn. „Ich, ich, ich. Aber es war dein exquisiter Geltungsdrang mit deinen ewigen Sonderanfertigungen, Planungsänderungen und deinem unsäglichen Zeitmanagement, der zu dieser Kostenkatastrophe geführt hat ...“ Albert schnappte nach Luft und war tief gekränkt. Er betrachtete seine Geliebte, während sie ihm diese unglaublichen Vorwürfe um den Kopf fegte. Ihre blassen Augen tanzten unruhig hin und her, und sie zog ihre Mundwinkel im Wechsel in die Luft. Bedrohlich kam sie mit ihrer fratzenartigen Grimasse immer näher auf ihn zu. Wie durch eine Lupe sah er ihre tiefen Furchen um ihren harten, rot geschminkten Mund. Die Pigmente ihres Lippenstiftes verliefen in die rissigen Mundfältchen und wirkten wie eine rote Kapillarenlandschaft in einem Anatomiefachbuch. Sie spitzte ihre Lippen trotzig so weit nach vorne, dass Albert unwillkürlich einen Schritt zurücktreten musste. „Was meinst du, was passiert, wenn mein Mann erfährt, dass wir eine Affäre haben? Der setzt mich mit gepacktem Koffer vor die Tür oder bringt mich gleich um. Wir dürfen uns eine Weile nicht sehen, bis sich die Aufregung gelegt hat!“ Albert schluckte und begriff nicht, was gerade passierte. „Willst du die Trennung, ist es das? Da braucht nur der Senator Maybach zu kommen, und du kuschst? Ich hatte gehofft, dass wir nächste Woche zusammen auf die Eröffnungsfeier von Melzers neu gebautem Kinderheim gehen.“ „Wo? Auf Sylt? Bist du übergeschnappt? Damit mein Mann in der Presse lesen kann, dass wir was miteinander haben?“ „Doch nicht als Paar!“ „Sondern?“ „Na, du könntest in meiner Nähe sein und ...“ „Albert, also manchmal denkst du nicht nach. Wie sieht denn das aus? Die Vorsitzende des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses trinkt auf Melzers Einweihungsparty Sektchen und nascht Schnittchen. Tolle Schlagzeile. Nein, vielen Dank!“ Albert wusste nicht, was er empfinden sollte. Eine Leere umgab ihn. In sich hineinhorchend fühlte er, wie Panik und Wut langsam seine Glieder hochkrochen und diese verklebten. Er betrachtete seine Geliebte mit leeren Augen und wandte sich zum Gehen. Er musste ihr Vorhaben unbedingt verhindern. Kapitel 7 22-Zoll-Felge Das Erste, was Denis Berend fühlte, waren die stechenden Kopfschmerzen, die bei jedem Atemzug so stark gegen seine Schädeldecke hämmerten, dass er meinte, seine Stirn würde zerspringen. Er öffnete die Augen und konnte nicht viel sehen. Es war dunkel im Raum, aber aufgrund einer kleinen, indirekten Lichtquelle im Nebenraum konnte er seine Umgebung wenigstens etwas erfassen. Er versuchte, seinen Kopf in Richtung der Lichtquelle zu drehen, und stellte fest, dass er sich nicht richtig bewegen konnte, da er an Händen und Füßen gefesselt war. In dem massigen, kräftigen Körper verbreitete sich Panik, und jede Pore seiner Haut füllte sich mit Angstschweiß. Denis konnte sie riechen, seine Todesangst, die sich mit dem feucht-modrigen Geruch des Raumes mischte. Er versuchte, sich zu erinnern. Scheiße noch mal, was war passiert? Schemenhaft und vernebelt tauchten Bilder vor seinem inneren Auge auf. Die Autofahrt nach Hemdingen-Bilsen, der Streit mit Albaner-Klaus, der Fausthieb. Der Schmerz der Nasenwurzel trat in sein Bewusstsein. Ansonsten erinnerte er sich an rein gar nichts. Hatte Albaner-Klaus damit zu tun? Oder einer der „Thunder-Arschlöcher“? Denis, konzentriere dich, ermahnte er sich im Stillen. Auf keinen Fall durfte er jetzt panisch werden. Speiübel war ihm, und er unterdrückte angestrengt den Impuls, sich übergeben zu müssen. Er versuchte, seinen Kopf zu drehen. Widerstand. Seine Angst vernebelte ihm das Hirn und breitete sich in seinem Magen aus. Denis’ Kopf war mit einem dicken Lederriemen fixiert. Um dennoch so viel wie möglich von seiner Umgebung sehen zu können, drehte er seine Augen in alle Richtungen und drückte seine Augäpfel so stark gegen das Fett- und Bindegewebepolster, dass es ihm schien, als würden sie jeden Moment aus der knöchernen Augenhöhle herauskugeln. In etwa so, wie eine polierte Stahlkugel in einem alten Flipperautomaten plötzlich aus einer ihrer Spielfeldöffnungen herauskatapultiert wird. Die Schweißperlen, die sich auf seiner Stirn gesammelt hatten, glitten an seiner Schläfe herab und tropften auf die Liege. Als er versuchte, sich ruckartig aus der Fesselung zu befreien, bemerkte er einen metallenen Gegenstand an seinem blanken Gesäß und realisierte, wie er pinkeln sollte. Nun brannte es an seiner Armbeuge, an der er hinabschaute. Eine Kanüle steckte in seiner Vene. Scheiße, was war hier los? Was passierte mit ihm? Voller Angst schaute er sich um, so gut es der Lederriemen ermöglichte. Der Raum war eine Art Kellerverlies, mit großen, aluminiumfarbenen Rohren an den Wänden. Außer seiner Fixierungsliege konnte er nichts weiter entdecken, bis auf eine Maus, die oberhalb des Rohres nach Nahrung suchte. Ein Fenster hatte er bisher nicht gefunden. Wieder überkam ihn diese Übelkeit, und er kämpfte gegen den Brechreiz an. Da war ein Geräusch! Ein Türklappen und Schritte kamen aus Richtung der dunklen Tür, deren Ritze ebenfalls etwas Licht in das Verlies schimmern ließ. Er hörte den „Abendsegen“ von Humperdinck, den er nicht einordnen konnte. Die Schritte entfernten sich wieder. Jetzt schepperte ein Vorhängeschloss gegen die sich öffnende Tür. Denis kniff seine Augen fest zusammen, um möglichst viel von seinem Entführer erkennen zu können. Eine große, schlanke, in Schwarz gekleidete, maskierte Person betrat den Raum und entfernte wortlos die Gesäßpfanne. Dann setzte der Entführer eine Einwegkunststoffspritze an die Kanüle und nahm dem benebelten Opfer Blut ab. Wortlos hielt der maskierte Mann ihm einen Strohhalm hin. Denis, der nicht bemerkt hatte, wie durstig er war, trank das Wasser in tiefen Zügen aus und fiel wenige Sekunden danach in einen leichten Dämmerschlaf. Mit dem Blut des Opfers beschrieb der Entführer eine 60 mal 80 Zentimeter große, weiße Leinwand, die an eine der Kellerwände gelehnt war. „Denn das Leben des Fleisches ist im Blut und ich habe es euch für den Altar gegeben. Denn das Blut ist es, das durch Leben Versöhnung erwirkt. Im Blut war die Seele und Gott beansprucht die Seele. 3. Mose. 17/11. Auf dass ihr euch Gott wieder nähern könnt.“ In einer Ecke des Raumes stand ein Eimer, neben dem auf einem Hocker ein Schächtmesser lag, dessen blitzende Klinge der Form eines Lineals glich. Der Entführer drehte die Liege um 180 Grad, sodass Denis, an der Liege fixiert, nur noch zu Boden blicken konnte. Er erwachte kurz aus dem Dämmerschlaf, den Metalleimer direkt unter seinem Kopfbereich sehend. Als er das Schächtmesser im Augenwinkel blitzen sah, fühlte er, wie warmes Urin an seinen Innenbeinen herunterlief. Der Täter nahm das Messer und flüsterte mit eisiger Stimme: „Ich will deine Stimme nicht mehr hören. Du wirst still sein. Für immer.“ Er setzte das Messer an der Halsunterseite an und durchtrennte mit einem Schnitt die Luft- und Speiseröhre. Denis riss in Todesangst die Augen auf. Er verfolgte mit seinen Augen die an ihm vorbeifahrenden gold lackierten 22-Zoll-Felgen seines roten Mercedes Benz AMG Coupé, die sich immer schneller drehten, bis er das Bewusstsein verlor und das Leben aus seinem ausgebluteten Körper wich. Kapitel 8 3. Mose 17/11 Nora bog mit ihrem Rad knirschend in den weißen Kieselweg ein, der zu ihrem neuen Zuhause in Niendorf führte. Verschwitzt betrat sie ihre frisch renovierte Einliegerwohnung im Souterrain. Wie immer drapierte sie ihren Wohnungsschlüssel so auf dem Tisch, dass er über dem Haustürschlüssel zum Liegen kam. Dann kontrollierte sie die Jacken an der Garderobe, ob sie den richtigen Abstand zueinander hatten. Hierbei ging sie immer gleich vor. Sie legte ihre Hand als Maßband an die Garderobenstange und richtete danach ihre Jacken aus. Jetzt konnte sie endlich Isa begrüßen, die schwanzwedelnd darauf wartete, gestreichelt zu werden. In einer Viertelstunde würde ihr über ihr wohnender Vermieter kommen. Sie waren verabredet. Nora sprang schnell unter die Dusche, ließ „Always on my mind“ von Elvis Presley durch die Boxen dröhnen und dachte über ihren Fall und Melzer nach, während sie leise mitsang. In Hamburg hatte er es bereits auf die Liste der Hamburger Persönlichkeiten geschafft, denn sein Name war mit dem Bau der Elbphilharmonie und somit eng mit Hamburg verbunden. Allerdings war seine prominente Stellung durch den derzeit durch die Gazetten jagenden Bauskandal um die Elbphilharmonie beschattet. Nun war er verdächtig, den Baubehördenmitarbeiter Bülow bestochen zu haben, um den Zuschlag für das Bauvorhaben der Elbphilharmonie zu erhalten, was einen erheblichen Imageschaden nach sich ziehen würde, sollte sich dieser Verdacht bewahrheiten. Eine Pressewelle von unglaublicher Schlagkraft und mit nicht zu überschauenden Folgen würde Hamburg überfluten, sollte sich der Vorwurf als richtig erweisen, davon war Nora überzeugt. Sie hatte im Netz über Melzer recherchiert und herausgefunden, dass er keine Familie hatte und sich engagierte für das Kinderheim „Junge Deerns“, für das er ein Ferienhaus auf Sylt bauen ließ, das kurz vor der Eröffnung stand. Bis auf den Bauskandal zog sich ein tadelloses Profil durch seinen Lebenslauf. Er hatte sich sogar besonders verdient gemacht, als er gemeinsam mit Sabine Spindt, einer ehemaligen Erzieherin des Mädchenheimes „Junge Deerns“, den Skandal aufdeckte, der zur Frühpensionierung der vorherigen Heimleitung geführt hatte. Strukturell bedingte, unwürdige Erziehungsmethoden wurden damals den dort beschäftigten Erzieherinnen vorgeworfen. Die gepeinigten Mädchen bekamen als Strafaktion nichts zu essen oder mussten mitten in der Nacht für mehrere Stunden in einem dunklen Raum im Keller stehen, bis die Beine zu zittern anfingen und sie erschöpft endlich ins Bett gehen durften. Nora schüttelte sich bei der Vorstellung, dass die abhängigen und schutzlosen Mädchen, so schwierig sie vielleicht auch gewesen sein mochten, dieser Quälerei ausgesetzt waren. Melzer hatte sich mit viel Sozialengagement vorbildlich um die Heimbewohnerinnen gekümmert und war sogar, wie Nora ebenfalls im Internet herausgefunden hatte, seit einem Jahr mit der neuen Heimleiterin Sabine Spindt liiert. Alles in allem ein anerkanntes, prominentes Mitglied der Hamburger Gesellschaft, welches lediglich an der einen oder anderen Stelle korrumpierend nachhalf. Wie es wohl die meisten taten, vermutete Nora. Nur Meister passte irgendwie nicht in seine Agenda. Bevor sie sich einen Rotwein eingießen konnte, klingelte es an der Tür. Sie öffnete sie erwartungsvoll und versuchte gleichzeitig, die bellende Isa zu beruhigen. Vor ihr stand ein älterer Herr, mit schneeweißem Haar, festem, rundem Bauch und einer mit vielen geplatzten Äderchen durchzogenen Knollnase. Er strich sich durch seine lichten Haare und lächelte Nora freundlich an. „Frau Kardinal, herzlich willkommen, ich hoffe, Sie werden sich hier schnell einleben.“ Seine Stimme wirkte aufgrund ihres tiefen Klanges beruhigend auf sie. „Herr Neumeier, nehme ich an? Ich freue mich sehr, auf gute Nachbarschaft! Stimmt es, dass Sie ein Opernsänger sind?“ Nora trat einen Schritt zurück und bat ihren Vermieter mit einer schwingenden Armbewegung in die Wohnung. „War, Kindchen, war, meine Stimme ist zu alt. Ach, jetzt singe ich nur noch für mich und meinen Hund.“ Dabei deutete er auf die Pudelmischung zu seinen Füßen. „Oder für Sie, wenn Sie es mögen ...“ Er lachte dröhnend und hielt sich seinen wackelnden Bauch. „Ich singe auch, also nur so zum Spaß“, sagte Nora verhalten und konnte ihren Blick nicht von dem schwingenden Kugelbauch abwenden. „Ich fahre gleich ins ,Birdland‘, da ist heute Vocalsession.“ „,Birdland‘? Schon mal gehört. Was bedeutet Vocalsession? Wissen Sie, ich bin Klassiker alter Schule.“ Er zuckte mit den Schultern und hob die Augenbrauen. „Ein Jazzschuppen. Bei der Vocalsession treffen sich die unterschiedlichsten Menschen, die gemeinsam musizieren und singen. Einfach Spaß haben. Mögen Sie mitkommen?“ „Ach, Kindchen, vielleicht ein anderes Mal, heute nicht, aber ich wünsche Ihnen viel Spaß. Wenn was ist, melden Sie sich einfach. Und wenn ich Ihren Hund mal mitnehmen soll, sagen Sie mir ruhig Bescheid. Sie haben sicher viel zu tun.“ Er drehte sich um, hielt sich seinen runden Bauch, hob den Arm nach oben, trällerte die Arie „Nessun Dorma“ und schritt mit seiner älteren Pudeldame würdevoll die Treppe hoch. Oben angekommen, drehte er sich um und zwinkerte ihr zu, wie Peter Frankenfeld auf seiner Showtreppe. Eine Stunde später radelte Nora los und hörte „Andante Andante“ von Abba. Nora war neben Elvis Presley auch ein großer Fan dieser schwedischen Popgruppe. Durch die Toreinfahrt des „Birdland“ fuhr sie zu den Fahrradständern, schloss ihr Rad an und betrat den Musikclub über die Kellertreppe. An der Garderobe saß eine etwa Mitte fünfzigjährige Frau mit kurzen, grauen Haaren. Sie trug Jeans, einen pinkfarbenen Pullover und lächelte freundlich. Nora zog ihre Kunstfelljacke aus und hängte sie an den Bügel. Sie fasste sich auf den Nasenrücken und bemerkte, dass sie ihre Brille vergessen hatte. Erhobenen Hauptes ging sie durch den Club und lächelte jeden Gast im „Birdland“ an, obwohl sie niemanden erkannt hatte. Nicht, dass es später heißt, die ist aber arrogant geworden, dachte Nora. Als sie die Ahnengalerie der Jazzkoryphäen an den Wänden erblickte, geriet sie in einen kaum beschreibbaren wohligen Gemütszustand. An der Wand hingen in Öl gemalte, gold gerahmte Bilder von Miles Davis, Billie Holiday, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughan und Louis Armstrong. Während Nora über einen der Musiker rätselte, der aussah wie George Clooney in jungen Jahren, stieß sie ein junger Mann an und schaute sie offen an. „Entschuldige, aber du hast mich so freundlich angelächelt, dass ich dich einfach ansprechen musste, aber umrennen wollte ich dich nicht, sorry noch mal. Möchtest du etwas trinken?“ „Ja gerne, einen Primitivo, bitte“, antwortete Nora und fühlte sich etwas überrumpelt, aber die Neugier überwog. Während sie auf ihr Getränk wartete, erblickte sie die Pianistin für den heutigen Abend, jung, hübsch und mit einem perfekt geschnittenen, akkuraten Pony, nahm sie vor dem schwarzen, glänzenden Flügel Platz. Sie hatte das dunkle, lange Haar zu einem Seitenzopf gebunden und blätterte in ihren Noten. Die Hand des Schlagzeugers ruhte auf ihren Schultern, während er sich an ihr vorbei­schlängelte, um sich an sein Schlagzeug setzen zu können. Er lächelte die Pianistin an, hockte sich auf den runden Lederstuhl, nahm die auf der Snare Drum abgelegten Brushes an sich und drehte sie akrobatisch in seinen Händen. Der Kontrabass wurde von einer zierlichen, schwarzhaarigen, in einem schwarzen Chiffonoverall gekleideten Französin gespielt. Nora nahm allen Mut zusammen und ging zur Pianistin. Sie streckte ihren Arm aus. „Hallo, ich bin Nora, wie läuft die Vocalsession heute ab?“ Die Pianistin hob den Kopf und begrüßte sie. „Hallo Nora, ich bin Julia und begleite heute die Sänger durch den Abend. Hast du Noten für uns dabei?“ „Ja, ich möchte ,Can’t help falling in love‘ singen, in einer arrangierten Jazzversion.“ „Vor dir sind noch fünf Sängerinnen dran, und dann kommst du an die Reihe.“ Julia lächelte ermutigend und wandte sich sodann konzentriert ihren eigenen Noten zu. „Bis gleich“, verabschiedete sich Nora und verließ die Bühne, die durch eine Vielzahl an einer langen Leiste angebrachten runden Glühbirnen erleuchtet war. Während sie sich suchend im Raum umschaute, bemerkte sie, wie sich ein Arm hob und ihr zuprostete. Jetzt erst nahm sie ihre Begegnung von eben genauer wahr. Der Mann, der mit ihrem Glas Primitivo auf sie wartete, sah gut aus, hatte aber für Noras Geschmack einen Rotschopf, der einen flotteren Haarschnitt vertragen könnte sowie einen zu lang geratenen Vollbart. Er war in ihrem Alter und trug ein schwarzes T-Shirt, auf dem ein verknoteter Kabelaufdruck zu sehen war, der an einem viereckigen Kasten hing. „Hey, arbeitest du für die Telekom?“, wollte Nora scherzhaft wissen und wartete nicht auf seine Antwort. So gelungen fand sie ihre scherzhaft gemeinte Bemerkung nämlich nicht. Wahrscheinlich hörte er das häufiger. „Wie heißt du?“ „Mike, Mike Hummel, nein, ich arbeite nicht für die Telekom, aber ich bin ein Fan vom CCC. Chaos Computer Club“, fügte er hinzu, ohne dabei belehrend zu wirken. „Und du? Wie nennt man dich?“ „Nora“, antwortete sie, nahm neben Mike an einem kleinen, runden Tisch Platz und legte ihr Handy auf den Tisch. Der Laden war voll mit jungen, aber auch älteren Musikinteressierten. Die Stimmung war vergleichbar mit einer Mischung aus Familientreffen, Abiturfeier und musikalischer Buchlesung. Aufgeregt schnatternde Teenager, wie vor Beginn einer Klassenfahrt, in Begleitung ihrer Familienangehörigen einerseits. Und ältere, intellektuelle Jazzliebhaber, die das Geschehen eher verhalten genossen, andererseits. Nora mochte vor allem das zwanglose Ambiente und fieberte mit jedem Künstler mit. Sie trank einen Schluck von dem beerigen, weichen Wein und schenkte ihre Aufmerksamkeit der ersten Sängerin. Eine ältere, sehr schlanke Frau mit weit aufgerissenen Augen, die ein T-Shirt aus Spitze trug, allerdings ohne Büstenhalter. Sie interpretierte auf dramatische Weise einen Jazzstandard, den Nora nicht kannte. Die Sängerin starrte in die Ferne, und Nora fand, dass sie aufgrund ihres gezierten Blickes wirkte, als sei sie seit Kurzem vom Wahnsinn befallen. Im gleichen Moment, da sie das dachte und sich für die Sängerin fremdschämte, tat es ihr leid. Auch in solchen peinlichen Momenten durfte man nie außer Acht lassen, dass diese Interpreten Respekt verdienten für das, was sie taten. Auch wenn es scheußlich war. Höfliches Klatschen füllte den Raum, nachdem die Sängerin die Bühne verlassen hatte. Sodann betrat eine junge, zierliche Frau die Bühne, stellte sich an den Kontrabass und stimmte leise auf Französisch „Autumn leaves“ an und verzauberte Nora und die anderen Gäste mit ihrer Darbietung. Mit Mike verstand sich Nora auf Anhieb, und sie plauderten angeregt. Er erinnerte sie an ihren alten Schulfreund Sepp aus München, der die gleichen spitzbübischen Augen hatte und mit dem sie viel Zeit verbracht hatte. Einmal, als sie zwölf Jahre alt waren, schrieben sie auf kleine Zettel: „Kohl muss weg, hat kein Zweck“, und verteilten diese munter in die Briefkästen der umliegenden Nachbarschaft. Dieses politische Engagement hinderte sie aber nicht daran, sich auf einer CSU-Wahlveranstaltung hungrig mit Würstchen vollzustopfen. Nora wurde unruhig, da sie gleich an der Reihe sein würde, aber vor allem, weil ihr die Menschenmassen zu schaffen machten. Sie zählte die Birnen in den Leuchtleisten, konnte aber keine Erleichterung erreichen. Ihre unkontrollierbaren Gedanken nahmen erneut von ihr Besitz. Was wäre, wenn ein Einbrecher käme und Isa bellte und ihr etwas zustieße ...? „Aller guten Dinge sind drei, sagten drei kleine Dreikäsehoch und kauften drei Brote, Schwarzbrot, Graubrot, Weißbrot, bevor sie sich dreimal bekreuzigten“, murmelte sie leise vor sich hin und bekreuzigte sich dreimal. „Was hast du?“, fragte Mike. „Wieso bekreuzigst du dich?“ Er legte seine Hand auf ihren Arm und schaute sie an. Nora antwortete nicht. Jetzt musst du dreimal bis dreißig zählen, und dann wird alles gut, dachte sie und zählte, während eine weitere Sängerin „Cry me a river“ sang, was aber nur wie durch eine dicke Nebelwand zu ihr durchdrang. Sie wiederholte den Vers wie ein Mantra, zählte dreimal bis dreißig und spürte, wie die Anspannung von ihr abließ und sie ruhiger wurde. „Mann, Nora, du bist aber echt schräg drauf“, sagte Mike und schaute sie an. „Wirst du heute auch singen?“, wechselte er das Thema und deutete auf ihre Noten. Nora antwortete nicht und blätterte nervös durch ihre Sheets, während sie die Band betrachtete, die professionell ein Lied nach dem anderen interpretierte und vergnügt zu sein schien. Sie nahm ihren Mut zusammen, stand ruckartig von ihrem Stuhl auf und betrat den Musikern zugewandt die Bühne. So bemerkte sie nicht, wie sich Mike konzentriert seinem Handy zuwandte. Dann wollen wir mal schauen, dachte er, wie wir den Trojaner auf dein Handy kriegen ... Mmmh, wo ist deine MAC-Adresse ... Schnell fand Hummel in seinem Gerät die Kennung 00-60-63-mr-kw-4r, die Adresse, die er vor wenigen Tagen bei Nora mittels WLAN-Sniffing identifiziert hatte. Dazu musste er sie mit seiner Technik bloß eine Weile begleiten. Eigentlich ganz simpel. Wie schön, du machst es mir einfach, Bluetooth ist aktiviert. Hummels Finger tippten ein letztes Mal über das Display. So, dieser kleine Trojanerfreund ist für dich, liebe Nora. Nach nur wenigen Minuten hatte Hummel Noras Handy erfolgreich angegriffen. Mit geschlossenen Augen stand Nora auf der Bühne und sang. Die Zuhörer hatte sie in ihren Bann gezogen, und sie selbst war zu Gast in einer Klangwelt, in der die Musik und die Geschichte des Songs ihren Körper vollständig durchdrangen. Auch Mike hörte dem Rest des Songs zu und ließ sich von der Musik davontragen. Ja, für einen Moment hatte er vergessen, warum er hier war, und ihn überfiel ein schlechtes Gewissen. Als die letzten Noten verklungen waren, nahm Nora mit geöffneten Augen den Applaus ihres Publikums entgegen. Sie lächelte, bedankte sich bei den Musikern und der Pianistin Julia Berend per Handschlag und plauderte noch eine Weile mit Mike Hummel, bis es fast Mitternacht wurde. Am Ende des Abends sang sie noch für die letzten drei hartgesottenen Clubgäste und Mike Hummel „Will you still love me“ von Carol King, verabschiedete sich von ihm und fuhr, erfüllt von dem Abend, mit dem Song „Thank you for the music“ im Ohr nach Hause. Am scheensten is‘, wenns schee is‘, dachte sie und schlief beseelt ein. Mike Hummel trat als Letzter aus der Clubtür, zog sein Handy aus der Hosentasche und tippte seine WhatsApp-­Nachricht an seinen Kontaktmann Röpke. Der Adler ist gelandet! *** Als sich am frühen Sonntagmorgen im Volkspark langsam der Nebel hob und die aufgehende Sonne den gefrorenen Boden erwärmte, reckte sich auf einem Hügel eine mehrere Hundert Jahre alte Eiche mit ihren knorrigen Zweigen dem stahlblauen Himmel entgegen. Durchbrochen wurde die Stille durch das Plaudern und Lachen einer kleinen Rentnergruppe. Deren Kursleiter Rene Schmitz, ein rüstiger älterer Herr mit einem langen weißen Zopf und einer braunen Wollmütze, die mit dem Logo des FC St. Pauli verziert war, legte seinen Rucksack beiseite und ließ die Holzstöcke für die Teilnehmer scheppernd zu Boden fallen. Hastig verließ er die bewegungshungrige Rentnergruppe, die sich noch auf den Kursanfang vorbereitete und die schweren Winterjacken gegen leichtere, wärmende Sportjacken austauschte. Der Kursleiter bestieg den Hügel zur alten Eiche, passierte den in die Jahre gekommenen Baum und trat an eine dichte Strauchreihe, um sich, vor neugierigen Blicken geschützt, zu erleichtern. Selig blickte er in die Ferne, während er seine Notdurft verrichtete. Am Ende stellte er sich kurz auf die Zehenspitzen, schüttelte seinen Arm und verpackte mit einem leichten Hüftschwung sein Geschlechtsteil in seiner Sport­hose. Während er seine Kleidung ordnete, drehte er sich um, lief einige Schritte in Richtung der knorrigen Eiche, an der er die auf dem Boden abgelegte Leiche von Denis Berend erblickte. Am Stamm des Baumes war dessen Kopf so drapiert, dass Schmitz ihm direkt auf den aufgeschnittenen Hals schauen konnte. Der Tote war nackt und blass. Nur seine Hüften waren durch einen rosafarbenen Rock bedeckt. Schmitz riss die Augen weit auf und starrte auf seine Entdeckung. Nach einer Weile, ihm kam es wie eine Ewigkeit vor, fiel sein Blick auf eine auf dem Schoß platzierte und an den Oberkörper der Leiche angelehnte Leinwand, die rot beschrieben war. Er las die Zeilen mehrmals, als würde er dadurch besser verstehen können, was dort zu lesen war. Schließlich begann er den Text leise vor sich hin zu murmeln: „Denn das Leben des Fleisches ist im Blut und ich habe es euch für den Altar gegeben. Denn das Blut ist es, das durch Leben Versöhnung erwirkt. Im Blut war die Seele und Gott beansprucht die Seele. 3. Mos. 17/11. Auf dass ihr euch Gott wieder nähern könnt!“ Schmitz führte seine Hand in die Hosentasche, kramte nach seinem Handy und drückte hektisch die Tasten. Am anderen Ende hörte er die verschlafene Stimme seines Freundes. „Mensch, Rene, wie spät ist es? Ich hab frei. Wieso weckst du mich so früh? Ist etwas passiert?“, erkundigte sich sein Freund mit müder Stimme. „Hör zu! Halt dich fest. Ich habe hier eine Leiche entdeckt, ganz übel zugerichtet, mit einem Bibelspruch versehen. Ich ruf gleich die Polizei an, aber ich dachte, für dich wäre das ein schönes Foto zu einer guten Geschichte. Passiert ja nicht alle Tage. Schnapp’ dir deine Kamera, beweg deinen Hintern und komm zu der Eiche, an der ich immer den Tai-Chi-Kurs mache!“ Peter Hemmlos vom Hamburger Tagesblatt machte einen Satz aus dem Bett, sprang hüpfend in die am Abend zuvor auf den Boden geworfene Hose, verlor das Gleichgewicht und fiel mit einem lauten „Rums“ zu Boden, sodass er befürchtete, dass sich seine ewig nörgelnde Nachbarin sicher bei passender Gelegenheit wieder beschweren würde. Hemmlos rappelte sich auf, zog sich an, griff mit links seine Kamera, mit rechts seine Jacke und rannte zu seinem Auto. Keuchend und außer Atem erreichte er die Eiche und registrierte erleichtert, dass die Polizei noch nicht erschienen war. Allerdings stand das Rentnergrüppchen, das sich nicht entgehen lassen wollte, den Grund für den Kursausfall näher zu betrachten, im Halbkreis vor der Eiche. Einer der Kursteilnehmer trat aus der Poleposition einen Schritt zur Seite, nachdem Hemmlos ihn unsanft an der Schulter weggedrückt hatte. Die vor seinem Bauch schaukelnde Kamera nahm er mit einem schnellen Handgriff hoch, kniff ein Auge zu und drückte den Auslöser. Der Shuttersound des Auslösers gab der bizarren Stimmung etwas Reales. Hemmlos sicherte sich in einer Nanosekunde eine Serienaufnahme des schrecklichen Fundes, bevor die jede Sekunde eintreffende Schutzpolizei ihn an seiner Arbeit würde hindern können. Routiniert sperrten die eingetroffenen Beamten den Fundort ab, informierten die Bereitschaft der Mordkommission und schoben Hemmlos und die verbliebenen Kurs­teilnehmer, von denen einige Erinnerungsfotos geschossen hatten, zur Seite. Während Hemmlos in die Redaktion fuhr, um seine Bilder anzubieten, erreichten Nora und ihr Kollege Pieter den Fundort. Nachdem die Spurensicherung ihre Arbeit verrichtet und der Rechtsmediziner Dr. Christian Manz eine erste Leichenschau vorgenommen hatte, näherten sich Nora und Pieter der am Boden abgelegten Leiche. „So wie der hier sitzt und aufgebahrt ist, war hier sicher nicht der Tatort, dafür muss man kein Profiler sein“, murmelte Nora und fuhr fort: „Das ist ein religiöser Fanatiker. Ach du Scheiße, lies dir diesen alttestamentarischen Scheiß mal durch!“, entfuhr es ihr, und sofort entschuldigte sie sich. „Sorry, aber mit der Religion hab ich es nicht so.“ Pieter winkte mit einer Handbewegung ab. „Alles gut, Nora, das kränkt mich nicht“, entspannte er die Situation. Zum Rechtsmediziner gewandt, sagte er: „Wir versuchen, am Montag früh gleich die richterliche Obduktionsentscheidung zu erwirken. Können wir am Montag am frühen Nachmittag mit den ersten Ergebnissen rechnen, Herr Doktor Manz?“ „Ja, ich versuch es zu schaffen“, antwortete Manz und betrachtete den Hals des Opfers. „Der Angriff auf den Hals erfolgte mittels scharfer Gewalteinwirkung, aber das seht ihr ja selbst, nehme ich an. Die Leichenstarre scheint vollständig ausgebildet zu sein. Im Kieferbereich löst sie sich bereits. Der Todeseintritt war mutmaßlich vor vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden. Alles Weitere am Montag“, verabschiedete sich Dr. Manz. „Ich werde es Alexander, so schonend ich kann, beibringen“, sagte Pieter, der den Bruder seines Kollegen vom Sehen kannte, legte seinen Arm um Noras Schultern und zog sie vom Fundort weg. II. Kalenderwoche 50/51 2015 Kapitel 1 Wilma „Was für ein atemberaubender Ausblick“, schwärmte Anne Fliege-Schulz und setzte sich mit einem eleganten Hüftschwung an einen der an dem bodentiefen Fenster stehenden Tische der Skyline Bar „20up“. Von ihrer Stadt verzaubert, schaute sie auf die Elbe, den alten Elbtunnel, die Landungsbrücken und die vielen Lichter des Hafens, an denen sie sich nicht sattsehen konnte. Fliege-Schulz nahm die Hand ihres Mannes und küsste sie. Lars Schulz war Brillenträger, Rechtsanwalt und einer dieser Advokaten, die sich wichtiger nahmen als ihr Mandat. Damit war ihn betreffend eigentlich schon alles gesagt. Sein Blick schweifte durch die Bar, die sich ihm in vielen bunt beleuchteten Flaschen präsentierte. Er zog seine Hand zurück und konfrontierte seine Frau. „Anne, ich weiß, du betrügst mich!“ Fliege-Schulz griff nach ihrer Handtasche und versuchte, Zeit zu gewinnen. Genau das hatte sie immer befürchtet, und ausgerechnet jetzt war sie nicht vorbereitet. Eine Hitzewelle stieg in ihr hoch und schien ihren Schädel zum Kochen zu bringen. „Wie kommst du darauf?“, stammelte sie seinem Blick ausweichend und kramte in ihrer Handtasche. „Du fickst mit diesem Architekten, diesem Albert Berend. Und komm erst gar nicht auf die Idee, alles zu bestreiten.“ „Schatz, ich könnte dich niemals betrügen!“ Schulz bückte sich, griff zu seiner kleinen Aktentasche und zog knisternd einen braunen DIN-A4-Umschlag hervor. Wortlos legte er ihn auf den Tisch. Als sich ihre Blicke trafen, zog er seine rechte Augenbraue derart in die Höhe, als wollte er die Torbögen der Alsterarkarden nachzeichnen. „Hör auf zu leugnen“, herrschte er sie an, und seine Stimme war so schneidend wie ein frisch gewetztes Messer. „Ich lass mir keine Hörner aufsetzen, und ganz bestimmt nicht von dir. Wirf einen Blick in den Umschlag und lass uns lieber darüber reden, wann du unser Haus verlässt. Sonntag bist du verschwunden. Du hast also ein paar Tage, um deine Sachen zu packen. Das dürfte reichen.“ Fliege-Schulz schluckte. Nun sind meine Befürchtungen eingetreten, dachte sie verzweifelt und starrte auf den Umschlag. Sie fürchtete sich vor dem, was sie sehen könnte. Nacktbilder? Andere kompromittierende Situationen? In ihrem Kopf kreiste alles durcheinander. Eine Trennung wollte sie auf keinen Fall, schon gar nicht nach dem Streit mit Albert. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Reiß dich zusammen, dachte sie und versuchte, die Situation zu beherrschen. Schweigend saßen sie sich eine Weile gegenüber, bis Fliege-Schulz den braunen, verschlossenen Umschlag in die Hand nahm. Sie zögerte einen Moment, riss ihn auf, griff hinein und zog die Hochglanzbilder heraus. Dabei vermied sie es, ihren Mann anzuschauen, und hoffte, möglichst gelassen auszusehen. Sie spürte seinen durchdringenden, intensiven Blick und bereute zum ersten Mal ihren Sprung auf die andere Seite. Ihr Mann prüfte ihre Gesichtsregungen eingehend, aber er konnte sie nicht lesen. In ihren zitternden Händen hielt sie die Bilder, auf denen sie glücklich turtelnd mit Albert in einem Café saß und Weißwein trank. Bestreiten ist sinnlos, überlegte sie kurz und kommentierte die Bilder mit trockener Stimme. „Das war am Tag der PUA-Sitzung. Da habe ich Melzer und Berend vernommen. Ich möchte dich nicht weiter anlügen, ja, ich habe dich betrogen, aber ich habe die Affäre bereits beendet“, taktierte sie. „Ich liebe dich, und ich begreife nicht, warum ich mich auf Albert eingelassen habe. Ich war allein, du hattest so wenig Zeit für mich, warst nur mit deinen Mandanten beschäftigt. Er hat mir das Gefühl gegeben, jemand Besonderes zu sein ...“ Sie schaute ihn an, um zu sehen, ob ihre Erklärungsversuche Eindruck erwecken würden, aber die Eiseskälte in seinen Augen ließ sie frösteln. „Ach, hör auf!“, unterbrach er sie mit erhobener Stimme. „Ich bin also dafür verantwortlich? Ist es das, was du mir sagen willst? Ich bin fassungslos. Anne, du ziehst bis Sonntag aus. Das ist mein letztes Wort.“ „Das Haus gehört auch mir“, widersprach sie ihm mit demonstrativ gedämpfter Stimme. „Ich bleibe und werde für unsere Liebe kämpfen. Und bitte schrei nicht so laut, die anderen Gäste drehen sich schon um.“ „Hörst du dir eigentlich selber zu? Mein Gott, was redest du für einen klischeehaften Scheiß. ‚Ich kämpfe für unsere Liebe‘“, äffte er sie nach und wackelte dabei mit dem Kopf hin und her. „Unsere Ehe ist zu Ende“, stellte er fest. „Wie lange geht das denn schon mit euch oder muss ich sagen‚ ging es mit euch?“, fragte er zynisch. Fliege-Schulz schwieg. Jetzt durfte sie nichts Falsches sagen, immerhin wusste sie nicht, wie lange er sie schon überwacht hatte. Im Moment würde sie ihn nicht erreichen, das begriff sie. Ein anderer Zeitpunkt war für ihr Vorhaben sicher geeigneter. Bleib gelassen, dachte sie. „Lass uns nach Hause fahren und erst einmal alles sacken lassen“, versuchte sie ihm auszuweichen. „Du wirst ausziehen, so oder so“, parierte Schulz, erhob sich und winkte nach dem Kellner, während er seine Börse aus der Hose zog. *** Schrilles Klingeln durchdrang am Mittwochmorgen eine mit einem schwarzen Samtvorhang abgedunkelte Wohnung am Stadtrand von Hamburg. Es roch nach verbrauchter, stickiger Luft, in die sich der Duft von Lavendel, Urin, Mottenkugeln und alter, verwelkter Haut mischte. Die ahnungslose Bewohnerin schnarchte mit geöffnetem Mund im Schaukelstuhl und ahnte nicht, dass sie heute noch eine wichtige Nachricht erhalten würde. Es klingelte erneut. Ein Schlüssel drehte sich im Zylinder, und die sich öffnende Tür der im Dachgeschoss gelegenen Wohnung knarrte. Eine Frau von Mitte vierzig betrat die Stube, ging mit zügigen Schritten auf die ehemalige Gemeindeschwester Wilma Hönschemeier zu und rüttelte so fest an ihrem Oberarm, dass diese erschrocken hochfuhr. Sie schaute verwirrt umher, drehte ihren Kopf und sah die Frau mit großen Augen an. „Was machen Sie hier? Wer sind Sie? Ich rufe die Polizei! Verschwinden Sie!“, keuchte sie. „Mann, du bescheuertes dummes Weib, ich bin es, Magdalena. Deinen Arsch darf ich putzen, aber erkennen tust du mich nicht?“, herrschte sie die erschrockene Alte mit polnischem Akzent an. Wilma Hönschemeier fing gellend an zu schreien, doch das Klatschen der Ohrfeige und der Schmerz ließen die Greisin verstummen. „Wenn du nicht ruhig bist, knall ich dir noch eine“, schüchterte Magdalena die verängstigte Rentnerin ein. Sie warf einen Briefumschlag auf den Schoß der Alten und spottete: „Hier, von deinem Verehrer. Deine Lupe bring ich dir.“ Während die dicke Polin in einer uralten, dunkelbraunen Kommode kramte, über der ein riesiges, erdrückendes Kreuz hing, beruhigte sich Wilma Hönschemeier und murmelte Bibelverse vor sich hin. „Sei froh, dass ich für deine tägliche Pflege so gut bezahlt werde, sonst würde ich dich hier verrecken lassen“, verhöhnte die Polin das alte Weib, warf ihr die Lupe auf den Schoß und verließ pfeifend den Raum. Sie ging in ihr Zimmer nebenan, schenkte sich zufrieden ein Glas Mariacron Weinbrand ein, öffnete eine Jumbotüte Kartoffelchips und griff gierig hinein. Sie schaltete ihren Computer an, setzte die Kopfhörer auf und richtete sich für einen langen Serienmarathon bei Netflix ein. Seitdem der Streaming-Anbieter auch in Deutschland online war, schaute sie kein Fernsehen mehr, sondern tauchte über Stunden in die Serienwelt ein von „Bloodline“ und Co. Im Nebenzimmer strich sich Wilma Hönschemeier über ihre weißen Haare, welche sie nur noch mithilfe der dicken Polin zu einem Knoten binden konnte. Ihr eingefallenes, runzeliges Gesicht vergrößerte optisch ihre rund geratene Nase. Sie stand auf, ordnete ihr schwarzes, hochgeschlossenes Kleid mit den winzigen weißen Punkten und dem weißen Kragen, das ihr über die Oberschenkel gerutscht war und die dunkelbraunen Stützstrümpfe zum Vorschein brachte. Sie griff zu dem am Schaukelstuhl lehnenden alten Gehstock, humpelte an den kleinen, runden Tisch und ließ sich, immer noch müde, auf den mit Brokat gepolsterten Jugendstilsessel fallen. Die Greisin hielt andächtig den Brief in ihrer zittrigen, mit Altersflecken übersäten Hand. Obwohl ihre Augen von dunklen Ringen gerahmt waren, leuchteten sie beim Anblick des Kuverts. In ihrem durch tiefe Furchen gezeichneten Gesicht, welche sowohl horizontal als auch vertikal verliefen und dem Fell eines chinesischen Faltenhundes glichen, lag ein Lächeln, als sie den Brief öffnete und mit ihrer Lupe las. Meine geliebte Wilma, Die Schuldigen werden nun Gott ein Stück näherkommen, so wie du es mich gelehrt hast. „Denn das Leben des Fleisches ist im Blut und ich habe es euch für den Altar gegeben. Denn das Blut ist es, das durch Leben Versöhnung erwirkt. Im Blut war die Seele und Gott beansprucht die Seele. 3. Mose. 17/11. Karsten. Der Alten liefen die Tränen herab und verfingen sich an einem langen Kinnhaar. Sie wischte sie mit ihrer knöchernen Hand ab, erhob sich und stützte sich dabei auf die Lehne ihres Stuhles. Schlurfend ging sie einige Schritte in ihren karierten Filzpantoffeln zum Altar, kniete nieder und betete mit leiser Stimme ihr alltägliches Gebet. „Gegrüßet seist du, Maria. Jesus, der für uns Blut geschwitzt hat, Jesus, der für uns gegeißelt worden ist, Jesus, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist, Jesus, der für uns das schwere Kreuz getragen hat, Jesus, der für uns als Menschenopfer gekreuzigt worden ist …“ Die alte Frau brach zusammen und konnte ihren Vers nicht mehr zu Ende sprechen. Sie stürzte zu Boden und riss dabei die auf dem Altar stehende Madonna mit, die am Boden laut scheppernd zerschlug. Nebenan kreischte die dicke Polin vor Lachen, aber Wilma Hönschemeier konnte sie nicht mehr hören. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/maike-rockel/das-konzerthaus/?lfrom=196351992) на ЛитРес. 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