Harzhunde Roland Lange DER TOD KOMMT AUF LEISEN PFOTEN Was war das für eine Bestie? Das fragt sich Daniel Kranz, der nachts einem riesigen Wolf gegenübersteht. In letzter Sekunde entkommt er der Kreatur. War es Einbildung? Nein, die Risswunde an seiner Wade ist echt! Für Schafzüchter Thiele steht fest: Es sind Wölfe, die durch den Harz streifen und seine Tiere töten. Er macht die Wolfsexpertin Maria Hübner dafür verantwortlich. Privatdetektiv Stefan Blume steht Maria zur Seite. Dabei stößt er auf Spuren von Hunden, die zu Killern abgerichtet werden. Wenig später entdeckt jemand die Leiche einer Frau. Sie wurde von Raubtieren zerfleischt. Waren es Wölfe … oder Hunde? Als Blume die Zusammenhänge erkennt, gerät nicht nur er in tödliche Gefahr. Und wer ist der Fremde, der in einem Ferienhaus am Ponytale Saloon wohnt? Hat Blumes ehemaliger Waffenbruder den Mann auf ihn angesetzt, um ihn zu liquidieren? Geschichten erzählt man nicht. Geschichten erlebt man. (Chakuza) Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Die Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de © 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln www.niemeyer-buch.de Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: C. Riethmüller Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH eISBN 978-3-8271-8409-2 Roland Lange Harzhunde Die Bestie Du spürst ihn im Nacken den Atem, den Blick … Und war das ein Knacken? Es gibt kein Zurück! Du kauerst im Nebel, am Ufer der Seen, hörst Zähne wie Säbel, doch niemand dein Fleh’n. Fast fühlst du die Krallen im Fleisch deiner Haut, doch Schreie verhallen so ganz ohne Laut. Jäh ist die Erkenntnis im spiegelnden Nass, die Bestie, die zubiss, sie tötet aus Spaß. Sag denen, die bald um dich trauern und weinen nicht Wolf oder Hund waren der Grund. Dich mordete mit gierigem Schlund ein grässliches Ungeheuer auf zwei Beinen. Nané Lénard 1. Kapitel Die Nacht hatte etwas Bedrohliches. Nie zuvor war er sich dessen so bewusst gewesen wie in diesem Moment. Fliehende Schatten im Wechselspiel zwischen Finsternis und fahler Helligkeit, wenn der Mond für einen kurzen Augenblick durch die Wolkendecke brach. Mysteriöse Geräusche – Zischen, Jammern, Krächzen und Ächzen. Dazwischen immer wieder das Knistern und Knacken in seinem Rücken, nah und kurz darauf weit entfernt. Tiere? Oder waren es die Dämonen der Finsternis? Seine Dämonen? Fast vier Stunden hockte Daniel Kranz schon hier oben auf dem Hochsitz. Angespannt lauschend und in die Dunkelheit starrend, nachdem das letzte Büchsenlicht der hereinbrechenden Nacht gewichen war. Das Gewehr griffbereit an die Bretterwand des kleinen Verschlags gelehnt. Hinter ihm der Wald, vor ihm die sanften Geländewellen mit den abgeernteten Getreidefeldern und dem breiten Wiesenstreifen dazwischen. Verschwimmende Konturen. Schemenhaft. Nur zu erahnen. Es war nach der bestandenen Jägerprüfung seine erste Nacht allein auf dem Hochsitz. Allein in einem Revier, das er noch gar nicht richtig kannte. Er hatte es dank der erfolgreichen Intervention seines Schwiegervaters von der Jagdgenossenschaft gepachtet – pachten müssen. Als eine Art Hochzeitsgeschenk an ihn war es gedacht gewesen. Julia, seine Frau, hatte hingegen von ihrem Vater die Leitung des Familienbetriebs übertragen bekommen. Wüstefeld-Baustoffe – führend in der Region. Ebenfalls ein Geschenk. Sie war studierte Betriebswirtin und schien deshalb für Herbert Wüstefeld ausreichend qualifiziert. Es sei Zeit, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen und die Verantwortung an die Jugend abzutreten, hatte er generös verkündet. Allerdings machte der Alte nichts ohne Hintergedanken. Bei ihm gab es nicht mal das Schwarze unter dem Fingernagel umsonst. Von seinem Schwiegersohn Daniel, dem Architekten, erwartete er, dass der dem Familienbetrieb den Weg ebnete, wenn es um die Materiallieferung für zukünftige Bauprojekte ging. Außerdem wollte er regelmäßig mit frischem Wildbret versorgt werden. Diesen speziellen Wunsch hatte der Alte im Verlauf seiner Ansprache auf der Hochzeitsfeier laut lachend geäußert. Ein Spaß auf Kosten seines Schwiegersohnes, so hatten es die Gäste verstanden. Aber wer ihn nur ein bisschen kannte, der wusste, dass es ihm ernst damit gewesen war. Daniel Kranz hatte nie Jäger werden und auch keine Jagd pachten wollen, um Viecher abzuknallen. Nicht, dass ihm die Tiere leidtaten. Er machte sich einfach nichts daraus. Aber ohne Jägerprüfung keine Heirat. Das war ein Teil des Arrangements gewesen. Heute hatte der Alte ein Reh auf seine Wunschliste gesetzt. Es stand für ihn außer Frage, dass sein Schwiegersohn die Pirsch erfolgreich beendete und ihm die gewünschte Beute mit nach Hause brachte. Dabei interessier­te es ihn nicht die Bohne, dass das Jagen in der Dunkelheit ebenso verboten war wie der Einsatz von Nachtsichtzielfernrohren. Auf solche idiotischen Regeln pfiff er. Und das hatte er Daniel deutlich zu verstehen gegeben. Er erwartete von ihm, dass er es mit den Jagdgesetzen gegebenenfalls auch nicht zu genau nahm. In den zurückliegenden Stunden hatte sich Daniel nur ein einziges Tier gezeigt. Bei gerade noch genügend Licht. Als er es hatte aufs Korn nehmen wollen, musste es von ihm Wind bekommen haben und war so schnell verschwunden, wie es vor seiner Büchse aufgetaucht war. Seitdem – nichts! Eine halbe Stunde noch, höchstens, beschloss Daniel. Dann würde er den Heimweg antreten. Ohne Reh, falls nicht ein Wunder geschah. Schon jetzt spürte er den abfälligen Blick seines Schwiegervaters auf dem Gesicht brennen, und er vernahm dessen spöttische Worte. Sicher bereute der Alte längst, in die Hochzeit seiner Tochter mit ihm, dem Versager, eingewilligt zu haben. Er gähnte. Es war nicht leicht, die Augen offen zu halten, wenn man hier oben auf dem Hochsitz keine Gesellschaft hatte. Daran änderten auch der schwarze Kaffee aus der Thermoskanne und der gelegentliche Schluck aus dem Flachmann nichts. Ohne Jagdpartner und ohne ein paar geflüsterte Worte hin und wieder ließ seine Konzentration rapide nach, und er glitt von einer Minute zur anderen tiefer in eine nächtliche Scheinwelt hinein. Es fiel ihm zunehmend schwerer, Realität und Einbildung auseinanderzuhalten. Ein Rascheln holte ihn aus seinem Dämmerzustand. Er kniff die Augen zusammen, starrte hin zu dem Ackerstreifen, der nur wenige Meter rechts von ihm an einer Wand wild wuchernder Gräser und dem dahinter aufragenden Wald endete. Irgendetwas glaubte er dort zu erkennen. Doch noch ein Reh? Oder zwei? Er war sich nicht sicher. Hastig riss er das Gewehr an die Wange, schwenkte es, suchte das Gelände ab. Nichts. Er starrte durch das Zielfernrohr, versuchte, es schärfer zu stellen. Es gelang ihm nicht, die dichte Vegetation zu durchdringen. Nur flirrende, leicht verschwommene Baumkonturen. Er setzte das Gewehr wieder ab. Damit war seine letzte Chance auf eine erfolgreiche Jagd vermutlich dahin. Ernüchtert sackte er in sich zusammen, starrte über den Rand der hölzernen Brüstung. Seine Sinne verloren sich allmählich wieder in dem diffusen Universum zwischen Wachen und Schlaf, als er durch Rufe hochgeschreckt wurde. Sekunden danach fielen Schüsse. Er richtete sich ruckartig auf, seine Haltung versteifte sich. Irritiert lauschte er ins Dunkel. Hatte da jemand geschrien und geschossen? Weiter oben im Wald? Oder hatte er sich nur für einen Moment in einem kurzen, aber intensiven Traum verloren? Angespannt versuchte er, weitere Geräusche aufzufangen. Eine Weile blieb alles ruhig. Doch dann ein Knacken in unmittelbarer Nähe. Das Brechen dünner, morscher Äste. Und ... ein schwaches Hecheln. Er schüttelte energisch seinen Kopf, um die Benommenheit loszuwerden, die sich wieder einzuschleichen begann. Was trieb sich da unten herum? Ein Tier auf der Flucht? Aber was für ein Tier? Wie versteinert saß er auf seiner Bank, unterdrückte minutenlang jede Bewegung, traute sich nicht einmal, durchzuatmen. Zögernd löste sich seine Anspannung wieder. Er blickte auf seine Armbanduhr. Es reichte. Er hatte genug. Nicht eine Sekunde länger würde er hier hocken bleiben und sich die Nacht um die Ohren schlagen. Sein Jagdglück konnte er ohnehin vergessen. Angefressen kramte er seine Sachen zusammen und verließ den Hochsitz. Es war nur ein verhältnismäßig kurzes Wegstück bis hin zu seinem Mercedes-Geländewagen, aber das führte über einen schmalen, welligen und mit tückisch aus dem Boden ragenden Baumwurzeln übersäten Trampelpfad. Jeden Schritt musste er mit Bedacht setzen. Entsprechend langsam kam er voran. Er hatte den Wagen am Ende des Schotterweges abgestellt, dort, wo er sich zu einem von sperrigem, dornenübersätem Gestrüpp umgebenen kleinen Platz weitete. Einem ehemaligen Holz-Verladeplatz. Aber Holz wurde von diesem Ort schon lange nicht mehr abtransportiert. Dementsprechend hatte der Weg, der aus dem Dorf hier herauf führte, zumindest auf dem letzten Kilometer durch den Wald keine Bedeutung mehr. Er wurde nur notdürftig instand gehalten – von Leuten, die nichts Besseres zu tun hatten, als auf Hochsitzen zu hocken und Löcher ins Dunkel zu starren. Daniel sah den Mercedes im bleichen Mondlicht durch das Astwerk schimmern. Etwa zwanzig, dreißig Meter voraus. Gleich konnte er seine Utensilien verstauen, sich in die weichen Lederpolster des Fahrersitzes fallen lassen und den Heimweg antreten. Scheiß auf sein Jagdpech, scheiß auf die spöttischen Kommentare seines Schwiegervaters und die enttäuschten Blicke seiner Frau – Haupt­sache, er kam endlich ins Bett! Das drohende Knurren in seinem Rücken ließ ihn zusammenfahren und zur Salzsäule erstarren. Zwei, drei Sekunden verharrte er so, dann drehte er sich um. Langsam, wie in Zeitlupe. Instinktiv wusste er, dass er keine schnellen Bewegungen machen durfte. Das Knurren war nur allzu real, keine Ausgeburt seiner Fantasie. Und ebenso bewusst war ihm, dass mit dem Wesen, von dem das bedrohliche Geräusch ausging, nicht zu spaßen war. Dann sah er sie vor sich, die Kreatur. Zwanzig Meter entfernt, vielleicht etwas mehr, stand das Biest ein Stück oberhalb am Hang zwischen den Bäumen. Kaum möglich, das richtig einzuschätzen. Das Tier erschien ihm riesig, und er wusste nicht, ob das trübe Zwielicht seiner Wahrnehmung einen Streich spielte oder ob es tatsächlich diese übernatürliche Größe hatte. War es ein Hund? Ein Wolf? Eine abartige Kreuzung aus beidem? Was immer dort in Angriffsposition lauerte; mit seinen gesträubten Nackenhaaren, den hochgezogenen Lefzen und den im blassen Licht schimmernden Reißzähnen gierte es nach seinem Blut. Daniel spürte die Kälte, die durch seinen Körper strömte, und gleichzeitig den Angstschweiß, der ihm auf die Stirn trat. Er versuchte, die aufsteigende Panik zu unterdrücken und klar zu denken. Er wusste den Mercedes hinter sich, nur wenige schnelle Schritte entfernt. Den Autoschlüssel mit der Funkfernbedienung trug er in seiner Hosentasche. Er hatte nur diese eine, lächerlich kleine Chance. Seine Muskeln spannten sich. Er bewegte seine Hand zur Tasche, ließ sie Zentimeter für Zentimeter hineingleiten. Unendlich langsam tasteten sich seine Finger voran. Die Kreatur schien zu ahnen, was er plante. Sie roch seine Angst, leises drohendes Grollen deutete auf die unmittelbar bevorstehende Attacke hin. Der Schlüssel! Endlich berührte er ihn, bekam ihn zu fassen. Er fand den Funktaster, drückte ihn. In derselben Sekunde, als ein doppeltes kurzes Zwitschern das Öffnen der Autotür signalisierte, flog er herum und sprintete los. Das Biest hing ihm an den Fersen. Er sah es nicht mehr, aber er wusste, dass es da war – und schnell näher kam! Seine letzten Kräfte mobilisierend, hechtete er der Autotür entgegen, riss sie auf, warf seine Büchse und den Rucksack hinein, griff zum Lenkrad, wollte sich auf den Autositz schwingen ... Ein stechender Schmerz in der Wade ließ ihn aufschreien. Das Monster hing knurrend an seinem Bein. Er brüllte wie ein Berserker, versuchte der Kreatur zappelnd und um sich tretend zu entkommen. Gleichzeitig zog er mit einem energischen Ruck an der Fahrertür, legte alle Kraft in die Bewegung. Der Türrahmen traf die Bestie offensichtlich schmerzhaft, denn für eine Sekunde ließ sie von ihm ab. Diesen Moment nutzte er, um sein Bein ins Wageninnere zu ziehen und die Tür vollends zuzuschlagen. Wahnsinnig vor Wut sprang die Kreatur an der Karosserie hoch, kratzend und geifernd, das aufgerissene Maul nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Aber er war in Sicherheit, die Seitenscheibe zwischen sich und den mörderischen Zähnen. Mit zitternden Fingern ließ er den Motor an, legte ein gewagtes Wendemanöver hin, das ihm dank des Allradantriebs auf Anhieb glückte. Mit durchdrehenden Reifen raste er schlingernd den Weg zurück. Raus aus dem Wald. Weg von dieser teuflischen Bestie, die dem Wagen hinterherhetzte. Zumindest glaubte er sie hinter sich. Als er einen hastigen Blick in den Rückspiegel wagte, war da nichts mehr. Das Vieh war wie vom Erdboden verschluckt. Auf halber Strecke hinunter ins Dorf legte sich Daniels panische Angst. Sein Verstand übernahm wieder die Kontrolle nach der kopflosen Flucht. Er nahm den Fuß vom Gas, der Wagen wurde langsamer. Dann steuerte er den Mercedes an den Wegrand und hielt an. Die Hände um das Lenkrad gekrampft, atmete er einige Male tief durch, bis sich sein rasender Herzschlag etwas beruhigt hatte. Der Schmerz in seiner Wade kehrte zurück. In den vergangenen Minuten hatte das überschießende Adre­nalin jeden Gedanken an sein verletztes Bein verhindert. Er schaltete die Innenraumbeleuchtung ein, blickte nach unten in den Fußraum. Das linke Hosenbein war zerfetzt, und aus seiner Wade blutete es heftig. Auf der Fußmatte hatte sich eine dunkelrote Lache um seine verdreckten Schuhe herum gebildet. Eine einzige schmierige Sauerei! Angewidert starrte er auf die blutgetränkten Stofffetzen und die Wunde, deren Ausmaße er in dem feucht-klebrigen Chaos nur erahnen konnte. Dem Schmerz nach zu urteilen, hatte ihm das Vieh ein gewaltiges Stück Muskelfleisch vom Knochen gerissen. So konnte er nicht weiterfahren. Er würde verbluten, ehe er zu Hause angekommen war! Daniel öffnete die Fahrertür und ließ sich nach draußen gleiten. Als er mit dem Fuß seines verletzten Beines auf der Erde aufkam, trieb ihm der Schmerz Tränen in die Augen. Er biss die Zähne zusammen und humpelte um den Wagen herum. Der Verbandskasten verbarg sich seitlich hinter der Heckklappe. Mit zittrigen Fingern öffnete er den Deckel des Kastens und riss die Verpackung eines Verbandstuches auf. Mit dem Tuch tupfte er vorsichtig die Haut entlang der Wunde sauber. Ihm blieben nur wenige Augenblicke, um zu erkennen, dass ihm das Biest eine tiefe Fleischwunde beigebracht hatte. Ein Riss, der genäht werden musste, wie es aussah. Umständlich fummelte er eine Kompresse und eine Binde aus ihren Verpackungen. Ohne nachzulassen, rann das Blut an seinem Bein herunter. Nach zwei Fehlversuchen schaffte er es, sich einen provisorischen Verband anzulegen, der seinen Zweck erfüllte. Die Blutung war für den Augenblick gestillt. Mit etwas Glück würde er zu Hause ankommen, ehe die Kompresse völlig durchtränkt war. Dort würde er Julia bitten müssen, ihn in die Notaufnahme des Krankenhauses zu fahren. Allein schaffte er das nicht mehr. Mit zusammengebissenen Zähnen fuhr er weiter, versuchte, so gut es ging, die Schmerzen zu verdrängen und an etwas anderes zu denken. Etwa daran, wie er Julia und seinem Schwiegervater die Verletzung erklären sollte. Ihnen von dem Angriff erzählen? Wo er nicht einmal wusste, was genau für ein Tier das gewesen war, das ihn attackiert hatte? Ein blutrünstiges Monster beschreiben, das es in seinem Wald gar nicht geben durfte? Was, wenn die zerrissene Hose und die Wunde an seiner Wade eine andere Ursache hatten? Wenn die zähnefletschende Bestie dort auf dem kleinen Hügel nur Einbildung gewesen war? Der nächtliche Wald bot den besten Nährboden für Ausgeburten der Fantasie. Der Riss an seiner Wade – im Grunde genommen war es doch nicht mehr als eine etwas größere Schramme und keine klaffende Risswunde. In der Dunkelheit, und wenn man dazu noch Angst hatte, nahmen alle Dinge Ausmaße an, die bei Licht besehen auf Zwergengröße schrumpften. Genauso gut konnte er sich bei seiner panischen Flucht im dornigen Gestrüpp verfangen haben. Ein spitzer Ast, der sich in seine Wade gebohrt hatte ... Er wusste nicht, was er denken sollte. Nur eins war ihm schon jetzt klar: Was immer er seinem Schwiegervater für eine Geschichte auftischte, er würde bei dem Patriarchen weiteren Kredit verspielen. Und Julia? Die würde sich in Grund und Boden für ihn schämen. Eine morsche Sprosse am Hochsitz! Das wäre doch eine einleuchtende Erklärung! Die Sprosse war beim Abstieg vom Hochsitz gebrochen. Er hatte sich nicht halten können, war hinuntergerauscht. Ein rostiger Nagel war ihm zum Verhängnis geworden, hatte seine Hose zerrissen und ihm die Wunde beigebracht. Wenn der Alte das hörte, musste er doch froh sein, dass nicht Schlimmeres passiert war, und Erbarmen mit ihm haben! Trotz des entgangenen Rehbratens. 2. Kapitel Stefan Blume hielt sich in der kleinen Baracke auf, die hinter dem Ponytale Saloon an das Hauptgebäude grenzte. Dort hatte er sein Reich: zwei Büroräume, in denen er arbeitete, seit er damals in Hannover sein Haus mit dem Elektro-Ramschladen verkauft und alle Zelte hinter sich abgebrochen hatte. Katjas Angebot, bei ihr unterzukriechen und gemeinsam mit ihr den Saloon zu betreiben, war verlockend und gleichzeitig seine Rettung gewesen. Seine Bedingung, fernab der Kundschaft im Verborgenen zu arbeiten, hatte Katja nur zu gern akzeptiert und die ungeliebte Verwaltungsarbeit auf ihn abgeschoben. Was er darüber hinaus in der Baracke trieb, wollte sie gar nicht so genau wissen. Im hinteren der beiden Zimmer, dem offiziell als Abstellraum deklarierten, kauerte Blume vor seinem Computer und betrachtete die Fotos, die er geschossen hatte. Eins nach dem anderen sicherte er sie in einem Ordner. Dann schloss er das Bildbearbeitungsprogramm und schob einen USB-Stick in die dafür vorgesehene Buchse. Er startete den Kopiervorgang. Mit einem leisen Pfeifton blies er die Luft aus, starrte auf den Balken, der den Fortschritt des Vorgangs signalisierte. Heute konnte er seinem Klienten endlich die Ergebnisse seiner Recherche präsentieren. Der Mann war nach seiner Geschäftsreise wieder zu Hause und hatte ihn um ein Treffen gebeten. Als die Übertragung beendet war, zog Blume den Stick heraus und schaltete den Computer ab. Sein Auftraggeber würde zufrieden sein – mit ihm und seiner Arbeit. Nicht mit dem Ergebnis der Observation. Die bestätigte eindeutig den lang gehegten Verdacht des Mannes: Seine Ehefrau ging fremd. Blume hatte zuletzt noch einmal rund zwei Stunden auf seinem Beobachtungsposten verbracht und fotografiert. Eine lückenlose Dokumentation des Liebesspiels. Die Frau und ihr Liebhaber hatten sich nicht die Mühe gemacht, die Fenster der Hütte abzudunkeln. Sie mussten sich in der Abgeschiedenheit des Waldes vollkommen sicher gefühlt haben. Blume hatte die Überwachung vorzeitig abgebrochen, ohne zu wissen, wie die Nacht der beiden Liebenden zu Ende gegangen war. Er hatte die Beweise, die er brauchte, alles andere konnte ihm egal sein. Ohnehin interessierte es Blume nicht, wie es die Leute mit der Treue hielten. Er war kein Moralapostel. Wenn es zahlungskräftige Auftraggeber oder Auftraggeberinnen gab, die ihren jeweiligen Ehepartner des Seitensprungs überführen wollten, dann half er ihnen eben. Erledigte distanziert und emotionslos seinen Job. Immer wieder mal tauchten solche und Kunden mit anderen Observierungswünschen bei ihm auf. Sie gaben sich nicht die Klinke in die Hand, was einerseits an seinen Stundensätzen lag, die sich nur wenige leisten konnten oder wollten. Andererseits blieb sein Auftragsaufkommen auch deshalb gering, weil er als Privatermittler einzig einem handverlesenen, vertrauenswürdigen Publikum die Tür öffnete. Seine Adresse wurde, wenn überhaupt, nur mit seiner Zustimmung und hinter vorgehaltener Hand weitergegeben. In keinem Verzeichnis, ob gedruckt oder digital, fand man einen Hinweis auf seine kleine Nebenerwerbsdetektei. Für die Behörden war er ein relativ unbeschriebenes Blatt, ein Mann, der als Büroangestellter für Katja Ortlepp und ihren Ponytale Saloon arbeitete, mit Sozialversicherungsnummer, Kranken- und Arbeitslosenversicherung. Auf das Gehalt, das er monatlich von ihr überwiesen bekam, zahlte er Steuern und Beiträge. So, wie es sich gehörte. Das Geld aus seinen Schnüfflertätigkeiten blieb im Verborgenen, tauchte nirgends als Transaktion in digitaler oder Papierform auf. Nur er selbst, Katja und seine jeweiligen Klienten wussten davon. Blume genoss dieses lukrative Zubrot. Die größere Befriedigung verschaffte ihm aber die gelegentliche Abwechslung von seiner stupiden Büroarbeit. Der Außendienst, wie er das Beschatten verharmlosend nannte. Alles in allem achtete er darauf, dass er in der Öffentlichkeit, so gut es ging, unsichtbar blieb. Wie er es immer gehalten hatte seit jener unseligen Flucht auf die Philippinen vor ein paar Jahrzehnten und seiner späteren Rückkehr. Noch immer fürchtete er die Schatten der Vergangenheit. Die Angst quälte ihn zwar längst nicht mehr so wie in seinen Jahren in Hannover. Vorbei waren die Nächte, als er regelmäßig aus dem Schlaf hochgeschreckt war und geglaubt hatte, seine Jäger stünden im Zimmer und würden ihn im nächsten Augenblick liquidieren. Auch wenn er jetzt ruhig und traumlos schlief, tagsüber begleitete ihn immer noch der Gedanke, er könne enttarnt werden. Die Sorge ließ ihn nicht los, jemand würde seine wahre Identität eines Tages aufdecken. Ungeachtet der starren Mimik, die er der unprofessionellen Arbeit eines Kurpfuschers verdankte, und trotz des Vollbarts, mit dem er dieses Maskenhafte in seinem Gesicht zu kaschieren versuchte. Blume steckte sich den USB-Stick in die Hosentasche und verließ das Büro. Zum Hintereingang des Saloons waren es nur ein paar Meter quer über die gepflasterte Hoffläche, die von den beiden rechtwinklig zueinander stehenden Gebäuden und dem Doppel-Carport am gegenüberliegenden Ende begrenzt wurde. Er warf einen schnellen Blick auf die beiden Abfallcontainer neben der Tür zum Saloon und rümpfte die Nase. Es roch heute wieder ausgesprochen streng. Die frühherbstliche Sonne, die seit Stunden die Container beschien, hatte dafür gesorgt, dass sich im Inneren der Behälter stinkende Gase entwickeln konnten. Er trat durch die Tür und huschte den schmalen Gang entlang, vorbei an den Toiletten, den zwei Wirtschaftsräumen und dem Zugang zur Küche. An der brusthohen Schwingtür mit ihren beiden Flügeln blieb er stehen und lugte in den Gastraum mit seinen Blockhaus-Wänden aus wuchtigen Rundhölzern und der rustikalen Einrichtung im Wild-West-Ambiente. Er hielt nach Katja Ausschau, suchte sie hinter dem Tresen, der sich in weitem Bogen durch den Raum zog und das Bild des Saloons dominierte. Seine Augen blieben an einem Mann hängen, der an der Theke stand und mit dem Barkeeper sprach. Ein ganz normaler Gast auf den ersten Blick. Um die fünfzig Jahre, kantiges, faltiges Gesicht, ein wenig blass. Die dunkelblonden, kräftigen Haare waren streichholzlang, mit einer leichten, vermutlich mit Festiger erzwungenen Neigung nach links. An der rechten Kopfseite war ein Scheitel angedeutet. Ein paar Strähnen hatten sich widersetzt und standen wie Stacheln seitlich vom Kopf ab. Die schmalen Koteletten reichten ihm hinunter bis zum Kinnansatz. Der Mann trug verwaschene Jeans und derbe Lederboots. Das karierte Holzfällerhemd hing ihm locker über der Hose. Er schien bestens in das Saloon-Milieu zu passen, machte einen auf Outdoor-Freak. Aber das war er nicht. Allem Augenschein zum Trotz wirkte er eine Spur zu gepflegt, eher der Stadtmensch. Darüber konnte seine Aufmachung nicht hinwegtäuschen. Auch sonst benahm sich der Mann merkwürdig. Vermutlich fielen die kleinen Unstimmigkeiten keinem der anderen Gäste oder dem Personal auf. Blumes geschulten Augen hingegen entgingen weder der aufmerksam beobachtende Blick des Mannes noch dessen kontrollierte Bewegungen – wie ein Raubtier auf Beutezug. Blume spürte die alte Angst, die ihm im Nacken hochkroch. Seine Muskeln spannten sich. Reiß dich zusammen, ermahnte er sich stumm, du siehst Gespenster. Der Kerl ist ein normaler Gast! Nicht wieder deine Scheiß-­Paranoia. Hör auf damit! Er hatte Mühe, seine Augen von dem Mann loszureißen. Dann entdeckte er Katja, nahm Sichtkontakt auf. Sie kam zu ihm herüber. „Was ist los, Blume?“, fragte sie ihn und grinste herausfordernd. „Schon Feierabend? So gut möchte ich es auch mal haben.“ Er ging nicht auf ihre Sticheleien ein. Mit einer Bewegung seines Kopfes deutete er zum Tresen hin. „Kennst du den?“ „Wen?“ Katja wandte sich um, ließ ihren Blick durch den Raum wandern. „Den Kerl da an der Theke. Der einen auf Holzfäller macht und deinen Barkeeper von der Arbeit abhält.“ „Ach der.“ Katja schüttelte den Kopf. „Nee, nie vorher gesehen. Ist das erste Mal hier. Warum? Was ist mit dem?“ „Gar nichts“, entgegnete Blume. „Ich dachte nur ...“ Er zögerte. „Ja?“ Sie runzelte die Stirn, sah ihn skeptisch an. „Vergiss es“, antwortete er und winkte ab. „Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass ich zu meinem Klienten fahre und ihm die Rechercheergebnisse mitteile.“ Katja zog die Augenbrauen hoch. „Kullmann? Die Seitensprunggeschichte?“, fragte sie mit leiser Stimme. „Genau die.“ Katja kannte seinen Auftraggeber, sie hatte ihm den Mann sogar vermittelt. Kullmann hatte ihr seinerzeit bei der Umstrukturierung des Ponytale Saloons beratend zur Seite gestanden, hatte für sie ein tragfähiges Geschäftskonzept entwickelt. „Ist der Mann wieder zurück?“ „Gestern Abend, sagt er. Er hat mich vorhin angerufen, will sich mit mir treffen. Ich bringe ihm die Fotos und die Schlussrechnung. Und ab morgen kümmere ich mich wieder um deine Bilanzen.“ „Wird auch höchste Zeit“, erwiderte sie und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Stirn. „So, ich muss. Bis heute Abend dann.“ Blume nickte und sah sie auf einen Tisch zusteuern, an dem sich soeben neue Gäste niederließen. Der Holzfäller-Typ lehnte noch immer an der Theke, jetzt ohne Gesprächspartner. Die Barhocker links und rechts von ihm waren frei. Trotzdem schien er sich nicht setzen zu wollen. Er stand nur da, nippte an einem Bier und betrachtete dabei andächtig die Regale im Rücken des beschäftigten Barkeepers. Die unzähligen dort aufgereihten Flaschen verschiedenster Whiskey-Sorten und anderer Spirituosen schienen ihn zu beeindrucken. Mit dem ist was faul. Ich rieche das, dachte Blume, ehe er sich abwandte und wieder nach draußen ging. Unter dem Carport stieg er in sein Auto, einen unauffälligen, knapp zehn Jahre alten Toyota Corolla. Es wurde Zeit, dass er losfuhr. Sein Klient, der Finanz- und Wirtschaftsberater Martin Kullmann, wartete auf ihn. Kullmann empfing ihn vor der Haustür seiner Landhaus-Villa, auf dem kleinen Podest, das von zwei weißen Säulen und dem Balkon darüber eingerahmt wurde. Blume hatte sich vorn am schmiedeeisernen Grundstückstor an der Gegensprechanlage angemeldet und war über die Zufahrt durch die paradiesisch anmutende Parklandschaft bis auf den mit Zierkies bedeckten Platz gefahren. Dort hatte er seinen Toyota abgestellt. Jetzt stieg er die Stufen hinauf, die in einem leichten Bogen verlegt und ebenso wie das Podest aus polierten Granitplatten gefertigt waren. „Herr Blume! Schön, dass Sie so schnell kommen konnten!“ Kullmann lächelte seinem Gast entgegen und begrüßte ihn mit einem kräftigen Händedruck. Dann machte er eine einladende Bewegung zur Tür hin. „Kommen Sie herein.“ Blume folgte der Aufforderung. Der Hausherr schloss die Tür und trat neben ihn. „Kaffee? Tee?“, fragte er. „Oder möchten Sie etwas Kaltes? Ein Bier vielleicht?“ „Kaffee wäre prima, danke“, antwortete Blume. Kullmann nickte. „Gut. Gehen Sie schon mal vor in mein Büro. Sie kennen ja den Weg. Ich sage nur schnell Margitta Bescheid, dass sie uns einen Kaffee kocht.“ Damit ließ er ihn stehen und eilte davon. Margitta war seit gut zwei Monaten die neue Haushälterin der Kullmanns. Er kannte sie von seinen beiden vorherigen Besuchen. Jedes Mal hatte sie ihn an der Tür empfangen und in das Büro geleitet. Daher wusste er jetzt, wohin er zu gehen hatte. Keine Minute später betrat der Hausherr das Arbeitszimmer. Er forderte Blume auf, am Besuchertisch Platz zu nehmen, und holte ein Notebook von seinem Schreibtisch. Damit setzte er sich ihm gegenüber auf einen der lederbezogenen Schwingstühle. „So, dann zeigen Sie mal, was Sie haben“, kam er direkt zur Sache und holte den Computer aus dem Ruhemodus. Blume reichte ihm den Datenstick. „Die Fotos habe ich vor sieben Tagen aufgenommen“, sagte er. „Danach war ich in der Angelegenheit nicht mehr tätig. Wenn Sie sich die Bilder ansehen, verstehen Sie, warum. Sie lassen keine Zweifel zu.“ Kullmann steckte den Stick seitlich in die Buchse seines Notebooks und öffnete die Dateien. Dann saß er da, starrte schweigend auf den Bildschirm, begleitet von gelegentlichen Fingerbewegungen auf dem Trackpad. Blume beobachtete sein Gegenüber genau. Kullmanns Gesicht blieb ohne Regung. Kein erschrecktes Flackern der Augenlider, kein fragendes Runzeln der Stirn, nicht einmal ein leichtes Zucken der Mundwinkel. Nichts an dem Mann verriet, was sich in diesem Augenblick in seinem Inneren ab­spielte. Margitta brachte den Kaffee. Kullmann sah kurz auf, dankte ihr und wandte sich wieder den Fotos zu. Weitere Minuten vergingen, ohne dass er ein Wort sagte. Fast schien es, als sei er in eine tiefe Andacht versunken. „Da haben sie es also getrieben!“, murmelte er plötzlich. Die Reaktion kam so unvermittelt, dass Blume erschrocken zusammenzuckte. „Das ist eine Jagdhütte, oder?“ „Eine Blockhütte, ja“, relativierte Blume eilig. „Ich weiß nicht, welchem Zweck sie dient, wenn nicht gerade jemand ...“ Er ließ den Satz unvollendet. „Wo steht sie?“, wollte Kullmann wissen. „Gehört sie diesem Seelenklempner?“ „Äh ... wem?“, fragte Blume irritiert. „Dr. Dreyling, dem Mann, der meine Frau bespringt!“, blaffte Kullmann. Für einen Moment hatte er die Beherrschung verloren, die Gesichtszüge waren seiner Kontrolle entglitten. Seine Augen schimmerten schwarz vor Hass. Auf seiner Stirn hatten sich tiefe Zornesfalten gebildet. „Sie kennen den ... den Liebhaber Ihrer Frau? Ich habe Ihnen doch bisher noch gar nichts über meine Recherchen zu dem Mann erzählt. Wer er ist und was er macht.“, wunderte sich Blume. Von einer Sekunde zur anderen wechselte Kullmanns Mimik erneut. Er grinste seinen Gast spöttisch an, wirkte fast schon gelangweilt, als er sagte: „Ja, mein Lieber, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie sich umsonst bemüht haben, die Fehltritte meiner Frau nachzuweisen.“ „Aber ... ich glaube, ich verstehe Sie nicht.“ „Na ja ...“, sagte Kullmann gedehnt, lehnte sich mit übergeschlagenen Beinen zurück und faltete die Hände vor dem Bauch, „meine Frau hat mich verlassen. Ist abgehauen, zusammen mit ihrem Therapeuten, jenem Dr. Dreyling.“ Abfällig betonte er den Namen des Mannes. „Als ich gestern Nachmittag von meiner Geschäftsreise zurückgekommen bin, war sie schon weg. Abends hat sie mich dann angerufen und mir alles gebeichtet. Wenigstens das. Aber sie hatte nicht den Mumm zu warten, bis ich zu Hause bin, um mir ihr Geständnis und ihren Entschluss ins Gesicht zu sagen.“ „Und wohin ist sie ...?“, fragte Blume. Er fühlte sich von der unerwarteten Wendung völlig überrumpelt. „Was weiß denn ich?“, schnappte Kullmann. „Wo sie sich mit ihrem neuen Lebensgefährten niederlassen will, hat sie mir leider nicht mitgeteilt.“ Die Verbitterung in der Stimme des Mannes war jetzt unüberhörbar. „Ach, was soll’s“, er wedelte mit der Hand, als wolle er seine dunklen Gedanken wie eine lästige Fliege verscheuchen, „man kann die Menschen nicht aufhalten. Wenn sie unbedingt gehen wollen, muss man sie ziehen lassen.“ Er beugte sich vor, fixierte Blume mit seinen dunklen Augen. „Und was Sie und Ihre Arbeit betrifft – ich werde Sie selbstverständlich für Ihre Mühen entschädigen. Wie vereinbart. Sie haben Ihre Sache gut gemacht. Dass sich die Geschichte so entwickelt, konnten Sie ja nicht voraussehen. Ihre Rechnung haben Sie dabei?“ Blume nickte und zog einen Briefumschlag aus der Tasche, den er Kullmann über den Tisch schob. Der Mann nahm das Kuvert, öffnete es und überflog die innen liegende Auflistung. „Ich darf davon ausgehen, dass Sie die Rechnung wie besprochen umgehend vernichten?“ Kullmann nickte. „Natürlich, Herr Blume. Die Sache bleibt unter uns.“ Er erhob sich, verschwand in einem Nebenraum und kam kurz darauf mit einem Bündel Geldscheinen zurück. „Ich habe Ihnen ein paar Euro obendrauf gelegt“, sagte er generös und drückte seinem Gast das Geld in die Hand. „Vielen Dank.“ Blume ließ die Scheine in seiner Tasche verschwinden. „Dann würde ich Sie jetzt gern verabschieden, wenn es Ihnen nichts ausmacht“, sagte Kullmann. „Ich habe noch einige wichtige Sachen zu erledigen.“ Blume nickte und stand auf. Er ließ sich zur Haustür begleiten. „Hat mich gefreut, Sie kennengelernt zu haben. Machen Sie’s gut“, sagte der Hausherr und klopfte ihm jovial auf die Schulter. „Und noch mal, Sie haben erstklassige Arbeit geleistet. Vielleicht nehme ich Ihre Dienste mal wieder in Anspruch.“ „Würde mich freuen ...“, wollte Blume entgegnen, aber da war Kullmann schon im Hausinneren verschwunden und die Tür ins Schloss gefallen. Was für ein eleganter Rausschmiss!, dachte Blume, als er die Granitstufen hinabstieg. Und was für eine rasante Entwicklung! Kullmanns Frau und ihr Liebhaber gemeinsam durchgebrannt! Damit hatte er nicht gerechnet. Aber das war jetzt nicht mehr sein Problem. Sein Job war erledigt und seine Brieftasche gut gefüllt. Er setzte sich in seinen Toyota, genoss die kurze Fahrt durch den Traumpark zurück zur Straße und freute sich auf den Abend mit Katja. 3. Kapitel Dr. Gernot Fischer hatte hohe Ansprüche. An sich selbst und seinen Beruf als Tierarzt, an seine Kunden, seinen Lebensstil, seine immer öfter wechselnden Schicki-Micki-Freundinnen und überhaupt. Er hasste das Durchschnittliche, das Alltägliche. Menschen, die sich mit wenig begnügten, waren ihm zuwider. Nur wer groß dachte und handelte, konnte auch groß werden und es im Leben zu etwas bringen. Auf seinem Weg nach oben gab es mittlerweile jedoch ein Problem, das er nicht mehr ignorieren konnte – Geld! Eine gewisse Zeit hatte er seinen ausschweifenden Lebensstil und seine kostspieligen Ideen aus dem Erbe der verstorbenen Eltern finanziert. Danach war ihm immer wieder die Bank, dank des guten Leumunds seines Vaters, mit großzügigen Krediten entgegengekommen. Man hatte ihm insbesondere bei der extrem teuren Erweiterung seiner Haustierpraxis zu einer luxuriösen Privatklinik für die kleinen und großen Lieblinge reicher Tierhalter zur Seite gestanden. Zu Anfang. Als seine Pläne immer weiter ausuferten und Zweifel an seiner Kreditwürdigkeit aufkamen, hatten die Verantwortlichen in der Bank die Reißleine gezogen und den Geldhahn zugedreht. Gernot Fischer sah sich gezwungen, das benötigte Kapital bei privaten Kreditgebern zu beschaffen. Einen Gang zurückzuschalten und sein hochtrabendes Leben in finanzierbare Bahnen zu lenken, daran dachte er zu keiner Minute. Am südlichen Ortsrand von Benneckenstein, im Grenzgebiet der Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, hatte er sich seinen Traum vom naturnahen, aber luxuriösen Leben erfüllt. Ein kleines Hotel, umgeben von einem verwunschenen Wäldchen aus Laubbäumen und Fichten, war von den betagten Eigentümern mangels Nachfolge zum Verkauf angeboten worden. Fischer hatte sich das Hotel für vergleichsweise kleines Geld unter den Nagel gerissen, um dann in großem Stil in den Umbau zu investieren. Das Erdgeschoss wurde zur Tierarztpraxis, das Obergeschoss ließ er zu seiner Traumwohnung ausbauen – modern, mit allen nur möglichen Annehmlichkeiten bequemen Lebens und gleichzeitig heimelig und ländlich robust, mit offenem Gebälk und anderen Blickfängen. Auf einem kleinen Balkon konnte er bei gutem Wetter die Natur genießen. Der Wald erhob sich direkt hinter dem Haus, nur ein paar Meter vom Fuß der Edelstahltreppe entfernt, die den Balkon mit dem Erdboden verband. Alles an der Wohnung wirkte harmonisch, kein Einrichtungsdetail stach aufdringlich hervor, sah man von den sündhaft teuren Kunstgegenständen ab, die Fischer glaubte, sich leisten zu müssen. Weniger Ausdruck seines Kunstsachverstands, sondern mehr Zeichen seines Wohlstands. Dann war ihm die Idee mit der Tierklinik gekommnen, deren Fertigstellung und Inbetriebnahme in ein, höchstens zwei Monaten bevorstand. Wenn er auf den kleinen Balkon hinaustrat, erstreckte sich links von ihm das Dach des neuen Klinikgebäudes. Dort, in dem Neubau, lag seine Zukunft – der Ort, wo demnächst all das Geld zusammenfloss, das er benötigte, um offene Rechnungen zu bezahlen und seinen Lebensstandard zumindest zu halten, wenn nicht gar zu steigern. Er hoffte, die Zeit bis dahin unbeschadet zu überstehen. Seine Schuldner setzten ihm schon genug zu. Lange würde es nicht mehr dauern, bis einer von ihnen die Geduld verlor. Aber er war überzeugt, die meisten seiner Kreditgeber angesichts der neuen Geldquelle zu einem weiteren großzügigen Aufschub des Rückzahlungstermins überreden zu können. Diese vielversprechenden Aussichten, die tagtäglich seinen inneren Motor am Laufen hielten, beschäftigten ihn, als er von seiner Visite auf einem Bauernhof in Tanne zurückkehrte. Ein Notfall, eine Kuh mit Schlundverstopfung, der er diesen spätabendlichen Ausflug verdankte. Ausgerechnet. Rindviecher gehörten nicht zu seinen bevorzugten Patienten, schon gar nicht nach Praxisschluss! Spätestens wenn es in seiner neuen Klinik rund lief, würde er diese Art Kunden nach und nach abstoßen und die dreckigen, stinkenden Kuh- und Schweineställe den Kollegen überlassen. Er entledigte sich in der Praxis seines Arztkoffers und seiner übel riechenden Arbeitskleidung und stieg die Treppe hinauf in sein privates Reich. Jetzt schnell unter die Dusche, den Geruch wegwaschen, der nach Stallbesuchen so penetrant an einem haftete, und dann den Abend bei einem erlesenen Roten ausklingen lassen. Er schloss die Tür hinter sich, steckte mit einem Fuß schon in einer seiner bequemen Cord-Schlappen, da hielt er in der Bewegung inne. Aus dem Wohnbereich drang gedämpftes Licht, und leise Musik aus der Hi-Fi-Anlage hing im Raum. „Viva la Vida“ von Coldplay. Mareikes Lieblingslied. Sie war da? Waren sie nicht erst für morgen verabredet? Sie musste es sich anders überlegt haben, wollte ihn sicher überraschen. Einen Wohnungsschlüssel besaß sie ja. Was er in diesem Moment bedauerte. Solche Überfälle mochte er nicht. Und heute hatte er ganz und gar keine Lust auf seine Freundin. Sie redete ihm in letzter Zeit zu oft von Heirat. Nach einer heißen Liebesnacht war ihm auch nicht zumute. Er brauchte mal wieder Zeit für sich allein! „Mareike?“ Sie antwortete nicht. „Mareike!“, rief er noch einmal etwas lauter. Keine Reaktion. Er schlappte zum Wohnbereich hinüber. „Hör mal, Schatz, ich finde es ja echt klasse, dass du gekommen bist, aber ...“ Er brach erschrocken ab. Hinter dem Raumteiler erwarteten ihn zwei Männer, die ihm grinsend entgegenblickten. „Da sind Sie ja endlich, Doktorchen“, grunzte ihm einer der beiden ungebetenen Besucher entgegen. Er saß mit übergeschlagenen Beinen im Sessel, der andere Kerl hatte es sich auf der Couch gemütlich gemacht. „Wir dachten schon, Sie kommen gar nicht mehr.“ Der Mann hielt eine Flasche in seiner Hand. Die setzte er jetzt an den Mund und genehmigte sich einen ordentlichen Schluck daraus. Sein Roter! Der beste Tropfen aus seinem Lager. Er wollte ihn heute Abend selbst genießen! „Sie ... das ... wer sind Sie?“, stammelte Fischer fassungslos. „Wie ... wie sind Sie hier reingekommen?“ „Wie jeder anständige Mensch“, schaltete sich der Mann auf der Couch ein, „durch die Tür.“ „Aber ...“ Fischer schnappte nach Luft. „Was? Hast du ein Problem damit? Überhaupt – gibt es hier denn kein anständiges Bier? Schlabberst du etwa nur diese ekelhafte rote Plörre?“ Er warf seinem Partner einen angewiderten Blick zu. Der quittierte die Geste mit einem breiten Grinsen. „Du hast keine Ahnung, Kumpel“, schnarrte er gemütlich, „das ist ein echter Brunello di Montalcino. Ein ausgesprochen edler Tropfen, habe ich mal gelesen. Und schweineteuer. Unser Herr Tierarzt hat eben Stil. Gibt sich nicht mit einem billigen Feierabendbier ab wie du.“ „Ach, tatsächlich? Ich bin in deinen Augen also ein unkultivierter Bauernlümmel? Willst du das damit sagen?“ „Was suchen Sie hier, verdammt noch mal?“, unterbrach Fischer scharf das Geplänkel der zwei. Wut verdrängte seine anfängliche Angst. Soweit er es überblicken konnte, ging von den beiden Eindringlingen keine unmittelbare Bedrohung aus. Überrascht wandten sie sich synchron zu ihm hin. „Was wir hier wollen?“, fragte der Weinkenner und musterte ihn gelangweilt. Dann erhob sich aus dem Sessel. Der andere Mann folgte seinem Beispiel und stand von der Couch auf. Fischer zuckte zurück, als er die beiden Gestalten vor sich stehen sah. In den tiefen Polstern hatten sie relativ harmlos gewirkt, jetzt waren sie zu Riesen herangewachsen, einschüchternd allein schon aufgrund ihrer Größe und der breiten Schultern. Dazu die schwarzen Maßanzüge, die erst jetzt ihre ganze bedrohliche Wirkung auf Fischer entfalteten. „Wir sind hier, um dich an deine Verpflichtungen zu erinnern, Doktorchen“, knurrte der Weinkenner. „Unser Auftraggeber meint, dass du den Zahltermin über die viele Arbeit, in der du steckst, vergessen haben könntest. Aber er braucht sein Geld dringend zurück. Deshalb hat er uns geschickt. Um dir das klarzumachen.“ Fischer versuchte, den Kloß herunterzuschlucken, der sich in seiner Kehle festgesetzt hatte. Es hätte ihm klar sein müssen, dass einer seiner Geschäftspartner seinen Forderungen auf diese Weise Nachdruck verlieh, wenn es ihm zu bunt wurde. Trotzdem hatte er den Gedanken daran weit von sich geschoben. „Hört mal, Jungs“, sagte er mit zittriger Stimme und hob beschwichtigend die Hände, „ich weiß ja, dass ich im Verzug bin. Aber im Moment laufen die Geschäfte nicht so rund. Das ändert sich demnächst. Sobald ich die Klinik eröffnet habe, rollt der Rubel. Dann zahle ich eurem Boss den Kredit zurück. Jeden verdammten Euro. Mit Zins und Zinseszins. Mein Wort darauf.“ Der Weinkenner trat auf ihn zu, baute sich direkt vor ihm auf. Wie ein Turm stand er da, musterte ihn von oben herab. „Hör mir mal gut zu, du Würstchen“, knurrte er drohend, „unser Auftraggeber kann nicht warten. Unser Auftraggeber braucht die Kohle. Jetzt!“ „Bitte ... ich ...“, stammelte Fischer. „Woher soll ich das Geld denn nehmen?“ „Dein Problem.“ Der Mann griff unter sein Sakko. Der Tierarzt zuckte zurück, rechnete mit einer Pistole, die ihm gleich an die Stirn gedrückt wurde. Doch dann förderte der Weinkenner nur einen Briefumschlag zutage. „Hier. Eine Aufstellung deiner Schulden. Damit du es noch einmal schwarz auf weiß hast. Eine Woche gibt dir unser Auftraggeber Zeit. Er ist ja kein Unmensch. Eine Woche, sonst ...“ Der Satz blieb unvollendet in der Luft hängen. Fischer drehte sich zu dem zweiten Mann um. Der hatte sich hinter seinem Rücken die sündhaft teure Ming-Vase von dem Granit-Sockel geschnappt und ließ sie spielerisch in seinen Pranken tanzen. „Nicht!“, schrie Fischer entsetzt auf. Ein Fehler, denn sein Schrei irritierte den Mann, die Vase entglitt seinen Händen, fiel zu Boden und zerbrach. „Autsch.“ Er zuckte hilflos mit den Schultern und grinste treuherzig. „Scheiße, Scheiße ...“, wimmerte Fischer. Fassungslos starrte er an dem Riesen vorbei auf die Scherben. Der Weinkenner nahm von dem Missgeschick seines Partners keine Notiz. „Eine Woche“, wiederholte er stur und wedelte drohend mit dem Finger unter Fischers Nase herum. Dann wandte er sich unvermittelt ab und forderte seine Kumpel mit einer Handbewegung zum Gehen auf. „Komm“, sagte er, „ich denke, unser Doktorchen hat verstanden.“ Sekunden später waren die Männer aus der Wohnung verschwunden. Gernot Fischer starrte wie paralysiert auf die Wohnungstür. Zwei, drei Minuten vergingen, dann erwachte er aus der Schockstarre und wandte sich den Scherben seiner Ming-Vase zu. Der Auftritt der beiden war nur das Vorgeplänkel gewesen. Er brauchte keine Fantasie, sich auszumalen, was ihm drohte, wenn er nicht zahlte. Nur – woher sollte er das Geld nehmen? Er würde es weder in einer Woche noch in einem Monat zur Verfügung haben. 4. Kapitel Katja hatte, wie so oft, ein paar kleine Leckereien aus dem Saloon mitgebracht. Einen Mitternachts-Snack, den sie nach einem arbeitsreichen Tag gemeinsam in der Küche ihrer Wohnung verzehrten, ehe sie müde in ihre Betten fielen. Blume war, nachdem er vor rund drei Jahren in Hannover seine Zelte abgebrochen hatte, in Katjas Haus umgesiedelt. In die Dachwohnung, die bis dahin für Urlaubsgäste vorgesehen war, wie alle anderen Wohnungen in der kleinen Ferienhaussiedlung. Eine Übergangslösung hatte es sein sollen, mit dem Ziel, eines Tages ein Stockwerk tiefer mit seiner Freundin zusammenzuziehen. Zunächst hatten sie testen wollen, ob es dieses Mal für eine feste Beziehung reichte. Oder ob es wieder zum Scheitern verurteilt war. Wie damals, als Blume – noch unter seinem richtigen Namen Matthias Wagenfeld – eines Tages verschwunden war. Sie ohne ein Wort des Abschieds zurückgelassen hatte. Knapp drei Jahrzehnte später war er wieder bei Katja aufgekreuzt. Ein Mann, dessen Gesicht ihr genauso fremd gewesen war wie sein Name. Sie hätte ihn niemals wiedererkannt, wäre er nicht so hartnäckig gewesen und hätte ihr Einzelheiten aus früheren gemeinsamen Zeiten genannt, die nur er hatte wissen können. Später hatte Katja von ihm die Hintergründe für sein überstürztes Untertauchen erfahren und sein Handeln verstanden. Trotzdem war es ihr nicht leichtgefallen, Blume zu verzeihen, und ihr Misstrauen ihm gegenüber schwelte weiter unter der Oberfläche. Bis heute. Sie war nicht bereit, sich ein zweites Mal blindlings in eine Beziehung mit ihm zu stürzen, um dann wieder enttäuscht zu werden. Sie fand, dass sie für solche Abenteuer mittlerweile zu alt war. Wenn sie noch mal eine feste Bindung einging, sollte die für den Rest ihres Lebens halten. Blumes Umzug in Katjas Wohnung war seitdem nur selten ein Gesprächsthema gewesen, zuletzt überhaupt nicht mehr. Das bestehende Arrangement gefiel ihnen, und es gab keinen dringenden Grund, etwas daran zu ändern. Jeder hatte im Haus sein eigenes Reich, konnte dort tun und lassen, was er wollte. Wenn ihnen danach war, verbrachten sie in einer der beiden Wohnungen die Nacht miteinander und hatten Spaß. Nur zum gemeinsamen Frühstück und zu den sporadischen Mahlzeiten, die sie nicht unten im Saloon einnahmen, trafen sie sich regelmäßig in Katjas Küche. Darauf bestand sie. Das war ihr Revier. Dort hatte sie alles, was sie brauchte, um sich auszutoben und die leckersten Speisen für sich und ihren Gefährten zuzubereiten. Gegen elf Uhr am Abend war Katja heute aus dem Saloon gekommen. Blume hatte kurze Zeit später ihre Wohnung betreten und die Reste eines schmackhaften mexikanischen Bohneneintopfs aus der Saloonküche auf dem Tisch stehen sehen. Er liebte diesen Eintopf! Zum Glück haben wir uns nicht nach dem Essen zu einer gemeinsamen Nacht verabredet, fuhr es Blume durch den Kopf angesichts der roten Kidneybohnen, die Katja ihm in den Teller füllte. „Und? War Kullmann zufrieden mit deiner Arbeit?“, fragte sie beiläufig. „Wie man’s nimmt“, entgegnete Blume und nahm den Teller entgegen, „seine Frau hat mir, wenn man so will, die Pointe geklaut.“ Katja blickte ihn fragend an. „Pointe geklaut? Was heißt das denn?“ „Sie hat ihrem Mann das Verhältnis gebeichtet und ihn verlassen. Ist mit ihrem Liebhaber durchgebrannt. Und das alles gestern Abend. Bevor ich Kullmann heute meine Fotos vorlegen konnte. Er kennt den Lover seiner Frau sogar.“ „Ach ja? Und? Wer ist es?“ Katja beugte sich zu ihm hin, stellte ihre Neugier ungeniert zur Schau. Blume legte den Kopf schief und deutete mit seiner maskenhaften Mundpartie ein Grinsen an. Er sprach nur hin und wieder mit Katja über Details seiner Observationen, hatte ihr in diesem Fall nur das Nötigste gesagt und den Namen des Mannes verschwiegen. „Ihr Therapeut“, sagte er. „Ein gewisser Dr. Karsten Dreyling.“ „Ah ... der“, reagierte Katja wenig überrascht. „Du weißt, wer das ist?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Gesehen hab ich ihn noch nie. Ist aber in Insiderkreisen kein Unbekannter, der Gute. Hat einen großen Wirkungskreis, heißt es. Na ja, man erzählt sich eben so dies und das. Die Patientinnen stehen angeblich bei ihm Schlange. Bin mal gespannt, wie lange das junge Glück hält.“ Sie verdrehte die Augen und winkte wegwerfend ab. „Hat der Kullmann dich trotzdem bezahlt?“ „Oh doch, das hat er. Ich habe meinen Teil des Auftrags ja erfüllt. Konnte keiner ahnen, dass seine Gattin mir zuvorkommt.“ Blume nickte. „Er hat sogar ein paar Scheine obendrauf gelegt.“ „Oh, das ist anständig.“ „Er kann es sich leisten“, entgegnete Blume lapidar. „Ach übrigens, der Typ, der da heute unten im Saloon am Tresen stand ... macht der hier etwa Urlaub?“ „Welcher Typ? Wen meinst du?“, fragte Katja, überrascht von dem abrupten Themenwechsel. „Ich habe ihn dir gezeigt, bevor ich zu Kullmann gefahren bin. Er hat mit deinem Barkeeper gequatscht.“ Katja brauchte einen Moment, dann erinnerte sie sich. „Oh, ja, jetzt weiß ich wieder. Stimmt, der hat sich bei uns einquartiert. Zunächst für zwei Wochen. Ich habe ihm drüben, im Haus schräg gegenüber, die Wohnung im Obergeschoss vermietet.“ Sie musterte Blume misstrauisch. „Sag mal, was hast du denn bloß mit dem? Hab mich schon unten im Saloon über deine Frage gewundert. Kennst du ihn irgendwoher?“ „Das versuche ich ja herauszufinden ... nein, ich glaube nicht, dass ich ihn kenne. Hat der Mann auch einen Namen?“ „Ritter. Clemens Ritter.“ Blume schüttelte den Kopf. „Nie gehört. Trotzdem ... mit dem stimmt was nicht. Irgendwas an dem stört mich.“ „Und was soll das deiner Meinung nach sein?“ Katja schaltete auf Abwehr um. Ihre Stimme klang wie das Fauchen einer Katze. „Es ... es ist nur so ein Gefühl“, versuchte Blume eine Erklärung. „Seine ganze Haltung. Lauernd ... er schien alles genau abzuchecken. Vorhin, als ich nach Hause kam, stand er drüben vor der Tür. Hat mir zugewunken und ist dann reingegangen. Als hätte er auf mich gewartet.“ „Er hat dir zugewunken? Na, so was!“, höhnte Katja. „Und das macht ihn in deinen Augen verdächtig? Verdammt, Blume! Fang nicht schon wieder an mit dieser Scheiß-Verfolgungsmacke!“ Sie atmete tief durch. „Du kannst dich nicht ein Leben lang vor deiner Vergangenheit verkriechen! Der Mann ist ein normaler Gast! Er will nur ein paar Tage Urlaub machen. Die Seele baumeln lassen! Ausspannen! Waldluft atmen! Weiter nichts.“ „Hat er das gesagt?“ „Ja! Hat er!“ Blume nickte. „Okay, okay. Du hast ja recht. Manchmal sehe ich Gespenster. Tut mir leid.“ „Hm ...“, murrte Katja und wandte sich ihrer Suppe zu. Die folgenden Minuten aßen sie schweigend, hingen ihren Gedanken nach. Blume war klar, er musste sich zusammenreißen. Er hatte gehofft, bei Katja endlich Ruhe zu finden. Ihr Saloon und die Ferienhaussiedlung lagen weit ab vom Schuss, am südlichen Harzrand. Diejenigen, vor denen er sich versteckte, hatten ihn schon in Hannover, in seinem kleinen Elektroladen, nicht aufspüren können. Wie sollten sie ihn dann ausgerechnet hier finden? Er wusste ja gar nicht mit Sicherheit, ob sie überhaupt hinter ihm her waren! Nicht mal, wer genau sie waren! Nur denjenigen, der sie geschickt hatte, sollten sie tatsächlich eines Tages kommen, den kannte er: Gerhard Hauser. So hatte er damals geheißen. Blume wusste nicht, ob der Mann den Namen bis heute trug oder, wie er selbst, seine Identität gewechselt hatte. Lebte er überhaupt noch? Spekulationen, Fragen, Vermutungen. Ein Gefühl ständiger Bedrohung. Gerhard Hauser saß ihm wie ein Gespenst im Nacken, war fast immer da, folgte ihm an jeden Ort der Welt, egal, wohin er sich verkroch. Als dieser Clemens Ritter heute aufgetaucht war, hatte der Blumes verschüttete Ängste wieder an die Oberfläche geholt. Schon möglich, dass der Mann nur ein völlig harmloser Feriengast war, in dem er zu Unrecht eine Gefahr für sich sah. Trotzdem – er würde achtsam sein und ein Auge auf den Kerl haben. Mit diesem Vorsatz und einem flüchtigen Gute-Nacht-Kuss auf ihre Stirn verließ er Katjas Küche und verzog sich nach oben, in seine Wohnung. 5. Kapitel Daniel Kranz hatte für den Weg zurück in sein Büro die Landstraße in Richtung Nordhausen genommen, war nicht auf die A38 aufgefahren. Er kam von einer Baustelle in Kelbra am Kyffhäuser. Dort hatte er den Rohbau eines von ihm entworfenen Wohnhauses begutachtet. Er fuhr langsam und achtete darauf, sein verwundetes Bein nicht zu belasten. Es tat so verdammt weh. Kein Wunder! Das Herumlaufen auf der Baustelle, später das lange Stehen, über den Bauplan gebeugt, die endlose Diskussion mit dem Polier, der die Pläne an verschiedenen Stellen falsch umgesetzt hatte. Das war zu viel gewesen. Jetzt bekam er die Quittung dafür, dass er sich nicht geschont hatte. Die Bisswunde verheilte weniger schnell als von ihm erwartet. Hätte er nur ein paar Tage kürzergetreten, anstatt wie jeden Tag weiterzuarbeiten. Einige Außentermine verschieben, mehr hätte es nicht sein müssen. Aber damit wäre er bei seinem Schwiegervater nur noch tiefer in Ungnade gefallen. Er hatte es nicht fertiggebracht, ihm in jener grauenvollen Nacht das Märchen von der gebrochenen Leitersprosse aufzutischen. Wenn er log, sah man ihm das sofort an, dessen war er sich bewusst. Man hörte es sogar, weil er sich bei solchen Lügereien hoffnungslos verhaspelte. Also war er bei dem geblieben, was er für die Wahrheit hielt. Aber auch die Geschichte von dem blutrünstigen Hund oder Wolf hatte ihm der Alte nicht abgenommen. „Ich schätze, du bist in der Dunkelheit über deine eigenen Beine gestolpert. Ein Wunder, dass du das überlebt hast.“ Nicht ein Wort des Mitgefühls, nur abschätzige Blicke für seinen Schwiegersohn, der völlig blutverschmiert, mit zerrissenem Hosenbein und provisorischem Verband vor ihm gestanden hatte. „Herrgott noch mal, du bist so ein ...“ Er hatte den Satz unvollendet gelassen, abgewunken und den Hausarzt der Familie, Dr. Hubert Kowalski, aus dem Bett geklingelt. Den Einwand seiner besorgten Tochter, sie werde mit Daniel besser in die Notaufnahme des Krankenhauses fahren, hatte er unwirsch zurückgewiesen. „Damit morgen alle Welt weiß, was für ein Jammerlappen dein Mann ist? Der nachts orientierungslos durch den Wald trampelt, sich dabei fast selbst umbringt und dann von irgendwelchen Untieren faselt? Nix da! Die Blamage möchte ich uns allen ersparen. Diesen kleinen Riss kriegt der alte Quacksalber genauso gut zusammengeflickt. Und der hält wenigstens die Klappe.“ Dabei war es geblieben. Der Arzt hatte die klaffende Wunde genäht, Daniel eine Tetanusspritze verpasst und ihn und Julia mit einem Paket Antibiotika und Schmerzmitteln wieder nach Hause geschickt. Auf Julias Frage, ob Dr. Kowalski ihren Mann nicht gleich gegen eine mögliche Tollwutinfektion impfen wolle, hatte der Arzt mit einem unwirschen Grunzen abgewunken. Unwahrscheinlich, dass im Wald ein Tier mit Tollwut herumlaufe, hatte er gähnend gebrummt. Das Virus sei in diesem Land ausgerottet, soweit er wisse. Daniel solle das Bein in den nächsten Tagen nicht belasten und ab und zu den Verband wechseln. Dann wäre die Sache in ein oder zwei Wochen ausgestanden. Mit dem Ratschlag hatte der Arzt sie entlassen. Ihm war deutlich anzusehen gewesen, dass er so schnell wie möglich wieder ins Bett kommen wollte. Am Ende hätte Daniel die Geschichte vermutlich auf sich beruhen lassen und eines Tages vergessen. Aber die Demütigung seines Schwiegervaters, dessen spöttische Bemerkungen und die ständigen Gängelungen hatten seinen Widerstand wachgerufen. So durfte es nicht weitergehen. Es wurde allmählich Zeit, dass er dem Alten die Stirn bot. Er musste herausfinden, was auf dem Weg vom Hochsitz zum Auto passiert war, was ihm dort aufgelauert hatte. Es war real gewesen, es war ein Tier gewesen – ein riesiges Raubtier –, und es hatte ihn angegriffen! Er war kein Muttersöhnchen, kein Feigling, der sich nachts im Wald die Hosen vollschiss und in Panik durchs Unterholz irrte. Dieses Vieh war ihm auf den Fersen gewesen! Das würde er beweisen! Seinem Schwiegervater, seiner Frau – vor allem aber sich selbst. Den Gedanken, heimlich einen anderen Arzt aufzusuchen, der ihm ein unabhängiges Urteil über die Wunde gab, hatte er verworfen. Er würde im besten Fall bestätigt bekommen, dass es sich um eine Bisswunde handelte. Aber um dem Alten das Maul zu stopfen, bedurfte es etwas mehr. Vor ihm, keine hundert Meter voraus, zweigte eine Straße rechts ab, nach Urbach und dann weiter in Richtung Buchholz und Hermannsacker. Maria!, schoss es ihm durch den Kopf. Warum war er nicht längst darauf gekommen? Maria Hübner war Biologin und ausgewiesene Wolfsexpertin. Mit ihr konnte er reden. Ihr konnte er von dem Angriff erzählen und sie fragen, was sie davon hielt. Ob es sich um einen Wolf gehandelt hatte. Maria würde ihn nicht auslachen und für einen Spinner halten, der Gespenster gesehen hatte und vor Schiss davongelaufen war. Sie kannten sich seit ihrer Studienzeit in Hamburg. Im Zwick auf St. Pauli hatten sie sich an einem Wochenende bei Musik und Spareribs kennen und schätzen gelernt. Zu einer Beziehung hatte es nie gereicht. Er hätte damals schon gewollt, Maria nicht. Nur Probleme, hatte sie gemeint. Freundschaft sei besser. Vor einer kleinen Ewigkeit waren sie sich das letzte Mal über den Weg gelaufen. Zufällig. In Nordhausen. Und das, obwohl sie gar nicht so weit voneinander entfernt lebten. Schon merkwürdig, dass er sich nie zu einem Besuch bei Maria hatte aufraffen können. Diese lang anhaltende Funkstille hatte hoffentlich nichts an ihrer gegenseitigen freundschaftlichen Zuneigung geändert. Bald würde er es wissen. Kurz entschlossen bog er in die abgehende Straße ein. Soweit er sich erinnerte, lebte Maria Hübner allein auf einem kleinen Restbauernhof, den sie als Selbstversorgerin bewirtschaftete. Sie war geschieden und hatte eine zehnjährige Tochter, die bei ihrem Vater lebte. Das Verhältnis zu dem Mädchen war angespannt, sie trafen sich sehr selten. Es war eingetroffen, was sie damals in Hamburg bereits geahnt zu haben schien. Beziehungen brachten Probleme. Trotzdem war sie eine Ehe eingegangen. Ihren Lebensunterhalt bestritt Maria, abgesehen von dem, was der Hof abwarf, mit dem Geld aus Vorträgen und Seminaren, zu denen sie immer wieder eingeladen wurde. Die beiden Bücher, die sie geschrieben hatte, waren auf diversen Sachbuch-Bestsellerlisten zu finden. Sie brachten ihr vermutlich ein halbwegs vernünftiges Honorar ein. Maria war als Biologin und Wolfsexpertin anerkannt, wenn auch nicht bei jedermann beliebt. Von ihren Familienverhältnissen und der bevorstehenden Scheidung hatte sie ihm selbst erzählt. Seinerzeit in Nordhausen. Alle weiteren Informationen über die ehemalige Studienfreundin hatte Daniel andernorts aufgeschnappt. Meist von seinen Kunden oder Menschen, mit denen er ins Gespräch gekommen war und die vorgaben, Maria zu kennen. Seltener waren es Presseberichte gewesen, Interviews, Artikel über ihre Arbeit. Jetzt war er gespannt, wie viel von alledem tatsächlich zutraf. Fünfzehn Minuten später rollte er langsam durch das Tor in der Bruchsteinmauer, die sich um den kleinen Bauernhof zog. Einmal hatte er im Ort nach dem Weg fragen müssen, dann war es ein Leichtes gewesen, hier herauszufinden. Der mit Kopfsteinpflaster befestigte Hofplatz war eingerahmt von einem zweigeschossigen Wohnhaus auf der linken Seite und einer Scheune zur Rechten. Ein kleines Backsteingebäude begrenzte den Platz hinten an der Stirnseite. Eine Werkstatt, wie es schien. Knorrige, alte Laubbäume zwischen den Gebäuden warfen lange Schatten auf den Hof. Das gesamte Anwesen machte einen heruntergekommenen Eindruck. Das zeigte sich deutlich am Wohnhaus, dessen verwittertes Mauerwerk im Erdgeschoss noch übertroffen wurde von dem teilweise abgefallenen Plattenbehang im Stockwerk darüber. An verschiedenen Stellen trat das ursprüngliche Fachwerkgebälk mit den roten Ziegelsteinausfachungen zutage und ließ die besseren Zeiten erahnen, die der Hof einmal gesehen hatte. Die sichtbar gescheiterten Renovierungsversuche, die die Gebäude seitdem über sich hatten ergehen lassen müssen, lieferten ein ebenso beredtes Zeugnis vom allmählichen Niedergang. Als Daniel die Wagentür öffnete, vernahm er hämmernde Geräusche, die aus der Werkstatt drangen. Dem hellen Klang nach zu urteilen, bearbeitete jemand Metall. Noch bevor er einen Fuß aus dem Auto gesetzt hatte, schoss ihm aus der offenen Werkstatttür ein Hund entgegen. Wütend kläffend blieb das Tier, ein Border Collie, etwa zwei Meter von seinem Mercedes entfernt stehen, jederzeit bereit, ihn zu attackieren, sollte er es wagen, einen Schritt näherzukommen. „Chucky, aus!“ Die laute, befehlende Stimme gehörte zu einer Frau, die jetzt ebenfalls aus der Werkstatt trat. Ihre Hände an einem verdreckten Blaumann abwischend, kam sie auf Daniel zu. Der Border Collie namens Chucky lief schwanzwedelnd zu seinem Frauchen. Auf halbem Weg blieb die Frau, eindeutig Maria Hübner, stehen und stutzte. „Daniel? Daniel Kranz?“, rief sie erstaunt aus. „Das glaube ich jetzt nicht!“ „Hallo Maria!“, entgegnete er gequält lächelnd. Vorsichtig, sein Gewicht auf das unverletzte Bein verlagernd, bewegte er sich auf die Frau im Blaumann zu. „Hierher hat es dich also verschlagen.“ „Sieht so aus.“ Maria Hübner schlang die Arme um Daniels Hals, drückte ihn kurz an sich und ließ wieder von ihm ab. Ihre Begrüßung brachte ihn etwas aus der Balance, was ihm einen stechenden Schmerz bescherte. Sie trat zwei Schritte zurück und musterte ihn von oben bis unten. „Menschenskinder, wie lange ist das her, seit wir uns das letzte Mal begegnet sind?“ „Über drei Jahre, glaube ich. Das war in Nordhausen. Du ...“ „Richtig, ich erinnere mich“, fiel sie ihm ins Wort. „Ich hatte es ein bisschen eilig damals. Anwaltstermin wegen meiner Scheidung. Und du? Was treibt dich hier raus zu mir?“ „Spontane Idee“, antwortete Daniel, „ich war auf dem Rückweg von einer Baustelle. Hab mir gedacht, ich schaue mal vorbei. War ja kein großer Umweg.“ „Du machst ein ziemlich gequältes Gesicht“, sagte sie. Über ihrer Stirn hatten sich Sorgenfalten gebildet. „Geht’s dir nicht gut?“ „Ach, geht schon“, wehrte er ab. „Liegt vermutlich an der Arbeit. Der Termin vorhin war etwas nervenaufreibend.“ Sie nickte. „Na dann lass uns mal ein wenig Stressabbau betreiben. Komm mit. Wir gehen hinters Haus auf die Terrasse. Da können wir quatschen und was trinken.“ „Und nach der Scheidung hast du dich hier verkrochen?“, fragte Daniel. Sie saßen bei einem Bier auf der überdachten Holzterrasse, die von dichtem Weinlaub zugewuchert war. Ein romantisches, schattiges Plätzchen, an dem es sich aushalten ließ. „Wir haben unser Haus verkauft. Michael hatte was in Aussicht, in Frankfurt. Beruflicher Aufstieg. Leitender Posten in seinem Chemiekonzern, dazu eine neue Freundin, mit der er zusammenziehen wollte. Unsere Tochter lebt bei ihm. In geordneten familiären Verhältnissen.“ Sie gab dem Satz eine ironische Betonung und setzte ihn mit den Fingern in Häkchen. „So muss das sein. Na ja. Wenn es ihr gefällt. Mich will sie ja am besten gar nicht sehen. Ach, was jammere ich denn? Mir ist zum Glück genug Geld geblieben. Ich habe mir auch was Neues gesucht. Das hier. Bin zufällig darauf gestoßen.“ Sie ließ ihren Arm über die Gemüsebeete und kleinen Ackerstücke schweifen, die sich an die Terrasse und das Wohnhaus anschlossen. „Sah schlimm aus, das alles, aber ich hab’s für ’nen Spottpreis gekauft. Ist immer noch besser als zur Miete wohnen. Und jetzt bastele ich hier rum und versuche, die Buden auf Vordermann zu bringen. So, wie ich Zeit und Geld habe. Manchmal hilft mir jemand von den Freunden, die mir geblieben sind. Dazu ein bisschen Ackerbau, wie du sehen kannst. Nebenbei schmiede ich ein paar nette Skulpturen aus Eisenschrott, den ich einsammele. Meine künstlerische Ader ausleben.“ Sie grinste ihn an. „Und du? Immer noch in diesem Architekturbüro angestellt?“ Daniel schüttelte den Kopf. „Nicht mehr. Hab mich selbstständig gemacht. Kleines Ein-Mann-Büro nur, aber einträglich. Und die Hauptsache, ich bin unabhängig.“ „Verheiratet?“ „Jepp. Seit knapp einem Jahr. Mit Julia. Geborene Wüstefeld.“ „Wüstefeld ... Wüstefeld ...“ Maria zupfte sich am Ohr, überlegte kurz. „Doch nicht etwa ... Baustoffhandel Wüstefeld?“ „Exakt.“ Daniel lachte auf. „Na, dann hast du ja ausgesorgt, mein Freund.“ Sie setzte die Flasche an den Mund, gönnte sich einen kräftigen Schluck. Er betrachtete sie, wie sie trank. Immer noch die selbstbewusste kleine Frau, die jede Aufgabe meisterte, mit der sie konfrontiert wurde. Das drückte sie sogar mit ihrer Art, Bier zu trinken, aus. „Und wie ist er so, dein Schwiegerpapa?“, fragte sie und wischte sich mit dem Ärmel ihres Flanellhemdes über den Mund. Daniel blickte sie irritiert an, verstand nicht sofort. „Ich meine, man hört nicht überall das Beste von ihm“, schob sie hinterher. „Soll ein ziemlicher Stinkstiefel sein, der alte Herr.“ „Man muss ihn nur zu nehmen wissen“, entgegnete Daniel leicht pikiert und nicht ganz wahrheitsgemäß. „Sorry, ich wollte nicht beleidigend sein“, ruderte Maria sofort zurück. Daniel winkte ab. „Schon gut. Du hast ja recht. Er ist ein knorriger Kerl. Etwas schwierig im Umgang. Aber jetzt mal zu dir: Du beschäftigst dich immer noch mit deinen Wölfen?“ Maria nickte. „Sicher. Das ist mein Job. Mit meinen Vorträgen und Seminaren bin ich überall in Deutschland unterwegs. Ist ja ein heftig diskutiertes Thema, der Wolf. Tierschutz, Jagdrecht. Wo ich hinkomme, verhärtete Fronten. Und ich dazwischen. Die Aufklärerin. Ich bekomme regelmäßig Einladungen. Finanziell ist das für mich eine relativ sichere Bank. Dazu ein paar andere Einnahmequellen. Als Gastdozentin. Und wenn ich mit meinem Gemüse auf dem Wochenmarkt stehe, bringt das ebenfalls Geld in die Kasse. Oder die Skulpturen, die ich drüben in der Werkstatt zusammenschweiße. Davon habe ich auch schon welche unter die Leute gebracht. Du siehst, ich komme klar.“ „Wie ist denn die Lage im Harz?“, fragte Daniel vorsichtig und rutschte angespannt auf seinem Platz herum. „Gibt es hier auch schon Wölfe?“ Maria schüttelte den Kopf. „Davon ist mir bisher nichts bekannt. Es hat Wolfssichtungen gegeben, ja. Hauptsächlich im Ostharz. Zum Teil mit Fotos belegt. Dazu weitere Spuren. Aber Hinweise auf ganze Territorien – Fehlanzeige. Keine Rudel, die sich im Harz angesiedelt haben. Heimisch sind die Wölfe hier noch nicht. Auch wenn das mein spezieller Freund anders sieht.“ „Und wer ist das, dieser spezielle Freund? Klingt eher nach Feind.“ Sie winkte ab. „Ich will es nicht dramatisieren. Er ist ein Schafzüchter, der in den letzten Tagen ein paar gerissene Tiere zu beklagen hatte. Der Mann hat mich schon immer angefeindet. Für den bin ich eine durchgeknallte Öko-Spinnerin, linke Umweltschlampe und noch ein paar andere nette Bezeichnungen, die er für mich hat. Neuerdings meint er, es reicht nicht mehr, mich nur zu beschimpfen. Ich kriege Drohbriefe, habe zerstochene Autoreifen und verwüstete Gemüsebeete. Anscheinend sieht er in mir die Schuldige für den Verlust seiner Schafe. Dummerweise kann ich ihm nichts nachweisen ... noch nicht.“ Daniel war hellhörig geworden. „Was glaubst du? Waren es Wölfe?“ „Er behauptet es“, grummelte Maria. „Ich habe ihm angeboten, mir die gerissenen Tiere anzusehen. Aber das will er nicht. Wenn sich dabei herausstellen würde, dass es wildernde Hunde waren, stünde er mit seinem Hass auf die Wölfe womöglich bald allein da ... Aber zu deiner Frage. Da steckt doch mehr dahinter.“ Sie wandte sich direkt an Daniel, musterte ihn mit skeptischem Blick. „Du interessierst dich nicht nur so für Wölfe, oder?“ Wie einfach man ihn durchschauen konnte! „Na ja, stimmt, es ist kein allgemeines Interesse ...“, druckste er, „ich ... also, ich habe da eine Wunde am Bein“, er deutete auf seine verletzte Wade, „eine Bisswunde, um genau zu sein. Und dazu hätte ich gern mal deine Meinung gehört.“ „Spontaner Besuch, aha.“ Maria grinste. „Hör mal, mein Lieber, ich bin Biologin, keine Ärztin“, sagte sie. „Dass du nicht rund läufst, war ja kaum zu übersehen. Arbeitsstress! Warum hast du nicht gleich gesagt, was los ist?“ „Du hast dich so gefreut, mich wiederzusehen, da wollte ich nicht mit der Tür ins Haus fallen.“ „Ach, so ein Quatsch! Na, was soll’s. Aber wenn du medizinische Hilfe von mir erwartest, muss ich dich enttäuschen.“ „Du sollst mir keinen ärztlichen Rat geben“, stellte Daniel eilig klar. „Ich brauche deine Meinung als Wolfsexpertin.“ „Was hat denn deine Verletzung mit Wölfen zu tun?“, wunderte sie sich und schien gleichzeitig zu begreifen. „Willst du mir etwa sagen, dich hätte ein ... ein Wolf angegriffen?“ Sie schüttelte vehement den Kopf. „Auf gar keinen Fall! So was tun Wölfe nicht! Wenn denen Menschen zu nahe kommen, ziehen sie den Schwanz ein und suchen das Weite.“ „Was ist mit Tollwut?“, fragte Daniel besorgt. „Tollwut? Ach was!“, widersprach Maria entschieden. „Ausgeschlossen! Im Harz laufen keine tollwütigen Wölfe herum. Davon wüsste ich. Aber jetzt erzähl doch erst mal. Was genau ist dir passiert? Und wo?“ Zehn Minuten später hatte Daniel der alten Freundin sein nächtliches Erlebnis in allen Einzelheiten geschildert. Maria saß in sich gekehrt da, den Kopf auf ihre Hand gestützt, und starrte vor sich hin. „Du glaubst mir hoffentlich?“, fragte Daniel bange. „Du denkst doch nicht, dass ich unter Wahnvorstellungen leide oder?“ „Äh ... was?“ Maria schreckte aus ihren Gedanken hoch. „Nein, nein. Natürlich glaube ich dir.“ „Und was hältst du von der Sache? Ein Wolf? Wäre das möglich?“ „Hm ...“ Sie hob den Kopf, sah angestrengt hinüber zu den Bäumen hinter der Bruchsteinmauer, als suche sie dort etwas. Dann wandte sie sich wieder Daniel zu. „Nein, kein Wolf“, sagte sie entschieden. „Das würde allen Erfahrungen widersprechen. Und so groß, wie dir das Tier vorgekommen ist, war es sicher nicht. Das kann in so einer Schocksituation schon mal täuschen.“ „Aber was dann?“, fragte Daniel gereizt. Schocksituation! Maria schien ihn doch nicht so ernst zu nehmen, wie er gehofft hatte. „Denkst du, mich hätte ein Dackel angefallen?“ „Quatsch!“, schnappte sie. „Aber ein Hund könnte es durchaus gewesen sein. Ein sehr großer Hund. Du sagst, er stand etwas über dir? An einem kleinen Hang?“ „Richtig. Zwei, drei Meter hoch. Ungefähr. Vielleicht auch mehr ... ach, ich weiß nicht!“ „Kein Wunder, dass er dir riesig vorgekommen ist. Nachts, im Zwielicht und aus der Perspektive.“ „Und wo soll so ein Vieh auf einmal hergekommen sein?“ „Das wüsste ich auch gern ...“ Maria lehnte sich zurück, starrte nachdenklich auf ihre Bierflasche. „Womöglich ausgerissen. Und jetzt streift er wildernd durch die Gegend. Was dann vielleicht auch die Schafrisse erklärt.“ Als sie das sagte, dachte sie gleichzeitig an eine andere Sache, auf die sie sich bisher keinen Reim hatte machen können. Sie legte Daniel ihre Hand auf den Oberschenkel. „Weißt du was? Ich werde mich mal ein bisschen umhören. Sollte ich was in Erfahrung bringen, gebe ich dir Bescheid. Einverstanden?“ Daniel nickte. Zufrieden war er nicht mit der Antwort. Andererseits, was hatte er denn erwartet? Bei Maria Hübner das riesenhafte Vieh zu finden, das ihn angegriffen hatte? Mit seinem Blut an den Reißzähnen? Als eindeutigen Beweis dafür, dass er nicht Opfer seiner ausufernden Fantasie geworden war? Es konnte doch sein, dass in seinem Revier wildernde Hunde unterwegs waren. Er erinnerte sich wieder an die Schatten, die er wahrgenommen hatte, oben auf dem Hochsitz. Er hatte sie als Einbildung abgetan, seinem Zustand zugeschrieben: völlig übermüdet, kurz vor dem Einschlafen. Dazu die ganzen Geräusche – irritierend, unheimlich, furchteinflößend. Etwa doch keine Hirngespinste? Er wusste selbst nicht mehr, was er glauben sollte. Am liebsten hätte er sich mit aller Wucht gegen den Kopf geschlagen, um das Durcheinander unter seiner Schädeldecke wieder zurechtzurücken. „Kennst du den Ponytale Saloon?“, unterbrach Maria seine Grübelei. „Ponytale Saloon? Ja, gehört habe ich den Namen schon mal. Bin mir aber nicht sicher. Warum fragst du?“ Sie zuckte mit der Schulter. „Ach, war nur so ’ne spontane Idee. Ist ein klasse Laden, total urig. Und gar nicht weit von hier, bei Neustadt. Sieht aus wie im Wilden Westen. Stilecht, mit allem, was dazugehört. Katja Ortlepp, die Eigentümerin, ist der absolute Western-Fan. Für ihre Gäste heißt sie Jenny. Ich kenne sie schon ein paar Jahre. Sie ist ’ne Freundin. In ihrem Laden könnten wir uns ja mal treffen und was zusammen trinken, wenn du Lust hast. Das Essen ist übrigens auch spitze. Und du bringst deine Julia mit. Dann lerne ich sie mal kennen.“ Daniel zuckte mit den Schultern. „Hm ... Warum nicht? Hört sich verlockend an. Ich werde Julia fragen.“ Er blickte auf seine Armbanduhr und erhob sich. „Tja, ich muss wieder los. Wartet noch einiges an Arbeit auf mich.“ Maria nickte und stand ebenfalls auf. „Verstehe. War auf jeden Fall schön, dass du vorbeigeschaut hast.“ Sie begleitete Daniel zurück zu seinem Wagen. „Mach’s gut, mein Lieber, und grüß deine Frau unbekannterweise“, sagte sie und gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. „Ich melde mich bei dir wegen dieser Hundesache. Versprochen.“ Als Daniel Kranz den Hof verließ, schaute Maria Hübner dem davonfahrenden Wagen einige Augenblicke hinterher. Dann wandte sie sich um, ging langsam zurück in ihre Werkstatt. Bei der Arbeit an ihrer schmiedeeisernen Skulptur konnte sie gut nachdenken. Und nachdenken musste sie jetzt. Über die Geschichte, die Daniel ihr erzählt hatte, über die gerissenen Schafe und noch über etwas anderes: Das Fundstück oben aus dem Hochwald, auf das sie vor wenigen Tagen gestoßen war und dem sie keine Bedeutung beigemessen hatte, erschien ihr auf einmal in einem neuen Licht. 6. Kapitel Katja hatte längst das Haus verlassen. Blume fand in ihrer Küche einen reich gedeckten Frühstückstisch vor. Wie so oft morgens. Im Gegensatz zu ihm war sie Frühaufsteherin, und heute kam hinzu, dass sie ein paar Lieferanten aufsuchen musste, um Verträge neu zu verhandeln. Das war eine der Aufgaben, die sie mit Widerwillen erledigte und sich deshalb möglichst schnell vom Hals schaffte. Waren die neuen Abschlüsse in trockenen Tüchern, konnte sie in aller Ruhe zurückfahren, rechtzeitig den Saloon öffnen und sich frei von anderem Ballast ihren Gästen widmen. Sie hasste es, unliebsame Arbeiten auf die lange Bank zu schieben und sich in Gedanken damit herumzuquälen. Blume schlurfte schlafmützig zum Küchentisch und ließ sich auf den Stuhl fallen. Er öffnete die Thermoskanne, die Katja ihm griffbereit neben die Tasse gestellt hatte. Der kräftige Duft des heißen Kaffees zog ihm in die Nase und weckte seine Lebensgeister. Er goss sich ein, trank die erste Tasse schwarz. Ohne Milch, ohne Zucker, ohne etwas dazu zu essen. Das brachte seinen Kreislauf in Schwung. Im Anschluss an den Wachmacher widmete er sich dann den Toastscheiben und den diversen Gaumenfreuden auf dem Tisch. Kauend startete er kurz darauf sein Tablet. Vor einem halben Jahr hatte er sich den taschenbuchgroßen, flachen Touchscreen-PC angeschafft und schnell Gefallen daran gefunden. Das Gerät stand einem ausgewachsenen Computer in nichts nach – im Gegenteil, so ein Tablet ließ sich wesentlich flexibler einsetzen, leicht überall mit hinnehmen und war dazu recht bequem zu handhaben. Sein Smartphone mit der mickrigen Bildschirmtastatur trieb ihn dagegen regelmäßig in den Wahnsinn, wenn er es mit seinen breiten Fingern bediente. Blume nutzte die Flexibilität des Tablets nur selten. Eigentlich eine Fehlinvestition. Die meiste Zeit stand es auf dem kleinen Schreibtisch oben in seinem Wohnzimmer. Dafür brachte er es oft morgens mit an den Frühstückstisch, um sich nebenbei einen schnellen Überblick über das allgemeine Nachrichtengeschehen zu verschaffen. Die Tageszeitung lag zwar weiterhin in der Küche bereit, blieb aber von ihm unberührt, seit er aus einer Laune heraus die digitale Ausgabe abonniert hatte. Katja war nicht sonderlich begeistert. Dieser „Beziehungskiller“, wie sie den kleinen PC abfällig nannte, habe dazu geführt, dass sie sich beim gemeinsamen Frühstück kaum noch miteinander unterhielten. Manchmal fragte Blume sich, ob da ein bisschen Eifersucht mitschwang, wenn sie sich aufregte. Dabei war nicht das Tablet schuld an ihrer spärlichen Kommunikation. Blume war ein Morgenmuffel, der die Zähne kaum auseinanderbekam, kurz nachdem er aufgestanden war. Und das wusste Katja. Vielleicht fehlte ihr der regelmäßige Streit um die Tageszeitung, in die jeder von ihnen als Erster einen Blick hatte werfen wollen. Nachdem Blume die aktuellen Ereignisse aus aller Welt überflogen und unter gelegentlichem Kopfschütteln festgestellt hatte, dass die globale Zerstörungslust ungehindert neue Blüten trieb, wechselte er zu den regionalen Nachrichten. Eine Vermisstenanzeige zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Er ließ die Kaffeetasse, die er zum Mund führte, wieder sinken und starrte auf das zur Anzeige gehörende Foto und den Namen: Dr. Karsten Dreyling, Psychotherapeut. Seit einer Woche vermisst! Der Mann, zu dem er noch vor Kurzem eine Handvoll Informationen gesammelt und den er zuletzt mit Sandra Kullmann in ihrem Liebesnest fotografiert hatte. Dreyling wurde vermisst? Wieso? Und von wem? Seinen Recherchen zufolge war der Mann unverheiratet, seine Eltern lebten im Emsland, und der Kontakt zu seinem Bruder war eher sporadisch. Sandra Kullmann hatte ihren Gatten in ihre Liebesbeziehung und ihre Pläne eingeweiht. Der wusste, dass sie mit dem Geliebten das Weite gesucht hatte. Und Dreyling? War der etwa klammheimlich von der Bildfläche verschwunden? Hatte sich aus dem Staub gemacht, ohne einem Menschen seine Absichten mitzuteilen oder wenigstens anzudeuten? Er gehörte einer Praxisgemeinschaft an. Jemand musste doch irgendetwas gewusst haben! Und von wem stammte die Vermisstenanzeige? Wer hatte sie aufgegeben? Die Polizei war es nicht. Das alles schien ausgesprochen merkwürdig. Blume leerte seine Tasse und schenkte sich nach. Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und zunächst in Dreylings Praxis nachzufragen. Sicher konnte man ihm dort Auskunft geben. Gut, es brauchte ihn nicht zu interessieren, was mit dem Therapeuten geschehen war. Aber diese Vermisstenanzeige stand in Zusammenhang mit seinem Überwachungsauftrag. Er hatte seine Arbeit getan, der Auftrag war erledigt, das Ergebnis war eindeutig gewesen. Ebenso eindeutig wie die Absicht der beiden Liebenden, sich aus ihrem alten Leben zu verabschieden. Kullmann hatte keinen Zweifel daran gelassen. Und jetzt diese Anzeige! Sie warf Fragen auf. Darauf wollte er Antworten haben. Auf eine komische Art fühlte er sich verantwortlich. Er beendete sein Frühstück, räumte den Tisch ab und stellte das schmutzige Geschirr in den Spüler. Die erste Zigarette des Tages würde er sich draußen anstecken, auf der Bank vor der Haustür. Blume hatte es trotz einiger Versuche nicht geschafft, sich das Rauchen abzugewöhnen. Allein sein Zigarettenkonsum war etwas zurückgegangen, da Katja peinlich darauf achtete, dass das Rauchverbot eingehalten wurde, mit dem sie ihre Ferienhäuser belegt hatte. So blieben ihm nur wenige Nischen für seine Sucht. Dazu gehörte die Bank, auf der er sich bei entsprechendem Wetter die paar Minuten Ruhe gönnte, ehe er hinunter zum Saloon und in sein Büro ging. In Gedanken an den vermissten Dr. Dreyling versunken, hockte Blume nach vorn gebeugt auf der Bank und starrte auf die Zigarette in seiner Hand, von deren glühender Spitze ein dünner Rauchfaden aufstieg. Die Person, die sich ihm näherte, bemerkte er nicht. „Guten Morgen! Na, schon munter?“ Blume fuhr erschrocken hoch, blickte zur Seite. Neben ihm stand Clemens Ritter, der vermeintliche Feriengast, und strahlte ihn an. „Herrliches Wetter heute, nicht wahr?“ „Hm ...“, knurrte Blume und musterte den Mann abweisend. „Ah ... so eine kleine Wanderung durch den Harz am frühen Morgen ist doch das Schönste, was man sich vorstellen kann“, fuhr Clemens Ritter unbeirrt fort. „Diese Kühle, der Tau auf Gräsern und Blättern, der würzige Duft! Und wenn dann die Sonne über den Baumwipfeln aufgeht ... herrlich! Einfach nur schön! Darf ich?“ Ohne die Antwort abzuwarten, setzte sich der Mann zu ihm auf die Bank. „Mein Name ist Ritter. Clemens Ritter.“ Er streckte ihm seine Hand hin, doch Blume ignorierte sie. Stattdessen beugte er sich wieder nach unten, drückte die Kippe auf den Pflastersteinen aus und warf den Stummel in den kleinen Aschebehälter neben der Bank. „Und Sie? Wie ist Ihr Name?“, fragte Ritter unbeeindruckt. „Stefan Blume“, presste er hervor. „Auch Feriengast?“ „Nein. Ich mache keine Ferien. Ich bin hier zu Hause. Habe oben eine Mietwohnung.“ Er deutete mit dem Daumen zum Dachgeschoss über sich. Was sollte das Gerede? Der Mann hatte doch garantiert schon das Klingelbrett mit seinem Namen darauf entdeckt. „Ah, ja? Dann arbeiten Sie wohl in der Gegend. Rentner sind sie nicht, wenn ich Sie so ansehe. Oder doch?“ Blume drehte sich vollends zu Clemens Ritter hin, sah ihm direkt ins Gesicht, versuchte, in dessen Augen zu lesen, die Neugier zu deuten. Was wollte der Mann von ihm? War seine Fragerei nur das belanglose Quatschen eines gelangweilten Urlaubers? „Nein, Herr ... Ritter. Rentner bin ich nicht. Da haben Sie recht. Ich arbeite unten im Saloon. Im Büro. Mache die Buchhaltung für Frau Ortlepp.“ Ritter zog die Augenbrauen hoch. „Oh, Sie sind Buchhalter. Abwechslungsreiche Arbeit, kann ich mir vorstellen.“ Abwechslungsreich? Wollte der Mann ihn verscheißern? Was Langweiligeres gab es nicht! Und das wusste dieser Clemens Ritter garantiert! „Bankkaufmann.“ „Was?“ „Ich bin gelernter Bankkaufmann“, wiederholte Blume. „Kein Buchhalter.“ „Ah, verstehe.“ „Und Sie? Was machen Sie beruflich?“ Blume ahnte, dass er den Mann nicht so schnell loswerden würde. Da konnte er ebenfalls ein wenig nachbohren. „Augenoptiker. In Duisburg. Wenn Sie mal eine Brille haben müssen ...“ Er lachte auf. „... dann wende ich mich an Sie, na klar“, vollendete Blume den Satz und fuhr fort: „Sie sind allein hier? Was ist mit Ihrer Familie? Brauchten Sie von der auch mal Urlaub?“ Ein Schuss ins Blaue. „Ich bin verwitwet“, entgegnete Ritter. „Meine Frau ist vor zwei Jahren verstorben. Leukämie. Und mein Sohn ist erwachsen. Hat seine eigene Familie.“ „Oh, das tut mir leid“, antwortete Blume. „Das mit Ihrer Frau, meine ich.“ Ritter nickte. Stieß einen tiefen Seufzer aus. Etwas zu theatralisch, fand Blume. Er traute dem Mann nicht. Stimmte es, was er ihm erzählte? Oder war es nur eine gut gestrickte Legende? Mein Gott, hör auf mit deinem verdammten Misstrauen!, wies er sich innerlich zurecht. Es waren Katjas Worte und ihre Stimme in seinem Kopf. Was ist denn so verdächtig an dem, was er dir erzählt? Blume hätte es nicht sagen können. Nur ein Gefühl. „Manchmal meint es das Schicksal nicht gut mit einem“, nahm Clemens Ritter nach einer kleinen Pause das Gespräch wieder auf und betrachtete dabei Blumes Gesicht. „Sie scheinen auch schon einiges hinter sich zu haben“, stellte er fest. „Was meinen Sie?“, fragte Blume und fuhr sich dabei unbewusst mit den Fingern durch den grauen Vollbart. „Ihr ... na ja, Ihre Mimik wirkt so ... starr. Das ist doch sicher kein Geburtsfehler.“ Als er merkte, dass Blume tief einatmete, entschuldigte er sich hastig. „Tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“ „Nein, nein, schon gut“, wehrte Blume ab. „Ich hatte einen schweren Unfall“, log er. „Es war auf einer Urlaubsreise. Tja, der Verkehr und die Sicherheit im Ausland ... Mein Gesicht war ein einziger zerfetzter Klumpen aus Fleisch und Knochen. Ein Wunder, dass die mich damals überhaupt wieder so hinbekommen haben.“ Ritter nickte. „Ja, was die Gesichtschirurgie leistet, ist schon erstaunlich. Wer so etwas durchmacht wie Sie, wird kaum verstehen, dass sich Menschen ohne Not kosmetischen Operationen unterziehen, oder? Sollte doch jeder froh sein, wenn er mit heiler Haut durchs Leben kommt, was denken Sie?“ Blume zuckte innerlich zusammen. Hatte er da eben etwas zwischen den Zeilen gehört? Waren die Fragen des Mannes eine Falle? Er musste auf der Hut sein. Seine eigenen Worte mit Bedacht wählen. „Da kann ich Ihnen nicht widersprechen“, entgegnete er lapidar und versuchte ein Grinsen, was ihm vermutlich misslang. Wie immer. Er stand von der Bank auf. „Nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Ritter, aber es wird Zeit, dass ich ins Büro komme. Bevor meine Chefin mich vermisst.“ Ritter erhob sich ebenfalls. „Aber ich bitte Sie!“, sagte er. „Ich muss mich entschuldigen, dass ich Sie von der Arbeit abgehalten habe. Das war nicht meine Absicht. Trotzdem, es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen zu plaudern. Also dann, ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“ Wieder reichte er Blume die Hand. Dieses Mal griff er zu, schüttelte sie. Clemens Ritter drehte sich um und steuerte ohne einen Blick zurück mit energischen Schritten auf das Haus gegenüber zu. Blume sah ihm einen Moment hinterher. Dann wandte er sich ab und ging hinunter zum Saloon. Was bist du bloß für ein neurotischer Idiot, beschimpfte er sich stumm und forcierte wütend sein Tempo. Katja hatte recht – wenn er nicht aufpasste, rutschte er wieder in seine alten Muster. Das wäre der Anfang vom Ende seines neuen, friedlichen Lebens. Dieser Clemens Ritter war ein normaler Urlaubsgast. Jemand, der Kontakt suchte, Ablenkung, um nicht andauernd an seine tote Frau denken zu müssen. Ein einsamer Mensch, dem etwas Zerstreuung guttat. Nichts an Ritters Verhalten war verdächtig. Gar nichts! Es gab keinen Grund, ihm mit Misstrauen zu begegnen. 7. Kapitel Gegen elf Uhr trat Blume durch die Eingangstür des Stadthauses in der Bochumer Straße in Nordhausen. Das mehrgeschossige, westlich der nahen Innenstadt gelegene Eckgebäude gehörte zu den Ensembles, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut worden waren. Auf das Ende der DDR und die Wiedervereinigung war eine Renovierungswelle gefolgt, der die Stadt und das Haus, in das Blume hineingegangen war, ihr heutiges schmuckes Gesicht verdankten. Die Psychotherapeutische Gemeinschaftspraxis Drey­ling, Thunert und Bach dehnte sich fast über das gesamte zweite Obergeschoss aus, direkt unter dem Dach mit seinen knapp einem Dutzend Gauben. Trotz des Fahrstuhls, der einen behindertengerechten Zugang zu den Etagen ermöglichte, entschloss sich Blume, die Treppe zu nehmen. Oben angekommen, stand er nach ein paar Metern über den Flur vor der verschlossenen Praxistür. Erst auf sein Läuten hin wurde ihm von einer etwa fünfzigjährigen eleganten Dame geöffnet. Der Raum, in den er eintrat, war groß und hell. Blume hätte ihn für ein Wohnzimmer gehalten, wäre nicht der Empfangstresen in der Mitte gewesen. Weicher Teppichboden dämpfte die Schritte, große Kunstdrucke an den Wänden zogen seinen Blick auf sich, und verschiedene hohe, über das Zimmer verteilt stehende Grünpflanzen erzeugten ein angenehmes Raumklima. Viele weitere dekorative Wohnaccessoires vermittelten eine Wohlfühlatmosphäre, die konventionellen Arztpraxen fehlte. Von den vier Türen, die links und rechts in die Wände eingelassen waren, schien keine in ein abgeschlossenes Wartezimmer zu führen. Es gab nur eine Nische, die, abgetrennt durch einen kleinen Raumteiler, als Wartebereich diente. Mehr schien nicht nötig zu sein. In einem der drei Sessel, die dort standen, blätterte ein junger Mann in einer Illustrierten. Blume folgte der eleganten Dame zum Tresen in der Mitte des Raumes. Am Fenster dahinter saß eine Frau vor einem Computer und ließ ihre Finger über die Tastatur fliegen. Sie wandte ihr Gesicht vom Bildschirm ab, schaute kurz zu Blume hin und lächelte ihm zu – eine hübsche Erscheinung, schlank, die glatten, brünetten Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie war jung, um die zwanzig Jahre jünger als ihre Kollegin, schätzte er. Und sie wirkte wesentlich freundlicher auf ihn. „Bitte schön, was kann ich für Sie tun?“, fragte ihn die elegante Dame. Ihre ersten Worte seit der knappen Begrüßung an der Tür. Sie sah ihn über den Tresen hinweg auffordernd an. „Ich hätte gern Dr. Dreyling gesprochen“, bat Blume sie. „In welcher Angelegenheit? Haben Sie einen Termin?“ „Nein, ich bin ein Freund von Herrn Dreyling. Wir hatten uns hier in Nordhausen verabredet. Vor einer Stunde wollten wir uns treffen. Er ist nicht gekommen. Da dachte ich ...“ „Ihr Name?“ Die elegante Dame betrachtete ihn mit unverhohlenem Misstrauen. „Parschau. Richard Parschau.“ Den falschen Namen hatte er sich auf dem kurzen Weg von der Tür zum Tresen einfallen lassen. Eine instinktive Entscheidung. Seinen Ausweis wollte die Frau jetzt hoffentlich nicht sehen. „Dr. Dreyling ist heute leider nicht im Haus. Bedaure.“ „Dann stimmt es, was ich gelesen habe? Er wird vermisst? Seit wann denn? Was ist passiert?“ Die Reaktion der Dame war ausgesprochen kühl. „Tut mir leid, dazu werde ich Ihnen keine Auskunft geben“, antwortete sie schroff. „Hören Sie, Frau ...“, er entdeckte das kleine Schild auf dem Tresen, „... Frau Gundlach, ich bin sein Freund! Sie werden mir doch wohl sagen können, was los ist!“ Er verlieh seiner Stimme einen empörten Klang. „Er ist sonst immer pünktlich. Ich habe versucht, ihn anzurufen. Aber er ist nicht an sein Telefon gegangen. Und dann diese Anzeige ... Ich mache mir Sorgen, verstehen Sie das?“ Er nahm aus den Augenwinkeln wahr, wie sich die junge Frau von ihrem Computer erhob und sich um den Tresen herum wand. Sie huschte dicht hinter ihm entlang, gab ihm im Vorbeigehen einen leichten Stoß. Irritiert drehte er sich zu ihr um. „Sie haben da was verloren“, murmelte sie, deutete mit ihrem Blick nach unten und ging weiter. Blume sah zu Boden. Neben seinen Füßen lag ein kleiner zusammengefalteter Zettel. Der gehörte ihm nicht. Trotzdem hob er ihn auf, faltete ihn auseinander und überflog den Text darauf. Dann steckte er das Stück Papier schnell in seine Hosentasche. Die junge Frau war hinter einer der Türen verschwunden. Blume wandte sich wieder der Dame namens Gundlach zu, die mit einem Räuspern seine Aufmerksamkeit einforderte. „Wenn Sie sich Sorgen um Ihren Freund machen, müssen Sie sich an die Polizei wenden“, erklärte sie ihm energisch. „Aber er wird doch nicht einfach so verschwunden sein! Hat er denn nichts gesagt? Kein Wort?“ „Noch einmal, ich werde Ihnen keine Auskunft geben“, wiederholte Frau Gundlach mit versteinertem Gesicht. „Falls Sie keine weiteren Fragen haben ...“ Blume begriff, dass er bei ihr auf Granit biss. Er nahm es gelassen. Vor wenigen Augenblicken hatte sich ihm eine andere Informationsquelle aufgetan – wenn er den Text auf dem Zettel richtig deutete. „Nein, vielen Dank“, sagte er und wandte sich dem Ausgang zu. Nach ein paar Schritten hielt er inne, drehte sich wieder um. „Doch, eine letzte Frage habe ich: Frau Sandra Kullmann? Sie ist Karstens Patientin, richtig?“ Die Augen der Dame am Tresen weiteten sich vor Überraschung. Oder vor Schreck. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann hatte sie sich unter Kontrolle und war so abweisend wie zuvor. „Auf Wiedersehen“, zischte sie und legte eine Hand auf den Hörer des Telefons neben sich. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie jemanden herbeirufen würde, der Blume ohne viele Worte aus der Praxis warf, sollte er nicht endlich den Rückzug antreten. Sekunden später schloss er die Praxistür hinter sich. Wieder unten auf dem Bürgersteig, zog er das Stück Papier aus der Tasche, das die junge Praxisangestellte hatte auf den Boden fallen lassen. „Der Burgermeister, links die Straße runter. Zwei Minuten zu Fuß, Treffen um halb eins“, las er noch einmal. Ein paar schnell hingekritzelte Worte, aber mit eindeutiger Botschaft: Die Frau wollte ihn sprechen. Er brauchte seine Fantasie nicht zu bemühen, um zu wissen, worüber. Blume folgte den Anweisungen auf dem Zettel und ging ohne Eile in die beschriebene Richtung. Nicht lange, dann tauchte links vor ihm ein kleines tristes Gebäude mit grauen Dachplatten auf. Von hinten wirkte es eher wie das Bauwerk eines Energieunternehmens, ein Transformatorhaus oder etwas in der Art. Genauso hätte es eine öffentliche Toilette sein können. Nur das Schild an der Rückwand des Gebäudes wies auf die wahre Nutzung hin. In dicken Lettern stand dort der Name des Imbisses. Blume war fast an dem Haus vorbei. Jetzt erkannte er den überdachten Eingangsbereich mit der Glastür und dem großen Schaufenster daneben. „Der Burgermeister“, las er auch hier. Der Schriftzug stand auf dem weißen Giebeldreieck direkt unter dem Dach. Kein einladend wirkender Ort, zu dem ihn die junge Frau bestellt hatte. Er sah auf seine Armbanduhr. Etwa eine Stunde blieb ihm, bis sie eintraf. Unschlüssig schaute er sich um. Es gab nichts in unmittelbarer Nähe, das einen kurzen Besuch gelohnt hätte. Daher steuerte er auf die Tür des Imbisses zu und trat ein. Er fand einen freien Tisch direkt am Schaufenster. Einige Augenblicke beobachtete er das Paar am Nachbartisch. Ordentliche Portionen, die da auf ihren Tellern lagen. Die Hamburger sahen appetitlich aus, hielten aber auf den ersten Blick keinem Vergleich mit den Burgern stand, die Katja in ihrem Saloon servierte. Egal, es war Mittagszeit, er hatte Hunger, und etwas Besseres würde er in der Zeit bis zu seinem Rendezvous nicht finden. Die Bedienung trat an seinen Tisch, er bestellte einen Großburger mit Pommes frites und Cola. Die Praxisangestellte war pünktlich. Ohne sich lange umzusehen, kam sie auf seinen Tisch zu und setzte sich ihm gegenüber. Ihr Gesicht war gerötet, was sicher nicht daran lag, dass sie sich auf dem Weg hierher übermäßig angestrengt hatte. Vielmehr schien sie vor Aufregung und Mitteilungsdrang zu platzen! „Sie wollen wissen, was mit Karsten ... Dr. Dreyling passiert ist?“, kam sie sofort zur Sache. „Ja. Das würde ich tatsächlich gern“, antwortete Blume. „Ihre Kollegin war nicht sehr auskunftsfreudig.“ „Hach! Unser Praxisdrachen! Wenn die wüsste, dass ich mich hier mit Ihnen treffe, hätte ich heute noch meine Kündigung auf dem Tisch.“ „Ist sie so schlimm?“ „Sie ist schrecklich! Und Sie? Sie sind doch nicht der Freund von Karsten ... von Dr. Dreyling. Sie sind von der Presse, oder?“ „Wieso glauben Sie, dass ich nicht sein Freund bin?“ „Ich ... na ja, dann hätte er mit mir, also mit uns, ganz sicher mal über Sie gesprochen. Einen Richard Parschau hat er aber nie erwähnt.“ „Hätte er das? Ihnen von mir erzählt? Sie haben ein derart persönliches Verhältnis in Ihrer Praxis?“ „Nein, das nicht. Aber man unterhält sich ja ab und zu mal über Privates“, versuchte sie, zu erklären. „Also ... was ist jetzt? Sind Sie von der Presse oder nicht?“ Blume zuckte mit der Schulter. „Na ja, ich bin zumindest genauso neugierig.“ Er beugte sich zu ihr hinüber. „Und Sie? Sie haben mir noch nicht mal Ihren Namen gesagt.“ „Oh, ’tschuldigung. Ich heiße Mareike Jahn.“ „Schön, Frau Jahn. Dann erzählen Sie mal. Was wollten Sie loswerden? Es geht um Dr. Dreyling und diese Vermisstenanzeige, stimmt’s?“ Sie nickte eifrig. „Die Anzeige haben Frau Thunert und Frau Bach aufgegeben. Das sind die beiden Psychologinnen, mit denen Karsten ... Herr Dreyling die Praxis führt. Es ist ja seine Praxis, und Frau Thunert und Frau Bach sind bei ihm angestellt. Aber das ist jetzt egal.“ „Es war kein Angehöriger?“, vergewisserte sich Blume. „Nein. Er hat ja keine Verwandten. Jedenfalls keine, mit denen er ständig Kontakt hat.“ „Eigene Familie? Frau und Kinder?“ Blume hätte nicht fragen müssen. Er kannte Dreylings familiäre Situation. Er wollte es dennoch von der Angestellten hören. Vielleicht gab es etwas, das er im Zuge seiner Recherche übersehen hatte. „Nein, hat er nicht. Nur seine Eltern und einen Bruder. Aber die leben nicht hier, und er hört kaum von ihnen. Jedenfalls, als er vor einer Woche nicht in der Praxis erschienen ist, haben wir uns schon sehr gewundert. Er ist weggeblieben, einfach so. Hat sich nicht gemeldet und uns gesagt, was los ist. Er hätte ja krank sein können oder durch etwas anderes verhindert. So ein Verhalten kennen wir gar nicht von ihm. Wir haben dann bei ihm angerufen. Ohne Erfolg. Zwei Tage später gab es noch immer kein Lebenszeichen. Da bin ich zu ihm nach Hause gefahren, um nachzusehen. Er hat ja in seinem Behandlungszimmer einen Ersatzschlüssel für die Wohnung liegen.“ „Ersatzschlüssel?“, wunderte sich Blume. „Wieso das?“ Mareike Jahn lächelte verlegen. „Ach, wissen Sie, Karsten ... Herr Dreyling ...“ „Bleiben Sie ruhig bei Karsten“, unterbrach Blume sie. „Dann müssen Sie sich nicht ständig korrigieren.“ „Ja. Also, Karsten ist manchmal etwas schusselig. Verlegt gern mal seine Sachen. Außerdem hat er ... er ist ...“ Sie druckste herum. Die richtigen Worte kamen ihr nicht so leicht über die Lippen. „Na ja, Karsten hat es nicht so mit der Treue. Er hatte eben öfter mal eine neue Partnerin, die dann meist einen Haustürschlüssel von ihm bekommen hat. Er war da immer ziemlich schnell bei der Sache, auch wenn es nur etwas mehr als ein One-Night-Stand war. Wenn er die Beziehungen wieder beendet hatte, war manchmal nicht nur die Frau, sondern auch der Schlüssel weg. In Liebesdingen war Karsten echt chaotisch, das kann ich Ihnen sagen! Und bevor er dann vor seiner Wohnungstür stand und nicht reinkam ...“ „Verstehe. Und das hat sich geändert?“ „Hm ... er ist zuletzt etwas ruhiger geworden, denke ich.“ „Ich nehme an, Sie sprechen aus eigener Erfahrung“, setzte Blume einen gezielten Stich. „Sie waren mit ihm liiert, habe ich recht? Deshalb nennen Sie ihn beim Vornamen. Es ist nicht so, dass Sie in der Praxis einen lockeren Umgangston pflegen.“ Mareike Jahn lief rot an. Volltreffer, stellte er genüsslich fest. „Ja, ich war mit Karsten zusammen“, stammelte sie, um sofort zu versichern: „Aber das ist eine ganze Weile her! Ich bin längst drüber weg. Glauben Sie bloß nicht, dass ich eifersüchtig bin und nur hier sitze, um ihn schlechtzumachen.“ „Keine Bange, das glaube ich nicht“, beruhigte Blume sie. „Was ist mit dem Schlüssel zu seiner Wohnung? Haben Sie Ihr Exemplar etwa noch?“ „Nein! Den hat er zurückbekommen! Ich habe den Ersatzschlüssel aus seinem Behandlungszimmer genommen. Das wissen alle in der Praxis.“ „Und? Ist Ihnen bei Dr. Dreyling zu Hause etwas aufgefallen? War etwas merkwürdig? Anders als sonst? Ich nehme an, Sie kennen seine Wohnverhältnisse aus Ihrer gemeinsamen Zeit.“ Sie überlegte kurz. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Alles war wie immer bei ihm, wenn er die Wohnung morgens verlässt. Aufgeräumt. Sauber. In der Küche, ja, da lag das dreckige Besteck vom Frühstück herum. Seine Tasse, der Teller und die Müslischale. Völlig normal. Eigentlich. Er räumt jeden Abend vor dem Schlafengehen alles, was er tagsüber benutzt hat, in den Spüler und stellt ihn an. Nimmt es morgens wieder raus. Aber als ich in der Wohnung war, lag das Geschirr da schon länger. Nicht erst einen Tag. Die Essensreste am Teller und in der Schale waren angetrocknet.“ „Und im Bad? Sein Rasierzeug, Zahnbürste, Deo, Shampoo, alles da?“, hakte Blume nach. „In seinem Kleiderschrank, fehlte da was?“ „So genau habe ich nicht hingesehen, aber ...“ Sie spielte ein paar Sekunden mit ihren Haaren, wickelte eine Strähne um ihren Finger, überlegte. „Ich glaube, da fehlte nichts.“ „Es sah also nicht so aus, dass er verreist war.“ Mareike Jahn lachte auf. „Nein! Ganz bestimmt nicht! Sein Auto stand ja noch unter dem Carport. Nur sein Motorrad war weg. Wenn er hätte verreisen wollen, hätte er das Auto genommen. Das Bike, das ist mehr so ein Angeberding. Der leidenschaftliche Motorradfahrer ist er nicht.“ „Und nachdem Sie aus seiner Wohnung zurück waren, haben Ihre Chefinnen die Polizei informiert?“ „Ja. Wir wussten uns keinen anderen Rat. Das Ganze sah ihm so gar nicht ähnlich.“ „Und warum sitzen Sie dann jetzt hier und erzählen mir das alles? Wenn sich schon die Polizei darum kümmert?“ „Pah! Was tun die denn? Die halten schön die Füße still. Warten erst mal ab. Hoffen vermutlich, dass irgendjemand Karsten sieht und sich bei ihnen meldet. Oder dass er von allein wieder auftaucht.“ „Der Polizei ist bekannt, dass er mit dem Motorrad unterwegs ist?“ „Ja ... doch. Die Chefinnen haben es denen gesagt, glaube ich.“ „Und ich? Was erwarten Sie von mir?“ „Na ja ...“, setzte sie an und zwinkerte ihm verschwörerisch zu, „mir ist egal, ob Sie Pressemann sind oder nicht. Aber neugierig, das sind Sie auf jeden Fall. Haben Sie selbst gesagt. Und Sie sind von sich aus in die Praxis gekommen. Mit Ihrem Märchen von wegen Freund und so. Sie suchen Karsten und wollen wissen, was los ist. Sie hätten genauso zur Polizei gehen können. Haben Sie aber nicht getan. Keine Ahnung, was Sie für Gründe haben, ihn zu suchen. Wollen Sie ihm was Böses?“ Sie betrachtete ihn einen Augenblick, schüttelte dann den Kopf. „Ach was, ich denke nicht. Ich mache mir jedenfalls Sorgen um Karsten. Sie ja vielleicht auch. Wenn ich Ihnen mit meinen Informationen geholfen habe, ihn zu finden, nutzt das uns beiden.“ Blume starrte nachdenklich vor sich hin. Sorgte sich Mareike Jahn um ihren Chef und Ex-Liebhaber so sehr, dass sie lieber einen Fremden um Hilfe bat, anstatt der Polizei zu vertrauen? Nein, so groß war ihre Not nicht! Er vermutete, dass sie sich nur mit ihm getroffen hatte, um sich wichtig zu machen. Um nicht im Schatten des Praxisdrachens zu verkümmern. Sie hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt, die sich ihr mit seinem Auftauchen in der Praxis geboten hatte. Spätestens jetzt war er froh, sich mit falschem Namen vorgestellt zu haben. Diese Mareike Jahn suchte Aufmerksamkeit. Und sie war geschwätzig – zu geschwätzig. Sie würde nicht zögern, jemandem von ihrem Gespräch mit ihm zu erzählen, sobald sich die Gelegenheit bot. Da war es besser, es gab keine verwertbare Spur, die zu ihm führte. Er blickte auf, sah ihr direkt in die Augen. „Wissen Sie, dass Dr. Dreyling eine Beziehung mit Sandra Kullmann hat?“, fragte er. Sie winkte ab. „Aber sicher! Das ist kein Geheimnis. Alle in der Praxis wissen das. Geht ja schon eine Weile. Es gab deswegen schon richtig Stress zwischen ihm und seinen beiden Kolleginnen. Von wegen Beziehung mit ’ner Patientin und so. Fand ich voll daneben. Bei all seinen anderen Abenteuern haben sie auch nie was gesagt.“ Sie tat so cool, so abgeklärt. Ein bisschen zu dick aufgetragen, fand Blume. „Und was, wenn ich Ihnen außerdem sage, dass Dr. Dreyling mit Sandra Kullmann gemeinsam untergetaucht ist, weil er mit ihr ein neues Leben beginnen will? Weit weg, wo niemand die beiden findet?“ Mareike Jahn lachte auf. „Karsten? Mit einer seiner Tussen durchbrennen? Gemeinsames Leben? Das ist doch ein Witz! Das würde er nie tun. Für eine Frau sein Leben hier aufgeben. Er hängt an seiner Praxis und dem allen!“ Sie schüttelte vehement den Kopf. „Dem allen? Was ist das?“, fragte Blume. Sie meinte wohl in erster Linie sich selbst, vermutete er. „Na, die Stadt, die Kultur, seine Bekannten ... Darauf würde er nicht verzichten. Nie!“ Das behauptete sie im Brustton der Überzeugung. „Sie sind tatsächlich kein Freund von Karsten. Sie kennen ihn nicht ein bisschen! Sonst würden Sie das nicht mal im Traum für möglich halten. Wie kommen Sie überhaupt auf so eine ... eine bescheuerte Idee? Neues Leben beginnen?“ „Frau Kullmann hat es ihrem Mann gebeichtet. Der ist genau im Bilde, warum sie ihn verlassen hat.“ Mareike Jahn starrte ihn an. Mit offenem Mund. Fassungslos. Suchte nach Worten. „Das ... das ist nicht Ihr Ernst“, stammelte sie. „Karsten haut nicht einfach mit der ab. Er hätte mir ... uns das nie angetan. Das ... das kann er nicht machen.“ Sie stand von ihrem Stuhl auf. Ihre Bewegungen wirkten fahrig. Der Schreck war ihr in die Knochen gefahren. „Ich gehe dann mal wieder“, sagte sie tonlos. „Entschuldigung, würden Sie mir Ihre Telefonnummer geben?“, hielt Blume sie zurück. „Falls ich noch Fragen habe.“ Sie nickte geistesabwesend und diktierte ihm die Nummer in sein Smartphone. Dann drehte sie sich um und verließ überstürzt den Imbiss. Ihr Abgang hatte etwas von Flucht an sich. Blume sah ihr grübelnd hinterher. Seine Gedanken hingen an einer ihrer Äußerungen fest. Dreylings Motorrad war verschwunden, aber sein Auto stand unter dem Carport? Wie konnte das sein? Wenn der Mann mit seiner Geliebten hatte untertauchen wollen, wäre er dann nicht mit seinem Wagen gefahren? Diesem protzigen Audi Q7, aus dem er ihn und Sandra Kullmann bei seiner Observation einige Male hatte aussteigen sehen? Unter dem Carport, der zu seiner Penthouse-Wohnung gehörte? Mit dem er zur Hütte im Wald gefahren war, nachdem er seine Geliebte auf einem abgelegenen Parkplatz abgeholt hatte? Und wenn die beiden für ihr Verschwinden Sandra Kullmanns kleinen Mazda MX-5 Roadster benutzt hätten, wäre Dreyling etwa mit seinem Motorrad zu einem geheimen Treffpunkt gefahren, um dann mit ihr gemeinsam die Reise fortzusetzen? Blume konnte sich nicht vorstellen, dass sie nur mit kleinem Handgepäck gereist waren. Oder gar nichts mitgenommen hatten. Und sei es nur zum nächsten Flughafen. Eine Hals-über-Kopf-Flucht? Nein, das konnte nicht sein. Ihr Abgang wies planerische Züge auf. Allein schon der Zeitpunkt, an dem Sandra Kullmann ihren Ehemann eingeweiht hatte. Dass sie überhaupt noch einmal Kontakt zu ihm aufgenommen hatte! Aber Dreylings Verhalten! Wie passte das? Gehörte sein stillschweigendes Verschwinden zum Plan? Gab es einen Grund, bewusst eine Suchaktion heraufzubeschwören? Blume brauchte Gewissheit! Zunächst einmal darüber, ob Mareike Jahns Geschichte von dem fehlenden Motorrad stimmte. Er würde auf der Rückfahrt einen Abstecher zu Dreylings Penthouse machen. 8. Kapitel Die Praxisangestellte hatte nicht gelogen. Dreylings Audi stand unter dem Carport. Von einem Motorrad keine Spur. Blume hatte am Hauseingang geläutet. Nur um sich zu vergewissern, dass sich niemand in der Wohnung aufhielt. Die Gegensprechanlage war stumm geblieben, und er hatte seinen Heimweg fortgesetzt. Klüger war er durch diesen Kurzbesuch nicht geworden. Unterwegs ein Anruf. Von Katja. Er möge doch bitte bei Maria Hübner vorbeifahren. Die wolle ihn dringend sprechen. Es gehe um einen Auftrag. Ein Schafzüchter mache ihr zu schaffen. Wenn Maria Hübner sagte, es sei dringend, dann war das nicht übertrieben. Nur wenige Tage, nachdem Blume bei Katja ins Geschäft eingestiegen war, hatte er die Wolfsexpertin kennengelernt. Sie war Stammgast im Ponytale Saloon. Eine sympathische, umgängliche Frau. Klein und kräftig, mit einem Gesicht, das keine Schminke benötigte. Dazu die kurzen, immer etwas struwweligen Haare – der attraktive Freiluft-Typ. Blume hatte sich schnell mit ihr angefreundet. An manchen Abenden hatten sie zusammengesessen, über Gott, die Welt und Wölfe geredet und dabei die Zeit vergessen. Schon lange war er nicht mehr ein derart enges Freundschaftsverhältnis mit jemandem eingegangen. Genau genommen war es das erste Mal gewesen. Von Katja einmal abgesehen. Aber das war eine andere Geschichte. Maria war vor allem eine ehrliche Haut. Die wichtigste Voraussetzung für ihn, sich einem Menschen zu öffnen und ihm Vertrauen zu schenken. Eine Konkurrenz für Katja war sie nicht! Nur eine gemeinsame Freundin. Als Blume den kleinen Bauernhof erreichte, hatte sich der Himmel komplett zugezogen, und erste Tropfen fielen auf die Windschutzscheibe seines Toyotas. Wenige Meter weiter, bei der Fahrt durch das Tor und über den Hof, schüttete es schon wie aus Kübeln. Von der Sonnenwärme des Vormittags war nichts übrig geblieben. Der angekündigte Wetterumschwung hatte in der letzten halben Stunde mit Macht eingesetzt, und mit dem Regen übernahm der Herbst endgültig die Regie. Maria stand mit vor der Brust verschränkten Armen in der Haustür. Es schien, als habe sie dort auf ihn gewartet. „Schön, dass du so schnell kommen konntest“, rief sie ihm entgegen. Blume war ausgestiegen und überbrückte im Laufschritt die wenigen Meter zur Tür. „Katja hat mich informiert. Ich war auf dem Rückweg von Nordhausen und dachte mir, ich schaue sofort bei dir vorbei. Sie sagte, du hast es dringend gemacht.“ „Na ja, ich meinte eher, sobald du Zeit hast“, relativierte Maria. „Jetzt habe ich Zeit“, sagte Blume. „Wenn es dir recht ist?“ „Aber klar! Komm erst mal rein. Musst dich ja nicht nassregnen lassen. Willst du ’nen Kaffee?“ „Oh ja. Den kann ich gebrauchen.“ Blume schüttelte sich und trat an ihr vorbei ins Haus. „Du glaubst, dieser Thiele ist der Urheber der Briefe und er hat dir die beiden Reifen zerstochen?“ „Und vorletzte Nacht hat er mein Gemüsebeet verwüstet“, ergänzte Maria. „Er, zusammen mit zwei weiteren Figuren. Ich habe oben auf dem Dachboden in der Scheune gehockt und Wache gehalten. Ich musste ja damit rechnen, dass was passiert. Was sollte ich anderes tun? Leider sind sie abgehauen, bevor ich sie mir vornehmen konnte.“ „Heißt das, du hast sie erkannt?“ „Nein, eben nicht. Das ist es ja! Es war zu dunkel, und das Licht meiner Taschenlampe hat nicht ausgereicht.“ „Du bist trotzdem sicher, dass es der Schafzüchter war?“ „Ja klar! Der und seine Kumpane. Wer denn sonst? Er hat mir ganz offen gedroht!“ „Ich nehme an, du möchtest, dass ich mich um die Sache kümmere“, folgerte Blume. „Das wollte ich dich fragen, ja. Ich kann mir nicht jede Nacht auf dem Boden um die Ohren schlagen.“ Maria hob die Hände zu einer hilflosen Geste. „Aber ich brauche Beweise gegen ihn. Wenn du mir die lieferst, kann ich ihn zur Rechenschaft ziehen. Du hast die entsprechende Ausrüstung. Du darfst dich gern bei mir einquartieren, wenn es nötig sein sollte.“ Sie sah ihren Freund bittend an. „Hilfst du mir?“ Blume wiegte zögernd den Kopf. „Ich zahle dir natürlich dein normales Honorar“, fügte sie hinzu. „Daran soll es nicht scheitern. Kein Problem.“ „Über das Geld mach dir mal keinen Kopf“, entgegnete Blume und kratzte sich nachdenklich am Bart. „Na gut“, sagte er einige Augenblicke später und nickte. „Dann brauche ich zunächst mal die Adresse von diesem Thiele ... und der Mann ist sauer auf dich, weil du dich für Wölfe engagierst? Du hast ihm nichts getan, was ihn zu diesen Aktionen treibt?“ „Nein, überhaupt nicht!“, zerstreute Maria energisch jeden Zweifel. „Ich wollte ihm sogar helfen und mir seine gerissenen Schafe ansehen. Das hat er abgelehnt. Hätte ja sein können, dass wildernde Hunde die Übeltäter waren. Dann wären seine Feindbilder zerstört.“ „Du meinst die Wölfe?“ „Die und ich.“ „Schöner Mist“, seufzte Blume. „Okay, dann werde ich mal sehen, ob ich den Herrn überführen kann. Muss ich sonst noch was wissen?“ „Nein, nichts, was mit Thiele und seinen Attacken auf mich zu tun hat. Da ist aber noch eine andere Sache. Das solltest du dir mal ansehen.“ Maria stand auf, ging zu einem alten Sekretär hinüber, zog eine Schublade auf und holte etwas heraus. „Ich wollte nur mal deine Meinung hierzu hören. Hat jetzt nichts mit den Schafen zu tun ... oder vielleicht doch. Ich weiß es nicht.“ Sie kam zurück an den Tisch und legte Blume einen bunten Stofffetzen vor die Nase. „Das habe ich oben im Hochwald gefunden. Besser gesagt, Chucky hat es entdeckt, als ich mit ihm unterwegs war.“ Blume ergriff den dreieckigen, etwa handflächengroßen, verdreckten Fetzen und betrachtete ihn einen Moment. Das farbenfrohe Muster leuchtete deutlich unter der dünnen Schmutzschicht hervor. Die Ränder waren gezackt und ausgefranst. Abgerissen, stellte er fest, nicht etwa abgeschnitten oder auf andere Weise sauber vom großen Rest getrennt. Der Stoff gehörte vermutlich zu einem Kleidungsstück. Einem Rock, einem Kleid, oder zu einer Hose. Das, was er da in der Hand hielt, schien Leinenstoff zu sein. „Was hältst du davon?“, fragte Maria lauernd. „Hm ...“, brummte Blume, dann fügte er zögernd hinzu: „Da hat sich wahrscheinlich jemand durch Dornengestrüpp gezwängt und sich die Kleider zerrissen.“ „Wo ich es gefunden habe, gibt es keine Dornen.“ „An einem Ast hängen geblieben?“ „Möglich. Trotzdem ...“ „Was?“ „Ein Bekannter, Daniel Kranz, ist von einem riesigen Raubtier angefallen worden. Sagt er. Er glaubt ja, es war ein Wolf. Ein ziemliches Stück von meiner Fundstelle entfernt. Aber nicht so weit, dass ein Zusammenhang undenkbar wäre.“ „Ist es so gewesen oder behauptet er es nur? Keine Horrorgeschichte, die er sich ausgedacht hat?“ „Nein, ist wohl wahr. Er hat ein verletztes Bein und humpelt. Warum sollte er mir ein Märchen auftischen?“ „Verstehe.“ Blume nickte. „Und jetzt glaubst du, dieses Monster ist auch hierfür verantwortlich?“ „Ich weiß es nicht. Klingt alles ein wenig seltsam. Es gibt keine Hinweise. Weder auf Wölfe noch auf wildernde Hunde, die sich hier in der Gegend herumtreiben. Was die Wölfe betrifft, hätte ich bei eindeutigen Anzeichen für ihre Anwesenheit längst Wildkameras installiert. Dann wüsste ich jetzt etwas mehr.“ „Du siehst aber schon einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen, oder?“ Blume hob den Stoff an, hielt ihn sich vor die Augen, betrachtete ihn noch einmal eingehend. Das bunte Muster weckte eine Erinnerung in ihm. An ein paar Fotos. Er hatte sie vor gar nicht allzu langer Zeit geschossen. Konnte es sein ...? „Hast du was dagegen, wenn ich den Fetzen fotografieren?“, fragte er. „Ich muss da mal was überprüfen.“ „Nein, mach nur“, antwortete Maria. „Du hast irgendeine Idee, stimmt’s?“ „Mal sehen. Vielleicht“, brummte Blume. Er hatte das Stoffteil wieder auf den Tisch gelegt und lichtete es mit seinem Smartphone ab. Dann stand er auf und verabschiedete sich. „Ich muss los, Maria“, sagte er. „Habe ja jetzt einiges zu tun.“ Er ging zur Tür. Sie folgte ihm. „Wie willst du vorgehen?“ „Was?“ Blume blieb stehen. „Mit Thiele. Willst du ihm hier auf dem Hof auflauern?“ „Äh ... nein, ich denke, ich werde mich zuerst ein wenig bei deinem Schafzüchter zu Hause umsehen.“ „Du meldest dich, wenn du was herausbekommen hast?“ „Aber sicher doch. Ich informiere die Auftraggeber grundsätzlich über die Ergebnisse meiner Arbeit.“ Blume mühte sich zu einem Grinsen. „Also dann, Maria, mach’s gut.“ Er saß im Büro vor seinem Schreibtisch, lehnte sich im Stuhl nach hinten und streckte die Beine aus. Das Gesicht zur Decke gerichtet, schloss er die Augen. Er spürte, wie die Spannung aus dem Körper wich, die Muskeln erschlafften. Ein Widerspruch zu den Fragen, die sich über den Tag aufgetürmt hatten und jetzt wie Sirup seine Gedanken verklebten. Jeder Versuch einer Antwort erstickte. In seinem Kopf von Entspannung keine Spur. Gleich nachdem Blume im Ponytale Saloon angekommen war und sich bei Katja zurückgemeldet hatte, war er in seinem Büro verschwunden, hatte den Computer hochgefahren und ganz gezielt ein paar Fotos gesucht. Endlich zahlte es sich aus, dass er sein Recherchematerial nicht sofort nach Abschluss eines Auftrages vernichtete. Wie im Fall Sandra Kullmann. Das auffällige Muster auf dem Stofffetzen war ihm bekannt vorgekommen. Er hatte es schon einmal gesehen. Die ganze Fahrt zurück zum Saloon hatte er darüber nachgedacht. Dann hatte er den Toyota unter dem Carport abgestellt und war sich schon beim Aussteigen seiner Sache sicher gewesen: Sandra Kullmann hatte solche eine schreiend bunte Hose getragen. Vor Dreylings Penthouse-Wohnung, wo sie aus seinem Audi Q7 ausgestiegen war. Er hatte die Szene fotografiert. Nachdem ihm klar war, wonach er suchen musste, hatte es nicht lange gedauert, die Bilder wiederzufinden. Der Abgleich mit dem Foto auf seinem Smartphone hatte ihm Gewissheit gebracht. Die entscheidende Frage aber war geblieben: Was, zum Henker, hatte das alles zu bedeuten? Wie war dieses Stück Stoff da in den Wald geraten? Und wie lange schon hatte es dort gelegen, bevor Maria und ihr Chucky darüber gestolpert waren? Gehörte es wirklich zur Hose von Sandra Kullmann? Wenn, dann musste die Frau dort gewesen sein, nachdem er sie und ihren Liebhaber in der Hütte observiert hatte. An jenem Abend war sie in normalen Jeans herumgelaufen, bevor sie sich von ihrem Lover hatte ausziehen lassen. Und das Foto beim Aussteigen aus dem Audi hatte er tags zuvor geschossen. Da war die Hose unversehrt gewesen. Zumindest war auf dem Bild nichts Gegenteiliges zu erkennen. War sie nach Abschluss seiner Beschattung ein weiteres Mal mit Dreyling für eine heiße Nacht in den Wald gefahren? Wieder in die Hütte? Maria hatte gesagt, sie habe das Stück Stoff im Hochwald gefunden. Er musste sie fragen, wo genau. Und erst hinterher hatten die zwei dann ihre Reise in ein neues Leben angetreten? Aber jetzt wurde Dreyling per Vermisstenanzeige gesucht. Warum? Und nicht zu vergessen die gerissenen Schafe und die angebliche Bisswunde von diesem Daniel Kranz. Maria hatte da einen Zusammenhang hergestellt und angedeutet, das Stoffstück könne ebenfalls etwas damit zu tun haben. Und wenn er jetzt noch Dreylings Audi unter dem Carport dazunahm und das fehlende Motorrad ... Alles ein bisschen viel auf einmal. Verdammt ... verdammt! Er sprang aus dem Bürostuhl hoch. Raus! Raus und eine rauchen. Ein wenig runterfahren, ehe es in seinem Schädel zum Crash kam. So ging das alles nicht! Er war nicht mehr der junge Mann von früher, der eine Vielzahl Informationen blitzschnell verarbeiten und die richtigen Schlüsse daraus ziehen konnte. Es fiel ihm schwer, sich einzugestehen, dass mit zunehmendem Alter das Gehirn müde wurde und langsamer arbeitete. Er musste es gemächlicher angehen, aufpassen, dass er sich nicht überforderte. Immer schön einen Schritt nach dem anderen ... step by step. Wenig später tigerte er über den regennassen Platz vor dem Büro, zog nervös an seiner Kippe. Dann, allmählich, verloren seine Schritte an Tempo, er atmete wieder gleichmäßig und ruhig. Der Sirup in seinem Kopf wurde durchlässig, besaß nicht länger diese zähe Konsistenz. Nachdem er sich eine zweite Zigarette angesteckt und sie zur Hälfte geraucht hatte, war er sich über den ersten Schritt, den er gehen musste, im Klaren. Alles andere würde sich zeigen. „Hallo, Herr Blume!“ Er fuhr erschrocken zusammen, sah sich um. Draußen, an der Zufahrt zum Innenhof stand Clemens Ritter. Der Urlaubsgast aus dem Haus gegenüber. Den hatte er völlig vergessen. Wo kam der auf einmal her? Verfolgte er ihn etwa? Das Misstrauen, das er am Morgen mühsam beiseitegeschoben hatte, war sofort wieder da. Wie ein kleiner Teufel hockte es auf seiner Schulter und flüsterte ihm Warnungen ins Ohr. „Hallo!“, entgegnete er knapp und hob die Hand zu einem kurzen Gruß. Schnell wandte er sich ab und beeilte sich, zurück in sein Büro zu kommen. 9. Kapitel Blume begab sich auf den Weg, als die Sonne tief am westlichen Horizont stand. Die Regenfront war abgezogen, der Wetterbericht versprach eine sternenklare Nacht. Morgen sollte es wieder nass werden. Er hatte nur kurz mit Katja sprechen können und sie über seinen Plan informiert. In einem Rucksack hatte er etwas Proviant dabei – man wusste nie, was einen erwartete, und die Stunden, irgendwo da draußen versteckt, konnten lang werden. Eine olivgrüne, wasserdichte Plane, unter der er in der Dunkelheit im Wald oder im freien Gelände nahezu mit seiner Umgebung verschmolz, lag ebenso im Kofferraum wie seine Kameraausrüstung mit den hoch lichtempfindlichen Teleobjektiven. Ehe er zu dem Schafbauern hinausfuhr und sich einen geeigneten Beobachtungsposten suchte, wollte er aber einen Abstecher zu seinem Ex-Kunden Martin Kullmann machen. Er musste etwas mit dem Mann klären. Ihm nur ein, zwei kurze Fragen stellen. Kullmann empfing ihn, wie bei seinem letzten Besuch, auf dem Podest vor der Tür zu seiner Villa. Aus Blumes Perspektive, unten am Fuß der Stufen, die zu der Plattform hinaufführten, wirkte der Mann wie ein Landadliger, der den Blick auf seinen Besitztümern ruhen ließ. Jemand, der es gewohnt war zu herrschen und der über alle Niederungen des Lebens erhaben schien. Ein Eindruck, von dem sich Blume nicht täuschen ließ und der sich in dem Moment relativierte, als er die letzte Stufe erklommen hatte und dem Hausherrn auf Augenhöhe gegenüberstand. „Guten Abend, Herr Blume. Was für eine Überraschung!“, begrüßte Kullmann ihn leutselig. „Was führt Sie zu mir? Ich dachte nicht, dass ich Sie so schnell wiedersehe, nachdem Sie Ihren Job erledigt hatten.“ „Da geht es Ihnen wie mir“, erwiderte Blume, „aber es gibt etwas, das ich geklärt haben möchte, ehe ich diesen Auftrag endgültig abschließen kann.“ „Ach, wirklich?“, entgegnete Kullmann erstaunt. „Und wie kann ich Ihnen dabei helfen?“ Etwas Lauerndes lag in den Augen des Mannes, stellte Blume fest, mehr als nur höfliche Neugier. Der unerwartete Besuch passte ihm nicht. Er machte keine Anstalten, seinen Gast ins Haus zu bitten. „Dr. Dreyling wird gesucht. Sie haben vermutlich schon von der Vermisstenanzeige gehört oder gelesen.“ Kullmann lächelte herablassend. „Ach das ... ja, ja, natürlich weiß ich davon. Man hat ja heutzutage kaum eine Möglichkeit, sich gegen die Nachrichtenflut zu wehren.“ „Und, was sagen Sie dazu? Hat es Sie nicht überrascht, dass ausgerechnet der Liebhaber Ihrer Frau vermisst gemeldet wurde?“ „Überrascht? Nein. Ich war eher amüsiert. Ein kleiner Feigling, dieser Seelenklempner. Einer, der sich klammheimlich aus dem Staub macht. Der sich nicht traut, seinen Angehörigen eine Nachricht zu hinterlassen. Sandra hatte wenigstens den Mumm, mir reinen Wein einzuschenken, wenn auch nicht von Angesicht zu Angesicht.“ „Dr. Dreyling ist Single. Er hat keine eigene Familie.“ „Ah ...“ Kullmann zog in gespielter Verwunderung die Augenbrauen hoch. „Wer vermisst ihn dann? Mama und Papa?“ „Zu seinen Eltern hat er kaum Kontakt. Die Anzeige wurde von seinen Kolleginnen aus der Praxis aufgegeben.“ „Seine Kolleginnen? Ach! Tja ... das ist aber auch zu dumm, wenn der Hahn im Korb plötzlich ausgeflogen ist ohne jedes Kikeriki.“ Kullmann kicherte amüsiert in sich hinein. Sekunden später wurde er wieder ernst. „Nur zu Ihrer Information, Herr Blume: Es ist mir herzlich egal, ob dieser Mann von irgendjemandem vermisst wird. Das werden Sie verstehen. Aber ich bin ein anständiger Bürger und helfe der Polizei, wenn ich kann.“ „Helfen? Womit?“ „Ich habe auf dem Revier angerufen und gemeldet, dass dieser Dreyling mit meiner Frau durchgebrannt ist. Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich eine Suchaktion sparen können.“ „Warum das?“, wunderte sich Blume. „Ich möchte, dass unsere Polizei Verbrecher jagt, anstatt meine Steuergelder zu verplempern. Was anderes wäre es nicht gewesen, wenn sie nach einem Mann gesucht hätten, der mit meiner Frau längst außer Landes ist, um mit ihr unter Palmen auf Dolce Vita zu machen.“ „Das ehrt Sie, dass Sie so freimütig zur Aufklärung beitragen“, entgegnete Blume etwas befremdet. „Es ist ja doch eher eine ... hm, eine intime Angelegenheit, wenn einen die Ehefrau betrügt. Peinlich, das anderen gegenüber einzugestehen.“ Kullmann starrte ihn mit kalten Augen an. „Wissen Sie, Herr Blume, ich bin nicht der Mann, der sich heulend wie ein geprügelter Hund hinter dem Ofen verkriecht. Ich sehe den Tatsachen nüchtern ins Auge. Wenn sich nichts daran ändern lässt, akzeptiere ich die Dinge, wie sie sind. Man kann nicht immer gewinnen. Manchmal verliert man eben. So läuft das Spiel. Meine Frau hat mich verlassen, ja. Sie hat mich betrogen, vielleicht auch lächerlich gemacht, ja. Aber das haut mich nicht um. Ich kann jedermann sagen, wie es ist. Ich muss niemandem Lügengeschichten auftischen.“ Blume hatte Kullmann zugehört und war dabei seinem Blick nicht ausgewichen. Große Worte aus dem Munde eines Mannes, den scheinbar nichts aus der Bahn bringen konnte. Und doch – seine Augen sprachen eine andere Sprache. In ihnen loderten Wut und Hass. Kullmann war tief verletzt und gedemütigt worden. Kullmann war es nicht gewohnt zu verlieren. Die Trennung selbst war dabei vermutlich gar nicht das Problem. Aber nicht er hatte den entscheidenden Schritt getan! Seine Frau hatte die Initiative ergriffen und ihn verlassen. Wenn überhaupt, dann hätte es nach seinem Verständnis anders herum sein müssen! „Das ist mutig“, sagte er, fragte sich aber im selben Moment, welche Beweggründe Kullmann in Wahrheit gehabt haben mochte, die Polizei zu informieren. Er entschied, dem Mann vorerst nichts von dem Stück grell gemusterten Leinenstoff zu erzählen. Stattdessen fragte er: „Wie ist Ihre Frau eigentlich unterwegs?“ „Wie, unterwegs? Was meinen Sie?“ „Welches Verkehrsmittel. Hat sie den Bus genommen? Ein Taxi? Ihr Auto?“ „Ihr Auto natürlich! Was für eine Frage!“ Kullmann schüttelte verständnislos den Kopf. „Ihr Auto ist also nicht mehr da?“ „Nein! Warum wollen Sie das wissen? Spielt das eine Rolle?“ „Schon möglich“, antwortete Blume. „Es ist merkwürdig, dass die zwei in dem kleinen Roadster Ihrer Frau gefahren sein sollen, während der große SUV von Dr. Dreyling unter dessen Carport steht. Überlegen Sie mal, das ganze Gepäck, was sie vermutlich dabeihatten. Ihre Frau hat Sie doch sicher nicht ohne mindestens einen großen Koffer voll Kleidung verlassen.“ „Nein, hat sie nicht! Ihr Kleiderschrank ist leer.“ Kullmann wirkte verunsichert. „Vielleicht hat sie ihr Gepäck mit einem Kurierdienst vorausgeschickt. Zum Flughafen. Es gibt tausend Erklärungen. Verdammt, ich will es gar nicht so genau wissen!“ „Bei Dr. Dreyling in der Wohnung fehlt kein einziges Kleidungsstück“, fuhr Blume ungerührt fort. „Nichts deutet darauf hin, dass er eine längere Reise antreten oder sogar für immer verschwinden wollte. Komisch, finden Sie nicht?“ „Herrgott, was weiß denn ich, was im Kopf dieses Herrn vorgegangen ist, als er das zusammen mit Sandra geplant hat!“, platzte es aus Kullmann heraus. Er war jetzt doch nahe daran, die Beherrschung zu verlieren. „Was interessiert Sie das überhaupt alles, Herr Blume? Und wieso kommen Sie damit ausgerechnet zu mir?“ „Ich hatte gehofft, Sie könnten mir ein paar plausible Erklärungen liefern. Immerhin geht es um die Frau, die ich für Sie überwacht habe. Ihre Frau! Wie ich schon sagte, ich kann einen Auftrag erst abschließen, wenn ich Antworten auf alle offenen Fragen habe.“ Kullmann schnaubte genervt. „Es sind Ihre offenen Fragen, nicht meine! Für mich ist alles klar“, presste er hervor. „Tut mir leid, wenn ich Ihnen nicht die gewünschten Auskünfte geben konnte. War es das jetzt?“ „Ja, vielen Dank. Und entschuldigen Sie, wenn ich Sie gestört habe. Auf Wiedersehen.“ Kullmann ignorierte die hingehaltene Hand, nickte nur kurz. Damit wandte er sich ab und stapfte ins Haus. Blume ließ er stehen. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/roland-lange/harzhunde/?lfrom=196351992) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.