Im Westen geht die Sonne unter Hansjörg Anderegg Cyberkrieg? Die Wahrheit ist weit bedrohlicher!
Jen Walker ist anders, nicht nur wegen ihrer Vergangenheit. Gemeinsam mit ihren Hacker-Freunden dringt sie ins Computersystem des größten Stromnetzbetreibers der USA ein. Gleichzeitig gehen rund um die San Francisco Bay alle Lichter aus.
Der schlimmste Blackout aller Zeiten stürzt Kalifornien ins totale Chaos. Polizei, FBI und NSA machen Jagd auf die Cyberterroristen, und bald kämpft Jen allein gegen diese Übermacht auf der unermüdlichen Suche nach der explosiven Wahrheit. Im Westen geht die Sonne unter (#uca695443-1d04-5602-96bc-4d878a615200) Hansjörg Anderegg (#u80eec75b-8e6e-5ba6-acbf-7b5c5ced1618) Impressum (#u9328ff89-1179-51f2-a8ef-e2a29edc6323) Kapitel 1 (#u46c8d10e-666c-5728-8f7e-6e223591308e) Kapitel 2 (#ub51bf0b9-137e-5bd5-aafc-5f7f72ef4a48) Kapitel 3 (#u517bbc2c-912c-5672-b869-e47ed84ccf94) Kapitel 4 (#u425f9564-e6f8-5814-abe4-7d40abc19105) Kapitel 5 (#ucebe63b6-819f-5ab1-af99-bcd2e48df169) Kapitel 6 (#u5d860417-c19f-5f8b-84d0-12e840da3b4f) Kapitel 7 (#uc0b9a94c-701a-524c-ba3a-3ca0eee984c9) Kapitel 8 (#ud757614d-a684-5be9-b1e1-fb1aac83d471) Kapitel 9 (#ud54a7242-efac-5bf6-b637-a326d117cc63) Kapitel 10 (#u8ed18db0-4317-5340-9045-0a1199cc8fb5) Kapitel 11 (#u667dfab6-8b11-54ba-93be-55004fe6ea43) Kapitel 12 (#ud26a4332-6cf8-5923-abed-ef8070766cb5) Kapitel 13 (#u5614f195-93da-5ddb-8b23-63e3be366a0c) Hansjörg Anderegg Im Westen geht die Sonne unter Thriller Hansjörg Anderegg wurde 1947 in St. Gallen in der Schweiz geboren und wuchs dort auf. Nach einer Lehre als Chemielaborant und der Matura begann er an der ETH Zürich mit dem Studium der Mathematik und Physik, das er als Mathematiker abschloss. Er arbeitete anschließend während über dreißig Jahren in Europa, den USA und Asien als Computerfachmann und Manager in der Entwicklung, Beratung und dem Verkauf von Software für wissenschaftliche, technische und finanzanalytische Anwendungen. Seine Erfahrungen verarbeitet er als Autor von Kriminalromanen und Thrillern mit technisch-wissenschaftlichem Hintergrund. Hansjörg Anderegg ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. Impressum Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de (http://www.d-nb.de)abrufbar. Print-ISBN: 978-3-96752-191-7 E-Book-ISBN: 978-3-96752-689-9 Copyright (2021) XOXO Verlag Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag unter Verwendung der Bilder: Stockfoto-Nummer: 567058453 von www.shutterstock.com (http://www.shutterstock.com) Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag Hergestellt in Bremen, Germany (EU) XOXO Verlag ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH Gröpelinger Heerstr. 149 28237 Bremen Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Kapitel 1 Mountain Pass, Kalifornien Die kleine Jane reichte George das Lunchpaket durch die Tür. »Nicht vergessen, Daddy«, sagte sie mit strengem Blick. Auch an seinem letzten Tag. Seine Pranke, durch den dicken Handschuh noch mächtiger, umschloss ihre zarten Finger, dass sie vor Freude jauchzte. Sie ließ das Päckchen fahren, entzog sich seinem Griff und rannte kichernd ins Wohnzimmer zurück. Er steckte den Beutel mit den belegten Broten und dem täglichen Apfel in die Brusttasche des Overalls und stieg in seinen Pick-up. Das Thermometer auf dem Armaturenbrett zeigte nur dreißig Grad an. Unter dem Gefrierpunkt, ungewöhnlich kalt für Anfang März. Das gleiche vergilbte Leichentuch bedeckte den Himmel wie schon am Vortag. Keine Spur der roten Morgensonne, die sonst die Spitzen der Berge entflammte, wenn er zur Arbeit in die Mine fuhr. Die Kälte machte ihm nichts aus. Als Baggerführer war er gewohnt, jeder Laune des Wetters zu trotzen. Dennoch hätte er liebend gern auf den kommenden Sommer verzichtet. Frühling und Herbst reichten vollkommen, andere Jahreszeiten brauchte es seiner Meinung nach nicht. Lieber fror er sich die Nase ab auf dem stählernen Steinfresser, als sich tief im Bergwerkskessel bei hundert Grad ohne Schatten kochen zu lassen. George drehte das Radio auf. Die Stones, I’m free, einer seiner Lieblingssongs, gute alte englische Rockmusik. Der Titel fasste das Leitmotiv seines Lebens wunderbar zusammen. Frei sein, frei von der kleinbürgerlichen Enge seiner Heimat an der Südküste Englands, weit weg von seiner spießigen Familie, das war noch immer ein berauschendes Gefühl. Das milde Klima und Dorsets Strände vermisste er nicht, oder kaum. Ihm gefiel das herbe, karge Niemandsland am Rande der Mojave-Wüste. Hier hatte er erst richtig zu leben begonnen, die einzige Frau weit und breit gefunden, die gleich tickte wie er und ihm zwei süße Kinder schenkte. Übermannte ihn die Sehnsucht nach Sonne, Sand und Meer, was selten genug vorkam, war er in vier Stunden in Long Beach, Santa Monica oder Venice. Was waren dagegen schon die schmalen Sandbänke und Steilküsten der Jurassic Coast in der Alten Welt. Und überdies war der Job in dieser größten Mine für seltene Erden auf amerikanischem Boden hervorragend bezahlt. Er kannte jedenfalls keinen Baggerführer und Gelegenheitsmechaniker mit auch nur annähernd vergleichbarem Lohn, von der großzügigen Ferienregelung gar nicht zu reden. Sie konnten es sich leisten. Das Zeug, das sie hier im Tagebau aus dem Boden kratzten, war wertvoll wie Gold. Die halbe Stunde Philosophie auf der Fahrt durch die grandiose Traumlandschaft bei guter Musik verlief wie jeden Morgen. Erst als er sich dem Parkplatz vor dem Verwaltungsgebäude näherte, sah er, dass etwas nicht stimmte. Fremde Wagen standen beim Eingang, darunter eine Ambulanz und zwei Fahrzeuge des County-Sheriffs. »Was zum Teufel ist hier los, Jake?«, fragte er den Wachmann am Schlagbaum. Jake zuckte mit den Achseln. »Die Nachtschicht hat etwas zu viel Strahlung abbekommen, glaube ich. Ist wohl alles halb so schlimm.« Radioaktive Strahlung - halb so schlimm. Der alte Jake hatte keine Ahnung. George war kein Geologe, aber eines hatte man ihm eingebläut, seit er hier arbeitete: Radioaktives Thoriumoxid war der Todfeind bei der Gewinnung seltener Erden. Erzvorkommen mit Neodym und Dysprosium gab es viele auf der ganzen Welt. Bei den meisten lohnte sich jedoch ein Abbau nicht, weil sie die Elemente in zu geringer Konzentration enthielten, oder weil die Vorkommen mit gefährlichem Thorium verunreinigt waren. Wenn dieses Teufelszeug hier zum Vorschein kam, konnte das ohne Weiteres das Ende der Mine bedeuten. Goodbye Top-Job und glühende Berge. »Scheiße«, brummte er, kurbelte das Fenster hoch und fuhr zum Abstellplatz Nummer 25. Sobald er das Haus betrat, war es endgültig vorbei mit der täglichen Routine. Umkleideraum und Kantine schienen aus allen Nähten zu platzen. Männer mit ratlosen Gesichtern standen sich auf den Füssen. Trotzdem hörte man kaum einen Ton. Zentnerschwer lastete die Ungewissheit auf den Arbeitern. Eine trübselige Stimmung wie an einem offenen Grab. Was sollten die Leute auch reden? Sie alle hingen auf Gedeih und Verderb von dieser Mine ab. Sie konnten nur warten und auf gute Nachrichten des Spürtrupps hoffen. »Die Ambulanz?«, fragte George leise, nachdem er sich zu seinem Kumpel Ted von der Nachtschicht vorgearbeitet hatte. »Falscher Alarm. Sie haben Spuren an der Kleidung gemessen. Keine nennenswerte Dosis.« Damit war das Thema für Ted erledigt, aber George bohrte weiter: »Thorium?« Sein Kumpel nickte stumm. Er warf ihm einen Blick zu, in dem die Angst deutlich zu erkennen war. Nicht die Angst um seine Gesundheit, die viel schlimmere Angst um seine Zukunft. Der Betrieb stand still, bis auf die Arbeit der zehn Spezialisten, die das gigantische, fünfhundert Fuss tiefe Loch gründlich und mit dem Tempo einer altersschwachen Schnecke untersuchten. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Funkspruch aus dem Walkie-Talkie des Vorarbeiters die Männer elektrisierte: »Quadrant eins sauber.« Kollektives Gemurmel war die Antwort. Die Spannung hielt an. Quadrant eins war keine aktive Zone. Der Abbau konzentrierte sich auf die gegenüberliegende Seite des Kraters. Die Quadranten drei oder vier mussten in Ordnung sein, damit die Arbeit weitergehen konnte. Wieder dauerte es eine geschlagene Stunde, bis sich die metallische Stimme im Lautsprecher meldete. Diesmal klang sie äußerst ungehalten: »Was haben die Kerle im Drei zu suchen, Ben? Ich sagte doch keiner geht rein, bis wir durch sind. Die sollen sofort verschwinden, verdammt noch mal.« »Welche Kerle? Unsere Leute sind hier. Wir haben niemanden im Pit.« Im Funkgerät knackte und rauschte es eine Weile, dann sagte der Sprecher: »Sie haben’s begriffen. Sie ziehen ab. Du zählst mal besser nach, Ben.« Das Gerät schwieg. Der Vorarbeiter und seine Männer starrten sich verblüfft an. Schließlich zuckte Ben die Achseln und brummte: »Die sollen lieber einen Zahn zulegen.« Die Männer der Nachtschicht verließen das Gebäude, um sich endlich zu Hause schlafen zu legen. Sie taten gut daran, denn erst am Mittag kam endlich die erlösende Meldung. Der Abbau konnte im Sektor drei wieder aufgenommen werden. Eingeschränkt und mit behelfsmäßigen Zufahrtswegen, aber immerhin. Mysteriöse Thoriumspuren fand man nur im Quadrant vier, wo sich die Arbeiter kontaminiert hatten. George spürte eine Erleichterung, wie nach der Geburt seiner kleinen Jane. Den übrigen Männern der Schicht erging es wohl nicht anders. Geradezu aufgekratzt setzten sie die Schutzhelme auf, bestiegen laut schwatzend und lachend die Transportvehikel und fuhren zu ihren schweren Geräten in den Pit. George störte sich nicht daran, dass er seit dem frühen Morgen nichts mehr gegessen hatte. Er saß auf seinem Steinfresser, und das war jetzt alles, was zählte. Notfalls hätte er auch ohne Pause bis zum Abend durchgearbeitet. Janes Lunchpaket musste sich noch ein wenig gedulden. Während er wartete, bis sich der Laster für die nächste Ladung positionierte, schweifte sein Blick hinüber zum Sektor zwei. Dort schien sich das gesamte Management der Mine zu versammeln. Selbst von Weitem bemerkte er ihre Nervosität. Der Tanz der Weißhemden mit ihren Schlipsen um die kleine Gruppe der Geologen amüsierte ihn. »Hoffentlich haben sie den Buchhalter nicht vergessen«, grinste er und fuhr den unteren Ausleger aus. In diesem Augenblick erschütterte die erste Explosion den Krater. Er fuhr zusammen, als hätte der Blitz in seinen Bagger eingeschlagen. Sprengungen waren beinahe alltäglich in der Mine, aber erstens hörte sich dieser Knall ganz anders an und zweitens … Verstört hob er den Kopf, schaute zum Kraterrand empor, wo sich die Explosion ereignet hatte. Die Baggerschaufel schwebte ungeleert über der Ladefläche, während er mit offenem Mund und aufgerissenen Augen zuschaute, wie Verwaltungsgebäude und Aufbereitungsanlagen in Flammen aufgingen. »Heiliger Strohsack«, keuchte er. Mit zitternder Hand betätigte er den Hebel zum Leeren der Schaufel, fuhr den Ausleger in die Sicherheitsposition und schaltete den Motor ab. Er konnte die Augen nicht vom höllischen Höhenfeuer abwenden. Er stieg aus, stolperte und fiel der Länge nach hin. Von einer Sekunde auf die andere hatte sich sein gewohnter Arbeitsplatz in die unbegreifliche Kulisse eines surrealen Theaters verwandelt. Am meisten wunderte er sich über die Stille, während er sich aufraffte. Kein Alarm ging los, keine hektischen Rufe, kein lautes Geschrei. Die Zentrale seiner Mine verbrannte vor den Augen der Belegschaft, als hätten sie sich hier in stiller Andacht zu einer abartigen Opferzeremonie versammelt. Die Ruhe währte nicht lange. Die zweite Explosion klang dumpfer. Der Boden zitterte unter Georges Füßen. Das Echo des Knalls war noch nicht verhallt, als es zu rumpeln begann, dass ihm das Blut in den Adern gefror. Er drehte sich um und sah gerade noch, wie eine Lawine aus tonnenschweren Felsbrocken und Geröll auf die Leute im Sektor zwei herunter donnerte. Im nächsten Augenblick war nichts mehr von den Weißhemden, den Geologen und ihren Fahrzeugen zu sehen. Sein Atem stockte. Das schreckliche Bild verschwamm vor seinen Augen. Übelkeit stieg in ihm auf. Er musste sich am Rahmen des Baggers festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. »Ein Albtraum«, lallte er albern. Aber das hier war kein böser Traum, aus dem man einfach erwachte. Das ist ein verdammter Krieg, schoss ihm durch den Kopf. Dann erzitterte der Krater unter der dritten Explosion. Welchen Sektor hat es jetzt erwischt?, war sein nächster Gedanke. Es war der letzte. Die scharfe Kante des Felsblocks trennte seinen Kopf vom Rumpf wie das Beil eines Scharfrichters. Für einen letzten Gruß an die kleine Jane blieb keine Zeit mehr. Der künstliche Felssturz begrub auch die Mineure und ihr Gerät im Sektor vier. Die Wucht der Explosionen war so heftig, schleuderte derart ungeheure Gesteinsmassen in den Pit, dass die Bergungsmannschaften später den Krater kaum wieder erkannten. Ohne die verkohlten Ruinen der Gebäude am Kraterrand würde niemand glauben, dass man hier vor Kurzem noch Erz abgebaut hatte. Severn Bore Inn, Gloucestershire, UK Zwei Dinge standen an diesem eisigen Tag für Ryan fest. Zumindest glaubte er unerschütterlich daran. Punkt eins: er würde diese Monsterwelle reiten, und wäre er der Einzige. Punkt 2: heute war sein Tag. Endlich würde er Jessie ins Bett kriegen. Seit er vor zwei Jahren mit dem Studium der Mathematik in Bristol begonnen hatte, sahen sie sich nur noch an den Wochenenden. Statt zu erkalten, entwickelte sich die Beziehung zu seinem Jugendschwarm durch die Distanz erst recht zu einer tiefen Zuneigung. Einfache Gemüter mochten es Liebe nennen, aber Ryan verabscheute solche ungenauen Allerweltsausdrücke. Überdies verband man mit dem abscheulichen Wort automatisch eine gewisse Symmetrie, für die es in seinem Fall keine stichhaltigen Beweise gab. Andererseits war Jessie kaum je abgeneigt, ihre Freizeit mit ihm zu verbringen. Nach seinem Sprachverständnis konnte man ihr Verhältnis also mit Fug und Recht als gegenseitige Zuneigung bezeichnen. Der einzige Schönheitsfehler an diesem Schluss war, dass meist, oder eigentlich immer bisher, auch ein paar weitere Boys und Girls aus der Weymouth-Clique dabei waren. Man hatte es nicht leicht als Mathematiker. Draußen vor dem Pub begann es zu regnen. Der steife Wind trieb die schweren Tropfen in die Fenster, sodass es bald aussah, als steckte der ganze Severn Bore Inn zwischen den Wasserdüsen einer Autowaschanlage fest. Die schwarzen Fetzen am Himmel deuteten nicht auf rasche Besserung, aber das durfte ihn nicht von seinem Vorhaben abhalten. Er pflegte seine Versprechen zu halten, auch wenn sie, wie in diesem Fall, unter zweifelhaften Umständen zustande kamen. Egal, ob er damals besoffen gewesen war oder nicht, er war es auch seinem Ruf als Surfer, der den Teufel nicht fürchtete, schuldig. Und die Welle würde pünktlich um 11:47 Uhr hier eintreffen. Das war mathematisch einwandfrei zu beweisen, sofern Erde und Mond ihre Bahn nicht plötzlich änderten. Der ungeheure Tidenhub von fünfzehn Metern an der Mündung des Severn in den Bristolkanal war der Motor, der auch diese Gezeitenwelle zuverlässig zur angegebenen Zeit den Fluss hinauf und am Pub vorbei treiben würde. Die Trichtermündung hatte genau die richtige Form, um die ideale Surfwelle zu formen. Und an diesem saukalten Morgen, an dem man keinen Hund vor die Tür schickte, war die höchste Welle der Saison angesagt. Also musste er da rein, koste es was es wolle. Er wartete bis zum letzten Augenblick, um die Spannung zu erhalten und die Wetten in die Höhe zu treiben. Schlag halb zwölf begann er unter dem Gejohle seiner Freunde und den kritischen Blicken der Frauen, sich mitten im Pub bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Dann schlüpfte er in den Neoprenanzug, nahm sein Surfbrett unter den Arm und stapfte ohne ein weiteres Wort entschlossen in den Regen hinaus. Die Freunde bemerkten sein hämisches Grinsen nicht. Wenn sie etwas sehen wollten, mussten auch sie in diese Waschküche hinaus, und sie trugen keinen schützenden Anzug. Während er zum Fluss hinunter stieg, hielt er nach andern Wagemutigen Ausschau, doch er konnte niemanden entdecken. Keine Spur der Sonntagssurfer auf ihren schwimmenden Sofas, die sonst hier manchmal ihr Glück versuchten. Die perfekte Bühne, um seiner Flamme zu imponieren. Er wusste, dass er sich albern benahm, denn das Unternehmen war unter diesen Bedingungen nicht ganz ungefährlich. Dennoch freute er sich auf den besonderen Kick des Naturschauspiels. Er wähle einen gut sichtbaren Einstieg unterhalb des Pubs, watete in den Fluss, soweit es die Strömung zuließ und wartete. Das Rauschen hinter der Flussbiegung kündete die Welle an, bevor er sie sah. Dann tauchte die zwei Meter hohe Wasserwand so plötzlich hinter ihm auf, als stürzte sich der erzürnte Fluss vor Wut schäumend und brüllend auf den verwegenen Surfer. Er fand kaum Zeit, das Brett auszurichten und aufzuspringen, da riss ihn das Monstrum schon mit Urgewalt mit sich den Fluss hinauf. Nicht die Höhe der Welle war heikel bei diesem Unterfangen. Die Geschwindigkeit, mit der sie über die heimtückischen Untiefen sauste, konnte ein Problem werden. Aber Ryan war ein geübter Surfer. Er fand das Gleichgewicht schnell, und im Handumdrehen ritt er mit sicherem Stand hart am Wellenkamm an seinen Freunden vorbei. Er war in seinem Element, vergaß die Kälte, die seine Finger steif werden ließ und selbst durch die Poren des Neoprens herein kroch, nahm sich sogar Zeit für einen richtig coolen Handkuss ans Ufer, als wäre sein Kunststück nichts weiter als ein Sonntagsspaziergang. Er steuerte auf der Welle in die Mitte des Flusses, dann langsam wieder zurück in die Nähe des Ufers, wo seine Freunde ihm nachrannten. Er wagte einen Blick zurück, freute sich über ihre vergeblichen Versuche, ihm im strömenden Regen zu folgen. Die Welle war um einiges schneller. Einen Augenblick zu spät schaute er wieder nach vorn. Er sah den dicken Ast auf sich zutreiben, aber es blieb keine Zeit, um auszuweichen. Sein Board prallte auf das schwere Hindernis, hob sich vorn, dann glitt es unter seinen Füssen nach hinten. Er verlor das Gleichgewicht und tauchte mit einem unterdrückten Fluch auf der Rückseite der Welle ab, knapp am verhängnisvollen Ast vorbei. Der Sturz ereignete sich glücklicherweise nahe beim Ufer. So brauchte er sich nur kurz treiben zu lassen, bis er an einer flachen Stelle auf einer Grasnarbe liegenblieb. Er hörte die aufgeregten Rufe der Freunde. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Jessie allen voran mit wehendem Kopftuch herbei rannte. Ein guter Grund mehr, einfach liegen zu bleiben. »Ryan? Mein Gott, sag etwas!«, rief sie von weitem. Er rührte sich nicht, schloss die Augen. Sie kniete sich schwer atmend neben ihn, tippte ihm behutsam auf die Schulter und sagte ängstlich: »Ryan, was ist los? Rede mit mir. Ein paar Atemzüge regte er sich nicht. Erst als die andern auch um ihn herum standen, schlug er bedächtig die Augen auf, schaute Jessie mit seligem Lächeln an und flüsterte: »Bin ich im Himmel?« Sie sprang auf wie von der Tarantel gestochen. »Idiot«, rief sie und wandte sich schmollend ab. »Die Landung ist eben immer das Schwierigste«, meinte einer der Umstehenden, während er ihm auf die Beine half. Der schwierige Fred war bekannt für seine zweideutigen Bemerkungen. Statt zu antworten suchte Ryan sein Surfbrett. Es hatte sich im Uferdickicht ein Stück weiter unten verfangen, dort wo Jessie unter einer Weide auf sie wartete. Er fischte das Board aus dem Wasser, dann setzte er seine Büßermiene auf und trat auf sie zu. »Tut mir leid, Jessie. Ich wollte dich nicht erschrecken.« Sie zuckte die Achseln und sagte nichts, aber immerhin sah sie ihm trotzig ins Gesicht. Dieser Blick genügte, um die Neuronen in seinem Gehirn so durchzuschütteln, dass er sich dazu hinreißen ließ, sie zu fragen: »Du hast dir also echt Sorgen um mich gemacht?« Dazu grinste er albern. Die Reaktion kam prompt und unerwartet. Sie verpasste ihm eine saftige Ohrfeige. Und wieder der trotzige Blick. Ryan dankte dem Himmel, dass in diesem Moment ihr Telefon klingelte. Dadurch erübrigte sich seine mühsame Suche nach einer passenden Antwort. Sie klaubte das Handy aus der Jackentasche und blieb mit dem Telefon am Ohr unter dem Baum stehen. Ryan folgte seinen frierenden Freunden ins Gasthaus zurück. Er hatte sich umgezogen, steckte als Einziger in trockenen Kleidern und wärmte sich am heißen Kaffee. Mit halbem Ohr hörte er Fred zu, der den Husarenritt lautstark kommentierte, als wäre er seine eigene Heldentat. Ausgerechnet Fred, den kein Mensch je im Wasser gesehen hatte. Wo blieb Jessie? Es schien niemandem aufzufallen, dass sie schon ungebührlich lange in der Kälte draußen telefonierte. »Ich seh mal nach«, sagte er plötzlich, ohne dass es jemand hörte. Er stand auf und ging zur Tür. Kaum hatte er sie aufgestoßen, stürzte sie auf ihn zu, schlüpfte in den Flur hinein und schüttelte sich wie ein nasser Hund. »Ich – wollte nachsehen, wo du steckst«, stammelte er. Als er ihr kreideweißes Gesicht sah, erschrak er. »Was hast du? Was ist passiert?« »Ma hat angerufen. Ihr Bruder – Onkel George in Kalifornien.« Sie stockte, schaute ihn ratlos an, dann sagte sie mit belegter Stimme: »Onkel George ist gestorben. Ein Unglück im Bergwerk – eine Explosion. Ma ist völlig durcheinander. Ich muss nach Weymouth zurück.« »Ich fahr dich«, antwortete er sofort. Nicht nur ihre Mutter war durcheinander, dachte er. George war tot. George, der Rebell, den er als Junge ab und zu gesehen, aber nicht wirklich gekannt hatte. Sie verabschiedeten sich kurz von der zunehmend fröhlicheren Runde und gingen zum Wagen. »Lieb von dir«, sagte sie, nachdem sie eine Weile dem einschläfernden Quietschen des Scheibenwischers zugehört hatten. »Nicht der Rede wert.« Es bereitete ihm keine Mühe, an seiner Wohnung in Bristol vorbeizufahren. Im Gegenteil, die zwei zusätzlichen Stunden hinunter an die Küste waren viel zu kurz. Am liebsten wäre er den ganzen Tag mit ihr durch den Regen gegondelt. »Dieser George, kanntest du ihn gut?«, fragte er, um von den tragischen Umständen seines Todes abzulenken. »Geht so. Er war viel unterwegs, und niemand wusste so recht, was er trieb, bis er auswanderte. Das schwarze Schaf der Familie.« »Verstehe. Nicht gerade der Sohn, den sich ein Vater wünscht, oder so ähnlich.« Sie schmunzelte. »Ja, davon kannst du ja auch ein Lied singen, glaube ich. Aber Ma stand ihrem jüngeren Bruder sehr nahe. Sie war wohl eine Art zweite Mutter für ihn. Hat ihn trotzdem nicht lange in Weymouth gehalten.« »Im Gegensatz zu dir«, lachte er. »Ich fürchte, du schlägst dort Wurzeln.« »Was dagegen?«, gab sie gereizt zurück. »Nein, natürlich nicht. Es ist eine schöne Gegend, nur fehlt die passende Uni.« »Die braucht zum Glück nicht jeder.« Er warf ihr einen betroffenen Blick zu. »He, tut mir leid, ich wollte …« »Schon gut. Ich muss mich entschuldigen. Die Nachricht hat mich wohl doch etwas aus der Bahn geworfen. Schade um deine schöne Vorstellung. Die war wirklich Spitze.« Er grinste zufrieden. »Hätte besser sein können, aber wenn du es sagst.« Sie hatte ihn unaufgefordert gelobt, und ihrem Gesicht nach zu urteilen, meinte sie es ehrlich. Was wollte er mehr? Ach ja, fast hätte er es vergessen: Punkt zwei. Den würde er heute wohl nicht mehr abhaken. Macao, Volksrepublik China Der Airbus der ›Air Macau‹ mit dem eidottergelben Rumpf setzte zur Landung an. Danny Chen saß zusammengesunken in seinem unbequemen Sessel dösend am Fenster. Der Anflug auf die scheinbar im Meer schwimmende Piste vor der Insel Taipa mit der Skyline der glitzernden Kasinowelt am Horizont beeindruckte ihn nicht mehr. Der kurze Flug von Taipeh nach Macao war für ihn längst zur Routine geworden. Mindestens jeden Monat, manchmal jedes Wochenende, saß er in einem solchen Flugzeug und kannte nur ein Ziel: so schnell wie möglich ins ›New Century‹ im Norden der Insel. Das alte Taipa-Village, die schöne Architektur der früheren Kolonialherren, die belebten Gassen und schattigen Plätze, die sich ebenso gut in der Altstadt von Faro hätten befinden können, all das reizte ihn nicht im geringsten. Ihn zogen nur die Spielhöllen des chinesischen Las Vegas an. Danny war spielsüchtig. Er wusste es, und er hatte vor langer Zeit aufgegeben, sich darüber aufzuregen. Schließlich litt niemand darunter, höchstens er selbst von Zeit zu Zeit. Als gut verdienender Elektronik-Ingenieur und leidenschaftlicher Single konnte er sein Geld zum Fenster hinauswerfen, wann und wo er wollte. Macao war nur einen Katzensprung von Taiwan entfernt, wo er lebte und arbeitete. Er machte am Freitag etwas früher Schluss im Büro und stand kurz nach sechs schon in der Lobby des ›Century‹. Taipeh und Macao lagen in der gleichen Zeitzone, es herrschte sogar meistens die gleiche Temperatur, die gleiche Luftfeuchtigkeit, das gleiche langweilige Wetter. Und die Leute verstanden seinen taiwanischen Dialekt ohne Probleme. Er brauchte sich in keiner Weise umzustellen, aber selbst wenn man ihn am Flughafen bis auf die Unterhosen gefilzt hätte, er wäre nicht weniger häufig hier aufgetaucht. Die Anziehungskraft der Roulette- und Baccara-Tische war einfach zu groß. Das Hotel erinnerte ihn jedes Mal lebhaft ans ›Bellagio‹ in Las Vegas – das Einzige, was ihn am ›New Century‹ störte. Sonst war es ein Kasinokomplex wie jeder andere, mit dem Vorteil der Flughafennähe und des kostenlosen Frühstücksbüfetts. Auf die Erinnerung an die fünf Jahre in den Vereinigten Staaten hätte er liebend gerne verzichtet. Kalifornien war seither nichts anderes als das Symbol seiner zerstörten Träume. Er bezog sein Zimmer und bahnte sich wenig später den Weg durch das Volk zu den Spieltischen. Die meisten Besucher waren Festlandchinesen, darunter erstaunlich viele Frauen. Neureiche Geschäftsfrauen, wie er unschwer am kostbaren Goldschmuck erkannte, die hier an einem Abend soviel verzockten, wie er im ganzen Leben nicht. Anfangs konnte er sich nicht erklären, wie die Leute soviel Geld über die Grenze in die Sonderwirtschaftszone schleppten, bis ihm einer der Croupiers das Geheimnis verriet. ›Junket Operator‹ hieß das Zauberwort. Vergnügungsspezialisten, VIP-Betreuer, die für die Kasinos arbeiteten, in Wirklichkeit nichts anderes waren als Kredithaie. Sie versorgten die betuchten Festlandchinesen gegen fette Provision mit Tonnen von Spielchips auf Kredit und kassierten die Schulden über ihre Hintermänner jenseits der Grenze wieder ein. Ein Milliardengeschäft, an dem Danny bis anhin noch nicht beteiligt war. Ihn hatte noch niemand als VIP entdeckt. War wohl auch besser so. Er beachtete die Mädchen mit den Drinks nicht, wie die meisten Spieler, und setzte sich an einen Tisch. ›Punto Banco‹ spielte er normalerweise, ein reines Glücksspiel, dessen Verlauf nur von den zufällig gezogenen Karten abhing. Er setzte 500 Pataca auf die Bank und zwang sich zur Ruhe. »Sechs für den Spieler, drei für die Bank«, verkündete der Croupier, nachdem die ersten Karten ausgeteilt waren und offen auf dem Tisch lagen. Konzentriert und beinahe geräuschlos machten die Spieler ihre Züge, wie die Regeln vorschrieben. Die Atmosphäre an den Tischen erinnerte ihn manchmal an die angespannte Ruhe in einem Prüfungszimmer. Ebenso diszipliniert wie sie die Spielregeln befolgten, steckten die Zocker ihre Verluste weg. Das Glück war eben anderweitig beschäftigt. Nach ein, zwei Spielen nahm er selbst die Umgebung kaum mehr wahr. Einzig der Croupier mit seinem Kartenschlitten und der Holzpalette war wichtig. Und natürlich die Karten. Er interessierte sich nicht für die Gesichter um ihn herum. Es waren ohnehin immer dieselben, wie ihm schien. Um Mitternacht hatten sich seine Chips nahezu verdoppelt – ein ganz neues Gefühl für ihn. Ein Rausch, als hätte er all die Drinks in sich hineingeschüttet, die an ihm vorbeigezogen waren. Keine Spur vom Kater, der sich sonst um diese Zeit bemerkbar machte. Heute bezwang er die Spielbank. Er war stark wie ein Drache. Aufhören kam nicht infrage. Samstag war der übliche Tag fürs Roulette, aber warum sollte er warten? Schließlich war es seit zehn Minuten Samstag. Er näherte sich den langen, grünen Tischen, als ihn eine samtweiche Stimme in seinem Rücken ansprach: »Sie haben großes Glück heute Abend, Dr. Chen.« Verblüfft drehte er sich um. Die Stimme gehörte einer zierlichen jungen Frau, die ihn freudig und auffordernd anlächelte, als wären sie alte Bekannte. Ihr schlanker, betont sportlicher Körper steckte in einem hoch geschlitzten blutroten Seiden-Cheongsam mit aufgestickten goldenen Drachenmotiven. Das Kleid allein sah teurer aus als der ansehnliche Berg Chips den er in seiner Tasche trug. Ihr rabenschwarz glänzendes Haar hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr bis fast zum Po hinunter reichte. Die Erscheinung verunsicherte ihn zutiefst. Er konnte sie nicht einordnen. Sie passte in keine seiner bekannten Kategorien. Garderobe und Goldschmuck deuteten auf eine der Neureichen, für die er nicht sonderlich viel übrig hatte. Der schlanke Körper aber entpuppte sich auf den zweiten Blick als raffiniert verhülltes Muskelpaket einer Spitzenturnerin. Vollends verwirrte ihn das Gesicht der Frau. Sanfte, sinnliche Lippen, tadellos geschminkt in der Farbe des Kleides, strahlend weiße Zähne, die nicht die kleinste Unregelmäßigkeit zeigten, aber nachtschwarze, undurchdringliche Augen, die ihn auf der Stelle festnagelten und beinahe in die Knie zwangen, als hätte sie ihn im Würgegriff. Er schnappte nach Luft, bevor er mit heiserer Stimme fragte: »Entschuldigung, kennen wir uns?« Sie lachte. Es war ein warmes, melodiöses Lachen, das gar nicht zu ihrem hypnotischen Blick passte. »Jetzt schon«, antwortete sie. »Verzeihen Sie, dass ich Sie so überfalle. Mein Name ist Mei Tan.« Sie senkte ihre Stimme, dass die Umstehenden nicht zuhören konnten. »Herr Stanley Wu möchte etwas Wichtiges mit Ihnen besprechen.« Der Name elektrisierte ihn. Jeder Spieler kannte ihn. Er war beinahe so berühmt, oder besser berüchtigt, wie der Name des unbestrittenen Königs von Macao, Stanley Ho, dessen silbergrauen Rolls-Royce mit dem Kennzeichen ›HK 1‹ man früher oft in der Stadt gesehen hatte. Auch Wu sagte man unermesslichen Reichtum nach. Wenn Stanley Wu einen zu sprechen wünschte, lehnte man nicht ab. So einfach war das. Beinahe hätte er den Namen vor Überraschung laut ausgerufen. Im letzten Moment hielt er sich zurück, zwang sich innerlich zur Ruhe. Man redete nicht laut über Stanley Wu. Aber konnte er dieser Unbekannten trauen? Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Einige Augenblicke versuchte er vergeblich, sich zu konzentrieren. Sie wusste seinen Namen. Hatte Stanley Wu ihn beobachten lassen, sich über den einfachen Elektronik-Ingenieur aus Taiwan erkundigt? »Warum – was will Herr Wu von mir?«, stammelte er verlegen. Ihr Mund lächelte. Die Augen hörten nicht auf, ihn zu hypnotisieren. »Folgen Sie mir bitte, Dr. Chen.« Wie ein braves Schosshündchen trippelte er hinter ihr zum Ausgang. Er dachte nicht mehr an die Chips in seinem Jackett. Auch die appetitlichen Beine in den hochhackigen Stöckelschuhen vor ihm beschäftigten ihn nicht. Seine Gedanken waren bei Stanley Wu und seiner wundersamen Geldmaschine. Er konnte noch immer nicht fassen, dass ihn diese lebende Legende zur Audienz lud, als er bereits hinter dunklen Scheiben im Fond der Limousine saß. Die geheimnisvolle Chinesin neben ihm brauchte kein Wort mit dem Fahrer zu wechseln. Es war offensichtlich klar, wohin die Reise ging. Sie schwiegen auf der kurzen Fahrt. Er wollte es sich nicht eingestehen, aber die Umstände der unerwarteten Begegnung schüchterten ihn ein. Hundert Fragen stauten sich in seinem Kopf, aber er wagte nicht, die seltsam vornehme Ruhe zu stören. Einmal, kurz bevor der Wagen anhielt, blitzte draußen der leuchtende, wässrig blaue Opal des ›Altira‹ auf. Er hatte das Luxushotel nur einmal zur Entspannung nach einem verlustreichen Tag betreten. Von der Lounge auf dem Dach hatte man den spektakulärsten Blick auf die Halbinsel Macao. Und der Nachtwind im 38. Stock eignete sich vorzüglich, den Kopf durchzulüften. »Willkommen im Altira«, grüßte der Page, der ihnen die Tür aufhielt. Mei Tan ging achtlos an ihm vorbei zu den Aufzügen. Danny erwartete, dass die Besprechung in einer der Villen in den obersten Stockwerken stattfinden würde. Dort, wo normal Sterbliche keinen Zutritt hatten, es sei denn, sie wischten den Dreck der Reichen weg. Er war fast ein wenig enttäuscht, als sie nach einer Odyssee durch die parfümierten Kühlschlangen der Hotelkorridore eine unscheinbare Tür ohne jedes Kennzeichen öffnete. Sie betraten einen geräumigen Saal. Elegante Lüster an der Stuckdecke tauchten den Raum in weiches, weißes Licht. Den Wänden entlang standen mächtige vergoldete Marmorsäulen, als müssten sie die schwere Deckenkonstruktion tragen. Mäander aus exotischen Hölzern bildeten das exklusive Parkett. Kitschiger Pomp zwar, aber alles aus erlesenem Material und mit Sicherheit schweineteuer. Sein Puls schlug unwillkürlich schneller, als er die vier schweren Tische erblickte. Sie waren mit grünem Filz bespannt – Spieltische. Nur an einem saßen drei Männer in schwarzen Lederpolstern. Sie kehrten ihm den Rücken, schienen sich nicht um die Eindringlinge zu kümmern. Mei machte eine einladende Handbewegung in Richtung des Tisches und sagte: »Herr Wu erwartet Sie.« Dann zog sie sich mit einer angedeuteten Verbeugung zurück und stellte sich als stumme Wächterin neben die Tür. Der kleine grauhaarige Mann in der Mitte erhob sich. Er drehte sich um und winkte Danny wie einen alten Bekannten herbei. »Setzen Sie sich, Dr. Chen«, forderte er ihn lächelnd auf. »Leisten Sie uns Gesellschaft bei einem Spielchen.« Stanley Wu sah zwar älter aus als auf den Fotos in den Zeitungen, aber sein rundes, glänzendes Gesicht, das leuchtete wie der Vollmond, war nicht zu verkennen. Ein Kartenspiel mit Stanley Wu war etwa das Allerletzte, was er erwartet hatte. Erst jetzt erinnerte er sich, dass praktisch seine ganze Barschaft aus nutzlosen New-Century-Chips bestand. Zum ersten Mal seit ihn die Schlange hypnotisiert hatte, machte er den Mund auf: »Herr Wu – ich – bin geehrt – ich fürchte …« Mit jedem Wort stotterte er mehr, sodass er verlegen die Lippen zusammenpresste und mit gequältem Lächeln Wus ausgestreckte Hand ergriff. »Machen Sie sich keine Sorgen um den Einsatz. Wir spielen hier nur zum Vergnügen«, sagte Wu freundlich und forderte ihn auf, sich zu setzen. Die anderen beiden Herren nickten dem Neuen höflich zu und schwiegen weiter. Wu warf ihm einen fragenden Blick zu. »Hundert, ist das in Ordnung?« »Hundert – ja – klar«, stammelte Danny. Hundert Pataca waren selbst für ihn ein lächerlich geringer Einsatz. Aus dem Nichts tauchte eine Croupière in schwarzem Frack auf. Wu nickte ihr zu mit der Bemerkung: »Dr. Chen setzt 100’000.« Danny verschluckte sich, hustete. Mühsam unterdrückte er einen Schreckensruf. Er fürchtete, sein Kopf würde explodieren. Um 100’000 hatte er in seinem Leben noch nicht gespielt. Wenn er dieses Spiel in den Sand setzte, war er nicht nur seinen schönen Gewinn los, sondern konnte gleich noch 50’000 Schulden anschreiben lassen. Er wollte sich nicht ausmalen, was das bedeutete. Es dauerte eine Weile, bis er wieder ruhig atmete. Kreidebleich nahm er die Karten entgegen. Wieder spielte er auf Bank. Die andern drei wetteten wie auf ein geheimes Kommando gegen die Bank. Die Runde war schnell zu Ende. Bank: er gewann den ganzen Einsatz, war um 300’000 Pataca reicher als zwei Minuten zuvor. Bargeld. Hier spielte man nicht mit Chips. Wus großzügigen Kredit brauchte er nicht in Anspruch zu nehmen. »Gratuliere, Dr. Chen. Das Glück bleibt Ihnen heute treu, wie es scheint«, lachte Wu. Er gönnte ihm die bescheidene Freude von Herzen. Danny fühlte sich, als tauchte er nach eiskalter Dusche in ein warmes Sprudelbad. Die Glückssträhne hielt an. Dank dem unverschämten Einsatz hatte er in einem Spiel mehr gewonnen als je zuvor. Mit 300’000 Pataca konnte man schon eine ganze Menge verrückter Dinge anstellen, aber seine Sucht ließ ihm gar keine Wahl, als weiter zu spielen. Insgeheim hoffte er, Wu würde das Spektakel hier im VIP Zimmer abbrechen und endlich mit ihm besprechen, was so wichtig sein musste. Im selben Atemzug verfluchte er die Besprechung, wartete gierig auf das Zeichen, erneut zu setzen. Nochmals 100’000 war er im Grunde seinem Glück schuldig. Wu machte keine Anstalten, das Spiel abzubrechen. Gleichmütig gab er der Croupière wieder ein Zeichen und sagte, als erwartete jedermann nichts anderes: »Spielen wir um 500.« Es war keine Frage, nur eine Feststellung. Niemand regte sich auf. Der Verstand sagte Danny, dass jetzt der Augenblick gekommen war, schleunigst das Weite zu suchen, aber er sprach so leise, dass er ihn nicht hörte. Er verließ sich wie bisher auf sein Bauchgefühl, setzte wieder auf Bank gegen alle andern und – verlor. Er schnappte hörbar nach Luft. Verschwommen nahm er wahr, wie die drei älteren Herren das Notenbündel auf dem Tisch untereinander aufteilten. Seine leicht verdienten 300’000 verschwanden im Nu in den fremden Taschen. Dann warteten die drei geduldig auf seine Reaktion, genauer: auf seine restlichen 200’000 Pataca, die er nicht besaß, aber verloren hatte. »Es tut mir leid – ich…« Wu lächelte wie ein Vater, der seinem Sohn eine kleine Dummheit verzeiht. »Ich denke, wir haben uns genügend amüsiert, meine Herren«, sagte er, ohne Danny aus den Augen zu lassen. Die beiden Unbekannten erhoben sich und verließen den Saal zusammen mit der Croupière nach einer stummen Verbeugung. Er saß allein am Tisch mit einem der mächtigsten Männer von Macao, der lebenden Legende Stanley Wu, der schwarzen Kasse manch hohen Politikers, wie man munkelte. Nur die Schlange mit dem hypnotischen Blick stand noch neben der Tür, aber die hatten beide längst vergessen. Wu drehte den Sessel so, dass er ihm bequem ins Gesicht schauen konnte. »Wie gesagt, Dr. Chen. Machen Sie sich keine Sorgen wegen des Einsatzes«, begann er. Danny senkte den Blick. Seine Finger krallten sich um die Sessellehne, als erwarte er den Bohrer des Zahnarztes. »Entspannen Sie sich«, lächelte Wu väterlich. »Vergessen Sie das Spiel. Ich habe Sie hergebeten, um Ihnen ein Angebot zu machen.« Ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte, schoss ihm durch den Kopf. Dennoch versuchte er wenigstens den Anschein zu wahren, ruhig zuzuhören. Wu fuhr weiter: »Sie sind ein ausgezeichneter Elektronik-Ingenieur, Dr. Chen.« Er hielt einen Augenblick inne, betrachtete Danny beinahe mitleidig. »Ein Jammer, dass die Dummköpfe im Silicon Valley sie ziehen ließen.« Wieder beobachtete er seine Reaktion. Danny hatte Mühe, seine Überraschung zu verbergen. Wu war ausgezeichnet informiert. Er drückte sich höflich aus, aber Wu wusste bestimmt, dass er damals nach dem Studium Kalifornien nicht freiwillig verlassen hatte. Ein Job in der Forschung und Entwicklung im verheißungsvollen Silicon Valley wäre ihm hundertmal lieber gewesen, als die Routinearbeit auf Taiwan. An seinen Zensuren konnte es nicht gelegen haben. Die waren samt und sonders erstklassig. Die Absagen waren rein politisch motiviert, keine Frage. Er war kein Amerikaner, schlimmer: er war Chinese wie Stanley Wu, wenn er auch nicht aus der Volksrepublik stammte. Die Filter der arroganten Amis waren sehr grob eingestellt. Danny versuchte so gut es ging, dieses leidige Thema zu verdrängen. Umso mehr erschütterte Wus Bemerkung sein Selbstvertrauen. Sein Gegenüber hatte ihn die ganze Zeit forschend angesehen. Er schien in seinem Gesicht zu lesen wie in einem offenen Buch. Schließlich sagte er: »Für uns ist es natürlich ein Glück, dass Sie nach Taiwan zurückgekehrt sind, Dr. Chen. Ich verstehe leider nichts von Ihrer Arbeit, aber meine Berater sagen mir, dass Sie einer der führenden Spezialisten für hoch integrierte CMOS Schaltkreise sind. Das ist genau was wir brauchen für unser Entwicklungsprojekt. Sagen die Berater.« Die einseitige Konversation drehte sich plötzlich um ein Thema, in dem sich Danny auskannte. Er fühlte sich augenblicklich auf sicherem Boden, vergaß die latente Bedrohung, die ihn bisher gelähmt hatte. »Worum geht es bei dieser Entwicklung?«, fragte er interessiert. Wus Mondgesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln. »Eine sehr heikle Spezialanfertigung für einen wichtigen Kunden. Mehr darf ich Ihnen nicht verraten. Das Projekt läuft unter höchster Geheimhaltung. Wie gesagt, ich verstehe ohnehin nichts von Ihrer Arbeit. Ich weiß nur, dass Sie der richtige Mann dafür wären, der uns noch fehlt.« Er griff in sein Jackett, zog einen Briefumschlag heraus und reichte ihn Danny. »Lesen Sie. Hier steht alles Wichtige drin. Lassen Sie sich ruhig Zeit.« Er erhob sich unvermittelt und entschuldigte sich: »Ich muss einen dringenden Anruf erledigen. Bitte bleiben Sie sitzen, ich bin gleich zurück.« Verwirrt öffnete Danny den Umschlag. Die Schlange an der Tür beobachtete ihn lauernd, doch je weiter er las, desto unbedeutender wurde die unheimliche Frau, die ihn hierher gelockt hatte. Von einem solchen Angebot hatte er stets geträumt. Entwicklungsleiter bei einem der größten Hersteller von integrierten Schaltkreisen und Platinen für Computer. Nicht im Silicon Valley zwar, in Hsinchu auf Taiwan, wo die meisten großen Konzerne ihren Sitz hatten. Aber mit durchaus vergleichbarem Salär, geradezu unverschämt für taiwanische Verhältnisse. Im Geiste sprang er auf die Tischplatte, führte er einen ausgelassenen Freudentanz auf und brüllte mit jedem Abschnitt lauter: »Ja – ja – ja!« Er hätte den Vertrag auf der Stelle mit seinem Blut unterschrieben, auch ohne den letzten Absatz, der ihm eine ständige Kreditlimite für Wus Kasinos über 500’000 Pataca garantierte. Als Wu zurückkehrte, lächelte auch Danny zum ersten Mal entspannt, seit er diesen Saal betreten hatte. Weymouth, Dorset, Uk Das viktorianische Haus mit den übermächtigen Erkern und den verspielten Dachgiebeln thronte auf der kleinen Anhöhe am Greenhill über dem Sandstrand von Weymouth wie ein in Stein gemeißelter Muskelprotz. Jedes Mal ging Ryan dieser Gedanke durch den Kopf, wenn er hier aufkreuzte. Vielleicht regten ihn die hautfarbenen Backsteine zu diesem Gleichnis an. Jedenfalls strahlte das prachtvolle Bed & Breakfast der Whites auch an diesem Morgen wieder die heitere Wonne eines frisch geduschten Bademeisters aus. Auch wenn er sich nicht für das biedere Kleingewerbe von Jessies Mutter erwärmen konnte, das Haus und seine traumhafte Lage mit unverbaubarem Blick aufs offene Meer weckten schon manchmal echten Neid in ihm. Dagegen war das bescheidene Reihenhaus seiner Eltern an der Kirkleton, wo es Parkplätze statt Vorgärten gab, der reine Mief. Bisher hatte er nur einen Vorteil seiner Straße gegenüber Greenhill entdeckt: sein Haus lag näher am ›Tesco‹. Nicht zu unterschätzen für einen Jungen, der nichts so sehr verabscheute wie Zeit zu verlieren beim Einkaufen. Der milde Frühling war zurückgekehrt. Jessies Mutter kniete neben der Treppe vor dem Haus und setzte die ersten Primeln. »Morgen Hazel«, grüsste er sie. »Geht’s endlich los mit der Blütenpracht?« »Sieht man das?«, gab sie kühl zurück, ohne von ihrer Arbeit abzulassen. Charmant wie immer, dachte er. Hazels ironische Kommentare störten ihn nicht mehr. Schon eher, dass sie sich vorwiegend gegen ihn richteten. »Oder gibt das Gemüse?«, fragte er laut. Er konnte auch. Wenigstens erreichte er damit, dass sie ihn ansah. »Sehr witzig, du Zahlenkünstler. Lernt man das in diesem Bristol?« Wie viel Abscheu doch in einem Wörtchen wie diesem liegen konnte. Sie vergaß das hässliche Demonstrativpronomen nie, wenn sie von der ›Industriestadt im Norden‹ sprach. »Lass das, Ma.«, rief Jessie durch die Türöffnung. »Du bringst den armen Ryan ganz durcheinander.« Mit zwei Sprüngen war sie bei ihm, den Picknickkorb am Arm, die rote Windjacke offen über die Schulter geschlungen. Sie gab ihrer Mutter einen flüchtigen Kuss auf die Stirn, dann hakte sie sich bei ihm unter und zog ihn weg. »Danke fürs Boot«, rief sie nach hinten, als sie schon auf der Straße waren. »Ich muss schon sagen: Hazel hat ihre Zähne noch nicht verloren«, grinste er, während er leichtfüßig neben ihr auf der Strandpromenade dem Hafen zustrebte. Ihr zartes Parfüm und alles, was seine lebhafte Fantasie damit verband, schien die Schwere aus seinem Körper zu ziehen. Hätten sie beide plötzlich abgehoben, er hätte sich nicht im Geringsten gewundert. »Sie hat manchmal Haare auf den Zähnen, aber das weißt du ja«, gab sie zu. »Allerdings. Ist aber nett, dass sie uns die ›Schöne Matilda‹ überlässt. Wie hast du das nur geschafft?« »Ich habe gar nichts getan. Dein Hochsee-Segelschein hat sie überzeugt.« Sie flunkerte, das war nicht zu übersehen. Wahrscheinlich musste Jessie ihrer Mutter wer weiß was versprechen, bis sie den Schlüssel zum Liebling ihres verstorbenen Gatten herausrückte. Das hervorragend unterhaltene fünfzigjährige Segelboot hieß tatsächlich nicht einfach Matilda. Es war die schöne Matilda, und das Schiff trug den Namen mit vollem Recht: Hülle und Aufbauten aus massiver Eiche, das Deck und die Kabineneinrichtung aus poliertem Teakholz. Die Schöne war mit ihren neun Metern Länge zwar klein aber eine Augenweide für jeden Betrachter. Und, nicht zu vergessen, die Kabine war groß genug für zwei Erwachsene. Mit eingerolltem Segel tuckerten sie unter der Hafenbrücke hindurch, an den Fischerbooten und historischen Backsteinhäusern des äußeren Hafens vorbei aufs offene Wasser des Ärmelkanals. Auf den ersten Blick sah die bunte Häuserzeile wohl heute noch aus wie zur Zeit, als Sir Christopher Wren hier den Portland-Stein für die Saint Paul’s Kathedrale verschiffte. Trotz des fast wolkenlosen Himmels kroch die Kälte schnell durch die Kleider, nachdem sie den Hafen verlassen hatten. Ihn störte das nicht, Jessie ebenso wenig. Es war Wochenende, die Sonne schien, also verbrachte man den Tag draußen. Alle hielten sich an diese einfache Regel. Gut verpackt in ihrer Jacke reichte sie ihm einen Becher dampfenden Kaffee aus dem Thermoskrug. Die frische Brise hatte ihre Wangen und die Nasenspitze gerötet, ein wunderbarer Kontrast zu den himmelblauen Augen. Mit den frech aus der roten Kapuze guckenden goldenen Haarstränen glich sie einem freundlichen Kobold. Und dieser unvergleichliche Schlafzimmerblick, der einem auf der Stelle den Verstand raubte. Vergessen waren Asymptoten, Gammafunktion und partielle Differenzialgleichungen. Gegen diesen Blick hatte nicht einmal ein Carl Friedrich Gauß den Hauch einer Chance. Und der war immerhin der größte Mathematiker aller Zeiten. So war das, und deshalb stand er an diesem Samstagmorgen frierend auf dem polierten Deck der ›Schönen Matilda‹. Sie waren beide geübte Segler, also setzten sie die Fock und das Großsegel, steuerten härter an den Wind und führten ein paar Alibi-Wendemanöver durch. In der Mitte der Bucht holten sie die Segel wieder ein. Sanfte Wellen brachen sich am Rumpf, wiegten die Passagiere der kleinen Matilda mit gleichmäßigem Plätschern und zahmen Stößen in einen Dämmerzustand. In der Ferne zog der weiße Katamaran der Fähre nach Guernsey an ihnen vorbei. Sie saßen im Windschatten an der Kajütenwand. Eine Weile schwiegen sie sich an, griffen abwechselnd in den Picknickkorb und ließen sich von der Sonne wärmen. Hin und wieder wagte eine verirrte Möwe eine Landung auf ihrem Baum, machte ein paar vorsichtige Schritte auf sie zu, um ihnen beim Kauen zuzuschauen. »Ich verstehe nicht, wie George von hier wegziehen konnte«, sagte Jessie plötzlich zur Möwe, die erschrocken wegflatterte. »George?« »Ma’s kleiner Bruder, du weißt schon.« »Ach so, der Unfall im Bergwerk.« »Es war kein Unfall. Ein Anschlag auf die Mine soll es gewesen sein. Terroristen.« Er schaute sie ungläubig an. »Terroristen«, wiederholte er verächtlich. »Typisch Amerikaner. Wenn sie sich etwas nicht gleich erklären können, steckt al-Qaida dahinter.« »Ist aber so«, meinte sie trotzig. »Die Mine wurde richtiggehend in die Luft gesprengt.« »Er wurde verschüttet?« Sie nickte und murmelte: »Wenigstens musste er nicht leiden, sagt Ma.« »Was bauten sie denn ab in dieser Mine?« »Weiß nicht. Irgendwelche Metalle halt. Was hat ihn nur an dieser gottverlassenen Gegend gereizt? Ich glaube, ich bleibe mein ganzes Leben hier in Weymouth. Gibt nichts Schöneres.« »Na ja, ich lebe jetzt auch in Bristol.« Es war ihm herausgerutscht, und er bereute die Bemerkung augenblicklich. »Eben«, sagte sie nur. Wieder der Schlafzimmerblick. Es war nicht zum Aushalten. Heute musste er den Durchbruch schaffen, den gewagten Schritt von der Freundschaft zur Liebschaft, sonst würde er elend krepieren. Aber seine alberne Bemerkung machte die Sache nicht einfacher. Sein Telefon klingelte, bevor er dem Schlachtplan einen weiteren Gedanken widmen konnte. »Wusste gar nicht, dass man hier Empfang hat«, brummte er unwirsch und drückte die Empfangstaste. »Ryan?«, rief eine aufgeregte Stimme aus dem Hörer. Ohne auf seine Antwort zu warten, schwatzte die Anruferin atemlos weiter: »Ich bin’s, Mrs. Pendergast, die Nachbarin. Deine Mutter ist von der Treppe gestürzt. Sie ist im Krankenhaus, hat den Knöchel gebrochen. Es geht ihr gut, aber du solltest sofort herkommen. Hallo?« Er unterdrückte einen Fluch. »Ich fahre so schnell es geht ins Krankenhaus, Mrs. Pendergast«, murmelte er. »Vielen Dank für den Anruf.« Er legte schnell auf, bevor die berüchtigte Quelle weitersprudelte. Jessie war aufgesprungen. »Krankenhaus?«, rief sie betroffen. »Was ist passiert, um Himmels willen?« »Meine Mutter. Sie ist gestürzt.« Als er sah, wie sie erschrak, fügte er schnell hinzu: »Nichts weiter – sonst ist sie wohlauf.« »Gott sei Dank«, seufzte sie und drückte ihn zum Trost an ihre Brust. So funktioniert es also, dachte er, verwarf den unanständigen Gedanken aber sofort wieder. Der Zustand seiner alten Mutter bereitete ihm ernsthafte Sorgen. Allzu lange sollte sie nicht mehr allein in ihrem Häuschen bleiben. Weißes Haus, Washington DC Bob Wilson saß nicht zum ersten Mal in einer Sitzung im Weißen Haus. Als Deputy Director der Nationalen Sicherheitsbehörde, NSA, musste er seinen Boss hin und wieder an einem Briefing oder Hearing vertreten. Diesmal aber war es anders. Der Sicherheitsberater des Präsidenten persönlich hatte die Spitzen des gigantischen Sicherheitsapparates der Vereinigten Staaten zu diesem geheimen Meeting ins abhörsichere Zimmer im innersten Kern des Weißen Hauses geordert. Cheryl Rudd, Direktorin des FBI, saß sichtlich nervös zu seiner Linken auf der Stuhlkante und blätterte in irgendwelchen Unterlagen. Der Untersekretär für Wissenschaft und Technologie vertrat das DHS, das Department of Homeland Security, das seine glitschigen Finger wie ein Riesenkrake seine Tentakel in alle Geheimdienste steckte. Sogar in seine NSA. Die Leute aus Langley kannte er bisher nur dem Namen nach. Admiral Jack Parker, den Vorsitzenden des Generalstabs, war jedem aus dem Fernsehen bekannt. Er vertrat das Verteidigungsministerium. Der Verteidigungsminister selbst zog es vor, der Sitzung fernzubleiben, die er nicht selbst leitete. Jeder der Chefs brachte noch mindestens zwei Spitzenbeamte mit, von denen Bob einen einzigen flüchtig kannte. Das Zimmer war nicht für solche Volksaufläufe gedacht. Zum Teil saßen die Leute in zwei Reihen um den großen Tisch. Nur Pete Miller vom DHS sprach gedämpft mit Admiral Parker, sonst herrschte gespannte Ruhe. Die Tür flog auf. Der Sicherheitsberater stürmte herein. »Bleiben Sie bitte sitzen – Morgen«, rief er mit seinem kräftigen Bass, während er zum Platz am Kopfende des Tisches eilte. Michael Morris war immer in Eile. »Verlieren wir keine Zeit«, sagte er. Sein gereizter Gesichtausdruck verriet, dass er meinte, was er sagte. »Der Präsident will meinen Bericht in einer Stunde. Also…« Er schaute kurz in die Runde. Mit einem angedeuteten Lächeln fixierte er die Direktorin des FBI. »Nun, Cheryl, was haben Sie uns zu sagen?« »Danke, Michael«, antwortete sie. Sie war jetzt die Ruhe selbst, wie Bob verwundert feststellte. Souverän, mit der selbstverständlichen Routine des Stammgasts in diesen Kreisen, begann sie ihren Bericht: »Am 9. März, 0817, ereignete sich eine Explosion auf dem Gelände der ›Nedys Corp‹ in Mountain Pass im Südosten Kaliforniens. Die Firma betreibt dort im Tagebau die größte Mine für Seltene Erden auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten. Die Explosion hat das Verwaltungsgebäude und drei der angrenzenden Lagerhallen und Betriebsgebäude zerstört. Um 0820 gingen insgesamt fünf Sprengladungen am Kraterrand hoch, was zu einem massiven Felssturz führte, der zwölf Leute verschüttete, darunter fast die gesamte Betriebsleitung. Keiner hat überlebt. Eine Minute später explodierten ebenfalls fünf Sprengsätze auf der gegenüberliegenden Seite des Kraters. Der anschließende Felssturz begrub zehn Mineure, die gerade ihre Schicht angetreten hatten. Auch sie überlebten nicht. Experten, die das Bergwerk nach dem Anschlag untersucht haben, kamen zum Schluss, dass der Betrieb dort, wenn überhaupt, erst in frühestens fünf Jahren wieder aufgenommen werden kann. Der materielle Schaden und die Kosten für einen Wiederaufbau belaufen sich nach neusten Schätzungen auf eine halbe Milliarde Dollar.« »Was heißt: wenn überhaupt?«, fragte Morris. »Man hat kurz vor dem Anschlag Radioaktivität im Fels festgestellt. Das war auch der Grund, weshalb sich die Betriebsleitung im Krater befand.« »Danke, Cheryl. Das Ganze hört sich nach einem sinnlosen Gemetzel an. Einige von uns wissen inzwischen, dass weit mehr dahinter steckt. Bevor du den Stand der Ermittlungen präsentierst, möchte ich, dass uns das DHS in aller Kürze erklärt, weshalb dieser Anschlag so verdammt wichtig ist, mal abgesehen von den Toten.« Pete Miller räusperte sich umständlich, bevor er so schnell zu sprechen begann, dass Bob anfangs nur die Hälfte verstand. Millers Aussage interessierte ihn sowieso nur am Rande. Er war längst im Bilde, was da in den Bergen Kaliforniens gesprengt worden war. Seltene Erden kamen überall und häufig vor in der Erdkruste, aber abbaubare Vorkommen gab es in den Vereinigten Staaten im Wesentlichen nur eines – bis zum 9. März. Jetzt gab es nichts mehr auf amerikanischem Boden. Die ganze Weltproduktion von Neodym, Dysprosium und anderen Lanthanoiden kam aus China, und die brauchten mehr und mehr dieser Metalle für die eigene Produktion. Miller betonte die Wichtigkeit der Seltenen Erden für die Streitkräfte. Wenn die Nachschub brauchten, war keiner mehr da, falls die Chinesen dicht machten. Aber nicht nur die Elektromotoren der Radargeräte und Waffensysteme waren hochgradig gefährdet ohne genügenden Vorrat an diesen Metallen. Auch der kritische Wirtschaftssektor für erneuerbare Energien hing vollkommen ab vom Dreck, den man in Mountain Pass aus dem Boden gekratzt hatte. Ohne Hochleistungsmagnete aus Neodym konnte die Regierung das ganze schöne ›Clean Energy‹ Programm gleich wieder einstampfen. Bob war völlig klar, weshalb die Spitze des nationalen Sicherheitsapparats hier versammelt war. »Ich denke, damit ist auch der letzte Zweifel ausgeräumt, dass unser Land auf eine ernsthafte Krise zusteuert, wenn wir nicht schon drin stecken«, bemerkte der Sicherheitsberater, nachdem Miller geendet hatte. »Unsere Vorgänger im Weißen Haus haben leider zugelassen, dass die ganze kritische Infrastruktur für Seltene Erden zugrunde ging. Und dieser Anschlag hat den Wiederaufbau nachhaltig gestoppt. Meine Damen und Herren, es ist unsere Aufgabe, diesen verdammten Scherbenhaufen so schnell wie möglich aufzuräumen.« Wieder fixierte er Cheryl Rudd, als wüsste sie all seine unausgesprochenen Fragen zu beantworten. Sie reagierte sofort und erklärte ohne Umschweife: »Wir tappen im Dunkeln, Michael. Die Sprengungen im Fels müssen während Tagen, wenn nicht Wochen, praktisch vor den Augen der Bergleute, vorbereitet worden sein. Sie sind absolut präzise und mit maximaler Wirkung ausgeführt worden. Eindeutig das Werk von Profis. Darauf deutet auch der verwendete Sprengstoff. Die Spurensuche geht weiter, aber allzu viele Hinweise werden wir nicht finden. Die Explosionen haben gründlich aufgeräumt. Wir sind daran, jeden Stein im Umkreis von zehn Meilen umzudrehen, haben jeden Bewohner der Gegend befragt. Bisher gibt es nur vage Hinweise auf genau sechs Autos, die ein paar Leuten aufgefallen sind. Keine Kennzeichen. Über Marke und Farbe konnten sich die Befragten nicht einigen. Wie gesagt, wir stehen erst am Anfang, und es sieht nicht gut aus. Admiral Parker unterbrach sie mit einer sehr kurzen Frage, die sich wohl alle sofort gestellt hatten: »Täterprofil?« Sie antwortete nüchtern, ohne Zögern: »Professionelle Sprengung für einen Auftraggeber, den wir noch nicht eingrenzen können.« »Das DHS befürchtet weitere solche Terroranschläge«, warf Miller ein. Er schickte sich an, die Liste der gefährdeten Objekte herunterzuspulen, doch Morris stoppte ihn mit einer ärgerlichen Handbewegung. »Noch wissen wir nicht, ob es ein Terroranschlag war, Pete. Oder gibt es neue Hinweise, Bob?« Was erwartete der Mensch? Die NSA war noch gar nicht offiziell an diesem Fall beteiligt. Bob hatte nicht übel Lust, Morris darüber aufzuklären, aber er war der Sicherheitsberater des Präsidenten, sozusagen dessen Ohr und Auge. Seine schnelle Antwort fiel deshalb ebenso geschliffen wie nichtssagend aus: »Wir analysieren natürlich auch in diese Richtung. Bisher konnten wir kein Terrormuster feststellen.« Morris schaute auf die Uhr. »Es wird Zeit, das weitere Vorgehen zu besprechen«, sagte er mehr zu sich selbst als zu seinem auserlesenen Publikum. »Ich habe Cheryl gebeten, eine Akte mit dem heutigen Stand der Ermittlungen zusammenzustellen. Jede Ihrer Behörden wird ein Exemplar erhalten. Sie wissen alle, was zu tun ist, und dass wir es verdammt schnell tun müssen. Wir können uns keinen zweiten Fall Mountain Pass leisten. Ich übernehme die Koordination der Ermittlungen, bis wir wissen, mit wem wir es zu tun haben. An unserer nächsten Sitzung in einer Woche erwarte ich konkrete Ergebnisse. Danke, meine Damen und Herren.« Damit erhob er sich. Beim Hinausgehen brummte er deutlich hörbar: »Der Präsident wird begeistert sein.« Kapitel 2 Paradeplatz, Zürich Die Ampel schaltete auf grün. Das silberne BMW 6er Cabrio schoss haarscharf an einem alten Mann vorbei über die Kreuzung. Robert Bauer drückte genervt den dritten Zigarettenstummel aus und fluchte: »Idiot! Bist du farbenblind?« »Was?«, fragte die Stimme in seinem Kopfhörer erschrocken. »Nicht du, Lotte. Scheiße, wo stehen wir? Sprich mit mir!« Er wusste, dass seine Händlerin nichts mehr hasste, als wenn er sie betont teutonisch ›Lotte‹ nannte. Sie war Engländerin und hieß eigentlich Charlotte. Böse grinsend hörte er sich die neusten Quotes zu seiner strategischen Position an. 468 – nicht schlecht, aber Ziel noch nicht erreicht. Er hatte die 1’200 Tonnen Neodym zu 200’000 Yuan pro Tonne gekauft und musste sie heute, am Ultimo, vor Handelsschluss am SMM wieder loswerden. Das Problem war nur, dass der Shanghai Metals Market in genau zwölf Minuten dicht machte. Er drückte aufs Gas, schoss vom Talacker auf den Paradeplatz, an der großen Schwester, der Credit Suisse, vorbei um die Ecke in die Talstraße. Wenige Sekunden später stand er vor der gepanzerten Einfahrt zur Tiefgarage. Trotz der erfreulichen Kursentwicklung war er stocksauer. Die Kundenbesprechung zum Frühstück hatte viel zu lange gedauert, und außerdem lag ihm das scheißnoble Lachsbrötchen tierisch auf dem Magen. Wütend steckte er die Chipkarte durch das offene Fenster in den Schlitz des Lesegeräts. Seine Finger trommelten im Stakkato auf das Lenkrad, während er mit zunehmender Ungeduld auf das grüne Licht zur Einfahrt wartete. »470«, meldete die Stimme im Ohr. Die Tendenz stimmte. 475’000 Yuan war sein Ziel. Und er wollte, verdammt noch mal, dabei sein, wenn es passierte. Bei 475 würden vierzig Kisten Dollar netto aus der Position herausspringen, immerhin mehr als der Einsatz beim Kauf vor zwei Monaten. Nicht ganz die fünfzig Millionen, die er im Budget hatte für das erste halbe Jahr, aber es war ja auch erst März. Er fuhr in die Garage, hechtete zur Schleusentür, gab den Sicherheitscode ein und wartete noch einmal eine Ewigkeit, bis ihn das Stahlgitter der inneren Drehtür in die diskreten Eingeweide der kleinen aber feinen Privatbank ›Escher, Stadelmann & Compagnie‹ entließ. ›Zurich 08:57, Shanghai 14:57‹ zeigte die unübersehbare Weltzeituhr, als er den Handelsraum betrat. Er zog den Knopf des Telefons aus dem Ohr, riss Charlotte gleichzeitig den Hörer aus der Hand und brüllte: »Walter, 16’200 Neodym TREM 99 verkaufen – jetzt! Loco Schanghai.« »16’200 Tonnen Neodym verkauft zu 476’500 Yuan«, bestätigte die emotionslose Stimme seines Brokers in Zug nach wenigen Sekunden. Die Uhr zeigte 14:59 Schanghai-Zeit. Roberts Blut kochte. Das Adrenalin rauschte wie ein Wasserfall durch seinen Körper, trieb ihm das Blut in den Kopf, dass er glaubte zu explodieren. Jedes Mal dasselbe, wie beim ersten Deal. Die Zahlen auf dem Bildschirm verschwammen für einen Augenblick, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. »Du könntest mir wenigstens gratulieren, Walter«, knurrte er ins Telefon. »Fick dich.« Er schmiss den Hörer lachend auf die Tischplatte. Walter war in Ordnung. Auf ihn war seit Jahren Verlass, aber einen irren Deal wie diesen gab es für sie beide bisher noch nicht. Er hatte eben im Auftrag seines Kunden zwölf Prozent der Weltproduktion von Neodym verkauft, mit einem horrenden Gewinn zurückverkauft. 15’000 Tonnen des Metalls, das er nie gesehen hatte, und das ihn auch in keiner Weise interessierte. Gleichzeitig war er seine giftige private Position von 1’200 Tonnen los. Die Kasse hörte gar nicht mehr auf zu klingeln. Bessere Tage gab es nicht. Er nahm allmählich wieder wahr, was um ihn herum vorging. Charlotte und die übrigen sechs Kollegen hatten einen Halbkreis um sein Pult gebildet. Einer der Devisenhändler ergriff wortlos den kleinen Weihnachtsmann aus Plastik neben Roberts Tastatur, schaltete ihn mit theatralischer Geste ein und stellte ihn wieder auf sein Podest zurück. Der Wicht mit der abgegriffenen, schmutzig roten Zipfelmütze kreiste mit den Hüften wie ein Hula-Tänzer und krächzte dazu fröhlich: »Jingle bells, jingle bells…« Robert räumte Telefon und Tastatur zur Seite, stieg auf die Tischplatte und begann, die sinnlichen Hüftschwünge des Männchens synchron zu imitieren. Die Zuschauer klatschten im Takt. Bald ließ sich Charlotte dazu hinreißen, mitzusingen, bis auch sie nicht mehr konnte und sich vor Lachen den Bauch hielt. Mit anzüglichem Grinsen machte er weiter, hörte nicht auf, bis auch der Letzte sich krümmte. Es war das Siegesritual im Handelsraum von ES&Co. Der Tanz des Triumphators, eingeführt vom damals blutjungen Chefhändler Robert Bauer, als er das erste Mal so richtig zugeschlagen hatte. »War ganz schön knapp heute Morgen«, meinte Charlotte später beim Mittagessen im ›Zeughauskeller‹. »Knapp? Wir hatten noch fast eine Minute.« »Bist ja echt gut drauf.« »So ist es, meine Liebe. So gut, dass ich mich die ganze Zeit frage, was ich mit dem freien Nachmittag anfangen soll.« »Großartig«, platzte Renzo, der Devisenhändler heraus, der sich ausnahmsweise den Luxus eines Essens gönnte, das nicht aus Plastikbechern stammte. »Der Star verkrümelt sich, und wir armen Schweine dürfen den Kleinkram erledigen.« »Wozu ist man Chef?«, grinste Robert. »Ich habe volles Vertrauen in die Kompetenz meiner Mitarbeiter.« Die lauten Buhrufe erschreckten die indische Familie am Nebentisch, dass Eltern und Kinder ängstlich von ihrem frittierten Flussbarsch aufschauten. Renzo verzog seinen Mund zu einer säuerlichen Grimasse und klagte: »Es gibt schon Spannenderes als Yuan in Dollar zu konvertieren.« »Sei doch froh. So geht wenigstens deine Kursabsicherung nicht in die Hose«, gab Robert spitz zurück. »Wundert mich schon, wie lange unsere chinesischen Freunde ihren fixen Wechselkurs noch halten können«, murmelte Charlotte, während sie lustlos in ihrem Kartoffelsalat stocherte. Renzos Gesicht wurde ernst. »Der Zeitpunkt wird einzig und allein von Peking bestimmt«, sagte er überzeugt. »Die lassen sich von niemandem in die Suppe spucken. Recht haben sie.« Robert nickte. »Von mir aus brauchen sie sich nicht zu beeilen. Der fixe Yuan erleichtert unsere Geschäfte mit China ganz erheblich.« Eine Weile aßen sie schweigend, bis Charlotte den halbvollen Teller wegschob und gedankenverloren zu ihm sagte: »Schon seltsam, das Timing.« »Was meinst du?« »Die Katastrophe in der kalifornischen Mine kam genau zum richtigen Zeitpunkt, kurz nach unserem Kauf. Eigenartiger Zufall, oder?« »Zufall oder nicht. Goldzahn hatte wieder mal den richtigen Riecher«, lachte der Devisenhändler, was ihm sofort einen strafenden Blick seines Chefs eintrug. Über Kunden sprach man nicht in der Öffentlichkeit, auch nicht mit Pseudonymen. Huan ›Goldzahn‹ Li war leitender Manager der finanzstarken Investmentfirma ›Galaxy Boom Industries‹ in Macao. Den Übernamen hatte er sich durch den leuchtend goldenen Eckzahn verdient, den er stolz zur Schau trug. Robert hatte den potenten Kunden von seinem unglücklichen Vorgänger bei ES&Co geerbt, dessen ›Enduro‹ man bis heute nicht aus den Tiefen des Urnersees geborgen hatte. Die Leiche wurde zwei Monate nach dem Unfall an Land getrieben. Jedenfalls war Goldzahn das Beste, was man einem Banker hinterlassen konnte. Der kleine grauhaarige Chinese – klein waren sie alle – richtete stets mit der ganz großen Kelle an. Die Deals, die er über seine diskrete Schweizer Bank abwickelte, führten seit Jahren regelmäßig zu fetten Provisionen. Und nicht zum ersten Mal heute Morgen hatte sich auch die private, strategische Position gelohnt, die er als Trittbrettfahrer nach dem Muster seines Kunden aufgebaut hatte. Leicht verdientes Geld im Grunde genommen. Das Risiko hielt sich dabei in Grenzen, denn Goldzahn lag bisher immer auf der richtigen Seite. Vielleicht lag es an seinem roten Löwen, der ihn auch auf seinen Reisen in die Schweiz begleitete. Einmal warf Robert einen zufälligen Blick ins Aktenköfferchen des Chinesen, und er hätte schwören können, dass sich nichts als das kleine Plüschtier darin befand. »Was der kleine Scheißer wohl als Nächstes im Schilde führt?«, raunte er Charlotte ins Ohr beim Verlassen des Restaurants. Sie lächelte spöttisch und gab ebenso leise zurück: »Kannst es wohl nicht erwarten bis er mit seiner zierlichen Mei wieder aufkreuzt.« So ganz falsch war die scherzhafte Feststellung nicht. Zierlich und knallhart, dachte er und schaute verträumt der Rauchwolke seiner Zigarette nach. Anacostia, Washington DC Bob Wilson traute seinen Augen nicht. Bald halb zwei. Seit fast einer Stunde steckte er in dieser Kolonne auf dem Anacostia Freeway und näherte sich bestenfalls im Schritttempo dem Campus des heiß geliebten Department of Homeland Security. Wie konnten sie die neuen Büros in eine derart gottverlassene Gegend bauen, die vor allem durch mannshohe Maschendrahtzäune glänzte? Im Leben wäre er nicht auf die Idee gekommen, hier auch nur durchzufahren. Aber wenn das allmächtige DHS rief, musste auch die fast allmächtige NSA gehorchen. Er griff zum Telefon, um seine Verspätung anzukündigen. Eine Viertelstunde würde er noch brauchen, sofern er den neuen Campus überhaupt fände. Es war viertel vor zwei, als er den Saal betrat. »Habe ich etwas verpasst?«, grüsste er den Sitzungsleiter kaltschnäuzig. »Eine Viertelstunde.« Sie belauerten sich einen Augenblick lang wie zwei verwundete Pitbulls, dann setzte er sich wortlos auf den nächsten leeren Stuhl. »Nachdem jetzt alle eingetroffen sind, können wir Punkt zwei in Angriff nehmen«, fuhr der Sitzungsleiter vom DHS trocken weiter. Er schaute demonstrativ auf seine Uhr. »Wir haben noch genau achtzehn Stunden und dreizehn Minuten bis zum nächsten Briefing des Sicherheitsberaters. Wir sollten die Zeit nutzen.« Kopfrechnen kann er, dachte Bob verächtlich. Ken Brown, der diese überflüssige Sitzung leitete, war einer seiner zahlreichen Lieblingsfeinde beim DHS, und auch dieses Meeting begann genau so, wie er befürchtet hatte. Er wäre besser zwei Stunden zu spät gekommen. Brown forderte seinen Kampfredner Pete Miller auf, die bisherigen Erkenntnisse des Departments zum Fall Mountain Pass zu präsentieren. Obwohl Miller wie ein Maschinengewehr sprach, war er keineswegs schneller fertig, denn er hatte viel zu sagen. Minutiös zählte er die Quellen auf, die er und seine Heerschar von Beamten angezapft, die Informationen, die sie in mühseliger und professioneller Kleinarbeit zusammengetragen hatten, bevor er endlich zum ernüchternden Schluss kam: »Um es kurz zusammenzufassen: aufgrund der Facts betrachten wir eine Verbindung zu islamistischen Terrorzellen und al-Qaida zurzeit als eher unwahrscheinlich.« Bob zählte innerlich langsam bis drei, um nicht zu explodieren. Was dieser Schnellschwätzer von sich gab, war keine Erkenntnis, sondern eine Vermutung, die ihm selbst schon eingefallen war, als er die erste Meldung von der Bergwerkskatastrophe gelesen hatte. Das Muster des Anschlags passte ganz offensichtlich nicht ins Schema der Standard-Terroristen aus dem Nahen Osten. Das Ziel war zu exotisch. Ein anderes Wort fiel ihm nicht ein. Nicht spektakulär genug für al-Qaida. Mountain Pass versetzte zwar die Regierung in höchste Aufregung, aber weite Teile der amerikanischen Bevölkerung nahmen den Anschlag gar nicht zur Kenntnis. Ein solcher Coup lohnte sich einfach nicht aus Sicht der islamistischen Gangster. Er goss sich ein Glas Wasser aus der Flasche vor seinem Sitznachbarn ein, um den schalen Geschmack im Gaumen hinunterzuspülen. Er fühlte sich schlecht. Erst die lange Fahrt im Stau, jetzt der Gestank nach frischer Farbe im stickigen Sitzungszimmer. Und was er hörte, machte die Sache auch nicht besser. Statt die Spezialisten in Ruhe arbeiten zu lassen, organisierten die hohlen Koordinatoren eine Sitzung nach der andern, es war zum kotzen. Dem Kollegen vom ›Büro‹ gegenüber am Tisch ging die Sache ähnlich an die Nieren, wenn er seinen leidenden Gesichtsausdruck richtig interpretierte. Der Mann vom FBI räusperte sich und begann zu sprechen, ohne auf Browns Einladung zu warten. »Da stimmen wir völlig mit euch überein, Ken«, sagte er, und alle wussten, dass es kein Kompliment war. »Wir haben inzwischen die Spur eines der Fahrzeuge, zurückverfolgt. Ein blauer ›Chevy‹ Pick-up S10. Die Täter haben ihn bei einem Händler in San Diego gekauft. Wir wissen, dass damit der Sprengstoff transportiert wurde. Trinitrobenzen, 1,3,5-TNB. Der Stoff, den Minen und Militär benutzen.« »Passt«, grinste Brown albern. »Gibt’s auch Spuren von den Tätern?« Das Gesicht des FBI-Mannes verfinsterte sich. »Stell dir vor, das haben wir uns auch schon gefragt«, knurrte er. Fingerabdrücke, Gewebeproben etc. kannst du vergessen. Die Leute sind Profis. Um ganz sicher zu gehen, haben sie die Karre abgefackelt und anschließend verschrotten lassen. Wir sind ganz auf die zweifelhaften Aussagen des Händlers und einiger Augenzeugen angewiesen. Die deuten darauf hin, dass die Täter über den Containerhafen von San Diego ein- und wieder ausgereist sind. Da unten ist ziemlich viel los, wie du dir vorstellen kannst, und überdies hört unsere Zuständigkeit in internationalen Gewässern auf.« »Wir sind bereits am Ball, überprüfen die Frachter. Können aber erst im nächsten Hafen aktiv werden«, warf Liz Tucker aus Langley im Telegrammstil ein. Die Giftspritze von der CIA war Bob schon böse an die Gurgel gefahren, als einer seiner Männer im ›Außendienst‹ der Agency in die Quere gekommen war. Die guten Menschen aus Langley hatten keine Ahnung, wie viele Finger die NSA in alle Welt ausstreckte. Noch nicht einmal in Fort Meade wussten mehr als ein paar Dutzend Leute, wie viele Mitarbeiter in aller Welt vor Ort ›humint‹, human intelligence, betrieben. Mitarbeiter, die sich überall dort die Hände schmutzig machten und Geheimdienstinformationen sammelten, wo die ›sigint‹, signals intelligence, ihre wundersame Abhörtechnik in Fort Meade, nicht ausreichte. Die andern Dienste und das gemeine Volk wussten so gut wie nichts darüber, was innerhalb seiner NSA vor sich ging, und das war gut so. Liz Tuckers Bemerkung wirkte wie eine kalte Dusche auf den Sitzungsleiter. Er hörte sich beinahe resigniert an, als er nachdenklich feststellte: »Die Spur ist kalt. Habe ich recht?« »Nicht ganz«, antwortete der Mann vom FBI. »Die Schiffe, die in der fraglichen Zeit nach dem Attentat in San Diego ablegten, sind bekannt, ebenso ihre Destinationen. Es ist erstaunlicherweise keines aus dem arabischen Raum dabei. Die meisten der Frachter nahmen Kurs auf Ziele in Japan und Südostasien.« »Was die Suche nicht gerade einschränkt«, ergänzte Liz spitz. »Ich behaupte nicht, dass es einfach wird.« Bob amüsierte das kleine Geplänkel, doch er fand, dass die Zeit gekommen war, etwas Struktur in die Debatte zu bringen. »Ken«, sagte er entschlossen und nickte dem Sitzungsleiter zu, als bedankte er sich für die Aufforderung zu sprechen. »Die NSA verfolgt einen etwas anderen Ansatz. Wir gehen, wie alle hier im Raum, von einem rationalen Anschlag aus. Es war nicht die sinnlose Tat einiger Verrückter. Alles deutet auf wohlüberlegtes Handeln hin. Also fragen wir uns: wem nützt diese Tat, wer profitiert davon?« Er hielt inne, beobachtete die Reaktion der Zuhörer. Befriedigt fuhr er weiter: »Seltene Erden, insbesondere Neodym und Dysprosium, sind Rohstoffe von nationaler Bedeutung für die Vereinigten Staaten. Ohne sie gibt es keine modernen Waffensysteme, keine effizienten Elektromotoren, keine Generatoren für Windturbinen, keine Hybrid- und Elektroautos, keine moderne Beleuchtung, noch nicht einmal vernünftige Wasserfilter. Wir wissen das spätestens seit dem ›GAO‹ Report vom April 2010. Aus dem gleichen Report erfahren wir, dass die USA den Abbau und die Verarbeitung dieser Metalle in den letzten Jahrzehnten sträflich vernachlässigt haben. Die letzte Mine auf unserem Boden, Mountain Pass, war einmal der weltweit größte Produzent Seltener Erden, bis sie 2002 aus Umweltschutzgründen stillgelegt werden musste. Inzwischen produziert die Volksrepublik China 97% des Weltbedarfs dieser Metalle. Jetzt hat Mountain Pass den Betrieb langsam wieder hochgefahren, bis zur Katastrophe am 9. März. Mit andern Worten: der Nachschub für große Teile der Streitkräfte und den Energiesektor unseres Landes ist jetzt auf Jahre hinaus vollständig abhängig von unseren Freunden im Reich der Mitte.« Nach einer Schrecksekunde brach der Tumult umso heftiger los. Bob ließ sich nicht beirren, wartete geduldig, bis sich die Aufregung wieder legte. Die Entrüstung seiner Zuhörer war geheuchelt. Jeder wusste das. Er traute sich einfach als Erster, den explosiven Verdacht laut auszusprechen. Man konnte es drehen und wenden wie man wollte: die Tatsachen deuteten auf die Möglichkeit hin, dass China seine Hand im Spiel hatte. Wäre das der Fall, käme es einer Kriegserklärung gleich. Dann könnten alle hier im Raum zusammenpacken und an den Strand fahren, Muscheln suchen. Dann wäre die Sache höchstens noch mit diplomatischen Mitteln aus der Welt zu schaffen. »Ihre Reaktion zeigt mir, dass Ihnen der Gedanke nicht fremd ist«, sagte er rundheraus, und keiner widersprach. »Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir verfügen noch über keine gesicherten Erkenntnisse. Es ist bisher nur eine offensichtliche Richtung, in die wir ermitteln müssen. Unsere Spezialisten haben begonnen, den Telefon- und Mailverkehr im Vorfeld des Attentats entsprechend zu analysieren.« Ken Browns Mundwinkel drohten aus dem Gesicht zu fallen, als er mit Grabesstimme fragte: »Scheiße, Bob, was erzählen wir dem Sicherheitsberater?« Bob zuckte die Achseln. Er war genauso ratlos wie alle andern. Nach einigem Zögern antwortete er schließlich: »Wenn wir die Möglichkeit nicht erwähnen, könnte uns die Wirklichkeit schneller einholen, als uns allen lieb ist.« »Scheiße«, wiederholte der Sitzungsleiter düster. »Michael wird an die Decke gehen.« Das ist allerdings das kleinste Problem, dachte Bob. Fort Meade, Maryland Der rote Nissan reihte sich in die Kolonne auf der rechten Fahrbahn des Baltimore-Washington Parkway ein. Vor der Ausfahrt mit der schlichten Bezeichnung ›NSA nur für Angestellte‹ hatte sich ein Stau gebildet. »Willkommen in Crypto City«, murmelte Alex, als sie der langen Autoschlange ins dichte Waldstück hinein folgte, hinter dem sich das Gelände ihres neuen Arbeitgebers verbarg. Fort Meade, der Sitz der Nationalen Sicherheitsbehörde, des weitaus größten und teuersten Geheimdienstes der Vereinigten Staaten. Eine Stadt für 40’000 Angestellte hinter elektrischen Sicherheitszäunen, elektronisch so vollkommen abgeschirmt, dass sogar das Navigationsgerät im Auto verrückt spielte, als sie sich ihr näherte. Nach dem jüngsten Ausbau war die Fläche der Bürogebäude auf beinahe die doppelte Größe des Pentagon angewachsen. Allein die Parkplätze würden für fünf komplette Baseballstadien ausreichen, hatte der Instruktor bei ihrem letzten Interview stolz versichert. Wie man auf große Zahlen stolz sein konnte, war ihr stets ein Rätsel. Baseball interessierte sie noch weniger. Sie hatte sich für diesen Job entschlossen, weil ihr die Arbeit als Korrespondentin des ›Wall Street Journal‹ in Peking zu eintönig wurde. Vielleicht wollte sie auch einfach wieder zurück nach Baltimore. Falsch, sie hatte einen besseren Grund: die NSA hatte sie angefragt. Diesem verschwiegensten aller Geheimdienste schickte man nicht einfach seine Bewerbung. Sie holten einen. Alex machte sich keine Illusionen. Die Scouts der NSA waren nicht durch ihre guten Abschlüsse und die paar Jahre Erfahrung als Ökonomin und Journalistin auf sie aufmerksam geworden. Hier in Fort Meade musste es von Akademikern mit weitaus spektakuläreren Qualifikationen wimmeln. Nein, sie stand jetzt am schwer bewachten Kontrollposten, weil sie fließend Mandarin sprach und chinesische Zeitungen las wie andere Leute die Sportnachrichten in der ›Baltimore Sun‹. Nervös wie das erste Mal steckte sie den provisorischen Badge in den Schlitz und gab ihren PIN-Code ein, scharf beobachtet vom SPO mit der Maschinenpistole. Es würde einige Zeit dauern, sich an all die dreistelligen Kürzel zu gewöhnen, mit denen man hier die Funktion der Angestellten bezeichnete. Die Security Protective Officers, die mit den Kanonen, waren einfach die ersten, die ihr von nun an jeden Morgen auf dem langen Weg ins Büro begegneten. Noch zweimal brauchte sie die Chipkarte, bis sie auf dem zugewiesenen Platz parken konnte. Sie achtete peinlich genau darauf, die richtige Nummer zu erwischen. Wahrscheinlich würde sonst sofort irgendein Alarm losgehen. Sie hatte keine Ahnung, wie genau sie beobachtet wurde, aber man konnte nicht vorsichtig genug sein. Jedenfalls am ersten Tag. Der Badge verschaffte ihr Zutritt zum ›Building‹, dem schwarz glänzenden Faraday-Käfig des Hauptquartiers. Das feine Kupfernetz in der Glasfassade sollte angeblich keine elektromagnetische Strahlung durchlassen. Kein Telefongespräch, kein Radiosignal, kein Funkverkehr, keine verräterische Strahlung eines Bildschirms drang nach draußen. Sie kam bis zur ersten Schranke, keinen Schritt weiter. Sie legte die Chipkarte auf den Tisch der Eingangskontrolle und sagte betont kühl: »Alex Oxley für Bob Wilson.« Die Angestellte verglich die Angaben auf dem Badge mit den Angaben auf ihrem Bildschirm, dann gab sie Alex die Karte zurück und nickte einer uniformierten und bewaffneten Kollegin zu, die neben ihr wartete. »Folgen Sie mir bitte«, forderte sie diese auf und ging voran in eine Kabine. Wie auf dem Flughafen, nur wesentlich gründlicher. An die Abtasterei musste sie sich wohl oder übel gewöhnen. Sie hatte schon erlebt, dass man sie innerhalb des Gebäudes erneut befummelte, beim Übergang von einer Sicherheitszone zur nächsten. Die Prozedur wickelte sich wortlos ab. Nachdem auch die tausend Kleinigkeiten ihrer Handtasche den Test bestanden hatten, verließen sie die Kabine. Die Frau führte sie zu den Aufzügen mit den Worten: »Folgen Sie mir bitte.« Beschränkter Wortschatz, aber der saß perfekt. Alex konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Mit der Zeit würde auch dieses Ritual lockerer ablaufen, hoffte sie. Nach einem weiteren Kontrollposten und zwei mit Chip und PIN gesicherten Schleusen betraten sie den Korridor auf der siebten Etage, der zu Bob Wilsons Büro führte. Seine Tür stand einen Spalt offen, zu schmal, um einfach einzutreten, zu breit, um nur draußen zu warten. Die Sicherheitsbeamtin trat zurück, stellte sich zwei Schritte hinter ihr auf und beobachtete sie schweigend. Auch aus dem Büro drang kein Ton. Unschlüssig zögerte Alex einen Augenblick, dann klopfte sie kräftig an die Tür und trat ein. Am Schreibtisch saß ein smarter, hochgewachsener Mann mit angegrautem Bürstenschnitt, vielleicht um die fünfzig. Den Telefonhörer am Ohr, starrte er auf seine leere Tischplatte und schien sie nicht zu bemerken. In dem Moment, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, fuhr er auf, dass der Sessel an die Wand prallte. Mit einem Fluch knallte er den Hörer auf die Gabel und schnaubte sie wütend an: »Verdammt noch mal, können Sie nicht anklopfen? Wer zum Teufel sind Sie?« Unfreundliche Begrüßungen war sie aus ihrem Journalistenleben gewohnt, aber dieser Freund übertraf sie alle. Nur nicht einschüchtern lassen, redete sie sich tapfer ein. Sie war schließlich kein frisch geschlüpftes Küken mehr. Mit flauem Gefühl im Magen versuchte sie es mit Humor: »Ich habe Ihnen fast die offene Tür eingetreten, Sir. Entschuldigen Sie. Alex Oxley, Sir. Wir haben einen Termin.« Sie trat mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Er ergriff sie gedankenverloren. »Jetzt ist es also soweit«, brummte er undeutlich. Sie schaute ihn verwirrt an. »Bitte?« »Diese verdammten Chinesen.« Mit Mühe unterdrückte sie eine ironische Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag und wartete, bis er sie wieder wahrnahm. Plötzlich durchbohrte er sie mit Röntgenaugen. »Alex Oxley, sagen Sie«, murmelte er. »Ach so, ich erinnere mich. Die Chinesin.« Sie begriff nicht sofort. »Sir?«, fragte sie verblüfft. »Nennen Sie mich nicht Sir. Ich bin Bob.« »O. K., Sir – Bob.« Zum ersten Mal zeichnete sich so etwas wie ein Lächeln um seinen Mund ab. »Sie kommen keine Sekunde zu früh, Alex. Unsere chinesischen Freunde haben gerade die Grenzen dicht gemacht für sämtliche REE Exporte. Auf unbestimmte Zeit, und der Handel ist eingestellt.« »REE?« »Rare Earth Elements« – »Seltene Erden.« Sie verstand immer noch nichts, stand nur da und wartete auf weitere Erklärungen. Ihr neuer Boss dachte nicht daran. »Worauf warten Sie?«, fragte er nach einer Weile, nachdem er schon wieder zum Telefon gegriffen hatte. Er streckte die Hand aus, zeigte ungefähr in die Richtung, aus der sie gekommen war und ergänzte gehetzt: »Melden Sie sich beim SSO, 7120, Flur hinunter links. Du mich auch, dachte sie ernüchtert, als sie Bobs Büro verließ. Das war vielleicht ein Früchtchen. Führten sich hier alle so auf? Ihr erster Arbeitstag begann etwas anders, als sie sich ausgemalt hatte. Sie fragte sich, ob es ein gutes oder schlechtes Zeichen war, wenn Bob sie so rasch abfertigte. Sein Verhalten ließ keinen eindeutigen Schluss zu. Der ›Staff Security Officer‹ stellte sich als freundliche Frau heraus. Die erste Person, die sie an diesem Morgen begrüßte, wie das unter normalen Menschen üblich war. »Ich bin Vanessa, Vanessa Taylor«, sagte sie lächelnd, während sie sich die Hand gaben. »Willkommen bei den Freaks, Alex.« »Danke. Tut richtig gut, mit jemandem reden zu können.« Es war keine leere Floskel. Nach der verstörenden kalten Dusche vorhin fühlte sie sich sogar bei der Sicherheitsbeauftragten gut aufgehoben, die man sonst besser mied. »Bob hatte wohl keine Lust, sich zu unterhalten«, meinte Vanessa, als sie sich setzten. »Ist er immer so gut drauf?« Vanessa schüttelte den Kopf. »Nicht immer. Manchmal hat er auch richtig schlechte Tage.« Gute Nacht, wollte sie antworten, ließ es aber bleiben. Zu unsicher war sie, wie weit sie dem Humor des SSO trauen konnte. »Wie auch immer, bringen wir’s hinter uns.« Die meisten Fragen der Eintritts-Checkliste kannte Alex aus der Zeit der Interviews und Eignungstests in Crypto City. Ihr neuer Arbeitgeber war berüchtigt dafür, alles und jeden gründlich auszuspionieren. War ja auch der Hauptzweck dieser ganzen Stadt. Offenbar betrieb man das Sammeln von Information bei den eigenen Mitarbeitern besonders gründlich. Ihr machte das nichts aus. Sie war freiwillig hier und hatte nichts zu verbergen. Sie fand die Fragen nach engen und dauerhaften Beziehungen zu Nicht-US-Bürgern oder der Absicht des Angestellten oder eines Mitglieds seiner Familie, mit einer solchen Person zusammenzuziehen oder sie zu heiraten eher belustigend. Sie hatte ohnehin nicht vor, sich zu binden, obwohl das ihren geschiedenen Eltern nicht passte. Eine Stunde später war auch dieser Fragebogen überstanden. Endlich betrat sie das Büro, in dem ihr neuer Arbeitsplatz auf sie wartete. Vanessa stellte sie kurz vor, dann verabschiedete sie sich mit der Bemerkung: »Die Arbeit ist in der Mailbox. Viel Spaß.« Der junge Kollege gegenüber reckte den Hals und grinste sie freundlich über den Rand seines Bildschirms an. »Siehst gar nicht aus wie eine Chinesin«, lachte er mit seinem Kindergesicht. »Ich bin Minimax.« Erst jetzt sah sie, dass der Kollege stand. Er maß kaum mehr als fünf Fuß. Ohne die kräftigen Arme hätte er gut als Teenager durchgehen können. Unwillkürlich grinste sie zurück und fragte: »Hat hier niemand einen richtigen Namen?« »Im Gegenteil. Es ist eine Ehre, einen Spitznamen zu tragen. Man muss ihn sich hart erarbeiten.« »Davon habe ich allerdings noch gar nichts bemerkt«, brummte sie. »Warte, bis du die Mailbox öffnest.« Neugierig loggte sie sich das erste Mal ein. Während das System ihre Arbeitsumgebung automatisch einrichtete, schweifte ihr Blick zu den andern Pulten. Etwa zwanzig Männer und Frauen, teils in Armee-Uniformen, arbeiteten an ihren Bildschirmen, ohne voneinander Notiz zu nehmen. Nicht anders als in der Redaktion, bloß ruhiger. Das System war bereit. Ein Klick öffnete den elektronischen Briefkasten. »Du lieber Himmel«, rief sie laut aus. 263 ungelesene Meldungen! »Was habe ich gesagt?«, grinste Minimax. Während sie die erste Nachricht las, eine kurze Instruktion, was mit den andern Texten zu tun war, trafen laufend neue Meldungen ein. Genervt stellte sie den Alarm auf stumm. Ihre erste Aufgabe bestand darin, hunderte chinesischer Texte zu übersetzen und zu katalogisieren. Als Hilfe hatte man die Nachrichten bereits mit dem hausinternen Übersetzungsprogramm bearbeitet. Nach den ersten paar Wörtern schaltete sie diese Hilfe kopfschüttelnd aus. Sie wollte sich die Sisyphusarbeit nicht noch schwerer machen. Das Kindergesicht erschien wieder. »Man muss ihn sich verdienen, wie ich sagte. Aber sieh’s mal positiv: du brauchst Bob wenigstens keinen Kaffee zu kochen. Er kann ihn nicht ausstehen.« Bob besaß also keinen Spitznamen. Interessant Kapitel 3 Bristol, UK, Vier Jahre später Kaum betrat Ryan den Balkon im Obergeschoss des weißen Häuschens an der Dove Street, begann der Katzenjammer. »Ich bin gleich unten, Mr. Meriwether, keine Sorge«, rief er zum plärrenden Kater hinunter. Er wusste nicht einmal, ob Mr. Meriwether eine Sie oder ein Er war, aber er hatte sich für Kater entschieden. Das Tier gehörte niemandem im Haus, auch keinem unmittelbaren Nachbarn. Es war ihm kurz nach seinem Einzug in Bristol zugelaufen und hatte ihn sofort ins Herz geschlossen. Jeden Morgen wartete Mr. Meriwether an der Haustür und begann erbärmlich zu jammern, sobald er ihn erblickte. Ryan ging in die Küche, legte ein paar Garnelen auf einen Teller und goss etwas Milch in eine zweite Schüssel. Wie üblich stieg er mit der Mappe unter dem Arm und einem Teller in jeder Hand die Treppe hinunter. Der Tag ließ sich gut an, das fühlte er in seinen Adern. Überdies schaffte er die Strecke, ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten. Er zog die Haustür mit dem Ellbogen auf, ein Kunststück, das er nach monatelanger Übung perfekt beherrschte. Mr. Meriwether drängte sich freudig schnurrend zwischen seine Beine, sobald er aus der Tür trat. Niemals hätte das eigenwillige Tier einen Fuß ins Haus gesetzt. Ryan stellte das Futter unter das Vordach. Er kraulte Mr. Meriwethers Pelz eine Weile, während er sich mit ihm über das zu erwartende Unwetter unterhielt. Der Kater war schwarz wie ein Kaminfeger. Sein Fell hatte viel vom jugendlichen Glanz verloren. Ryan wurde den Verdacht nicht los, Mr. Meriwether mache ihm nur schöne Augen, um seine karge Rente aufzubessern. Plötzlich ließ der Kater von ihm ab und wandte sich dem Futter zu. Seine Pflicht war getan. Mr. Meriwether erwartete nichts anderes. Nach dem Mahl würde er sich wie jeden Tag verdrücken und erst am nächsten Morgen wieder vor der Haustür jammern. Ein Tagesablauf, der sich gut mit seinem deckte. Auch er verließ morgens das Haus, um oft erst spät in der Nacht zurückzukehren. »Soll ich Ihnen etwas vom Markt besorgen, Doktor?«, rief ihm die Hauswirtin nach, als er schon auf der Straße stand. Mrs. Harper konnte nicht verstehen, wie ein erwachsener junger Mann allein und ohne ausreichende Vorräte in dieser großen Wohnung leben konnte. Und sie wollte nicht begreifen, dass er noch kein Doktor war, trotz seiner Erklärungsversuche. »Nein, vielen Dank. Ich esse im Institut.« »Sie arbeiten zu viel und essen zu wenig«, war das Letzte, was er von der guten Frau hörte, bevor er um die Ecke verschwand. Mrs. Harpers Haus lag nahe bei der Universität. Eine bescheidene Bleibe, aber er konnte seinen Wagen auf dem Parkplatz am Straßenrand stehen lassen. In zehn Minuten war er zu Fuß am Arbeitsplatz, ein Luxus, den er bis zur letzten Minute auskosten wollte. Noch ein Jahr, dann sollte seine Dissertation abgeschlossen sein. Was dann, mit dem PhD in der Tasche, aus ihm werden sollte, wusste er beim besten Willen nicht. Fest stand einzig, dass er Jessie heiraten würde, und wenn er dafür nach Weymouth umziehen müsste. Ein schier unlösbares Problem, dachte er nicht zum ersten Mal. Mit seinen Qualifikationen als Finanzmathematiker gab es für ihn im ganzen Vereinigten Königreich nur einen vernünftigen Ort, wo er Karriere machen konnte: die Londoner City. Aber Jessie schlug immer tiefere Wurzeln im idyllischen Küstenstädtchen am Kanal. Er verdrängte den unangenehmen Konflikt und begann sich geistig auf die Besprechung mit seinem Doktorvater vorzubereiten, während er das Spalier der stramm stehenden Erker mit den weiß getünchten Fensterrahmen abschritt. Irwyns Parkplatz vor dem braungrauen Backsteingebäude war leer. Ein untrügliches Zeichen, dass der Professor noch nicht da war. Irwyn Saunders – Irwyn, walisisch, nicht Irwin, englisch – bewegte sich außer Haus nur in seinem feuerroten MG SA aus dem Jahr 1938. Unkaputtbare, traditionelle britische Qualität, für die er die ganze Freizeit und sein halbes Vermögen einsetzte. Er stellte das Museumsstück ausschließlich auf seinem zugewiesenen Platz unmittelbar neben dem Eingang ab. Es war schon vorgekommen, dass er wieder nach Hause zurückfuhr, nur weil ein verblödeter Ignorant es gewagt hatte, seinen Platz zu besetzen. Die asthmatische Hupe des MG stoppte Ryan, bevor er den Torbogen erreicht hatte. Irwyn begrüßte ihn mit einem freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, schüttelte seinen Pferdeschwanz und fragte: »Etwas Brauchbares dabei?« Ryan hatte sich an die kühnen Gedankensprünge des Professors gewöhnt, aber die Frage erwischte ihn kalt. »Dabei – wobei?«, stammelte er verblüfft. Irwyn warf ihm einen mitleidigen Blick zu. »Ich verstehe ja, dass dich die Arbeit nicht antörnt. Geht mir auch so, deshalb überlasse ich sie dir. Aber die Übungen müssen nun mal korrigiert werden.« »Ach du grüne Neune!«, rief Ryan aus. Er blieb stehen und spürte, wie sein Gesicht rot anlief. »Mist. Total vergessen, tut mir leid. Ich habe die halbe Nacht an den Auswertungen gefeilt.« »Ist ja noch nicht zu spät«, beruhigte Irwyn spöttisch. »Ich brauche die Korrekturen erst am Nachmittag.« Mit einem unterdrückten Fluch trottete er hinter dem Professor her ins Haus. Die Zeit, die er mit der Routinearbeit eines Assistenten vergeudete, hätte er dringend für seine Studie der Finanzblasen benötigt. Er war im Verzug, sein Zeitplan drohte durcheinanderzugeraten. Wenn er die dreizehn Übungsblätter des akademischen Nachwuchses bis Mittag korrigieren wollte, musste er die Besprechung mit Irwyn kurz halten. Nicht gut. Gerade jetzt brauchte er seinen Rat, um den Schwerpunkt der Dissertation neu festzulegen. Seit zwei Jahren beschäftigte er sich mit einem unmöglichen, aber umso spannenderen Thema, der Vorhersage von Finanzblasen. Die ganze bisherige Literatur der ökonomischen Theorien ging davon aus, dass man das Platzen von Finanzblasen nicht vorhersagen kann. Bisher glaubte man, dass eine Blase erst im Nachhinein überhaupt zu erkennen sei, nachdem sie geplatzt ist. Erst nachdem die Preise für eine Kategorie von Wertpapieren, Waren oder Währungen zusammengebrochen waren, konnte man die Diagnose Finanzblase stellen. Daran glaubte er längst nicht mehr. Seine Arbeit beruhte auf den in Fachkreisen spektakulären Erkenntnissen einer Forschergruppe an der ETH Zürich aus den Jahren 2009, 2010. Physiker und Mathematiker hatten damals die These aufgestellt, dass sich Finanzblasen fru¨hzeitig erkennen lassen, bevor sie platzen und dass man voraussagen kann, wann die Blase platzen wird. Die Gruppe, die sich ›Financial Crisis Observatory‹, FCO, nannte, konnte mit ihrem ›Financial Bubble Experiment‹ tatsächlich mehrere Blasen korrekt eingrenzen. Im Gegensatz zu den gängigen Theorien ging das FCO davon aus, dass sich die Preise an den Märkten während einer Spekulationsblase superexponentiell verhalten. Die Preise stiegen nicht einfach mit einer konstanten Geschwindigkeit, sondern die Geschwindigkeit des Preisanstiegs nahm selbst rasant zu. Ganz nach dem Motto: je teurer eine Ware, desto begehrter wird sie. Um das zu erkennen, beobachteten sie Indikatoren wie die Anzahl der ›guten Tage‹, Tage, an denen der Preis stieg in einem gewissen Zeitraum, und die Wachstumsrate des Preises. Das Modell des FCO war zwar komplex, nahm sich aber doch eher bescheiden aus im Vergleich zu seiner Arbeit. Trotzdem konnten die Forscher in Zürich schon die Goldblase von 2010 erstaunlich genau voraussagen. Ihre Prognose lautete, dass der Goldpreis zwischen dem 13.10.2009 und dem 7.9.2010 mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% einbrechen werde. Für das engere Zeitfenster vom 5.11.2009 bis 25.2.2010 gaben sie eine Wahrscheinlichkeit von 60% an. Im Januar 2010 zerfiel der Preis innerhalb weniger Tage um über zehn Prozent, nach einem Anstieg von 18% während knapp zwei Monaten. »Was gibt’s denn an deinen Daten zu feilen?«, fragte Irwyn, als sie sich in seinem Büro auf das alte Bentley-Polster setzten. »Nicht an den Daten, natürlich. Die Darstellung gefiel mir noch nicht. Ich glaube, jetzt habe ich eine bessere Visualisierung gefunden.« Die neuen Grafiken vermittelten dem Betrachter auch ohne viel Text, was er aussagen wollte. Den Zahlenfriedhof seiner unzähligen Modellrechnungen anschaulich darzustellen, war beinahe die größte Herausforderung seiner Arbeit. Visualisierung, eine Wissenschaft für sich im Zeitalter der Statistik und der gigantischen Netzwerke. Er war froh, die Hilfe einiger begabter Kollegen in Anspruch nehmen zu können. Und natürlich Irwyns besonderes Talent. Der Professor betrachtete die neusten Darstellungen eine Weile kritisch. Dann schob er sie plötzlich weg, als hätte er jedes Interesse verloren. Statt sie zu kommentieren, fragte er: »Zufrieden?« »Eigentlich wollte ich dich das fragen.« Irwyn schüttelte den Kopf. »Bist du zufrieden mit deiner Aussage, meinte ich. Du zeigst, dass dein Modell die Goldblase von 2010 wesentlich genauer vorhergesagt hätte als das FCO. Gut, aber bist du damit zufrieden?« Ryan zögerte mit der Antwort. Sein Mentor hatte genau den wunden Punkt erwischt. Im wesentlichen lautete seine kurze Frage nämlich: Glaubst du, genug gearbeitet zu haben für deinen PhD? Wenn er darüber nachdachte, konnte er nicht mit einem klaren Ja antworten. Irwyn deutete sein Zögern richtig. »Du zweifelst«, stellte er fest. Bevor du verzweifelst, möchte ich eines klarstellen. Aus meiner Sicht könntest du die Arbeit hier abschließen. Ich würde sie zur Annahme empfehlen. Was das bedeutet, weißt du ja. Aber – ich glaube, du kannst noch mehr herausholen.« Meine Worte, dachte Ryan. Mehr herausholen wollte er auch. Jahrelange Arbeit, um ein paar bekannte Resultate zu verbessern, befriedigte ihn nicht. Sein Modell beschränkte sich nicht auf die Analyse von Börsendaten. Er durchforstete das ganze Internet mit raffinierten Filtern und Algorithmen. Seine Computerfarm am Institut analysierte in kurzer Zeit hunderttausende Twitter-Meldungen, Blogs und Webseiten. Mit ausgeklügelten Methoden der Graphentheorie und Topologie stellte er Zusammenha¨nge zwischen Gerüchten, Ereignissen und dem Börsengeschehen her. Dabei war ihm erst kürzlich etwas aufgefallen. »Du hast recht«, nickte er nachdenklich. »Bei verschiedenen Messreihen habe ich festgestellt, dass die resultierende Verteilung über weite Strecken stabil bleibt. Blöd gesagt: weniger Daten genügen bereits für eine zuverlässige Aussage, vorausgesetzt, man erwischt die richtigen.« »Ziemlich blöd gesagt, aber ich verstehe, was du meinst. Wenn du das beweisen kannst, lässt sich dein Modell auch für weniger liquide Assets anwenden. Das wäre ein echter Durchbruch. Traust du dir das zu in der verbleibenden Zeit?« Er wusste es nicht, doch im Geiste brütete er schon über seinen Notizen, als er das Büro verließ. Ein Teil seines Hirns arbeitete weiter an der neuen Herausforderung, während er sich mit den Übungen der unteren Semester beschäftigte. Am frühen Nachmittag war die Pflicht endlich erledigt. Er konnte sich wieder voll der Kür zuwenden. Die Funktionen und Gleichungen seines Modells hingen im Grossdruck an der Wand neben seinem Bürofenster. Wie schon oft, stellte er sich davor, um sich inspirieren zu lassen. Die Gedanken mussten sich möglichst locker an das Problem herantasten, es aus der Vogelperspektive allmählich einkreisen. Dazu war diese Wand da. Draußen verdüsterte sich der Himmel zusehends. Das angekündigte Unwetter war da. Bald klatschten die ersten schweren Regentropfen aufs Sims. Im Zimmer war es so dunkel, dass er das Licht einschalten musste. Immer wieder ließ er den Blick über die Variablen, Summen und Integrale schweifen, ohne genau zu wissen, wonach er suchte. Im Grunde war sein Problem schnell formuliert, doch das änderte nichts daran, dass es harte Knochenarbeit war, eine Lösung zu finden. Er wollte sein Modell verallgemeinern. Es besaß zu viele Parameter und Randbedingungen, die auf die Spezialfälle von Finanzblasen zugeschnitten waren, die er bisher untersucht hatte. »Es müsste doch, verdammt noch mal, möglich sein, Zeitintervalle und Messpunkte automatisch festzulegen«, warf er der Hieroglyphenwand vor. Er schloss die Augen. Jessies verträumter Blick überstrahlte kurz die vielen x, i, j, Gammas und Thetas, dann schlug er sich unvermittelt an die Stirn. »Trottel«, schalt er sich. Es war so offensichtlich. Er brauchte seine Zeit nicht mit den Formeln für die Berechnung der Resultate zu verschwenden. Die Eingabefilter musste er sich vornehmen. Es lief genau auf das hinaus, was er leichthin zur Wand gesagt hatte. Wenn er es schaffte, die Eingabefilter automatisch zu konfigurieren, dann würde sein Modell nicht nur die Finanztitel automatisch finden, die für eine Blase infrage kämen, es würde ihm auch gleich beantworten, für welche Kategorien von Titeln sein Modell taugte. Er rannte hinaus, den Korridor hinunter zur Kaffeeküche, schenkte sich einen Becher der siedend heißen, sauren Brühe ein, eilte an den Schreibtisch zurück und begann, die Filter umzubauen. Dutzende zerknüllte Seiten weiter, sechs Stunden später, mit einem knurrenden Magen, den man bis in Irwyns Büro am andern Ende des Flurs hören musste, glaubte er soweit zu sein. Es blieb lediglich noch, die Software an die modifizierten Formeln anpassen, eine vergleichsweise kinderleichte Übung. Der Zeitpunkt für den Testlauf war gut. Abends um acht war nicht mehr viel los auf der Serverfarm. Er startete seine neue Modellrechnung mit der vollständigen Datenbasis als Eingabe. Ein Datenchaos aus Text und Zahlen von nahezu tausend Gigabytes. Die Rechnerei würde die ganze Nacht dauern. Mit ein wenig Glück erwartete ihn am nächsten Morgen ein Resultat, wie er es noch nie gesehen hatte. Etwas weniger Glück, und einmal mehr würde ihn nur die Fehlermeldung Abort xyz begrüßen. Mr. Meriwether begriff nichts von seiner Arbeit. Er hatte nicht das geringste Verständnis dafür, dass Ryan ihm am nächsten Morgen nur ein Tellerchen mit etwas Milch hinstellte. Er drückte sich so lange jammernd zwischen seinen Beinen herum, bis er den vertrockneten Rest seines Sandwichs holte und ihm ein paar Krümel der Füllung hinstreute, die einmal Schinken gewesen war. Mr. Meriwether machte einen Bogen um die Katastrophe, leckte seine Milch auf und ließ ihn stehen. An diesem Morgen rannte er ins Institut. Atemlos drückte er auf die Leertaste, um den Bildschirm aufzuwecken. Er wagte kaum hinzusehen. Keine Fehlermeldung. Seine Hand zitterte leicht, als er mit der Maustaste durch die Tabellen und Grafiken blätterte, die sein Programm erstellt hatte. Ein Wonnegefühl durchrieselte ihn, durchaus vergleichbar mit dem Augenblick, als Jessie ihn zum ersten Mal mit einer Leidenschaft auf den Mund küsste, dass er sich auf der Stelle in reine Energie auflöste. Hastig druckte er einige Seiten aus und rannte damit zu seinem Professor. »Heureka!«, rief er lauthals, während er ins Büro stürzte. »Auch einen guten Morgen wünsche ich dir«, brummte Irwyn verschlafen, ohne aufzuschauen. »Komm doch herein.« »Sorry – aber – hast du einen Moment Zeit?« Als Irwyn das verschmitzte Grinsen im Gesicht seines Doktoranden bemerkte, lächelte auch er. »Her mit dem Wisch«, befahl er mit einer fordernden Handbewegung. Er studierte die neuen Resultate eingehend. Das war so üblich. Erst machte er sich selbst ein Bild, bevor er etwas hören wollte. »Nicht schlecht«, sagte er schließlich mit undurchdringlicher Miene. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und wartete auf den etwas längeren Kommentar seines Schülers. »Nicht schlecht«, äffte Ryan nach. »Du bist gut. Deine Nerven müsste man haben. »Hast du die Breite der Analyse gesehen? Das Modell wählt jetzt automatisch Kandidaten für Blasen aus praktisch dem ganzen Spektrum von Finanzinstrumenten. Inklusive Titel, für die es nur einen dünnen Markt gibt wie Rohstoffe, die nur von wenigen spezialisierten Firmen gehandelt werden. Seltene Erden zum Beispiel.« Das Lächeln kehrte auf Irwyns Gesicht zurück. »Beruhige dich. Das habe ich sehr wohl bemerkt. Mir scheint, das ist der Durchbruch, von dem ich neulich gesprochen habe. Wir werden das gründlich miteinander verifizieren und so schnell wie möglich publizieren, als Vorabdruck deiner Dissertation. Dieses Ergebnis muss in die Fachpresse.« Fort Meade, Maryland Alex wuchtete die Kiste mit ihrem persönlichen Kram und dem Büromaterial auf ihren neuen Schreibtisch. In den vier Jahren im Innern des Allerheiligsten der NSA war dies der dritte Umzug. Fast wie in der Redaktion. Sie schaute sich um, schnupperte die Luft im Zimmer, das nun für ein paar Monate, vielleicht ein Jahr ihr neuer Arbeitsplatz war. Eine substantielle Verbesserung allerdings, das musste sie sich eingestehen. Trotzdem rümpfte sie die Nase. Die Luft im Einzelbüro wirkte seltsam tot. Das gewohnte Aroma aus Körpergerüchen, Rasierwasser und heiß laufenden Computern wie in andern Büros fehlte. Hier war sie das einzig Lebendige. Aber Einzelbüro, fast Eckbüro, und ihr ›f2b‹ war auf lächerliche zwanzig geschrumpft. Besser ging nicht. Wenn nichts anderes, dann sagte der ›f2b‹ als zuverlässigstes, allgemein anerkanntes Maß, wie es um die Karriere eines Mitarbeiters stand. Sie hatte nie herausgefunden, ob das Kürzel als ›feet from Bob‹ oder, eher unwahrscheinlich, ›feet to Bob‹ zu lesen war. Auf jeden Fall bezeichnete es den Abstand von ihrer Bürotür zu Bobs Tür. Mit zwanzig Fuß waren sie und ihr allseits gefürchteter und bewunderter Chef nun also Nachbarn. Grund genug, ein wenig stolz zu sein. Und ein bisschen bereute sie, das Gefühl mit niemandem teilen zu können. Sie verscheuchte den Gedanken schnell wieder und begann, die wenigen Sachen einzuräumen. Sie musste sich nicht über Einsamkeit beklagen. Sie hatte es so gewollt. Im Allgemeinen lebte sie ganz gut damit. Zehn Minuten nach ihrem Einzug arbeitete sie am Bildschirm, als hätte sie nie anderswo gesessen. Beim Kontrollblick auf die im Hintergrund laufenden Nachrichtenfilter stutzte sie. Ein Fenster, das seit Jahren keine Aktivität mehr anzeigte, erwachte plötzlich zum Leben. Der rote Balken am oberen Rand deutete auf mindestens 90% Relevanz. Das Programm, das den unablässigen Strom der Nachrichten und Hinweise aus allen möglichen Quellen für dieses Fenster analysierte, hatte ihr etwas Wichtiges zu sagen. Es hatte einen Beitrag in der britischen Fachzeitschrift ›Journal of Computational Finance‹ entdeckt: Die Topologie von Regime-shifts Ein erweitertes Modell zur Prognose von Finanzblasen Nicht der verwirrende Titel des Artikels erregte ihre Aufmerksamkeit. Es war die kurze, hervorgehobene Passage aus der Zusammenfassung, die sie sofort ihre eigentliche Aufgabe vergessen ließ: Der breite theoretische Definitionsbereich des Modells wird eindrücklich demonstriert durch die ex post Analyse bekannter Preisblasen liquider Commodities, Aktien und illiquider Unternehmensanleihen aus den Jahren 2009 und 2010, sowie eines älteren Niveau-Übergangs des REE Neodym. Alex traute ihren Augen nicht. Sie hatte dieses Fenster sicher drei Jahre lang nicht mehr beachtet. Ihre hektischen ersten Monate in Crypto City waren von den Nachbeben der Katastrophe in der kalifornischen Mine geprägt. Der Aktionismus des DHS, FBI und der sonst kühlen Köpfe bei der NSA führte damals zu nichts. Einmal abgesehen davon, dass der Verdacht Richtung China noch immer wie ein übler Verwesungsgeruch in der Luft hing. Die Untersuchung verlief stillschweigend im Sand. Unbeachtet und bald vergessen schnüffelten nur ein paar Programmroboter permanent nach weiteren Informationen, die Hinweise auf jenes Ereignis enthielten. Und nun hatte einer Alarm geschlagen. Aufgeregt las sie die ganze Zusammenfassung und den Anfang des Berichts. Je weiter sie in den mathematischen Fachjargon eintauchte, desto weniger verstand sie. Bald kam der Punkt, wo sie denselben kurzen Satz dreimal gelesen hatte und noch immer nicht kapierte. Ernüchtert griff sie zum Pappbecher, der noch in der Transportkiste stand, führte ihn an den Mund und stieß ihn gleich wieder angewidert von sich. Kalter Kaffee machte die Sache auch nicht besser. Angesichts der vielen englischen Fremdwörter und Formeln im Fachartikel dieses Ryan Cole aus Bristol kam sie sich reichlich blöd vor. Nur soviel war klar: das Modell des Briten konnte den Zeitpunkt der Mountain Pass Katastrophe beklemmend genau vorhersagen. Leute, die dieses Papier verstehen würden, Mathematiker, Physiker, Quants, gab es genug in Fort Meade. Das Problem war nur, dass die alle andere Aufgaben hatten. Ohne Bobs Machtwort durfte sie keine Hilfe erwarten. Sie griff zum Hörer des grauen Telefons und drückte Bobs Kurzwahltaste. Den gefährlichen schwarzen Apparat daneben benutzte sie höchst selten, nur für harmlose externe Anrufe, wenn sie sich als Journalistin ausgab. Jeder bei der NSA wusste: schwarze Telefone waren nicht abhörsicher. Er antwortete augenblicklich: »Alex, was gibt’s?« »Hast du fünf Minuten?« »Nein, wozu?« »Mountain Pass. Ein neuer Lead.« Es blieb eine Weile still in der Leitung. Eine lange Zeit, für Bobs Verhältnisse. Dann sagte er leise, als fürchtete er, belauscht zu werden: »Komm rüber.« Sie druckte hastig die paar Seiten aus, die sie zu lesen versucht hatte und eilte damit ins Büro nebenan. »Ich hoffte, nie mehr etwas von diesem verfluchten Dreckloch zu hören«, schimpfte Bob zur Begrüßung. »Ein Lead?« »Ja – nicht direkt. Aber ich denke, es könnte sich zu einem soliden Hinweis auf die Verantwortlichen entwickeln.« Seine Blicke durchbohrten sie wie glühende Spieße. »Sei froh, dass ich dich besser kenne, sonst …« Er ließ die Alternative offen, forderte sie mit dem Kinn auf, sich zu setzen und wartete. Sie kannte Bob lange genug, ignorierte die unausgesprochene Drohung. Ruhig und sachlich antwortete sie: »Vor einer Stunde wechselte einer meiner REE Filter auf rot. Ich hab’s kurz analysiert und meine, dass es kein falscher Alarm ist.« »Will ich hoffen.« Sie breitete die Unterlagen vor ihm aus. »Dieser Ryan Cole ist ein Mathematiker aus Bristol, UK. Soweit ich mitbekommen habe, entwickeln sie dort ein Modell, mit dem sie alle möglichen Finanzblasen ziemlich präzise voraussagen und eingrenzen können. Die Publikation ist eine seriöse Fachzeitschrift, also nehme ich nicht an, dass es sich um irgendeinen Hokuspokus handelt. Was die Sache für uns interessant macht, ist dieser Abschnitt in der Zusammenfassung.« Sie zeigte auf die Stelle, wo die Seltenen Erden erwähnt waren. Während er las, ergänzte sie beiläufig: »Der vorausgesagte Neodym Preissprung deckt sich genau mit dem Zeitpunkt der Minenkatastrophe.« »Was?«, fuhr er sie an. »Das sagst du mir erst jetzt?« Sie verzog die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln. Ausgezeichnet, sie war im Geschäft. Bob schüttelte ungläubig den Kopf und brummte: »Du willst mir allen Ernstes weismachen, dass diese Brits die Katastrophe kommen sahen?« »Das glaube ich nicht, aber hätte ihr Modell damals schon existiert, hätte es auf einen Preissprung hingedeutet. Sie nennen das Regime-shift.« »Und wenn schon«, entgegnete er ärgerlich. »Das hätten auch normale Marktturbulenzen sein können. Das Wundermodell hätte die Katastrophe auch nicht vorausgesehen.« »Klar, aber darum geht es mir nicht. Ich will auf etwas anderes hinaus. Dieser Cole und seine Leute behaupten, die finanziellen Auswirkungen des Attentats im Voraus ziemlich genau berechnen zu können. Und das einzig und allein aufgrund öffentlich zugänglicher Daten. Da frage ich mich, was das Modell wohl leisten würde, wenn es unsere Daten zur Verfügung hätte. Gut möglich, dass wir damit den Urhebern des Anschlags doch noch auf die Schliche kommen.« Er schaute sie nachdenklich an. Die Skepsis wich allmählich aus seinem Blick, machte einer Mischung aus Neugier und Jagdlust Platz. Ein sicheres Zeichen, dass er begann, einen Schlachtplan auszuhecken. »Mit Daten meinst du wohl SWIFT«, murmelte er. »Unter anderen«, nickte sie. Praktisch alle Geldströme zwischen Banken und Firmen, sogar Einzelpersonen, liefen als Meldungen über das weltweite Netzwerk der ›Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication‹, SWIFT, mit Sitz in Belgien. Wollte man herausfinden, wann wer wem wie viel und wofür bezahlt hatte, gab es keine bessere Datenquelle. »Wie kommen wir an die Archive?« Sie lächelte, vielleicht ein wenig zu selbstzufrieden. Aber sie hatte ihre Hausaufgaben gemacht. »Wir haben Glück«, sagte sie. »Mountain Pass fällt in die Zeit, als noch der ganze SWIFT-Verkehr auf unsere Server gespiegelt wurde. Wir haben alles in unseren Archiven, brauchen keinen Antrag zu stellen.« »Zufälle gibt’s«, grinste er. Bob wusste genauso gut wie sie, dass sie die SWIFT-Meldungen auch unter den neuen, strikteren europäischen Datenschutz-Bestimmungen erhalten hätten. Dauerte bloß etwas länger. Das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht. Er sagte entschlossen: »Wir haben die Daten, ich organisiere die Einsteins, du das Modell. Inkognito.« »Funktioniert nicht, fürchte ich. Nichts gegen unsere Eierköpfe, aber wie ich es sehe, geht es bei diesem Modell um Spitzenforschung. Bis sich unsere Jungs eingearbeitet haben, verlieren wir wertvolle Zeit. Wäre es nicht viel einfacher, diesen Cole die Arbeit machen zu lassen? Wir haben noch genug damit zu tun, die Daten für sein Modell aufzubereiten.« »Wie stellst du dir das vor? Wir geben keine Daten heraus, basta.« Leise fügte er hinzu: »Auch wenn sie uns nicht gehören.« Das war das Hauptproblem. Sie überlegte schon die ganze Zeit, wie sie das Dilemma lösen könnten. Es half nichts. Die NSA musste in der einen oder anderen Richtung über ihren Schatten springen. Entweder gingen ihre Daten an die Forschergruppe in England, oder die englischen Forscher brachten ihr Modell und das nötige Wissen dazu nach Fort Meade. Eine vernünftige dritte Lösung sah sie nicht. Das sagte sie ihm auch. »Unmöglich«, war Bobs erste Reaktion. Sie hatte nichts anderes erwartet, schwieg jedoch. Sie musste ihm Zeit lassen, sich an den furchtbaren Gedanken zu gewöhnen. Er runzelte die Stirn, während er die zwei unmöglichen Varianten gegeneinander abwog. Plötzlich schüttelte er energisch den Kopf und wiederholte: »Unmöglich, vergiss es. Wir machen es so, wie ich gesagt habe. Du beschaffst das Modell, den Rest erledigen wir hier.« Sie antwortete nicht sofort, schaute ihn stattdessen an, als erwarte sie eine Erklärung. »Gibt es ein Problem?«, fragte er gereizt. »Nein – nein, ich werde es versuchen. Habe ich Clearance für England?« Er nickte. »Sind ja nicht gerade unsere Erzfeinde«, knurrte er. Das Modell beschaffen – sie fragte sich, wie um alles in der Welt sie das anstellen sollte, während sie die Unterlagen zusammenraffte und in ihr Büro zurückkehrte. Immerhin hatte sie die Erlaubnis, ohne nervenaufreibenden Papierkram nach Bristol zu reisen, sollte es nötig sein. Das war nicht selbstverständlich. Eines der ungelösten Rätsel von Fort Meade war die Sicherheitspolitik bei Auslandreisen. Sie hatte bis heute nicht verstanden, weshalb ein NSA-Angestellter nur mit schriftlicher Genehmigung nach Großbritannien oder Frankreich reisen durfte, aber problemlos jederzeit auf den Bahamas, dem Paradies für windige Firmen und Financiers, oder in der Drogenhölle von Mexiko Urlaub machen konnte. Ihr IQ reichte einfach nicht aus, die Logik der allmächtigen ›Clearance Division‹ M55 zu verstehen. Genauso wie sie das Modell des Ryan Cole nie begreifen würde. »Du hast dich da in etwas hineingesteigert, Mädchen«, sagte sie zu sich selbst, als sie einigermaßen ratlos ihre leere Schreibtischplatte musterte. Im Augenblick wusste sie nur eines mit absoluter Sicherheit: Sie brauchte endlich ihren Koffein-Schub. Mit einem frischen Becher funktionierte ihr Gehirn normalerweise besser. So war es auch diesmal. Sie trank einen Schluck von der heißen Brühe, stellte den Pappbecher zur Seite, machte sich ein paar Notizen und griff zum Hörer des schwarzen Telefons. Sie schmunzelte beim Gedanken daran, was in den anderen Büros jedes Mal ablief, wenn jemand den schwarzen Hörer in die Hand nahm. Sofort verstummten alle noch so leisen Gespräche, bis der Hörer wieder sicher auf der Gabel lag. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr wählte sie die Kontaktnummer der Universität Bristol aus dem Artikel. Halb zwölf, halb sechs in England. Sie hoffte, der unbekannte Forscher wäre kein ›nine-to-five‹ Typ und noch nicht auf dem Heimweg. »Dr. Ryan Cole bitte«, sagte sie erleichtert, als sich die Zentrale der Universität meldete. »Wen darf ich melden?« »Alex Oxley vom ›Wall Street Journal‹.« Ihre übliche Tarnung bei externen Kontakten. Sie hatte sich erstaunlich rasch ans Doppelleben gewöhnt. Es war ganz einfach. Sie kannte die Innereien des Blattes aus jahrelanger Erfahrung, wusste, wie sie sich als Journalistin zu verhalten hatte. Ihre schwarzen Anrufe konnten nicht zurückverfolgt werden. Auf ihren Visitenkarten stand die Nummer dieses Apparates. Falls jemand das Journal direkt anrief und sie verlangte, wurde der Anruf automatisch hierher umgeleitet. Eine Männerstimme wie bittersüße Schokolade, die mit siebzig Prozent Kakao und einer Spur Chili, drang aus dem Hörer, in ihr Ohr, durch die Adern bis in die Zehenspitzen. »Hallo?«, sagte der Unbekannte. Sie schluckte leer, hüstelte, bevor sie sich wieder gefasst hatte. »Dr. Ryan Cole?« Mein Gott, diese Stimme. »Ryan Cole, ja. Mit wem habe ich das Vergnügen?« Sie stellte sich gerne nochmals vor. Sie schob ihre Notizen beiseite, ohne sie auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen. Der Plan war jetzt ein anderer. »Dr. Cole. Ich habe Ihren Artikel über Finanzblasen im ›Journal of Computational Finance‹ gelesen«, log sie. »Aufregend, Ihre Arbeit. Wir möchten im ›Journal‹ einen Bericht darüber veröffentlichen. Dazu bitte ich Sie um ein kurzes Interview. Das Ganze muss natürlich für den Laien verständlich dargestellt werden. Ohne Ihre Hilfe schaffen wir das nicht bei der komplexen Materie, fürchte ich.« »O – K – schießen Sie los.«, antwortete die Schokolade gedehnt. »Das geht schlecht am Telefon, meine ich. Ich bin sowieso in den nächsten Tagen in England. Wäre es möglich, dass wir uns an der Universität treffen?« »Wenn das so ist. Ich bin montags bis freitags immer hier.« Der Termin war schnell fixiert. Egal, was Bob oder ihr SSO oder M55 davon hielten, dieses Interview musste vor Ort durchgeführt werden. Eine solche Stimme musste sie auf jeden Fall sehen. Der Flug über den großen Teich gab ihr Gelegenheit, das verstaubte Kompendium über ›Corporate Finance‹ nochmals durchzublättern. Sie würde dann nicht gar so nackt vor dem Mann stehen. Obwohl – bei der Stimme? Universität Bristol, UK Ryan hatte es eilig. Ohne die Wohnungstür abzuschließen, rannte er die Treppe hinunter, zum Haus hinaus und wollte sich aus dem Staub machen. Mr. Meriwether gefiel das gar nicht. Er stoppte Ryan mit einem ergreifenden Klagelied, das selbst Steine erweichen würde, sollte es länger dauern. »Ich weiß – ach Mist. Tut mir leid«, murmelte Ryan zerstreut. Er kraulte den Kater kurz unter dem Kinn, wo er es am liebsten mochte. Nach wenigen Sätzen stand er wieder in der Küche, goss Milch in Mr. Meriwethers Teller und sauste zum zweiten Mal die Treppe hinunter. Als er den Teller unter das Vordach stellte, war die Hälfte der Milch verschwunden. Der Kater rümpfte zwar die Nase ob der mageren Mahlzeit, aber er ließ ihn ohne weiteren Protest ziehen. Seit er am Morgen die Augen aufgeschlagen hatte, und vielleicht schon vorher, kreisten Ryans Gedanken um das Treffen mit der Journalistin. Es war sein erstes echtes Interview. Noch nie hatte sich jemand außerhalb des akademischen Zirkels von Strebern für seine Arbeit interessiert. Wie sollte er einem Laien in verständlichen Worten erklären, wie sein Modell funktionierte? Was bildete sich die Frau ein? Am meisten fürchtete er das Mikrophon. Wenn sie ein Aufnahmegerät vor ihn hinstellte, setzte sein Verstand aus, das wusste er aus Erfahrung. Schon die Rollenspiele in der Schule in Weymouth hatten stets in einer Katastrophe geendet. Er hätte niemals zusagen sollen. Dieses Interview machte einfach keinen Sinn. Warum konnten die Leute nicht einfach seine Arbeit lesen? Da stand alles klipp und klar drin. Mehr gab es nicht zu sagen. Diese Begegnung lag ihm wie ein Teller fetttriefende Fish and Chips im Magen. Alle Selbstzerfleischung half nichts. Pünktlich um zehn rief ihn die Zentrale an: »Dein Interview ist da.« »Ich komme«, antwortete er tonlos. Als erstes fiel ihm auf, dass sie scheinbar ebenso nervös, fast unsicher wirkte wie er. Dann sah er ihre bis über die Schulter fallende kastanienbraune Haarpracht, die neugierigen schwarzen Augen, den weichen Mund und das kleine Näschen. Vor ihm stand nicht der abgebrühte Pressedrache, der seine Opfer gnadenlos zerzauste, wie er erwartet hatte. Jedenfalls sah sie nicht danach aus. Bis sie seine Hand wieder losließ, fühlte er sich schon beinahe entspannt. »Ryan«, korrigierte er sie. »Einfach Ryan Cole. Bis zum Doktor dauert’s noch ein paar Monate.« »Ach so, dann ist der Artikel Teil Ihrer Doktorarbeit?« »Genau genommen ist er die Dissertation«, lachte er. »Der Rest der Arbeit besteht nur noch aus akademischer Staffage und Querverweisen.« Er redete mit ihr wie mit einem normalen Menschen, stellte er erstaunt fest. Sie standen noch immer in der Eingangshalle. Da er keine Anstalten machte, sich zu bewegen, schaute sie ihn mit großen, fragenden Augen an. Das wirkte. »Ach – entschuldigen Sie«, sagte er verlegen. »Gehen wir in mein Büro.« Sie folgte ihm einige Schritte, blieb plötzlich stehen und fragte beinahe scheu: »Ryan? Entschuldigung, gibt’s hier vielleicht einen Kaffee oder so etwas?« »Sicher.« Er überlegte. Die saure Brühe seiner Kochnische durfte er ihr nicht anbieten. »Es gibt eine kleine Selbstbedienungs-Cafeteria im Institut. Ist das O. K.?« »Wunderbar.« Besser war der Kaffee nicht, nur weniger sauer, aber sie zuckte mit keiner Wimper. Nach einem winzigen Schluck setzte sie den Becher ab und sagte lächelnd: »So spricht sich’s doch viel gemütlicher. Kleiner Reportertrick.« »Bei mir hat er funktioniert«, grinste er. »Warnen Sie mich, wenn das Interview beginnt?« »Es hat schon begonnen.« Er stutzte. »Oh – ganz ohne Recorder? Oder sind Sie verkabelt?« »Keine Angst«, lachte sie. »Ich merke mir einfach gut, was Sie sagen und werde hin und wieder Notizen machen, ganz klassisch. Ist das in Ordnung?« »Hört sich brillant an.« Die Erleichterung war ihm sicher anzusehen. Sie musterte ihn fast ein wenig spöttisch, wie ihm schien, bevor sie unvermittelt zur Sache kam und fragte: »Sie sind also der Mann, der behauptet, die Zukunft vorhersagen zu können?« Es klang wie eine Feststellung. In einem gewissen Sinne stimmte die Behauptung ja auch. Trotzdem wusste er im ersten Moment nicht, was er darauf antworten sollte. Ihre schwarzen Augen warteten, Er musste etwas Sinnvolles sagen. »Nun …«, begann er gedehnt, »das scheint mir eine allzu einfache Zusammenfassung zu sein. Abgesehen davon behaupte ich gar nichts, ich leite her und stelle fest. Mathematik, mehr ist das nicht.« »Aber in der Zusammenfassung schreiben Sie, dass Ihr Modell die Goldblase vom Januar 2010 korrekt vorausberechnet hätte. Für den naiven Leser hört sich das an wie eine Prophezeiung. Im Nachhinein zwar, aber immerhin.« Schon hatte die süße Maus ihn festgenagelt. Sie wollte ein klares Ja oder Nein auf eine einfache Frage, auf die es keine kurze Antwort gab. »Wo soll ich nur beginnen«, murmelte er ratlos. »Ganz vorn. Stellen Sie sich vor, ich sei Ihre kleine Schwester, der sie in wenigen Sätzen erklären wollen, was Sie tun.« Er schüttelte lachend den Kopf. »Geht nicht«, meinte er. »So viel Fantasie habe ich nicht.« Plötzlich kam ihm der rettende Gedanke. »Vielleicht sollte ich Ihnen einfach schildern, wie unser Modell Finanzblasen erkennt.« Sie nickte stumm. Langsam und konzentriert, auf jedes Wort bedacht, erklärte er den Algorithmus Schritt für Schritt, mit dem seine Software das Börsengeschehen analysierte. Manchmal stockte er, musste einen Satz in anderen Worten, ohne Fachbegriffe, neu formulieren. Die Aufgabe war schwierig, aber mit der Zeit fiel es ihm leichter, selbstverständliche Begriffe wie ›nichtlineare Abhängigkeit‹, ›Randverteilung‹ und ›schiefe Pareto-Distribution‹ zu meiden. Das Mäuschen hörte zu und machte brav Notizen, sodass er am Ende überzeugt war, die allgemein verständliche Sprache gefunden zu haben, die sie erwartete. »Ausgezeichnet«, sagte sie schließlich lächelnd. »Sehen Sie, Sie haben doch genügend Fantasie.« »Und das, obwohl ich leider keine kleine Schwester habe.« »Ich weiß.« »Sie wissen?« »Aber sicher. Ich muss wissen, wen ich vor mir habe, wenn ich jemanden interviewe. Berufskrankheit. « »Na gut, ist ja nicht gerade ein Geheimnis, dass ich als verwöhntes Einzelkind aufgewachsen bin.« »Verwöhnt ist mir neu«, schmunzelte sie. »Darf ich das notieren?« Scherzhaft zückte sie den Stift. Sie saßen immer noch in der Cafeteria. Ab und zu tauchte ein Student oder eine Assistentin auf, streifte seinen auffallenden Besuch mit einem neugierigen Blick und widmete sich dann der spärlichen Auslage. Er nahm an, alles gesagt zu haben und schlug vor, ihr das Modell in Aktion zu zeigen. Schon wollte er sich erheben, als sie ihn mit einer weiteren Frage überraschte: »Was mich noch interessiert: Welche Daten verwenden Sie?« »Preisfeeds von Reuters und Börsen, Webpages, Twitter, das halbe Internet.« »Was ich meine: kann Ihr Modell erkennen, wo eine Blase entsteht, wer sie sozusagen verursacht?« »Nein«, antwortete er verblüfft. »Die Frage hat sich bis jetzt nicht gestellt. Allerdings …« »Ja?« Täuschte er sich, oder hing sie jetzt an seinen Lippen, als wäre dies die wichtigste aller Fragen? »Ein sehr interessanter Hinweis, den Sie mir da geben«, antwortete er zögernd. »Ich glaube, es sollte möglich sein, Aussagen in dieser Richtung zu machen, wenn man die geeigneten Daten hat.« »Was heißt geeignet? Bankdaten zum Beispiel – SWIFT?« Er starrte sie mit offenem Mund an. Es war, als stießen sie übergangslos von harmloser Unterhaltung in die Tiefen des Modells vor, die zu verstehen nur Spezialisten vorbehalten war. »Sie – ja – das wäre möglich«, stammelte er. »Was – warum interessiert Sie das?« Sie schaute ihn nachdenklich an. »Ich glaube, wir sollten das doch besser in Ihrem Büro besprechen«, meinte sie. Er hatte seinen Arbeitsplatz bis spät in die Nacht auf Hochglanz poliert. Was er darunter verstand: Hefte, Zeitschriften, Ordner weg vom Tisch, hinein in die Schränke, Deckel zu. Probleme gab es bei zwei Rollcontainern, deren volle Schubladen alles zurückwiesen, was er hineinstopfen wollte. Es blieb nichts anderes übrig, als endlich einmal auszumisten. Eine zeitraubende Angelegenheit. Verlorene Zeit aus seiner Sicht. Wenigstens hatte sich der Aufwand gelohnt. Seiner Besucherin schien die neue Ordnung zu gefallen. Eine Weile betrachtete sie stumm die Formelwand, die mittlerweile übersät war mit handschriftlichen Ergänzungen und Korrekturen. »Ihr Modell?«, wisperte sie schließlich ergriffen, als stünde sie vor Raffaels monumentaler ›Schule von Athen‹. »Sieht ziemlich chaotisch aus, nicht?« Sie drehte sich zu ihm um und schüttelte langsam den Kopf. »Eindrücklich würde ich sagen. Ich werde wohl nie verstehen, wie so etwas in einem einzigen Kopf Platz hat.« Er lachte laut auf. »Sie unterschätzen das menschliche Gehirn, Alex.« Beinahe verloren stand sie da, blickte ihn ratlos an, schien zu überlegen, wie es weitergehen sollte. »Sie erwähnten SWIFT«, erinnerte er sie. »Richtig.« Sie zögerte, dann sprach sie langsam weiter, wie jemand, der sich jedes Wort sorgfältig aussucht. »Ich muss Ihnen etwas beichten. Ich war an einer ganz andern Story, als mir Ihr Artikel auffiel. Vor vier Jahren wurde ein verheerendes und bis heute nicht aufgeklärtes Attentat auf ein Bergwerk für Seltene Erden in Kalifornien verübt. Viele Leute verloren damals ihr Leben. Zur gleichen Zeit schoss der Preis von Neodym in die Höhe, und wie es aussieht, hätte ihr Modell genau diese Entwicklung vorausgesehen. Wenn man nun Rückschlüsse ziehen könnte auf die Leute, die auf diesem Preisanstieg spekuliert und von ihm profitiert haben – verstehen Sie?« Er hatte sofort begriffen, worauf sie hinaus wollte, als sie die Mine erwähnte. »Sie sprechen von Mountain Pass«, stellte er fest. »Sie erinnern sich?«, rief sie überrascht. »Ein – Bekannter kam dort ums Leben, deshalb werde ich den Ort nicht so schnell vergessen.« »Das tut mir leid.« Wieder zögerte sie, bevor sie leise fragte: »Was halten Sie von meiner Idee?« »Die Idee kann ich nachvollziehen. Es gibt nur ein ganz entscheidendes Problem, fürchte ich.« »Nämlich?« »Die Daten, die wir zur Verfügung haben, sind anonym. Sie lassen keine Schlüsse auf die Akteure an den Finanzmärkten zu. Es sind reine Preisbewegungen. Und an die SWIFT-Meldungen kommen wir nicht. SWIFT ist ein geschlossenes Netzwerk, sicher wie Fort Knox.« »Glauben Sie?« Das erste Mal seit sie sein Büro betreten hatten lächelte sie entspannt. »Ich glaube, ich kann diese Daten beschaffen.« Er zuckte zusammen, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst. »Das ist nicht Ihr Ernst«, stieß er aus. »Ich habe gute Verbindungen.« Leiser Spott mischte sich in ihr Lächeln. Er betrachtete ihre Visitenkarte, die er immer noch in der Hand hielt und murmelte kopfschüttelnd: »Alex, Alex, wer sind Sie wirklich?« Sie ließ die Frage offen. Ihr Gesicht wurde ernst. »Die Vorstellung reizt Sie, nicht wahr?«, bemerkte sie. Reizen war ein zu schwaches Wort. Hätte er tatsächlich derart detaillierte Daten wie SWIFT-Zahlungen mit ihren eindeutigen Sendern und Empfängern zur Verfügung, könnten die statistischen Auswertungen des Modells mit wenig Aufwand auf individuelle Datenquellen abgebildet werden. Nur eine technische Herausforderung, kein wirkliches Problem, aber eine ganz neue, zusätzliche Dimension von ungeheurer Sprengkraft. In Gedanken war er schon dabei, die SWIFT-Daten zu analysieren. »Am besten wären wohl Zahlungen vom Typ 202 und 103 geeignet«, murmelte er, mehr zu sich selbst. Er kannte nur die wichtigsten Meldungstypen, aber die Zahlungs- und Deckungsanweisungen gehörten dazu. Ihre Antwort kam ohne Zögern. »MT202 und MT103 haben wir – ich meine – kann ich beschaffen.« »Sie haben sicher schon den fertigen Projektplan in der Tasche«, grinste er. Plötzlich stutzte er. »Die Idee hört sich verlockend an, aber wäre so etwas überhaupt legal?« »Für uns schon. Wir arbeiten nicht mit gestohlenen Daten, wenn Sie das meinen. Könnten Sie sich eine solche Zusammenarbeit vorstellen?« Bevor er Zeit hatte zu antworten, fügte sie schnell hinzu: »Es wäre der absolute Knüller, wenn dadurch die Hintergründe des Attentats von Mountain Pass aufgedeckt werden könnten.« »Mountain Pass – gibt’s Neues?«, fragte eine bekannte Stimme. Jessie war unbemerkt durch die offene Tür ins Büro geschlüpft. »Oh Verzeihung, störe ich?«, entschuldigte sie sich, als sie die Unbekannte erblickte. Ryan lachte verlegen. »Nein, natürlich nicht.« Er hatte nicht bemerkt, wie schnell die Zeit verging. Es war Mittag, und Jessie erschien wie vereinbart zum Lunch. Die zwei Frauen belauerten sich schweigend, unschlüssig, ob sie lächeln oder die Krallen wetzen sollten. »Äh – darf ich vorstellen: Jessie, meine Verlobte«, sagte er zu Alex. »Jessie, das ist Alex vom ›Wall Street Journal‹. Sie interessiert sich für mein Modell.« Jessie gab Alex vorsichtig die Hand. Zu Ryan gewandt sagte sie: »Ich möchte wirklich nicht stören. Wenn du mit Alex zu tun hast …« Das Wort Alex hörte sich fettgedruckt an, wie wie eine Drohung. »Nein, nein«, lächelte die Journalistin säuerlich, den Blick starr auf ihn gerichtet. »Ich meine, ich habe Ihre Zeit schon zu sehr in Anspruch genommen. Vielen Dank für das Interview, Ryan.« Sie verabschiedete sich eilig und war schon an der Tür, als sie ihm nochmals zulächelte. »Wir bleiben in Kontakt.« Dann ließ sie ihn allein mit Jessie. »Wir bleiben in Kontakt«, äffte sie ärgerlich nach. »Was war das denn?« »Das frage ich mich auch«, antwortete er in Gedanken versunken. Hockenheim, Deutschland Der Fahrer im rot-weißen 4-Liter Porsche 997 GT3 verfluchte den gelben Klon vor seiner Nase. Der Scheißkerl fuhr die Spitzkehre so ungeschickt an, dass er keine Möglichkeit hatte, ihn noch vorher zu überholen. Robert Bauer kannte den Hockenheimring wie seine Westentasche. Er fuhr die letzte Runde im Porsche Sports Cup. Noch nicht das Finale, aber die Punkte brauchte er. Der gelbe Trottel drohte ihm auf dem letzten Kilometer noch den Sieg zu vermiesen. »Nicht mit mir, Bursche«, knurrte Robert zähneknirschend unter der Gesichtsmaske. Er hängte sich so dicht an den Vordermann, dass sein Wagen das Heck des gelben Porsche fast berührte. Kurz vor der scharfen Rechtskurve schaltete er in den ersten Gang. Der Gelbe fuhr weit außerhalb der Ideallinie in die Spitzkehre hinein. Seine Chance war gekommen. Kaum hatten sie den 50er Punkt hinter sich, touchierte er die rechte Hinterbacke des Gelben. Nur leicht, gerade kräftig genug, um ihn weiter nach links ausbrechen zu lassen. Sofort besetzte er die Lücke. Er drückte aufs Gas, schaltete schnell hinauf. Nach fünfzig Metern war der Gelbe Geschichte. Robert hatte freie Fahrt auf der Geraden vor der Tribüne. Wenn er jetzt keinen Fehler mehr machte, war ihm der Pokal sicher, einmal mehr. Grinsend holte er das Letzte aus seinen 480 PS heraus. Er erwischte das Knie vor der Mercedes-Tribüne gut. Noch einmal beschleunigte er auf Höchstgeschwindigkeit. Der Abstand zum Gelben war so komfortabel, dass er die letzten beiden Schikanen, die heimtückische Sachs-Kurve und die Südkurve vor der Zielgeraden, locker hinter sich brachte. »Starke Vorstellung«, rief ihm der Mechaniker entgegen, als er an der Boxe den Motor abschaltete. Das Gesicht des Mannes, der ihn mit seinem kleinen Team schon seit einer Ewigkeit betreute, leuchtete vor Aufregung, als hätte er selbst am Steuer gesessen. »Etwas anderes erwartet?«, lachte Robert und ließ sich umarmen. Das berauschende Hochgefühl, es wieder einmal allen gezeigt zu haben, stellte sich erst jetzt langsam ein. Es fühlte sich jedes Mal an wie die Sekunden vor dem Höhepunkt beim Liebesspiel, nur besser. Unschlagbar zu sein berauschte ihn auf der Rennbahn genauso wie im Handelsraum am Paradeplatz. Er war süchtig nach Sieg, das wusste er und jeder, der mit ihm zu tun hatte. Auch seine Sponsoren hatten das früh bemerkt. Kaum einer seiner Rennkollegen konnte auf eine so lange, stabile Beziehung zu seinen Geldgebern zurückblicken. Er war, verdammt noch mal, der Größte, und er hatte alles Recht der Welt dazu. Der Mechaniker gab ihm sein Handy zurück mit der Bemerkung: »Hat schon dreimal angerufen.« Ein kurzer Blick auf das Display elektrisierte ihn. Goldzahn. »Scheiße, warum sagst du mir das nicht früher?« Nicht gut möglich, das wusste er auch, aber irgendwie musste er seinem Ärger Luft machen. Goldzahn am Sonntagnachmittag bedeutete mit Sicherheit eine ganz kurze Nacht. Er zog sich in eine ruhige Ecke im Fahrerlager zurück und drückte die Rückruftaste. »Mister Bauer, gut dass Sie mich zurückrufen«, sagte der Chinese in seinem überdeutlich artikulierten Englisch. Es erinnerte Robert jedes Mal an seinen Sitznachbarn im Gymnasium. Nicht gerade der Hellste, ganz im Gegensatz zu Goldzahn. »Entschuldigen Sie, Mister Li, dass ich erst jetzt zurückrufe. Ich war auf der Rennstrecke.« »Ah – haben gewonnen?« »Wie üblich«, lachte Robert. Li stimmte lauthals in sein Lachen ein. Auch er liebte den Sieg. »Gut – gut, gut«, kicherte er gedehnt. »Nun, womit kann ich meinen besten Kunden glücklich machen?« Das Kichern verstummte unerwartet schnell. Mit Grabesstimme, als bedrückte ihn eine schwere Last, antwortete Li: »Ah – ich habe ein Problem, Mr. Bauer.« Er erschrak. Hatte seine Bank Mist gebaut? Das wäre unverzeihlich. Der Herrscher über ›Galaxy Boom Industries‹ war der Traumkunde jedes Bankers, aber seine Fehlertoleranz lag ziemlich genau bei null. Während er sich noch eine diplomatische Antwort überlegte, beruhigte ihn Li: »Unser Konzern braucht dringend Ihre Unterstützung bei wichtigen Transaktionen.« »Verstehe.« Die Erleichterung war ihm wohl anzuhören. Er wartete auf die Einzelheiten, doch Li sagte nur: »Ich habe Ihnen alles Nötige in die Bank gefaxt.« »Gut, gut. Ich werde mich gleich morgen früh darum kümmern.« »Ah – das ist leider zu spät, Mr. Bauer. Die erste Transaktion muss bei Handelsbeginn abgeschlossen werden. Ist das möglich?« »Selbstverständlich. Handelsbeginn …« »Schanghai, ja.« Wusste er es doch: eine kurze Nacht. Aber Sieger sollten sich nicht über Schlafmangel beklagen. »O. K., Mr. Li. Ich fahre gleich los. In drei Stunden bin ich in Zürich.« »Ausgezeichnet, Mr. Bauer. Wir sprechen uns.« Damit war die Leitung tot. »In drei Stunden nach Zürich an einem Sonntagabend?«, fragte sein Mechaniker, der ihn zum Pressetermin abholen wollte. Er grinste spöttisch. »Eher optimistisch, würde ich sagen. Was ist los?« »Dringende Geschäfte. Ich muss los, sorry.« Nicht das erste Mal überließ er seinem Team die Pressearbeit, aber die Siegerehrung musste er bisher noch nie ausfallen lassen. Schwamm drüber, sagte er sich. Gute Geschäfte winkten. Bisher war noch jede von Goldzahns Aktionen bares Gold wert. Eine Viertelstunde später brauste er auf der A6 Richtung Karlsruhe. Verschwitzt, aber bereit zu jeder Schandtat. Die paar Minuten bis zum Autobahnkreuz Walldorf hatte er Glück, aber auf der A5 verdichtete sich der Verkehr von Minute zu Minute, dass er am Schluss ebenso gut mit dem Fahrrad nach Basel hätte fahren können, statt in seinem schicken 6er Cabrio. Der notorische Stau gab ihm wenigstens genug Zeit zum Telefonieren. Einmal mehr versuchte er mit dem Knopf im Ohr, seine Händlerin zu erreichen. »Nimm ab. Mach schon, verdammt«, fauchte er wütend, als er wieder nur den Summton hörte. »Was soll ich machen?« Charlottes Stimme hörte sich verschlafen an. »Endlich«, seufzte er. »Störe ich?« »Robert, mein Lieber. Hast du eine Ahnung, was für ein Tag heute ist?« »Hochzeitstag?«, blödelte er. Seine Lotte war ein ebenso eingefleischter Single wie er. »Sonntag, lieber Chef. Heute ist Sonntag. Mein freier Tag, um genau zu sein. Also, was willst du? Mach es kurz, bitte. Ich bin müde.« »Warum auch immer«, brummte er böse. »Hör zu. Goldzahn hat einen Auftrag gefaxt. Er braucht uns für eine Aktion gleich bei Handelsbeginn in Schanghai. Wäre nett, wenn du die Sache anschauen könntest. Ich bin unterwegs, werde aber noch drei, vier Stunden brauchen.« »Schanghai. Ich bin begeistert. Was für eine Aktion soll das sein?« »Keine Ahnung. Du weißt, er spricht nicht gern am Telefon über seine Geschäfte.« »Sicher. Mal sehen, ob ich die Bank in meinem Zustand noch finde.« Sie unterstrich die Antwort mit lautem Gähnen. »So besoffen kannst du gar nicht sein.« »Ich dich auch«, stöhnte sie und legte auf. »Ein Schätzchen, die Lotte«, murmelte er grinsend. Sie mochte manchmal eine ausgesprochene Kratzbürste sein, aber zuverlässig war sie, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Die Stadt schlief schon, als er um Mitternacht vom Landesmuseum in den Bahnhofquai einschwenkte. Am Sonntagabend ging das anständige Zürich früh zu Bett, dachte Robert abschätzig. Fit musste man sein am Montagmorgen im Büro. Der sittenstrenge Reformator Zwingli beherrschte noch immer heimlich das Leben in seiner sonst ganz vernünftigen Stadt. Wenigstens brauchte er sich um diese Zeit nicht über Idioten auf der Straße aufzuregen. Die Tiefgarage der Bank am Paradeplatz war leer, trotzdem nahm er an, dass Charlotte schon eine ganze Weile über Goldzahns Fax brütete. Sie wohnte in der Nähe, mitten in der Stadt, kam stets zu Fuß zur Arbeit. Er wusste nicht einmal, ob sie überhaupt motorisiert war, obwohl sie schon seit vielen Jahren neben ihm am Handelspult saß. »Wenn du mich fragst, riecht das ganz nach alter Masche«, begrüßte sie ihn, ohne den Blick von ihren Bildschirmen zu lösen. Er legte ihr eine flache Schachtel neben die Tastatur. »Meinst du das?« »Studentenküsse!«, rief sie begeistert und sprang auf. Ein Augenzwinkern später verschwand ein Kleingebäck in ihrem Mund. Das letzte Mal hatte er die süße Versuchung aus Heidelberg vergessen, worauf ihr vorübergehend ein paar Haare mehr auf den Zähnen gewachsen waren. Er nahm das Fax von ihrem Pult und vertiefte sich in Goldzahns ausführliche Anweisungen. Der chinesische Unternehmer liebte es, seine Wünsche in langatmige Prosa zu fassen, deren Sinn sich ihm erst nach und nach offenbarte. Der Text steckte voller subtiler Hinweise. Nebensätze, die nur der Ausschmückung dienten, verdichteten sich zu einer zweiten Informationsebene hinter den eigentlichen Anweisungen. Der Subtext verriet ihm Goldzahns Motivation und seine Sicht auf das Marktgeschehen. Eine Sicht, die ihm und der Bank schon fette Profite beschert hatte. Er verstand nun Charlottes Kommentar. Der Auftrag lautete, mit Devisengeschäften und Börsentransaktionen Cash zu beschaffen für den über die nächsten Wochen gestaffelten massiven Ankauf von Lithium aus Chile und Argentinien. Gleichzeitig sollten die Aktienbestände der zwei Firmengruppen, die in den USA hauptsächlich Komponenten aus diesem Rohmaterial herstellten, verkauft werden. Ein Déjà-vu. Ein ähnliches Fax hatte er vor vier Jahren schon einmal gesehen. Damals ging es nicht um das weit verbreitete Lithium, das man für Akkus, Elektroautos und Spezialgläser benötigte, sondern um das Seltene Erden Metall Neodym. »Die alte Masche, wie du gesagt hast«, murmelte er nachdenklich. Sie nickte mit vollem Mund. Die halbe Schachtel war leer. Sie spülte die klebrige Schokolade mit Cola hinunter, dann meinte auch sie in Gedanken versunken: »Diesmal schießt er sich auf Lithium ein.« »Li kauft Li – passt«, grinste er, doch er war sich keineswegs sicher, ob er sich auch diesmal freuen sollte. »Er wird wissen, was er tut, packen wir’s.« Ihre Transaktionen würden bereit sein, wenn die Märkte in China öffneten. Und sein Broker in Zug durfte sich auf ein paar einträgliche Geschäfte freuen. Der Geizkragen müsste ihm sowieso wieder einmal einen Abend in der ›Kunststuben‹ an der Goldküste finanzieren. Fort Meade, Maryland Die zartbittere Schokolade war also verlobt. Gedankenverloren schaute Alex zu, wie die Sicherheitsbeamtin ihre Tasche durchwühlte. Sie hätte es sich ausmalen können. Eine solche Stimme, dazu noch in einer knackig sportlichen Hülle, konnte nicht Single sein. Sie schüttelte ärgerlich den Kopf, um die bitteren Gedanken zu vertreiben. »Ist was?«, fragte die Uniformierte befremdet. »Alles O. K.« Zum ersten Mal fiel ihr die Rückkehr nach Fort Meade nicht ganz so leicht wie sonst. Das beunruhigte sie, auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte. Die drei Tage Shopping und Theater in London, die sie an die Geschäftsreise angehängt hatte, genügten offenbar bei weitem nicht, sich diesen Ryan aus dem Kopf zu schlagen. Während ihres Interviews rückte das Thema zeitweise etwas in den Hintergrund. Das Begehren drohte sich vom Modell des Briten auf den Briten selbst zu verlagern. Ganz entgegen den klaren Regeln des Sicherheits-Handbuchs für NSA Angestellte. Was soll’s, sagte sie sich nicht zum ersten Mal, seit sie die Universität von Bristol verlassen hatte. Eine solche Beziehung hätte sowieso keine Chance. »Danke, Madam«, murmelte die Frau vom Sicherheitsdienst und schob den Inhalt ihrer Tasche über den Tisch. Einräumen durfte sie selbst. Die Prozedur beim Betreten des ›Building‹ gehörte auch zu den Rätseln, die Alex bis jetzt nicht verstand. Warum konnten die nicht einfach ein paar vernünftige Scanner installieren, die jedes elektronische Bauteil sofort orteten? Vor Elektronik in jeder Form fürchteten sie sich in Fort Meade wie der Papst vor den Frauen. Niemand führte ein Handy, eine Kamera, einen iPod oder Laptop mit sich, wenn er das Gebäude betrat oder verließ. Jeder wusste das. Die Angst vor miniaturisierten Megabytes war größer als die Abneigung gegen Schusswaffen und Klappmesser. Vielleicht müssten die Angestellten eines Tages ihr Hirn leeren vor dem ›COB‹, dem ›Close of Business‹, vulgo Feierabend. Soweit war es Gott sei Dank noch nicht. Weshalb aber beschäftigten sie Heerscharen Uniformierter, um nach Spiegeln, Taschentüchern und Nasensprays der Angestellten zu graben? Unangenehm für beide Seiten und irgendwie überflüssig, doch sie musste ja nicht alles verstehen. Sie stopfte ihre Habseligkeiten in die Tasche, nahm den Notizblock vom Tisch, den niemand beachtet hatte, und machte sich auf den hindernisreichen Weg in ihr privilegiertes Büro – ›f2b‹ zwanzig! Sie schaffte es, die Tür zu schließen, ohne dass Bob sie abfing. Sie fuhr den PC hoch, loggte sich ein und erledigte die Routinearbeiten ohne Begeisterung, dafür umso schneller. Dann kam die Stunde der Wahrheit. Sie rief das Formular für den Rapport ihrer Geschäftsreise auf. Mechanisch tippte sie die notwendigen Angaben wie Datum, Kontaktadresse, Zweck des Besuchs in die Felder des Deckblatts. Dazwischen schielte sie auf den Notizblock, als graute ihr vor seinem Inhalt. Das wichtigste Ziel der Reise hatte sie klar verfehlt. Ryans Modell lagerte noch immer unverstanden auf den Servern der Universität in Bristol. Schwierig, diese Tatsache so zu formulieren, dass ihr Boss die Reise als Erfolg verbuchte. Bobs Weltsicht in dieser Hinsicht war einfach: Ziel erreicht oder nicht, gut oder schlecht. Sie sah die Dinge differenzierter. Sie kannte Zwischentöne zwischen weiß und schwarz. Aus ihrer Sicht hatte sich die Reise gelohnt, und das nicht nur, weil sie nach langer Zeit wieder einmal die Luft von Oxford Street und West End geschnuppert hatte. Der Kontakt zum britischen Genie war hergestellt. Sie wusste nun, dass sein Modell höchst wahrscheinlich für die Suche nach den Hintermännern von Mountain Pass taugte. Sie hatte ihn neugierig gemacht. Mehr noch: er hatte Blut gerochen. Wenn sie nicht alles täuschte, war er bereits an der Erweiterung seines Modells, die sie so locker nebenbei besprochen hatten. Und all das, ohne ihre wahre Identität und Aufgabe preiszugeben. Je mehr sie darüber nachdachte, desto zufriedener fühlte sie sich. Auch Bob musste das mit der Zeit begreifen. Sie wusste jetzt, was sie schreiben wollte. Jedes Wort war wichtig, vor allem die Wörter, die man wegließ. Darin hatte sie Übung aus ihrer Zeit beim ›Journal‹. Ihr Bericht neigte sich dem Ende zu, als das schwarze Telefon klingelte. Sie zuckte zusammen. Ihr Herz pochte und das Blut schoss ihr in die Schläfen, als sie die Vorwahl des Anrufers sah: 44, Großbritannien. Die Journalistin nahm den Hörer und meldete sich wie üblich: »›Wall Street Journal‹, Alex Oxley.« »Alex, guten Morgen. Ryan Cole hier.« »Ryan, wie geht es Ihnen? Gut dass Sie anrufen. Ich wollte mich gerade bei Ihnen melden«, flunkerte sie, während sie versuchte, sich trotz der Stimme am andern Ende der Leitung zu beruhigen. »Trifft sich gut. Es gibt Neuigkeiten.« »Ich höre?« »Wollen Sie eine Wette mit mir abschließen?« »Ich verliere immer«, lachte sie. »Diesmal bestimmt, wenn Sie gegen mich wetten. Sie wissen, wir lassen das Modell jetzt dauernd den Markt beobachten. Seit heute Morgen erkennen wir einen neuen, völlig unerwarteten Trend im Commodity-Handel. Ich dachte, das würde Sie vielleicht interessieren für Ihren Artikel.« »Auf jeden Fall. Worum geht es denn?« »Lithium. Seit ein paar Tagen entwickelt sich der Preis genau nach dem Muster einer typischen Blase. Sie wird innerhalb eines Monats platzen. Dann fallen die Preise wieder auf das alte Niveau.« »Sie sagen ja doch die Zukunft voraus«, neckte sie. Dann fragte sie im Tonfall der routinierten Statistikerin: »Konfidenz?« »Achtzig Prozent.« »Immerhin. Das ist gut. Ich wette nicht, aber ich wünsche, dass Ihre Voraussage in Erfüllung geht. Wäre eine brillante Ergänzung für den Artikel.« Achtzig Prozent betrug die Wahrscheinlichkeit, dass die Lithium-Blase innerhalb eines Monats platzte. Erstaunlich, wie genau das Modell rechnete, wenn sich die Wirklichkeit an die Prognose hielt. »Wenn Sie wollen, sende ich Ihnen die Details an die Mailadresse auf Ihrer Karte. Ist das in Ordnung?« »Ja, natürlich, ausgezeichnet. Vielen Dank, Ryan.« Der Name schmolz auf ihrer Zunge fast wie die Schokolade in seiner Stimme. Bob streckte den Kopf zur Tür herein. Wie üblich ohne anzuklopfen. Sie hob nur den schwarzen Hörer in die Höhe, worauf er sich sofort wieder zurückzog. Schwarze Anrufe wirkten in diesem Haus besser als Besetztzeichen an der Tür. »Alex? Sind Sie noch da?« »Ja, sorry.« »Ich fragte, weshalb Sie mich sprechen wollten.« »Ach so, ja – klar.« Lass dir schnell etwas einfallen, Mädchen. Sie räusperte sich, während ihre Gedanken rasten. Der künstliche Husten half ihr, für eine Sekunde nicht an die sportliche Stimme zu denken. »Ich – wollte mich erkundigen, ob Sie nochmals über die Erweiterung nachgedacht haben.« »Die SWIFT-Sache meinen Sie?« »Ja.« »Die dürfte ziemlich trivial sein. Wir brauchen nur ein Stück Software, das die Meldungen analysiert und die benötigten Felder für unsern Input Feed aufbereitet. Ein Kinderspiel für einen SWIFT-Spezialisten. Die Auswertungsmodule sind bereits so konzipiert, dass sie alle Resultate bis zu den Quellen aufschlüsseln können. ›Backtracking‹ nennen wir das.« »Das ist – gut.« Eine intelligentere Antwort fiel ihr nicht sofort ein. Heute war ihr Glückstag. Bob würde begeistert sein. Vielleicht auch nicht. Das Modell war immerhin noch nicht im Haus. »O. K., ich muss wieder. Hat mich gefreut, mit Ihnen zu sprechen, Alex.« »Mich – auch. Bitte die Mail nicht vergessen.« »Alles klar. Bis zum nächsten Mal.« Gar nichts war klar. Was bildete dieser Ryan sich ein, sie derart zu verwirren? Warum tauchten plötzlich die verträumten Augen seiner Verlobten hinter ihrem Monitor auf? Das blonde Gift sagte kein Wort, aber sie wusste genau, was die Frau sagen wollte. Und sie hatte wahrscheinlich recht. »Schlag dir diesen Kerl aus dem Kopf«, schnauzte sie das Phantom an. »Was soll ich?« Bob trat ein. Er schien nur gewartet zu haben, bis sie den Hörer auflegte. »Komm doch herein«, lächelte Alex säuerlich. »Lass die Scherze. Wo ist das Modell?« »Das ist eine längere Geschichte. Der Bericht ist fast fertig. Wenn du mir noch zehn Minuten …« »Wäre ich dann in deinem lausigen Büro? Ich habe keine zehn Minuten. Also?« »Das Modell muss erst erweitert werden.« Es hörte sich an wie eine Tatsache, und so ganz falsch war die Antwort nicht. Sie erklärte ihm die notwendigen Anpassungen, indem sie wiederholte, was sie eben gehört hatte. »SWIFT-Gurus haben wir genug«, brummte Bob. »Kein Problem. Wo sind die Spezifikationen?« Gute Frage. Wenn sie ihre SWIFT-Daten in Ryans Modell füttern wollten, mussten die Programmierer der NSA genau wissen, welche Informationen in welchem Format die britische Software benötigte. Mist. Verwirrt wie sie war, hatte sie völlig vergessen, diese naheliegende Frage zu stellen. »Er – meint, die Schnittstellen müsse man zusammen erarbeiten«, antwortete sie unsicher. Sie hoffte, Bob würde die Spekulation nicht riechen. Er schüttelte den Kopf und knurrte verächtlich: »Blödsinn.« »Vergiss nicht: das ist ein Forschungsprojekt, kein kommerzielles Software-Paket mit sauber dokumentierten Modulen und Daten-Schnittstellen.« Wenn sie schon flunkerte, konnte sie gleich weitermachen. Sie musste dringend das Thema wechseln. »Ich habe übrigens gerade mit Ryan gesprochen«, erwähnte sie beiläufig. »Und?« »Es gibt interessante Neuigkeiten. Sein Modell ist einer weiteren Blase auf der Spur, die sehr bald platzen soll.« »Was du nicht sagst.« Sie ignorierte den sarkastischen Unterton und berichtete von Ryans Wette. Sobald sie das Lithium erwähnte, horchte Bob auf. »Lithium?«, unterbrach er erregt. »Lithium, verstehst du? Batterien, Akkus, Elektronik, Elektroindustrie, Waffentechnologie, Energiepolitik. Klingelt’s?« »Ich weiß nicht …« Händeringend klärte er sie auf: »Mountain Pass, Neodym, Magnete für Generatoren, Elektromotoren, Waffen, Energiepolitik. Siehst du einen Zusammenhang?« »Du glaubst …« »Was ich glaube braucht niemanden zu interessieren. Wir brauchen alle Facts über diese Lithium-Geschichte, und zwar auf der Stelle. Eine zweite Pleite wie Mountain Pass können wir uns nicht leisten.« »Ich erwarte die Mail mit den Einzelheiten jede Minute.« Zum ersten Mal an diesem Morgen zeichnete sich etwas wie ein zufriedenes Schmunzeln auf Bobs harten Gesichtszügen ab. Beinahe schon ein wenig Bewunderung für seine fixe Mitarbeiterin. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/hansjorg-anderegg/im-westen-geht-die-sonne-unter/?lfrom=196351992) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.