Januargier Ulrich Behmann Doktor Karl Mertens ist kein Rechtsmediziner, der seine Leichen gedanklich mit nach Hause nimmt. In seinen 38 Dienstjahren hat er schon mehrere Tausend Tote untersucht, aufgeschnitten und deren Inneres nach außen gekehrt. Deshalb ist er irritiert, dass ihn Nadja Stern bis in seine Träume verfolgt. Vielleicht liegt es ja daran, dass die Mittdreißigerin aus Hameln eine Kollegin war – bis zu ihrem plötzlichen und rätselhaften Tod hat sie im Krankenhaus „Rechts der Weser“ als Chirurgin gearbeitet. Den Anwalt der Toten wurmt es zwar, dass er die Todesursache nicht finden und damit ein Fremdverschulden nicht sicher ausschließen kann, doch die Kühlfächer in seinem Institut sind voll. In der Nacht nach der Obduktion raubt ihm die Tote den Schlaf. Es scheint so, als wolle sie ihm etwas mitteilen. Tags darauf untersucht der medizinische Forensiker die Frauenleiche ein zweites Mal. Dabei macht er eine grauenvolle Entdeckung, die den Mordermittlern Herma van Dyck und Kurt Brenner viel Arbeit bescheren wird. Treibt im Weserbergland ein skrupelloser Serientäter sein Unwesen? Falls ja, dann hat er womöglich schon viele perfekte Morde begangen. Zwischen Realität und Fiktion schaut Ulrich Behmann wieder einmal tief in die Augen und in die Seele eines Serienmörders. Januargier ist ein überaus fesselnder Psychothriller, der eine erschütternde Realität aufdeckt: Serienmörder leben mitten unter uns. Ruxandra Stănescu, Radio România, Deutscher Dienst Authentizität und Akribie mit Tiefgang charakterisieren dieses überraschende dritte Buch des Hamelner Journalisten. In seinem unverwechselbaren Stil schildert er Begebenheiten, beschreibt er, wie immer akribisch recherchiert, anschaulich Menschen und Landschaften und gewährt erneut einen Blick in den Abgrund der menschlichen Seelen, wobei er seine Protagonisten bis zur und manchmal auch über die Schmerzgrenze hinaus gehen lässt. Ehrlich gesagt: Wer am Schluss das Wort ,,ENDE“ lesen muss, würde am liebsten schon das nächste Buch Marke Ulrich Behmann in Händen halten. Beatrice Ungar, Chefredakteurin Hermannstädter Zeitung Fesselnd, mitreißend - absolut lesenswert und ausgezeichnet recherchiert. Ein echter Pageturner. Wechselnde Protagonisten und Handlungsstränge sorgen in diesem außergewöhnlich guten Gerichtsmediziner-Krimi für knisternde Hochspannung. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen. Dr. Detlef Günther, Leitender Oberarzt Institut für Rechtsmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover Fesselnd, atmosphärisch dicht und vielschichtig, vor allem aber mal wieder ein Krimi, der es verdient, gelesen zu werden. Warum? Weil uns Ulrich Behmann mitnimmt in das Reich des Bösen und in die reale Welt derjenigen, die das Böse bekämpfen – und weil er als Kriminalreporter das Hintergrundwissen hat, das vielen Autoren fehlt. Ich konnte Januargier nicht aus der Hand legen. Dieser realitätsnahe Roman ist hoch spannend bis zur letzten Zeile. Ein Must-Read. Roman von Alvensleben, Strafverteidiger Präsident Gewaltfänger e.V., Verein für Friedfertigkeit und Gewaltfreiheit Inspiriert von wahren Kriminalfällen. Kriminalroman – Realität und Fiktion vermischen sich zu einem ganz neuen Fall. Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de © 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln www.niemeyer-buch.de Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: C. Riethmüller Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH eISBN 978-3-8271-8405-4 Ulrich Behmann Januargier Mortui vivos docent – die Toten lehren die Lebenden Leitspruch der Pathologen und Rechtsmediziner Vorwort In diesem spannenden Kriminalroman beschreibe ich eine perfide Tötungsart, die mitunter sogar bei größter Akribie von Rechtsmedizinern übersehen werden kann. Ein solcher Mord (mehr möchte ich an dieser Stelle noch nicht verraten) konnte deshalb erstmals im Jahr 1957 nachgewiesen werden. Sechs Ärzte hatten sich intensiv mit einem mysteriösen Todesfall beschäftigt. 1020 Mäuse, 90 Ratten und 24 Meerschweinchen mussten seinerzeit ihr Leben für die forensische Beweisführung lassen. Die Forscher veröffentlichten ihre Erkenntnisse im berühmten „British Medical Journal“. Der Fall ging in die Kriminalgeschichte ein. Der mutmaßliche Mörder Kenneth Barlow wurde zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. Im Jahr 1984 kam er nach 26 Jahren frei – er hat bis zuletzt seine Unschuld beteuert. Kapitel 1 Er schaute auf die schwefelgelben Gummihandschuhe, in denen seine Hände steckten. Sie waren mit dem Blut der Toten in Kontakt gekommen und sahen nun seltsam marmoriert aus. Das Muster erinnerte ihn an den „Rausch in Rot“, den er sich vor ein paar Monaten für 140 Euro bei Palundu im Internet bestellt hatte. Das Acryl-Gemälde hatte ihm sofort gefallen. Es schmückte jetzt sein Arbeitszimmer. An den Namen des Künstlers konnte er sich nicht erinnern. Von dem kleinen Finger seiner rechten Hand tropfte Blut auf das kleine Tischchen aus Edelstahl, das im Schein der Neon-Deckenlampen funkelte. Eigentlich war alles wie immer. Er hatte sich gerade die Leber der jungen Frau genauer angeschaut, das Organ vorsichtig abgetastet – und schließlich zum Messer gegriffen, es in daumendicke Scheiben geschnitten, um es mit seinen wachen Augen ausgiebig von innen zu betrachten. Um ihn herum herrschte Stille. Das war eher unüblich für diesen Ort – obwohl dort der Tod allgegenwärtig war. Aber heute war alles anders. Er beobachtete sich selbst, sah von oben auf sich herab, so als stünde er wie ein nektartrunkener Kolibri in der Luft. Das war definitiv nicht normal. Menschen, die klinisch tot waren und in diesen Momenten wohl an der Schwelle vom Diesseits ins Jenseits standen, schilderten nach einer erfolgreichen Reanimation so ihre Nahtoderfahrungen. Lag er im Sterben? Was passierte gerade? Er war irritiert. Seine grünen Augen zuckten wild hin und her, berührten dabei seine geschlossenen Augenlider. Irgendein Geräusch schreckte ihn aus dem Schlaf. Er brauchte einen Moment, bis er begriff, dass er schweißgebadet daheim in seinem Bett lag und nicht im Sektionssaal stand. Doktor Karl Mertens richtete sich auf, stützte seinen Oberkörper auf seinen Ellenbogen ab und schüttelte sich wie ein nasser Pudel, so als wolle er einen Albtraum fortschleudern. Auf seiner Stirn hatten sich feine Schweißperlen gebildet. Einige vereinten sich jetzt zu einem dicken Tropfen, der in Höhe seiner Stirnfalte auf seinen Nasenrücken lief und von der Spitze seines Riechorgans auf seine Brust tropfte. Durch das Fenster schien der Mond in sein Schlafzimmer. Das fahle Licht des Erdtrabanten ließ auf der weißen Schrankwand gruselige Schatten entstehen. Einer erinnerte ihn an die Abbildung eines fiesen Dämons. Aber das hier war nur das Schattenbild der Krusning-Hängelampe, die seine Frau Barbara im vergangenen Sommer bei Ikea gekauft hatte. Mertens hatte schlecht geträumt. Von einer Leiche. Das war noch niemals zuvor geschehen. Er hatte in seinem Berufsleben schon mehr als 5000 Tote obduziert, sie mit scharfen Werkzeugen aufgeschnitten und deren Organe untersucht. Er schüttelte sich noch einmal, legte sich dann wieder auf den Rücken und dachte nach. Die Tote, von der er geträumt hatte, lag immer noch in einem Kühlfach des Instituts für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule, deren stellvertretender Leiter er war. Er hatte nicht herausfinden können, woran die junge Frau gestorben war, bei der Obduktion allerdings auch keine Spuren entdeckt, die auf Fremdverschulden hinwiesen. Vorerst gab es keine Anzeichen für Mord, Totschlag oder fahrlässige Tötung. Und dennoch hatte ihn diese Leiche bis in den Schlaf verfolgt. Das war neu für ihn – und wahrlich kein schönes Erlebnis. Jedenfalls beschloss der erfahrene Rechtsmediziner, sich den Leichnam ein zweites Mal anzuschauen. Er hatte in dieser Nacht das Gefühl, dass die Tote aus Kühlfach Nummer sechs ihm etwas sagen wollte. Wirst du jetzt auf deine alten Tage etwas crazy?, fragte er sich. Kurz bevor er wieder einschlief, kam ihm das lateinische Sprichwort „Mortui vivos docent“ in den Sinn. „Die Toten lehren die Lebenden“ – ja, so ist es, dachte er. Es war der Leitsatz aller Pathologen und Gerichtsmediziner. Das erneute Krächzen des Fasans, das ihn wenige Minuten zuvor aus dem Tiefschlaf gerissen hatte, hörte Doktor Mertens schon nicht mehr. Kapitel 2 Der Regen, den „Lolita“ mit Windstärke 9 vor sich hertrieb, bildete eine Wand aus feinen grauen Nadelstreifen, die den nahen grasbewachsenen Seedeich unsichtbar werden ließen. Dicke Tropfen schlugen mit großer Wucht gegen die Haustür. Drinnen hörte es sich so an, als würde jemand kleine Steine gegen das Haus werfen. Im Schlot pfiff der erste Wintersturm des neuen Jahres, das gerade einmal 29 Tage alt war, seine schaurigen Lieder. Immer dann, wenn der ohnehin schon kräftige Nordwestwind auffrischte und Schauerböen über das flache Land peitschten, klang es in dem mit roten Ziegelsteinen verklinkerten Haus am Deich so, als rausche draußen ein D-Zug vorbei. Vor sich auf dem Esstisch zwischen ihren Händen stand eine dampfende Tasse Ostfriesentee. Herma saß in der Küche ihrer gemütlichen Friesenkate in Ostbense und starrte in Gedanken versunken durchs Küchenfenster hinaus in das eintönige Grau, das die Felder und die Wiesen, die Bäume und die Windräder verschluckt hatte. Nicht einmal die im Sekundentakt aufblitzenden Warnlichter, die auf den Maschinenhäusern montiert worden waren, um Piloten von Hubschraubern und Kleinflugzeugen vor einer Kollision zu warnen, waren zu sehen. Mit ihren Augen, die müde und traurig aussahen, fixierte sie geistesabwesend einen Maulwurfshügel, der inmitten einer großen Pfütze stand, die sich über Nacht in ihrem Garten gebildet hatte. Der schwarze Erdhaufen, der aus der überschwemmten Rasenfläche herausragte, sah aus wie eine Vulkaninsel. Das Bild erinnerte Herma an ihre Kindertage. Damals hatte sie keine Folge der Augsburger Puppenkiste verpasst. Wenn „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ über die Mattscheibe flimmerten, hatte sie immer gebannt die Abenteuer der beiden auf der fiktiven Insel Lummerland, die aus zwei Bergen bestand, verfolgt. Noch heute waren ihr der Refrain der Titelmelodie und die Darstellung des Meeres mit flatternder Klarsichtfolie, die von einem blauen Licht angestrahlt wurde, in Erinnerung geblieben. Herma stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ach ja ... Alles Scheiße“, hörte sie sich sagen. Das letzte Wort schoss zischend aus ihrem Mund. Es hörte sich an, als versprühe eine Schlange wütend ihr Gift. Anfang Dezember war die Mordermittlerin in Hameln von einem Serienmörder attackiert, entführt und sehr schwer am Kopf verletzt worden. Herma hatte schwere Schädel-Hirn-Verletzungen davongetragen – und wie durch ein Wunder überlebt. Sie war dem Tod sehr nahe gewesen, hatte den Neurochirurgen der Medizinischen Hochschule Hannover ihr Leben zu verdanken. Knapp zwei Monate war das jetzt her. Herma van Dyck hatte sich nach ihrem wochenlangen Klinik­aufenthalt mühsam ins Leben zurückgekämpft, allerdings zugleich auch in ein Schneckenhaus zurückgezogen. Sie vermied bewusst den telefonischen Kontakt mit Harm Harmsen, der gerade an einer Polizeimission in Afghanistan teilnahm, und mit ihren Kollegen vom FK 1 in Hameln. Herma hatte keine Lust, mit jemandem zu quatschen; sie war lieber allein. Die Kriminalhauptkommissarin befand sich in einer Art Sinnkrise. Sie fragte sich, ob der Beruf als Mordermittlerin, der vor wenigen Wochen noch für sie Berufung gewesen war, der richtige für sie war. Sie war dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen. Sollte sie das Schicksal erneut herausfordern und weitermachen – so als wäre nichts geschehen? Herma nahm einen Schluck Tee, stützte ihre Ellenbogen auf der Tischplatte ab und umklammerte die 100 Jahre alte handbemalte Porzellan-Tasse, die einmal ihrer Urgroßmutter gehört hatte, mit beiden Händen. Sie war hin- und hergerissen. Sollte sie ihren Job, den sie so liebte, an den Nagel hängen? Oder sollte sie ihre Ängste verdrängen und sich möglichst schnell wieder in die Arbeit stürzen? Diese Entscheidung konnte ihr keiner abnehmen. Sie musste sie ganz alleine fällen. Herma kam eine alte Reiterweisheit in den Sinn, die ihr Vater häufig zitiert hatte. „Runterfallen. Wieder aufsitzen. Zügel richten. Weiterreiten.“ So hatte sie es bislang auch immer gehalten. Aber die hinterhältige Attacke hatte ihr Leben gänzlich verändert. Sie hatte ihr das Selbstvertrauen geraubt. Tagsüber wurde Herma häufig von Kopfschmerzen geplagt, nachts lag sie oft wach und verfiel in einen Grübel-Modus. Mit der rechten Hand strich Herma unwillkürlich durch ihr dünnes blondes Haar. An ihrem Hinterkopf ertastete sie die 15 Zentimeter lange OP-Narbe. An einigen Stellen war die inzwischen gut verheilte Wunde noch mit Schorf bedeckt. Mit den Fingerspitzen konnte Herma kurze Haarstoppel fühlen, die sich im Wundbereich gebildet hatten. Immerhin wachsen die Haare und ich behalte keine kahle Stelle zurück, dachte sie, presste die Lippen zusammen und quälte sich ein Lächeln heraus. Vorsichtig tastete Herma weiter ihre Kopfhaut ab. Mit ihrem Zeigefinger drückte sie auf das sich bildende Narbengewebe. Sofort schoss ein stechender Schmerz durch ihren Kopf. „Scheiße. Scheiße. Scheiße ...“, rief Herma. Es war ein Schrei der Verzweiflung. Würde sie wieder ganz die Alte werden? Früher hatte sie Freude bei dem Gedanken empfunden, einen spannenden Fall zu lösen. Bei dem Wetter hätte sie ihren gelben Friesennerz, den sie vor langer Zeit im Emder Käptn’s Shop gekauft hatte und den sie so liebte, übergezogen und sich bei Sturm und Regen auf den Deich gestellt, um die Naturgewalten zu genießen. Heute saß sie in ihrer Küche und wurde von Depressionen gequält. Von Zeit zu Zeit hatte Herma das Gefühl, Wasser im rechten Ohr zu haben. Alle Geräusche und Stimmen, die sie wahrnahm, drangen dann seltsam gedämpft und nur sehr leise bis zu ihrem Innenohr durch. Manchmal brachte sie ein hoher Pfeifton fast um den Verstand. Diese Ohrgeräusche konnten tagelang anhalten. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt, zu dem sie gegangen war, hatte von Tinnitus gesprochen und einen Hörsturz diagnostiziert. Eine Krankenschwester hatte ihr kurz darauf eine Kanüle in die Armvene geschoben und eine Infusion mit hoch dosiertem Cortison gelegt. Allein der Gedanke daran ließ Herma erschaudern. Kein Zweifel: Der Mordanschlag hatte Spuren hinterlassen – an ihrem Körper und an ihrer Seele. Herma schüttelte ihren Kopf. „Verdammt, der Kerl ist tot. Ich lasse es nicht zu, dass dieses Schwein weiter Macht über mich hat und ich am Ende daran zerbreche“, sagte Herma laut zu sich selbst – so als wolle sie sich Mut machen. Dann wäre es dem Serienmörder Ronny Rosslau nach seinem Selbstmord doch noch gelungen, sie zu zerstören. Ihr Vater hatte recht, als er zu Lebzeiten zu ihr gesagt hatte: „Nach dem Sturz muss man gleich wieder aufs Pferd steigen.“ Wenn ich jetzt aufgebe, ist mein Leben, so wie ich es mag, vorbei, dachte Herma. Das durfte sie nicht zulassen. Die Ostfriesin trank einen Schluck von dem starken Assam-Tee. Sie wirkte jetzt entschlossen, beinahe trotzig. Es war eine Stunde vor Sonnenuntergang. Der Regen machte eine Pause, die Wolken flitzten wie Getriebene vorbei und ließen keinen Blick auf den Himmel zu. Herma beschloss, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. Sie wollte fühlen, dass sie lebte. Sturmböen trieben Nebelschwaden vor sich her. Die kahlen Äste der Bäume, die von ihrem Paps als Windbreaker rund ums Haus gepflanzt worden waren, schienen nach ihr zu greifen, als Herma van Dyck die Tür hinter sich ins Schloss zog. Der Mordkommissarin machte die unheimliche Stimmung keine Angst. Sie wollte ganz andere Gespenster loswerden. Herma lächelte nur; sie zog ihr iPhone 7 aus der rechten Gesäßtasche und hielt den magischen Moment fest. Dann ging sie schnellen Schrittes über den schmalen, aber asphaltierten Deichverteidigungsweg zum 200 Meter entfernten Seedeich, den sie aufgrund des dichten Nebels und der einbrechenden Dunkelheit nicht sehen konnte. Herma kannte den Weg wie ihre Westentasche. Sie war ihn schon unzählige Male gegangen – bei Wind und Wetter. Ein paar Minuten später hatte die Ostfriesin die Treppenstufen hinauf zur Deichkrone hinter sich gelassen. Sie breitete ihre Arme aus, lehnte sich in den Wind, der ihr das Gefühl gab, sie kurzzeitig halten zu können. Das Meer konnte Herma nicht ausmachen, wohl aber riechen und hören. Die Wellen klatschten gegen den mit schweren Basaltsäulen verkleideten Deichfuß. Herma atmete tief durch, sog die salzige Luft gierig ein wie ein Kettenraucher den Nikotinrauch. Sie würde sich heute Abend ein schönes Glas Rotwein gönnen, früh zu Bett gehen und morgen eine Entscheidung fällen. Es war stockfinster geworden, als Herma zu ihrem Haus zurückkehrte. Von ihren schulterlangen Haaren tropfte das Wasser. Auf ihrem Gesicht hatte sich eine dünne Salzschicht gebildet. Mit dem Handrücken wischte sich Herma über ihre verklebten Augen. Im Schein einer alten Schiffslampe, die sie bei ihrem Lieblingsantikhändler Heino Onnen in Neugarmssiel gekauft hatte, erspähte die Kommissarin einen zweiten Maulwurfshügel – inmitten der kleinen Seenlandschaft, die sich in ihrem Vorgarten gebildet hatte. Wieder musste sie lächeln, wieder kam ihr Lummerland in den Sinn. Als sie die Tür öffnete und den gelben Kleppermantel abstreifte, war sie gut drauf – das erste Mal, seitdem sie das Krankenhaus verlassen hatte. Erst summte sie nur die Melodie aus Kindertagen, dann fing Herma zu singen an: „Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen weiten Meer ... ... mit viel Tunnels und Geleisen und dem Eisenbahnverkehr. Nun, wie mag die Insel heißen, ringsherum ist schöner Strand ... Jeder sollte einmal reisen in das schöne Lummerland.“ Kapitel 3 Als er in das schwarze Auge des fauchenden roten Drachens stach, der Frank Holdorfs rechten Oberarm zierte, leistete die Haut des Briefmarkenhändlers keinen nennenswerten Widerstand. Die feine Nadel drang blitzschnell vier Millimeter tief in das Unterhautfettgewebe des 55-Jährigen ein – gerade in dem Moment, als er ein Glas Bier an seine Lippen führen wollte. Es dauerte gerade mal eine Sekunde, da hatte die farblose Flüssigkeit den Spritzenkolben bereits durch eine äußerst spitze silberfarbene Kanüle, die mit bloßem Auge kaum zu erkennen war, verlassen. Den Stich hatte Holdorf nicht gespürt. Er hatte allerdings die rasche Bewegung, die sein Mörder mit der Hand gemacht hatte, aus den Augenwinkeln heraus wahrgenommen. Der Hamelner wirkte überrascht. Ungläubig sah er den Mann an, den er wenige Stunden zuvor in einer Altstadt-Kneipe kennengelernt hatte. Dann fiel sein Blick auf die Spritze, die der sympathisch wirkende Mittvierziger zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmt hatte. „Ey, du Arsch, was soll der Scheiß?“, stieß Holdorf hervor und rieb sich instinktiv über sein Drachen-Tattoo. „Was bist du denn für ein Perverser?“ Der Täter blieb die Antwort darauf schuldig. Er verzog sein Gesicht zu einer fiesen Fratze und grinste. „Halt’s Maul, Franky. Du hast es gleich hinter dir.“ In aller Ruhe steckte der Spritzenmann einen schwarzen Gummistopfen, den er in seiner linken Hand gehalten hatte, auf die Injektionsnadel und ließ die Spritze danach in die rechte Tasche seines Sweatshirts gleiten. Er würde die Spritze noch öfter benutzen. Dessen war sich der Mörder sicher. Dass es so einfach war, den perfekten Mord zu begehen, faszinierte ihn von Mal zu Mal mehr. Er hatte schon viele Menschen auf diese Weise getötet, aber noch nie hatten die Ärzte, die die Totenscheine ausstellen mussten, oder die Polizisten, die die von ihm verursachten Todesfälle untersuchten, Verdacht geschöpft. Jedenfalls hatte er später nichts in den Zeitungen darüber gelesen. Die Injektion zeigte rasch Wirkung. Frank Holdorf schwitzte stark. Auf seiner Stirn hatten sich dicke Schweißperlen gebildet. Sie tropften im Sekundentakt auf seine hervorstehenden Wangenknochen und fielen schließlich zu Boden. In seinem Schädel hämmerte ein Kopfschmerz, der rasch an Intensität zunahm und ihn wahnsinnig machte. Holdorf begann heftig zu zittern. Sein Herz raste, seine von der Tränenflüssigkeit brennenden Augen fingen plötzlich nur noch verschwommene Doppelbilder ein. Frank Holdorf saß wie gelähmt auf seinem Sofa. Dieser Typ musste ihm irgendeine Droge, die ihn wehr- und handlungsunfähig machte, injiziert haben. Holdorf erkannte, dass seine Kneipen-Bekanntschaft Schubladen öffnete und durchwühlte. Er konnte nichts dagegen tun, nicht einmal mehr sprechen. Der Schmerz in seinem Kopf wurde unerträglich. Er hatte das Gefühl, sein Schädel würde gleich platzen. Holdorf fing an zu fantasieren, er stellte sich vor, dass in seinem Gehirn ein Hufschmied mit einem schweren Hammer auf einen Amboss schlug – wieder und wieder. Er wollte, dass es aufhört, aber es war nur ein Wunsch, der nicht in Erfüllung ging. Er bekam keine Luft mehr, stöhnte und röchelte. Die kehligen und rasselnden Laute, die seinen Mund verließen, hörten sich an wie ein kaputter Auspuff. 20 Sekunden später wurde das Stöhnen und Gurgeln leiser, trübte Holdorf ein. Kurz darauf verlor er das Bewusstsein. Sein Oberkörper kippte zur Seite wie ein Sack Kartoffeln, dem jemand einen Fußtritt versetzt hatte, seine Augen waren weit aufgerissen und sahen angsterfüllt aus, seine Haut war aschfahl, seine Lippen wirkten blutleer. Das Gehirn hörte auf zu arbeiten. Weil deshalb die Impulse, die die Atmung auslösen, ausblieben, erstickte Frank Holdorf. Aber das bekam er schon nicht mehr mit. Der Mörder würdigte Holdorf keines Blickes. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, die Wohnung nach Wertgegenständen zu durchsuchen. Dabei achtete der Mörder peinlich genau darauf, dass nichts auf einen Einbruch hindeutete. Was er aus Fächern, Schubladen und Regalen entnahm und nicht gebrauchen konnte, legte er an seinen Platz zurück. Sogar Handtücher, die Holdorf fein säuberlich in seinem Badezimmer aufgestapelt hatte, legte er wieder zusammen, nachdem er sich versichert hatte, dass darin nichts versteckt worden war, und strich sie danach mit seiner rechten Handfläche glatt. Der Briefmarkenhändler hatte oft damit geprahlt, eine größere Anzahl Goldbarren zu besitzen. Er hätte es ihm nicht sagen dürfen. Einmal hatte Holdorf einen 100-Gramm-Barren im „KaLeu“, einer in Hameln bei Jung und Alt beliebten urigen Hafenkneipe an der Kupferschmiedestraße, herumgezeigt und so getan, als wolle er damit seine Zeche bezahlen. Frank Holdorf musste also reich sein. Und er dürfte seinen Schatz keiner Bank anvertraut haben. Wie hätte er sonst einen Barren mit sich rumschleppen können. Er wollte das Gold finden, hoffte, bei der Suche auch auf Geld zu stoßen. Bares erbeutete er besonders gern, denn: Geldscheine konnten ihn nicht verraten. Dass sich jemand die Nummern notiert oder die Banknoten mit unsichtbarer Farbe markiert hatte, kam eher selten vor. Der Mörder ließ sich Zeit. Er hatte keine Eile. Er nahm größere Bilder von der Wand, schaute sich die Rückseite genauer an. Manchmal fixieren Menschen dort einen Tresorschlüssel oder einen mit Geld gefüllten Briefumschlag. Bei Holdorf wurde er jedoch nicht fündig. Der Spritzenmörder tastete die Unterseiten der Schubladen ab – schon mehrfach hatte er an solchen Stellen gefunden, wonach er suchte. Aber Holdorf hatte auch dort nichts versteckt. Er schaute sich im Wohnzimmer um. Mit Argusaugen nahm er alles ins Visier, was als Versteck taugte. Dabei fiel sein Blick auf den Toten. „Wo hast du dein Geld und Gold versteckt, du Drecksack?“, rief er. Es war eine rhetorische Frage, eine, die er sich selbst stellte. Denn Frank Holdorf – das war ihm klar – würde ihm keine Auskünfte mehr geben können. Eine alte Milchkanne, in der ein roter Schirm und ein Spazierstock steckten, weckte sein Interesse. Die zum Schirmständer umfunktionierte Kanne stand im Flur neben der Garderobe. Das konnte er von der guten Stube aus sehen. Er kniff seine Lippen zusammen, beschloss, auch in der Kanne nachzusehen. Er hatte in den vergangenen Jahren etliche Wohnungen durchsucht und dabei gelernt, dass die einfachsten Verstecke meist die besten waren. Er wusste: Die meisten Frauen versteckten ihren Schmuck im Schlafzimmerschrank – zwischen Bettwäsche, Schals und Tüchern. Oder unter der Matratze. Besonders Gewiefte lagerten Wertgegenstände in der Küche. In gut gefüllten Zucker- oder Mehldosen. Männer deponierten das, was ihnen lieb und teuer war, gern in Hohlräumen im Fußboden, unter Dielenbrettern. Es gab unzählige Möglichkeiten, Dinge zu verstecken – er glaubte, alle zu kennen. Der Mörder betrat den schmalen, mit abgewetzten bunten, grob gewebten Läufern aus den 1970er-Jahren ausgelegten Flur, der von einer Deckenlampe erhellt wurde. Eine Mücke kreiste um den Halogenstrahler, schien aber keinen Gefallen an dem grellen kalten Licht zu haben. Er horchte auf. War da ein Geräusch gewesen? War Holdorf wider Erwarten nicht tot und wieder zu sich gekommen? Nein, das ist unmöglich, dachte er. Die Dosis, die er ihm verabreicht hatte, war absolut tödlich. Noch niemals zuvor hatte jemand die Injektion überlebt. In der Wohnung war es jetzt mucksmäuschenstill. Nur das leise Summen der Mücke und das monotone Brummen des Kühlschranks, der in der Küche stand, waren zu hören. Er schüttelte seinen Kopf, stieß leise pfeifend Luft aus und griff nach dem Henkel der zum Schirmständer umfunktionierten Kanne. Beim ersten Anheben wusste er, dass er einen Volltreffer gelandet hatte. Die Milchkanne war eindeutig zu schwer. Es musste irgendetwas in ihr stecken. Er zog die Kanne zu sich heran, holte Stock und Schirm heraus und fasste erwartungsvoll hinein. Er hatte gerade damit begonnen, den Boden abzutasten, als er ein Klacken hörte und im selben Moment einen heftigen Schmerz an den Fingern spürte. Reflexhaft zog er seine Hand aus der Tonne, klappte den Metallbügel um, der auf Zeige- und Mittelfinger geschlagen war, und entfernte die Mausefalle. Sein Gesicht sah seltsam verzerrt aus. Der Mörder schüttelte seine Hand – so als wolle er die Schmerzen wegschleudern. „Verdammtes Arschloch“, schrie er lauter, als ihm lieb war. Holdorf hatte seinen Besitz mit einer Schlagfalle gesichert. Er verfluchte den Kerl, der tot auf dem Sofa lag. Wütend packte er die Milchkanne und kippte deren Inhalt auf den Fußboden. Als er die einzeln in transparenten Kunststoff-Blistern verpackten Feingoldbarren sah, erhellte sich sofort seine finstere Miene. Er lachte triumphierend und stieß einen Freudenschrei aus, als er den Schatz in seinen Händen hielt. „Bingo. Hauptgewinn“, sagte er zu sich selbst. Mit heraushängender Zunge zählte er die Barren – es waren zehn. Speichel tropfte aus seinem Mund. Der Anblick von Geld und Gold löste bei ihm jedes Mal einen Pawlow’schen Reflex aus. Der berühmte russische Neurologe und Physiologe Iwan Petrowitsch Pawlow hatte bei seinen Studien über den Speichelreflex beim Hund immer geläutet, wenn seine Laborhunde gefüttert wurden – mit dem Ergebnis, dass die Tiere beim Klang der Glocke auch dann zu sabbern begannen, wenn gar kein Futter in Sicht war. Bei ihm verhielt es sich ähnlich. Nur dass er nicht an Zitronen oder an Nahrungsaufnahme dachte, wenn sein Speichelfluss aktiviert wurde. Geld und Gold lösten bei ihm diesen Reflex aus. Der Serienmörder fingerte aufgeregt sein Smartphone aus der Gesäßtasche. Seine Hände zitterten. Bei Google gab er die Suchbegriffe „Goldbarren“ und „100 Gramm“ ein. Während die Suchmaschine Ergebnisse ausspuckte, malte er sich aus, was er mit dem Geld machen würde. Ein Luxusurlaub auf den Malediven kam ihm in den Sinn. Wozu sparen? Er war jetzt reich, konnte sich ruhig mal etwas leisten. Mit dem rechten Zeigefinger tippte er die Internetseite von Degussa an. Er lächelte zufrieden, als er die Summe sah. Ein Barren Feingold wurde dort für 4831 Euro angeboten. Nach Adam Riese war Holdorfs Gold also 48310 Euro wert. Wie geil ist das denn? Der Mann, der vor weniger als einer Stunde skrupellos und heimtückisch einen Menschen mit einer Injektion ins Jenseits befördert hatte, grapschte sich das Gold, steckte es hastig in seine Hosen- und Jackentaschen. Als er sich aus der Hocke erhob, stellte er fest, dass seine Hose von den Hüften rutschte. Er musste den Gürtel enger schnallen, ausgerechnet deshalb, weil er so viel Gold bei sich trug. Was für ein irrer Witz ... Der Spritzenmann prustete laut los. Er kriegte sich nicht mehr ein vor Lachen ... Als er sich wieder beruhigt hatte, ging er zurück ins Wohnzimmer und schaute von oben herab auf sein Opfer – wie ein Habicht auf eine von ihm erlegte Maus. Mitleid hatte er nicht mit dem Mann, den er getötet hatte. „Selbst schuld“, dachte er. „Warum konntest du auch nicht dein Maul halten?“ Der Serientäter zog mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand ein aus roten und weißen Wollfäden zu einem winzigen Zopf geflochtenes Band aus der Brusttasche seines bordeauxroten Oberhemds. Er beugte sich hinab zu Holdorf, legte das Bändchen um das linke Handgelenk der Leiche und knotete es zu. „So, mein Guter. Das ist mein Abschiedsgeschenk für dich“, sagte er. „Vielleicht siehst du ja irgendwo da oben einen Storch. You never know. Gute Reise.“ Was er damit meinte, sagte er nicht. Warum auch? Holdorf konnte ihn nicht mehr hören. Der Mörder lachte nur – er schien amüsiert. Er schaute auf das Band – es war seine geheime Signatur. Die Ermittler würden sie übersehen. Dessen war er sich sicher. Niemand war ihm bislang auf die Schliche gekommen. „Tja, ich bin halt schlauer, als die Polizei erlaubt“, brabbelte er grinsend vor sich hin. Bevor der Spritzenmann die Wohnung seines Opfers verließ, ging er ins Badezimmer. Er drehte den Wasserhahn auf und wusch seine Hände, die bei der Suche nach dem Gold schmutzig geworden waren. Das heiße Wasser, das von seinen Fingern lief, färbte sich schwarz, tropfte in das weiße Waschbecken und hinterließ dort Schlieren. Der aufsteigende Wasserdampf hatte sich auf dem Spiegel niedergeschlagen. Er konnte sein Gesicht nicht sehen. Ihm kam die Idee, noch ein Zeichen zu hinterlassen. Mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand malte er drei Striche auf die beschlagene Spiegeloberfläche. Es waren die Anfangsbuchstaben der Namen seines Idols, dem er seit fünf Jahren nacheiferte. Niemand würde seine Hinterlassenschaft deuten können. Wenn überhaupt, wurden die Initialen erst sichtbar, wenn der Spiegel ein weiteres Mal beschlug. Aber das würde wohl kaum passieren. Und falls doch ... Auch egal. Sichtlich zufrieden, mit einem Kilo Gold in den Taschen, verließ er Holdorfs Wohnung, die in der dritten Etage eines Mehrfamilienhauses an der Domeierstraße lag. Er würde jetzt nach Hause gehen, sich ein kühles Zagorka einschenken und den Tag mit Hits von Emilia ausklingen lassen. So ein Volltreffer kam schließlich nicht allzu oft vor – der Erfolg musste gefeiert werden. Kapitel 4 Doktor Karl Mertens spürte ein leichtes Unbehagen in der Magengegend. Das hatte aber nichts damit zu tun, dass die 20. Leiche, die er sich heute kurz nach Sonnenaufgang im großen Kühlraum des Krematoriums auf dem Friedhof in Hannover-Lahe genauer anschaute, schon stark verwest war und deshalb einen intensiven süßlichen Geruch im Raum verströmte, den selbst er als unangenehm empfand. Der Rechtsmediziner kannte den Geruch des Todes nur zu gut. In seinen fast 40 Dienstjahren hatte er schon so ziemlich alles gesehen und gerochen, was mit dem Tod zu tun hatte – an ungezählten Leichenfundorten, in den Kühlräumen der Feuerhallen und im Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule, dessen stellvertretender Leiter er war. Mertens war für seine ausgezeichnete Nase bekannt. Er verstand es wie kaum ein anderer, Gerüche – wenn sie für die forensische Begutachtung einer Leiche wichtig waren – zu bewerten und zu identifizieren. Das konnte für die Klärung einer Todesursache von äußerster Wichtigkeit sein. Einmal hatte er einen Giftmord förmlich erschnüffelt. 1992 war das gewesen. Eine betrogene Ehefrau hatte sich seinerzeit ihres Mannes entledigt, indem sie ihm Zyankali in seine Leibspeise gemischt hatte. Weiß Gott, woher sie das Zeug hatte. Doktor Mertens hatte sofort den Bittermandelgeruch bemerkt – im Gegensatz zu manchen Menschen, die aus genetischen Gründen gar nicht dazu in der Lage waren, diesen verräterischen Geruch wahrzunehmen. Die hellroten Totenflecke waren ein weiteres sicheres Zeichen für eine Cyanid-Vergiftung gewesen. Seit mittlerweile acht Jahren führte der Rechtsmediziner im Krematorium Leichenschauen durch. Er machte das gleich nach dem Frühstück, noch bevor er mit seinem dunkelblauen Audi A6 das Institut für Rechtsmedizin ansteuerte, in dem die Leichen von Ermordeten, tödlich Verunglückten und Selbstmördern in Kühlfächern lagerten. Diese Toten wurden nicht wie die im Krematorium nur äußerlich genau unter die Lupe genommen, sondern auch aufgeschnitten und deren Organe und Körperflüssigkeiten untersucht. Vor der Einäscherung eines Verstorbenen musste immer dann eine zweite Leichenschau durchgeführt werden, wenn ein Arzt einen natürlichen Tod bescheinigt und die Polizei deshalb keine Kenntnis von dem Sterbefall hatte. Ein Totenschein genügte in diesen Fällen nicht. Bis zur Freigabe durch einen Rechtsmediziner oder Amtsarzt verblieben diese Verstorbenen in den Kühlanlagen des Krematoriums. Erst wenn ein Leichenbeschauer seine Zustimmung zur Einäscherung gegeben hatte, durfte ein Toter mitsamt dem Sarg in den Ofen geschoben und bei Temperaturen um 1000 Grad Celsius verbrannt werden. In der Regel dauerte dieser Vorgang 75 Minuten. Von einer Leiche blieben nur zwei bis drei Kilo Asche übrig. Anschließend wurden die sterblichen Überreste noch mineralisiert, um ihnen Schwermetalle und andere Schadstoffe zu entziehen, was sich für gewöhnlich ebenfalls über mehr als eine Stunde hinzog. War eine Leiche erst einmal kremiert und die fein zermahlene Totenasche in eine spezielle Kapsel gefüllt worden, ließ sich ein Fremdverschulden definitiv nicht mehr nachweisen. Deshalb legte der Gesetzgeber so viel Wert auf eine abschließende Zweitmeinung. Doktor Mertens war ein gewissenhafter Mann. Er verstand sich als Anwalt der Toten und hatte schon das eine oder andere Mal eine Leiche „angehalten“, wie es im Fachjargon hieß, weil er Hinweise auf einen Unfalltod oder auf ein Verbrechen gefunden hatte. Er nannte das scherzhaft Boxenstopp. An diesem Morgen war Mertens froh, dass er im eisigen Vorraum der Feuerhalle nicht mehr als die üblichen 20 Leichenschauen durchführen musste. Er wollte, so schnell es ging, ins Institut für Rechtsmedizin. Ihm ging die Tote aus Kühlfach Nummer sechs nicht aus dem Kopf. In der vergangenen Nacht hatte er von dieser Frauenleiche geträumt. Das war ihm noch niemals zuvor passiert. Mertens deutete das als Zeichen – er wollte die Tote ein zweites Mal untersuchen. Der Leitende Oberarzt hatte bereits während der kurzen Fahrt von seinem Haus in Hannover-Bothfeld zum Krematorium in Lahe seinen jungen Kollegen Doktor Klaus Martin telefonisch darüber informiert und ihn gebeten, alles für eine zweite Sektion vorzubereiten. Doktor Mertens wischte die Gedanken an die bevorstehende Nachuntersuchung beiseite, zwang sich, konzentriert zu arbeiten. Jetzt war erst einmal diese Tote an der Reihe. Leichnam Nummer zwanzig. Er lag nackt in einem geöffneten Sarg – wie die anderen 19, die er bereits zuvor akribisch in Augenschein genommen hatte. Bernie Krause, ein Mitarbeiter des Krematoriums, ging ihm heute zur Hand. Der Mann mit der roten Knollennase und den kräftigen Bauarbeiter-Händen drehte die Toten auf die Seite und auf den Bauch, wenn der Gerichtsmediziner ihn darum bat. Krause war Ende vierzig, von kräftiger Statur – und kein Freund von Nebensätzen. Er hatte sich im Laufe der Zeit an den Anblick von toten Menschen, an die seltsamen Schmatz- und Zischlaute der sogenannten Fäulnisleichen und an den üblen Geruch, den sie verbreiteten, gewöhnt. Der Rechtsmediziner warf einen kurzen Blick auf den Totenschein. Seine wachen Augen erfassten innerhalb weniger Sekunden die für ihn wichtigen Daten: „Name: Heide-Marie Roth, Alter: 69, Todesursache: Verdacht auf Herzinfarkt. Am 27. Januar 2020 um 21.35 Uhr leblos zu Hause aufgefunden.“ Viel mehr wusste Doktor Mertens nicht über die Verstorbene, die von ihm für die Feuerbestattung freigegeben werden sollte. Viel mehr musste er auch nicht wissen. Das, was ihn interessierte, musste er selbst bei der Leichenschau herausfinden. Die Seniorin dürfte schon vor mehr als zwei Wochen gestorben sein. Darauf deutete der fortgeschrittene Verwesungszustand hin. Die Bauchdecke war gebläht und hatte sich grün verfärbt. Die nässende Haut sah marmoriert aus und war mit Bläschen übersät. Typische Anzeichen für eine Fäulnisleiche. Bernie Krause verzog sein Gesicht. „Alter Schwede ... Gut, dass nicht alle Leichen so heftig riechen ...“, sagte der Helfer. Doktor Mertens nickte. „Ja, Herr Krause. Das stimmt wohl. Aber auch diese Tote verdient es, dass wir ganz genau hinschauen und den toten Körper respektvoll behandeln.“ Bernie Krause nickte. Er beeilte sich, Zustimmung zu signalisieren. „Logisch, Herr Doktor. Ich meinte ja auch nur ... Sorry, das sollte nicht ... das war nicht despektierlich gemeint. Nicht, dass Sie das in den falschen Hals kriegen ...“ Der Rechtsmediziner schaute Krause in die Augen. Dabei lächelte er. „Keine Sorge, Herr Krause. Das habe ich schon richtig verstanden. Ich empfinde diesen stechenden und zugleich süßlichen Ammoniak-Geruch ja auch als unschön.“ Mertens, der wie im Sektionssaal der Rechtsmedizin Mundschutz, Kittel und Gummihandschuhe trug, drückte mit den Fingerspitzen seiner rechten Hand auf den seltsam verfärbten Bauch der Toten. Bernie Krause räusperte sich: „Darf ich Ihnen mal eine Frage stellen, Herr Doktor?“ Mertens, der sich über den Holzsarg gebeugt hatte, richtete sich auf und unterbrach die Inaugenscheinnahme der Toten. „Na klar. Die erste Frage haben Sie ja schon gestellt. Wie lautet die zweite?“ Krause war irritiert. „Äh, die zweite Frage ...?“ „Ja, was wollen Sie wissen? Tun Sie sich keinen Zwang an. Raus damit ...“ Krause druckste herum. „Tja, also ... Ich frage mich, weshalb sich manche Leichen grün verfärben und so bizarre Muster auf der Haut haben.“ Der Leitende Oberarzt der Medizinischen Hochschule freute sich über Krauses Ahnungslosigkeit. Er stand gern im Hörsaal der Medizinischen Fakultät und bildete mit großer Freude angehende Mediziner aus. Jetzt war er in seinem Element. Mertens räusperte sich. Dann hob er zu einem Kurzvortrag an. „Fangen wir mit der Verfärbung an“, sagte Mertens, der das Dozieren liebte. Der Rechtsmediziner zeigte auf den Bauch der Toten. „Im Magen-Darm-Trakt befinden sich bekanntlich unzählige Bakterien. Diese Winzlinge sterben nicht, wenn ein Mensch stirbt. Sie vermehren sich unaufhörlich, produzieren jede Menge Fäulnisgase. Diese Gase enthalten unter anderem Schwefel. Wissenschaftler sprechen von Sulfhämoglobin. Das ist ein grünliches Hämoglobin-Derivat, das keinen Sauerstoff transportieren kann. Es entsteht durch Kontakt von Hämoglobin mit Schwefelverbindungen. Irgendwann durchdringen die Fäulnisgase das Unterhautfettgewebe und die Haut des Toten. Dadurch kommt es zu einer Grünfärbung der Bauchdecke und zu einem ausgeprägten Blähbauch.“ Mertens schaute Krause fragend an. „Na, alle Unklarheiten beseitigt?“ Der Helfer signalisierte durch heftiges Kopfnicken, dass er verstanden hatte. Dennoch wurde der Gerichtsmediziner das Gefühl nicht los, dass Krause noch etwas auf dem Herzen hatte. „Und? Noch eine Frage?“ Bernie Krause antwortete nicht sofort. Er zeigte stumm auf ein Geflecht aus roten Linien, die aussahen, als habe sich ein Maler in abstrakter Kunst versucht. „Und was ist das da?“, fragte er. „Die Marmorierung, meinen Sie?“ Krause atmete hörbar ein. Das nasale Schnaufen, das dabei entstand, klang gar nicht gut – es verriet dem Rechtsmediziner, dass sein Gehilfe kurzatmig war. Vielleicht war der Mann erkältet, womöglich rauchte er Kette. Mertens dachte nicht länger darüber nach. Stattdessen beantwortete er die Frage. Seine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Ganz einfach. Dort, wo diese roten Linien zu sehen sind, schlägt das Venennetz durch“, erklärte Doktor Mertens. „Das ist bereits alles. Aber ich gebe zu: Das sieht schon ein wenig skurril aus.“ Mertens klatschte laut in die Hände, um die Konversation zu unterbrechen. Die Leichenschau musste weitergehen. „So, Herr Krause, dann drehen Sie doch bitte die Tote auf die linke Seite.“ „Jawoll“, quittierte der Leichenschau-Helfer und ging zur Sache. Während er die verweste Frauenleiche bewegte, lief eine rot-violette Flüssigkeit aus Mund und Nase der toten Frau. Ungefragt erklärte Mertens, was da gerade vor sich ging. „Diese schaumig-wässrige Substanz kommt aus der Lunge – das Organ ist verfault, deshalb hat sich darin Fäulniswasser gebildet.“ Über ihnen erhellten 40 Neonröhren den wohl 100 Quadratmeter großen Saal, der Eiseskälte ausstrahlte, was wohl dem kalten Licht und der Temperatur geschuldet war, die von den Kühlaggregaten auf konstante fünf Grad Celsius gehalten wurde. Doktor Mertens schätzte diese Kühle besonders im Hochsommer. Der Raum war, wenn er von Bernie Krause für die wöchentliche Leichenschau vorbereitet worden war, nichts für zarte Gemüter. Hinter einer großen Schiebetür aus Stahl, die beige lackiert war, standen rechts und links je zehn geöffnete Särge, die auf Rollwagen standen. Es war eine Leichenhalle, wie man sie aus Kinofilmen kannte. Helfer Bernie hatte die Toten, die in den vergangenen 48 Stunden von Bestattern aus dem Umland angeliefert worden waren, schon am frühen Morgen aus kleineren Kühlräumen geholt, sie entkleidet und den ganzen Papierkram für die bevorstehende Leichenschau vorbereitet. Heide-Marie Roth – oder besser: was von ihr übrig war – wirkte aufgedunsen. Ihre Lippen waren extrem stark aufgequollen. Sie sahen aus, als würden sie jeden Moment bersten. Die Haut war mit zahlreichen Bläschen, die mit Flüssigkeit gefüllt waren, übersät. Im Sarg stand das Fäulniswasser mehrere Millimeter hoch. Am linken Armgelenk entdeckte der Leichenbeschauer eine schmale kreisrunde Vertiefung. Die Schnürfurche weckte das Interesse des Gerichtsmediziners. Mertens schaute genauer hin, tastete die feine Rille mit dem Zeigefinger, der wie der Rest seiner Hand in einem blauen Einmalhandschuh steckte, ab. Dass die Haut dabei knisterte, erstaunte den erfahrenen Gerichtsmediziner freilich nicht. Er wusste: Das Weichgewebe war mit Fäulnisgasen durchsetzt. Bei Druck löste das ein Knistern aus. Der routinierte medizinische Forensiker fand die Ursache für die Einschnürung, die ihn an eine Drosselmarke, wie man sie zuweilen an Hälsen von Mordopfern fand, erinnerte. Diese Druckmarke war jedoch unverdächtig. Die Frau hatte zu Lebzeiten ein Freundschaftsbändchen getragen. Die geflochtenen Fäden sahen aus, als seien sie im Laufe der Zeit ins Gewebe eingewachsen. Das war aber der post mortem aufgequollenen Haut und den mit Fäulniswasser gefüllten Bläschen geschuldet, die an einigen Stellen aufgeplatzt waren. Den stellvertretenden Institutsleiter erinnerte das Bändchen, dessen Farben er wegen der bereits austretenden Leichenflüssigkeit nicht mehr erkennen konnte, an den Schlagersänger Wolfgang Petry, der sich diese bunten Armbänder zu seiner besten Zeit inflationär, ja kiloweise, um seinen linken Arm gebunden hatte. Das Bild hatte sich tief in das Gedächtnis des Arztes eingebrannt. Etwas bereitete dem gewieften medizinischen Detektiv ein leichtes Unbehagen – vor seinem geistigen Auge sah er plötzlich die Leiche der Frau aus Hameln, die ihm im Traum erschienen war. Wenn er sich richtig erinnerte, hatte auch sie ein dünnes Stoffbändchen am Handgelenk getragen. Vielleicht ist das gerade wieder in Mode gekommen oder nur ein Zufall, wischte Mertens die Gedanken beiseite. Sorgfältig setzte Mertens die Untersuchung der Toten fort. Doch die Stimme von Wolfgang Petry konnte er nicht so einfach verscheuchen. Obwohl der leitende Rechtsmediziner kein großer Schlagerfan war, kam ihm der Anfang einer Strophe aus einem Hit des Sängers in den Sinn, der sich wie ein Ohrwurm in seinem Kopf festzusetzen drohte. „Verlieben, verloren, vergessen, verzeih’n ...Verdammt, war ich glücklich, verdammt, bin ich frei ...“ Doktor Mertens atmete tief durch und wieder aus. Er wunderte sich über sich selbst, dass er jetzt den Drang verspürte, das Lied zu singen – ausgerechnet während einer Leichenschau. Der Rechtsmediziner schüttelte den Gedanken daran ab, er konzentrierte sich auf seine Arbeit, strich Hautfalten glatt, leuchtete mit einer kleinen, aber starken Halogentaschenlampe in die Körperöffnungen der Leiche. Mertens konnte keine Hinweise auf Fremdverschulden entdecken. Allerdings gestaltete sich das auch schwierig, denn: Milliarden von Fäulnisbakterien waren dabei, den Körper zu zersetzen. Mertens schaute noch einmal auf den von einem Allgemeinmediziner unterzeichneten Totenschein. „Verdacht auf Herzinfarkt.“ Der Rechtsmediziner dachte einen Moment lang nach, zog die Augenbrauen hoch. „Na ja, der Hausarzt muss es ja wissen“, sagte er leise zu sich selbst und rümpfte die Nase. Dabei entstanden Sorgenfalten auf seiner Stirn. Nicht einmal er hätte bei dem Zustand der Leiche ohne Autopsie eine Todesursache benennen können. Das stand fest. Aber vielleicht hatte der Hausarzt ja ein wenig orakelt, weil er die Vorerkrankungen der Frau kannte. Ein Beweis war das natürlich nicht. Auch Todgeweihte konnten schließlich Opfer eines Mörders werden. „Hat es alles schon gegeben“, dachte Mertens, als er seinen Helfer anwies, die Tote auf den Bauch zu legen, um deren Rücken inspizieren zu können. Zum Glück war es nicht seine Aufgabe, die Todesursachen seiner „Patienten“ herauszufinden. Das geschah eher nebenbei. Seine vorrangige Aufgabe war es, nach Hinweisen auf ein mögliches Fremdverschulden zu suchen – sowohl bei der äußeren als auch bei der inneren Leichenschau. Gab es keine Anzeichen dafür, war der Fall für ihn erledigt. Das unterschied die Gerichtsmediziner von den Pathologen, deren Autopsie-Saal sich gleich neben dem der Rechtsmediziner befand. Die einen suchten im Auftrag der Polizei, der Staatsanwaltschaft und – manchmal auch – von Angehörigen nach einer Antwort auf die Frage, ob bei einem suspekten Todesfall ein Mörder seine Finger im Spiel hatte, die anderen fahndeten im Dienste der Wissenschaft – oft mithilfe eines Mikroskops – nach Anzeichen für Erkrankungen, die zum Tod eines Klinik-Patienten geführt hatten. Der Leitende Oberarzt setzte seine akribische Untersuchung fort; er betrachtete jeden Quadratzentimeter Haut der Toten – zumindest das, was die Fäulnisbakterien davon übrig gelassen hatten. Was hatten Hausärzte bei der ersten Leichenschau nicht schon alles übersehen – sogar Stich- und Schusswunden. Die Literatur war voll davon. An den sterblichen Überresten von Heide-Marie Roth konnte der Gerichtsmediziner keine Auffälligkeiten entdecken. Der Leichenbeschauer gab schließlich sein Okay für die Einäscherung. Nachdem Doktor Karl Mertens seine blauen Gummihandschuhe abgestreift, den hellgrünen Kittel ausgezogen und sich von Bernie Krause verabschiedet hatte, setzte er sich in seinen A6, stecke den Schlüssel ins Zündschloss und startete den 272 PS starken Motor. Nur 15 Minuten später stellte Mertens seinen Wagen vor dem Institut für Rechtsmedizin an der Carl-Neuberg-Straße Nummer 1 ab. Sein Mantel wehte im Wind, als er die rote Institutstür am Eingang Nord aufschloss. Er hatte ein Rendezvous mit einer Leiche. Dass er in Lahe ein Tötungsdelikt übersehen hatte, ahnte Doktor Mertens zu diesem Zeitpunkt nicht. Kapitel 5 Herma knöpfte ihre weiße Bluse auf, legte ihren BH ab und betrachtete sich dabei im Spiegel. Mit den Fingern ihrer rechten Hand strich sie sich durch ihre dünnen blonden Haare, die noch vom starken Nordwestwind zerzaust und von dem feinen Nieselregen, der seit Tagen auf Ostfriesland niederging, feucht waren. Für mein Alter sehe ich noch ganz passabel aus, dachte sie. Manch junge Deern beneidete sie um ihre schlanke sportliche Figur und um ihre üppige Oberweite. Die Mordermittlerin hatte in den vergangenen zwei Monaten, die sie im Krankenhaus und daheim zugebracht hatte, etwas an Gewicht zugenommen – das zeigte nicht nur die Waage, davon zeugte auch die kleine Bauchspeck-Rolle, die jetzt über ihre Gürtelschnalle quoll. Die Ostfriesin beschloss, wieder mehr joggen zu gehen. Auf den Deichen zwischen der Nordsee, den zahlreichen Binnenseen und den Fehnkanälen, den unzähligen Schafen und Möwen fühlte sie sich besonders wohl. Dort lagen die von ihr bevorzugten Laufstrecken. Vielleicht sollte ich mich lieber in einem Fitnessstudio anmelden, dachte sie, als sie sich bäuchlings auf die Liege legte und auf Georg wartete. Sie mochte es, wenn er sie nicht mit Samthandschuhen anfasste und hart zur Sache ging. Sie wollte seine kräftigen Finger auf ihrer nackten Haut spüren – danach sehnte sie sich schon seit Tagen. Georg Schultz war Physiotherapeut und seit Neuestem auch Chef des Watt-und-Meer-Zentrums in Bensersiel – er besaß heilende Hände und hatte Herma vor ihrem Umzug nach Hameln oft geholfen, wenn ihr Rücken mal wieder vom langen Sitzen vor dem Dienstcomputer verspannt war. Einmal hatte sie sich bei einer Verfolgungsjagd in Aurich einen Nackenwirbel verdreht. Georg war auch nach Feierabend sofort zur Stelle gewesen; er hatte ihre Knochen wieder eingerenkt. An das fiese Knacken konnte sie sich noch gut erinnern. Herma van Dyck versuchte zu dösen, aber es gelang ihr nicht, sich zu entspannen. Die Narben auf ihrer Kopfhaut schmerzten heute wieder einmal besonders heftig. Sie hatte Angst, gleich einen Migräneanfall zu bekommen. Seit dem Mordanschlag auf sie, der sie beinahe das Leben gekostet hatte, machte ihr jeder noch so kleine Wetterumschwung zu schaffen. Herma hörte die Schreie der Lachmöwen, die im Schwarm vom Meer landeinwärts flogen, vermutlich, um sich auf irgendeinem matschigen Acker niederzulassen und dort die Würmer, die sich an die Erdoberfläche gerettet hatten, zu fressen. Die scharfen durchdringenden Rufe der Vögel hörten sich wie „Kriiiärr“ und „Kik“ an. Diese Laute erinnerten Herma an ein spöttisches Lachen – es passte gut zu einem Shanty, der gerade leise aus einem Lautsprecher, der in die Decke des weiß gestrichenen Therapieraums eingelassen worden war, erklang. Radio Ostfriesland spielte „Nimm uns mit, Kapitän, auf die Reise ...“ Hermas Blick fiel auf ein großformatiges Bild der Auricher Malerin Katja Freimuth. Die farbenfrohen, kraftvollen, expressionistischen Werke der Künstlerin waren für Herma das i-Tüpfelchen in Watt und Meer – sie schienen inspiriert worden zu sein von der positiven Strahlkraft und Vielfalt der Natur und weckten in ihr positive Gefühle. Das Gemälde sollte wohl eine Blumenwiese zeigen. Die Tür ging auf. Georg trat ein – seine blauen Augen strahlten, als er seine alte Freundin begrüßte. „Moin, Herma. Kannst es wohl kaum abwarten, dass ich dich durchknete“, sagte er vergnügt. Die völlig verspannte Mordermittlerin drehte ihren Kopf zur Seite. „Autsch! Verflucht“, schrie sie. „Gut, dass du da bist, Georg. Du musst mich von den Schmerzen im Nacken und im Kopf befreien. Alles tut höllisch weh. Das ganze Ibuprofen und Novalgin, das ich seit Wochen schlucke, hilft nicht.“ Georg schwieg, er begann stattdessen mit seiner Arbeit. Herma fühlte seine warmen Hände auf ihrer Haut, spürte, dass er mit seinen Fingerspitzen ihre Triggerpunkte ertastete. „Mannomann ... Warum bist du nicht früher zu mir gekommen?“, fragte Schultz seine Patientin. In seiner Stimme schwang etwas Vorwurfsvolles mit. „Deine Muskeln sind ja total verhärtet. Überall fühle ich Knoten unter deiner Haut. Das sind alles heftige Muskelverhärtungen. Kein Wunder, dass du Schmerzen hast, die bis in den Kopf ausstrahlen.“ Herma stöhnte leise auf, als Georg mit seiner Triggerpunkt-Therapie anfing. Mit seinem rechten Ellenbogen drückte er das Blut aus den punktuellen Verhärtungen in ihrer Skelettmuskulatur. „Du musst jetzt ganz tapfer sein. Das wird wehtun“, kündigte Georg an. „Das tut es jetzt schon“, sagte Herma. „Was hast du vor?“, wollte sie wissen. „Wenn du es genau wissen willst. Ich werde mir zunächst die myofaszialen Triggerpunkte in deinem Schulterheber-Muskel und dann die in deinem Trapezmuskel vornehmen. Das sind exakt die Stellen, die bei dir Schmerzen im Nacken, im Hinterkopf und im Schläfenbereich auslösen, also triggern. Das ist auch schon alles. Ist keine Hexerei, nur: gewusst wie.“ Herma van Dyck stöhnte nur. Sprechen konnte sie nicht. Der Druck, den Georg auf ihren Rücken ausübte, ließ ihrer Lunge im Moment kaum Raum zum Atmen. Herma und Georg kannten sich schon seit ihrer Jugend. Sie teilten eine Leidenschaft: das Segeln. Früher hatte Herma ihrem Jugendfreund oft beim Surfen zugeschaut. Im Gegensatz zu ihr war Georg, obwohl er im Ruhrpott das Licht der Welt erblickt hatte, ein Meister auf dem Brett. Der Wahl-Ostfriese liebte wie sie hohe Wellen und eine steife Brise. Immer wenn es ordentlich stürmte und die meisten Menschen lieber am warmen Ofen saßen, standen Georg und seine Freunde auf ihren Surfbrettern. Damals hatte er noch lange blonde Haare gehabt. Herma war oft zum Seedeich in Ostbense gegangen, um den muskulösen Beachboys zuzusehen. Die durch die Gischt der aufgewühlten Nordsee schießenden Surfsegel hatten farbenfrohe Akzente im braunen Wasser des Wattenmeeres gesetzt. Herma und Georg waren beide im verschlafenen kleinen Ostbense, das zu Neuharlingersiel gehörte, aufgewachsen. Vor zwei Jahren hatte der Physiotherapeut der Siedlung den Rücken gekehrt, um im nahen Ben­sersiel die Geschäftsführung des renommierten Watt- und-Meer-Zentrums zu übernehmen. Georg Schultz war nicht nur ein begeisterter Wassersportler, er interessierte sich auch für das Wetter, das er wie kaum ein anderer in Ostfriesland vorhersagen konnte. Der leitende Physiotherapeut besaß die seltene Gabe, Regen schon riechen zu können, bevor am Horizont die ersten Wolken auftauchten, obwohl die südliche Nordsee für ihr mitunter eigenwilliges Mikroklima bekannt war. Es hielt sich für gewöhnlich nicht an Vorhersagen. Insbesondere die Medizin-Meteorologie hatte es Georg Schultz angetan. „Ich vermute, dass dir das Wetter zusetzt, Herma“, hob Schultz zu einem Vortrag über sein Lieblingsthema an. Die Kriminalhauptkommissarin versuchte zu nicken. Außer einem zustimmenden „Hm“ kam ihr nichts über die Lippen. „Ich weiß ja nicht, ob du es weißt. Wir hatten in den vergangenen vier Wochen eine ganz besondere Wetterlage“, klärte Georg Herma auf, während er seinen rechten Ellenbogen mit dem Gewicht seines Oberkörpers gezielt in einen Schmerzpunkt auf Hermas Rücken drückte, um das Blut möglichst vollständig aus dem Knubbel zu pressen und dadurch die Selbstheilungskräfte ihres Körpers zu aktivieren. „Aha“, presste Herma van Dyck hervor. Georg Schultz meinte ein Fragezeichen herausgehört zu haben. „Die Messungen des Deutschen Wetterdienstes am Emder Flughafen zeigen, dass wir im Januar an der Küste ungewöhnlich große Schwankungen des Luftdrucks hatten – an zwei Tagen wurden sogar rekordverdächtige Werte von 1040 Hektopascal und mehr gemessen. Der helle Wahnsinn ist das.“ Herma konnte mit diesen Informationen nichts anfangen. „Also, für mich sind das böhmische Dörfer. Ich verstehe nur Bahnhof. Was hat das denn jetzt mit meinen Kopfschmerzen zu tun?“ Der Therapeut und Hobby-Meteorologe hatte auf diese Frage gewartet. Er freute sich jedes Mal, wenn er sein Wissen an den Mann oder an die Frau bringen konnte. Schultz holte kurz Luft, dann startete er einen Erklärungsversuch. „Du musst wissen, dass die Standardatmosphäre hier bei uns – also auf Meereshöhe – einen Luftdruck von 1013,25 Hektopascal hat. Das ist das weltweite Mittel. Hier im Therapieraum herrscht ein Druck von cirka 1000 Hektopascal. In einem Autoreifen ist es doppelt so viel. Und wie ich schon sagte: An zwei Tagen hatten wir an der Küste einen Luftdruck von mehr als 1040 Hektopascal. Das wirkt sich schon auf den Kopf aus – bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Es liegt auf der Hand, dass das bei empfindlichen Menschen heftige Kopfschmerzen auslösen kann.“ Herma hob ihren Kopf an, schaute Georg in die Augen. „Ich war nie wirklich wetterfühlig. Okay, ein bisschen vielleicht, aber nicht so richtig ...“ Der Physiotherapeut zog seine Augenbrauen hoch. „Du, ich bin kein Arzt, aber ich kann mir gut vorstellen, dass dich die schweren Schädel-Hirn-Verletzungen, die dir von diesem Arschloch zugefügt wurden, anfällig für diese Luftdruckschwankungen gemacht haben.“ Herma van Dyck biss sich auf die Unterlippe – ihr liefen plötzlich Tränen über die Wangen. Sie schluchzte. „Hast du mal ein Taschentuch für mich, Georg?“ Der Cheftherapeut zog ein unbenutztes Stofftaschentuch aus seiner weißen Hose und reichte es seiner Patientin. Er schämte sich dafür, dass er bei Herma einen wunden Punkt getroffen und seine Bekannte zum Weinen gebracht hatte. Warum konnte er auch seinen Mund nicht halten. Der Angriff auf Herma lag gerade mal zehn, elf Wochen zurück. Herma van Dyck hatte die Attacke definitiv nicht verarbeitet. Sie war noch nicht wieder die Alte. Das hätte er ahnen können. Georg Schultz kratzte sich verlegen auf seiner Glatze. Dann strich er Herma übers Haar. „Hey, nicht weinen. Das wird schon wieder. Wirst schon sehen. Du bist eine starke Frau. Aber du musst Geduld haben ...“ Herma schnäuzte sich die Nase. „Ja, klar. Ich kriege das schon hin. Mich kotzt es nur an, dass da vielleicht etwas in meinem Gehirn kaputtgegangen ist – und dass mich das bis an mein Lebensende schmerzlich an dieses beschissene Arschloch erinnern wird. Auf dieses Andenken kann ich gut verzichten.“ Georg machte eine abwehrende Handbewegung. „Noch ist nicht aller Tage Abend. Vielleicht ist das ja auch nur der Winterblues, der dir aufs Gemüt geschlagen hat. Und wie gesagt: Diese extremen Luftdruckschwankungen haben bei vielen Menschen Kopfschmerzen ausgelöst. Meine Praxis wird von diesen leidgeprüften Menschen förmlich überrannt. Bei einigen lösen diese Wetterkapriolen Migräneattacken aus. Denk positiv ... Wichtig ist doch nur: Der Scheißkerl ist tot – und du lebst. Kopf hoch ... Wirst sehen: Bald bringst du wieder Verbrecher zur Strecke und trägst dazu bei, dass unser Land noch sicherer wird.“ Georg Schultz hatte es geschafft, Herma zum Lächeln zu bringen. „Hast ja recht, Georg. Ich bin eine Kämpferin. Ich beiße mich schon durch. Weißt du, wie sie mich in Rumänien früher genannt haben?“ Herma schob die Antwort gleich grinsend hinterher. „Starke Typin.“ Sie strahlte dabei Zuversicht aus, erzählte von der Zeit, als sie als Ehrenamtliche der DLRG-Ortsgruppe Wangerland in Ostfriesland Hilfsgüter für Siebenbürgen gesammelt und auf den Balkan gefahren hatte. 20 Jahre war das jetzt her. Wie schnell doch die Zeit verging. Herma wurde nachdenklich. In 20 Jahren würde sie schon längst in Pension sein. Georg Schultz blieb nicht verborgen, dass Herma van Dyck Stimmungsschwankungen hatte. Er fragte sich, wann die Mordermittlerin wohl wieder diensttauglich sein würde. Sie musste möglichst rasch wieder das tun, was sie am liebsten tat – Mörder jagen und festnehmen. Der Physiotherapeut verkniff sich die Frage, ob Herma Hilfe vom Polizeipsychologischen Dienst bekam. Er wusste aus Fernsehserien, dass Polizisten, die Schreckliches erlebt hatten oder im Dienst schwer verletzt worden waren, erst dann wieder als dienstfähig eingestuft wurden, wenn sie zuvor von einem Polizeipsychologen oder Psychiater eine Art Unbedenklichkeitserklärung bekommen hatten. Aber ob das der Wahrheit entsprach oder ob sich das die Drehbuchautoren bloß ausgedacht hatten, wusste Schultz nicht. Während er mit seinen Händen Hermas Nacken- und Rückenmuskulatur bearbeitete, dachte er über das nach, was seiner alten Freundin im Dezember im Dienst widerfahren war. Er war froh, etwas dazu beitragen zu können, dass Herma wieder auf die Beine kam. Die Arbeit würde ihr guttun. Davon war er überzeugt. Kapitel 6 Schneller als sonst üblich hatte sich Doktor Karl Mertens in einem mit Spinden gefüllten Nebenraum des Sektionssaals umgezogen und seinen steingrauen Lieblingsanzug gegen einen hellgrünen Kittel getauscht. Darüber trug der stellvertretende Leiter des Instituts für Rechtsmedizin eine schneeweiße Schürze aus hauchdünnem Kunststoff. Sie sollte seine Berufskleidung vor Blutspritzern und anderen unkontrolliert austretenden Körperflüssigkeiten schützen. Um 8.45 Uhr betrat Mertens den Saal, der sich im Erdgeschoss des Gebäudes I6 befand. Er ließ die Glastür hinter sich ins Schloss fallen und verschaffte sich zunächst von seiner leicht erhöhten Position einen Überblick. Die rechte Hand lässig gegen die geflieste Wand gestützt, seine linke in die Hüfte gestemmt, ließ er seinen Blick über die drei Stufen tiefer liegenden fünf baugleichen, etwas klobig wirkenden Sektionstische aus poliertem Edelstahl schweifen. Mertens’ Pose erinnerte an einen Feldherrn, der versuchte, ein Schlachtfeld zu überblicken. In gewisser Weise stimmte das Bild – wenn auch im übertragenen Sinne. Im Sektionsraum wurde zwar nicht gestorben, aber hier lagen immerhin die sterblichen Überreste derjenigen, die in den vergangenen Tagen und Nächten möglicherweise durch fremde oder eigene Hand Opfer stumpfer oder scharfer Gewalt geworden waren. Die Toten hatten eines gemeinsam – sie warteten darauf, dass ihnen jemand ihr Geheimnis entlocken würde. Auf jedem Untersuchungstisch lag eine unbekleidete Leiche. Mertens zählte drei weibliche und zwei männliche Tote. Die Präparatoren hatten bereits aufgetischt. Den stechenden Geruch von Formalin, der sich an der kühlen Luft mit dem leicht süßlichen Gestank von faulendem Fleisch vermischte, nahm Doktor Mertens nicht wahr. Er betrachtete die Szene ein, zwei Minuten lang und stieß sich dann ruckartig von der kalten Wand ab. Na, dann mal frisch ans Werk, dachte der Leitende Oberarzt und klatschte dabei – lauter, als ihm lieb war – in die Hände. Mertens war voller Elan. Auch nach fast vier Jahrzehnten konnte er sich noch für seine Arbeit begeistern. Der von Neonröhren bis in den letzten Winkel ausgeleuchtete große Raum war bis zur Decke weiß gekachelt, der Fußboden bestand aus unzähligen kleinen grau-weißen Mosaikfliesen. Mertens kniff die Augen zusammen – er hielt angestrengt Ausschau nach Assistenzarzt Doktor Martin. Dort, wo sich Klaus aufhielt, war die Tote aus Kühlfach Nummer sechs vermutlich nicht weit. Das hoffte Mertens zumindest. Er wollte sich als Erstes um die junge Frau aus Hameln, die ihn bis in den Schlaf verfolgt hatte, kümmern. Als der stellvertretende Institutsleiter seinen Mitarbeiter erspäht hatte, ging er zielstrebig auf ihn zu. „Guten Morgen, Klaus“, sagte Mertens und klopfte seinem jungen Kollegen väterlich auf die linke Schulter. Doktor Klaus Martin war Anfang 30 – er schnitt erst seit vier Jahren Leichen auf und lamellierte eigenständig deren innere Organe. Auch Martin hatte offenbar schlecht geschlafen. Seine braunen Augen, die die Farbe dunklen Holzes hatten, sahen müde aus, als er seinen Chef über den oberen Rand seiner rahmenlosen Brille hinweg anschaute. „Was soll an diesem Morgen gut sein?“, fragte Martin und zeigte auf die Seziertische. „Da liegen fünf Tote, die wir obduzieren müssen. Und in den Kühlfächern lagern bei konstanten sechs Grad Celsius noch sieben weitere Polizeileichen.“ So nannten Gerichtsmediziner die Toten, die auf Anweisung der Staatsanwaltschaft ins Institut gebracht worden waren. Doktor Mertens runzelte die Stirn, signalisierte mit ausgebreiteten Armen Unverständnis. „Was willst du mir damit sagen, mein Lieber? Das ist doch fast jeden Tag so ...“ Klaus Martin machte eine wegwerfende Handbewegung. „Äh ... Na ja ... Ich meine nur: Wir können uns über Arbeit nicht beklagen, und wir beide nehmen uns jetzt noch mal die Leiche einer Frau vor, die wir bereits gestern obduziert haben. Ganz offen und ehrlich: Ich verstehe nicht, warum ...“ Der Leitende Oberarzt lächelte wissend, verschränkte seine Arme vor der Brust. „Geht es in unserem Job nicht immer um das Warum?“ Doktor Martin winkte ab. „Ist ja auch egal ... Du machst ja eh, was du willst. Die Frau liegt auf Tisch eins.“ Präparator Hermann Schmidt stand am Kopfende und wartete geduldig auf die Mediziner. Auf Anweisung von Doktor Klaus Martin hatte er die Bahre, auf der der Leichnam lag, vor einer halben Stunde aus dem Kühlfach, von dort auf einen höhenverstellbaren Rollwagen gezogen und dann zum Sektionstisch geschoben. Er war gespannt, was Mertens und Martin vorhatten. Es kam nicht häufig vor, dass Rechtsmediziner eine Leiche ein zweites Mal untersuchen wollten – zumal sich die aufgeschnittenen Innereien der Toten bereits in einem blauen Kunststoffsack befanden, den Schmidt nach der Autopsie in die zuvor ausgeräumte Bauchhöhle der Toten gestopft hatte. Auf Geheiß der Obduzenten hatte der Präparator den tiefen Längsschnitt, der von der Drosselgrube am Hals über das Brustbein bis hinunter zur Schambeinfuge reichte, mit einer großen chirurgischen Nadel und einem starken blauen Faden ordentlich wieder verschlossen. Nun lag die Frau ein zweites Mal vor ihm. Schmidt wusste nicht, warum. Er machte sich aber auch keine großen Gedanken darüber. Wenn die hohen Herren das so wollten, dann soll es halt so sein, dachte er. Er wurde nicht fürs Denken bezahlt. Was soll ich mir darüber den Kopf zerbrechen?, fragte er sich. Und so wartete Präparator Schmidt geduldig, die behandschuhten Hände rechts und links des Kopfes der Leiche auf dem Seziertisch aufgestützt, auf das, was da kommen würde. Seine katzengrünen Augen glänzten ein wenig altersmüde. Dass Schmidt gelangweilt aussah, war den forensischen Medizinern, die sich zu ihrem Arbeitsplatz bewegten, nicht entgangen. Doktor Karl Mertens näherte sich dem Sektionsassistenten mit ausgestreckter Hand, um ihn zu begrüßen. Die Hände des Rechtsmediziners steckten bereits in gelben Latex-Handschuhen. „Hallo, Herr Schmidt. Wie immer der Erste am Tisch ...“, sagte Mertens augenzwinkernd. Der Spruch sollte die Stimmung auflockern. Offenbar waren die Worte richtig gewählt, denn Schmidt fing an zu lächeln. „Moin, Doc, na ist ja auch kein Wunder, oder? Einer muss ja die Leichen aus dem Schrank ziehen und alles für euch Experten vorbereiten.“ Während Mertens auf das aus dünnen roten und weißen Wollfäden geflochtene Bändchen starrte, das sich immer noch am rechten Handgelenk des Leichnams befand, machte Schmidt eine ausholende Handbewegung und zeigte stolz auf ein auf vier Metallbeinen ruhendes Edelstahltischchen, das er über den Füßen der Leiche aufgestellt hatte. Der Organtisch war mit einem dunkelgrünen OP-Tuch abgedeckt worden. Darauf hatte Schmidt ein mit Formalin gefülltes Töpfchen und allerlei silberfarbene Instrumente, die im Neonlicht funkelten, platziert – penibel nach Größe geordnet lagen dort Skalpelle, Pinzetten, Messer, Sägen, eine Rippenschere und ein Brustkorbspreizer. Doktor Mertens kannte Schmidt schon seit mehr als 30 Jahren. Er arbeitete gern mit ihm zusammen, wusste, dass der ergraute Präparator äußerst gewissenhaft und für Lob empfänglich war. „Ja, was wären wir Rechtsmediziner ohne unsere fleißigen Helfer ... Vielen Dank, Herr Schmidt, dass Sie wieder einmal alles so sorgfältig vorbereitet haben. Die meisten Werkzeuge werden wir wohl heute nicht brauchen. Wir haben ja gestern schon von allen Organen Proben entnommen und asserviert. Auf die können wir ja – falls nötig – zurückgreifen.“ Doktor Klaus Martin verdrehte die Augen – er war sichtlich genervt. „Karl, es wäre wirklich schön, wenn du uns jetzt mal darüber aufklären würdest, weshalb wir uns diese Frauenleiche ein zweites Mal vornehmen sollen. Es wäre jetzt mal an der Zeit, dass du mich in deine Pläne einweihst.“ Mertens hob die Hände. Der stellvertretende Institutsleiter sah jetzt aus wie ein Pastor, der zu Beginn des Gottesdienstes das Kyrie eleison singen und danach seine Gemeinde segnen wollte. „Nur Geduld, meine Herren“, sagte Mertens. „Ich werde es euch gleich sagen. Omnia tempus habent – alles hat seine Zeit.“ Mertens fragte sich, ob er seinen Kollegen erzählen sollte, dass ihm die Tote seinen Schlaf geraubt hatte. Er traf die Entscheidung, es nicht zu tun. Auch die Sache mit den Freundschaftsbändchen behielt er vorerst für sich. Die halten dich für verrückt, dachte er, als er ein hellgrünes Häubchen über sein schütteres Haar stülpte und den Mundschutz, der unter seinem Kinn baumelte, vor Mund und Nase zog. „Nun, es ist so: Ich möchte, dass wir uns den Leichnam noch einmal sehr gründlich anschauen. Von außen, wohlgemerkt. Vielleicht haben wir gestern etwas übersehen“, sagte Doktor Mertens und knetete dabei nervös seine Hände. Martin schaute ihn fragend an. „Ja, gut. Das habe ich mir – ehrlich gesagt – schon gedacht. Das beantwortet aber nicht die Frage, warum wir das machen.“ Präparator Hermann Schmidt musterte Kaugummi kauend abwechselnd Mertens und Martin. Er war gespannt, was der Leitende Oberarzt darauf erwidern würde. „Nun“, setzte Doktor Mertens an. „Manchmal sehen wir nur, was wir wissen.“ Der alte Hase machte eine kurze Atempause. Er mochte Doktor Martin, betrachtete sich als seinen Mentor. Den kritischen Unterton in der Stimme seines Assistenten hörte er wohl, er nahm ihm die Fragerei aber nicht übel. Martin erinnerte ihn an seine eigene Sturm-und-Drang-Periode. „Hey, Klaus ... Mach jetzt kein Drama draus. Ich möchte nur ganz sicher sein, dass uns gestern kein Flüchtigkeitsfehler unterlaufen ist. Und deshalb stelle ich meine und deine Arbeit auf den Prüfstand.“ Mertens sah, dass sowohl sein Assistenzarzt als auch der Präparator Fragezeichen auf der Stirn hatten. Schmidt mimte den stillen Beobachter. Was hätte er auch gegen eine erneute Inspektion der Frauenleiche einwenden sollen. Die Ärzte sagten ihm, was zu tun war – und er tat, was ihm aufgetragen wurde. Er war nur der Gehilfe. Schmidt schob seinen Kaugummi mit der Zunge in die rechte Wange und wartete ab. Assistenzarzt Martin schien das Verhalten seines Vorgesetzten nicht nachvollziehen zu können. Er rang nach Worten. „Und das hat dir heute Nacht ein Engel eingeflüstert, oder was?“ Doktor Mertens fühlte sich ertappt – er holte tief Luft, zog den Mundschutz herunter. „Nein, natürlich nicht.“ Der Jung-Forensiker ließ nicht locker. „Was ist es dann? Wenn du mich fragst: Bene decessit – und aus die Maus.“ Mertens leckte sich über die Unterlippe. Er dachte einen Augenblick nach. Sein Assistent war ganz offensichtlich voreingenommen. Hatte er eben tatsächlich bene decessit gesagt? Das war Latein und bedeutete: „Sie starb eines natürlichen Todes.“ Sollte er das aus seiner Sicht unprofessionelle Verhalten tadeln oder den Satz einfach ignorieren? Mertens entschied sich für Letzteres – er blieb ganz ruhig. „Du urteilst vorschnell. Was macht dich so sicher, dass sie eines natürlichen Todes gestorben ist? Ich vermag das zum jetzigen Zeitpunkt nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu sagen“, blaffte er Martin an und schlug sich mit der flachen Hand vor die Brust. „Mein Instinkt, gepaart mit fast 40 Jahren Erfahrung, sagt mir: Wir sollten noch einmal ganz genau hinschauen. Ich habe ein ungutes Gefühl, wenn wir jetzt einen Haken hinter diese Obduktion machen, der Kripo sagen, dass wir keine Hinweise auf Fremdverschulden gefunden haben und der Bestatter die Leiche nachher zur Feuerbestattung abholt. Dann werden wir niemals erfahren, ob bei diesem Todesfall alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Komm, lass uns anfangen. Je eher wir beginnen, desto schneller sind wir fertig und können uns um die anderen Leichen kümmern.“ Klaus Martin sah ein, dass es objektiv keinen Beweis dafür gab, dass diese Frau eines natürlichen Todes gestorben war. Sie hatten die Todesursache nicht herausfinden können. Bis auf eine leichte Hirnschwellung, auf die sie sich keinen Reim machen konnten, war an diesem Leichnam nichts auffällig gewesen. Martin wusste, dass sein Chef ein hervorragender Gerichtsmediziner war, der international einen exzellenten Ruf genoss. Mertens’ Renommee stand außer Frage. Klaus Martin bereute es, sich über das Bauchgefühl des alten Hasen lustig gemacht zu haben. Von Mertens konnte er noch viel lernen – das stand fest. „Gut“, lenkte Doktor Martin ein. Er schaute verschämt zu Boden und starrte auf die Mosaikfliesen. Ihm war nicht wohl in seiner Haut. „Ja, stimmt ... Ich war vorschnell. Sorry. Kommt nicht wieder vor.“ Mertens lächelte zufrieden, zog seine Maske wieder vor Mund und Nase. Der Dozent konnte sich nicht verkneifen, noch ein lateinisches Sprichwort zu bemühen – er liebte diese alten Weisheiten, die noch heute Gültigkeit hatten. „Schwamm drüber, Klaus. Du weißt doch: De omnibus dubitandum.“ Sektionsassistent Schmidt hasste es, wenn sich die Kittelträger auf Latein unterhielten. Er verstand dann nicht, was sie sagten. Doktor Mertens wusste das. Deshalb schob er die Übersetzung stante pede und augenzwinkernd hinterher: „Das heißt: An allem ist zu zweifeln.“ Doktor Martin kannte das Faible seines Chefs für lateinische Sprüche. Er hob grinsend seine rechte Hand, streckte den Zeigefinger wie Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel aus, ließ sich gekonnt auf den Fersen nach hinten kippen – und sagte lächelnd: „Ja, es stimmt. Leti mille repente viae – schnell führen Tausende Wege in den Tod. Aber am Ende dieser Wege stehen wir. Wer, wenn nicht jemand, der unserem Berufsstand angehört, sollte den Toten ihre Geheimnisse entlocken?“ Stolz schwang in der Stimme des Assistenz­arztes mit, als er sich den sterblichen Überresten von Nadja Stern zuwandte. Kapitel 7 Im Halbdunkel starrte sie an die Betondecke, die irgendwann einmal mit grobem Spritzputz und weißer Farbe verschönert worden war, und harrte der Dinge, die da kommen würden. Ihre Unterschenkel ruhten auf einem mit schwarzem Kunstleder überzogenen Schaumstoff-Würfel, ihre Beine waren rechtwinkelig angezogen, ihr Rücken lag auf einer mit einem lilafarbenen Bettlaken überzogenen Liege, die an einen Seziertisch erinnerte, ihr Kopf ruhte auf einer harten Nackenrolle. Sie sah aus, als sei sie mitsamt einem Stuhl umgekippt und liege nun – hilflos wie ein Maikäfer – auf dem Rücken. Als die Hand, die sie von ihrer Position aus nicht sehen konnte, den Schalter umlegte, spürte sie heftige Vibrationen. Ein metallisches Klingeln dröhnte in ihren Ohren. Herma van Dyck lag auf einem quaderförmigen Bett, das mit dem Stromnetz verbunden war, und wurde kräftig durchgerüttelt. Zeitweise fühlte es sich so an, als würden mehrere Tausend Ameisen über ihren Rücken krabbeln. Die stoßartigen Bewegungen lösten bei ihr einen Juckreiz aus, aber sie konnte sich nicht kratzen. Seit sie von heftigen Kopfschmerzen geplagt wurde, ließ sie nichts unversucht, die Pein loszuwerden. Nach Georgs manueller Therapie war sie gleich zu ihrem alten Freund Ulli gegangen, der seit 1987 vis-à-vis dem Watt-und-Meer-Zentrum in Bensersiel eine gut gehende Hausarztpraxis betrieb. Kurarzt Doktor Ulrich Messner hatte vor einigen Jahren gemeinsam mit staatlich anerkannten Physiotherapeuten eine spezielle biomechanische Schmerztherapie entwickelt, die sogar nach ihm benannt worden war. Es handelte sich um eine Kombinationstherapie, die sich aus biomechanischer Stimulation, klassischen Massagen, Akupunktur und aus einer Behandlung, bei der die Schmerzpunkte mit den Handballen und den Fingerkuppen gerieben wurden, zusammensetzte. Die Schmerztherapie nach Doktor Messner war inzwischen über Ostfriesland hinaus bekannt. Viele Patienten reisten extra aus dem Ruhrpott an die Küste, um sich von dem stets gut gelaunten Allgemeinmediziner behandeln zu lassen. Messners Praxis wurde an manchen Tagen förmlich überrannt. Wer zeitnah einen Termin bekam, konnte sich glücklich schätzen. Für Herma, die schon zu ihm gekommen war, als sie noch ein Kind war, hatte Ulli immer Zeit, notfalls machte er für sie Überstunden. Messner wusste, was Herma im Dienst zugestoßen war – sie hatte im Koma gelegen, war künstlich beatmet worden. Eine Blutung hatte zu einer Hirnschwellung geführt. Zum Glück hatte sie sich zurückgebildet. Doch die immer wieder plötzlich auftretenden Kopfschmerzattacken waren geblieben. Messner bereitete das Sorgen. Früher hatte Herma viel Sport getrieben. Segeln, Surfen, Joggen, Boßeln – in ihrer Jugend hatte sie nichts ausgelassen. Sie war ständig in Bewegung gewesen. Ein echter Wirbelwind ... So oft sie konnte, war sie mit ihrer 470er-Rennjolle rausgefahren, um bei Wind und Wetter zu segeln. Kein Sturm hatte sie davon abhalten können. Wie oft hatte sie ihm die Geschichte erzählt, wie sie nördlich von Janssand zwischen den Inseln Langeoog und Spiekeroog von einem rasch aufziehenden Gewitter überrascht worden war. Ihr Boot war damals in den meterhohen Wellenbergen gekentert. Seenotretter hatten sie aus der aufgewühlten See gefischt und ihre Jolle in den sicheren Hafen von Neuharlingersiel geschleppt. Am nächsten Tag war Herma van Dyck wieder segeln gegangen – so, als wäre nichts passiert. Angst kannte sie nicht. Sie war immer wie ein Stehaufmännchen gewesen, hatte sich nicht durch Niederlagen oder Misserfolge entmutigen lassen. Und nun? Seit dem feigen Mordversuch schien Herma nicht mehr die Alte zu sein. Sie bewegte sich offenbar zu wenig, verkroch sich meist in ihrem Haus am Deich. Dem Hausarzt war bei den zurückliegenden Untersuchungen und Behandlungen aufgefallen, dass die Kommissarin in den letzten Wochen zeitweise niedergeschlagen war und häufig an sich selbst zweifelte. Sie schien unter Stimmungsschwankungen zu leiden. Mal war sie fröhlich, mal traurig. Hermas Schicksal ließ Messner nicht kalt. Er wollte ihr helfen, rasch ins Leben zurückzufinden. Der Arzt tat alles in seiner Macht Stehende, um sie von den quälenden Schmerzen zu befreien. Er wollte sie lächeln sehen. Herma hatte ihre Augen geschlossen und dachte an Harm Harmsen. Sie fühlte sich einsam und sehnte sich nach ihm. Im vergangenen Herbst hatten sie sich bei ihm in Oldenburg getroffen. Sie hatten Rotwein getrunken, und sie war in seinen Armen eingeschlafen. Mehr war in dieser Nacht nicht passiert. Leider, seufzte sie. Während sie von der Maschine, die sie an eine Folterbank erinnerte, kräftig durchgerüttelt wurde, dachte Herma über ihre Schmerzen und Ohrgeräusche nach. Was, wenn das nie aufhörte? Sie gestand sich ein, dass sie der Mordanschlag aus der Bahn geworfen hatte. Die Verletzungen an ihrem Kopf mochten bald verheilt sein, die Wunden an ihrer Seele waren es nicht. Immerhin, die maschinelle Rüttelmassage à la Doktor Messner, kombiniert mit den Akupunkturnadeln, die Ulli dienstags und donnerstags geschickt in ihre Kopfhaut drehte, sodass die Einstiche kaum zu spüren waren, und die heilenden Hände von Georg, der montags und freitags ihren Nacken und Rücken mit seinen kräftigen Händen bearbeitete, schienen ihr gutzutun. Die Kommissarin vertraute ihrem alten Hausarzt und dem erfahrenen Physiotherapeuten. Sie wäre aber mittlerweile auch bereit gewesen, einen lebendigen Frosch zu verspeisen, wenn sie das von ihren Migräneanfällen befreit hätte. Die Mordermittlerin griff nach jedem Strohhalm, ließ sich auf alles ein. „Ja, es stimmt wohl. Ich bin in ein tiefes Loch gefallen, aber ich werde mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen“, sprach sich Herma selbst Mut zu. Herma beschloss, bereits in der kommenden Woche nach Hameln zurückzukehren. Sie wollte endlich wieder Sexualstraftäter jagen und Mörder dingfest machen. Doch erst einmal musste sie polizeidienstfähig geschrieben werden. Während sie auf der Rüttelliege lag und kräftig durchgeschüttelt wurde, dachte sie an Doktor Manfred Rixinger. Der auffallend hagere Polizeiarzt und Psychologe mit der schiefen Pinocchio-Nase, auf der eine John-Lennon-Nickelbrille thronte, musste erst sein Okay dazu geben. Es graute ihr schon davor, die Fragen des Seelenklempners beantworten zu müssen. Was, wenn er sie für dienstunfähig hielt? Was, wenn sie in irgendein langweiliges Polizeiarchiv abgeschoben wurde oder fortan nur noch Herrin irgendeiner staubigen Asservaten-Kammer war? Herma versuchte, diese Gedanken zu vertreiben, indem sie wieder an Harm Harmsen dachte. Sie vermisste ihren feschen Oberfroschmann. Was er wohl gerade in Afghanistan machte? Sie redete sich ein, dass er an einem sicheren Ort Dienst schob. Aber sie wusste, dass das Land am Hindukusch ein gefährliches Pflaster war. Erst vorgestern hatte es in Kabul einen Anschlag mit 33 Verletzten gegeben. Die Maschine hörte abrupt auf, Vibrationen zu produzieren. Plötzlich war es still in dem abgedunkelten Behandlungsraum. Ein Knarren verriet Herma, dass jemand die Tür geöffnet hatte. Ulli Messner steckte seinen Kopf durch den Türrahmen. „Na, Herma ... Alles klar bei dir? Wie fühlst du dich heute?“ Herma richtete sich auf, setzte sich auf die Kante der Rüttelliege und ließ ihre Beine baumeln. Als sie wieder auf ihren Füßen stand, hatte sie das Gefühl, als stünde sie auf einem schwankenden Schiff. Ulli gnickerte nur. Er hatte ein gütiges Gesicht und eine zerzauste Frisur. „Bist wohl ordentlich durchgeschüttelt worden. So muss das sein. Wenn du jetzt im Stehen noch ’n büschen Seegang spürst, war die Rütteldosis genau richtig ...“ Herma schaute ihrem Hausarzt fragend in die Augen. „Soso ... Die Rütteldosis .... Gibt es da exakte Berechnungen?“ Messner setzte sich neben sie auf die Liege und holte tief Luft. „Sicher nicht, Herma. Jeder Mensch reagiert anders. Aber meine Kombinationstherapie wirkt – sie wird dir helfen. Da bin ich mir ganz sicher. Du musst nur etwas Geduld haben.“ Herma zuckte mit den Schultern. „Das glaube ich dir aufs Wort. Sonst würde ich mich ja gar nicht darauf einlassen. Ich vertraue dir meinen geschundenen Körper an. Ohnehin gilt: Wer heilt, hat recht.“ Doktor Messner wusste, dass seine Patientin ungeduldig, neugierig und mitunter etwas misstrauisch war. Er kratzte sich nachdenklich an der rechten Schläfe und dachte einen Augenblick nach. Er wollte die richtigen Worte finden. „Schön, dass du mir vertraust. Aber in deiner Stimme schwingt große Skepsis mit. Ich habe feine Antennen dafür.“ Noch bevor Herma darauf etwas erwidern konnte, fing der Arzt zu erklären an. „Das ist völlig okay ...“ Doktor Messner hob den Zeigefinger seiner rechten Hand und lächelte freundlich. „Ich sehe es dir an der Nasenspitze an. Du fragst dich jetzt, wie diese komische biomechanische Stimulation funktioniert, richtig?“ Wieder wartete Doktor Messner die Antwort auf seine Frage nicht ab. „Also, pass mal auf ... Ende der 1970er-Jahre hat ein gewisser Professor Vladimir Nazarov diese besondere Therapieform entwickelt. Er war damals Mannschaftsarzt des sowjetischen Turnerteams. Nun, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse sind in meine Kombinationstherapie eingeflossen.“ „Und die wären?“, hakte Herma nach. Messner hob die rechte Hand. „Nur Geduld ... Lass mich bitte ausreden. Im Gegensatz zu anderen Vibrationsmethoden werden bei der BMS Schwingungen in Längsrichtung auf die Muskulatur übertragen. Dadurch werden Muskelfasern in Eigenresonanz gebracht. Im Kern geht es bei dieser Methode darum, Muskeln durch Vibrationen zu erwärmen und dadurch die Blutzirkulation anzuregen. Es kommt auf diese Weise zu einem verstärkten Blutaustausch im Körper und dadurch zu einer verbesserten Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen. Man könnte auch sagen: Der Muskel, die Nerven, die Knochenhaut, der Knorpel, die Kapseln, die Gelenke und das Narbengewebe werden mit Nahrung versorgt. Diese Behandlung hat sich insbesondere auf dem neuroorthopädischen Gebiet bewährt. Glaub mir, das hilft ganz prima gegen Migräne und sogar gegen deine Narbenschmerzen. Bald ist deine Pein wie weggeblasen.“ Ein Lächeln huschte über Hermas Gesicht. „Na, schön wär’s“, sagte die Kommissarin und rieb sich dabei unbewusst über die Narbe. „Nicht, dass du das in den falschen Hals kriegst, Ulli. Ich ziehe deine Methode überhaupt nicht in Zweifel – und vertraue dir voll und ganz. Du hast das toll erklärt, du könntest auch an der Uni Vorlesungen halten. Ich fühle mich halt besser, wenn ich weiß, was mit mir geschieht und wie das mit der Heilung funktioniert.“ Doktor Messner überhörte Hermas Rechtfertigung. Er kannte sie schon seit ein paar Jahrzehnten und hatte sich an ihre Nachfragen gewöhnt. Mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand tippte er auf seinen Brustkorb. Irgendetwas schien ihn zu amüsieren. „Soso ... du meinst: Ich sollte Dozent werden ...? Du willst mir schmeicheln.“ Messner lachte laut. Seine Augen funkelten wie Sterne. „Nein, nein ... Schuster, bleib bei deinen Leisten. Frei nach Müntefering: Ich habe den schönsten Job neben Papst. Und vor allem: Dafür bin ich schon zu alt. In meinem nächsten Leben vielleicht. Aber: Danke für die Blumen.“ Herma van Dyck schaute zu Boden. Ihr war plötzlich peinlich, die Schmerztherapie hinterfragt zu haben. Doktor Messner hatte eine Kombinationstherapie entwickelt, die nach ihm benannt worden war. Er musste stolz darauf sein. Und nun kam sie daher und löcherte ihn mit blöden Fragen. Ihre Charmeoffensive war jedenfalls volles Mett in die Hose gegangen. „Du nimmst mir doch mein Verhör nicht übel, Ulli – oder? Ich bin halt neugierig, muss alles hinterfragen und wissen. Ist wohl eine Berufskrankheit.“ Doktor Messner winkte ab. „Nein, nein, schon gut. Ich mag es, wenn meine Patienten wissbegierig sind. Ich wollte nur, dass du weißt, dass das kein Schabernack ist. Aber es ist wie bei Medikamenten: Die richtige Dosis macht’s – und die Kombination aus verschiedenen Therapieformen.“ Doktor Messner sah auf seine Armbanduhr. „Tja, mien Deern. Kann ich sonst noch was für dich tun? Falls nicht, schnacken wir übermorgen weiter. Du hast ja selbst gesehen: Die Praxis ist proppenvoll.“ Herma hätte noch gern mit ihrem Arzt ein paar Minuten mehr geplaudert. Das bevorstehende Gespräch mit dem Polizeipsychologen schwebte wie ein Damoklesschwert über ihrem Kopf. Es schlug ihr auf den Magen. Sie musste mit Ulli darüber reden. Vielleicht konnte er ihr Tipps geben, wie sie sich bei Rixinger verhalten musste, damit der Psychologe sie für diensttauglich hielt. Aber Herma sah ein, dass Doktor Messner sich noch um andere Patienten kümmern musste. „Nee, alles gut so weit, Ulli. Ich danke dir, dass du dir so viel Zeit für mich genommen hast.“ Messner stand auf, reichte ihr seine Hand und zwinkerte ihr aufmunternd zu. „Bald bist du wieder ganz die Alte. Wirst schon sehen. Lass jetzt bloß nicht den Kopf hängen ...“ Herma musste schlucken. „Danke, Ulli – für deine lieben Worte“, sagte sie und nahm den Arzt in den Arm. Sie hatte Tränen in den Augen. Kapitel 8 Neun Uhr dreißig, Hameln, Fußgängerzone. Draußen kämpfte sich die Sonne durch den zähen Frühnebel, der sich im Wesertal viel länger als anderswo gehalten hatte. Der Wind war feucht, eisig und drehte auf Nord­ost. Das Thermometer zeigte an diesem nasskalten Januarmorgen 4 Grad Celsius an. Drinnen war es wohlig warm, roch es nach ofenwarmen Brötchen und frisch aufgebrühtem Kaffee. Er saß im Café Wien, starrte freudestrahlend auf sein Smartphone und nippte von Zeit zu Zeit an seinem türkischen Mokka. Er fühlte sich wie ein König, hatte Grund zum Feiern. Der Goldpreis stieg von Tag zu Tag. Er war auf Höhenflug. Das zeigte der Realtime-Kurs im Internet bei Börse Online. Er konnte sich nicht sattsehen, hatte schon Dollarzeichen in den Augen. Der Mokka-Trinker glotzte sabbernd auf die sich ständig verändernden Zahlen vor und hinter dem Komma, die abwechselnd grün und rot unterlegt wurden. Er lehnte sich zufrieden zurück und genoss den Wiener Charme, den dieses Kaffeehaus versprühte. Endlich hatte er mal einen Volltreffer gelandet. Holdorfs Gold machte ihn liquide. Vorbei die Zeiten, wo er jeden Cent zweimal umdrehen musste. Er würde die Goldbarren nach und nach zu Geld machen, sie bei verschiedenen Banken verkaufen. So lief er nicht Gefahr, aufzufallen. Er hob die Hand und winkte eine rot­haarige Kellnerin zu sich. Die junge Frau lächelte ihn fragend an. „Sie wünschen, bitte?“ „Haben Sie Sekt in kleinen Flaschen?“ Die Rothaarige zwinkerte ihm zu. „Ja, klar. Piccolo. Darf ich Ihnen einen bringen, mein Herr?“ Die Frau war Mitte 30, hatte volle rote Lippen, große blaue Augen, hohe Wangenknochen und weiche Gesichtszüge. Auf ihrem Namensschild stand, dass sie Denise hieß. Über ihrem schwarzen kurzen Kleid trug sie eine weiße Schürze mit Rüschen. Er fand ihr Lächeln bezaubernd. „Ja, bitte. Einen Trockenen, wenn Sie haben ...“ Er blickte ihr tief in ihre Augen. „Ach, eine Frage noch: Darf ich Sie vielleicht auf ein Gläschen einladen?“ Die sommersprossige Kellnerin lief rot an. „Äh ... Nein, danke. Ich habe zu arbeiten. Es ist auch nicht erlaubt, mit Gästen zu trinken“, flüsterte sie und machte auf dem Absatz kehrt. Wow, was für eine Frau, dachte er und stieß beim Ausatmen einen leisen Pfeifton aus. Er stand auf Rot­haarige, spürte in seinem Schritt Erregung. „Rote Haare und blaue Augen – was für eine seltene Kombination. Voll krass, ey“, sprach er leise zu sich selbst – und leckte sich danach über seine Lippen. Er hatte irgendwann einmal in einem Magazin gelesen, dass Rot die seltenste Haarfarbe war. Nur zwei Prozent aller Menschen weltweit waren von Natur aus rothaarig. Auch blaue Augen wurden nicht dominant vererbt und waren alles andere als häufig. Wenn er sich richtig erinnerte, dann hatten lediglich 17 Prozent der Weltbevölkerung diese Augenfarbe. Diese Sommersprossige war wirklich besonders. In seinem Kopf arbeitete es. In Mathematik war er schon in der Schule spitze gewesen, später hatte er Informatik studiert. Deshalb fiel es ihm nicht schwer, im Kopf auszurechnen, wie selten die Kombination rote Haare und blaue Augen war. Er ging von etwa 7,5 Milliarden Menschen aus, die auf der Erde lebten, und kam auf weniger als 13 Millionen Rothaarige, die blaue Augen hatten. Kein Zweifel – diese Schönheit gehörte zu dieser Spezies Mensch. Während er seine Zunge in die kleine Tasse steckte und den mit viel Zucker versetzten Kaffeesatz aufleckte, überlegte er, wie er Denise in sein Bett kriegen könnte. Während er darüber sinnierte, geriet plötzlich eine andere Frau, die am Nachbartisch Platz genommen hatte, in sein Gesichtsfeld. Er war wie elektrisiert. Sie mochte Mitte sechzig sein, hatte kurze braune Haare, ein rundes Gesicht und kleine Augen, die von den dicken Gläsern einer schwarzen Nana-Mouskouri-Brille vergrößert wurden. Nicht das Aussehen dieser Frau, sondern der Schmuck, den sie trug, weckte sein Interesse. Das Geschmeide löste einen starken Sabber-Reflex bei ihm aus. Speichel tropfte aus seinem Mund. Seine Augen hatten Gold und Edelsteine erspäht. Ein prächtiges, offenbar mit Brillanten besetztes Collier, an dessen Ende ein kunstvoll gefertigtes Fabergé-Ei baumelte, schmückte ihren faltigen Hals. An ihren Ohrläppchen hingen zwei auffallend große, ebenfalls mit zahlreichen weißen Steinen besetzte Creolen. Am rechten Handgelenk trug die Café-Besucherin eine schwere Goldkette, die mit Rubinen verziert war. An sechs Fingern ihrer mit Altersflecken übersäten Hände trug sie Ringe. Keine Frage: Diese Frau stellte ihren Reichtum zur Schau. Vermutlich war ihr Mann schon längst unter der Erde und hatte ihr ein Vermögen, das sie jetzt verprasste, hinterlassen. Die rothaarige Kellnerin riss ihn aus seinen Tagträumen. Sie stellte ein Sektglas und die Piccolo-Flasche auf den Kaffeehaustisch und räumte die von ihm ausgeleckte Mokkatasse ab. „Wohl bekomms!“, sagte sie mit einem verführerischen Blick. „Danke“, erwiderte er knapp, öffnete das Fläschchen und goss sich etwas Sekt ins Glas. Aus den Augenwinkeln beobachtete er dabei die Mittsechzigerin. Die Brillanten funkelten im Licht der Tischlampe wie Sterne am Firmament. Er musste diese Klunker haben. Die sind locker zwanzigtausend oder mehr wert. Womöglich hat die alte Schabracke zu Hause noch mehr davon in ihrer Schmuckschatulle, malte er sich aus. Wie ein Raubtier, das zähnefletschend seine Beute ins Visier nimmt, fixierte er die Frau, von der er annahm, dass sie Witwe war. Sie nestelte abwechselnd nervös an ihrer beigefarbenen Seidenbluse und an einer roten Rose, die vor ihr auf der Tischplatte aus Onyx lag, und sah sich von Zeit zu Zeit um. Er schloss daraus, dass die Frau ein Blind Date hatte. Die Rose war offenbar das Erkennungszeichen. Der Mörder dachte nach. Er beschloss, das Eisen zu schmieden, solange es heiß war. Er gab der Kellnerin ein Zeichen. Als sie neben ihm stand, winkte er sie zu sich herunter und flüsterte ihr eine Bestellung ins Ohr. „Bitte bringen Sie der Dame dort“, er deutete mit seinem Kopf hinüber zu der Nana-Mouskouri-Bebrillten, „einen Piccolo. Und sagen Sie ihr, die Flasche sei von mir.“ Die Kellnerin sah ihn verwundert an, quittierte den Wunsch aber mit einem „Sehr wohl, der Herr“. Er erwischte sich dabei, wie er über den Rand seines Sektglases den Schmuck anstarrte und die einzelnen Stücke taxierte. Er befürchtete, dass die Frau am Nachbartisch seine aufdringlichen Blicke bemerken, aufstehen und gehen würde. Das würde die Sache verkomplizieren. Aber die zappelige Mittsechzigerin schien ihn nicht zu bemerken. Sie fummelte immer noch an ihrer Bluse herum und machte Handbewegungen, so als wolle sie unsichtbare Krümel wegwischen. Die Frau schreckte hoch, als die Kellnerin an ihren Tisch trat und ihr den Sekt servierte. „Äh ... Moment ... Das habe ich nicht bestellt“, hörte er sie sagen. Ihre voll klingende weibliche Stimme hatte eine mittlere Tonlage – er empfand sie als angenehm, ja beinahe sexy. Sie passte so gar nicht zum Aussehen dieser älteren Frau. „Von dem Herrn dort drüben“, sagte die Rothaarige und bewegte dabei ihren Kopf in dessen Richtung. Seine Goldmarie lächelte breit. Sie fühlte sich geschmeichelt. „Oh, wie nett.“ Sie nickte ihm zu und füllte das langstielige Glas mit Schaumwein. Kurz darauf prosteten sie sich zu. Der Anfang war gemacht. Jetzt durfte nur nicht das Blind Date auftauchen. Er stand auf, strich seine Krawatte glatt, knöpfte sein Sakko zu und ging zu ihr an den Tisch. „Einen schönen guten Tag ... Ich heiße Peter Petrov. Darf ich mich vielleicht zu Ihnen setzen?“ Die Mittsechzigerin machte eine einladende Handbewegung. „Aber gern. Bitte, nehmen Sie doch Platz ... Ich heiße Erika.“ Sie faltete ihre Hände wie zum Gebet, schaute ihn erwartungsvoll an. „Sind wir verabredet?“, fragte sie etwas schüchtern. Er spielte den Charmeur, verstand es, Frauen für sich einzunehmen. „Ich denke, meine Teure, das Schicksal hat uns heute hier an diesem Ort zusammengeführt“, sagte er charmant – und dachte an früher. Als er jung war, hatte er mit der Loverboy-Masche gearbeitet. Er war ein Meister darin, Frauen um den Finger zu wickeln. Er hatte vielen hübschen Mädchen den Kopf verdreht, sie emotional an sich gebunden – und sie dann gezwungen, für ihn oder andere auf den Strich zu gehen. Skrupel hatte er nicht. Er wollte schon immer möglichst schnell viel Geld machen – und wenig dafür tun. Seine Masche war simpel, aber sehr effektiv. Er hatte sich gezielt an Minderjährige herangemacht, sie am Strand, auf Schulhöfen oder vor Fastfood-Restaurants angesprochen. Zur Kontaktaufnahme hatte er natürlich auch soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Badoo genutzt. Traf sich ein Mädchen mit ihm, war sie so gut wie verloren. Es reichte schon, auf die Gören einzugehen, ein bisschen Verständnis für die Probleme der Pubertierenden zu zeigen oder den Girlies zu sagen, wie gut sie aussahen. Dann hatte er ihnen die große Liebe vorgeheuchelt und blumig von einer gemeinsamen Zukunft gefaselt. Wenn er an diese Zeit dachte, musste er sich noch heute den Bauch halten vor Lachen. Diese jungen unreifen Dinger fielen garantiert auf so ein romantisches Geschwafel rein. Ihre Geilheit und ihre Unerfahrenheit wurden ihnen zum Verhängnis – davon war er überzeugt. War ihm die Kleine erst einmal verfallen, konnte er sie manipulieren, sich zwischen sie und ihre Familie drängen. Schon nach kurzer Zeit hatte die inzwischen unsterblich Verliebte das Gefühl, dass er der Einzige war, der sie verstand. Dann war der Zeitpunkt gekommen, konnte die Falle zuschnappen. Er hatte den Mädels stets vorgegaukelt, Schulden zu haben und schließlich den alles entscheidenden Satz ausgesprochen: „Du, die töten mich, wenn ich die Kohle nicht zurückzahle. Es gibt nur einen Ausweg. Wenn du für mich mit einem Freund schlafen würdest, dann werden die mir die Schulden erlassen.“ Das hatte ausnahmslos geklappt. Jahrelang hatte er auf diese Weise blutjunge Mädchen für Bordelle rekrutiert. Aber er war älter geworden, arbeitete jetzt lieber mit einer Spritze. Seit Jahren schon beförderte er damit Menschen ins Jenseits – und es machte ihm nichts aus. Seine Opfer waren einsame Frauen und alleinstehende Männer, die etwas auf der hohen Kante hatten. Die Frau, die jetzt vor ihm saß und an ihrem Sekt nippte, würde auch nicht mehr lange leben. Das hatte er längst entschieden. Kapitel 9 Karl Mertens klopfte mit seinen Handflächen die Taschen seines giftgrünen Kittels ab. „Ja, wo ist denn ...? Wo habe ich jetzt wieder dieses Ding hingesteckt?“, fragte er sich leise. Der Rechtsmediziner stand mit dem Rücken zum Fenster. Hinter ihm huschten Gestalten vorbei. Durch das Milchglas, das die medizinischen Forensiker vor neugierigen Blicken schützte, waren nur unscharfe Schatten zu sehen. „Ah, da auf der Fensterbank liegt es ja“, sagte Mertens. Er klang erleichtert, als er abwechselnd in die Augen von Martin und von Schmidt schaute. „Neben unseren scharfen Instrumenten ist das hier“, Mertens hielt triumphierend ein altertümlich wirkendes Diktiergerät in die Höhe, „unser wichtigstes Arbeitsgerät“, sagte er lachend und drückte zweimal auf die Aufnahmetaste. Klack, klack. „Na, ist doch so, oder?“ Der Leitende Oberarzt breitete die Arme aus – er steckte in einem übergroßen Kittel und sah jetzt aus wie der Papst beim apostolischen Segen Urbi et Orbi. Assistenzarzt Martin stimmte der Feststellung seines Chefs zu. „Ja, ja, das ist wohl so. Wenn wir unsere Erkenntnisse, die wir während einer Obduktion gewinnen, auch noch am Tisch handschriftlich protokollieren müssten, dann hätten wir hier einen langen Leichenstau.“ Doktor Mertens rieb seine behandschuhten Hände aneinander, was ein quietschendes Geräusch verursachte. „So, dann wollen wir mal ...“ „Worauf soll ich genau achten?“, wollte Doktor Martin wissen. „Lass uns bitte gemeinsam jeden Quadratmillimeter Haut absuchen, in jede Hautfalte und in jede noch so kleine Körperöffnung schauen. Du übernimmst die rechte Körperhälfte, ich die linke. Wir sollten uns auch die Augen dieser Frau ein zweites Mal vornehmen. Fragestellung: Wie sehen die Pupillen, wie sehen die Augäpfel aus?“ Doktor Klaus Martin dämmerte es. Der Alte wollte einen Giftmord und Tod durch Erwürgen ausschließen. „Verstehe, Boss. Die Augäpfel habe ich allerdings gestern schon gecheckt. Keine Hinweise auf Einblutungen in den Bindehäuten und auf den Lidern. Diese Frau hier“, er zeigte auf die Leiche von Nadja Stern, „ist ganz sicher nicht erwürgt worden.“ Mit einer starken Lupe betrachtete Mertens gerade den linken Unterschenkel der Verstorbenen. Zwischen Poren und kleinen Härchen, braunen Leberflecken, winzigen roten Blutschwämmchen und ein paar kleinen Stilwarzen suchte er nach einer mikroskopisch kleinen Verletzung. Er schaute nur kurz zu seinem Assistenten auf und wies ihn an, auch auf der Mundschleimhaut nach Petechien zu suchen. Mertens spielte auf stecknadelkopfgroße Blutaustritte am Kopf an. Sie deuteten auf eine venöse Stauung bei einer Strangulation hin. Leistete ein Opfer heftige Gegenwehr, konnte es dazu kommen, dass zwar die Halsvenen, nicht aber die Schlagadern abgedrückt wurden. Die Folge war, dass feinste Äderchen platzten. Auf der Gesichtshaut waren sie leicht zu erkennen, im Mund und an den Augenlidern mussten Gerichtsmediziner schon genauer hinschauen. „Hm ...“ Der stellvertretende Institutsleiter hielt kurz inne, bohrte den rechten Schneidezahn in seine Unterlippe. Das tat er immer, wenn er hoch konzentriert an einer Leiche arbeitete. Seine Kollegen bekamen davon nichts mit, denn Mertens trug bei Autopsien stets Mundschutz. Auf seiner hohen Stirn waren allerdings tiefe horizontale Falten zu sehen. „Das ist eine Sisyphusarbeit ...“ Doktor Klaus Martin, der gerade die Zehen des rechten Fußes der Toten mit Daumen und Zeigefinger auseinanderspreizte, stimmte ihm zu. „Ja, Karl, wir suchen nach der Nadel im Heuhaufen.“ Mit seinem Vergrößerungsglas untersuchte Mertens ein Hämangiom. Ihn interessierte, ob sich in den winzigen roten Pünktchen ein Loch befand. Mertens wurde nicht fündig. Anderthalb Stunden brachten sie mit der Suche nach einer Einstichstelle zu. Gemeinsam mit Schmidt, dem Sektions- und Präparationsassistenten, hatten sie die Leiche von Nadja Stern umgedreht und auch die Rückseite der Toten abgesucht – ohne Erfolg. Mertens und Martin waren gefrustet. „Tja ... Das war ein Satz mit x, das war wohl nix“, meinte Doktor Martin. Er klang schadenfroh, bekam wieder Oberwasser. „Ich hab’s dir ja gleich gesagt ...“ In Mertens arbeitete es. Ohne sich zuvor mit Martin abzustimmen, bat er den Präparator, einen Rasierer zu holen. Schmidt drehte sich um, zog eine Schublade auf und hielt eine Schermaschine, die aussah wie ein handelsüblicher Bartschneider, in der Hand. „Voilà!“, meldete er Vollzug. Der Sektionsassistent wollte mit einem Fremdwort glänzen. Mertens war davon nicht beeindruckt. Er war fest entschlossen, das Rätsel um den Tod von Nadja Stern zu lösen. „Herr Schmidt, bitte entfernen Sie das Kopf- und das Schamhaar. Aber ganz, ganz vorsichtig ... Sie dürfen unter gar keinen Umständen die Haut verletzen“, wies er den Sektionsassistenten an. Doktor Martin verdrehte die Augen. „Du gibst wohl nie auf, oder?“ Mertens überhörte die Frage. Er ging strikt nach dem Ausschlussverfahren vor. „Lass uns das alles noch mal kurz gemeinsam durchgehen.“ Während Hermann Schmidt die Tote rasierte, hob Mertens seine rechte Hand, um die einzelnen Feststellungen mit Daumen und Fingern abzuzählen; in seiner linken hielt er das eingeschaltete Diktiergerät fest umklammert. Klack ... „Fassen wir zusammen. Keine Petechien. Ergo: Sie ist weder erstickt, erwürgt, erdrosselt oder stranguliert worden. Weite Pupillen? Fehlanzeige. Ergo: ABC, also Alkohol, Benzodiazepine, Barbiturate und Cocain, scheiden als Todesursache ebenfalls aus. Halten wir also fest: Keine Hinweise auf eine ABC-Vergiftung. Die Pupillen sind auch nicht eng. Ergo: Morphium, andere Opiate, Heroin oder Nikotin waren offenbar auch nicht im Spiel.“ Klaus Martin unterbrach seinen Chef: „Ähm ... Raucherin dürfte sie gewesen sein. Das sagt uns der Teer, den sie in ihren Lungen hat.“ Mertens grinste. „Ja, da hast du völlig recht, Klaus. Ich meine aber etwas anderes. Wir können davon ausgehen, dass sie nicht eine Zigarette gegessen oder einen Glimmstängel in Wasser aufgelöst und die Lösung getrunken hat. Beides wäre, wie du weißt, absolut tödlich.“ „Das wäre dann Suizid gewesen. Es könnte ihr natürlich auch jemand die Lösung gegen ihren Willen eingeflößt haben. Auch das ist möglich ...“, orakelte er. „Dann hätten wir aber Tabakreste oder braune Flüssigkeit in ihrem Magen finden müssen. Haben wir aber nicht.“ „Stimmt genau“, sagte Mertens und wischte sich mit dem Ärmel seines Kittels ein paar Schweißperlen von der Stirn. „Ihre letzte Mahlzeit bestand aus Pizza-Kräckern, Gouda-Würfeln und Rotwein. Mehr hatte sie nicht im Magen.“ Doktor Martin musterte die Tote. Er kam zu dem Schluss, dass Nadja Stern eine schöne Frau gewesen war. Ihr wachsbleiches Gesicht, ihre blau angelaufenen Lippen und ihre ausdruckslosen Augen konnten darüber nicht hinwegtäuschen. Martin wurde vom Rattern der Schermaschine aus seinen Gedanken gerissen. Mertens hob den Ringfinger. „Viertens ... Als sie gestern auf unserem Tisch lag, hatte sie keinen Schaum vor dem Mund. Auch als wir fest auf ihren Brustkorb gedrückt haben, ist keine wässrige Flüssigkeit aus Mund oder Nase gelaufen. Ergo: Eine Überwässerung der Lunge, also: Auch ein Ödem können wir ausschließen. Wir hätten das ja auch sofort bemerkt, als wir ihre Lungenflügel aufgeschnitten und untersucht haben. Wir haben nichts Auffälliges gesehen – wenn man einmal von dem Zigaretten-Teer absieht, den sie sich im Laufe der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes reingezogen hat. Fünftens: Sie hat keine hellroten Totenflecke. Und nach Bittermandel riecht die Leiche auch nicht. Ergo: Kein Zyanid, kein Kohlendioxid, keine Anzeichen für einen Kältetod. Was haben wir noch?“ Martin räusperte sich: „Na ja, ihre Haut war nicht gelb, ihre Leber ohne Befund. Ein Leberzerfallskoma, zum Beispiel durch eine Pilzvergiftung, können wir auch ausschließen.“ „Sie hatte ja auch keine Reste einer Pilzmahlzeit in ihrem Magen“, gab Mertens zu bedenken. „Stimmt“, pflichtete ihm Martin bei. „Eine Vergiftung mit Arsen oder Thallium können wir auch ausschließen. Weder die Finger- noch die Zehennägel weisen Mees-Nagelbänder auf. Ergo: Keine mattgrauen Querstreifen – also kein Hinweis auf eine Intoxikation mit Halb- oder Schwermetallen. Um genau zu sein – zumindest können wir in diesem Fall diese beiden chemischen Elemente ausschließen. Hm ... Tja, bleibt eigentlich nur ihr Gehirn. Das ist auffallend klein.“ Doktor Mertens blickte auf eine weiße Tafel, auf der Organe aufgelistet waren. Dahinter hatte der Sektionshelfer nach dem Wiegen handschriftlich das Gewicht von Herz, Hirn, Lunge, Leber und Nieren vermerkt. „Stammen die Gewichtsangaben von unserer Leiche hier?“, wollte Mertens von Schmidt, der in der Zwischenzeit sämtliche Haare an der Leiche entfernt hatte und gerade Löcher in die Luft guckte, wissen. Der Präparator hatte offenbar nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden. Die Ärzte schienen mit sich selbst beschäftigt zu sein. „Äh ... Sorry, ich war gerade nicht auf Empfang. Welche Angaben meinen Sie genau?“ Der stellvertretende Institutsleiter rümpfte die Nase und verschränkte seine Arme vor der Brust. Er hasste es, wenn seine Mitarbeiter nicht bei der Sache waren. „Na, die Angaben, die dort hinter Ihnen auf der Tafel stehen ...“ Mertens zeigte auf die Tafel. Hermann Schmidt blickte sich verstohlen um. „Ach so, die meinen Sie. Ja, die sind noch von dieser Leiche.“ Mertens nahm die Werte ins Visier. „Tja, das ist wirklich seltsam. Ihr Gehirn wiegt nur 1150 Gramm. Normal wären 1300 Gramm, vielleicht auch etwas mehr. Jedenfalls so um den Dreh rum. Hm ... Trotzdem hatte Frau Stern eine Hirnschwellung, die aber nicht todesursächlich war. Sonderbar ...“ „Klarer Fall von Hirnatrophie“, meldete sich Doktor Martin zu Wort. „Ja, Gehirnschwund. Das ist schon klar. Der Mensch verliert ab dem 20. Lebensjahr etwa 50000 bis 100000 Hirnzellen täglich. Aber das erklärt nicht diese ausgeprägte Atrophie.“ „Sie war starke Raucherin“, warf Martin ein. „Das könnte davon kommen.“ Doktor Mertens rieb sich mit dem Ärmel des Kittels nachdenklich sein Kinn. „Dafür kann es viele Ursachen geben: Alzheimer, Demenz, Multiple Sklerose, Alkoholmissbrauch und haste nicht gesehen. Aber Frau Stern war erst 35. Was ich damit sagen will: Neurodegenerative Erkrankungen scheiden bei einer so jungen Frau eigentlich aus – und sie hatte auch keine Säuferleber.“ Präparator Schmidt mischte sich ein: „Ich will ja das Fachgespräch der Herren Doktoren nicht unterbrechen. Aber ich wäre dann so weit ...“ Die Rechtsmediziner schauten den Sektionsassistenten fragend an. „Na ja, ich sollte Kopf- und Schamhaare entfernen, und das habe ich getan ... Ich wollte’s ja nur sagen.“ Mertens und Martin mussten lachen. „Alles gut, wir gucken uns jetzt auch noch die freigelegte Haut an. Mehr können wir nicht tun“, sagte der stellvertretende Institutsleiter. Resignation schwang in seiner Stimme mit. „Venushügel oder Kopf – du hast die Wahl, Klaus“, sagte Mertens. „Dann nehme ich den Kopf“, antwortete Martin und schenkte ihm ein sanftes, schiefes Lächeln. „Ich habe nichts anderes erwartet“, zischte Mertens unter seinem Mundschutz. Wieder suchten die beiden Gerichtsmediziner jeden Quadratzentimeter Haut ab. Dort, wo Schmidt die Haare entfernt hatte, sah sie noch weißer aus als am übrigen Körper. Nadja Stern musste sich in den zurückliegenden Monaten irgendwo hüllenlos gesonnt haben. Doktor Martin hielt plötzlich inne und schnalzte mit der Zunge. „Karl, komm doch bitte mal her – und bring deine Lupe mit.“ Mertens, der gerade in gebückter Haltung den Schambereich der Toten inspizierte, richtete sich auf, drückte seine rechte zur Faust geballte Hand gegen seine Lendenwirbel und drehte sich zu seinem Assistenten um. Sein Rücken schmerzte. Kein Wunder: Er hatte sich heute ja auch schon über 21 Leichen gebeugt und einige Stunden in gebückter Haltung verbracht. „Sag nicht, du bist auf was gestoßen?“, fragte Mertens erwartungsvoll. „Vielleicht ... Hier, guck mal ...“ Klaus Martin zeigte auf einen winzigen Punkt am Hinterkopf der Toten. „Das da könnte eine Einstichstelle sein, oder?“ Mertens schaute sich die Stelle durch sein Vergrößerungsglas an. „Hm ... Ja, in der Tat ... Das sieht wie eine Punktion aus. Könnte aber auch ein Insektenstich sein.“ Martin tat überrascht: „Im Januar? Nee, das halte ich für mehr als unwahrscheinlich.“ Doc Mertens war elektrisiert. In seinem Kopf tobte ein Gedankensturm. Was, wenn dieser Frau ein unbekanntes Gift injiziert worden war? War Nadja Stern getötet worden? Dann hatte der Mörder womöglich Insiderwissen, denn Kopf-, Achsel- und Schamhaare wurden den Toten bei Leichenschauen nur äußerst selten entfernt – es sei denn, die Körper wiesen an diesen Stellen äußere Verletzungen auf, die begutachtet und fotografisch dokumentiert werden mussten. Aber welches Gift hatte der Täter benutzt? Sie hatten bislang keine Hinweise auf eine Intoxikation gefunden. Doc Mertens schloss zwei Sekunden lang die Augen. Er musste sich kurz sammeln und eine Entscheidung fällen. „Wir müssen das Gewebe im Bereich der Einstichstelle toxikologisch untersuchen lassen. Daran geht kein Weg vorbei“, sagte er – und schaute seinen Assistenten an. Der nickte kaum merklich und signalisierte damit Zustimmung. „Klaus, schnapp dir bitte ein Skalpell und entferne damit großzügig das Gewebe rund um die Punktionsstelle – und zwar bis auf den Schädelknochen. Dann ab damit in ein Reagenzglas, aber kein Formalin benutzen!“ Im Weggehen streifte Doktor Mertens zunächst seine schwefelgelben Latex-Handschuhe ab und entsorgte sie in einem Abfalleimer für Biomüll. Dann riss er sich den Mundschutz runter und zerknüllte ihn in seiner Hand. „Ich rufe gleich mal die Kripo an und besorge uns die Genehmigung, eine toxikologische Untersuchung zu veranlassen.“ Der Leitende Oberarzt machte große Schritte. Er hatte es eilig – seine glatten Ledersohlen verursachten auf dem Mosaikfußboden hämmernde Geräusche. Als er zur Tür hinausging, um von seinem Arbeitszimmer aus seinen alten Bekannten Kurt Brenner anzurufen, schaute er auf seine Armbanduhr. Es war kurz vor halb elf. Mertens hoffte, dass er den Ersten Kriminalhauptkommissar gleich ans Telefon bekam. Er hoffte, dass er nicht zu irgendeinem Tatort gerufen worden war und sein Handy ausgeschaltet hatte. Mertens war ein ungeduldiger Mensch. Er hätte die Laboruntersuchungen gern sofort in Auftrag gegeben. Aber dafür brauchte er grünes Licht von den Ermittlungsbehörden. Es ging – wie immer – ums liebe Geld. Der Staat musste weitergehende Nachforschungen bezahlen. Insgeheim hoffte der Gerichtsmediziner, dass Brenner die Entscheidung auf seine Kappe nehmen und nicht – wie eigentlich vorgeschrieben – zunächst einmal Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft Hannover halten würde. Kurt Brenner leitete das für Mord und Totschlag zuständige 1. Fachkommissariat des Zentralen Kriminaldienstes in Hameln. Kapitel 10 Der Morgennebel hatte sich gelichtet, die Sonne Oberhand gewonnen. Das ungleiche Pärchen hatte das Wiener Café gemeinsam verlassen und schlenderte nun die Osterstraße entlang. Erika Modder und Peter Petrov gingen vorbei am Hochzeitshaus und bogen am Bäckerscharren, der sich im Erdgeschoss eines jahrhundertealten Fachwerkhauses befand, nach links in die Bäckerstraße ein. Modder blieb plötzlich zum Erstaunen von Petrov stehen – sie drehte sich um, rückte mit dem krummen Zeigefinger ihrer rechten Hand die Nana-Mouskouri-Brille auf ihrer Nase zurecht und zeigte wie ein kleines Kind, das sich in der Schule zu Wort melden wollte, auf die Marktkirche, auf deren mit Grünspan überzogener Turmspitze aus Kupfer ein goldfarbenes Schiff in der Sonne glitzerte. „Schau mal, da bin ich getauft und konfirmiert worden, da habe ich geheiratet, da bin ich Mitglied im Kirchenvorstand, da hat der Gedenkgottesdienst für meinen lieben Otto stattgefunden“, sagte sie und wischte sich eine Träne aus dem linken Augenwinkel. „Eine sehr schöne Kirche“, sagte Peter Petrov und heuchelte Bewunderung vor. „Aber, sag mal ... Warum hat diese Kirche denn da oben ein Segelschiff, wo andere einen Wetterhahn haben?“, wollte er wissen. „Wir sind doch hier nicht am Meer ...“, schob er hinterher. Erikas traurige Miene erhellte sich. Sie freute sich, dass sich Peter für die Kirchengeschichte zu interessieren schien. „Aber an einem Fluss ...“, sagte sie und lächelte milde. „Du musst wissen: Auf der Weser war früher ganz schön viel los. Guck dich doch mal um ...“, sie zeigte auf die Häuser rechts und links von ihr. „Siehst du die vielen Holzbalken, aus denen die ganzen Fachwerkhäuser errichtet wurden, und die schweren Sandstein-Quader, mit denen das Hochzeitshaus gebaut wurde? Die sind damals alle mit Schiffen nach Hameln gebracht worden. Du musst wissen, die Sankt-Nicolai-Kirche wurde im 13. Jahrhundert errichtet. Sie ist die zweitälteste in Hameln. Der Name, also Nicolai, kommt von dem heiligen Nikolaus ...“ Sie hielt kurz inne, versuchte, in seinem Gesicht zu lesen, ob er ihr folgen konnte. „Du kennst doch bestimmt den Bischof aus Myra aus dem 4. Jahrhundert, oder? Im Mittelalter war dieser Mann sehr populär und eben auch der Schutzheilige der Schifffahrt. Und da schließt sich der Kreis.“ „Hm ... Verstehe“, Petrov rieb sich das Kinn und tat so, als würde er angestrengt nachdenken. „Du meinst, das vergoldete Wetterschiff auf der Kirchturmspitze symbolisiert die Hochzeit der Weserschifffahrt ...“ Was Peter Petrov wirklich dachte, behielt er lieber für sich. Erika Modder nickte eifrig. Ihre schwarze Brille hüpfte auf ihrem Nasenrücken auf und ab. „Ja, genau.“ Blöde Kuh, dachte Petrov und entfernte sich ein paar Schritte von der Frau, die er so schnell wie möglich töten und berauben wollte. Hauptsache, die Alte kommt jetzt nicht auf die Idee, mir die Kirche von innen zu zeigen. Während Erika Modder verzückt vor dem Gotteshaus stand und den Tauben zusah, die sich auf dem Pferdemarkt niederließen, um Brotkrumen aufzupicken, die ein alter Mann mit Gehstock ausgestreut hatte, trat Petrov nervös von einem Fuß auf den anderen. Er hatte seine Hände tief in den Taschen seiner Blue Jeans vergraben und den Kragen seiner braunen Lederjacke hochgeschlagen. Ihm war kalt. Vielleicht konnte er es aber auch nur nicht erwarten, die Villa der blauäugigen Unternehmerwitwe zu betreten. Sicher brannte dort ein Kamin, hatte Erika einen alten Cognac oder einen teuren Whisky im Schrank. Er würde die einsame Dame nach allen Regeln der Kunst umgarnen und wie eine Spinne einwickeln. Sie war ihm ins Netz gegangen, schon bald war die Zeit gekommen für den tödlichen Stich. Aber noch muss ich das dumme Gequatsche der Alten ertragen, dachte er. Er fror. „Komm, lass uns gehen“, forderte er sie auf. „Der Wind ist eisig. Nicht, dass wir uns hier noch einen wegholen.“ Erika Modder hätte ihrem Verehrer gern noch die Kirche von innen gezeigt. Aber sie wusste, dass es in dem uralten Gemäuer äußerst fußkalt sein würde. Sie ging lächelnd auf Peter Petrov zu und hakte ihn unter. „Du hast doch nichts dagegen, wenn ich mich bei dir einhake, oder?“, fragte sie ihn – und es hatte den Anschein, als himmele sie ihn an. „Ich meine nur ... Wir kennen uns ja eigentlich gar nicht.“ Petrov zog sie näher zu sich heran. „Aber nein ... Ganz im Gegenteil. Es ist mir eine Freude, mit einer so klugen und attraktiven Frau spazieren zu gehen.“ Erika Modder strahlte und lief rot an. Sie schien in diesem Moment von Amors Pfeil getroffen zu sein, fühlte sich seit vielen Jahren erstmals wieder geliebt und respektiert – und das von einem viel jüngeren Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte. War das Liebe auf den ersten Blick? Oder wurde sie heimlich gefilmt und sah sich in ein paar Wochen in der Sendung „Verstehen Sie Spaß“ wieder? Nein, dachte Modder, die sehr gläubig war, diesen geheimnisvollen Fremden hat mir der liebe Gott gesandt. Er will, dass ich noch einmal glücklich werde. Die Witwe hatte plötzlich Schmetterlinge im Bauch. Ein Cocktail aus Hormonen rauschte durch die Blutbahn und vernebelte ihr regelrecht die Sinne. Ihr Körper schüttete in diesem Moment jede Menge Hormone aus. Dopamin ließ sie auf Wolke sieben schweben, Adrenalin und Cortisol machten sie impulsiv und noch viel aktiver, als sie ohnehin schon war – die Hormone spielten verrückt, ließen ihr Herz schneller schlagen und schalteten ihren Verstand aus. Erika Modder war in einem Erregungszustand, sie hatte das Gefühl, auf Droge zu sein. Zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes Otto hatte sie sich dazu entschlossen, nicht länger allein zu bleiben und noch einmal einen Partner fürs Leben zu finden. Sie hatte sich vor zwei Wochen dazu durchgerungen, in der Wochenendausgabe der Deister- und Weserzeitung eine Kontaktanzeige zu schalten – und hatte unter Chiffre Zuschriften erhalten. Dass sie von dem Mann, der ihr geschrieben und sich als Apollo vorgestellt hatte, versetzt worden war und ein teuflischer Don Juan in die Rolle des schüchternen Liebesbriefschreibers geschlüpft war, ahnte sie nicht. Wie sollte sie auch? Es war eingetreten, wovon sie nie zu träumen gewagt hätte – ein gut aussehender Mann flirtete mit ihr. Wie alt er war, wusste sie nicht. Sie hatte sich nicht getraut, ihn danach zu fragen, um das erste Gespräch nicht auf das Thema Altersunterschied zu lenken. Erika Modder war eigentlich ein Vernunftmensch, eine, der man so leicht kein X für ein U vormachen konnte, eine, die sich nicht von ihren Gefühlen leiten ließ. Aber in diesem Moment wurde sie – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben – von ihren Gefühlen beherrscht. Sie wunderte sich über sich selbst. Wie ein Teenager hatte sie sich Hals über Kopf verknallt in diesen Typen. Erika legte ihren Kopf auf seine Schulter – und sie setzten ihren Weg durch die Altstadt in Richtung Münsterkirchhof fort. Modder war Historikerin, hatte als Professorin an der Universität Potsdam Geschichte des Altertums gelehrt. Ihr kam Platon in den Sinn. Der berühmte griechische Philosoph hatte gesagt: „Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit.“ Und das stimmte wohl auch – irgendwie zumindest. Wie bei frisch verliebten Menschen üblich, benahm sich nun auch Erika Modder sonderbar – sie war nur auf das Objekt ihrer Liebe fixiert, sie wollte nur noch mit Peter Petrov den Rest des Tages verbringen und hoffte darauf, dass er bei ihr über Nacht bleiben würde. Ach, wie vermessen ist das denn, dachte sie. Ich darf jetzt nichts überstürzen, ihn nicht unter Druck setzen, sonst wird er sich von mir abwenden. In seiner Nähe fühlte sie sich wohl und geborgen. Ich will ihn nicht verlieren. Auch Peter Petrov dachte nach – seine Schläfen bewegten sich auf und ab. In ihm arbeitete es. Wie sollte er es anstellen, dass sie ihn zu sich nach Hause einlud? Am besten heute noch ... Sie durfte ihm nicht von der Fahne gehen. Er hatte einen dicken Fisch am Haken und musste ihn nur noch an Land ziehen. Aus den Augenwinkeln sah er sie angewidert an. Er hätte ihr Sohn sein können, war locker zwanzig Jahre jünger als sie. Was bildet sich diese alte Schachtel bloß ein?, fragte er sich. Glaubt die allen Ernstes, dass ich mich in sie verliebt habe? Er sog verächtlich scharf Luft durch die Nase ein. „Hast du dich erkältet?“, wollte Erika wissen. „Nein, nein ... Alles gut“, beeilte er sich zu sagen. „Aber ein bisschen kalt ist mir schon. Dir etwa nicht?“ Sie zwinkerte ihm zu und schenkte ihm ein Lächeln. „In deiner Nähe nicht ... Aber wir könnten zu mir fahren. Ich mache uns einen schönen Grog oder einen Pharisäer. Der wärmt uns von innen. Was meinst du?“ Petrov konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen – er hatte sein Ziel erreicht. „Au ja! ... Das wäre jetzt genau das Richtige. Ein Pharisäer, der täte uns gut.“ Erika Modder freute sich, dass es Peter Petrov nicht sofort abgelehnt hatte, mit zu ihr zu kommen. Sie würde ihm den besten Pharisäer zubereiten, den er jemals getrunken hatte – aus frisch aufgebrühtem Kaffee, zwei, drei Stückchen Zucker, einem ordentlichen Schuss Übersee-Rum und einer Portion Schlagsahne. Früher, als Otto noch lebte, hatten sie oft Urlaub in Kampen auf Sylt gemacht und das heiße Nationalgetränk der Insulaner im berühmten Sandy-Beach-Club durch eine kühle Sahnehaube geschlürft. Wie schön, dass auch Peter diese Kaffeespezialität mochte. Seit Ottos Tod hatte sie keinen Pharisäer mehr getrunken. Heute freute sie sich darauf. Peter Petrov hatte keine Ahnung, von welchem Getränk Erika Modder sprach. Er tat nur so, um sie bei Laune zu halten. „Sag mal, äh, was machst du eigentlich in diesen Pharisäer rein? Rum oder Whisky?“ Die verliebte Witwe blieb stehen und sah ihn fragend an. „Wieso jetzt Whisky? Du meinst wohl Rüdesheimer Kaffee, oder?“ Petrov fühlte sich ertappt, er sah ein, dass sein Bluff aufgeflogen war, zog die Notbremse. „Ach ja ... Entschuldige bitte ... Ich kenne mich auf diesem Gebiet nicht so gut aus. Ich trinke nur sehr wenig Alkohol, weißt du, ich bin schnell beschwipst“, sagte er. Erika lachte herzlich. „Ein Mann, der nicht trinkt und an Kultur interessiert ist ... Na, das lob ich mir. So einen Kerl wünscht sich jede Frau.“ Sie schwiegen einen Moment lang. Dann kam bei Erika Modder die Professorin durch. „Weißt du, wie der Name Pharisäer entstanden sein soll – ich meine, für das Getränk?“ Petrov schüttelte wortlos den Kopf. „Also, die Geschichte geht so: Auf einer Hallig soll es einmal einen Pastor gegeben haben. Es heißt, der Geistliche habe seiner Kirchengemeinde verboten, Alkohol zu trinken. Die Leute taten so, als würden sie sich daran halten. In Wirklichkeit haben sie sich aber Rum in den Kaffee gegossen. Als der Pfarrer einmal versehentlich seine Tasse verwechselte, wurde ihm klar, dass die Leute ihn getäuscht hatten. Erbost soll er gerufen haben: ,Ihr Pharisäer!‘ Tja, und so ist der Kaffee zu seinem ungewöhnlichen Namen gekommen.“ „Ja, ja ... Ich habe davon gehört“, log Petrov. „Du wirst sehen: Mein Pharisäer ist genauso gut wie der im Sandy-Beach-Club. Warte es ab. Du wirst begeistert sein.“ Sie tätschelte seine Wange, legte wieder ihren Kopf auf seine Schulter, als sie am Ende des Kopmanshofs die Treppe zum Europaplatz hinabstiegen. Erika Modder hatte ihr rotes Mercedes-Cabriolet in der Tiefgarage, die sich unterhalb der Rattenfängerhalle befand, abgestellt. „Apropos Pharisäer ... Mein verstorbener Mann hat immer gesagt: Das ist ein Kaffee, an dem man seine Hände, sein Herz und seine Seele wärmt. Ach ja, der Otto ... Gott hab ihn selig.“ Ein paar Minuten später steckte Erika Modder den Parkschein in den Schlitz des Automaten und bezahlte mit einem Zehn-Euro-Schein. Das ungleiche Paar steuerte kurz darauf auf Erikas Mercedes-Benz 190 SL Cabrio, Baujahr 1963, zu. „Oh, mein Gott, was für ein wunderschönes Auto“, sagte Peter Petrov begeistert. „Wow. Gefällt mir. Super gepflegt. Sieht ja aus wie neu ...“ Erika Modder schloss die Fahrertür auf, setzte sich hinter das Steuer, beugte sich über die Mittelkonsole und den schwarzen Ledersitz, um per Hand die Beifahrertür zu öffnen. „Ja, das ist ein Schätzchen. Der Wagen war der ganze Stolz von meinem Otto. Da hängen viele Erinnerungen dran ...“ Die Professorin steckte den Schlüssel ins Schloss und startete die 1,9-Liter-Maschine. Der 105 PS starke Motor des 57 Jahre alten Sportwagens surrte leise wie eine Nähmaschine. Erika Modder war in diesem Moment sehr glücklich, sie ahnte nicht, dass sie in vier Stunden tot sein würde. Kapitel 11 Doktor Karl Mertens saß angespannt auf seinem Bürostuhl, der bei jeder Drehung quietschte, und knetete mit seinen Fingern die schwarzen Armlehnen durch. In dem abgewetzten Kunstleder hinterließen seine Fingernägel kleine Kerben, die aussahen wie abnehmende Monde. Der stellvertretende Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Medizinischen Hochschule in Hannover hatte sich in sein Arbeitszimmer, das kaum größer als eine deutsche Gefängniszelle war, zurückgezogen und dachte darüber nach, mit welchen Worten er Kurt Brenner wohl am schnellsten davon überzeugen konnte, einer toxikologischen Laboranalyse zuzustimmen. Im Fall Nadja Stern hielt er das für dringend angebracht. Mertens hoffte, dass das der leitende Ermittler und der zuständige Staatsanwalt genauso sehen würden. Aber die Erfahrung zeigte: Nicht immer hörten Behördenvertreter auf den Rat der Experten. Es ging letztlich um die Frage: Wer soll das bezahlen? Der erfahrene Rechtsmediziner schob seine Unterlippe vor und betrachtete minutenlang den „Rausch in Rot“‘ an seiner Wand. Danach stand fest: Er würde den Leiter des Kommissariats für Tötungsdelikte mit Argumenten auf seine Seite ziehen können. Schließlich musste Brenner dem Staatsanwalt die Zusage abringen, bei der Suche nach Hinweisen auf ein Fremdverschulden tiefer als sonst zu graben. Mit beiden Händen packte Mertens die leicht abgerundete Kante der Resopalplatte mit Eichenholz-Optik und zog sich auf seinem in die Jahre gekommenen Chefsessel näher an seinen Schreibtisch. Die Rollen seines Drehstuhls produzierten Quietschgeräusche. Der Anwalt der Toten zog eine Schublade auf, in der er zahlreiche Visitenkarten aufbewahrte. Die Karte von Brenner lag zuoberst auf dem Stapel. Mertens nahm die Visitenkarte heraus, legte sie vor sich auf die transparente Tischauflage, nahm dann den Hörer seines Dienstapparats ab und wählte die Nummer des Ersten Kriminalhauptkommissars. Während es tutete, schaute der Gerichtsmediziner aus dem Fenster. Ein paar Meter unter ihm herrschte geschäftiges Treiben. Auffallend viele Menschen, die weiße Kittel oder blaue Kasacks trugen, eilten am Institut vorbei. Mertens fragte sich, wohin die MHH-Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger zu dieser Stunde wohl gehen würden. Er schaute auf die Uhr: kurz vor elf. Für einen Gang zur Kantine war es noch zu früh. Mertens wurde von einem Knacken, das in sein rechtes Ohr drang, aus seinen Gedanken gerissen. „Brenner, FK1 ... Guten Tag“, meldete sich der Leiter des Fachkommissariats 1, das für so ziemlich alle Straftaten zuständig war, die sich gegen das Leben richteten. Die Bandbreite war groß und ließ die Ermittler mitunter in die Abgründe der menschlichen Seele blicken – das Tätigkeitsspektrum reichte von Mord und Totschlag, Tötung auf Verlangen und fahrlässiger Tötung über gefährliche und schwere Körperverletzung, Brandstiftung mit und ohne Todesfolge bis Vergewaltigung und Sprengstoff- und Strahlungsverbrechen. Doktor Mertens räusperte sich. „Hallo, Herr Brenner! Hier spricht Doktor Mertens von der Rechtsmedizin in Hannover. Ich hoffe, es geht Ihnen gut.“ Brenner war erstaunt. Es kam eher selten vor, dass er von einem Rechtsmediziner angerufen wurde. Der 1,94-Mann drückte die Hörkapsel seines Telefons fester an sein linkes Ohr, fischte sich einen Kugelschreiber aus der Innentasche seines Jacketts. Er war gespannt, was ihm Doktor Mertens mitteilen wollte. „Ich grüße Sie, Herr Doktor Mertens. Was verschafft mir die Ehre?“ Der Kriminalbeamte schätzte den Gerichtsmediziner – er arbeitete schon seit vielen Jahren mit ihm zusammen, hielt ihn für einen der besten medizinischen Forensiker in Deutschland. „Nun, Herr Brenner ... Äh ... Also, es ist so. Sie erinnern sich doch an die Leiche von Nadja Stern?“ Mertens machte eine Sprechpause. Er hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, da er ganz genau wusste, wie Brenners Antwort lauten würde. „Ja, sicher ... Selbstverständlich.“ Der Erste Kriminalhauptkommissar legte seine Stirn in Falten – seine Stimme klang amüsiert. „Herr Doktor Mertens, Sie haben die Leiche gemeinsam mit ihrem Kollegen in meinem Beisein obduziert. Das ist ...“, Brenner sah auf seine Armbanduhr, „... nicht einmal 24 Stunden her. Ich bin zwar schon ein älteres Semester, aber so vergesslich bin ich dann doch wieder nicht. Was ist denn mit der Leiche? Ist sie etwa verschwunden?“ Mertens war die Sache unangenehm. Er hatte vorhin so lange darüber nachgedacht, wie er das Gespräch mit dem obersten Mordermittler von Hameln beginnen würde – und nun hatte er gleich zu Beginn des Telefonats Blödsinn geredet. Natürlich konnte sich Brenner an die Autopsie erinnern. Er musste ihn für einen Volltrottel halten. „Nein, nein ... Die Leiche ist noch bei uns im Institut. Wie sollte es auch anders sein. Wir haben ja noch keine Freigabe von der Staatsanwaltschaft erhalten, sie vom Bestatter abholen zu lassen – und das ist in diesem Fall auch gut so. Wir, also Doktor Martin und ich, haben uns die Tote heute ein zweites Mal angeschaut und dabei etwas entdeckt, dass durchaus ein Hinweis auf ein Tötungsdelikt sein könnte.“ EKHK Brenner sprang wie von der Tarantel gestochen von seinem Stuhl hoch. Unbeabsichtigt zog er dabei den Telefonapparat an der Schnur quer über seinen Schreibtisch, was nicht ohne Folgen blieb: Die Tasse Kaffee, die er auf einer dicken Ermittlungsakte abgestellt hatte, landete im hohen Bogen auf dem Fußboden. Es klirrte. Scherben verteilten sich auf dem Linoleum-Belag, kalter Kaffee bildete eine Pfütze. „Scheiße“, schrie Brenner. Mertens war über diese heftige Reaktion des Kommissars einigermaßen erstaunt. Er hatte nicht mitbekommen, dass dem Mord­ermittler ein Malheur passiert war. „Äh ... Ja, wenn sich unser Verdacht bestätigt, dann haben wir es mit einem ganz perfiden Täter zu tun.“ Der Leiter des FK1 beschloss, die Sauerei auf dem Fußboden fürs Erste zu ignorieren. „Ich habe nicht Sie gemeint, Herr Doktor Mertens“, war Brenner um Aufklärung bemüht. „Sorry. Meine halb volle Kaffeetasse ist gerade in tausend Stücke zersprungen. Sprechen Sie bitte weiter. Was ist das für eine neue Spur, auf die Sie da gestoßen sind? Und warum haben Sie noch eine Leichenschau durchgeführt? Gestern sagten Sie mir doch, die Untersuchung sei abgeschlossen. Jetzt haben Sie mich aber neugierig gemacht.“ Doktor Mertens holte tief Luft. Die Frage nach dem Warum überhörte er. „Es ist vorerst nur ein Verdacht. Wir haben die Tote erneut nach Einstichstellen abgesucht und dabei auch die Kopfhaut und den Schambereich rasiert. In der Kopfschwarte haben wir eine winzige Punktion entdeckt. Es scheint uns, also mir und dem Kollegen Martin, eher unwahrscheinlich, dass es sich dabei um einen Insektenstich handelt.“ Brenner leckte sich über die Lippen. „Das wäre ja ein dickes Ding. Das hieße ja, wir hätten es mit einem Täter zu tun, der seinem Opfer mit einer ganz feinen Nadel Gift injiziert – und zwar an einer Stelle, die man leicht übersehen kann ...“ „Genauso ist es“, bestätigte der Rechtsmediziner. Der Mordermittler setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Dabei achtete er darauf, nicht in den Scherbenhaufen zu treten. „Und was schlagen Sie jetzt vor, Doc?“ Auf diese Frage hatte Mertens gewartet. „Nun, es gibt nur eine Möglichkeit, Klarheit zu erlangen und die Wahrheit herauszufinden ...“ „Ja, und die wäre?“, unterbrach ihn Brenner ungeduldig. „Wir müssen die Haut und das Unterhautfettgewebe rund um die mögliche Einstichstelle herausschneiden und die Gewebeprobe von unserem Labor auf Drogen, Medikamente und andere todbringende Substanzen untersuchen lassen. Natürlich sollten auch Leichenblut und Urin analysiert werden.“ Brenner strich sich mit der flachen Hand über seine Glatze. „Hm ... Verstehe. Und ich soll jetzt die Staatsanwaltschaft dazu bringen, grünes Licht für diese Untersuchung zu geben, richtig?“ „Herr Brenner, Sie haben es erfasst. Es geht mal wieder um den schnöden Mammon. Sie kennen doch den Spruch: Wer die Musik bestellt, der muss sie auch bezahlen. Ohne Auftrag der Polizei oder der Staatsanwaltschaft dürfen wir nicht tätig werden. Da sind mir als Rechtsmediziner die Hände gebunden – leider. Wir tragen zwar im günstigsten Fall dazu bei, dass die Kripo ein Tötungsdelikt aufklären kann, aber – anders als im Fernsehen – ermitteln wir nicht selbst, wie Sie wissen.“ „Äh ...“ Der Mordermittler kratzte sich an der Stirn. „Herr Doktor Mertens, sagen Sie mal: Könnte ich diese Laboruntersuchungen veranlassen? Oder muss das zwingend ein Staatsanwalt machen?“ „Nun, das ist eigentlich Sache der zuständigen Staatsanwaltschaft. Aber es kommt regelmäßig vor, dass ein erfahrener Polizeibeamter das auf seine Kappe nimmt. Die jungen Kommissare, ja, die fragen immer nach. Die wollen nichts falsch machen und noch was werden; die alten treffen gern selbst die Entscheidung.“ Der Leiter vom Mord und Totschlag musste lachen. „Nachtigall, ick hör dir trapsen“, sagte Brenner im feinsten Berliner Dialekt. „Message received ... Was kostet denn so eine Analyse? Spucken Sie’s schon aus.“ Mertens atmete auf. Der Mordermittler war kurz davor, die Toxikologie der Rechtsmedizin mit weiteren Nachforschungen zu betreuen. „Och, das ist gar nicht so teuer ...“, antwortete der Forensiker. „So cirka 100 Euro.“ Brenner war erstaunt. „Wie? Echt jetzt? Mehr nicht? Warum haben Sie das nicht gleich gesagt, Doc. Klar, das nehme ich auf meinen Deckel. Wenn’s der Wahrheitsfindung dient und anders nicht geht, bezahle ich die Rechnung aus meiner Tasche ...“ Mertens war zufrieden. Er hatte sein Ziel erreicht. „Fein, fein. Dann werte ich das jetzt mal als Auftrag.“ „Ja, bitte machen Sie diese Analyse – und rufen Sie mich umgehend an, wenn es in der Sache Stern etwas Neues gibt.“ „Selbstverständlich, Herr Brenner“, sagte der stellvertretende Institutsleiter und verabschiedete sich. „Dann sage ich jetzt erst einmal Tschüss. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag – und bleiben Sie gesund und munter.“ „Ja, das wünsche ich Ihnen auch, Herr Doktor. Wir hören dann voneinander.“ Die Männer beendeten das Telefonat. Während Karl Mertens freudestrahlend die Treppe, die zum Sektionssaal führte, hinunterging, wählte der Erste Kriminalhauptkommissar Kurt Brenner die Nummer von Miriam von der Heide. Er wollte die Staatsanwältin über die neuesten Entwicklungen im Fall Nadja Stern informieren. Nachdem es am anderen Ende der Leitung dreimal geklingelt hatte, war eine rauchige Frauenstimme zu hören. „Wer stört?“, meldete sich Miriam von der Heide, die mit Brenner befreundet war und anhand der Nummer im Display sofort gesehen hatte, wer sie anrief. „Hallo, Miriam“, sagte Brenner. „Habe ich dich etwa beim Büroschlaf gestört? Ich würde es dir nicht ver­übeln. Power-Napping soll ja sehr gesund sein?“ Der Mordermittler lachte gehässig. Die Staatsanwältin spielte die Empörte: „Du Schuft, du ... Wenn du wüsstest, was ich hier alles zu tun habe. Mein Schreibtisch biegt sich unter der Last der Aktenberge.“ Nach dem nicht ernst gemeinten Wortgefecht informierte Kurt Brenner die ermittelnde Staatsanwältin. Miriam von der Heide hörte sich schweigend an, was der leitende Mordkommissar zu berichten hatte. Nur ab und zu zog sie an ihrer Marlboro, die die Kettenraucherin heimlich in ihrem Büro inhalierte. Brenner gestand ihr, dass er über ihren Kopf hinweg eine Entscheidung getroffen hatte. Staatsanwältin von der Heide hustete Schleim ab. Ihre Zigarette klemmte lässig in ihrem linken Mundwinkel, was ihr ein verwegenes Aussehen verlieh. „Kurt, wir können das hier abkürzen. Du hast alles richtig gemacht. Alles gut ... Das hätte ich genauso gemacht. Bei einem dermaßen gravierenden Verdacht dürfen wir keine Zeit verlieren. Ich hoffe allerdings, die Rechtsmediziner irren sich.“ Brenner war beruhigt. Seine Entscheidung war im Nachhinein von der Staatsanwaltschaft abgesegnet worden. „Ja, stimmt, es wäre schön, wenn sich das Ganze als Fehlalarm entpuppen würde. Okay, meine Liebe. Dann warten wir mal ab, was die forensischen Toxikologen herausfinden.“ Die Staatsanwältin zog an ihrer Kippe, stieß kurz darauf – für Brenner hörbar – blauen Dunst aus. „Jo, so mok wi dat ...“, sagte sie. „Mach’s gut, Kurt. Und halt mich bitte auf dem Laufenden. Du weißt ja: Ich lebe gern in der Lage.“ „Alles klar“, sagte Brenner. „Versprochen.“ Kapitel 12 Die Wintersonne schien in feinen Streifen durch die leicht aufgezogenen Lamellen der grauen Jalousie, die das Büro von Doktor Manfred Rixinger abdunkelte. Im schräg einfallenden warmen Sonnenlicht schienen Staubkörner einen wilden Freudentanz aufzuführen. Herma hatte das Gefühl, dass die Zeichen auf Frühling standen. Sie freute sich auf immer länger werdende helle Tage, wollte die dunkle Jahreszeit hinter sich lassen. Überall schossen Schneeglöckchen und Krokusse mit Macht aus der Erde, und die ersten Störche kehrten schon aus Afrika zurück. Dabei war es noch Januar – ein ungewöhnlich milder allerdings. Die Natur spielte verrückt. Als Herma am Morgen ihr kleines Haus am Deich verlassen hatte, um nach Oldenburg zu fahren, war ein Schwarm Kraniche in Keilformation über sie hinweggeflogen. Das laute Trompeten der großen grauen Vögel hatte sie verwundert aufhorchen lassen. Van Dyck konnte sich nicht daran erinnern, dass sie dieses Schauspiel schon jemals zuvor zu einem so frühen Zeitpunkt erlebt hatte. Dabei hatte sie ihre ganze Kindheit und Jugend an diesem Ort am Wattenmeer verbracht. Das kleine Fleckchen Erde vermittelte ihr noch heute ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Mit ihrem schwarzen Škoda Yeti war die krankgeschriebene Mordermittlerin nach Oldenburg gefahren, wo sie einen Termin beim RMD hatte. Die drei Buchstaben standen für Regionalmedizinische Dienste. Der Medizinische Dienst der Zentralen Polizeidirektion Niedersachsen mit Sitz in der Landeshauptstadt Hannover war für alle 500 Polizeidienststellen im Land zuständig – es gab Standorte in Hannover, Göttingen, Braunschweig, Lüneburg, Osnabrück und in Oldenburg. Die jeweiligen medizinischen Einrichtungen waren modern ausgestattet. Speziell geschultes medizinisches Personal, darunter 16 Polizeiärzte und ein Psychologe, kümmerten sich um 23000 Beamte und Angestellte. Einer von ihnen war der Psychiater und Psychologe Doktor Manfred Rixinger. Der Medizinische Dienst verstand sich als Servicepartner der Polizei. Die Ärzte führten nicht nur Sehtests durch. Sie entschieden letztlich darüber, ob ein Bewerber polizeidiensttauglich oder ein Polizeibeamter wieder dienstfähig war. Herma van Dyck hatte panische Angst davor, aufgrund der Kopfverletzungen, die ihr im Dienst von einem Serienmörder zugefügt worden waren, ausgemustert zu werden. Dass sie seitdem unter Migräne litt, verschwieg sie deshalb. Während sie auf Rixinger wartete, dachte die Kriminalistin an das Beamtenstatusgesetz. In Paragraf 26 ging es um Dienstunfähigkeit. Wie oft hatte Herma sich die Sätze, die im sperrigen Juristendeutsch verfasst worden waren, durchgelesen, wie oft hatte sie nachts wach gelegen und über deren Bedeutung nachgedacht. Besonders ein Absatz ließ sie nicht mehr ruhig schlafen. Die Worte machten sie kirre. „Zur Vermeidung der Versetzung in den Ruhestand kann der Beamtin oder dem Beamten unter Beibehaltung des übertragenen Amtes ohne Zustimmung auch eine geringerwertige Tätigkeit im Bereich desselben Dienstherrn übertragen werden, wenn eine anderweitige Verwendung nicht möglich ist und die Wahrnehmung der neuen Aufgabe unter Berücksichtigung der bisherigen Tätigkeit zumutbar ist.“ Was für ein Scheiß, dachte Herma van Dyck. Sie wollte Mordermittlerin bleiben, Schwerverbrechern das Handwerk legen und nicht an irgendeiner Straßenecke den Verkehr regeln. Hinter ihr knarrte es. Die Tür ging auf. Rixinger betrat den Raum. Herma erhob sich blitzschnell aus dem Stuhl, ihr Herz pochte, so als habe der Seelenklempner sie bei etwas Verbotenem erwischt. Der hagere Polizeiarzt ging mit ausgestreckter Hand auf Herma van Dyck zu. „Hallöchen, na, wie geht’s uns denn heute?“, fragte der Mann mit der schiefen Pinocchio-Nase, griff blitzschnell nach der Hand seiner Patientin und drückte sie kräftig. Was für ein Blödmann, dachte Herma, quälte sich aber ein Lächeln heraus. „Danke, gut.“ Herma konnte Leute nicht leiden, die „uns“ sagten, wenn sie ihr Gegenüber meinten. Sie hatte schon einen flotten Spruch auf den Lippen, behielt ihn aber lieber für sich. Sie wusste, dass dieser Pinocchio Macht über sie hatte. Von diesem Mann hing es ab, ob die Kriminalhauptkommissarin schon bald wieder auf Mörderjagd gehen durfte – oder nicht. Also beschloss sie, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Rixinger schaute ihr sekundenlang in die Augen. Er hatte von Berufs wegen eine gute Beobachtungsgabe, wusste, dass die Augen der Spiegel der Seele waren. In ihnen konnte er lesen wie in einem Buch. Herma fühlte sich bei dieser Musterung unwohl, sie wechselte nervös von einem Fuß auf den anderen und brachte nur ein „Tja ...“ heraus. Wie ein Schulkind, das beim Abschreiben ertappt worden war, senkte van Dyck ihren Kopf und nahm wieder auf dem Stuhl Platz, der vor dem Schreibtisch des Psychologen stand. Mit ihren Händen umklammerte sie krampfhaft die Armlehnen, wodurch ihre Knöchel weiß hervortraten. Rixinger schwieg. Dem Polizeipsychologen war nicht entgangen, dass sich die Kommissarin nicht wohl in ihrer Haut fühlte. „Frau van Dyck, wie fühlen Sie sich?“, nahm der Psychologe den Gesprächsfaden auf. „Gut, das sagte ich ja bereits“, blaffte Herma den Mann vom Medizinischen Dienst an. Die Ermittlerin lehnte sich zurück, presste ihren Rücken gegen die Stuhllehne, die verdächtig knackte, und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Doktor Rixinger wertete das als Zeichen dafür, dass seine Patientin auf Distanz ging und vermutlich nicht ehrlich zu ihm sein würde. Er war gewarnt. Rixinger blätterte in seinen Notizen, raschelte mit den Papieren, die er vor sich ausgebreitet hatte. „Hm ... Über Ihre Kindheit, Ihre verstorbenen Eltern, Ihre Laufbahn bei der Polizei und das, was Ihnen in Hameln zugestoßen ist, haben wir ja schon beim letzten Mal ausführlich gesprochen. Ähm ... Erzählen Sie mir doch bitte, wie es Ihnen in den vergangenen beiden Wochen so ergangen ist ... Was haben Sie so den lieben langen Tag gemacht? Wie gut haben Sie nachts geschlafen? Hatten Sie Albträume?“ Ein verächtliches Lächeln huschte über Hermas Gesicht. Rixinger verärgerte das. „Amüsiert Sie etwas, Frau van Dyck? Falls ja, verraten Sie mir doch bitte, welche meiner Fragen Sie gerade so erheitert hat ... Vielleicht können wir dann ja gemeinsam darüber lachen.“ Herma schniefte mit der Nase, hob abwehrend die Hände. „Ich habe mich nicht über Sie oder Ihre Fragen lustig gemacht, Herr Doktor Rixinger. Entschuldigen Sie bitte ... Glauben Sie mir, für mich ist das hier alles andere als witzig. Ich fand nur, dass Sie mir ganz schön viele Fragen auf einmal gestellt haben. Das ist schon alles.“ Der Arzt und Diplom-Psychologe starrte Herma durch seine Nickelbrille an. Sein Blick war streng. Offenbar fühlte er sich nicht ernst genommen. „Und? Fühlen Sie sich in der Lage, meine Fragen zu beantworten?“ Herma beugte sich nach vorn. „Na klar doch ...“, sagte sie herausfordernd und rutschte auf dem Stuhl hin und her. Sie wollte diesen für sie unangenehmen Termin so schnell wie möglich hinter sich bringen. „Wie es mir geht? Sie wollen wissen, wie ich mich fühle, ja? Okay. Beschissen ist geprahlt. Ich habe Angst, meinen Job beim FK1 zu verlieren. Ich fühle mich Ihnen ausgeliefert, weil ich nicht weiß, was Sie von mir erwarten, Herr Rixinger. Pardon, Herr Doktor Rixinger. So sieht’s aus.“ Der Polizeipsychologe nahm seine Brille ab, hielt sie in seiner rechten Hand und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand seine Nasenwurzel. Er atmete hörbar aus. „Ich schätze Ihre Ehrlichkeit, Frau Hauptkommissarin.“ Herma unterbrach ihn. „Woher wollen Sie wissen, dass ich die Wahrheit gesagt habe?“ Rixinger setzte wieder seine John-Lennon-Nickelbrille auf und musterte Herma von oben bis unten. „Ich will es Ihnen verraten – aber nur, weil Sie es sind.“ Doktor Rixinger zwinkerte ihr aufmunternd zu. „Wissen Sie, als Polizeipsychologe muss ich Körpersprache, Mimik und Mikrogestik beobachten und auswerten können. Schon Cicero hat gesagt: ,Das Gesicht ist ein Abbild der Seele.‘ Und was soll ich sagen? Es stimmt. Wer Lügen erkennen will, braucht eine gute Beobachtungsgabe und gute Ohren, denn an optischen und akustischen Signalen, die mein Gegenüber unbewusst aussendet, kann ich vieles erkennen. Ich will Ihnen das an ein paar Beispielen erläutern: Wenn wir lügen, wird unsere Stimmlage höher, reißen wir in bestimmten Situationen unsere Augen weit auf. Oder wir fuchteln mit unseren Händen wie wild in der Gegend herum. Wer zappelig ist – so wie Sie es vorhin waren – und weder still stehen noch sitzen kann, gibt sehr viel von sich preis – ohne es zu wollen und zu merken.“ Nach einer kurzen Sprechpause setzte er seinen Monolog fort: „Worte lassen sich leicht verbiegen, um die Wahrheit zum eigenen Vorteil zu verdrehen. Es ist aber beinahe unmöglich, das Gesagte auch mit den Augen wiederzugeben. Ihnen ist das auch nicht gelungen, als Sie mir gesagt haben, es gehe Ihnen gut. Das war geflunkert. Geben Sie es zu ...“ Herma van Dyck saß in leicht gebückter Haltung und mit geöffnetem Mund vor Rixinger und hörte ihm zu. Sie fühlte sich ertappt und gab die Empörte. „Ach, lassen Sie mich doch mit Ihrem albernen Cicero zufrieden. Wollen Sie mich etwa mit einem blöden Römer-Zitat beeindrucken?“ Herma war wütend. „Sie bezichtigten mich der Lüge. Das ist nicht in Ordnung – das ist einfach nicht fair. Wenn Sie jemand fragt, wie es Ihnen geht, sagen Sie doch auch: ,Gut‘ – oder etwa nicht? Das ist wie ein Reflex.“ Die Kommissarin senkte ihren Kopf, sie wollte nicht, dass Rixinger ihre feuchten Augen sah. „Okay ... Sie glauben mir nicht, dass ich fit bin für den Dienst“, sagte sie schulterzuckend. „Was soll ich jetzt tun, um Sie vom Gegenteil zu überzeugen? Purzelbäume schlagen, oder was?“, sagte sie. Der Psychologe schluckte glucksend Speichel herunter, der sich in seinem Mund gesammelt hatte. „Ich habe das Gefühl, dass sie mich als Ihren Feind ansehen. Das bin ich aber nicht. Ich stehe auf Ihrer Seite. Ich bin ein Freund. Meine Aufgabe ist es, festzustellen, ob Sie den auf Sie verübten Anschlag einigermaßen gut überstanden haben – physisch und insbesondere psychisch. Nicht mehr und nicht weniger. Denken Sie an Ihre Kollegen. Wenn Sie noch nicht so weit sind, ich Ihnen aber trotzdem Diensttauglichkeit attestiere, hat niemand etwas davon. In einer Extremsituation könnten Sie versagen. Das könnte Sie und Ihre Kollegen in ernste Gefahr bringen. Verstehen Sie das?“ „Ja, natürlich“, flüsterte Herma kleinlaut. Die psychologisch geschulte Vernehmungsspezialistin wechselte ihre Taktik. Sie hatte sich entschieden, an Rixingers Mitgefühl zu appellieren. „Aber es ist so: Ich möchte wieder beim Mord und Totschlag arbeiten – und ich fühle mich fit dafür.“ Der Polizeipsychologe schaute durch seine kreisrunden Brillengläser. Sein Blick war streng. „Sie haben wirklich keine Schmerzen mehr? Ihnen wird nicht plötzlich schwindelig? Sie wachen nicht nachts schweißgebadet auf, weil Sie das Gesicht des Täters gesehen haben?“ „Nein“, schrie Herma van Dyck. „Ich habe nur Angst vor Ihnen ...“ Doktor Manfred Rixinger holte tief Luft. Er fasste sich mit der flachen Hand an die Brust. „Vor mir?“, fragte er ungläubig. Seine Geste sah gespielt aus. Er neigte seinen Kopf zur Seite, was Herma als Sprechaufforderung deutete. „Ja, genauer gesagt: Ich habe Angst vor den Sätzen, die in Ihrem Gutachten stehen werden. Für mich hängt sehr viel davon ab. Das können Sie mir glauben. Dieser Beruf ist für mich Berufung. Wenn ich ihn nicht mehr ausüben darf, hat mich dieser beschissene Mörder de facto auf dem Gewissen. Sie fällen sozusagen ein Urteil.“ Ihre Worte klangen flehentlich, sie hatten aber auch etwas Kämpferisches. Der Psychologe rieb sich das Kinn. „Na, na, na ... Wir wollen doch die Kirche im Dorf lassen. Ich fälle keine Urteile, ich stelle Diagnosen. Ich muss gestehen ... Ihre direkte Art ist entwaffnend. Ich hätte nicht gedacht, dass ich eine Mordermittlerin in Angst und Schrecken versetzen kann.“ Er lächelte. „Ja, es ist so ... Ich sehe Angst in Ihren Augen. Aber Sie haben nachvollziehbar dargelegt, was Sie quält.“ Der Polizeipsychologe musste niesen. Er fischte ein Papiertaschentuch aus einer Schublade und schnäuzte sich. „Diese verdammten Pollen. Ich bin Allergiker“, sagte er. Er klang verschnupft. Herma saß wie versteinert auf dem Patientenstuhl und dachte nach. „Nun, machen Sie sich mal keine allzu großen Sorgen.“ Wieder zwinkerte Rixinger Herma van Dyck zu. „Ich rate Ihnen als Mensch und als Ihr Arzt und Psychologe: Muten Sie sich nicht zu früh zu viel zu. Sie tun sich damit keinen Gefallen. Der Anschlag auf Sie ist erst ein paar Wochen her. Die Wunden an Ihrer Seele sind längst noch nicht verheilt. Ob Sie es nun glauben oder nicht. Auch wenn sich das jetzt für Sie nicht so anfühlt: Ich meine es wirklich gut mit Ihnen.“ Herma zog die Augenbrauen hoch. „Und was heißt das jetzt?“, wollte sie wissen. „Das heißt, dass wir für heute fertig sind und ich mir Gedanken über Ihre Polizeidiensttauglichkeit machen werde.“ Das Arzt-Patienten-Gespräch war beendet. Herma stand auf, reichte Rixinger ihre rechte Hand, drückte entschlossen zu und sah ihm dabei direkt in die Augen, die leicht zuckten. In einer Frauenzeitschrift hatte Herma gelesen, dass ein kurzer fester Händedruck ausschlaggebend darüber sein konnte, ob wir unser Gegenüber mögen oder nicht. Sie wollte, dass Doktor Rixinger sie sympathisch fand. „Wow, was für ein imposanter Händedruck. Das zeugt von Entschlossenheit und Willensstärke“, sagte der Psychologe. Herma freute sich – sie hatte dem Doc zum Abschluss ein perfektes, positives nonverbales Signal gesandt, das ihr – so hoffte sie zumindest – Sympathiehöchstwerte einbrachte. Psychologen konnte man mit so einem Psychoscheiß beeindrucken, dachte sie. Bei Pinocchio hatte es jedenfalls funktioniert. Herma van Dyck hatte ein Lächeln auf den Lippen, als sie den RMD West verließ, um in ihrem Yeti die Heimreise anzutreten. Rixinger hatte ihr Hoffnung gemacht. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/ulrich-behmann/januargier/?lfrom=196351992) на ЛитРес. 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