Mord oder Absicht? Lothar Schöne Ein Mann namens Frederick Reinhardt wird ermordet. Er war eine Leitfigur der Aufgewachten, einer Gruppierung also, die sich politisch und moralisch gern über die von ihnen sogenannten Schlafschafe erhebt. Warum wird eine so noble Gestalt in den ewigen Schlaf geschickt? Musste er einen brutalen Tod erleiden, weil er edle Absichten hatte? Oder gibt es noch andere Gründe? Julia Wunder und ihr Assistent Vlassi versuchen eben das herauszufinden und befinden sich bald in einem Morast aus Verdächtigen. Nur gut, dass der Mainzer Kollege Lustig sich einen sprechenden Hund angeschafft hat. Dieser Columbo scheint mehr zu wissen … Für Jutta und Martin Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Handlungen und Charaktere sind frei erfunden. Tatsächlich existierende Personen haben ihre Zustimmung erteilt. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de © 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln www.niemeyer-buch.de Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: C. Riethmüller EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH eISBN 978-3-8271-8412-2 Lothar Schöne Mord oder Absicht? Ein Rhein-Main-Krimi Das ist ja die verkehrte Welt, Wir gehen auf den Köpfen! Die Jäger werden dutzendweis Erschossen von den Schnepfen. (Aus „Verkehrte Welt“ von Heinrich Heine) 1 Herr Tod, ich bin enttäuscht! „Ich bin nicht normal“, murmelte er und lehnte sich erschöpft an ein Bäumchen im Kurpark, „ich bin überhaupt nicht normal.“ Er streckte sich zu voller Länge, umgriff den Stamm mit beiden Händen und flehte das Bäumchen an: „Sag du mir, ob ich noch normal bin!“ Der Mann war umhergeirrt, als wüsste er nicht, wo er sich befand. Jetzt stieß er sich von dem Stamm ab, und das sah gerade so aus, als wolle er einen lästigen Zeugen, der die Antwort verweigerte, abschütteln. Der groß gewachsene Mittdreißiger sah nach oben in den Himmel, der nachtschwarz über ihm lastete. Nur ein trüber Halbmond gab etwas Licht. „Ich muss krank sein“, kam es dann leise über seine Lippen, und er lauschte, doch der Himmel schwieg, und noch nicht einmal ein Sternlein blinkte auf. Er machte einige tapsende Schritte in Richtung zum nahe gelegenen Weiher, und ihm ging durch den Kopf, dass er nicht krank, sondern schwer krank, ja tödlich krank sein müsse. Oder war er schon tot? Tappte er im Jenseits herum und hatte es nicht gemerkt? Hätte ihm der Baum vielleicht sagen sollen, dass er unter den Toten wandelte?, überlegte er weiter. Doch es handelte sich offenbar um einen vornehmen, einen feinsinnigen Baum, der deshalb nicht zu mir sprach, weil ich vermutlich nicht als Toter, sondern als Untoter über die Erde krauche. Gewissermaßen ein vampirisches Leben führen muss … Solche Überlegungen hielten den Burschen nicht davon ab, sich zum Weiher zu bücken, um sich mit der rechten Hand Wasser ins Gesicht zu schaufeln. Wasser ist schließlich ein Lebenselement, aber zählte auch das Wasser dieses Weihers dazu? Selbst in der Düsternis der Nacht, nur streifenhaft erhellt durch die Laternen der nahe gelegenen Wilhelmstraße, konnte man den Kot der Enten im Weiher entdecken. Unser unnormaler Nachtgänger schreckte zurück. Vermutlich hatte er sich mit seinen Wasserspritzern den endgültigen Todesstoß versetzt, einen erbarmungslosen Stoß ins Reich der Toten oder vielmehr Untoten. Sogleich hielt er inne, und ein anderer Gedanke kam ihm in den Sinn. Vielleicht war er betrunken – das war gut möglich. Denn normalerweise düngte er seine inneren Organe lediglich mit gesunden Tees. Ein Schluck Alkohol konnte Verheerendes bewirken. Er musste Alkoholisches zu sich genommen haben. Aber wo? Und mit wem? Schließlich war er kein Alleintrinker, kein einsamer Zecher, der sich in Kaschemmen herumtrieb, um sich auf Teufel komm raus Hochprozentiges in den Schlund zu schütten. Der Mann erhob sich, verabschiedete sich mit einer Verbeugung vom Weiher, dessen Wasser zwar nicht das gesündeste Getränk, aber immerhin doch ein Labsal war, und ging stockend in Richtung der großen Straße. Stockend? Einmal taumelte er sogar, und als er schließlich auf dem Fußweg der Wilhelmstraße angelangt war, überlegte er, wie er heimfinden würde. Oder sollte er zu Carola? Carola – ja, die gab es, er erinnerte sich an sie. Gleich verwarf er den Gedanken wieder. Seine Freundin würde sein Leiden vermutlich verschlimmern, ihn zum Nachtdienst einer Klinik schaffen, wo man vermutlich seinen baldigen Tod feststellen würde. Wenn er nicht in der Klinik selbst verendete, an Apparaturen festgezurrt, und im Hinübergleiten in die jenseitige Welt würde er noch die geflüsterte Diagnose des Arztes hören: Nichts mehr zu machen, dieser Mann war nicht zu retten. Aber warum, warum nur bin ich dem Tod geweiht?, ächzte der Unbekannte auf, ich bin doch erst sechsunddreißig, das ist doch kein Alter für den Tod! Da hat er doch gar keine Freude. Und im letzten Fall habe ich den Tod schließlich persönlich kennengelernt. Nicht nur kennen-, gewissermaßen auch schätzen gelernt. Als Regisseur hatte der was drauf. Gar kein unangenehmer Geselle. Wenn er es auf mich abgesehen hätte, könnte er doch auch jetzt erscheinen. Damals hat er mir als Hase aufgelauert, jetzt könnte er mich als Ente im Kurpark überraschen. Schließlich ist der Tod erfindungsreich, dem sind keine Varianten fremd, und seien sie auch noch so tierisch. Kommissar Vlassopolous Spyridakis, denn um keinen anderen handelte es sich, schaute in den Park zurück. War da eine Ente, die sich auffällig benahm und sich als der Herr Tod entpuppen würde? Er machte ein paar Schritte in den Kurpark. Doch er sah nur schlafendes Federvieh, sodass er schließlich ausrief: „Herr Tod, ich bin enttäuscht! Wenn man Sie braucht, sind Sie nicht da. Immer kommen Sie zur unrechten Zeit. Jetzt, wo ich einen Rat vertragen könnte, haben Sie sich offenbar aufs Ohr gelegt!“ Keine der schlummernden Enten am Weiher fühlte sich durch seine Rede genötigt aufzuwachen. Es blieb alles ruhig. So drehte sich Vlassi um und ging zurück zur Straße. Heim musste er, nichts als heim, überlegte er. Aber wo wohnte er noch mal? War ihm seine Behausung etwa auch abhandengekommen? Mein Gedächtnis hat gelitten, kam es ihm in den Sinn. Todkrank bin ich, vielleicht schon tot, und obendrein ohne Gedächtnis. Wenn ich endgültig ins Jenseits schwebe, werde ich es nicht einmal bemerken. Aber was mach’ ich mir Sorgen, im Grunde ist es gar nicht so übel, den eigenen Tod nicht mitzukriegen. Dann kam ihm in den Sinn, dass etwas Fürchterliches passiert sein musste. Ein Verbrechen? Ihm flatterten die Vokabeln Mord oder Absicht durchs Hirn. Blödsinn, dachte er im selben Moment, das passt doch gar nicht zusammen, das ist doch gaga. Mord ohne Absicht, das ginge, aber Mord oder Absicht … Bald sehe ich mich wahrscheinlich doppelt, und auf meinen Köpfen wachsen Glühbirnen, die leider nicht glühen. Vermutlich leide ich nur an vorzeitiger Vergreisung, beruhigte er sich. Mich hat die Demenz überfallen, das kann ja in jedem Alter passieren. Die fehlende Erinnerung wird bei mir ergänzt durch sinnlose Vokabeln, Mord oder Absicht ... grotesk. Er machte ein paar Schritte, es war weit nach Mitternacht, und auf der Wilhelmstraße fuhr ein Taxi langsam an ihm vorbei, stoppte aber plötzlich, der Fahrer ließ das Fenster herunter und fragte: „Brauchen Sie ein Taxi?“ Der Chauffeur hatte offenbar erkannt, dass Vlassopolous Spyridakis einen fahrbaren Untersatz nötig hatte. Vlassi nickte und erwiderte stockend: „Brauchen schon, aber ich … also … ich könnte Ihnen nicht sagen, wo wir hinmüssen.“ „Verstehe“, erwiderte der Fahrer lächelnd, der einen Mann vor sich wähnte, der zu tief ins Glas geschaut hatte, und gab dann einen Rat, der Vlassi einleuchtete: „Denken Sie scharf nach, dann fällt’s Ihnen bestimmt ein. Ich komm noch mal vorbei.“ Nachdenken, das muss ich tun, sagte sich Vlassi, als das Taxi entschwunden war. Aber scharf nachdenken – bin ich dazu in der Lage? Wenn man das Gedächtnis verloren hat und die Demenz einsetzt – dann fehlt neben dem Denken auch jede Schärfe und das Hirn verludert zu einem Unsinnskasten. Wo bin ich eigentlich?, fragte er sich im nächsten Augenblick. Er lehnte sich an den Zaun eines Gartens und schaute auf. Ah, das Literaturhaus, das Wiesbadener Literaturhaus. War das nicht ein guter Ausgangspunkt, um irgendwohin zu finden – und sei es zum eigenen Zuhause. 2 Ein totes Problem auf zwei Beinen Anderntags ging es schon auf halb elf zu, und Hauptkommissarin Julia Wunder hatte bereits zweimal auf die Uhr geschaut. Wollte Kommissar Spyridakis heute nicht zum Dienst erscheinen? Sie hörte auf dem Gang draußen schlurfende Schritte. Das hörte sich keinesfalls nach Spyridakis an. Doch im nächsten Moment ging die Tür auf, und ein Mann trat ein, der eine unverkennbare Ähnlichkeit mit ihm besaß. Allerdings war da nichts von jugendlicher Frische zu erkennen, Vlassi schleppte sich voran, und sein Gesicht sah grau und eingefallen aus. Er ließ sich auf den Stuhl an seinem Schreibtisch fallen, es hatte geradezu den Anschein, als sei er froh, es bis dahin geschafft zu haben. Die ihm gegenübersitzende Julia musterte ihn. „Guten Morgen, Herr Spyridakis“, sagte sie schließlich. Vlassi warf einen müden Blick zu ihr: „Ich glaube nicht, dass er gut ist, der Morgen.“ „Na, Sie haben es, wenn auch mit Verspätung, in unser Dienstzimmer geschafft. Das ist doch schon ein Anfang.“ Vlassi nickte ergeben, blieb aber stumm. „Darf man fragen, was Ihnen geschehen ist? Sie kommen mir etwas eingefallen vor“, fragte seine Chefin. Vlassi richtete sich auf und antwortete mit klarer Stimme: „Ich bin nicht eingefallen. Ich bin tot.“ „Aha. Sehr interessant“, erwiderte Julia, „aber gehört zum Tot-Sein nicht auch ein Leichenschein? Wenn Sie den nicht vorweisen können, sollten wir schleunigst Frau Doktor Hauswaldt aufsuchen.“ Vlassi nickte, erwiderte jedoch: „Die Hauswaldt können wir uns sparen. Mein Zustand übersteigt ihre Fähigkeiten.“ „Aber unsere Rechtsmedizinerin kennt sich mit Leichen aus“, teilte Julia mit. „Mit mir nicht“, widersprach Vlassi, „ich bin eine besondere Leiche.“ „Könnte man sagen, Sie sind eine lebende Leiche“, fasste Julia zusammen, „und es fehlt Ihnen nur das Grab?“ Vlassi stimmte müde zu: „Ja, das Grab fehlt mir noch, dann wäre es endgültig.“ „Also endgültig ist Ihr Leichen-Dasein noch nicht?“, wollte Julia wissen. „Ich bin noch nicht lange tot“, erläuterte Vlassi. „Verstehe“, nickte Julia, „auf jeden Fall kann ich Ihnen jetzt schon versichern, dass ich Ihr Grab besuchen werde. Und vielleicht könnte ich sogar Kriminalrat Feuer zu einem gemeinsamen Kondolenzbesuch überreden.“ „Kommen Sie mir nicht mit Feuer, dem ist mein Zustand so fremd wie der Hauswaldt.“ Vlassi stöhnte auf: „Sie wissen nicht, was passiert ist.“ „Aber doch“, widersprach Julia, „es ist etwas passiert, das Ihren Tod verursacht hat.“ Sie hielt einen Moment inne: „Nur müssen Sie mir sagen, was genau passiert ist.“ Vlassi schüttelte den Kopf: „Tote können nicht reden.“ „Im Allgemeinen stimmt das, aber Sie sind eine Ausnahmeerscheinung, gewissermaßen ein Ausnahme-Toter, und außerdem noch halb im Leben.“ Vlassi gefiel das Kompliment von ihr. Er war eine Ausnahmeerscheinung, ja, ja – allerdings eine ziemlich unlebendige, der nur das Grab fehlte. Er blickte zu ihr: „Wenn ich doch reden könnte … alles, alles würde ich Ihnen erzählen … aber zu meinem Tot-Sein kommt noch Gedächtnisverlust hinzu. Ich bin ein Toter ohne Erinnerung.“ „Sie entpuppen sich als schwieriger Fall“, murmelte Julia. Vlassi stimmte zu: „Normalerweise liebe ich schwierige Fälle, wie Sie wissen. Aber diesmal bin ich selbst einer.“ „Und jetzt reden Sie sogar vernünftig, was gar nicht zu Ihnen passt“, teilte Julia mit, „es scheint also wirklich problematisch um Sie zu stehen.“ „Sage ich doch“, bestätigte Vlassi, „ich bin ein totes Problem auf zwei Beinen, und nicht mal die Enten im Kurpark konnten mir helfen.“ „Sie waren im Kurpark, daran erinnern Sie sich?“, fragte Julia. „Letzte Nacht, ja, und ich habe gehofft, dass mir eine Ente Bescheid sagt. Wissen Sie, der Tod ist ein guter Ratgeber und verkleidet sich mitunter als Ente … “ „Als Ente, ah ja“, nickte Julia und dachte, dass es ihren Vlassi doch heftiger als gedacht getroffen hatte. „Immerhin wissen Sie noch, dass Sie im Kurpark mit den Enten gesprochen haben.“ „Die haben aber keine Antwort gegeben, die Biester. Ich war sehr enttäuscht.“ „Nun ja“, meinte Julia, „wir sollten nicht zu sehr enttäuscht sein, wenn Enten sich nicht auf ein Gespräch mit uns einlassen.“ Vlassi wollte etwas entgegnen, kam aber nicht dazu, denn die Tür wurde aufgerissen, und Kriminalrat Robert Feuer stürzte herein. „Guten Morgen, die Herrschaften, ich grüße Sie aufs Allerherzlichste!“ Julia Wunder erwiderte seinen Gruß, fragte aber misstrauisch: „Sie haben offenbar einen neuen Fall für uns?“ „Keineswegs, es gibt nur läppische Dinge, mit denen wir uns nicht beschäftigen müssen. Ich komme gerade von der Lektüre eines Artikels im Wiesbadener Kurier …“ Feuer hielt inne, denn sein Blick war auf Vlassi gefallen, der stumm dasaß und nach wie vor derangiert aussah. „Was ist denn mit Ihnen los, Herr Spyridakis?“ Vlassi hob den Kopf: „Ich bin tot.“ „Hat man Sie erschossen oder vergiftet?“ Kriminalrat Feuer lachte bärig los, um dann weiterzusprechen: „Na, so wie ich Sie kenne, wird man Sie ertränkt haben. Vermutlich haben Sie sich selbst ertränkt. In einer Badewanne, der es an Wasser mangelte.“ „Ach, das wäre schön“, murmelte Vlassi. Julia griff ein und teilte mit: „Herr Spyridakis weiß nicht mehr, wie er ums Leben gekommen ist.“ Jetzt machte Feuer auf fürsorglich: „Aber so etwas kann man doch herausfinden. Vor allem, wenn man noch am Leben ist.“ Vlassi schaute zu ihm: „Meinen Sie?“ „Ja sicher meine ich das. So kleine Lücken hat doch jeder mal. Ich weiß zum Beispiel nicht mehr, ob ich vorgestern Morgen zum Frühstück ein Ei gegessen habe …“ „Bei mir geht es doch nicht um ein Ei“, stöhnte Vlassi auf. „Es geht immer ums Ei, Herr Kollege“, teilte Feuer energisch mit, „Sie haben offenbar nur vergessen, ob es sich um ein Hühner- oder Straußenei handelt.“ „Was Großes war’s schon“, stimmte Vlassi leise zu. „Na sehen Sie, das ist doch schon mal ein Anhaltspunkt“, erklärte Kriminalrat Feuer, als habe er das Tot-Sein Vlassis auf den Punkt gebracht. Julia fragte nüchtern: „Aber wie hilft ihm sein Straußenei?“ „Ein Anhaltspunkt, wie ich schon sagte“, stellte Feuer fest, „von hier muss man weiterforschen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ein so fähiger, wenn auch verquerer Beamter wie Kommissar Spyridakis bald herausfindet, wie das Straußenei zu seinem Gedächtnisschwund führte.“ Vlassi sah ihn verdattert an, während Julia nickte und mit Ironie in der Stimme anmerkte: „Ja, ja, er wird bestimmt schnell entdecken, wie ein Ei seine Erinnerung blockiert.“ Feuer warf einen missmutigen Blick zu ihr, doch da er heute offenbar mit guter Laune in den Tag gestartet war, sagte er generös in Richtung Vlassi: „Wissen Sie, Herr Spyridakis, nehmen Sie sich den Tag frei, gehen Sie in den Kurpark spazieren, da kommen Sie auf andere Gedanken, und alles fällt Ihnen wieder ein.“ Er ging zur Tür, öffnete sie, drehte sich noch einmal herum und teilte Vlassi jovial mit: „Morgen sind Sie ein neuer Mensch.“ Kaum war er draußen, wandte sich Vlassi an Julia: „Morgen bin ich vielleicht doppelt tot.“ „Das ist gut möglich“, erwiderte sie, „aber Herr Feuer hat mich auf eine Idee gebracht, er ist, ohne es zu wissen, mitunter ganz hilfreich.“ „Eine Idee …“, murmelte Vlassi. Julia gab keine Auskunft, griff stattdessen zum Telefonhörer und wählte eine Nummer. Schon nach dem ersten Klingeln meldete sich auf der Gegenseite eine männliche Stimme, Vlassi konnte nicht hören, welche es war, erkannte aber rasch, um wen es sich handelte. Seine Chefin sprach mit ihrem Vater Wolfgang Hillberger, teilte ihm in kurzen Worten mit, dass sie einen schwierigen Fall vor sich habe, worauf Hillberger sie unterbrach: „Das kann nur der Spyridakis sein! Der ist doch die Schwierigkeit in Person.“ Julia bejahte seine Feststellung nicht, wollte stattdessen wissen, ob ihr Vater einen Psychiater kenne, der mit Gedächtnisschwund umgehen könne. „Das kann jeder, das ist ihr Beruf!“, schnarrte Hillberger, während Vlassi auf der anderen Seite des Schreibtischs aufstöhnte: „Zum Nervenarzt soll ich? Ich bin doch nur tot und nicht plemplem.“ Wolfgang Hillberger hatte Vlassis Stöhnrede nicht gehört, stellte aber ebenfalls fest: „Ist der Spyridakis jetzt vollständig abgedreht, ganz von der Rolle?“ Julia antwortete: „Das ist sein Wesen, Papa. Damit muss man klarkommen.“ „Mein Wesen“, griff Vlassi wieder ein, „mein Wesen ist das Tot-Sein. Erklären Sie das Ihrem Vater mal. Damit muss ich klarkommen.“ „Und vor allem ich“, teilte Julia ihm über den Schreibtisch hinweg mit. Hillberger erklärte seiner Tochter: „Also einen Psychiater braucht er. Es gibt ja bei der Polizei auch welche. Von denen rate ich ab. Ein alter Studienfreund von mir praktiziert nach wie vor. Ein sehr einfühlsamer Mann ist das. Der ist was ganz Besonderes, er ist nämlich psychologischer Psychotherapeut. Er wohnt in Geisenheim, da müsste der Spyridakis hin.“ „Wie heißt er denn, und weißt du zufällig auch die Straße, wo er praktiziert?“, fragte Julia. „Niebergall heißt er, Doktor Niebergall. Ich will ihn zu meinem neuen Kaffeebruder machen, nachdem der alte ja einen mörderischen Abflug gemacht hat …“ „Du sprichst von Konrad Neumann und unserem letzten Fall“, schob Julia ein. „Ja, natürlich. Der Niebergall wäre ein prima Ersatz für den Neumann, der es ja nicht ins Eis geschafft hat.“ Wolfgang Hillberger machte eine kleine Pause: „Also der Niebergall hat seine Praxis in Geisenheim in der Haasenstraße, die schreibt sich mit zwei a. Ich glaube, die Nummer ist 24. Das muss der Spyridakis recherchieren.“ „Danke, Papa“, murmelte Julia und legte auf. Vlassi hatte versucht, möglichst viel von ihrem Telefonat mitzukriegen, jetzt schaute er seine Chefin von seiner Schreibtischseite streng an: „Ich soll wohl zu einem Seelenklempner, den noch dazu Ihr Vater empfiehlt?“ „Mein Vater empfiehlt nur Wertvolles, das sollten Sie längst wissen. Und da Sie ohne Gedächtnis hier nur wertlos herumsitzen, sollten wir seine Empfehlung annehmen.“ Vlassi richtete sich in seinem Stuhl auf: „Ich muss protestieren! Sogar als erinnerungsloser Toter besitze ich einen gewissen Wert.“ „Aber natürlich, Herr Spyridakis“, stimmte Julia zu und fuhr mit warmer Stimme fort: „Aber den Wert können wir steigern, wir wollen doch wieder einen vollwertigen Kommissar Spyridakis in unserer Mitte haben.“ „Ich weiß nicht“, murrte Vlassi, „ob der Ratschlag von Kriminalrat Feuer meinem toten Wesen nicht angenehmer ist. Lieber einen Tag freinehmen und spazieren gehen.“ „Auf keinen Fall“, entgegnete Julia, „gerade Tote ohne Erinnerung lieben es, verarztet zu werden, noch dazu von einem Mann mit einem so klangvollen Namen wie Niebergall und so einer wunderbaren Berufsbezeichnung wie psychologischer Psychotherapeut.“ 3 Sind Sie außer Gefahr? Vlassi saß in seinem opulenten Dienstwagen, dem Opel Corsa, und fuhr eben durch Eltville. Da er kein Navi besaß, hatte er sich vorher auf der Karte kundig gemacht, wo er hinsollte. Irgendwie, überlegte er, während er an der MM-Sektmanufaktur vorbeifuhr, hatte Julia Wunder vielleicht doch recht. Er musste seine Gedächtnisschwäche überwinden, und sei es mit Hilfe eines Seelenklempners. Er fuhr am Rhein entlang, kam nach Erbach und Hattenheim, ließ Oestrich-Winkel hinter sich, und jetzt musste Geisenheim doch bald auftauchen. Tatsächlich sah er ein Hinweisschild, der Ort lag nicht direkt am Rhein, entbehrte also gewissermaßen der Schifffahrt und frischen Brise des Flusses – aber das sollte ihn nicht stören. Vlassi parkte seinen Corsa am Eingang des Ortes, anderes war auch nicht möglich, da Geisenheim offenbar Durchgangsverkehr verschmähte. Zu Fuß machte er sich auf zur Haasenstraße und war überrascht. Nämlich von der Schönheit des Ortes. Einen wunderbaren Marktplatz besaß Geisenheim und sogar einen Dom, wie er feststellte. Und die vielen Cafés und Restaurants hatte er auch nicht erwartet. Hier herrschte ja geradezu griechische Atmosphäre. Aber das Beste, stellte er fest, war wohl eine Buchhandlung namens Untiedt. Die war opulenter als jene, die er so gern aufsuchte, nämlich die von Andreas Dieterle in Schierstein. Es ist nicht verkehrt, ging es ihm durch den Kopf, dass ich diesem Niebergall einen Besuch abstatte, vermutlich wäre ich sonst nie in diesem Geisenheim gelandet, das ist ja ein wahres Kleinod des Rheingaus. Eigentlich bin ich ja ein Wiesbaden-Fan, aber hier könnte ich auch Mördern nachjagen. Und ein weiterer edler Gedanke strich ihm durchs Hirn: Sollte ich nicht mal mit Carola nach Geisenheim fahren und sie eventuell zum Essen einladen? Er überlegte, ob er der Buchhandlung Untiedt einen Besuch abstatten und vielleicht sogar in ein Café einkehren sollte, es war für die Jahreszeit warm, sogar die Sonne zeigte sich, er könnte draußen einen Gartenplatz finden, den Nachmittag genießen und über sein erinnerungsloses Dasein grübeln. Vlassi riss sich am Riemen. Nein, nein, nein! Dieser Niebergall ging vor. Nicht, weil er seiner Chefin einen Gefallen tun wollte, er musste sich selbst diesen Gefallen tun. Sollte er denn ewig ohne Gedächtnis vor sich hinvegetieren? Carola eventuell beichten, dass er nicht mehr ganz unter den Lebenden weilte? Er musste sein Tot-Sein überwinden, und dieser Dr. Niebergall war vermutlich die richtige Adresse dafür. Die Haasenstraße hatte er bald gefunden. Allerdings praktizierte Dr. Niebergall nicht in der Nummer 24, sondern 27. Schon nach dem ersten Klingeln öffnete ihm ein kleiner glatzköpfiger Mann die Tür. Er war korpulent, aber nicht dick und wirkte wie ein ehemaliger Preisringer. Auf die siebzig musste er zugehen, schätzte Vlassi, was ihm gefiel. Junge Ärzte konnte er seit dem Pharma-Fall, wo er mit Vergiftungssymptomen in eine Mainzer Klinik eingeliefert wurde, nicht ausstehen. Dieser Niebergall schien Erfahrung zu besitzen. „Sie sind Herr Spyridakis?“, begrüßte ihn der korpu­lente Herr. „In Person“, bejahte Vlassi. „Kommen Sie herein, ich bin Doktor Niebergall, und Ihr Besuch wurde mir von meinem alten Freund Hillberger angekündigt.“ „Er hat Sie mir dringend empfohlen“, teilte Vlassi mit. Dr. Niebergall führte ihn in sein Behandlungszimmer, einen Raum mit einem großen Schreibtisch, hinter dem ein opulenter Ledersessel stand, einer Bücherwand bis zur Decke und einem Besuchersessel. Nun ja, vielleicht sollte man eher von einem Sesselchen sprechen. „Nehmen Sie Platz“, forderte ihn der Psychotherapeut auf. Vlassi setzte sich zögernd, das Sesselchen wippte auf und nieder und schien nicht sehr stabil zu sein. „Fühlen Sie sich wohl?“, eröffnete Dr. Niebergall das Gespräch. „Ja … eigentlich schon.“ „Das glaube ich nicht“, erwiderte Niebergall und sah ihn ernst an. „Warum denn?“, wollte Vlassi wissen. „Sie sagen nicht die Wahrheit“, teilte der Psychiater mit und ließ sich in seinen schweren Sessel fallen. „Sollte ich mich bei Ihnen eher elend fühlen?“, fragte Vlassi. „Sie sollen sich bei mir wohl und wohler fühlen. Aber das tun Sie doch im Moment gar nicht.“ Vlassi sah den Mann an, der im Sitzen viel größer wirkte. Seine Glatze schimmerte auf einmal rosa, und seine Knollennase schien jedes Geruchsmolekül einzusaugen. Roch Dr. Niebergall etwa Angst bei ihm? „Ich habe keine Angst“, erklärte Vlassi. „Das rieche ich, und das meinte ich auch nicht“, teilte ihm der Psychiater mit. „Was meinten Sie denn?“, wagte sich Vlassi vor. „Sind Sie außer Gefahr?“ „Bin ich außer Gefahr?“, wiederholte der Kommissar. Sein Gegenüber nickte und wiederholte drängend: „Sind Sie außer Gefahr?“ Vlassi griff wegen seines schwankenden Sesselchens zur Schreibtischkante: „Also … ich weiß nicht … ich führe ja generell ein gefahrvolles Leben, im letzten Fall wäre mir beinahe eine Theatertruppe zum Verhängnis …“ Dr. Niebergall unterbrach ihn: „Schon gut, schon gut. Sind Sie im Moment außer Gefahr?“ „Ich glaube schon … oder sind Sie die Gefahr?“ Der Psychotherapeut beugte sich vor: „Glauben Sie, ich wollte Sie umbringen?“ „Ich hoffe doch nicht, Sie wirken nicht wie ein Umbringer. Ich verspreche mir stattdessen etwas von Ihnen, also ich will sagen, ich glaube ans Heil von Ihnen.“ Dr. Niebergall lehnte sich wieder zurück und sagte enttäuscht: „Heil ist ein theologischer Begriff. Den können Sie bei mir weglassen.“ Er machte eine kurze Pause: „Natürlich sind Sie in Gefahr! Haben Sie das nicht gemerkt?“ „Ehrlich gesagt: nein“, teilte Vlassi mit unschuldigem Augenaufschlag mit, „könnten Sie mir sagen, woher mir Gefahr droht?“ Dr. Niebergall wippte wieder nach vorn und sagte mit unheilvoller Stimme: „Ihnen droht Gefahr von dem kleinen Sessel, auf dem Sie sitzen.“ „Von dem?“, erwiderte Vlassi und erhob sich sofort, „ist der vergiftet und dringt das Gift schon in mein Zeugungsorgan und meinen ganzen Unterleib? Wird es mich dahinraffen?“ Auf dem Gesicht des Psychiaters zeigte sich kein noch so winziges Schmunzeln. Mit ernstem Gesicht teilte er mit: „Sie denken viel zu verquer. Von Gift kann keine Rede sein. Aber der Sessel, auf dem Sie sitzen, ist doch wahrlich nicht bequem, Sie müssen sich doch schon am Schreibtisch festhalten.“ Vlassi ächzte beruhigt auf und ließ sich wieder nieder: „Da haben Sie recht, es ist eine unbequeme Sitzgelegenheit, die einen zu Fall bringen könnte.“ „Sie sagen es. Zu Fall bringen! Wer sich auf so einen Stuhl setzt, ist auch generell gefährdet.“ Der psychologische Psychotherapeut sah unseren Kommissar von oben an: „Es ist mein Testsessel. Er sagt mir viel über meine Patienten.“ Vlassi gab ein leises Stöhnen von sich. Es handelte sich natürlich um ein theatralisches Stöhnen, schließlich hatte ihn der letzte Fall gelehrt, dass man mit schauspielerischen Fähigkeiten weit kommen konnte. Dann sagte er mit trostloser Stimme: „Also bin ich generell gefährdet?“ „Der Sessel, auf dem Sie sitzen, sagt es mir.“ Dr. Niebergall stützte sich mit seinen Ellbogen auf den Schreibtisch und legte seine Hände aufs Gesicht, sodass nur noch die Knollennase hervorlugte. Schließlich sprach er: „Darf ich Ihnen noch etwas mitteilen?“ „Unbedingt. Ich bin offen für alles.“ „Dann muss ich Ihnen sagen, Herr Spyridakis, Sie sind etwas begriffsstutzig.“ „Tatsächlich?“, fragte Vlassi neugierig. Niebergall nahm die Hände von seinem Gesicht: „Wie lange Sie gebraucht haben, die Funktion des Sessels unter Ihnen zu erkennen!“ Vlassi stimmte dem Psychiater zu dessen Erstaunen zu: „Da haben Sie irgendwie recht. Ich würde allerdings nicht von begriffsstutzig sprechen, sondern von intuitiver Vorsicht. Ich wollte Sie zuerst kommen lassen.“ Der Doktor sah ihn verdutzt an. Jetzt lächelte er. Offenbar gefiel ihm die Reprise seines Patienten. „Ich merke“, sagte er anerkennend, „dass Ihre Fähigkeiten versteckt gehalten werden …“ „Ja, ja“, nickte Vlassi, „und wissen Sie auch, von wem?“ Er wartete keine Antwort ab, sondern gab dem Psychiater sogleich Aufklärung: „Von meinem unterirdischen Ich! Da werden sie unter Verschluss gehalten bis zu ihrem Ausbruch.“ „Aha, intuitive Vorsicht.“, beugte sich Dr. Niebergall vor. Vlassi lehnte sich auf seinem schwankenden Sesselchen zurück und bewegte sein Haupt bejahend von oben nach unten. Der Psychotherapeut schmunzelte, legte seine Hände auf die Brust und wollte mit entspannter Stimme wissen: „Was ist denn nun der Grund Ihres Besuchs?“ „Ja also … ich bin tot, ich fühle mich mausetot …“ Dr. Niebergall fiel ihm ins Wort: „Das Leben besteht aus Momentaufnahmen. Klick – und schon vorbei. Noch ein Klick, und wir sind tot. Im Grunde sind wir alle tot, wissen es nur nicht.“ Vlassi ließ sich nicht beirren: „Außerdem habe ich mein Gedächtnis verloren. Ich bin ein Toter ohne Gedächtnis …“ „Ohne Gedächtnis sind Sie“, unterbrach ihn Niebergall. „Ja, furchtbar“, stimmte Vlassi zu. Der Therapeut lehnte sich zurück und erklärte dann dozierend: „Gedächtnisschwund kann die Folge einer frühkindlichen Konstellation sein.“ „Frühkindlich?“, fragte Vlassi erstaunt, „das wäre ja dann schon lange her.“ Niebergall legte den rechten Zeigefinger auf sein Kinn: „Die Zeit spielt keine Rolle für die Psyche. Auch nach vielen Jahren kann eine frühkindliche traumatische Situation wieder aufbrechen. Gewissermaßen sich aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein schieben.“ „Tatsächlich? Das wusste ich nicht“, murmelte Vlassi. „Man kann nicht alles wissen, deshalb gibt es mich ja“, belehrte ihn der Psychiater. „Aber wieso schiebt sich das jetzt vor, dieser Schwund meines Gedächtnisses?“ „Darauf kann ich Ihnen eine eindeutige Antwort geben. Schuld an dem frühkindlichen Trauma sind durchweg die Eltern.“ Dr. Niebergall hob seine Hände in Kopfhöhe und spreizte die Finger. Es sah aus, als wolle er sich mit ihnen gleich auf Vlassi stürzen, um ihn mit seinen Fingerklauen erwürgen. Der erwiderte gelassen: „Da müsste ich ja direkt in meine Kindheit zurück und meine Eltern knallhart befragen. Was habt ihr mir angetan, dass ich jetzt als Toter ohne Gedächtnis herumlaufe?“ Der Psychotherapeut ließ die Hände sinken: „Nicht befragen, schon gar nicht knallhart. Die Eltern wissen ja nichts von ihrem Fehlverhalten, von ihrer Fehlbildung, möchte ich sagen …“ „Aber doofe Eltern habe ich nicht“, fiel ihm Vlassi ins Wort, „vielleicht nur ein wenig ungebildete.“ Dr. Niebergall ging auf seinen Einwand nicht ein, sondern tremolierte: „Plötzlich weiß man nicht mehr, wer man ist. Plötzlich glaubt man, tot zu sein. Plötzlich ist alles sinnlos. Das sind Symptome …“ Wieder fiel ihm Vlassi ins Wort: „Sie meinen, ich bin … geistesgestört.“ „Lieber Herr Spyridakis“, sagte der psychologische Psychotherapeut, „Geistesgestörtheit ist ein Rechtsbegriff, mit dem arbeitet unsereiner nicht.“ „Vielleicht habe ich auch etwas Böses getan?“, murmelte Vlassi. „Böse und gut sind wiederum theologische Begriffe, damit kommen wir auch nicht weiter.“ „Aber ich komme häufig damit weiter“, widersprach Vlassi zaghaft. „In Ihrem Beruf vielleicht“, brummte Dr. Niebergall, „womit beschäftigen Sie sich gleich noch mal?“ „Ich bin Kommissar bei der Kriminalpolizei.“ „Kommissar sind Sie, und Sie haben etwas Böses getan?“ „Ich weiß es eben nicht.“ „Das Gedächtnis, richtig, es ist Ihnen abhandengekommen“, stellte der Therapeut fest. Er machte eine kleine Pause, sah einen Moment an die Decke und teilte dann mit: „Das Einzige, was für unsereinen zählt, ist die Verhaltensweise. Können Sie mir ein Beispiel sagen, das Sie an Ihrer Vernunft zweifeln lässt?“ Oh, da könnte ich mit vielen Beispielen aufwarten, ging es Vlassi durch den Kopf. Von den Enten im Kurpark, die mir keine Antwort gaben, darf ich überhaupt nichts erzählen, da ruft dieser Niebergall gleich den Notdienst an. Der Psychotherapeut warf einen lauernden Blick zu ihm: „Sagen Sie, nehmen Sie Drogen?“ „Auf keinen Fall!“, rief Vlassi aus, „Drogen halte ich von mir fern.“ „Und Alkohol?“, wollte Dr. Niebergall wissen. „Ich bin abstinent, ich trinke nur Moringa-Tee.“ „Was ist denn das?“, fragte Dr. Niebergall, wartete aber nicht die Antwort ab, da er sich gleich dachte, dass es sich um ein Gesundheitsgebräu handeln musste. Er wollte stattdessen wissen: „Erinnern Sie sich, wann Sie zum letzten Mal diesen Tee getrunken haben?“ Vlassi legte den Kopf nach hinten, um schließlich mitzuteilen: „Das ist mir auch entfallen. Ich weiß aber, dass ich mit Herrn Hillberger in Eltville einen Kaffee getrunken habe.“ „Wann war das?“ „Vielleicht vor Jahren …“, sinnierte Vlassi. Nun wurde es dem Therapeuten zu bunt: „Was? Vor Jahren? Wollen Sie mir einreden, dass Sie seit Jahren unter Gedächtnisschwund leiden?“ Vlassi räusperte sich: „Auch das kann ich Ihnen nicht beantworten, aber Sie haben wohl recht.“ Dr. Niebergall erhob sich mit einem Ruck von seinem Sessel: „Hinaus mit Ihnen!“ Vlassi ergriff wieder die Kante des Schreibtischs, da der kleine Sessel unter ihm die Aufforderung des Arztes wohl auf sich bezogen hatte und so bedenklich schwankte, als wolle er höchstselbst forteilen. „Aber warum denn?“, fragte er den aufgebrachten Dr. Niebergall. Der legte die Hände auf seinen Schreibtisch und teilte mit: „Es gibt keinen Gedächtnisschwund, der sich über Jahre hinzieht.“ „Bei mir vielleicht doch“, widersprach Kommissar Spyridakis. „Ich bin vermutlich eine medizinische Ausnahme, gewissermaßen ein Fall für die Lehrbücher.“ „Sie wollen mich wohl vergackeiern! Scheren Sie sich zum Teufel.“ Vlassi erhob sich von seinem wackeligen Sitz: „Ja, meinen Sie denn, der könnte mir helfen?“ „Ich hoffe es!“, rief der Psychiater und wies mit der Hand zur Tür, „bei dem sind Sie in den besten Händen, der wird Sie kurieren.“ 4 Die Hölle schmeckt nicht übel Vlassi fuhr die Rheinuferstraße entlang. Er war auf dem Rückweg in Richtung Wiesbaden. Nach dem Rauswurf bei Dr. Niebergall war er zum Geisenheimer Dom geschlendert und hatte überlegt, ob ein Besuch desselben ihn aufmuntern könnte. War das etwa ein Anfall von Gläubigkeit? Konnte man in einer Kirche aufgemuntert werden? Lieber Gott, ich könnte eine Aufmunterung vertragen … nein, nein, so ein Ansinnen ist ja unmöglich … ich habe es mit einem menschlichen Problem zu tun, mit einem Vlassi-Problem, damit kann ich nicht den Höchsten belästigen, was soll der von mir denken. Aber einen Kaffee könnte ich mir gönnen, überlegte Kommissar Spyridakis. Hier in diesem wunderbaren Geisenheim werde ich eine wohlverdiente Tasse Kaffee zu mir nehmen, das habe ich mir nach diesem quälenden Besuch bei Dr. Niebergall verdient. Schon saß er im Garten eines nahe dem Dom gelegenen Cafés bei Kaffee und Kuchen. Der erste Schluck des heißen Getränks tat ihm gut, sodass er dachte, ich sollte vielleicht vollends zu Kaffee übergehen und den gesunden Moringa-Tee ganz beiseitelassen. Moringa könnte mir in meiner verqueren Lage jetzt auch nicht helfen, er würde mich einlullen und mir vorgaukeln, dass ich gesund bin und immer gesünder werde. Wo doch das Gegenteil der Fall ist! Ich bin nicht nur tot, ich bin ein totes Wrack – so fühle ich mich jedenfalls. Obwohl eigentlich alles an mir noch dran ist. Alles? Die Erinnerung fehlt halt. Vlassi lehnte sich zurück. Das Gespräch mit dem psychologischen Psychotherapeuten ging ihm durch den Kopf. Schon die Berufsbezeichnung ist doch irgendwie übertrieben, eigentlich doppelt gemoppelt. Dieser Niebergall, überlegte er weiter, war zwar rabiat, doch dämlich kam er mir nicht vor. Wir sind alle tot, sagte er, wissen es nur nicht. Das schien Vlassi auf einmal ein sehr wahres Wort zu sein. Die meisten wissen nicht, dass sie als tote Typen durch die Gegend irren, ich dagegen schon. Tot ist doch mal was anderes. Wer will denn schon immer leben. Jene Leute, die gerade dem Dom zustreben – sie glauben doch nur, dass sie lebendig sind, in Wirklichkeit werden sie lediglich durch ein Inneres aus Holzwolle aufrecht gehalten. Die sind vermutlich völlig unlebendig, haben aber keine Ahnung von ihrem desolaten Zustand. Aber was hilft es mir, dass ich es weiß … Ihm fiel ein, dass Dr. Niebergall seine Eltern als Schuldige ausgemacht hatte, sie seien verantwortlich für seine jetzige Situation. Ach ja, immer die Altvorderen, das ist wohl ein bewährtes Rezept von solchen Niebergallen. Wenn ihnen sonst nichts einfällt, müssen die Eltern herhalten. Seinen Eltern, dachte Vlassi, konnte er überhaupt keinen Vorwurf machen. Sie hatten ihn ins Leben gebracht und nicht in den Tod gestoßen, in dem er sich jetzt wähnte. Sie hatten getan, was sie tun konnten, hatten nicht nur seinen Plan, aufs Gymnasium zu gehen, gefördert, sondern auch seine Polizei-Ambitionen unterstützt. Ein Grieche in der deutschen Polizei! Das war ziemlich ungewöhnlich, aber bald schon Realität. Vlassi kam in den Sinn, dass der Psychotherapeut an einer gewissen Stelle ihres Gesprächs ausgerastet war. Wollen Sie mir einreden, dass Sie seit Jahren unter Gedächtnisschwund leiden?, hatte er ausgerufen. Und danach kam der Hinauswurf. Einen Gedächtnisschwund, der sich über Jahre hinzieht, gäbe es nicht. Vlassopolous Spyridakis griff nachdenklich zu seiner Tasse Kaffee. Vielleicht war der Besuch bei Dr. Niebergall doch nicht ganz umsonst gewesen. Vielleicht war Vlassis naseweiser Hinweis, dass er ein Fall für die medizinischen Lehrbücher sei, ganz daneben. Vielleicht lag der Arzt richtig mit seinem Zorn. Es musste einen Vorfall geben, der ihm den Tod beschert und das Gedächtnis geraubt hatte – einen Vorfall, der nicht Jahre zurücklag, sondern in der jüngsten Vergangenheit siedelte. Die jüngste Vergangenheit? Gerade die war ihm abhandengekommen. Er konnte im Grunde froh sein, dass er noch seinen Namen kannte und wusste, was er beruflich trieb. Hätte er nicht auch der Vorstellung anhängen können, dass er bei der Müllabfuhr seine Brötchen verdiente? Am Bahnhof Klos reinigte? Oder beim Standesamt Heiratswilligen die Ringe ansteckte? Nein, er wusste, dass er bei der Polizei arbeitete, er wusste, dass Julia Wunder seine Chefin war, er wusste, dass er mit Carola befreundet war, er wusste sogar, dass Kriminalrat Feuer ein besserwisserischer Vorgesetzter war und seit Jahren nach Höherem strebte. „Herr Doktor Niebergall“, murmelte Vlassi, „ich muss Abbitte leisten, Sie hatten recht, es handelt sich bei mir nicht um einen jahrelangen Gedächtnisschwund. Sie sind ein wahrer psychologischer Psychotherapeut.“ Er hielt inne und dachte: Und deshalb werde ich auch nicht den Teufel aufsuchen. Wie sollte der mir helfen, wahrscheinlich wäre er unzufrieden mit mir und würde mir sogar einen Aufenthalt in der Hölle verweigern. Obwohl ich einen Besuch dort ganz interessant fände, es muss ja nicht lang dauern, mehr so ein Hineinschnuppern könnte es sein … Im selben Moment kam Vlassi der Gedanke, dass er sich eigentlich schon in der Hölle befand. Hölle! Hölle! Das ist doch nur das Pseudonym für eine ausweglose Situation! Wer sich nicht an die jüngste Vergangenheit erinnerte, wer als erinnerungsloser Toter durch die Gegend schlappte – war der nicht bereits in der Hölle angelangt? Er nahm mit der Gabel ein Stück von seinem Kuchen, einer Teigware aus Pflaumen und Streuseln, und trank einen Schluck Kaffee. Beides genoss er. Seltsam, dachte er, dass mir die Hölle schmeckt – sie schmeckt überhaupt nicht übel. Keine zehn Minuten später stieg er in seinen Dienstwagen und trat die Heimfahrt an. Sein Blick schweifte von der Straße zum Rhein, und er überlegte, wohin sein Weg ihn führen sollte. Ins Büro zu Julia Wunder? Aber der könnte er nur von seinem Misserfolg bei Dr. Niebergall berichten. Dabei hatte sie sich solche Mühe mit ihm gegeben – konnte er sie da enttäuschen? * Hauptkommissarin Wunder machte sich zur gleichen Zeit tatsächlich Gedanken um ihren Assistenten. Sie saß im Büro an ihrem Schreibtisch, stand gerade auf und ging zum Fenster. Und wenn man genau hinschaute, konnte man eine Sorgenfalte auf ihrer Stirn entdecken. Den Fensterblick liebte sie, sie hatte das Gefühl, dass der Blick in die Ferne, hinauf zum Neroberg, ihre Gedanken freier machte. Sie fragte sich, ob die Empfehlung ihres Vaters dem Kollegen Spyridakis geholfen hatte? Ihr Nachdenken fand ein jähes Ende, denn die Tür hinter ihr wurde aufgerissen, und Kriminalrat Feuer enterte das Zimmer. „Guten Tag, Frau Wunder!“, rief er. Sie drehte sich herum und erwiderte seinen Gruß. „Sie machen ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter“, rief Robert Feuer gutgelaunt. „Ich habe nur nachgedacht“, erklärte Julia. „Nachdenken ist immer gut. Wer nachdenkt, wird klüger. Haben Sie heute schon den Wiesbadener Kurier gelesen?“ „Noch nicht.“ „Ich möchte Ihnen eine Lektüre empfehlen, einen Artikel für Zeitgenossen, die wir ja alle sind.“ „Ah ja“, murmelte Julia, und das wirkte ziemlich uninteressiert. „Sie sollten sich ihn zur Brust nehmen“, teilte Feuer mit, um sich gleich zu korrigieren, „ich meine natürlich, Sie sollten sich ihn vor Augen führen …“ „Worum geht es denn?“ „Es geht um die Aufgewachten, haben Sie von denen schon gehört?“ Julia Wunder ging zu ihrem Schreibtisch. Während sie sich setzte, teilte sie mit: „Ich muss gestehen, nein.“ „Oh“, sagte Feuer und nahm ihr gegenüber auf Vlassis Stuhl Platz, um gleich fortzufahren: „Da ist Ihnen was entgangen. Das sollten Sie nachholen.“ „Handelt es sich um Kriminelle?“, wollte Julia wissen. „Nein, nein“, wehrte Feuer ab, „wir haben mit denen nichts zu tun. Fernab von unserer Welt sind die. Aber Lesen bildet. Man sollte sich auch für Dinge interessieren, die etwas außerhalb der beruflichen Tätigkeit liegen.“ Julia nickte: „Werd’ ich machen.“ Und sie fügte mit leichtem Grinsen hinzu: „Sie wissen doch, dass mir Ihr Wunsch Befehl ist.“ Feuer fiel plötzlich etwas ein: „Sagen Sie mal, wo ist eigentlich Spyridakis, dieser unselige Kollege? Geht er immer noch spazieren, wie ich es ihm empfohlen habe?“ Jetzt war Julia etwas in der Klemme. Sollte sie Feuer etwa erzählen, dass sie ihn nach Geisenheim zu einem Psychiater geschickt hatte? „Das Spazierengehen muss auch mal ein Ende haben“, murrte Feuer, „jetzt sitze ich schon auf seinem Platz, bin ich etwa sein Stellvertreter?“ Julia erwiderte: „Niemals könnten Sie sein Stellvertreter sein.“ Sich räuspernd, fuhr sie fort: „Ich meine es natürlich umgekehrt. Übrigens ist Kommissar Spyridakis auf einer Recherche. Ich habe ihn zu einem Mann ent­sandt …“ Sie kam nicht weiter, Robert Feuer beugte sich vor: „Etwas Kriminelles, von dem ich nichts weiß?“ Julia nahm den zugespielten Ball sofort auf: „Ja, das könnte möglich sein. Ich wollte Sie nicht damit belästigen, wir sind noch in den Vorarbeiten, in den allerersten. Wie gesagt, Recherche.“ „Wie heißt denn der Mann, zu dem Sie Spyridakis geschickt haben?“ „Niebergall“, antwortete Julia. „Niebergall … Niebergall … der Name kommt mir irgendwie bekannt vor … woher kenne ich den?“, murmelte Feuer. „Es gibt sicher eine Menge Niebergalls …“ Wieder fiel ihr Robert Feuer ins Wort: „Ist es ein Name aus Verbrecherkreisen? Er klingt ganz danach.“ Feuer hielt inne und murmelte: „Aber woher kenne ich ihn?“ Julia wollte ihm auf keinen Fall helfen: „Es wird Ihnen sicher noch einfallen.“ Der Kriminalrat erhob sich: „Nun gut. Halten Sie mich auf dem Laufenden was diesen Niebergall anlangt. Und ich will auch wissen, was Spyridakis bei ihm ermittelt hat.“ „Aber natürlich, Herr Feuer, ich erstatte Bericht, wenn ich mehr weiß.“ Robert Feuer ging zur Tür, während er den Namen Niebergall vor sich hinmurmelte. Kaum war er draußen, griff Julia zum Telefon. Sie wollte Vlassopolous Spyridakis anrufen, nicht allein Wissbegier trieb sie, es war auch pure Neugier – sie wollte unbedingt erfahren, ob Dr. Niebergall ihren Vlassi in Sachen Gedächtnisverlust geheilt hatte. * Vlassi fuhr inzwischen in den Wiesbadener Vorort Schierstein ein. Als er am Drogeriemarkt Rossmann vorbeikam, überlegte er, ob er nicht den Parkplatz im Hof aufsuchen sollte. Er könnte in der Drogerie nach einem Gesundheits­tee fahnden. Nein, kein Moringa sollte es sein, sondern ein Tee, der seinem malträtierten Gedächtnis aufhalf. Gedacht, getan. Kaum befand er sich im Laden, steuerte er die Tee-Abteilung an. Und war überrascht. Was gab es hier nicht alles, was einen maladen Körper und Geist wieder in Form bringen konnte. Er sollte auf jeden Fall den Nerven- und Schlaftee nehmen, auch den Leber- und Galle-Tee nicht verschmähen – vermutlich war seine Leber auch angeschlagen, eventuell sogar die Ursache für seinen Zustand. Und einen Verdauungstee konnte man immer gebrauchen, wahrscheinlich verdaute er schlecht und litt deshalb unter Gedächtnisschwund. Zur Unterstützung würde er gleich auch den Magen-und-Darm-Tee einpacken. Und was sah er da? Kopf-Entspannungstee! Der war ja für ihn ausgesprochen wichtig. Sein Kopf, sein Geist musste sich enorm entspannen, dann konnte die Erinnerung wieder einströmen. Vielleicht würde auch der Brennnesseltee ihm weiterhelfen. Wofür war der eigentlich gut? Zur Durchspülung der Harnwege, stand auf der Packung. Meine Harnwege, ging es Vlassi durch den Kopf, sollten auf jeden Fall durchspült werden. Wer weiß, was da alles abtransportiert wird. Eine junge Verkäuferin näherte sich ihm: „Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ Vlassi drehte sich zu ihr: „Ja … also, haben Sie etwas … fürs Gedächtnis?“ Die Frau nickte: „Nehmen Sie doch einen Ingwertee. Den trinke ich sehr gern.“ „Ah“, sagte Vlassi, „daran habe ich noch gar nicht gedacht, etwas Spezielles wohl?“ Die Verkäuferin nickte und lächelte. Vermutlich ein guter Tipp, dachte Vlassi, offenbar hat die Dame auch Gedächtnisschwierigkeiten. Er bedankte sich und griff zu einer Packung Ingwertee. Die junge Frau erkannte, dass Vlassi einen Einkaufskorb brauchte. Sie warf ihm einen liebevollen Blick zu und brachte ihm einen solchen Korb. Ach, überlegte Vlassi, als er zur Kasse strebte, hier werde ich öfter herkommen, hier wird mein Leiden intuitiv erkannt, noch dazu von einer Frau in meinem Alter, hier hilft man mir auf die Beine. Beim Bezahlen merkte er, dass er eine Tasche für seine vielen Tees brauchte, aber das war für die Dame an der Kasse ein leicht zu lösendes Problem. Sie reichte ihm einen Papierbeutel: „Da gehen all Ihre Tees hinein.“ Draußen auf der Straße wollte Vlassi zu seinem Auto im Hof der Drogerie eilen, als eine Gestalt auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihm zurief: „Wen sehe ich denn da! Das ist doch Kommissar Spyridakis.“ Vlassi hatte den Burschen nicht gesehen und fragte sich sofort, ob sich sein Gedächtnisschwund jetzt schon auf seine Sehkraft legte. Hätte er vielleicht noch einen Augen-Tee mitnehmen sollen? Er warf einen suchenden Blick nach drüben, und jetzt erkannte er, wer ihn da angerufen hatte. Es war Volker Born, der mit einem anderen Mann dastand. „Bleiben Sie, wo Sie sind!“, rief Born, „mit Ihrem Riesenbeutel müssen Sie nicht über die Straße kommen.“ Er wartete ab, bis alle Autos vorüber waren, dann schlenderte er hinüber zu Vlassi. Der Bekannte von ihm kam mit. „Freut mich, Sie zu sehen“, begrüßte Volker Born den Kommissar, „Sie wollten wahrscheinlich in die Buchhandlung zu Andreas Dieterle. Aber ich fange Sie vorher ab.“ Vlassi warf einen neugierigen Blick auf seinen Begleiter. „Das ist ein guter Bekannter von mir, darf ich vorstellen, Karl-Friedrich Oberembt.“ Er wandte sich zu dem Genannten: „Herr Oberembt, Sie machen die Bekanntschaft von Vlassopolous Spyridakis, einer Spürnase von hohen Graden.“ Karl-Friedrich Oberembt war ein schlanker, mittelgroßer Mann mit klaren, gutgeschnittenen Gesichtszügen. Er musste Ende vierzig oder Anfang fünfzig sein, sein volles dunkelbraunes Haar ergraute bereits an den Seiten, dennoch wirkte er recht jugendlich. Sympathischer Typ, dachte Vlassi. Zu Born sagte er grinsend: „Wenn ich eine Spürnase bin, sind Sie ein Anfänger.“ Ihm war es gar nicht unrecht, den Theologen Born zu treffen. Wie oft hatte der ihm schon bei kniffligen Problemen geholfen. Und zwar ohne es zu merken, was das Beste war. Beim letzten Fall hatte er den Tod als Verjüngungskur gedeutet – vielleicht etwas ungewöhnlich, aber doch sehr hilfreich bei den Ermittlungen. Und wer hatte den Mörder schließlich aufgetan? Niemand anderer als er, Vlassopolous Spyridakis. „Jetzt, wo ich Sie abgefangen habe“, teilte Born mit, „könnten wir eigentlich mal wieder einen Kaffee trinken gehen.“ „Ich bin dabei“, stimmte Vlassi zu und dachte: Eigentlich bin ich ja auf dem Tee-Trip, auf dem Gesundheits­tee-Trip, aber man muss auch mal fünfe gerade sein lassen. „Vielleicht kommen Sie mit, Herr Oberembt?“, fragte Born. „Würde ich gerne, aber ich hab’ noch so viel zu tun. Ein andermal gern.“ Oberembt nickte Vlassi zu, der nickte zurück, und der sympathische Bekannte von Born ging in Richtung Buchhandlung davon. „Ist das ein Kollege von Ihnen?“, fragte Vlassi. „Kann man so sagen“, erwiderte Born und kam gleich auf ein anderes Thema: „Was schleppen Sie eigentlich in dieser riesenhaften Tüte mit sich herum?“ „Oh, das sind Tees, spezielle Tees.“ Born sah ihn streng an: „Spezielle Tees? Sie meinen sicher Gesundheitstees. Herr Spyridakis, ich habe Ihnen doch schon bei unserem letzten Treffen erklärt, dass Spezialisten herausgefunden haben, dass kein anderer Stoff als Kaffee die Gesundheit am besten fördert.“ Vlassi legte den Kopf leicht in den Nacken: „Stimmt. Jetzt fällt es mir auch ein. Das haben Sie gesagt.“ Er lachte laut und wie befreit auf, was sein Gegenüber irritierte. „Warum lachen Sie so grell?“, fragte Born. Vlassi war deshalb in ein so unnatürliches Lachen ausgebrochen, weil ihm gerade bewusst geworden war, dass sein Gedächtnis funktionierte. Es war schließlich eine Weile her, dass er mit Born einen Kaffee getrunken hatte. Und er wusste es noch. Verloren war er also nicht, die Verlorenheit, in der er sich nach dem Besuch bei Dr. Niebergall wähnte, konnte er abstreifen, er konnte gewissermaßen aus der Verlorenheit heraussteigen. Ja, er war sich jetzt sicher, dass die Vokabel Verlorenheit überhaupt nicht zu ihm passte. 5 Schwarzer Humor springt aus dem Sarg Wenige Minuten später saßen die beiden Männer im Café Rondo am Schiersteiner Hafen. Auf dem Weg dorthin wollte Volker Born wissen, woran Vlassi gerade arbeite: „Sie wissen doch, ich interessiere mich stark für grauenhafte Morde. Und möglichst blutig sollten sie sein.“ Vlassi erwiderte ausweichend: „Sie haben mich beim letzten Fall schon sehr inspiriert …“ „Nicht nur beim letzten“, fiel ihm Born ins Wort, „denken Sie nur daran, was ich Ihnen für wertvolle Infos beim Kunstfall gegeben habe, jene Mona-Lisa-Angelegenheit. Sie erinnern sich doch?“ Vlassi überlegte angestrengt, hier handelte es sich gewissermaßen um eine Nagelprobe für sein Gedächtnis. Doch auf einmal fiel ihm die Szene ein, wo er Born als Kunstjünger bezeichnet hatte – und er lachte befreit vor sich hin. „Sie befinden sich in einer Lachphase“, stellte Born stirnrunzelnd fest. Vlassi merkte, dass er es mit seinem Erinnerungslachen nicht übertreiben durfte, und sagte: „Mir ist gerade eingefallen, dass ich Sie als Dadaist bezeichnet habe.“ „Was gibt es da zu lachen? Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Sind Ihnen etwa jetzt Zweifel gekommen, und lachen Sie deshalb?“ „Auf keinen Fall“, stellte Vlassi klar, „Sie sind nach wie vor ein geborener Dadaist …“ „Das will ich hoffen“, nahm ihm Born das Wort ab, „so wie die Dadaisten schwimme auch ich gern gegen den Strom.“ „Und mir fällt auch noch ein“, ergänzte Vlassi, der glücklich über seine Erinnerungsleistung war, „dass Sie nichts dagegen hatten, Polizeipräsident zu werden.“ „Stimmt. Nach wie vor hätte ich gar nichts dagegen, gäbe mich aber auch mit dem Posten eines Kriminalrats zufrieden.“ „Richtig!“, jauchzte Vlassi auf, „Kriminalrat kam auch infrage.“ Die beiden waren inzwischen am Rheinufer angekommen und steuerten den Außenbereich des Cafés an. Nachdem sie einen freien Tisch gefunden hatten und sich gerade setzten, fragte Volker Born: „Warum sind Sie eigentlich auf den letzten Fall gekommen? Warum reden wir über die Vergangenheit?“ Wieder befand sich Vlassi in einer gewissen Erklärungsnot, wusste sich aber Rat: „Ich wollte Ihren Humor mal wieder hervorkitzeln. Ihr Humor ist zwar schräg, aber mitunter doch ganz hilfreich.“ Born rümpfte die Nase: „Mitunter? Ich möchte doch hoffen, dass er unentwegt hilfreich ist.“ Er machte eine kleine Pause: „Wissen Sie, was Humor ist?“ „Ja, also …“, setzte Vlassi an. „Ich sage es Ihnen“, erklärte Born, „Humor ist die beste Überlebensstrategie. Erfordert allerdings das Talent, lachen zu können. Am besten über sich selbst.“ Vlassi nickte: „Besser hätte ich es auch nicht sagen können.“ „Das habe ich mir gedacht“, lächelte Born, „und wissen Sie auch, was eine humorfreie Zone ist?“ „Das ist eine Zone, die des Humors entbehrt.“ „Nicht schlecht formuliert“, teilte Born mit, „aber man muss klarer werden. Die humorfreie Zone ist eine schauerlich unfruchtbare Gegend, die sehnsüchtig auf Düngung wartet.“ „Ah ja“, nickte Vlassi und retournierte, indem er Borns Worte wiederholte: „Das habe ich mir gedacht. Aber die Frage ist doch: wie kann man diese Gegend düngen?“ „Sie meinen, womit? Das ist doch ganz einfach. Man muss diese unfruchtbare Gegend mit Humor düngen.“ „Richtig“, bestätigte Vlassi, „Sie haben ja so recht. Mit Humor düngen, damit alles fruchtbar wird.“ Eine Kellnerin kam, die beiden orderten je einen Kaffee, und kaum war die Bedienung fortgeeilt, fragte Vlassi: „Aber wissen Sie auch, was schwarzer Humor ist?“ „Schwarzer Humor ist mein Lieblingshumor“, teilte Born mit ernstem Gesicht mit. „Das habe ich mir schon gedacht“, grinste Vlassi, „und ich kann Ihnen sogar Ihren Lieblingshumor erklären.“ Volker Born streckte seinen Kopf vor: „Legen Sie los.“ „Schwarzer Humor ist, wenn man aus dem Sarg heraus einen Witz über das Jenseits macht.“ Born sah Vlassi einen Moment an, dann lachte er: „Sehr gut. Gefällt mir.“ Er machte eine kleine Pause: „Ich wusste schon immer, dass Sie ein sprachtüfteliger Kommissar sind.“ In dem Moment fiel Vlassi sein ureigenes Problem ein: „Man könnte auch sagen: Schwarzer Humor ist, wenn man aus der Erinnerungslosigkeit einen Witz über das Diesseits macht.“ „Nein, nein“, widersprach Born, „Sie verderben ja die Pointe. Bleiben Sie bei der ersten Fassung, die ist druckreif.“ Die Kellnerin kam und brachte ihre Kaffees. Born nahm einen Schluck, um dann sein Gegenüber zu fragen: „Erinnerungslosigkeit, wie kommen Sie denn darauf?“ „Ich bin doch sprachtüftelig. Da fällt einem so was ein.“ Born setzte seine Tasse ab: „Trinken Sie einen Schluck Kaffee. Der macht Sie weniger sprachtüftelig. Zu viel Sprachtüftelei ist ungesund.“ Vlassi schaute auf seinen Kaffee, nahm schließlich die Tasse in die Hand, ohne sie an den Mund zu führen. „Trinken Sie nicht? Warten Sie auf eine Eingebung von oben?“, fragte der Theologe Born. Jetzt setzte Vlassi die Tasse an seine Lippen und trank, allerdings etwas zögerlich. Dann setzte er sie ab und sagte zu Born: „Wissen Sie, ich frage mich manchmal, weshalb wir eine Erinnerung haben. Wenn wir keine hätten, wäre doch alles jeden Tag neu. Wir könnten uns in dieselbe Frau verlieben, würden es nicht wissen, und alles wäre wie beim ersten Mal.“ „Weil uns die Erinnerung fehlt“, stimmte Born zu. „Aber denken Sie daran, was uns die Erinnerung gibt.“ Sein Gesicht verwandelte sich in ein Fragezeichen, und Vlassi wusste, dass er dieses Fragezeichen auflösen sollte. Er kramte in seinen grauen Zellen, um schließlich vorsichtig zu antworten: „Die Erinnerung … gibt uns die Vergangenheit, wir wissen dann … was geschehen ist.“ Born nickte: „Richtig. Auch das vermag sie. Aber das Wichtigste ist, dass sie uns an die Liebe gemahnt. Wer die Liebe vergessen hat, der hat das Wichtigste …“ Vlassi stimmte sofort ein: „Die Liebe, ja, ja.“ Denn er erinnerte sich, dass er Carola liebte, jedenfalls war da eine tiefe Zuneigung. Erleichtert stöhnte er auf und griff zur Tasse, um einen weiteren Schluck zu nehmen. Volker Born fragte: „Sie stöhnen. Sie denken doch hoffentlich nicht an Erotisches jetzt?“ „Nein, überhaupt nicht, mir ist nur meine Freundin eingefallen und ihre Kochkünste.“ Der Theologe sah ihn scharf an, erwiderte aber nichts, sondern trank einen Schluck von seinem Kaffee. Vlassi deutete seinen Blick richtig: „Sie denken jetzt, ich liebe sie nur wegen ihres guten Essens. Nein, ich liebe sie auch ohne Essen.“ Und er dachte: Es ist mir sogar lieber, wenn sie nicht kocht, bei ihren nicht ausgelebten Kochkünsten entgehe ich einem unerwarteten Vergiftungstod am Esstisch. Als hätte Volker Born seinen Gedanken gehört, stellte er fest: „Nun ja, es gibt auch Menschen, die aus Liebe morden, Sie brauchen sich nur an Ihren letzten Fall zu erinnern.“ Vlassi dachte sofort scharf nach. Ja, es fiel ihm ein. Der letzte Fall hatte ihn doch in diese Schauspieltruppe geführt und nach Rüdesheim zu dieser … wie hieß sie nochmal … Lisbeth. Sein Gedächtnis schien wieder zu funktionieren, und er erinnerte sich auch, dass er bei seiner Schauspielerei sogar mit dem Tod geprobt hatte. Das war ein Bursche von der Sorte Nimm, aber ansonsten gar nicht unsympathisch, dieser Herr Tod. Doch er, Vlassi, war ihm nicht auf den Leim gegangen, den tödlichen. Born sprach weiter: „Aber Mord aus Liebe ist eine Verirrung, das habe ich Ihnen schon einmal gesagt.“ „Eben!“, stimmte Vlassi zu, „ich erinnere mich sehr gut, dass Sie mir diesen Hinweis gegeben haben.“ Volker Born grinste: „Einen bedeutenden Satz vergisst man nicht so schnell, und ich neige zu bedeutenden Sätzen.“ „Da kann ich zustimmen“, sagte Vlassi, der sowohl die Ironie in den Worten Borns erkannte als ihm auch ein Kompliment machen wollte. Überhaupt war er froh, den Theologen getroffen zu haben, der kitzelte Dinge aus ihm heraus, die ihm alleine wahrscheinlich gar nicht eingefallen wären. Der Mann war ja geradezu ein Erinnerungs-Hervorlocker. In dem Moment beugte sich Volker Born vor: „Lassen Sie uns nicht weiter von der Vergangenheit reden. Die Gegenwart ist spannender.“ „Wirklich?“, fragte Vlassi. Born schwang zurück: „Lass Moder den Erlösten, lass Schimmel den Verblichenen, lass Fäulnis den Verwesten.“ „Das denke ich mir auch immer bei meinen Mordfällen“, stimmte Vlassi zu, „aber der Moder weht mitunter in die Gegenwart, und die Fäulnis kann ich sogar riechen.“ „Ich weiß, was Sie meinen. Es ist Ihr Beruf, sich damit zu beschäftigen, Ihnen bleibt nichts anderes übrig.“ „Ihnen doch eigentlich auch nicht“, erwiderte Vlassi und dachte dabei an Born als Pfarrer, der die Verblichenen beerdigen und die Trauernden trösten musste. „Ich rede doch nicht vom Tod“, erklärte Born, „ich rede vom Leben.“ Er machte ein verschmitztes Gesicht und wiederholte: „Lass Moder den Erlösten.“ Vlassi sah ihn verdutzt an: „Kann Ihnen im Moment nicht ganz folgen.“ „Herr Spyridakis“, sagte Born gravitätisch, „ich will Sie sogleich aufklären. Vorher sollten wir aber noch einen Kaffee bestellen. Meiner ist mittlerweile kalt, um nicht zu sagen tot. Und es widerstrebt mir, toten Kaffee zu trinken.“ * Während Vlassi mit Volker Born ein Gespräch führte, das ihm nach und nach die Lücken seiner Erinnerung füllte, saß sein Kollege Ernst Lustig in Mainz an seinem Schreibtisch und starrte in die Luft. Er hatte gerade einen Anruf von seinem Chef bekommen, der ihn an einen Tatort beorderte. Was denn passiert sei, wollte Lustig wissen. Das eben solle er herausfinden, Genaues wisse man nicht, doch eine Frau habe angerufen, weil sie Schüsse gehört habe. Schüsse verheißen nichts Gutes, erklärte ihm der Chef, vor allem, wenn sie in einem Vorort wie Gonsenheim die gutbürgerliche Ruhe zerschneiden. Lustig war dieser Auftrag gar nicht recht. Es ging auf den Feierabend zu, und den verbrachte er lieber im Weinhaus Michel in der Altstadt als in einem kugelverseuchten Vorort. Er seufzte laut auf und erhob sich. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als nach Gonsenheim zu fahren, um nach dem Rechten zu sehen. „Immer bleibt so was an mir hängen“, murmelte er, „hätte ich einen Assistenten wie den Spyridakis, könnte ich den schicken.“ Und er dachte: In unserem Rheinland-Pfalz, diesem armseligen Rüben- und Reben-Land, hat man ja kein Geld für die Polizei, hier folgen großen Worten immer nur kleine Taten. Kleine Taten? Sagen wir besser: klitzekleine Taten – wenn überhaupt welche. Kriminalhauptkommissar Lustig musste in die Arndtstraße. Er wusste, wie man da hinkam, setzte sich in seinen betagten Golf und fuhr los. In Gonsenheim steuerte er die Breite Straße an, die gar nicht fürchterlich breit ist, sondern ihren Bewohnern nur vorgaukeln soll, dass sie auf einer Art Avenue flanieren, fuhr an der Maler-Becker-Schule vorbei, um schließlich in die Lennebergstraße abzubiegen. Nach einigen Querstraßen fuhr er rechts ab und erreichte die Arndtstraße. Ein schmales und nicht sehr langes Sträßchen war das, auf dem sich kein Mensch befand und auch nur wenige Autos am Rand parkten. Lustig stellte seinen Golf hinter einer Mercedes S-Klasse ab. Ja, dachte er, hier leben gut situierte Leute, und die Häuser besitzen alle Garagen, in denen es vermutlich herrliche Oldtimer zu bewundern gibt. Seine Erfahrung lehrte ihn allerdings, dass die Kriminalität in solchen Regionen nicht gering sein musste, und kurz flirrte der Bankenfall durch sein Gedächtnis und die Frau von Rattray und ihre Schwester – elegante Personen waren das. Besser gesagt, elegante und gefährliche Personen. In der Straße war es völlig ruhig, geradezu Friedhofsruhe herrschte. Was soll ich hier?, dachte Ernst Lustig. Von die Luft zerpeitschenden Schüssen ist nichts zu hören. Er ging die Arndtstraße hinab in der Hoffnung, vielleicht doch noch etwas Verdächtiges zu hören oder zu sehen. Schließlich näherte sich ihm eine Frau um die sechzig. Sie sah überhaupt nicht elegant aus, eher etwas abgerissen, ihr Haar schien unfrisiert, ihre Schuhe waren ausgetreten, und ihr Regenmantel musste schon bessere Tage gesehen haben. Kurzum, sie sah nicht aus, wie es für diese Gegend angemessen wäre, und sie zog sogar einen wackeligen Einkaufswagen hinter sich her. Die Frau warf einen Blick zu ihm, als würde sie Ähnliches von ihm denken. Das hatte schon eine gewisse Berechtigung, denn Lustig wirkte mit seinem unrasierten Gesicht, seiner grauen unansehnlichen Joppe und seinen zu kurzen Hosen nicht gerade wie jemand, der gerade seinen Jaguar aus der Garage holen wollte. Freilich hielt ihn ihr Blick nicht davon ab, sie anzusprechen. „Hier ist es ganz ruhig“, sagte er. Die Frau erwiderte mit heller, klarer Stimme: „Warum auch nicht. Die Ruhe ist ein Labsal.“ „Vollkommen richtig. Ich suche sie immer, finde sie aber selten. Sie haben nicht zufällig einen kleinen Knall gehört?“ „Wie bitte? Einen Knall?“, fragte die Frau, „meinen Sie, jemand feiert vorzeitig Silvester?“ „So ungefähr“, stimmte Lustig zu. „Ah, Sie sind vom Ordnungsamt. Da hat sich jemand beschwert.“ Lustig blieb nichts anderes übrig als zuzustimmen und teilte mit: „Wissen Sie, ein Knall zieht den nächsten nach sich, das wächst sich zur Böllerei aus – ein Erfahrungswert.“ „Hier nicht!“, erwiderte die Frau mit heiterer Stimme, „hier bleibt alles ruhig, und wenn es noch so knallt.“ Wenn es knallt, ist es doch gar nicht ruhig, dachte Lustig, wollte aber nicht naseweis erscheinen und sagte deshalb: „Ja, da haben Sie ganz recht, aber wir sind halt genötigt, solchen Knall-Beschwerden nachzugehen.“ Die Frau hob den Kopf: „Wissen Sie, ich freue mich direkt, wenn es mal knallt.“ „Tatsächlich?“, fragte Lustig. „Ja“, nickte die Frau und beugte sich zutraulich zu ihm: „Ich bin nämlich etwas schwerhörig.“ Da bin ich ja an die Richtige geraten, ging es Lustig durch den Kopf, doch sein Gegenüber sprach schon weiter: „Wissen Sie, wenn ich einen Knall höre, weiß ich, dass ich noch am Leben bin.“ „Ja, ja“, murmelte Lustig und dachte: vorausgesetzt, der Knall rührt nicht von einem Schuss, der dich aus dem Leben befördert, ohne dass du es merkst. „Was haben Sie gesagt?“, wollte die etwas schwerhörige Frau wissen. „Nichts habe ich gesagt“, antwortete Lustig mit lauter Stimme, als ihm etwas einfiel: „Wohnen Sie hier in der Straße?“ „Reden Sie doch nicht so laut“, ermahnte ihn die Frau, um ihn mit leiser Stimme aufzuklären: „Ja, ich wohne hier, gleich im nächsten Haus.“ Ernst Lustig überlegte, ob er noch etwas von ihr erfahren könnte, aber was sollte er fragen? Leben Sie allein? Mit einer Katze? Oder nur mit einem wackeligen Einkaufswagen? Die leicht Schwerhörige nahm ihm die Frage ab und teilte mit: „Hier in dieser Straße wohnen nur Prominente.“ Sie machte eine Pause, als wollte sie überprüfen, ob ihr Gesprächspartner beeindruckt war. Lustig erkannte ihr Begehr, verzog seine Miene und nickte anerkennend. „Das hätten Sie nicht gedacht, was!“ „Nie und nimmer“, stimmte Lustig zu, dachte aber: Wenn die alle so rumlaufen wie du, ist Prominenz nur ein anderer Ausdruck für Ebbe im Portemonnaie. „Wissen Sie“, fuhr die Frau fort, „wer mein Nachbar ist?“ „Da bin ich überfragt“, antwortete Lustig. „Nicht so laut!“, mahnte die Schwerhörige, obwohl Lustig ganz normal gesprochen hatte. „Da bin ich überfragt“, wiederholte er wispernd. Im gleichen Tonfall, als würde sie ein Geheimnis verraten, teilte sie ihm mit: „Mein Nachbar ist Frederick Reinhardt.“ „Aah“, machte Lustig, als wäre ihm eine Offenbarung zuteilgeworden, dabei konnte er mit dem Namen gar nichts anfangen. „Ja, ja“, nickte sie, „ein angenehmer Mensch ist das, nur seinen Garten vernachlässigt er.“ Ernst Lustig dachte: Was nutzt mir ein angenehmer Mensch, wenn er nicht mordet? Offenbar mordet er lediglich seinen Garten durch Nicht-Pflege. Laut fragte er allerdings: „Hat es bei dem vielleicht geknallt?“ Die Frau schüttelte den Kopf, griff nach ihrem Einkaufswagen und ging wortlos von dannen. Offenbar hielt sie die Fortführung des Gesprächs mit dem Mann vom Ordnungsamt für sinnlos, da der ja doch nur an Knallsündern interessiert war. 6 Schon von den Aufgewachten gehört? Im Café Rondo in Schierstein war inzwischen ein weiterer Kaffee bei den Herren Spyridakis und Born angekommen. Volker Born schlurfte genüsslich an seiner Tasse, während Vlassi die seine vorsichtig an die Lippen hielt und ihm durch den Kopf ging, dass er eventuell schon zu viel von dem schwarzen Bohnensaft zu sich genommen hatte. Oder half ihm der eventuell sogar weiter, löste er seine Erinnerungsblockade? Born räusperte sich: „Ich sagte, dass wir ins zeitgenössische Leben eintauchen müssen. Ich sagte, dass ich Sie aufklären will. Wohlan! Sind Sie bereit?“ „Auf jeden Fall. Wenn Sie mein Aufklärer sind, bin ich immer bereit“, erwiderte Vlassi und setzte seine Tasse ab, nachdem er einen winzigen Schluck getrunken hatte. „Haben Sie schon von den Aufgewachten gehört?“, fragte Born. „Die Aufgewachten“, sinnierte Vlassi und dachte: Das wäre was für mich, ich müsste auch aufwachen und mich an alles erinnern. Er sah sein Gegenüber an und schüttelte den Kopf: „Nö.“ „Die Aufgewachten gelten in gewissen Kreisen lediglich als Coronaleugner. Sie werden verwechselt mit den Querdenkern …“ Vlassi murmelte: „Querdenker kenne ich auch nicht. Oder meinen Sie mich?“ Born, der bisher entspannt dagesessen hatte, richtete sich auf und wirkte nun wie ein Lehrer, der einem störrischen Schüler das Pensum erklären muss: „Ich bitte Sie! Leben Sie denn gar nicht in der Gegenwart? Wer im Hier und Heute sein Dasein fristet, muss doch von Querdenkern und Aufgewachten gehört haben!“ Vlassi gestand: „Ich lebe wohl nicht so richtig im Hier und Heute. Vielleicht bin ich aus der Zeit gefallen.“ „Es ist ein großes Glück für Sie, dass Sie mich getroffen haben“, teilte ihm Volker Born mit. Davon war Vlassi nicht überzeugt, denn was sollten ihm Querdenker und Aufgewachte, er kämpfte mit einem ganz anderen Problem. Schon sprach Born weiter: „Die Querdenker lassen wir jetzt mal beiseite, das sind überwiegend Verschwörungsmystiker und Leute, die dem rechten Gedankengut zugetan sind …“ „Rechtsradikale?“, flocht Vlassi ein. Born ging nicht auf seine Frage ein. „Aber wissen Sie, wie sich die Aufgewachten verstehen?“ Unser Kommissar schüttelte ratlos den Kopf. „Die Aufgewachten“, erklärte Born, „haben erkannt, was in Deutschland und der Welt vor sich geht, nämlich …“ Vlassi fiel ihm ins Wort: „Mord und Totschlag.“ „Nein“, korrigierte Born, „Lüge und Verdummung sind an der Tagesordnung. So denken sie jedenfalls. Die Medien verdummen und verwirren uns angeblich. Und all jene, die das nicht glauben, nennen die Aufgewachten Schlafschafe.“ „Was wäre ich dann?“, fragte Vlassi nachdenklich, „bin ich vielleicht ein doppeltes Schlafschaf? Wo mir doch noch nicht mal die Aufgewachten geläufig waren, ich meine, ich kannte das Wort gar nicht.“ Born musterte ihn skeptisch, als würde ihm durch den Kopf gehen, dass Vlassi möglicherweise zu den Doppel-Schlafschafen gehörte. Dann sagte er: „Ich registriere Sie als Ausnahme. Als Ausnahme von der Regel. Sie sind höchstens ein Schlafschaf besonderer Art. Na ja, kein Wunder, Sie müssen sich ja fortwährend mit irgendwelchen Gräueltaten beschäftigen.“ „Eben!“, stimmte Vlassi zu, „mir fehlt die Zeit, um aufzuwachen.“ Und er dachte: Dabei würd’ ich nur zu gern aufwachen – aufwachen aus meiner Gedächtnisstarre. Volker Born nahm einen Schluck Kaffee, dann sagte er: „Wissen Sie, was die Aufgewachten behaupten?“ Er wartete keine Antwort ab, sondern sprach sofort weiter: „Das Coronavirus halten sie für eine Erfindung. Die ganze Pandemie gilt ihnen als sorgfältig ausgetüftelter Plan von Bill Gates …“ „Gates, ist das nicht …?“, warf Vlassi ein. „Ja, der Microsoft-Gründer. Er will mit Corona angeblich Geld verdienen.“ „Verdient er damit Geld?“, fragte Vlassi. „Natürlich verdient er Geld, aber nicht damit. Er verdient Geld durch seine Computer, das sollten Sie doch wissen.“ „Richtig. Eben fällt’s mir auch ein.“ Born sandte ihm einen kritischen Blick: „Herr Spyridakis, mir scheint, dass Sie ein bisschen vergesslich werden.“ Der hat mein Problem erkannt, ging es Vlassi durch den Kopf, ob ich ihm vielleicht … Volker Born redete weiter: „Wissen Sie, was die Aufgewachten auch behaupten? Dass es nur um die Frage geht, ob die Menschheit ausgerottet wird oder die Eliten hängen.“ „Das passt doch gar nicht zusammen“, entgegnete Vlassi und dachte: Das passt so wenig zusammen wie Mord oder Absicht – oder gibt es hier doch einen Zusammenhang? „So könnte man meinen“, hörte er von seinem Kaffeegenossen. „Soll das heißen, dass die Eliten gar nicht aus Menschen bestehen, sondern aus Maulwürfen?“, fragte Vlassi. „Verquere Idee! Nein, es soll eine bürgerkriegsähnliche Situation heraufbeschworen werden. Entweder werden die Menschen ausgerottet oder, das ist die Alternative, man hängt die Eliten. Verstehen Sie?“ Vlassi nickte, obwohl er kaum verstand: „Das erinnert mich an die alte DDR. Dort hat man allerdings vergessen, die Eliten rechtzeitig aufzuhängen.“ „Nicht gleich so brachial werden“, schob der Theologe ein, „aber im Prinzip haben Sie recht. Sie sind offenbar wieder auf dem Damm, Sie scheinen zu verstehen.“ Vlassi war beruhigt, er hatte sich erinnert, wenn auch an einen Staat, der lange perdu war. Aber das wusste er ja schon, sein Gedächtnis funktionierte bei lang Zurückliegendem – aber vielleicht könnte er sich allmählich auch in die jüngste Vergangenheit zurücktasten. „Eines muss ich Ihnen noch erzählen“, sprach Born, „die Aufgewachten behaupten auch, dass durch den neuen Mobilfunkstandard, man nennt ihn 5G, Nanopartikel in unsere Zellkerne vordringen und Krankheiten auslösen. Wir würden bald als Zombies durch die Welt gehen und außerdem unfruchtbar sein.“ Vlassi fiel ein, dass er vielleicht zu viel mit seinem Handy telefoniert hatte – könnte daher die Gedächtnisschwäche rühren? Aber sein Handy war vorsintflutlich, wie Julia Wunder öfter schon festgestellt hatte. Das sonderte bestimmt keine Nanopartikel ab – was auch immer das war. Außerdem lehnte er es ab, als Zombie durch die Welt zu gehen. Er war höchstens ein Toter ohne Kurzzeitgedächtnis. „Stimmt denn das?“, wollte er wissen. Volker Born spreizte beide Arme nach oben: „Natürlich nicht! Das ist Unsinn. Wie auch das, was die Aufgewachten über den bundesweiten Sirenen-Tag publizieren. Er findet, soviel ich weiß, am 10. September statt …“ Vlassi hob die Schultern, um sein Nichtwissen anzudeuten. „Angeblich dient dieser Tag dazu, um die Schwingungen und das Erwachen zu blockieren“, fuhr Born fort und zog ein Gesicht, als habe er in eine furchtbar saure Pampelmuse gebissen. „Was für Schwingungen?“, wollte Vlassi wissen. Born beugte sich vor: „Endlich mal eine kluge Anmerkung. Eben! Was für Schwingungen? Das sind Hirngespinste, das ist alles nur Blabla von Verschwörungsanhängern.“ Vlassi nickte, dachte jedoch: Aber dass das Erwachen blockiert wird – könnte das nicht auf mich zutreffen? Was habe ich am 10. September gemacht? Vielleicht hat mich ein Sirenenton aus dem Gleichgewicht gebracht, als ich ahnungslos durch den Kurpark gelaufen bin? „Es hat keinen Sinn“, brach Volker Born in seinen Gedankenstrom ein, „sich länger mit diesen verqueren Gedanken zu beschäftigen. Ich bin eigentlich nur darauf eingegangen, weil ich gemerkt habe, dass Sie keine Ahnung haben.“ „Sie wollten mich aufklären.“ „Genau! Wie Sie schon sagten, ich bin Ihr Aufklärer“, bestätigte Born, „mein Begehr ist, Sie zum Zeitgenossen zu machen.“ Vlassi erwiderte ernst: „Das hab’ ich dringend nötig. Zeitgenossenschaft und Vergangenheit, die gerade vergangen ist.“ „Die Vergangenheit vergeht nie“, teilte Born grinsend mit, „auch wenn uns mitunter das Gegenteil erklärt wird.“ Er machte eine kleine Pause: „Aber sich mit der üblen Gegenwart zu beschäftigen ist dringend nötig. Na ja, haben wir soeben getan.“ Vlassi nickte und griff zu seiner Tasse, einen Schluck könnte er sich noch gönnen, auch wenn der Kaffee inzwischen bestimmt kalt geworden war. Oder tot, wie sein Tischnachbar gesagt hatte. „Es gibt aber auch Erfreuliches in der Gegenwart“, fuhr Born fort und machte ein geheimnisvolles Gesicht. „Tatsächlich, gibt es das?“, murmelte Vlassi, der seine Tasse zurückgestellt hatte. Sein Kaffee war nicht nur tot, für ihn hatte er geradezu Leichengeruch angenommen. „Ja, ja, das gibt es“, erklärte Born, „es gibt Erfreuliches. Man darf die Welt nicht nur mit den Augen des Pessimisten sehen. Was ist Pessimismus?“ „Ja … also …“, wollte Vlassi ansetzen. „Ich sag’s Ihnen. Wenn man im Glück das Unglück erkennt, im Sieg die Niederlage sieht, im Schönen den Verfall wittert.“ Volker Born hielt inne: „Machen wir uns nichts vor. Pessimismus ist eine deutsche Grundtugend.“ Da bin ich inzwischen sehr deutsch geworden, ging es Vlassi durch den Kopf, sehe ich nicht in meinem schönen Geist auch bereits den hässlichen Verfall? „Optimisten dagegen“, fuhr Born fort, „sehen im Unglück eine glückliche Fügung, in der Niederlage einen Sieg, und in Aschenputtel erkennen sie eine Prinzessin. Mit anderen Worten: Optimisten leben gesünder, glücklicher und länger.“ Vlassi horchte auf und wusste sofort: Er musste optimistischer werden. Der Zustand, in dem er sich befand, war ja äußerst ungesund. Wenn sich die Erinnerung sträubt, zu mir zurückzufinden, dachte er, konnte das nur in Siechtum und Hinfälligkeit enden, von Glück und langem Leben gar nicht zu reden. Wahrscheinlich breiten sich sogar schon allerlei Krankheiten in mir aus, Krankheiten, die mich dem ungesunden Grab entgegenschieben. „Ja!“, stöhnte er, „ich möchte unbedingt dem Optimismus nähertreten.“ „Sie sind es bereits“, sagte Born gravitätisch, „denn Sie kennen mich.“ „Sie sind ein Optimist?“ In Vlassis Frage steckte ein Unterton von Zweifel. „Aber natürlich! Alle pessimistischen Gedanken, die mich mitunter anfallen, verbanne ich sofort in den Orkus.“ Born machte eine kleine Pause: „Jetzt zum Beispiel fällt mir ein, dass wir ein Stück Kuchen essen könnten. Ein Gedanke, der meinem Optimismus entspringt, denn ich hoffe, nein, ich glaube, dass der Kuchen hier mundet.“ „Ah ja“, murmelte Vlassi, „dann lassen Sie uns mit Optimismus bestellen.“ Born drehte sich herum und winkte der Kellnerin. Als sie an den Tisch kam, sagte er: „Sie haben doch einen wunderbaren Schlupfkuchen, wie ich hörte.“ Die Kellnerin bestätigte. „Bringen Sie uns bitte je ein Stück.“ Volker Born drehte sich zu Vlassi: „Ich lade Sie ein. Lassen Sie sich überraschen.“ Ich werde mir optimistisch den ersten Bissen in den Mund schieben, ging es Vlassi durch den Kopf, bestimmt schmeckt’s mir dann. Born lehnte sich zurück: „Wir haben über die Aufgewachten geredet. Ich bin sehr kritisch, wie Sie wissen, aber man darf sie nicht über einen Kamm scheren.“ Vlassi nickte nachdenklich, sagte aber nichts. „Es gibt da einen Mann, der ist wahrlich aufgewacht“, sprach Born weiter. „Tatsächlich?“, flocht Vlassi ein. „Ja, ja, ich habe ein Seminar von ihm besucht, es war hochinteressant.“ Vlassi sandte Born einen neugierigen Blick. „Er sprach über die Banken und ihre unlauteren, ja verbrecherischen Methoden“, fuhr Born fort, „Sie werden diesen Mann nicht kennen. Aber Sie sollten ihn kennenlernen, er ist eine Bereicherung für uns alle.“ Eine Bereicherung, dachte Vlassi, in dem Wort Bereicherung steckt reich, ist das vielleicht einer, der mich reicher macht? Es muss ja nicht unbedingt in Penunze sein, neue Erkenntnisse sind auch was Schönes. „Wenn Sie ihn sehen würden“, sprach Volker Born weiter, „würden Sie nicht denken, dass der so ungewöhnliche Gedanken hervorbringt. Er sieht ganz unscheinbar aus.“ „Ein Typ wie Albert Einstein?“, wollte Vlassi wissen. „Na ja, nicht ganz, sein Haar ist nicht weiß und flattert nicht durch die Gegend, er ist relativ jung, etwa Mitte vierzig, sein Haupt ist kurz geschoren, und er trägt einen Vollbart, der seinem Gesicht einen schwarzen Rahmen gibt.“ In Vlassis Oberstübchen klickte es: „Trägt er eine Brille, eine randlose Brille?“ „Ja, genau, so eine Intellektuellen-Brille, wie wir früher sagten.“ In dem Moment kam die Kellnerin mit dem bestellten Schlupfkuchen. Sie stellte die Teller auf den Tisch und wünschte guten Appetit. Doch genau der schien Vlassi vergangen. Er rutschte auf seinem Stuhl zusammen, wirkte auf einmal wie ein Zwerg, und sein Gesicht verfärbte sich ins Weißliche. „Was ist denn mit Ihnen los?“, fragte Born mit besorgter Stimme, „macht Sie der Anblick des Kuchens krank?“ Vlassi antwortete nicht, es schien geradezu, als wollte er überhaupt nicht mehr reden. Doch nach einer Weile bewegte er den Kopf verneinend hin und her. „Was ist denn?“, wiederholte Volker Born, dessen Neugier erwacht war. Es dauerte einen weiteren langen Moment, bis Vlassi stockend mitteilte: „Ich bin … aufgewacht …“ „Aufgewacht, was soll das heißen?“, unterbrach ihn Born. Vlassis Gesicht sah nun nicht mehr nur weiß aus, es wirkte geradezu tot. „Ich bin aufgewacht“, wiederholte er, „ich habe … mich erinnert … dieser Mann heißt Reinhardt …“ „Sehr richtig. Frederick Reinhardt heißt er“, bestätigte Volker Born, „kennen Sie ihn?“ Vlassi ließ einen Ton hören, der sich nach Verzweiflung anhörte: „Ja … meine Erinnerung … ist wieder da … ich weiß … wieder alles …“ Er machte eine Pause, um dann mit bitterer Miene zu erklären: „Ich habe diesen Mann ermordet.“ 7 Da erfreut sich jemand eines üblen Rufs Während Vlassi auf ungewöhnliche Art seine Erinnerung wiederfand, saßen in Eltville im Café Schwab zwei Männer zusammen und unterhielten sich angeregt bei Kaffee und Kuchen. Sie hatten sich gerade über den Mord in Frankreich ausgetauscht, jene Enthauptung, begangen von einem Islam-Anhänger, und einer der beiden nicht mehr ganz jungen Männer im Café sagte gerade: „Die Ablehnung unserer Werte, der Meinungsfreiheit vor allem, ist bei den Islamisten doch gang und gäbe.“ Der andere stimmte ihm zu: „Nicht nur bei den Islamisten. In Frankfurt haben sich muslimische Mütter beschwert. Ihre Kinder seien durch den Besuch eines Klosters beschmutzt worden.“ „Tatsächlich? Da sieht man mal, dass diese Leute in unserer Gesellschaft nicht angekommen sind und vermutlich auch gar nicht ankommen wollen.“ Die beiden Männer schienen sich einig in der Beurteilung der Lage. Nachdem sie unisono von ihrem Kaffee getrunken hatten, sagte der eine: „Übrigens, der Bursche, den du mir geschickt hast, hat sich als Hallodri entpuppt.“ Sein Tischnachbar wusste sofort Bescheid: „Hallodri würde ich ihn nicht gerade nennen, obwohl mir das Wort gefällt.“ „Wie würdest du ihn denn nennen?“ „Also Kommissar Spyridakis ist doch eher ein schusselig-verträumter Typ.“ „Verträumt? Mein lieber Wolfgang, der Mann wollte mir weismachen, dass er seit Jahren unter Gedächtnisschwund leidet.“ Der Angesprochene nickte: „Ich habe mich schon oft gefragt, wie dieser Mensch in den Polizeidienst geraten konnte, aber Gedächtnisschwund …“ Sein Gegenüber trumpfte auf: „Gedächtnisschwund zieht sich nicht über Jahre hin. Das ist unmöglich. Obwohl ihm schließlich doch etwas einfiel. Mit dir will er vor langer Zeit mal Kaffee getrunken haben …“ „Vor langer Zeit? Seltsam“, überlegte der andere. „Du weißt ja, er ist ein Kollege meiner Tochter, und es ist noch gar nicht so lange her, dass wir hier in diesem Café zusammengesessen haben.“ Bei den beiden Männern handelte es sich um Wolfgang Hillberger und Dr. Niebergall, die sich mal wieder zu einem Kaffeeplausch getroffen hatten. „Ich musste ihn hinauswerfen“, sagte Niebergall, „ich hatte das Gefühl, dass er sich einen Spaß machen wollte. Und ich habe ihm den Teufel empfohlen, mit dem er offenbar auf gutem Fuß steht.“ Hillberger ließ ein leises Lachen hören: „Etwas rabiate Methode, mein lieber Ernst, aber das wird er verkraften.“ „Durch Alkohol meinst du?“, fragte Dr. Niebergall. „Nein, nein, der Spyridakis ist so gut wie abstinent, der trinkt doch meist nur diese scheußlichen Gesundheits­tees.“ Niebergall legte den Kopf leicht nach hinten: „Da liegt er eigentlich richtig. Bloß keinen Alkohol.“ Hillberger streckte den Kopf vor: „Du wirst mir doch jetzt nicht mit deiner Familiengeschichte kommen?“ Dr. Niebergall nahm mit der Gabel den Rest seiner Schwarzwälder Torte und führte ihn zum Mund, um ihn sich genüsslich auf der Zunge zergehen zu lassen. Dann sagte er: „Die Familiengeschichte ist immer sehr wichtig, ich weiß, wovon ich rede. Sie verfolgt uns bis ins fünfte Glied.“ Wolfgang Hillberger konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Bis ins Glied, noch dazu ins fünfte?“ Niebergall verstand die Ironie in seinen Worten: „Ich spreche als Psychiater, lieber Wolfgang. Psychiater wissen über diese Dinge mehr als Schulmeister.“ „Aber natürlich, mein lieber Ernst, und ich weiß ja auch, dass du familiär … wie soll ich sagen …“ „Du kannst es ruhig aussprechen“, nahm ihm Niebergall das Wort, „ich bin vorbelastet.“ „Und diese Vorbelastung gereicht dir zur Ehre“, erwiderte Hillberger und griff zu seiner Tasse. „Ich heiße aus gutem Grund Ernst Niebergall, mein Vorfahr, auf den du anspielst, dagegen Ernst Elias Niebergall. Der zweite Vorname ist mir erspart geblieben. Elias war ein Trinker vor dem Herrn und mit Sicherheit auch ein Schnorrer.“ „Mag sein, Ernst. Aber du vergisst das Wichtigste. Er war ein Dichter. Er hat den Datterich geschrieben! Ein Schauspiel, das ich zu meiner aktiven Zeit in der Schule mit Vorliebe durchgenommen habe.“ „Was gibt es am Datterich durchzunehmen?“ „Ich bitte dich!“, entgegnete Hillberger, es ist ein wunderbares Theaterstück, das immer wieder ansehenswert ist.“ „Es ist ein Stück, das einen Trinker und Schnorrer darstellt. Soll das für Schüler vorbildhaft sein?“ „Mein lieber Ernst“, sagte Hillberger, „du siehst das zu eng. Wenn wir literarische Werke nur unter dem Gesichtspunkt beurteilen, welche Figuren im Mittelpunkt stehen und welche Schwächen …“ „Nenn’ mir andere Gesichtspunkte!“, rief Niebergall aus. „Na ja, man könnte zum Beispiel fragen, wie der Datterich in diese Situation gekommen ist …“ Wieder unterbrach Dr. Niebergall seinen Freund: „In diese Situation? Durch eigenes Verschulden natürlich.“ Hillberger blieb gelassen: „Der Datterich ist unter die Spießbürger in Darmstadt verschlagen worden, wo er doch die Freiheit und das ungebundene Leben liebt. Der Wein ist ihm nicht nur Trost in dieser Umgebung, er ist ihm Heimat.“ „So also kann man seinen Alkoholismus rechtfertigen“, stellte der Psychiater sarkastisch fest. „Ich will dich überhaupt nicht überzeugen, Ernst, aber wenn wir die Kunst unter dem Fallbeil der Moral beurteilen – da müssen wir uns von vielen großen Werken verabschieden.“ „Ja, soll denn die Kunst ohne Moral daherkommen?“, fragte der Ururur-Enkel des Datterich-Erfinders. „Die Kunst soll nicht moralisieren“, erwiderte Wolfgang Hillberger, „das überlassen wir den Pfaffen. Die Kunst soll darstellen, was ist, und die Genießer dieser Kunst dürfen es beurteilen.“ Niebergall richtete sich in seinem Stuhl auf: „Ist das nicht ein bisschen wenig? Darstellen, was ist.“ „Das ist überhaupt nicht wenig. Warum ist Shakespeare so gut?“ „Das frage ich mich auch“, erwiderte Niebergall. „Bitte werd’ nicht banal, Ernst. Du gehst schließlich hin und wieder auch mal ins Theater.“ Hillberger machte eine kleine Pause, um dann weiterzusprechen: „Shakespeare ist so gut, weil er nicht moralisiert. Er hat Falstaff und Othello und viele andere Figuren lediglich dargestellt, wie sie sind. Natürlich mit seiner wunderbaren Fantasie. Und Falstaff ist eine Figur, die man zu Beginn höchst unsympathisch findet, doch zum Schluss beinahe ins Herz schließt.“ „Ja, ja“, murmelte Dr. Niebergall widerwillig, „aber mein Vorfahr Elias ist kein Shakespeare.“ „Recht hast du. Der Ernst Elias Niebergall ist kein Shakespeare, aber ein Dichter eigener Art. Er hat den Leuten klargemacht, dass sie reden dürfen, wie man nicht reden soll. Tun sie’s, kommen sie ins Paradies.“ „Also jetzt übertreibst du maßlos“, entgegnete der Psychiater und hob seine Knollennase, „für mich ist mein Vorfahr lediglich ein Mundartdichter.“ „Ja, aber was hat er aus der Mundart herausgekitzelt“, erklärte Hillberger und fuhr in reinstem Darmstädter Dialekt fort: „Soviel mir bekannt is, Herr Niebergall, genieße Sie in de hiesiche Stadt und de umliegende Ortschafte net des best Renomeeh, sondern erfreie sich eines iwwele Rufs.“ Der Angesprochene senkte leicht den Kopf: „Ich ahnte es schon immer, dass du von meiner Tätigkeit und meinem Beruf nicht viel hältst.“ „Falsch, Ernst. Das war ein Zitat aus dem Stück deines Vorfahren, ich habe nur den Namen Datterich gegen deinen ausgetauscht. Der Herr Datterich erfreut sich eines üblen Rufs …“ „Das galt für seinen Autor wohl ebenfalls“, warf Dr. Niebergall ein. „Ernst, hast du denn gar kein Sprachgefühl? Ist es nicht köstlich, dass sich jemand eines üblen Rufs erfreuen darf?“ Der Nachfahr des Darmstädter Autors schien nicht überzeugt, er sah betrübt auf seinen leeren Kuchenteller, als habe der ihn in dieses Gespräch reingeritten. „Im Datterich, dem Stück“, fuhr Hillberger fort, „wird auch eine Schmeißfliege zum Schutzengel. Wunderbar, so ein Einfall.“ Dr. Niebergall kratzte von seinem Kuchenteller die letzten Krümel auf, offenbar konnte ihn auch dieser Einfall seines Urahns nicht beeindrucken. Wolfgang Hillberger warf ihm einen bedauernden Blick zu: „Na, ich sehe, du bist und bleibst ein Psychiater, der allenfalls den Ernst, doch nicht den Witz in der Kunst erkennt.“ „Hältst du mich für beschränkt?“, fuhr Niebergall jetzt auf. „Dich doch nicht. Aber viele deiner Kollegen sind es mit Sicherheit.“ Einen langen Moment herrschte Schweigen zwischen den beiden so ungleichen Männern, bis Hillberger schließlich sagte: „Weißt du, was man aus dem Datterich-Stück auch lernen kann?“ Dr. Niebergall murrte: „Na was?“ „Dass man sich nicht durch Misserfolge entmutigen lassen darf, dass man seiner Fantasie vertrauen soll und dass man anderen Leuten auf witzige Weise die Meinung sagen kann.“ „Das mach ich doch!“, erwiderte Niebergall, „ich sag’ den Leuten die Meinung, ganz ungeschminkt. Diesen Spyridakis habe ich sogar, wie ich dir schon erzählte, rausgeworfen.“ „Hast du es auch gewitzt getan?“, wollte Hillberger schmunzelnd wissen. Die Antwort blieb aus, denn in dem Moment öffnete sich die Tür im Café Schwab und Julia Wunder kam herein. Wolfgang Hillberger sah sie sofort und winkte sie heran. „Julchen, was machst du denn hier?“ „Ich weiß doch, wo ich dich antreffe, wenn du nicht daheim bist. Darf ich mich setzen?“ „Aber natürlich“, sagte ihr Vater. „Ich möchte dir Doktor Niebergall vorstellen, meinen neuen Kaffeebruder.“ Der Psychiater stand förmlich auf, um Julia die Hand zu reichen: „Niebergall. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ „Ich kenne Sie bereits, wenn auch nur vom Namen her“, erwiderte Julia, legte ihren Mantel ab und hängte ihn an die Garderobe, die nur zwei Schritte entfernt war. Als sie zum Tisch zurückkam, erklärte sie: „Ich bin Julia Wunder, die Tochter von Herrn Hillberger.“ „Hauptkommissarin Wunder“, präzisierte Hillberger nicht ohne Stolz in Richtung seines Kaffeebruders. Dr. Niebergall hatte wieder Platz genommen und fragte: „Dann haben Sie mir Ihren Kollegen geschickt, diesen Spyridakis? „Ja, mein Vater hat Sie empfohlen.“ Julia räusperte sich: „Er hält große Stücke auf Sie.“ Wolfgang Hillberger nickte Ernst Niebergall von der Seite aus zu, als wolle er ihm bedeuten, dass seine Kritik an ihm zu relativieren sei. Große Stücke hielt er auf ihn, große Stücke waren schließlich keine Kleinigkeiten. Doch leider bemerkte der Psychiater seinen anerkennenden Blick nicht. Die Kellnerin kam, und Julia bestellte lediglich einen Kaffee. „Kein Kuchen?“, fragte ihr Vater, „du bist schließlich nicht nur unter Kaffee-, sondern auch unter Kuchenbrüdern.“ „Mir ist nicht danach. Außerdem wäre ich eine Schwester, eine Kuchenschwester, und die verschmähen meist Kuchen“, erwiderte Julia lächelnd. Dr. Niebergall nickte anerkennend, der kleine Dialog schien ihm zu gefallen, was Hillberger nicht entging. „Siehst du, lieber Ernst, meine Tochter und ich, wir sind theatererfahren und sprachbewusst, ich möchte sogar sagen Datterich-bewusst.“ „Datterich?“, wiederholte Julia fragend und wandte sich zu Niebergall: „Sind Sie ein Nachfahr des Darmstädter Autors?“ Hillberger nahm dem Psychiater die Antwort ab: „Ja, ja, das ist er, aber er gibt’s ungern zu.“ „Warum denn das?“, wollte Julia wissen. Wieder antwortete ihr Vater: „Weil er seinen Vorfahren lediglich für einen Trinker und Schnorrer hält.“ „Hmm“, machte Julia. Sie wollte keinen weiteren Kommentar geben, da sie sich dachte, dass ihr Vater den Dr. Niebergall sicher schon aufgeklärt hatte. Der Psychiater jedoch missverstand ihr Hmm und sagte: „Sie halten wohl auch nicht viel von Autoren, die ihre Trunksucht zum Inhalt ihrer Arbeit machen?“ Julia bewegte leicht den Kopf von rechts nach links: „Das sehen Sie falsch. Ich bin nur überzeugt, dass mein Vater Sie bereits über die Qualitäten Ihres Urahns unterrichtet hat.“ „Ein Dichter war er, ein wunderbarer Dichter“, stimmte Wolfgang Hillberger ein, „leider erkennt das meist erst die Nachwelt.“ Er warf einen schnellen Blick zu seinem Tischnachbarn Niebergall: „Und mancher gar nicht.“ Um dann hinzuzufügen: „Immerhin weiß das Darmstädter Theater, was sich gehört. Man feiert ihn dort jedes Jahr aufs Neue.“ „Ein Pflichttermin wohl“, konnte sich Dr. Niebergall nicht verkneifen anzumerken. Hillberger sah ihn empört an: „Kein Pflichttermin, ein Freudentermin!“ Die Kellnerin brachte der Hauptkommissarin ihren Kaffee, und Julia nutzte die Gelegenheit, um zu dem zu kommen, was ihr am wichtigsten schien. „Sagen Sie, Herr Doktor Niebergall, was haben Sie denn bei Herrn Spyridakis ausrichten können?“ Der Psychiater hatte sich längst von seiner Idee verabschiedet, dass die Tochter seines Kaffeebruders zu einer Mitstreiterin in Sachen Vorfahr für ihn werden könnte, jetzt räusperte er sich: „Ich habe Ihrem Vater schon gesagt, dass ich diesen Menschen, also Ihren Kollegen, als Hallodri einschätze.“ „Hallodri“, murmelte Julia, „Sie meinen, er ist ein Bruder Leichtfuß?“ Niebergall war angetan von Julia Wunders Äußerung: „Sehen Sie, Sie verstehen mich – im Gegensatz zu Ihrem Vater.“ Julia ging auf seine Bemerkung nicht ein: „Haben Sie ihm denn helfen können? Er leidet doch unter Gedächtnisschwund.“ „Ja, ja, das brachte er vor, er sagte sogar, dass er ein Toter ohne Gedächtnis sei. Aber ich habe ihm zu erklären versucht, dass es keinen Gedächtnisschwund gibt, der sich über Jahre hinzieht.“ „Und tot?“, flocht Wolfgang Hillberger ein, „kann man sich nicht tot fühlen bei lebendigem Leibe? Das ist doch ein Gebrechen, unter dem heute so mancher leidet.“ Der Psychiater spürte, dass er sich rechtfertigen musste, und kramte in seinem Wissensschatz: „Natürlich kommt so etwas vor. Die Lehrbücher berichten von sehr seltenen Fällen …“ „Vielleicht ist er so ein seltener Fall“, schob Hillberger ein. Der Nachfahr des Dichters Niebergall kratzte sich an seiner Knollennase: „Sehr unwahrscheinlich, mein Lieber, das hätte ich gemerkt.“ „Was haben Sie denn überhaupt gemerkt?“, fragte Julia in energischem Ton. „Ich glaube, dass Ihr Mitarbeiter generell gefährdet ist“, säuselte der Psychiater, „und nicht merkt, wenn er in Gefahr ist.“ Dabei dachte Niebergall an den Stuhl, seinen Teststuhl, auf dem Vlassi schwankend gesessen hatte und sich am Schreibtisch festhalten musste. Doch das wollte er nicht mitteilen, schließlich war es eine Art Berufsgeheimnis. Zu seiner Überraschung stimmte ihm sein Kaffeebruder Hillberger zu: „Ja, das glaube ich auch, der Spyridakis ist generell gefährdet und weiß es nicht mal.“ Julia Wunder wusste, dass ihr Assistent Vlassopolous Spyridakis durchweg auf ungewöhnliche Weise ermittelte und sich mitunter in gefährliche Situationen brachte. Sie konnte jedoch nicht wissen, dass zu seinen Ermittlungsmethoden neuerdings auch ein Mord gehörte. Sie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und sagte nun voller Überzeugung: „Nein, nein, er weiß, dass er verwegen lebt, geht aber so damit um, wie ihr es euch nicht vorstellen könnt.“ 8 Tote leben länger als man glaubt „Was!“, rief Volker Born zur gleichen Zeit im Café Rondo am Schiersteiner Hafen aus, „Sie haben Reinhardt umgebracht?“ Vlassi senkte den Kopf, sein Gesicht sah nun nicht mehr weiß aus, es hatte sich ins Gelbliche verfärbt und wirkte toter als tot, kein Wort kam über seine Lippen. „Reden Sie doch!“, forderte ihn Born auf. Nach einer Weile murmelte Vlassi: „Kann nicht … muss es erst verdauen.“ Volker Born wurde robust: „Verdauen, verdauen! Wollen Sie den Toten verdauen?“ Vlassi hob den Kopf: „Wie konnte … das nur passieren?“ Dem Theologen Born schossen einige Gedanken durch den Kopf, jetzt konnte er sich nicht mehr zurückhalten: „Ach, ich kenne Sie ja einigermaßen, Sie haben sicher schlecht geträumt, Sie haben sich an einen üblen Traum erinnert.“ Vlassi schüttelte den Kopf: „Meine Träume sind nicht mörderisch. Ich träume im Allgemeinen von der Südsee, wo ich mit einem Ferrari durch die Gegend brause und mir schöne Frauen …“ Volker Born unterbrach ihn: „Vielleicht hat Ihnen eine schöne Frau einen Korb gegeben und Ihrem Ferrari eine lange Nase gedreht.“ Und mit anzüglichem Grinsen fügte er hinzu: „Weshalb Sie sie umgebracht haben – natürlich nur im Traum.“ Vlassi konnte darüber nicht einmal lächeln: „Nein! Ich bringe keine schönen Frauen um. Ich bringe höchstens Männer um, die sich ihnen mit Mordgedanken nähern. Ich habe diesen Burschen umgebracht.“ „Diesen Burschen? Also Reinhardt?“, fragte Volker Born. Vlassi nickte. „Sie sind starrsinnig“, stellte Born fest, „wollen Sie als mordender Kommissar in die Annalen eingehen?“ Dann fiel ihm etwas ein: „Wie haben Sie denn gemordet? Mit Pistole, mit Messer, mit Gift?“ Vlassi hatte sich gefasst und antwortete resolut: „Ich habe ihn erschossen. Es kam, wie es kommen musste. So glauben Sie mir doch.“ „Aber warum? Warum haben Sie das gemacht?“ In dem Moment erschien die Kellnerin an ihrem Tisch, und Vlassi murmelte: „Kann mich nicht erinnern.“ Die Kellnerin fragte mit einem Lächeln: „Kann ich den Herren noch etwas bringen?“ „Im Moment nicht“, antwortete Volker Born und dachte: Vielleicht sollte sie dem Spyridakis eine Pistole bringen. Ich bin sicher, der kann damit gar nicht umgehen und schießt sich in den eigenen Fuß. Kaum war die Kellnerin verschwunden, richtete er das Wort an sein Gegenüber: „Sie haben also Reinhardt umgebracht. Nun gut, ein Mord kann mitunter erquicken. Aber wir sollten doch überprüfen, ob der Tote überhaupt tot ist.“ „Er ist es“, teilte Vlassi mit trüber Stimme mit. „Wir wollen nicht voreilig sein. Ob jemand tot ist oder nicht, das ist leicht zu überprüfen.“ „Wollen Sie ins Leichenschauhaus?“, fragte Vlassi. Volker Born hob den Kopf: „Keineswegs. Tote haben die Angewohnheit, nicht zu reden.“ „Ja, sie schweigen einen immer nur an“, sagte Vlassi, als würde er eine große Weisheit mitteilen. Born nickte: „Wir Theologen wissen, dass man die Wahrheit nur durch die Augen des Todes erfährt.“ Vlassi grübelte noch über diesem Gedanken, als Born schon weitersprach: „Aber was ist die Wahrheit?“ Jetzt raffte sich Vlassi zu einer Antwort auf: „Die verdächtige Wahrheit, meinen Sie?“ „Ob sie verdächtig ist, werden wir schnell herausfinden. Wozu haben Sie mich!“ Born griff in die Innentasche seines Jacketts, holte sein Smartphone heraus und wählte eine Nummer. Vlassi konnte sich schon denken, wen er anrief. Es piepte einige Male, sodass Spyridakis schon für sich dachte: Warum glaubt mir dieser Born nicht, Tote können nicht nur nicht reden, sie sind auch nicht imstande, einen Telefonhörer an ihr Ohr zu heben. Doch plötzlich rief Volker Born in die Muschel: „Hallo, bin ich bei Herrn Reinhardt?“ Die Antwort konnte Kommissar Spyridakis nicht verstehen, Born nickte jedoch zu der telefonischen Auskunft und sagte leichthin: „Nein, nein, es ist nichts, ich wollte nur wissen, wann das nächste Seminar stattfindet.“ Und nach einem kurzen Innehalten bedankte er sich und drückte auf den Aus-Knopf seines Handys. Dann sah er Vlassi triumphierend an: „Der Mann, den Sie umgebracht haben, lebt! Ja, ja, Tote leben länger als man mitunter glaubt.“ „Er lebt?“, fragte Vlassi verdattert, hielt einen Moment inne und schob dann nach: „Lebt er wirklich oder tut er nur so?“ Volker Born war etwas zusammengerutscht, jetzt streckte er sich und teilte seinem Tischnachbarn mit: „Gefällt mir, was Sie da eben gesagt haben. Es ist ein tiefgründiger philosophischer Satz.“ „Ob er wirklich lebt oder nur so tut?“, wollte Vlassi wissen. „Ist mir gerade so eingefallen. Könnte doch sein?“ „Lieber Herr Spyridakis, Sie sind ein intuitiver Denker und wissen nicht, was dieser Satz meint?“ „Könnte ich nicht auch ein intuitiver Mörder sein?“ „Nein, nein“, wehrte Born ab, „Mörder arbeiten doch nicht intuitiv, sie gehen mit Vorsatz, Überlegung und Gedankenkraft ans Werk. Schon aus diesem Grund kommen Sie für einen Mord nicht infrage.“ Vlassi schien gar nicht von Borns Bemerkung gekränkt, zog stattdessen ein nachdenkliches Gesicht: „Reinhardt lebt, sagen Sie also. Aber haben Sie überhaupt mit ihm gesprochen?“ „Sie waren doch gerade mein Zeuge!“ Jetzt kehrte Vlassi den Kommissar heraus: „Man kann mit verstellter Stimme reden, das ist gar nicht selten. Passen Sie auf!“ Und er hob seine Stimme in die höchste Oktave und wisperte seinem Gegenüber zu: „Ich glaube, mein lieber Herr Born, Sie verkennen die absolute Mordbereitschaft des Herrn Spyridakis.“ Um gleich darauf mit normaler Stimme zu fragen: „Wissen Sie, wer da eben geredet hat?“ „Na Sie, kein anderer als Sie.“ „Falsch, es war Hauptkommissarin Wunder, der ich meine Stimme geliehen habe. Verfremdung nennt man so was.“ „Werden Sie nicht komisch“, murrte Born. „Es war ein Beispiel, das ich Ihnen gegeben habe“, erklärte Vlassi, „der angebliche Herr Reinhardt, mit dem Sie gerade gesprochen haben wollen, kann jemand ganz anderes sein. Ein Verstellkünstler.“ „Einer wie Sie“, grinste Volker Born. „Es gibt sicher Steigerungen zu mir“, erklärte Vlassi in jäher Einsicht, „ich wollte Ihnen nur das Prinzip klarmachen.“ „Ich habe also mit einem Mann telefoniert, der vorgibt, Frederick Reinhardt zu sein, sich also verstellt. Und diese Verstellung macht er, weil Reinhardt tot ist.“ „Ganz genau!“, bestätigte Vlassi. Volker Born warf einen nachdenklichen, ja sogar einen sehr nachdenklichen Blick auf ihn, um dann Wort für Wort zu sagen: „Lieber Herr Spyridakis, sollten Sie nicht einmal den Polizeipsychologen aufsuchen und sich gründlich untersuchen lassen?“ * Als Vlassi bei seinem Auto ankam, hatte er seinen Betrübnis-Anfall nach dem Gespräch mit Volker Born abgestreift. Weshalb sollte ich in Depressionen untergehen, weshalb mir Vorwürfe machen, weshalb noch einen weiteren Psychologen aufsuchen, der Niebergall reicht mir, dachte er und war sich auf einmal nicht mehr sicher, ob er jenen Reinhardt umgebracht hatte. Warum sollte er das auch getan haben? Darüber könnte er nachdenken. Er müsste nach einem Grund suchen, polizeilich gesprochen: nach einem Motiv fahnden. Aber genau daran haperte es, hier ließ ihn sein Gedächtnis wieder mal im Stich. Vlassi war sich auch nicht mehr sicher, ob Born nicht vielleicht doch mit diesem Frederick Reinhardt telefoniert hatte. Weshalb sollte denn ihn jemand mit verstellter Stimme nachahmen? Vielleicht habe ich mir alles eingebildet und sollte doch noch einmal Dr. Niebergall aufsuchen oder besser einen Kollegen von ihm und dem sagen, dass ich an Wahnvorstellungen leide. Er öffnete die Tür seines Corsa, und plötzlich wurde ihm klar, dass er am besten in eigener Person nachprüfen sollte, ob sein Toter ihm von einer Jenseits-Wolke zuwinkte oder vielleicht doch quicklebendig im Diesseits weilte. Schade, fiel ihm im nächsten Moment ein, dass ich nicht den Herrn Tod herbeirufen kann wie beim letzten Fall. Der war ja ganz hilfreich, und ich könnte mir die Fahrt jetzt ersparen. Denn wer, wenn nicht der Herr Tod, kann sagen, ob sich ein Ermordeter in seinen Gefilden herumtreibt. Auf dem Parkplatz im Hof hinter der Drogerie Rossmann befand sich außer seinem Corsa kein anderes Auto. Vlassi ging zu einem kleinen Baum und murmelte: „Herr Tod, hören Sie mich? Erinnern Sie sich an mich? Könnten Sie nicht mal kurz erscheinen? Ich hätte da eine Frage …“ Nichts tat sich, schon gar nicht hörte Vlassi eine Antwort. „Es ist eine ganz simple Sache für Sie“, fuhr Vlassi fort, „die wird Sie nicht lange beanspruchen. Sie werden vermutlich unterfordert sein …“ Vlassi lauschte, doch nicht der geringste Ton war zu hören. „Ach“, stöhnte Vlassi theatralisch auf, „und ich habe geglaubt, dass wir nach der letzten Zusammenarbeit ein Team wären. Ein erfolgreiches Team, das auch weiter zusammenarbeiten sollte …“ Wieder nichts, wieder blieb es völlig still, sodass Vlassi schließlich ausrief: „Ach, auf Sie ist auch gar kein Verlass, wenn man Sie mal braucht, kommen Sie nicht, immer erscheinen Sie zur unrechten Zeit.“ In dem Moment tauchte eine Frau im Hof auf, die offenbar seinen Ausruf gehört hatte. Sie blieb stehen, nickte ihm freundlich zu und sagte: „Ja, ja, in diesen Zeiten bleiben einem nur Selbstgespräche, nicht wahr?“ Vlassi wusste, was sie meinte, sie dachte an Corona, aber das war doch schon nahezu passé. Er nickte ihr zu und war um eine Antwort nicht verlegen: „Ich überprüfe gerade, ob ich meinen Fragen gewachsen bin. Ich meine, ob ich die richtigen Antworten finde.“ „Ach ja“, stöhnte die Frau, „man muss heute alles selber machen. Lassen Sie sich nicht weiter stören.“ Sie fingerte in ihrer Handtasche nach einem Schlüssel und wandte sich der hinteren Haustür zu, die Kommissar Spyridakis erst jetzt bemerkte. * Eine gute Viertelstunde später fuhr Vlassi in den Mainzer Vorort Gonsenheim ein. Born hatte ihm die Adresse von Frederick Reinhardt gegeben, er musste in die Arndtstraße zur Nummer 36. Obwohl ohne Navi unterwegs, fand er die Straße schnell, ein Vlassi, ging es ihm durch den Kopf, mag tot und mitunter ohne Gedächtnis sein, aber ein Navi kann er entbehren. Er stellte sein Auto an den Straßenrand hinter einen Mercedes. Auf der Arndtstraße befand sich kein Mensch, nicht einmal die Frau mit dem wackeligen Einkaufswagen. Natürlich wusste Vlassi nicht, dass sein Mainzer Kollege Lustig vor Kurzem hier mit gespitzten Ohren entlanggegangen war und die entsprechende Dame nach verdächtigen Geräuschen befragt hatte. Natürlich wusste er auch nicht, dass die Dame nichts, aber auch gar nichts gehört hatte, da schwerhörig. Vlassi wollte lediglich erkunden, ob der Mann, den er umgebracht hatte, vielleicht doch noch lebte. Oder sich ein anderer in ihn verwandelt hatte, ein Verstellkünstler, wie er Born erklären musste. Für einen Schauspieler, überlegte Vlassi, als er sich dem Tor der Nummer 36 näherte, ist das schließlich eine einfache Übung. Schauspieler gieren nach Verwandlung, sie wollen sich verstellen, sie wollen König Lear sein oder Faust oder Heinrich der Vierte. Sie wollen eine andere Identität annehmen. Und warum?, überlegte Vlassi. Ihm fiel ein, dass der ehemals berühmte Wiener Schauspieler Josef Kainz auf die Frage, warum er nie den Faust spiele, geantwortet hat: den Faust kann nur ein bedeutender Mensch spielen, und ein bedeutender Mensch wird kein Schauspieler. Vlassi erschrak. Wollte er im letzten Fall nicht selbst Schauspieler werden? Fühlte er sich ganz unbedeutend, war er mit sich selbst und seinem Beruf nicht im Reinen, fehlte ihm etwas, mangelte es ihm an Selbstwertgefühl? Ich bin Vlassopolous Spyridakis, murmelte er, und will kein anderer sein, selbst wenn ich jemanden gemeuchelt habe. Außerdem, beruhigte er sich, war mein schauspielerisches Verlangen doch nur eine Art Sucht, die Sucht nach Berühmtheit. Aber das habe ich überwunden, davon bin ich geheilt. Was soll mir schließlich die Berühmtheit, wenn ich tot bin? Habe ich etwas davon, wenn Leute zu meinem Grab pilgern, die Augen verdrehen und denken: Hier ruht der berühmte Vlassopolous. Ich werde ihnen aus dem Jenseits zurufen: Ja, er ist berühmt, weil er nicht Schauspieler wurde, sondern Kommissar geblieben ist. Vlassi stand vor der Nummer 36, ein gusseisernes Tor zierte den Eingang zu einem Gartengrundstück, ein Weg mit Kieselsteinen führte zum Haus. Er drückte auf den Klingelknopf, und nach wenigen Sekunden hörte er ein Surren am Tor. Vlassi drückte es auf und ging in Richtung Haustür. Die Kieselsteine knirschten unter seinen Schuhen, als wollten sie ihn auf ein verheißungsvolles Treffen einstimmen. Die Haustür öffnete sich schon auf halbem Wege, und ein kleiner Mann mittleren Alters mit üppigem dunkelbraunem Haar zeigte sich. Vlassi näherte sich ihm und wollte sich gerade vorstellen, als der Mann sagte: „Sie sind der neue Kandidat?“ „Der neue Kandidat?“, wiederholte Vlassi fragend, um gleich für Aufklärung zu sorgen: „Na ja, ich wollte sehen, ob ich hier richtig bin bei Herrn Reinhardt?“ „Sie sind es, ich bin Reinhardt.“ Jetzt, wo Vlassi näher gekommen war, musterte er den angeblichen Herrn Reinhardt. Irgendwie kenne ich ihn, ich muss ihm schon mal begegnet sein, er kommt mir bekannt vor, ging es ihm durch den Kopf, aber ich kann mich nicht erinnern, wo ich ihn hintun soll. Er überlegte krampfhaft, wie er seinen Besuch begründen könnte, doch es fiel ihm nichts Gescheites ein. Schließlich sagte er: „Sie leben, da bin ich jetzt aber froh.“ Reinhardt ließ ein meckerndes Lachen hören: „Warum sollte ich nicht leben? Ich erfreue mich sogar bester Gesundheit.“ Vlassi griff auf, wie ihn sein Gegenüber genannt hatte: „Ja, wissen Sie, ich bin ja der neue Kandidat, da muss man schon mal nachforschen, ob alles im Reinen ist.“ „Sie sind ein vorsichtiger Mensch“, stellte Reinhardt fest und zog ein grimmiges Gesicht. Vlassi beobachtete genau seine Mimik und versuchte herauszuhören, ob jener Mann, der vorgab, Reinhardt zu sein, es auch wirklich war. Wenn es ein Schauspieler war, spielte er seine Rolle sehr überzeugend. Das meckernde Lachen, das grimmige Gesicht – nicht schlecht. „Also Sie leben“, wiederholte Kommissar Spyridakis und seine Stimme wurde vertraulich: „Mir ist nämlich zugetragen worden, dass Sie nicht mehr … also … im Diesseits weilen sollen.“ Jetzt lachte Frederick Reinhardt, wenn er es denn war, laut auf. Und Vlassi konnte sich eine gewisse innere Anerkennung nicht verkneifen: Auch nicht übel, dieser Mann setzt das Lachen geschickt ein – er verneint nicht durch Worte, sondern durch Lachen. Reinhardt hatte ausgelacht und wurde nun doch verbal: „Sie sehen doch, dass ich im Diesseits weile.“ Seine Gesichtszüge verzogen sich ins Ernste: „Wer hat Ihnen denn gesagt, dass ich nicht mehr in dieser Welt hause?“ Auch jetzt hörte Vlassi genau auf seine Worte. Dieser Mann sprach von Diesseits, er sagte nicht, dass er tot sei. War ihm das Wort tot fremd oder verwegen oder unheimlich? Mied er es aus einem bestimmten Grund? Vlassi antwortete ausweichend: „Ach, ich kenne seinen Namen nicht. Er ist wohl auch ein Kandidat.“ Reinhardt schaute ihn misstrauisch an, die Antwort des Besuchers befriedigte ihn offenbar nicht. „Wie ist eigentlich Ihr Name?“, fragte Reinhardt, „Sie haben ihn mir noch gar nicht gesagt, aber Sie kommen mir bekannt vor.“ Vlassi fiel in der Eile nichts anderes ein als der Name dessen, mit dem er schon einige knifflige Fälle gelöst hatte, der Kollege würde sicher nichts dagegen haben. „Ich heiße Ernst Lustig“, sagte er und zog eine bescheidene Miene. „Ernst Lustig“, wiederholte Reinhardt und grinste, „ein sprechender Name, Sie sind bei eventuellem Ernst auch lustig, ja?“ „So könnte man sagen“, bestätigte Vlassi und fügte hinzu: „Meine Eltern wollten es so, die Kombination schien ihnen richtig.“ Reinhardts Blick fiel auf seine Armbanduhr, dann teilte er dem lustigen Ernst mit: „Ich hoffe, ich habe Ihre Neugier befriedigt, ich habe jetzt leider einen telefonischen Termin.“ „Ja, natürlich“, erwiderte Vlassi, „ich konnte mich ja davon überzeugen, dass Sie leben.“ Er machte auf dem Absatz kehrt, drehte sich aber gleich wieder herum, weil ihm noch etwas einfiel: „Kann ich mich denn als neuer Kandidat ansehen?“ Frederick Reinhardt war schon einen Schritt ins Innere des Hauses gegangen und wollte gerade die Tür schließen. Er hielt inne und antwortete: „Ja, natürlich, alles Weitere telefonisch.“ 9 Meinen Sie, der Born ist ein Mörder? Als Vlassi über die Schiersteiner Brücke zurück nach Wiesbaden fuhr, fühlte er sich nicht ganz wohl, und der Pegel seiner Zufriedenheit ankerte in unteren Regionen. Dabei war sein Besuch bei Reinhardt doch eigentlich erfolgreich – wenn man es denn als Erfolg verzeichnen kann herauszufinden, dass ein Toter sich eines meckernd-lachenden Lebens erfreuen kann. Volker Borns Anruf bei Reinhardt war gar nicht verkehrt, und mein Besuch bei ihm ein nahezu genialer Einfall, überlegte Vlassi. Der Mann lebte. Er lebte und – lachte, was durchaus als Steigerung von Leben zu verstehen ist. Weshalb bin ich nicht so richtig zufrieden mit meiner Aktion? Komme ich nicht los von dem Gedanken, dass ich vielleicht doch mit einem Schauspieler gesprochen habe? Und in Wirklichkeit der echte Reinhardt schon längst im Jenseits siedelt. Und warum habe ich das Gefühl, mich an etwas Bestimmtes nicht zu erinnern? Was war das? Hat der mir was andrehen wollen, und ich hab’s in die Vergessens-Schublade gelegt? Im nächsten Moment fiel Vlassi ein: Weshalb sollte es eigentlich ein Double geben? Natürlich – weil der echte Reinhardt nicht mehr lebt, weil man ihn ermordet hat. Aber warum? Wenn es so sein sollte, war ich es doch am Ende? Nicht ich bin tot, das habe ich mir nur eingebildet, nicht ich bin ins Jenseits befördert worden, sondern ich habe umgebracht. Diesen Reinhardt? Nein, nein, er lebt ja, wenn er es denn wirklich war … ach, ich komme mit meinen scharfsinnigen Überlegungen nicht weiter, ich drehe mich im Kreis. Da sieht man mal wieder, wie schwach das menschliche Gehirn ist, wie es mich, seinen standhaften Vlassi, im Stich lässt. Das Hirn wird ja völlig überschätzt. Gerade dann, wenn ich es dringend brauche, dreht es eine Pirouette nach der andern. Und was meinte dieser Reinhardt eigentlich, als er mich als neuen Kandidaten bezeichnete? Kandidat wofür? Für einen Mord? Soll ich Täter werden? Oder Opfer? Vlassi war längst in Wiesbaden angekommen und hätte beinahe eine rote Ampel überfahren, als er sich sagte: Ich muss zu meiner Chefin, sie wird Licht in diese verquere Angelegenheit bringen, sie ist eine Frau, und Frauen wie Frau Wunder sind mitunter klüger als ein gepeinigter Vlassopolous, das muss ich mir leider eingestehen. Wenig später eilte er in den ersten Stock des Polizeipräsidiums, um zum Dienstzimmer zu gelangen. Unterwegs begegnete ihm Kriminalrat Feuer, der ihm zurief: „Na, schönen Spaziergang gemacht, Lücken aufgefüllt?“ Vlassi nickte kurz angebunden, er wollte sich nicht auf ein längeres und unfruchtbares Gespräch mit Feuer einlassen, der es allerdings nicht unterlassen konnte, ihm nachzurufen: „Habe ich doch gesagt, ein Gang im Kurpark wirkt Wunder. Sogar Tote werden da wieder lebendig.“ Na ja, dachte Vlassi, so übel ist der Feuer eigentlich nicht, ich bin ja wieder einigermaßen lebendig. Mit seinen Ratschlägen übertrifft Feuer jedenfalls den Dr. Niebergall bei Weitem. Als er die Tür zum Dienstzimmer öffnete, schaute Julia Wunder sofort von ihrem Schreibtisch auf. „Da sind Sie ja endlich!“, rief sie aus. „Haben Sie mich vermisst?“ „Vermisst – ich habe mir Gedanken gemacht. Der Niebergall hat Ihnen ja nicht helfen können.“ „Woher wissen Sie …?“, fragte Vlassi. „Ich weiß einiges, aber das tut jetzt nichts zur Sache.“ Kommissar Spyridakis setzte sich ihr gegenüber an seinen Schreibtisch: „Ja, also dieser Doktor Niebergall hat mir den Teufel empfohlen. Bei dem habe ich aber nicht angeklopft, wer weiß, in welchem Kochtopf ich da gelandet wäre.“ Julia schmunzelte: „Und er hält Sie für einen Hallodri, Ihr Gedächtnisschwund sei eine Vorgaukelei.“ Vlassi verzog das Gesicht: „Vorgaukelei, was ist denn das für ein Wort?“ „Ein schönes altes Wort, das viel zu selten benutzt wird“, erklärte Julia, „ständig wird uns doch was vorgegaukelt.“ „Richtig“, stimmte Vlassi zu, „ich hab’s ja am eigenen Leib erfahren.“ Julia legte ihren Stift zur Seite: „Zur Sache! Einen Gedächtnisschwund, wie Sie ihn vorgeben, gibt es nicht. So habe ich es vom Psychotherapeuten Niebergall erfahren.“ „Obwohl Ihr Vater ihn empfohlen hat“, erwiderte Vlassi, „kann ich für diesen Doktor Niebergall keine Reklame machen. Und das nicht nur, weil er mich hinausgeworfen und den Teufel empfohlen hat.“ Julia verstand ihren Vlassi nur zu gut. Auch sie war von dem Psychiater ja nicht besonders angetan gewesen beim Gespräch im Eltviller Café. „Eine Koryphäe ist er sicher nicht“, bemerkte sie, „aber immerhin hat er erkannt, dass Sie gefährdet sind und es nicht einmal merken würden.“ Vlassi schaute Julia an und murmelte: „Gefährdet? Vielleicht hat er da gar nicht so unrecht.“ Er dachte dabei lediglich an seinen wirren Gedankenstrom auf der Herfahrt im Auto. „Sie finden selbst, dass Sie gefährdet sind?“, fragte Julia verwundert. Vlassi zog sich an den Schreibtisch heran und teilte offenherzig mit: „Na ja, so ein bisschen plemplem schien ich ja gewesen zu sein. Ich war sogar ein Toter ohne Erinnerung …“ Julia fiel ihm ins Wort: „Wollen Sie sagen, dass Sie jetzt ein Toter mit Erinnerung sind?“ „Da kann ich vollinhaltlich zustimmen! Erinnert … also … habe ich mich … wenigstens ein bisschen.“ Julia fuhr mit ihrer rechten Hand durch die Luft: „Lassen wir Ihr Tot-Sein mal beiseite. Wenn man Tote fragt, können die sich ja durchweg nicht erinnern, Sie aber schon …“ „Das ist ja das Problem mit den Ermordeten, diesen Leichen“, fügte Vlassi ein. „Ja, ja, wir haben also ein Problem weniger. Wie sind Sie denn wiederauferstanden, wie sind Sie vollwertig geworden, ich meine, wie haben Sie Ihr Gedächtnis wiedergefunden?“ „Dem Doktor Niebergall habe ich das nicht zu verdanken, der konnte mir ja nur den Mann mit den Hörnern empfehlen.“ „Weiß ich, weiß ich“, drängte Julia, „wem haben Sie es denn zu verdanken?“ Vlassi zog ein nachdenkliches Gesicht: „Ja … also, ich ging so für mich hin, als mich ein Ruf von der anderen Straßenseite ereilte, ein plötzlicher Anruf …“ „Werden Sie doch nicht episch“, unterbrach ihn seine Chefin, „kommen Sie auf den Punkt.“ „Ich muss es so erzählen, damit Sie es verstehen.“ „Ich verstehe Sie am besten, wenn Sie schneller werden“, sagte Julia mit ernstem Gesicht. „Die Schnelligkeit ist ein Leiden unserer Zeit“, murmelte Vlassi, „vielleicht ist das die eigentliche Ursache meiner Gedächtnisschwäche …“ „Und Ihres Tot-Seins“, ergänzte Julia mit sarkastischer Miene, „bitte weiter in angemessener Geschwindigkeit.“ „Ich erhielt also diesen Ruf, und es stellte sich heraus, dass ein alter Bekannter, vielleicht könnte ich ihn sogar als Freund bezeichnen, mir ein Zeichen gab.“ „Denken Sie daran“, gab Julia Wunder, der es wieder zu lang wurde, ihrem Vlassi zu verstehen, „dass wir nicht das ganze Leben für Ihre Geschichte drangeben wollen. Außerdem könnte jeden Moment Kriminalrat Feuer erscheinen.“ Das Stichwort Feuer machte Vlassi Beine: „Sie haben recht, wenn der kommt, muss ich vom Epischen ins Theatralische wechseln. Und ich bin ja abgekommen von meinen Theater-Ambitionen.“ „Ein Glück“, stöhnte Julia auf, „ein Glück, dass wir den letzten Fall hatten, wo Sie zur Besinnung gekommen sind. Vielleicht erreichen wir das auch diesmal.“ Vlassi wurde jetzt tatsächlicher schneller: „Also dieser Freund, Sie kennen ihn nicht, der hat von den Aufgewachten gesprochen und hat mir einen Mann geschildert, an den ich mich erinnert habe, ich habe mich auch daran erinnert, dass ich ihn umgebracht habe …“ Julia zuckte zurück: „Das wird ja immer doller mit Ihnen. Sie haben jemanden umgebracht?“ „Ja, das glaubte ich, ich war sogar fest davon überzeugt, aber mein Freund …“ „Wie heißt dieser Freund denn eigentlich, ich will seinen Namen erfahren“, sagte Julia. „Meinen Sie, der ist ein Mörder?“ „Erzählen Sie weiter.“ „Also der Freund heißt Born, Volker Born, er ist Theologe …“ „Das macht nichts, auch Theologen sind vor Untaten nicht gefeit“, erwiderte Julia, „weiter, weiter.“ „Sie haben recht“, teilte Vlassi nachdenklich mit, „auch Theologen können morden, der Mord ist schließlich eine menschliche Errungenschaft.“ Julia verdrehte die Augen, gab aber keinen Kommentar zu Vlassis Feststellung. „Also“, fuhr Vlassi fort, „nachdem ich Volker Born von meinem Tatverdacht mich selbst betreffend berichtet hatte, rief der den von mir Ermordeten an …“ „Sie machen’s so kompliziert“, unterbrach ihn Julia. „Ich rede dienstlich und korrekt“, rechtfertigte sich Vlassi, „ich hielt mich schließlich für einen mordenden Kommissar.“ „Und? Waren Sie’s?“ „Seltsamerweise nicht. Denn der von mir Ermordete lebte, wie Herr Born durch ein Telefonat feststellte.“ „Da sind Sie ja noch mal gut weggekommen“, stellte Julia fest. „Ich bin mir da nicht so sicher“, murmelte Vlassi, „und wissen Sie warum?“ „Weil Sie unbedingt den Mörder spielen wollen“, sagte Julia. „Falsch!“, rief Vlassi aus, „ich habe weiter gedacht. Wie Sie wissen, ist mein Horizont enorm. Ich habe daran gedacht, dass Born mit einer Fälschung gesprochen hat.“ Jetzt schlich sich in die Gesichtszüge von Kommissar Spyridakis ein gewisser Triumph: „Der Mann, mit dem Born telefoniert hat, war nicht echt …“ „War er vielleicht auch tot?“, fragte Julia grinsend. „So glauben Sie mir doch. Der Angerufene konnte doch ein Double sein. Das kennt man doch von Film und Fernsehen, da laufen doch lauter Doubles rum, die plappernd ihre Rolle spielen und gar nichts vom Ganzen verstehen.“ „Meinetwegen“, nickte Julia, „aber eigentlich ist Ihr tragischer Fall doch abgeschlossen, Sie haben Ihr Gedächtnis wieder und sind nicht tot, was wollen Sie denn noch mehr?“ Vlassi richtete sich in seinem Stuhl auf: „Aber Frau Wunder, Sie enttäuschen mich! Ich muss doch die Ursache für mein Tot-Sein herausfinden.“ „Sie sind doch gar nicht tot, Sie waren es auch nie.“ „Ja, das ist es ja“, erwiderte Vlassi mit zorniger Stimme, „ich bin zwar nicht tot, aber ich habe mich so gefühlt. Das muss doch Gründe haben.“ „Viele Menschen sind nicht tot, fühlen sich aber so“, teilte Julia ihrem Assistenten mit, „ein Gebrechen unserer Zeit.“ „Ich aber gehöre zu denen, die sich nicht mit ihrem Tot-Gefühl abfinden können! Und dass mir das Gedächtnis abhandenkam, gefällt mir auch nicht.“ Vlassi machte eine kleine Pause, um dann nachdenklich nachzuschieben: „Wer weiß, wann es wieder passiert und ich auf einmal denke, dass ich Kriminalrat Feuer bin …“ „Na wunderbar“, sagte Julia, „dann wären Sie aufgestiegen und hätten es gar nicht mitgekriegt.“ „Meine Identität!“, rief Vlassi aus, „sie ist das Wichtigste. Und sie wäre verloren!“ „Ach, Ihre Identität“, murmelte Julia, „machen Sie sich um die keine Sorgen, die wird immer weiter bestehen, sogar nach Ihren Tod.“ „Tod! Sehen Sie, Sie sprechen aus, was mir zu schaffen macht.“ „Das weiß ich doch. Tod und Krankheiten sind Ihre Lieblingsthemen. Aber jetzt sind Sie geheilt, wenn auch dieser Doktor Niebergall nur ein geringes Verdienst daran hat.“ „Überhaupt keins hat er“, widersprach Vlassi und schaute dabei seine Chefin mit einer gewissen Dankbarkeit an, obwohl die ihn doch zu diesem Stümper geschickt hatte. Ihre Worte machten ihn deshalb dankbar, weil sie davon sprach, dass er geheilt war. Vlassi hätte sie küssen können für diese wunderbare Aussage, wobei ihm einfiel, dass eigentlich Volker Born Ziel seiner Kussattacke hätte sein müssen, was ihm allerdings zuwider gewesen wäre. Aber der hatte ihm letzten Endes zu seiner Genesung verholfen. Dennoch misstraute er seiner unerwarteten Heilung, und ihm fiel wieder ein, dass Reinhardt ihn Kandidat genannt hatte. Wahrscheinlich bin ich das nächste Opfer, dachte er, man wird mich aus dem Hinterhalt meucheln, und ich werde nichts dagegen tun können, werde dem Herrn Tod begegnen, der mir die Hand reicht und mich endgültig ins Jenseits zieht. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/lothar-schone/mord-oder-absicht/?lfrom=196351992) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.