Reichtum verpflichtet
Hannelore Cayre
Blanche de Rigny mag keine gesunden Beine haben, aber sie verfügt über andere Ressourcen. Mit deren Hilfe gräbt sie die Geschichte ihres verträumten Vorfahren Auguste de Rigny aus. Und stellt fest, dass sich der Wert eines Menschenlebens seit den Gemetzeln von 1870 nur geringfügig verändert hat. Die aktuelle Schieflage ist global, dazu die drohende Klimakatastrophe: Man muss etwas tun! Blanche macht sich schlau und greift zu eigenwilligen Mitteln …
Ausgezeichnet mit dem Prix du Roman Noir historique
Bewährt provokant und stachelig erzählt Hannelore Cayre in ihrer Badass-Komödie vom Gesetz des Geldes, der Rebellion der Freaks, von Elitenbildung und Klassenkampf. Sie spinnt den Faden zum Deutsch-Französischen Krieg und zur Niederschlagung der Pariser Commune, beleuchtet die Gründung riesiger Vermögen im 19. Jahrhundert und ihre verheerenden Wirkungen bis in unsere grell glitzernde Gegenwart.
Hannelore Cayre
Reichtum verpflichtet
Deutsch von Iris Konopik
Ariadne 1252
Argument Verlag
Ariadne
Herausgegeben von Else Laudan
Titel der französischen Originalausgabe: Richesse oblige
© Éditions Métailié, Paris 2020
Deutsche Erstausgabe
Alle Rechte vorbehalten
© Argument Verlag 2021
Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg
Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020
www.argument.de
Lektorat: Else Laudan
Umschlag: Martin Grundmann
Fotomotiv Umschlag: © Alexander Ant, pexels.com
ISBN (Buch) 978-3-86754-252-4
ISBN (Epub) 978-3-86754-833-5
Reichtum verpflichtet ist ein sehr trockener schelmischer Noir mit tollen historischen Kapiteln, die ins Paris von 1870 entführen. Wer aufpasst, kriegt ganz nebenbei mit, wie sich im 19. Jahrhundert riesige Vermögen gründen, deren Erbnachfolger heute im globalen Maßstab agieren und wesentlich mehr Macht haben, als gut für den Planeten ist.
Reichtum verpflichtet ist aber auch – ähnlich wie sein furioser Vorgänger Die Alte – ein anarchisches Jetztzeit-Märchen, in dem eine Art Pechmarie kurzerhand beschließt, dass die herrschenden Regeln für sie nicht gelten, und mal zeigt, was dann alles so geht (und warum). Denn rein körperlich mag der aufrechte Gang ihr schwerfallen, aber mental steht Blanche de Rigny kerzengerade, zumal mit ihrer radikalen Gefährtin Hildegarde an der Seite …
Mit Humor, Hellsicht und Hintersinn erzählt die Strafverteidigerin, Autorin und Filmemacherin Hannelore Cayre ihre erzrealistischen Grotesken so lässig aufrührerisch, dass ich mir nur noch wünschen kann, ihre Heldinnen würden Wirklichkeit. Else Laudan
Im Anhang gibt es eine kleine Zeittafel zu den historischen Kapiteln sowie Erläuterungen zu vielen Namen und Begriffen.
Inhaltsverzeichnis
Saint-Germain-en-Laye, 18. Januar 1870 (#uba781c1b-6a5f-58a7-abaa-e72cab9cf741)
1 (#u4cf38486-b2d9-5341-9243-fd5f723ef141)
Paris, 12. Juni 1870 (#u0d3eb6cc-e2a1-5e59-b140-dea16214747e)
2 (#u2aee0e89-acba-5787-962a-772066b0e8b2)
Paris, 12. Juni 1870 (#u705483b9-3ed9-5834-be97-edba92e2ed8e)
3 (#u53122634-1c4d-5d03-8831-fb2ec152ccf0)
Paris, 14. Juli 1870 (#ubf5dbf23-9504-5626-854c-8000fef62c2d)
4 (#u0cb7365e-4a43-5798-af5e-490b681de595)
Brest, 14. Juli 1870 (#u150ebcab-6185-5c2e-a79b-06ee0b4460f1)
5 (#u6c7a042d-57cb-5795-8a87-96fc57191f27)
Iroise-See, 15. Juli 1870 (#u72ed3dfb-d9a5-57d7-80c8-ea6c4102a00f)
6 (#u8f2e2a62-b202-5afe-ac62-9010b6225262)
Saint-Germain-en-Laye, 18. Juli 1870 (#ub2ecea0f-748b-5aa3-ab57-1750b7777333)
7 (#u644cc233-3c77-599e-818b-10cdf115d02f)
Paris, 19. September 1870 (#u3ce710f1-cdfd-52bb-9a89-51b2e8ca65c1)
8 (#u3a133268-dfa2-5d98-8bb6-1485d63483f6)
Paris, 27. Dezember 1870 (#ub444c1b5-56e9-56ae-aaa0-37f5c7dc668a)
9 (#uffb55a40-81d7-5adf-b175-588f0cde2817)
Saint-Germain-en-Laye, Paris, Versailles, 1. Januar 1871 (#uc2b89505-8058-5abd-9896-564a13d7574d)
10 (#u5cdb9294-49a3-51f4-ad73-d880b39e5c9a)
Paris, 18. März 1871 (#ueb1b67ab-3dd5-528d-b226-26aa708702db)
11 (#u04b19370-e2f3-5f43-b904-06c2d1da464a)
Paris, 2. April 1871 (#u2a25ad45-2120-59c1-a2d0-0593edea9ec6)
12 (#u88f01d53-fd89-5eab-8dc6-b308414cb6eb)
Versailles, 20. April 1871 (#ue0ef8180-8606-5761-9781-4694cb8713dc)
Dank (#ued9382ef-272e-549a-99b6-cfacddef031b)
Kleine Zeittafel (#u5c916f64-13a1-5296-b6e9-e10f59c0556b)
Anmerkungen der Übersetzerin zu Namen und Begriffen (#u7d302bed-df9b-5ee3-8585-47ef58ce0c7c)
Auf dem mondlosen Land war es, totales Schwarz, dass ich es erstmals sah, das neongrüne Kaninchen, kräftig grün auf seiner Ackerbrache, ungerührt von der Idee seiner Fremdartigkeit in einem glühenden Lichthof sein Leben führend – wie wenn man über der Erinnerung an jemanden die Lider schließt, Signal in schwarzer Nacht, kleiner Punkt.
Olivier Cadiot, Retour définitif et durable de l’être aimé
»Meinst du, das ist das passende Outfit für eine Beerdigung?«
»Mensch, das ist mein schönster Trainingsanzug … aus Samt! Und hast du dich selber mal gesehen? Schaust aus wie … Aber uns scheißegal, oder?«
Hildegarde hatte recht, es war uns scheißegal. Wir kamen rüber wie zwei Junkiebräute, stimmt, aber ganz unabhängig von unserer Klamottenwahl würden uns eh alle schräg angucken.
Da war meine Tochter Juliette, ganz in Khaki, sie hatte gerade ihre Camouflagephase. Pistache und Géranium, unsere zwei hässlichen Köter ohne Halsband und Leine, dafür mit Schleife im Nacken. Hildegarde aufgeschickt im schwarzen Samttrainingsanzug und schwarzen Nikes Größe 46, über die sie zum Entstauben flüchtig mit dem Lappen gefahren war. Und zuletzt ich mit meinen neuen japanischen Titan-Orthesen, die mir die Krücken ersparten. Im Moment glich mein Gang mehr oder minder einem Stechschritt, aber das würde sich mit jedem Tag bessern. Klar, auf dem Trocadéro-Friedhof war das alles deplatziert, dort, wo die de Rignys ihre Gruft zwischen der Familie Dassault (#u7d302bed-df9b-5ee3-8585-47ef58ce0c7c) und der Familie Bouygues hatten.
Da ich die teuerste Anzeige im Figaro gebucht hatte, um das Ableben der Tante mit Pauken und Trompeten zu verkünden, war viel Volk gekommen, aber niemand hatte uns gegrüßt. Mehr noch, zwischen diesen Leuten und uns hatte sich ein Leerraum gebildet, eine Art Sperrgürtel, der ihnen erlaubte, sich von unserer widerlichen Präsenz zu isolieren.
Wer waren die alle? Bridge-Freundinnen? Leute, die sich auf gesellschaftlichen Events rumtreiben? Alte Weiber, die eins ihrer Idole dafür feiern wollten, dass es den Tod so lang hinausgezögert hatte? Keine Ahnung! Acht Monate hatten wir uns um Yvonne gekümmert und in ihrem Stadtpalais nicht einen Besuch empfangen, abgesehen von ihrem Notar und ihrem Bankier. Jedenfalls bin ich sicher, dass uns ihr Ableben am meisten traf. Denn wir hatten die Alte liebgewonnen, vor allem gegen Ende, als sie so weit überschnappte, dass sie uns aus unerfindlichen Gründen den ganzen Tag Les nuits d’une demoiselle von Colette Renard vorsang:
Ich lass mir das Naschwerk lecken
Ich lass mir das Fischchen streicheln
Ich lass mir das Hemdchen steifen
Ich lass mir den Bonbon knabbern
Was mit achtundneunzig Jahren, das müssen Sie zugeben, ganz schön schneidig ist.
Wie auch immer, jetzt war sie seit vier Tagen tot und ich war reich. Unfassbar reich. Infolgedessen – die Reichen sind immer in Eile – hatte ich noch anderes zu tun, als auf einem Friedhof rumzugammeln. In sechs Stunden ging unser Flieger zu unserem neuen Haus auf den Britischen Jungferninseln – Steuerparadies – und nächsten Montag, denn das Ende der Welt sollte man stets an einem Montag einläuten, würden wir uns ans Werk machen.
Vor dieser Gruft, die zu verschließen sich die Totengräber gar nicht mehr die Mühe machten, da die de Rignys wie die Fliegen starben (immerhin sechs in kaum einem Jahr), gedachte ich unseres gemeinsamen Vorfahren Auguste. Ob sein Leben, wie ich es auf diesen wenigen Seiten erzähle, dem von ihm tatsächlich gelebten entspricht, ob sein Charakter so war, wie ich ihn beschreibe, hat keinerlei Bedeutung.
Ihnen die paar Monate im Dasein dieses liebenswerten jungen Mannes zu überliefern, der immer ein bisschen fehl am Platz war, ist eine Möglichkeit, ihm die Substanz und die Unsterblichkeit zu verleihen, die er verdient, und ihm so seine Geste gegenüber meiner Familie zu vergelten. Ihn dem dunkeln Hintergrund und Schoß der Zeit entreißen, wie Shakespeare sagen würde. Auf diese Weise gesellt er sich zu anderen treuen Gefährten, die vielleicht im wahren Leben nicht existieren, sondern nur in jenen Romanen des 19. Jahrhunderts, die mein politisches Denken geprägt und mich zu der gemacht haben, die ich bin.
Saint-Germain-en-Laye, 18. Januar 1870
Seit über einer Stunde saß Auguste auf seiner Bettkante und starrte auf die Weckuhr genannte kostspielige Neuheit aus den großen Warenhäusern, die seine Tante Clothilde ihm zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte.
Weil wir alle wissen, dass es in Paris niemals genug Hähne geben wird, um Sie aus dem Schlaf zu reißen, stand auf der kleinen Karte, die dem Päckchen schalkhaft beigefügt war.
Es handelte sich um eine Uhr, die in ein kunstvoll gearbeitetes Gehäuse eingebaut war, das Paradiesvögel darstellte. Während er sie betrachtete, dachte der junge Mann wehmütig darüber nach, dass diese Erfindung das Leben aller Nachtschwärmer, die wie er morgens nicht aus den Federn kamen, in mancher Beziehung auf den Kopf stellen würde. Das Ding ließ sich so einstellen, dass das Läutwerk zu einem festgelegten Zeitpunkt ausgelöst wurde. Neben Stunden- und Minutenzeiger gab es einen speziellen Zeiger, den man am Vorabend auf die Weckzeit ausrichtete. Auguste hatte ihn auf die Ziffer 7 justiert, eine Stunde vor der Zeit, die auf seiner Vorladung zum Losverfahren stand.
Dieser berüchtigte Termin verfolgte ihn, seit er im Oktober zur Erfassung des Wehrpflichtjahrgangs 1869 im Rathaus vorstellig geworden war, dem Jahr seines zwanzigsten Geburtstags. Bis Januar war er ständig betrunken gewesen und hatte sich über die Feiertage bemüht, nicht an ihn zu denken, dann hatte er sich dabei ertappt, dass er ihn als die Erlösung von seinen Ängsten herbeisehnte.
Das Herunterzählen der Tage war schließlich an seinem Ende angelangt und heute Morgen war es so weit!
Heute würde er endlich erfahren, ob das Ziehen einer schlechten Nummer ihn zwang, die Sorbonne aufzugeben, sein Pariser Leben, seine Vergnügungen und seine schönen Bequemlichkeiten einzutauschen gegen neun Jahre erniedrigenden Militärdienst, fünf davon umgeben von Rohlingen in einer feuchten Kaserne mit schlechten Betten.
Das Läuten der teuflischen Erfindung ließ ihn hochschrecken und drehte ihm die Eingeweide um: Wer nicht Punkt acht Uhr zum Appell antritt, wird als Erstes zum Militärdienst eingezogen, hieß es unten auf seiner Vorladung.
Er hätte sich so gewünscht, dass seine Mutter und seine Schwester ihn zur Auslosung begleiteten, leider waren die beiden dringend ans Krankenbett einer Tante gerufen worden. Auch sein Vater, durch ein Rückenleiden ans Haus gefesselt, konnte nicht mitgehen. Blieben sein Schwager Jules, ein zum Geschäft konvertierter Ex-Offizier, und sein Bruder Ferdinand, ein Ehrgeizling und frommer Jünger des Geldkults, dessen liebster Zeitvertreib darin bestand, ihn zu piesacken, bis er explodierte. Selbst wenn diese beiden sich erboten hätten, ihm bei dieser Prüfung beizustehen, Auguste hätte kategorisch abgelehnt.
Die Frauen der Familie hatten ihn immerhin nicht gänzlich im Stich gelassen, hatten sie doch in Saint-Germain-de-Paris eine Messe lesen lassen, damit die Vorsehung ihn vom Militärdienst befreie. Natürlich glaubte Auguste nicht an Gott, noch weniger seit er Die Entstehung der Arten gelesen hatte, ein glänzendes Buch, das die groteske Vorstellung von der göttlichen Erschaffung des Lebens wissenschaftlich widerlegte, aber insgeheim fand er doch, dass die paar von seiner Mutter gekauften Gebete ihm nicht schaden konnten.
Er zog sich eilends an und durchquerte das stille Haus, wobei er darauf achtgab, niemanden zu wecken. Als er über die Schwelle trat, klappte er seinen Kragen bis über die Ohren hoch, um sich Hals über Kopf in diesen tintenschwarzen Wintermorgen zu stürzen, doch kaum hatte er das Gittertor des väterlichen Wohnsitzes passiert, ging seine Phantasie mit ihm durch. Er sah sich schon mit Angst im Bauch in eine Schlacht marschieren, so wie ein flegelhafter alter Soldat der Napoleonischen Garde, den seine Eltern hartnäckig zu Tisch luden, sie zum Schrecken der Damen schilderte; ein gewisser Pélissier, Überlebender der fürchterlichen Belagerung von Sewastopol. Es fehlte nicht viel und er hätte im Nimbus der Gaslaternen die Kadaver der Pferde erblickt, verrenkt vom Frost oder zerfleischt von den Soldaten.
Während er die Rue de la République hinauflief, bevölkerte sich das Morgengrauen mit Silhouetten, deren Fußstapfen im Schnee sämtlich zum Rathaus von Saint-Germain-en-Laye führten. Vor der Tür des Gebäudes spielten Kinder Krieg und unterhielten damit die paar wenigen Wache stehenden Militärs. Sie bestiegen imaginäre Reittiere, und bewaffnet mit Aststücken als Säbel und Schneebällen, stürmten sie schreiend unsichtbaren Feinden entgegen; den Preußen, sagten sie.
Die Begleitpersonen wurden aufgefordert, draußen zu bleiben, während alle jungen Wehrpflichtigen von gemeinen Soldaten zur Ehrenhalle geleitet wurden. An einem Tisch vor dem Geburtenregister des Landkreises, in dem die Namen aller 1849 geborenen Jungen verzeichnet waren, erwartete sie der Bürgermeister mit umgebundener Trikoloreschärpe sowie ein ungeduldiger Offizier, flankiert von einer Handvoll Soldaten.
Auguste trat zu einer Gruppe Bürgersöhne an einem dicken Kohleofen, zu denen sich ganz selbstverständlich die Sprösslinge ihrer Bediensteten gesellt hatten. Er begrüßte Bertelot junior, den er daher kannte, dass er eine Zeitlang ein Auge auf seine Cousine geworfen hatte, und seinen Kindheitsfreund Duchaussois, den sein Vater unablässig als Beispiel hinstellte, weil er sich dem Justizbeamtentum zugewandt hatte. Er sah Berquet, Bruault und Fromoisin, Schulkameraden am Gymnasium. Portefaux, der Sohn des Hypothekenbewahrers, war ebenfalls da. Auguste erkannte ihn kaum wieder, so dick war er geworden: Er zielte auf Ausmusterung wegen Fettleibigkeit ab, meinte er. Er war überrascht, auch jenen zu sehen, den seine Mutter stets den kleinen Perret genannt hatte, jüngster Sohn ihres Gärtners, der, wie sich jetzt zeigte, im gleichen Jahr geboren war wie er. Dazu kamen noch die Söhne der Händler der Stadt. Einige kannte er, weil er ihnen in der Kirche begegnet war, als Jüngerer mit ihnen gespielt oder sie einfach nur im Hinterzimmer des elterlichen Ladens gesehen hatte. Sehr bald entstieg diesem inneren Kreis ein fröhliches Stimmengewirr.
Etwas entfernt, in respektvollem Abstand zum Ofen, kämpften eine Masse junger Proletarier in Fabrikkitteln, aber auch ein paar wie für den Messgang gekleidete junge Bauern schweigend gegen die Kälte. Alle hatten sich Mühe gegeben, sich anständig anzuziehen, denn wenn es toleriert wurde, arm zu sein, dann nur unter der Bedingung, dass man reinlich war und die Leute, unter die man sich mischte, nicht mit seinem Elend kränkte.
Auguste konnte nicht anders, als sie verstohlen zu beobachten. Wie zahlreich sie sind, staunte er. Wie linkisch ihre Umgangsformen und wie bockig ihr Schweigen. Wie sehr sich ihr Gebaren von der Gewandtheit und Gesittung der Vermögenden abhebt. Warum sind nicht sie es mit ihren armseligen, für die Kälte ungeeigneten Kleidern, ihren ausgezehrten Körpern, ihren schlechten Schuhen, die sich am Ofen aufwärmen kommen?
Diese armen Kerle haben offenbar einen Preis. Wie viel kostet wohl dies robuste Exemplar, das von einer Holzpantine auf die andere tritt, um nicht zu erfrieren? Wäre der Mann im Übrigen bereit, sich zu verkaufen, falls er nicht im eigenen Namen einrücken muss? Findet er, dass es eine ›Frage des Geschmacks‹ ist, wie es Monsieur Thiers noch kürzlich in der Abgeordnetenkammer ausdrückte, sich anstelle eines Sohns aus gutem Hause töten zu lassen? Denkt er, das versteht sich genauso von selbst, wie seinen Platz am Ofen zu räumen?
Wie ist das alles kompliziert!, dachte er seufzend.
Angesichts des Drucks der Familienväter auf den Kaiser und trotz dessen Wunsch, beim Menschenhandel moralische Standards durchzusetzen, hatte das Prinzip der Handelsfreiheit in der Abgeordnetenkammer ein weiteres Mal obsiegt. Die liberalen Abgeordneten hatten mit großer Mehrheit für die Wiedereinführung des militärischen Stellvertretersystems gestimmt, wie es vor der Thronbesteigung Napoleons III. praktiziert wurde. Es war demnach nicht länger Aufgabe des Staates, gegen Geld einen Ersatz für die Jungen zu finden, die den Wehrdienst verweigerten, sondern oblag den Familien selbst. Zwar hatte die kleine, von Jules Simon angeführte Gruppe der Sozialisten sich gegen diese weiße Sklaverei ausgesprochen, diese Renaissance der Menschenfleischhändler … jedoch zum allgemeinen Desinteresse. Die Konservativen wiederum hatten mit dem Schreckgespenst eines Kriegs gegen Preußen gedroht. Ohne dass jemand es kommen sah, hatte dieses doch viel kleinere Land als Frankreich gerade bei Königgrätz in einer einzigen Schlacht Österreich vernichtet, und das dank seiner allgemeinen Wehrpflicht und seiner Armee aus 1,2 Millionen Mann – aber auch sie hatten tauben Ohren gepredigt.
Gegen zehn Uhr begann der anwesende Offizier mit dem Aufruf in der Reihenfolge der um die Freistellungen ausgedünnten Liste, während ein Soldat die Kurbel einer Trommel drehte, die 127 in hölzernen Hülsen steckende Nummern enthielt.
Jedes Mal, wenn ein Name zum Losziehen aufgerufen wurde, schrak Auguste zusammen und verlor, da er gleichzeitig in Panik und ein schlechter Rechner war, den Faden seiner Argumentation: »Bei 167 Verzeichneten und zwanzig Freigestellten, bedenkend, dass der Landkreis fünfundzwanzig Männer bereitstellen muss, und unter der Prämisse, dass es aus diversen Gründen zehn Ausmusterungen gibt, wäre jede Nummer bis zum Doppelten, also alles bis fünfzig eine wirklich schlechte Nummer, es besteht daher eine Chance von eins zu …«
Aus der kleinen Schar um den Kohleofen wurde Duchaussois als Erster ausgerufen. Er hatte für den Fall, dass er eine schlechte Nummer ziehen sollte, von einem seiner Familie nahestehenden Oberstaatsanwalt am Kaiserlichen Gerichtshof von Paris vorsorglich ein Schreiben aufsetzen lassen, das seinen unentgeltlichen Einsatz als stellvertretender Richter am Tribunal de la Seine ins Feld führte. Er zog eine 10, machte seine Rechte geltend und wurde ohne weiteres freigestellt.
Als Nächstes wurde Portefaux’ Name aufgerufen … Nachdem er unter Murmeln irgendeiner Beschwörungsformel einige Minuten gezaudert hatte, wurde der junge Mann zur Ordnung gerufen und mit Macht zur Urne geschubst. Als er die Nummer aus ihrer Hülse schälte, brach er erleichtert in Schluchzen aus: die 120.
»Du kannst mit deiner Diät anfangen, fetter Feigling«, spottete der Soldat und begann wieder die Kurbel der Lostrommel zu drehen.
Gegen Mittag war endlich Auguste an der Reihe.
Beim Aufruf seines Namens verzerrte sich sein Gesicht. Einen tonnenschweren Körper mit sich schleppend, ging er zur Urne, steckte seine Hand hinein, zog sie dann zurück, als enthielte sie kochendes Wasser.
»Eine 4«, murmelte er am Boden zerstört.
»Vorgemerkt!«, brüllte der Offizier, bevor er ihm mit mechanischer Stimme die Gesetzesartikel herunterleierte. »Monsieur, mit Ihrer Nummer und sofern Sie nicht ausgemustert werden, ist Ihr Status als zum Jahrgang gehörig fix. Die Musterungskommission entscheidet am 18. Juli. Dort können Sie auch einen Einstandsmann vorstellen, den Sie in einem der Départements des Kaiserreichs gefunden haben mögen. Der Herr Bürgermeister wird Ihnen die erforderlichen Bedingungen für dessen Zulassung sowie die vorzulegenden Dokumente nennen. Wir zählen auf Ihren Eifer, die Ihnen auferlegte Pflicht zu erfüllen, und wir erinnern Sie an die Unbilden, die Ihr Ungehorsam Ihnen und Ihrer Familie verursachen würde.«
Auguste stand erstarrt vor dem Militär, verlorener Blick, schlaffe Hände, haltlos. Dann wurde ein anderer Name aufgerufen, und er musste sich rühren, zur Seite gedrängt von dem, der nach ihm an der Reihe war. Er verließ das Rathaus, ohne jemanden zu grüßen, und es hätte auch niemand von ihm gegrüßt werden wollen, denn jetzt brachte er Unglück. Benommen kehrte er nach Hause zurück, wo sein Vater voll Ungeduld auf ihn wartete, um zu erfahren, welche Entscheidungen zu treffen waren.
Im Grunde von zuversichtlichem und ruhigem Temperament, hatte Casimir sich stets große Sorgen um seinen Jüngsten gemacht. Sobald dieser sein Abitur abgelegt hatte, hatte er wohl versucht, ihm den Zauber des öffentlichen Bauens nahezubringen – das, was ein de Rigny, soweit er sich erinnern konnte, stets gemacht hatte, zumindest seit Colbert –, aber beim Anblick seiner jüngsten Baustelle waren Augustes Augen so leer geblieben, dass Casimir traurig zu dem Schluss gelangte, dass er für diese Sorte Geschäft überhaupt nicht taugte. Das ganze Gegenteil von seinem anderen Sohn, Ferdinand. Nachdem der sich jene außergewöhnliche juristische Erfindung namens Aktiengesellschaft anverwandelt hatte – Geschäfte machen, ohne für die Misserfolge geradezustehen –, hatte sein Ältester mit siebenundzwanzig Jahren das Wunder vollbracht, sein Vermögen zu vervierfachen, indem er sich mit der Gewandtheit eines alten Fisches in den trüben Gewässern der Vergabe öffentlicher Aufträge tummelte.
»Was tun mit diesem Jungen, der krankhaft sensibel ist und kein Metier ins Auge fassen mag?«, fragte sich Casimir oft, wenn er seinen Auguste beobachtete. Er sah nur eine Erklärung für das so unterschiedliche Verhalten seiner beiden Kinder: Während Ferdinand an Stärke und Tatkraft stetig zugenommen hatte, befielen seinen jüngeren Bruder von Geburt an Schlag auf Schlag alle nur erdenklichen Krankheiten, und wie jedes dem Tod abgetrotzte Kind hatte ihn seine Mutter zu sehr verzärtelt.
Körperlich gehörte Auguste zur Gattung der großen mageren Katzen, mit breiter Stirn und blonden, nach hinten geworfenen Stangenlocken. Seine großen braunen Augen, glänzend wie Kastanien, verliehen ihm eine schwärmerische Ausstrahlung, als würde etwas ihn von innen verzehren, und dazu eine gewisse Feminität. Er sah sich als Philosoph oder Dichter oder beides. Er äußerte besonders ärgerliche Dummheiten der Sorte: »Ich würde gern ein Handwerk erlernen, um dem brüderlichen Volk zu helfen.« Er sagte voraus, dass er wie Christus mit dreiunddreißig Jahren sterben werde, und die Damen fanden das hoch amüsant. Seine Eltern sehr viel weniger.
Nachdem er die Familienmahlzeiten in knifflige Angelegenheiten verwandelt hatte, indem er von einem Tag auf den anderen verkündete, er verschreibe sich der pythagoräischen Diät, einer Ernährungsweise, die darin bestand, alles tierische Fleisch zu meiden, war seine neueste Schwärmerei der Sozialismus, genauer gesagt das Denken eines im englischen Exil lebenden Philosophen, eines gewissen Marx, mit dem er allen ständig in den Ohren lag. Diese allerletzte Grille hatte den häuslichen Frieden endgültig zerstört, da die beiden Brüder unablässig miteinander stritten, wobei sie den Bogen jedes Mal weiter überspannten. Bis zu dem Punkt, an dem Casimir seine Schwester Clothilde beknien musste, Auguste bei sich in Paris aufzunehmen, um ihn so lange von Saint-Germain fernzuhalten, bis er sich die Hörner abgestoßen hatte.
Auch sie war nicht ohne Fehl. Zunächst war die Lage ihrer Wohnung gänzlich unangemessen für eine alleinstehende Frau. Statt sich an einem schicklichen Ort niederzulassen, im 16., 8. oder 7. Arrondissement der Hauptstadt, hatte Clothilde in den neuen Bauten von Haussmann für ein Vermögen ein Appartement erworben, mitten im Viertel der Grands Boulevards, umgeben von Cafés und Theatern. Zu allem Überfluss befasste sie sich obendrein mit Politik. Als leidenschaftliche Republikanerin, begeisterte Anhängerin eines gewissen Léon Gambetta, eines arroganten jungen Anwalts, der den Kaiser abgrundtief hasste, trieb sie sich in Gerichtssälen und politischen Clubs herum, um seine Einlassungen zu hören. Und zur Krönung des Ganzen war sie ledig – Ich will eine freie Frau bleiben und nicht als arme Pute unter der Vormundschaft eines Trottels völlig mittellos dastehen –, also ohne einen Ehemann, mit dem Casimir sich vernünftig hätte besprechen können, um sie zu zügeln. Und mit über sechsundfünfzig Jahren war es natürlich zu spät. Ungeachtet dieser Mängel und der Tatsache, dass sie auf die Frauen der Familie einen bedauerlichen Einfluss ausübte, blieb sie doch ein akzeptabler Umgang, was für Auguste, der nicht nur sein Heim in ein Schlachtfeld verwandelt, sondern sich zuletzt unverblümt gegen seine Kaste aufgelehnt hatte, leider längst nicht mehr galt.
Von Natur aus Optimist, hatte Casimir auf die Modernität seiner Schwester gesetzt, um seinen jungen Sohn zu gemäßigteren Positionen zu führen. Und schließlich würden sie aufeinander aufpassen, was in keinem Fall schaden konnte.
Als Auguste mit niedergeschlagener Miene das Speisezimmer betrat, war das Mahl bereits aufgetragen, und die drei Männer der Familie, sein Vater, sein Schwager Jules sowie sein älterer Bruder Ferdinand, warteten mit dem Essen auf ihn.
»Nun?«, fragte Casimir bang.
»So, wie er dreinschaut, hat er das große Los gezogen!«, spottete Ferdinand.
»Du wirst zufrieden sein, ich habe eine 4 gezogen«, antwortete Auguste kaum hörbar, ehe er sich auf seinen Stuhl fallen ließ.
Sein Vater beruhigte ihn. »Mach dir nur keine Sorgen, wie damals bei deinem Bruder habe ich vorgesorgt und die vom Staat verlangten 2000 Franc zurückgelegt, um dich loszukaufen. Aber da wir wegen dieses verfluchten Gesetzes jetzt selbst zusehen müssen, wie wir dir einen Einstandsmann beschaffen, habe ich genug, um einen Menschenhändler zu bezahlen, damit er uns einen guten beibringt. Ich bin bereits an die Gesellschaft Kahn & Lévy auf der Place Sainte-Opportune herangetreten, die sie in Hülle und Fülle anbieten soll.«
»Haben Sie Ihre israelitischen Menschenfleischhändler in dem Käseblatt gefunden, das Ihr Freund Tripier herausgibt?«, versetzte Schwager Jules.
»Zwischen Reklamen für den Naudia-Zollstock und die vereinfachte Methode zum Deutschlernen!«, setzte Ferdinand noch eins drauf.
»L’Assurance ist kein Käseblatt, sondern eine Zeitung für Familienväter. Die Musterungskommission tagt am 18. Juli, das lässt uns allen, ich betone, uns allen, sechs kurze Monate, um einen Einstandsmann für unseren lieben Auguste zu finden.«
Casimir persönlich hatte die Zeit vor der Auslosung seines eigenen Jahrgangs in sehr schlechter Erinnerung. Ein Streit mit seiner Mutter, die sich zur Strafe strikt weigerte, ihm einen Einsteher zu bezahlen, falls er eine schlechte Nummer zog, hatte ihn bis zum letzten Augenblick im Ungewissen gehalten. Beklommen erinnerte er sich noch an den Tag, an dem er mit dreiundzwanzig Jahren im Saal desselben Rathauses mit zitternder Hand in die Urne gegriffen hatte. Zum Glück war das Schicksal ihm hold gewesen und er zog eine gute Nummer. Er rückte folglich nicht ein. Die Ereignisse von 1848 verstärkten seine Erleichterung noch. »Ich habe den Wind der Kanonenkugel in meinen Haaren gespürt«, pflegte er zu sagen. Es kam daher nicht infrage, seine Söhne dieser üblen Erfahrung auszusetzen, schon gar nicht Auguste, der angesichts seiner schwachen Konstitution noch weniger als jeder andere das Kasernendasein überleben würde.
»Mit den Preußen, die auf uns zurasen wie eine Lokomotive, scheint mir, dass die Preise steigen und Ihre kläglichen 2000 Franc nutzlos sein werden, um die gewünschten Schlepper anzulocken. Glauben Sie mir, das ist keine sichere Sache«, stellte Schwager Jules klar, der sich in Sachen Konskription auskannte, hatte er doch ein Drittel seiner Existenz damit vergeudet, in der trüben Routine der Garnison herumzudümpeln.
»Eins steht fest, dank der Kriegsgerüchte werden diese Rosstäuscher mit dem Kauf und Verkauf von Menschen mehr Geld verdienen als beim Viehhandel«, stimmte Ferdinand mit vollem Mund zu.
Obwohl aller Augen auf ihn gerichtet waren, starrte Auguste in seinen Teller, als wäre es ein Abgrund. Sein Vater legte ihm beruhigend die Hand auf den Unterarm und sagte sanft: »Denkst du, wir wüssten nicht, was dich bekümmert? Die militärische Stellvertretung ist insofern eine gute Sache, als sie dazu beiträgt, just die soziale Gerechtigkeit herzustellen, die dir am Herzen liegt. Sie sorgt dafür, dass das Geld aus den Händen derer, die welches besitzen, in die leeren Hände derjenigen fällt, die keines haben, um unterm Strich der Armee einen guten Soldaten anstelle eines schlechten zuzuführen. Hör nicht auf die Dummheiten, die die Sozialisten, mit denen du verkehrst, dir in den Kopf gesetzt haben mögen. Indem der Wehrdienst sie der schmutzigen Luft ihrer Fabrikhalle und der schlechten Ernährung entzieht, hält er für die Proletarier nur Wohltaten bereit, während er die Gesundheit der Bürgersöhne gefährdet und ihre Karriere zerstört. Dieser Gerechtigkeitsbruch, von dem du ständig redest, liegt gerade in dieser absurden Idee einer Wehrpflicht für alle begründet.«
»Es gibt eine sehr viel einfachere Art, das meinem lieben Bruder zu erklären«, mischte Ferdinand sich ein. »Der Proletarier, der eine richtige Arbeit hat, wird niemals Einstandsmann werden. Die Frage betrifft also nur den Arbeiter ohne Arbeit, der per definitionem ein gefährliches Subjekt ist. Man muss gar nicht tiefer schürfen: Uns vor dem Chaos zu retten, sperrt man diesen Überschuss an Abschaum in die Garnisonen! Nicht wahr … Auguste …«
Und angesichts der Bedrückung des Letzten schloss Casimir ganz leise, als würde er zu einem Kranken sprechen: »Sag dir einfach, dass es Zeit ist, die wir dir kaufen, und kein Mensch …«
»Zeit, um deine großen linken Theorien auszufeilen, von der die Gesellschaft eines Tages gewiss profitieren wird«, spottete Ferdinand erbarmungslos und löste bei Schwager Jules einen mit Gewalt unterdrückten Lachkrampf aus, bei dem er beinah seine Suppe aufs Tischtuch gespuckt hätte.
»In der Kaserne würde man Auguste seine Bildung neiden und ihn für seine Qualitäten verachten!«, ereiferte sich sein Vater.
»Seine Qualitäten? Welche Qualitäten denn?«, sagte sein Bruder und blickte in die Runde, als wollte er Vorschläge sammeln.
Da durchfuhr es Casimir jäh wie ein Blitz. »Aber natürlich!«, rief er aus. »Wieso habe ich nicht früher daran gedacht! Warum nicht den kleinen Perret fragen, ob er dein Einstandsmann wird? Womöglich hat man ihm eine günstige Nummer zugeteilt. Wenn man bedenkt, dass wir im Begriff waren, irgendwelche Leute in die entlegensten Winkel des Landes zu schicken, wo die Lösung vielleicht hier liegt, hier bei uns! Adèle! … Adèle!«
Während er schrie, schlug er mit seinem Stock auf den Boden, um das Dienstmädchen herbeizurufen. »Adèle! Adèle, in Herrgotts Namen!«
»Ja, Monsieur …«
»Adèle, wo ist der Gärtner?«
Bis dahin still, hieb Auguste plötzlich mit der Faust auf den Tisch, dass die ganze Gesellschaft zusammenzuckte. »Es reicht, das ist widerlich! Perret junior soll nicht an meiner Stelle einrücken! Niemals werde ich das akzeptieren! Seine arme Familie soll nicht den Blutzoll zahlen, während wir die Mittel haben, uns für den Jahrespreis einer Opernloge loszukaufen.«
»Aaaaah, jetzt ist es so weit!«, knurrte sein Bruder. Und die beiden anderen zu Zeugen nehmend: »Endlich ist der Moment gekommen, da er uns vom Elend der Menschheit sprechen wird!«
Und Ferdinand nahm die Kelle und füllte Augustes Teller randvoll, bis er überschwappte.
»Da, nimm doch noch ein wenig von dieser exzellenten Suppe, damit du uns bequem von all diesen armen Leuten erzählen kannst, denn was gibt es Besseres als eine gute Tafel mit Blumenschmuck und Silberbesteck, um sozialistische Gefühle in uns zu wecken. Na los, wir lauschen dir! Erzähl uns zum Beispiel … von deinen Freunden vom Café de Madrid … Oder, äh, wie heißt noch dieser schändliche Jude, der offenbar eine Abhandlung über das Recht auf Diebstahl verbrochen hat? Marx, richtig? Bitte sehr, erzähl uns ein wenig von deinem Monsieur Marx!«
Außer sich verließ Auguste unverzüglich den Tisch, die Fäuste geballt, den Mund gebläht von all den abscheulichen Worten, die er seinem Bruder am liebsten ins Gesicht geschleudert hätte, aber er zügelte sich aus Rücksicht auf seinen Vater, den er für heute ausreichend niedergeschmettert erachtete. Er hörte Ferdinand noch brüllen, während er in sein Zimmer floh.
»… Und Sie sitzen da und sagen nichts … ›Ich liebe das Volk‹, ruft uns dieser Dummkopf zu … Statt ihm alles durchgehen zu lassen und ihn in die Obhut dieser verrückten Tante Clothilde zu geben, sollten Sie hart durchgreifen! Denn wenn er sich in den Kopf setzt, den Pöbel mit seinen großen Wahrheiten vom Schönen, Wahren und Gerechten zu erbauen … Wenn man ihn Ihnen auf den Brettern eines Ochsenkarrens in Stücken aus Paris zurückbringt … Dann werden alle hier weinen … alle außer mir! Außerdem habe ich es satt, diesen Leibeigenenfraß zu essen, wenn Monsieur uns mit seinem Besuch beehrt!«
Damit warf Ferdinand sein Besteck aufs Tischtuch und verließ die Tafel.
Jules betrachtete zweifelnd seinen Teller. »Stimmt, ohne Speck ist diese Suppe nicht sehr schmackhaft!«
Hastig sammelte der junge Mann die wenigen Dinge ein, die er mitgebracht hatte, und verließ im Sturmschritt das Haus, um nicht den Zug zu versäumen, der ihn nach Paris zurückbringen würde. Als er jedoch am Bahnhof die Menge sah, die sich in der Rotunde drängte, stellte er fest, dass viele Ausflügler die Sonne genutzt hatten, um sich die verschneite Landschaft anzuschauen. Er würde für die Heimfahrt folglich keinen Platz in der ersten, vielleicht nicht einmal in der zweiten Klasse finden. Blieb die dritte Klasse, auch wenn er nicht warm genug gekleidet war, um sich zu den Knechten und Arbeitern im Wagon ohne Dach zu gesellen.
Hier, in dem ironischerweise von Casimir de Rigny erbauten Bahnhof, war die gesamte französische Gesellschaft im Miniaturformat versammelt. Eine Frau in Holzpantinen, beladen mit einer Brut schmutziger Kinder, teilte die Bank mit einer vornehmen Dame, die in Begleitung ihres Dienstmädchens und ihres püppchenhaften Sprösslings von einem Ausflug nach Hause fuhr. Ein biederer Gatte aus Saint-Germain-en-Laye, der in Paris Ablenkung von der ehelichen Monotonie suchen wollte, überließ seinen Platz einer jungen Tänzerin der Opéra Comique, die zu ihrem alten Gönner zurückkehrte. Ein Haufen Milliardärsanwärter und junge Künstler mit Taschen voller Meisterwerke trafen am Bahnhof auf ihre abgehalfterten Doppelgänger, die Paris verwünschend auf dem Heimweg waren. Auch die Diebe waren mit von der Partie und spähten hier nach einer unbeaufsichtigten Handtasche, dort nach einer hervorlugenden Geldbörse …
Dies ganze Theater war meilenweit entfernt von Augustes Sorgen, der sich bereits tot sah, unsinnigerweise allein, sein Leib inmitten eines Feldes auf ein preußisches Bajonett gespießt.
Kaum öffneten sich die Türen, wurden die Abteile gestürmt. Der junge Mann, der sein Billett in letzter Minute gekauft hatte, endete wie vorhergesehen im Wagon der dritten Klasse. Er verbrachte den Anfang der Reise eingekeilt zwischen zwei kräftigen Arbeitern, die nach Schweiß stanken und sich an dieser Nähe zu einem parfümierten Jüngling ergötzten. Bei der Ankunft in Pecq schließlich hatte man Mitleid mit ihm, denn er war blau vor Kälte, man ließ ihn den Wagen wechseln und verfrachtete ihn in die zweite Klasse. Dort wärmte er sich auf, tauchte ein in einen Schwarm junger Mädchen, die von ihren Müttern gescholten wurden. Sie kamen von einer Verabredung mit verlockenden Partien aus Saint-Germain-en-Laye, und trotz der vorab verschickten Fotografien, der Zugbilletts, der Investitionen in Kleider und Haarbänder war man zu keinem Abschluss gekommen. »Nein, wirklich, alles nur, weil ihr nicht das Eure tut!«, tadelten die Mütter. Die Mädchen hörten nicht zu; bis zum Eintreffen in der Gare Saint-Lazare begnügten sie sich damit, Auguste unter Kichern verstohlen zu mustern.
1
Ich hatte den TGV kaum bestiegen, da kotzte mich schon alles an.
Da ich Tuchfühlung nicht mag, setze ich mich nie an den mir zugewiesenen Platz, wo meine Beine die meines Sitznachbarn berühren, ganz zu schweigen vom Kampf um die Armlehne. Ich ertrage es nicht. Da ziehe ich die Klappsitze im Bereich zwischen den Wagons vor, auch wenn man da selten seine Ruhe hat, weil er oft von Idioten überrannt wird, die ihn nutzen, um die Sau rauszulassen, oder von Alten, die sofort nach der Abfahrt anrufen, um zu sagen, dass sie gleich da sind … Jetzt hör ich dich nicht mehr, hörst du mich noch?
An diesem Tag waren es vier Mädels, die einem Rap-Clip entsprungen waren und sich aus allen Blickwinkeln fotografierten. Aus Neugier checkte ich auf Instagram #TGVParis-Brest, wie sie sich idealisierten, was sie auf dem Großmarkt der Verführung im 21. Jahrhundert an Attributen auffuhren. Aber inmitten dieser Bilder von Mädchen im Modus rausgestreckter Hintern, heißer Schmollmund, zu allen denkbaren Stimulationen bereit, hatte jemand eine heimliche Aufnahme von mir gepostet, wie ich sie beobachtete. Ich in meinem schwarzen Minikleid mit Taschen, meiner Bomberjacke, meinen eingerüsteten Beinen und meinen hochhackigen Halbstiefeln, verloren in einem Gewölk farbenfroher Gänse. Krasse Fehlbesetzung. Emily the Strange zu Gast auf einer Nuttengeburtstagsparty.
Und obendrein zog ich so eine Fresse …
Man muss dazusagen, ich war nicht in Topform. Man hatte mich krankgeschrieben, weil ich mich um ein Haar von einem Métrozug hatte zweiteilen lassen, und zu allem Überfluss war ich unterwegs zum lästigsten aller Frondienste, dem fünfundachtzigsten Geburtstag meines Vaters.
Und die Reise war weit von ihrem Ende entfernt: In Brest angekommen, standen mir noch eine Stunde Bus- und anderthalb Stunden Bootsfahrt bei aufgewühlter See bevor. Und da ich im Voraus wusste, dass ich trotz der ultimativen Schinderei, die diese Langstreckenfahrt bedeutete, nur stören würde, kann man sich vorstellen, wie motiviert ich war.
Ich kannte das Drehbuch auswendig: Bei meiner Ankunft würde mein Vater so tun, als freute er sich, mich zu sehen, nur um mir nach den landläufigen Banalitäten vom Typ Hast du unterwegs was gegessen? War viel los auf dem Boot? Wann fährst du wieder? nichts mehr zu sagen zu haben. Ich würde antworten: Und du, geht’s dir gut?, wohl wissend, dass ich damit die Beschwerdeschleusen öffnete. Omi Soize und ich nennen das die kaleidoskopische Klage:Sätze, die für sich genommen und in neutralem Ton gesprochen rein informativ wirken – Weißt du, ich war beim Arzt … Morgens, wenn ich esse, wird mir schwindelig … Man wird Dédé die Füße und Hände abnehmen wegen der Diabetes – und die in Kombination das grausige Motiv des Schicksals ergeben, das ihm bevorsteht. Er klopft eine Weile auf den Tisch, und zack, fügt sich alles neu zusammen und es geht von vorne los … Und das Ätzendste ist, es findet kein Ende.
In Brest regnete es zur Abwechslung mal. Eine biblische Sintflut, horizontal wegen des Winds vom Meer, der Ihnen ins Gesicht peitscht, sobald Sie den Fuß aus dem Zug setzen. Dort auf dem Bahnsteig sah ich sie das erste Mal, die drei aus Paris. Wobei man sie auch nicht übersehen konnte, wie sie in ihren hübschen wasserabweisenden Regenmäntelchen dem Sturzregen zu trotzen versuchten. Zwei haarige Hipster, einer davon mit Brille, und eine große schmucklose junge Frau mit seidigem langem Haar.
Ich humpelte, so schnell es mir möglich ist, zum Busbahnhof und stieg in den nach nassem Hund stinkenden Bus. Sofort überfielen mich die Alten: Wie lang ist das her! Du bist ja bleich wie ein Arsch! Und wo ist überhaupt deine Tochter? Und blablabla … Zum Glück verpasst man sich in dieser Gegend nicht vier Küsschen, sondern nur eins, denn ich musste mich durch den ganzen Mittelgang arbeiten … Da schlossen sich vor der Nase der drei tropfnassen Pariser die Türen, was niemanden groß tangierte, denn der Bus ist vorrangig für Inselbewohner auf dem Heimweg reserviert.
Am Hafen stiegen alle in einer einzigen Bewegung aus und strömten in den Hafenbahnhof, um im Trockenen aufs Einschiffen zu warten.
Meine alte Freundin Tiphaine war da, sie saß auf einer Bank und stauchte gerade ihre Kinder zusammen, sie sollten aufhören, den Kaffeeautomaten zu misshandeln. Beim Anblick ihrer Jüngsten wurde mir klar, dass ich eine Ewigkeit nicht mehr hier war, um meinen Vater zu besuchen. In meiner Erinnerung war sie ein Baby, dabei war sie ein kleines Mädchen mit Wuscheldutt, das breitbeinig dastand und mich anstarrte, während ich mich zwischen sie und ihre Mutter schob.
Ich küsste meine Freundin, und beim Umarmen ihres üppigen runden Körpers dachte ich in einem Erkenntnisblitz, dass meine Insel mir gefehlt hatte.
Normalerweise, wenn man alte Bekannte nach langer Trennung wiedersieht, fühlt man sich etwas unbehaglich, wie gefangen in einer Verbindung, die nicht immer leicht zu erneuern ist, aber bei den Leuten hier ist das nie der Fall. Ich denke, es liegt daran, dass das Inselleben unsere Familien seit Jahrhunderten zweigeteilt hat, die Männer bei der Marine oder auf einem Handelsschiff auf dem Meer und die Frauen an Land, wo sie sich um die Kinder kümmern, und das hat uns so geformt, dass wir eine besondere Begabung für die Kommunikation mit selten Anwesenden entwickelt haben.
So fragte sie mich schlicht, an welcher Stelle im berühmten Fortsetzungsroman der Insel ich ausgestiegen war … vor der Restaurierung der Friedhofsmauer oder nach der Pleite des Spar-Supermarkts?
»Also echt, du warst ja ewig nicht mehr hier!«
Das Gewicht der Zeit, die seit meinem letzten Besuch vergangen war, zwang Tiphaine, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Wer ist gestorben, wer betrügt wen mit wem, wer ist ertrunken, wer wurde mit dem Hubschrauber abtransportiert … So viele Tragödien auf so kleiner Fläche … Man könnte ihr einen Hang zum Drama unterstellen, aber nein, es ist dort tatsächlich so, ständig passieren entsetzliche Dinge!
Im trommelnden Regen gingen wir alle an Bord, inklusive der drei Touristen, die im Taxi herbeirasten. Ich begab mich direkt zum Bug und streckte mich auf vier Sitzen aus, Augen geschlossen, den Kopf auf einen Pullover gebettet … Ja, ich leide an Seekrankheit. Ich habe alles versucht: Chemie, Hypnose, Gewöhnungstraining, selbst das Ding, wo man unter einem Apfelbaum Mittagsschlaf macht; nur um zu zeigen, wie sehr ich gekämpft habe. Aber nicht genug, dass mein Körper ein störrischer Gaul ist, er will mich auch noch zwangsweise an Land festsetzen.
Die Pariser saßen ein paar Meter von da, wo ich lag, und weil ich während der Überfahrt nichts anderes zu tun hatte, ließ ich mich von ihrer Unterhaltung einwiegen.
Ich bekam mit, dass es sich um ein Pärchen handelte, das seinen Freund, den Brillenhipster, mitgenommen hatte, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Die schmucklose große junge Frau hatte ein Programm ausgeheckt, das sie Punkt für Punkt darlegte, während sie auf einer Karte der Insel die zu besuchenden Spots zeigte. Jemand war gestorben, offenbar die Freundin des Bebrillten, denn er sprach voller Wut über den Vater seiner toten Liebsten, einen Abgeordneten der Rechten, den er als das Riesenarschloch titulierte, und über dessen Verhalten auf der Beerdigung. Offenbar hatte er sich aufgeführt wie auf einer Gartenparty und war begleitet von einem Kellner, der Champagnerkelche verteilte, von Gruppe zu Gruppe gegangen mit dem Ziel, dass man ihm und seinem Sohn aus ihren juristischen Scherereien heraushalf. Dann war die Rede von einem Erdbeben in Nepal. Es fielen Ortsnamen, von denen ich noch nie gehört hatte. Während das Paar, das wirkte, als wäre es im humanitären Sektor tätig, von einer Gesundheitskatastrophe sprach, führte der mit der gestorbenen Freundin verbittert das journalistische Gesetz der Toten pro Kilometer an: Je weiter weg, desto mehr Opfer muss eine Tragödie zählen, um ein Minimum an Leuten zu interessieren. Das Erdbeben in Nepal mit ein paar hundert Toten, darunter seine unter tonnenweise Steinen zerquetschte Tussi, kümmerte niemanden einen Scheiß.
Weiß der Henker warum, ich schlief ein, während in meinem Kopf zwei Verse aus Philippe Murays Lied Tombeau pour une touriste innocente dudelten:
Nichts schöner als eine blonde Touristin auf der Welt
Kurz bevor im Dschungel ihr Kopf zu Boden fällt
Mein Vater hatte seinen Kumpel Fañch mit seinem R14 geschickt, um mich vom Boot abzuholen. Er verstaute meine Tasche auf der Rückbank, und kaum hatte ich meinen Hintern auf den Beifahrersitz gehievt, fing er schon an, mir auf den Wecker zu gehen.
»Du weißt, dein Vater ist alt, viele Geburtstage wird er nicht mehr erleben, du musst öfter kommen, sonst bereust du es eines Tages … Und wenn du kommst, bleib länger und bring deine Tochter mit …«
Immer dieser Drang, dir Fußketten anzulegen, sobald du nach Hause kommst, dachte ich bei mir.
»Weil er uns ja so wahnsinnig vermisst, stimmt’s?«, gab ich zurück. Er brummte irgendwas, die Säufernase im Fell seines Spaniels vergraben, der zwischen ihm und dem Lenkrad saß, dann verfiel er in Schweigen.
Dazu muss man sagen, dass das Thema Blanche hier auf dem Felsen, wo jeder sich für die Gören der anderen verantwortlich fühlt, und sei es nur, weil sie in einer abgeschlossenen Welt vor aller Augen aufwachsen, das Thema Blanche also niemanden kalt lässt. In einer geschlossenen Gemeinschaft gibt es pro Generation immer einen oder eine, die Unruhe stiftet. Die Sorte Teufelsbraten, die stets in das aktuelle Riesending verwickelt ist. Wenn eine Zweitwohnung durchwühlt wird oder eine Karre brennt … wenn Langusten aus den Wasserbecken verschwinden oder während der Hochsaison die Mauern der Anlegestelle mit vulgären Anti-Touri-Sprüchen besprüht werden … Kurz und gut, in der Generation der in den Achtzigern Geborenen bin die epochemachende Unruhestifterin ich: Blanche de Rigny.
Da war mein Ausreißen, klar, als mein Vater mich nach dem x-ten Krach noch vor Abschluss des Collège ins Internat stecken wollte. Dreitägige Suchaktion. Die Hubschrauber vom Bergungsschutz kreisten über der Küstenlinie der Insel. Alle Wasserfahrzeuge bis zum kleinsten Beiboot im Einsatz, um am Fuß der Klippen akribisch nach meiner Leiche zu suchen, während ich mit meinen dreizehn Jahren nach Paris aufgebrochen war, um mich als Bettlerin durchzuschlagen. Damals schon.
Aber vor allem, auch zeitlich, war da meine Geburt.
Sie ereignete sich mitten in einem heftigen Sturm, wie immer, wenn sich auf dieser verfickten Insel ein Drama abspielt. Mein Vater war in Afrika auf hoher See, als meine Mutter starke Blutungen bekam, und da es bei Windstärke 10 unmöglich ist, einen Hubschrauber zu schicken, musste die Seenotrettung sie per Boot zum Festland bringen. Ich war natürlich noch nicht geboren, aber man hat mir die Geschichte so oft erzählt, dass ich mich zwischen den Beinen der Seemannsfrauen stehen sehe, von wo ich zuschaue, wie das orange-grüne Rettungsboot, das sie ins Krankenhaus brachte, über die Rollschienen gleitet. Es wird berichtet, dass keiner der Kerle von der Seenotrettung zögerte; dass ihre Frauen weinten, weil da Mauern aus Wasser waren und sie Angst hatten, ihre Männer nicht lebend wiederzusehen. Auf der Überfahrt verlor meine Mutter ihr ganzes Blut, während die Rettungsleute machtlos zusahen. Sie starb vor der Landung, aber ich großes Sechs-Monats-Frühchen habe überlebt. Einer der Seenotretter hat mich im Rathaus von Brest gemeldet, und um keinen Fauxpas zu begehen, gab er mir den Namen meiner Mutter: Blanche. Man erzählt auch, dass ein paar Tage später, als mein Vater zur Beerdigung heimkam, die Rettungsleute ihn geschlossen am Schiff erwarteten, mit tieftrauriger Miene, als wären sie an irgendwas schuld. Sie waren es auch, die in ihren orangefarbenen Uniformen den Sarg trugen. Der Pfarrer musste die Tür offen lassen, so voll war die Kirche. Bei dieser x-ten Tragödie des Meeres schloss sich die Insel wie ein Block um den Witwer, Vater eines winzigen Mädchens, das sich im Brutkasten auf dem Festland ganz allein durchkämpfte.
Wenn ich so drüber nachdenke, ist das ja vielleicht der Grund, warum ich seekrank werde.
Sofort nach der Beerdigung brach der Alte zu einer seiner längsten Fahrten auf und vertraute mich Omi Soize an, seiner Tante, der Frau, die mich aufgezogen und sich all meiner Alltagssorgen angenommen hat. Seinen Abschied von der Handelsmarine nahm er notgedrungen erst, als außer Reedereien mit Schrottschiffen voller Filipinos niemand mehr einen Alten wie ihn beschäftigen wollte.
Ich war zwölf, als er anfing, Vollzeit mit uns zusammenzuleben, und es versteht sich von selbst, dass er absolut nicht willkommen war, denn nachdem er ein Leben lang durch Abwesenheit geglänzt hatte, kam sein widerliches Macho-Gehabe nicht gut an.
Da jeder Ort seine ureigenen Schicksale heraufbeschwört, muss ich vor meinem Ausreißen unbewusst gespürt haben, dass ich um jeden Preis abhauen sollte von dieser Insel, wo ständig Dramen passierten, ehe das Unheil über mich hereinbrach, mich persönlich … Denn genau so kam es.
Eine alles in allem recht banale Geschichte und eben extrem inseltypisch, wenn Sie wissen, was ich meine … Die Gendarmen waren für die Sommersaison noch nicht eingetroffen, und wir nutzten die Gelegenheit, um einem Lieblingshobby müßiggängerischer Gören zu frönen, nämlich sternhagelvoll und ohne Führerschein mit an der Anlegestelle geparkten Wagen zu fahren, bei denen immer der Zündschlüssel steckt. Und ab die Post, gib Gummi, Jugend … Ich war mit zwei Jungs und einem Mädel vom Campingplatz unterwegs, nicht mit Jugendlichen von der Insel, sonst wäre so was niemals passiert. Ich saß oder besser hing auf der Rückbank und war leider zu besoffen, um zu merken, dass der Idiot am Steuer uns auf den Küstenweg lenkte.
Er hat schlicht und ergreifend nicht gesehen, dass das Land dort endete. Finis terrae. Rums!, ab in die Klippen. Die zwei Typen vorn wurden zermalmt, und das Mädchen neben mir verbrannte bei lebendigem Leib, weil sie die Umsicht gehabt hatte, sich anzuschnallen, und eingeklemmt war. Ich, die ich in keinerlei Hinsicht je habe Umsicht walten lassen, wurde beim Überschlagen des Wagens durch die Heckscheibe katapultiert und brach mir die Wirbelsäule.
Paris, 12. Juni 1870
Gepeinigt von einer unaussprechlichen Angst, verbrachte Auguste grauenhafte Nächte, seit er bei der Losziehung gescheitert war. Von diesem verfluchten Tag an stand sein Wecker auf sieben Uhr, aber wenn der nach nur einer oder zwei Stunden Schlaf klingelte, stellte er ihn aus, legte sich wieder hin und schaffte es erst am späten Nachmittag, sich aus dem Bett zu schälen. Unter ständiger Migräne leidend, hatte er schon zwei Monate keinen Fuß mehr in die Universität gesetzt, und die Beziehung zu seiner Tante Clothilde hatte sich darob erheblich verschlechtert.
Eigentlich bester Stimmung, nachdem sie im Kaufhaus Printemps die neue Kollektion gesichtet hatte, war ihre Freude an diesem Morgen und für den Rest des Tages unwiderruflich dahin, als sie ihren Salon betrat und dort wie an den Tagen zuvor ihren Neffen gleich einem Haufen Schmutzwäsche auf ihrem Sofa liegen sah, wo er, den Kopf in ein feuchtes Handtuch gewickelt, vor sich hin lamentierte. Mit einem klangvollen Seufzer teilte sie ihm ihre Verärgerung mit.
»Haben Sie Mitleid, werte Tante, und schreien Sie nicht! Mein Schädel schmerzt in einem Maße, dass ich mich frage, ob nicht ein Tier in meinem Kopfkissen lauert und sich über Nacht an meinem Gehirn weidet.«
Sie fegte das mit einer gereizten Handbewegung beiseite. »Sie haben einen Brief Ihres Vaters erhalten.«
»Oh! Lesen Sie vor …«, sagte Auguste mit ersterbender Stimme. »Ich kann kaum die Augen öffnen.«
»Ich habe es mehr als satt, dass Sie meine Wohnung mit einem Kurhotel verwechseln, wo man den ganzen Tag verschläft und sich die Wäsche waschen lässt. Lesen Sie diesen Brief doch selbst!« Damit klaubte sie den Umschlag vom Tisch und warf ihn ihm ins Gesicht.
Auguste wartete, bis sie das Zimmer verlassen hatte, um den Brief aufzureißen.
Er enthielt keine guten Nachrichten.
Die israelitische Stellvertreteragentur an der Place Sainte-Opportune, die angeblich Männer in Hülle und Fülle zu verkaufen hatte, hatte sich als Sackgasse erwiesen: Sie war vollständig geplündert und hatte keinen einzigen mehr im Angebot, dabei hatte man einen Vorschuss von 1000 Franc gezahlt. Den hatte Monsieur Levy letztlich zurückerstattet, aber das Problem blieb bestehen, denn in ganz Paris befanden sich alle Agenturen in der gleichen Mangelsituation. Man musste sich folglich ohne sie behelfen. Sein Vater hatte daraufhin die Idee gehabt, seinen sämtlichen Lieferanten ein Schreiben zu schicken mit der Aufforderung, sich bei Gastwirten, Kutschern, Schuhmachern und Pfarrern zu erkundigen – bei allen Berufen, die Kontakt zur Welt hatten –, ob sie Arbeiter ohne Arbeit kannten, die einverstanden wären, sich an einen Familienvater zu verkaufen. Bedauerlicherweise hatte auch dies zu nichts geführt.
Er hatte auch einem entfernten Vetter im Baskenland geschrieben, aber das Anerbenrecht hatte sich dort so verheerend ausgewirkt, dass alle verfügbaren jungen Männer nach Amerika ausgewandert waren. Die Agrargebiete wie die Normandie oder Nordfrankreich erbrachten ebenfalls nichts, denn die einzigen freien Einstandsmänner wurden von den örtlichen Hofbesitzern für ihre Söhne zu horrenden Preisen aufgekauft.
Man riet ihm, eher im Umkreis der großen Städte zu suchen. In Bordeaux hatte einer seiner Steinlieferanten um Haaresbreite einen Einsteher für ihn gefunden. Der Sohn eines Wasserverkäufers, der bei der Auslosung selbst eine schlechte Nummer gezogen hatte, aber da ein Bruder bereits Dienst tat, von der Wehrpflicht befreit war und folglich in der Position, sich freiwillig zu verpflichten. Doch als das Geschäft kurz vor dem Abschluss stand, hatte ein Notar ihm den Mann für die astronomische Summe von 10.000 Franc abspenstig gemacht.
Man empfahl ihm auch ehemalige Soldaten, die bei den Musterungskommissionen hoch im Kurs standen. Im Département Orne hatten seine Kundschafter nach der seltenen Perle gesucht und schließlich einen Rekruten gefunden, der Augustes Platz hätte einnehmen können; ein gewisser Roussel, der wegen eines Beinleidens als dienstunfähig entlassen worden war, sich über die letzten zwei Jahre jedoch erholt hatte. Er maß fünf Fuß und drei Zoll, hatte intakte, wiewohl recht hässliche Schneide- und Eckzähne, neigte zu Hämorrhoiden, aber seine Beine, hieß es, seien wieder tadellos. Sein Preis war mit dem Onkel, der ihn beherbergte, zu verhandeln, aber dieser wollte von unter 9000 Franc nichts hören, die Hälfte als Handgeld, was Casimir angesichts der zweifelhaften Konstitution des Kandidaten für überteuert hielt. Dennoch fand der Mann sehr schnell einen Abnehmer und wurde vom Anwerber einer Pariser Versicherungsanstalt gekauft, dessen Beutezug ihn bis in diese Gegend führte.
Jedes Mal, wenn man kurz vor dem Abschluss stand, lag es an der Entfernung, dass das Geschäft geplatzt ist. Ich habe persönlich drei Mal einen Handel gemacht, in Laon, Orléans und Beauvais, keiner davon hatte Bestand, was an der Sorte Leute lag, mit denen ich verhandeln musste, und ich habe mit den drei Reisen, den Kosten für Unterkunft, Handgelder, Anwerber und die Mahlzeiten, die ich ihnen ausgeben musste, nicht weniger als 800 Franc berappt.
Eins steht derzeit fest: Im Umkreis von tausend Meilen ist nicht der geringste 5 Fuß 1 Zoll für unter 8000 Franc zu finden. Aber mach dir deshalb keine Sorgen, wir werden dich dieser vermaledeiten Konskription entwinden, und ich bin gewiss, du kannst schon bald dem Mann deiner Schwester danken, der die Sache in die Hand genommen hat. Als ehemaliger Militär kennt er die Lokale, wo diese Leute trinken, und weiß besser als jeder andere mit ihnen zu reden. Er hat sich erboten, nach Toulon zu reisen, dem Ort, wo die Wehrpflichtigen aus Afrika ausschiffen, aber deine Schwester hat dagegen opponiert. Die Stadt soll zu einer Kloake geworden sein, in der sich sämtliche Menschenhändler aus der Hauptstadt versorgen. Sobald ein Schiff anlegt, kreuzen die Agenten der Versicherungsanstalten und die Anwerber mit Taschen voller Gold auf, um den von tropischen Fiebern und der langen Seereise geschwächten Soldaten ihre Unterschrift zu entreißen. Danach locken sie sie in Kaschemmen, wo man sie unter Drogen setzt und dazu bringt, das Geld für die Stellvertretung, das man ihnen noch nicht ausgezahlt hat, für Prostituierte und Orgien zu verprassen. Der Makler, der sie zum Trinken verleitet, verspricht ihnen 6000 Franc und zahlt ihnen nicht einmal die Hälfte aus, mit dem Rest werden die Ausschweifungen abgegolten, die man ihnen zu Wucherpreisen in Rechnung stellt. Im Anschluss verkauft er sie für 10.000 Franc an bedauernswerte Familienväter weiter, die zu jedem Opfer bereit sind, um ihren Jungen zu retten. Jedenfalls habe ich in der von meinem Freund Tripier herausgegebenen Zeitung gelesen, dass die Musterungskommissionen strikte Weisung erhalten haben, diese aus Afrika ausgestoßenen verrückten Haudegen abzulehnen.
Dein Schwager hat sich deshalb für die Bretagne entschieden, wo alte Freunde ihm noch Gefallen schuldig sein sollen. Er hat ihnen geschrieben. Wir warten.
Mit einem elegischen Seufzer faltete Auguste den Brief seines Vaters wieder zusammen, dann stand er auf.
»Tante, ich gehe aus!«
Keine Antwort.
Er traf sie draußen vor dem Portal im Pulk mit sämtlichen Anwohnern der Rue du 10-Décembre, verzückt angesichts einer Kohorte Kürassiere, die aufrecht und stolz auf ihren Pferden vorüberritten. Der Schimmer der Frühlingssonne auf den Harnischen, das Beben der Erde unter den Hufen füllten die Luft mit dem Kitzel einer Schlacht, was die Gaffer so sehr elektrisierte, dass sie Auf nach Berlin! Auf nach Berlin! brüllten, bis ihre Stimme versagte.
Clothilde, die ihn üblicherweise mit Fragen überhäufte, sobald er einen Fuß vor die Tür setzte, würdigte ihn keines Blickes, zu sehr damit beschäftigt, die gebräunten Gesichter unter den Helmen, die starken Muskeln, die gewölbte Brust der Soldaten zu bewundern. Er beobachtete sie verstohlen und stellte mit Grausen fest, dass sie trotz ihrer sechsundfünfzig Jahre vor Verlangen bebte und mit geblähten Nüstern den kräftigen Geruch dieser Kampftiere einsog.
»Tante, ich gehe aus!«, rief er mit Nachdruck und absichtlich erhobener Stimme.
»Ich habe das Ehepaar Gonthier-Joncourt samt Tochter noch einmal zu meiner Dienstags-Soirée eingeladen. Darüber wollte ich eigentlich mit Ihnen sprechen. Ich wünsche, dass Sie sich von Ihrer besten Seite zeigen.«
»Die Liebe ist eine zu ernste Sache, um zwecks Umgehung des Wehrdiensts irgendein hässliches Entlein zu heiraten. Außerdem muss ›Familienernährer‹ als Freistellungsgrund vor der Auslosung geltend gemacht werden, nicht danach! Es ist also zu spät.«
»Hätten Sie auf mich gehört …«
»Helfen Sie mir auf die Sprünge, diese Leute stellen Ziegel her, nicht wahr? Oder machen sie in Steinkohle? Oder in Patenten? Mit Verlaub, werte Tante, es steht Ihnen nicht zu, mir die Ehe zu predigen, wo Sie sich selbst stets dagegen gewehrt haben!«
»Das ist etwas vollkommen anderes, wie Sie sehr wohl wissen. Wenn die Frauen immer noch heiraten, dann deshalb, weil sie die Gesetze nicht kennen. Sie aber sind keine Frau. Und ja, diese Leute machen in Steinkohle, wohingegen Sie, wenn ich erinnern darf, in gar nichts machen. Und die Gans, die davon träumt, dass eines Tages ein Dummkopf ihr ihre Erbschaft entreißt, ist Eulalie, ihrer Eltern einzige Tochter, und der Dummkopf in der Geschichte – wenn es nach mir geht, sind das Sie!«
»Mademoiselle Eulalie hat mit neunzehn Jahren bereits die Statur eines kräftigen Landnotars, stellen Sie sich vor, wie sie erst mit dreißig aussehen wird. Obendrein ist sie ein nettes Mädchen und hat gewiss Besseres verdient als einen Mann, der sie niemals lieben wird.«
Seine Tante zuckte schnaubend die Achseln. »Die Gonthier-Joncourt nehmen Sie niemandem weg, und sie weiß das nur zu gut. Genau wie ihre Eltern. Die Verbindung mit einer anständigen jungen Frau, sei sie auch wenig anziehend, dürfte Ihnen, da sie Ihnen Ihre Leidenschaft für … für philosophische Betrachtungen finanziert, weit nützlicher sein als Ihre Gelage mit den Habenichtsen, die sich in Ihren sozialistischen Cafés herumtreiben. Sie wollen Ihr Leben dem Denken weihen? Meinetwegen. Ein de Rigny kann mit seinem Leben anfangen, was er will, aber es ist ihm nicht gestattet, arm zu sein!« Clothilde äußerte diese Familienmaxime, ohne ihren Neffen auch nur anzusehen, während ein Kürassier ihr das Lächeln eines lüsternen Tiers zuwarf, das ihr Gesicht zum Glühen brachte. Auguste war es schlichtweg peinlich.
»Aha, ich sehe schon … Dann überlasse ich Sie Ihren viehischen Gedanken … Guten Abend, werte Tante.« Damit wandte er sich in Richtung seines Hauptquartiers, will sagen, dem Café de Madrid auf dem Boulevard Montmartre.
2
Folglich schlafe ich bei Omi Soize, wenn ich auf der Insel aufschlage, und auf keinen Fall bei meinem Vater.
Als kleine Nachzüglerin aus zweiter Ehe mag sie seine Tante sein, trotzdem ist sie nur acht Jahre älter als er. Sie hatte nie eigene Kinder, aber dafür hatte sie mich.
Wenn man sie in ihrem beigefarbenen Regenmantel und ihren mit Haarspray festbetonierten grauen Ringellöckchen durchs Städtchen trippeln sieht, würde man sie auf fünfundsiebzig bis fünfundachtzig schätzen. Als diese Geschichte hier begann, war sie dreiundneunzig. Ich lege Wert auf die Feststellung, dass wir auf unserer Insel, wo die Einwohner sowohl gesunde Lebensweise als auch sozialen Zusammenhalt pflegen – man isst, was man im eigenen Gemüsegarten anbaut, und alle stecken ihre Nase in die Angelegenheiten der Nachbarn –, eine landesweite Rekordzahl an Hundertjährigen haben. Kerzengerade und wie aus dem Ei gepellt, und sei es nur für den Gang zum Bäcker, hat sie sich stets in jeder Lebenslage um ein Maximum an Würde bemüht. Man trifft sie um 9:30 Uhr in der Bäckerei, um 9:45 Uhr im kleinen Supermarkt, um 9:50 Uhr im Zeitschriftenladen, um ihren Ouest-France zu kaufen, und um 10 Uhr auf dem Friedhof, um der Familie guten Tag zu sagen.
Es heißt, sie hatte eine große Liebe, eine Liebe, wie es sie nur einmal im Leben gibt, dass der Auserwählte jedoch aufs Meer hinausfuhr und nie wiederkehrte.
Langer Tag
Seine Augen sind müde
Vom Betrachten des Ozeans …
Na ja, das ist das, was man sich erzählt, oder eher das, was sie einem immer weismachen wollte, aber ich habe den Verdacht, sie teilt mit allen Frauen hier eine zugleich realistische und resignative Auffassung vom männlichen Geschlecht: alles Drohnen, nur dazu nutze, Kinder zu zeugen.
Ansonsten gehört sie charaktermäßig zu denen, die dir hemmungslos die Meinung geigen, denn sie findet, dass die meisten Leute Angeber sind und es ihnen total an Bescheidenheit mangelt. Mit dem Alter und der damit einhergehenden mathematischen Abwesenheit von Zukunft machen ihre fehlenden Filter sie schlicht unberechenbar.
Es heißt, in diesem Punkt komme ich nach ihr. Bestimmt habe ich deshalb keinen Kerl und nicht nur, weil ich behindert bin und allein ein Kind großziehe. Ich bin vielleicht nicht, was man eine Granate nennt, aber deshalb noch lange nicht hässlich: Mittelgroß mit krückenbedingt starker Muskulatur, habe ich schönes Haar, das ich zum Chignon-Knoten hochgesteckt trage, eine sympathische Ausstrahlung und die blauen Augen meiner Mutter. Und wenn ich laufe, hat ein Matrose mir mal gesagt, erinnere ich ihn an das träge Stampfen eines Segelschiffs auf einem in der Sonne funkelnden Meer, was, wie Sie zugeben werden, eine ziemlich coole Beschreibung meiner Person ist.
Körperlich gleiche ich offenbar meiner echten Großmutter Rose, Halbschwester von Omi Soize, Mutter meines Vaters, die lange vor meiner Geburt starb. In den Dreißigerjahren erlangte diese Dame an einem Tag mit zum Schneiden dichtem Nebel mit einer verrückten Aktion Berühmtheit, als sie etwa zwanzig Seeleute von einem auf Grund gelaufenen Handelsschiff rettete. Sie sprang in voller Montur ins Wasser und schleppte das Wrack einer riesigen Schaluppe, in dem sie alle Zuflucht fanden, mit der Kraft ihrer Arme an Land. Postkarten aus der Zeit, die das Ereignis feiern, sind im Zeitschriftenladen erhältlich. Darauf ist Rose zu sehen, mit Spitzhaube und in traditioneller Tracht, die Brust mit Orden behängt. Als ich klein war, haben die Erwachsenen in meinem Umfeld mir prophezeit, dass ich ihr eines Tages sehr ähnlich sehen würde, was mir insoweit schmeichelte, als ich sie wirklich ungemein hübsch fand. Nur dass das auf den Fotos gar nicht meine Großmutter war. Der Fotograf fand wohl, eine Frau mit Charakter zu sein sei mit der dem Anlass geziemenden Anmut unvereinbar, denn er wählte eine Inselschönheit mit dümmlicher Ausstrahlung, um ihm an Roses Stelle und mit ihren Medaillen Modell zu stehen …
Tatsächlich existiert nur ein einziges Foto dieser kühnen Bretonin. Es zeigt sie, wie sie strahlend neben ihrem Ehemann steht, denn im Gegensatz zu Omi Soize und mir hatte meine Großmutter Rose wahnsinnig Glück in der Liebe. Zwar sieht sie auf dieser Aufnahme nicht sehr umgänglich aus und es gibt eine gewisse Familienähnlichkeit, aber es ist vor allem mein Großvater, der den Blick auf sich zieht: ein Klumpen Mensch, wie man ihn nur auf Bildtafeln in kriegsmedizinischen Fachbüchern sieht. Ein alter Krüppel von 14/18, den man auf ein Fass gesetzt hatte, weil ihm die Beine und auch ein Stück vom Gesicht fehlten. Renan de Rigny, die perfekte Illustration für unser Inselsprichwort zum Thema Männerknappheit: Greif zu, wenn du kannst, es gibt nicht für jede einen! Diesem Frontsoldaten aus dem Ersten Weltkrieg verdankten wir unseren eigentümlichen Familiennamen, während die Leute hier, da sie bei der Partnerwahl hart am Wind segeln, alle Cozan, Botquelen, Tual, Miniou, Malgorn oder Jezequel heißen. Das hätte mich stutzig machen müssen, aber da unsere Zugehörigkeit zur Inselgemeinschaft nie infrage stand, weil wir bei den Dorffesten beim Kartoffelschälen halfen, zu allen Beerdigungen gingen und sämtliche Zerwürfnisse von tausend Generationen kannten, waren wir von hier, basta.
»Also, wie geht es Juliette?«
Mit Omi Soize ist es bei meiner Ankunft immer der gleiche Einstieg, dabei beherrscht sie WhatsApp wie eine Göttin und spricht ständig mit meiner Tochter. Es liegt wohl daran, dass sie fernmündlich nur jedes fünfte Wort von ihr versteht, denn sie ist stocktaub, aber zu eitel, das zuzugeben.
»Und dir?«
»Bestens. Ich bin Chefin der Reproabteilung geworden, aber das habe ich dir schon x-mal erzählt, oder?«
»Du hast dich nicht verändert, was? Triffst du denn wenigstens Leute?«
»Wenn du mit Leute meinst: Hast du einen Kerl gefunden, der sich um Juliette kümmert?, lautet die Antwort nein. Ich brauche keinen. Meine Freundin Hildegarde und ihre Familie sind vollkommen ausreichend. Und meine Nachbarn. Der sechste Stock in meinem Haus ist wie hier, er ist wie ein kleines Dorf.«
Zeit, über meine Behinderung zu reden. Nach drei superschmerzhaften Operationen mit sechzehn, achtzehn und einundzwanzig und durch eine Reihe Metallplatten ist mein Rückenmark schwer beschädigt. Daran liegt es, dass ich nur so schleppend vorankomme und mich mit bis über die Oberschenkel reichenden Beinorthesen und zwei Stöcken aufrecht halte, die mir das Gehen ermöglichen. Ich habe ständig Schmerzen, aber dank der Härte von Omi Soize und weil man mich so oft Heulsuse geschimpft hat, habe ich gelernt, mich nicht zu beklagen, so nachhaltig, dass ich gar nicht mehr weiß, ob mir überhaupt was wehtut.
Solange ich im Rehazentrum oder auf der Insel war, lief alles gut, aber als ich mich dem wahren Leben auf dem Kontinent stellen musste, der geballten jugendlichen Dummheit gepaart mit dem binären Denken am Gymnasium, war das ein anderes Paar Stiefel. Da ich mit meinen Krücken und meinen eingerüsteten Beinen für eine »1« nicht infrage kam, war ich eine »0«, eine bizarre Karotte, die immer aussortiert wird, weil sie nicht ins Kalibriernormal passt. Ein mieses Gemüse, das auf den Müll gehört.
Heutzutage mag ich einen Dr. phil. haben, wirklich geändert hat sich dadurch nichts; die Erwachsenen sind bloß höflicher. Leute, die mich nicht kennen, ignorieren mich instinktiv, als wäre ich unfähig, einen Weg zu beschreiben, eine Frage zu beantworten, eine Meinung zu haben, nur weil ich auf Krücken durch die Gegend watschle. Als wäre ich im Grunde beschränkt. Wenn sie mich ausnahmsweise doch mal ansprechen, dann fixieren sie einen Bereich auf Kinnhöhe, um nicht meinem Blick zu begegnen, denn sie haben Angst. Wovor? Weiß der Henker. Immerhin könnte ich vielleicht ansteckend sein. Oder ihnen Unglück bringen.
Ich halte mich nicht lange mit dem Geburtstagsessen meines Vaters auf, das am Abend meiner Ankunft stattfand und an sich nicht weiter spannend war. Dafür wurde das, was im Anschluss folgte, zum Ausgangspunkt für dieses ganze Abenteuer.
Das Abendessen wurde hinuntergeschlungen. Omi Soize hatte uns Bratkartoffeln und Makrele mit Senf und zum Nachtisch einen fluffigen Gâteau de Savoie gemacht. Ohne ein freundliches Wort und ohne seinen Arsch zu heben, um ihr zu helfen, stopfte mein Vater das alles in sich hinein, während er uns mit seinen Verschwörungsmythen von der Sorte wir werden belogen – alle korrupt – ich kenne einen, der … nervte. Und ich nickte dazu mit der üblichen Toleranz derer, die weiß, dass sie gleich abhaut, was ich auch schleunigst tat, sobald der Tisch abgeräumt war.
Ich ging also raus, um unter Menschen zu kommen.
Zwei schlafende Schafe schwankten im Halbdunkel auf ihren Hufen und ein paar Katzen auf Abfallsuche machten ein bisschen Radau, aber bis auf das Le Kastel mit seinem erleuchteten Schaufenster, das ein helles Rechteck auf die Fahrbahn warf, war die Dorfmitte absolut ausgestorben. Man muss wissen, dass außerhalb der Saison auf der Insel eine so trostlose Atmosphäre herrscht, dass es einen wirklich guten Grund braucht, um nicht auf den Kontinent zu flüchten. So eine Stimmung müsste Touristen eigentlich abschrecken; aber im Gegenteil, sie zieht sie an. Es ist sogar die Lieblingszeit der depressiven Deppen auf der Suche nach Authentizität, die herkommen, um im Kontakt mit den Felsen, dem tosenden Meer und kübelweise Regen aufzutanken.
Le Kastel ist eine über zweihundert Jahre alte Kneipe, von der man sagt, anhand der dort geschluckten Menge Alkohol lasse sich die Traurigkeit und Fröhlichkeit der Inselbewohner messen. Wie dem auch sei, sie ist einen Umweg wert, und sei es nur wegen der Deko. Der Wirt – den alle sinnig Sohn vom Boche nennen, mit Bezug auf seinen Vater den Boche, der während der Besatzung gezeugt wurde – hat seine Wände mit grauenhaften Plakaten vom Tro Bro Léon plakatiert, der bretonischen Variante des Radklassikers Paris–Roubaix, auf denen jeweils in unterschiedlichen Positionen ein schlammverschmierter Radsportler – mit einem Schwein zu sehen ist. Hier und dort lassen sich auch kleine Schweinefigürchen entdecken, die aus einer mutmaßlich gigantischen Sammlung stammen.
Ich grüßte in die Runde und hockte mich in eine Ecke vor ein Glas Cidre, während ich mich beim Enkel vom Boche, fünfzehn Jahre und schon einen Ellbogen auf der Theke, nach dem Grund für die allgemeine Niedergeschlagenheit erkundigte: Die Kicker von Stade Brestois hatten mal wieder eine demütigende Schlappe erlitten.
Es waren immer die Gleichen, die sich hier volllaufen ließen. Brieg mit seinem um den Hals gewickelten Baumwolltuch, der in seiner eigenen Vorstellung ein großer Skipper war. Demnächst holen wir sie ab. Wen oder was? Um wohin zu fahren? Wir sind nie dahintergekommen! Roger Orion, Gesichtsfarbe rohes Steak, immer am Motzen … an diesem Abend motzte er über die Robben, die seinen Fisch gefressen hatten, weshalb er davon träumte, sie mit dem Jagdgewehr abzuknallen (was er im Übrigen tut), verfickter Meeresnaturpark! Lebivic, Lokalkorrespondent von Ouest-France, dessen letzte Heldentat darin bestand, die Verliererliste bei den Kommunalwahlen als Wahlsieger anzugeben.Le Héron, Ex-DJ der ehemaligen Inseldisco, die in den Neunzigern nach wiederholten Alkoholkomas unter ihrem Asbesthimmel dichtgemacht wurde.
Natürlich waren auch die drei aus Paris mit von der Partie, sie erlebten ihren großen Moment der Verbrüderung mit dem Autochthonen, insbesondere der depressive Brillenträger, der gerade seine Katharsis durchmachte. Stockbesoffen schilderte er den Kanaillen mit vielen widerlichen Details, wie seine Freundin Alice beim Einsturz eines Steinstupas zu Tode kam.
Um ihn abzulenken, versprach ihm Brieg nachdrücklich, er werde, wenn wir sie abholen, Kathmandu anlaufen – stand eh auf dem Plan – und diesen armen Menschen helfen, einen Brunnen zu bohren. Er hatte schon einen in seinem Garten gebaut, so dass er vergangenen Sommer seine Kartoffeln gießen konnte, als die Stadtverwaltung Wasserrationierungen verhängt hatte. Roger Orion machte die sachdienliche Anmerkung, dass Kathmandu siebenhundert Kilometer vom Meer entfernt lag und man dort, am Fuße des Himalaya, zudem nicht eben an Wassermangel leide. »Dein Brunnen geht den Nepalesen am Arsch vorbei«, fügte er wenig nett hinzu. Der Witwer erklärte ihnen mit schwerer Zunge, seine Freundin habe die ganzen Arschlöcher in ihrer Familie kategorisch abgelehnt, was sie ihr heimzahlten, indem sie sie zur linken Socke erklärten, die ihres Standes unwürdig sei und die Ihren verrate. »Die sind schuld, dass sie tot ist«, plärrte er, denn sie sei ans Ende der Welt gereist, um ihnen zu entkommen.
Die Säufer nahmen Anteil, indem sie gravitätisch den Kopf wiegten, ein wahrer Unglückstag, an dem Brest erneut den Aufstieg in die erste Liga verpasste.
Die schmucklose große junge Frau fügte hinzu, dass Lili, ihre tote Freundin, so ein tolles, süßes, intelligentes, großzügiges Wesen – lass gut sein, dachte ich bei mir –, sich inniglich gewünscht habe, dass man ihre Asche von den Felsen der Insel übers Meer verstreut. Obwohl sie keine Asche zum Verstreuen hatten, da man Lili, Zitat, »zwangsbeerdigt« hatte, waren sie hergekommen, um ihre Lieblingsstofftiere ins Wasser zu werfen!
»Mit etwas Glück erstickt eine Robbe an einem Teddy«, fühlte sich Roger Orion zu schließen bemüßigt.
Da ich für einen Abend genug Schwachsinn gehört hatte, trank ich aus und ging nach Hause ins Bett. Aber als ich erst mal lag, fand ich keinen Schlaf, als würde ein Ding durch meinen Kopf kriechen und mir die Ruhe rauben; ein Gefühl von Unheimlichkeit. Und als ich es endlich schaffte einzuschlafen, hatte ich einen scheußlichen Albtraum, der mich sofort wieder aufweckte.
Superverängstigt tastete ich nach meinem Smartphone, um auf die Uhr zu schauen, und da ich nicht wieder einschlafen konnte, tippte ich, um die Zeit totzuschlagen, bei Google die Wörter Erdbeben, Nepal, gestorben, Abgeordneter ein und erhielt Dutzende Treffer: Alice de Rigny, Tochter des ehemaligen Abgeordneten und Geschäftsmanns Philippe de Rigny, war vierzig Kilometer von Kathmandu entfernt auf grässliche Weise ums Leben gekommen.
Alice de Rigny … Philippe de Rigny … Blanche de Rigny … Jetzt war ich vollends hellwach.
Ich setzte meine Nachforschungen fort. Philippe de Rigny war der Boss der Öltradingfirma Oilofina. Seinen Sohn Pierre-Alexandre hatte man kürzlich am Flughafen von Abidjan verhaftet, als er gerade seinen Privatjet besteigen wollte. 2014 war gegen ihn ein Verfahren wegen Bestechung eingeleitet worden, es ging dabei um Kontaminierung mehrerer Mülldeponien der Stadt mit Giftabfällen. Den Beinamen Riesenarschloch hatte man ihm also nicht leichtfertig gegeben.
Jetzt stand ich auf und begann die Sachen von Omi Soize hektisch nach Spuren meiner Familie väterlicherseits zu durchsuchen. Ich fand nur das Foto von meiner Großmutter und ihrem Stumpf von Gatten, das ich schon kannte, aber diesmal beäugte ich es mit einem ganz neuen Blick. Zum Beispiel hatte ich nie wahrgenommen, wie sehr das Bild dieser stolzen großen Frau in traditioneller Tracht und ihres auf einem Fass thronenden alten Mannes, beider Brust mit Orden behängt, wie sehr dieses Bild eines in einer Samtschachtel aufgespießten unwahrscheinlichen Schmetterlingspaars gleichzeitig berührend und trashig war.
Omi Soize schreckte mich auf. »Bist du in Paris auch zu so unchristlicher Zeit auf den Beinen?«
»Sag, kanntest du den Großvater?«
»Ist das eine Frage, die du mir morgens um sechs stellen musst? Ja, ich kannte ihn, aber da war ich noch klein. Wenn meine Schwester mit ihm auf dem Rücken ins Waschhaus kam, keilte sie ihn zwischen zwei Wäschestapeln ein, damit er nicht umfiel. Ich war ein Dreikäsehoch und hörte nicht auf, das Loch in seinem Gesicht anzustarren, das mit meinem auf gleicher Höhe war, darum wurde ich immer ausgeschimpft, und ihn brachte das zum Lachen, so was von zum Lachen … und glaub mir, das war furchterregend!«
»Das hast du mir schon erzählt, was ich wissen will, ist, wo er herkam.«
»Was soll das heißen, wo er herkam? Na, von hier, woher sonst!«
»Omi, de Rigny, das ist doch kein Name von hier!«
»Dein Großvater, der war ein Bastard. Ein Kind, das sich eine ledige Frau, eine Malgorn, in Paris hat machen lassen, wo sie hin war, um Arbeit zu suchen. Er wurde 1916 in der Schlacht an der Somme verwundet. Danach hat sich seine Mutter Corentine jahrelang um ihn gekümmert, aber als das zu schwer wurde, kam sie hierher zurück, um eine Frau für ihn zu finden und ihr den Staffelstab zu übergeben. Da war er schon ein alter Mann, und es war meine Schwester, die er geheiratet hat. Aber sie hat ihn wirklich geliebt, deine Großmutter, scheint’s war er sehr lustig.«
»Das Grab von Corentine kenne ich gar nicht, zeigst du es mir?«
… Und da waren wir, nach einer Runde zur Bäckerei, zum kleinen Supermarkt und zum Zeitschriftenladen standen wir auf dem Friedhof. Die Grabstelle oder eher die Grabkapelle meiner Urgroßmutter, eine Art Häuschen zum Schutz vor dem Regen, befand sich gleich am Eingang.
»Das ist es?«
»Ja, natürlich.«
»Das ist unglaublich!« Ich verkniff mir: In diesem Mausoleum habe ich mit meinen Kumpels heimlich meine ersten Kippen geraucht und Ether geschnüffelt. Danke, Corentine Malgorn, geboren 1850, dass du die Jugend seit 1924 vor Regen und den Blicken ihrer Eltern beschützt!
Ich betrat das Gebäude, das ich in- und auswendig kannte. Das Porzellanmedaillon mit ihrem Foto mochte Zeuge meiner sämtlichen Dummheiten gewesen sein, trotzdem hatte ich nie einen Zusammenhang mit jemandem aus meiner Familie hergestellt. Anders als bei den anderen alten Gräbern war Corentine nicht mit weißer Haube und in schwarzer Tracht abgebildet, sondern als schicke, wirtschaftlich erfolgreiche Bürgerin.
»Sag mal, sie hatte die Mittel, um sich so ein Teil bauen zu lassen. Warum ist sie ganz alleine begraben und nicht in der Malgorn-Sektion des Friedhofs?«
»Weil sie sich mit denen überworfen hat, glaube ich. Frag deinen Vater, es ist schließlich seine Großmutter.«
Letzteren traf ich an, wie ich ihn seit jeher kannte, in seinem Anbau, wo er still an seinen Körben herumbastelte. Obwohl er mit seinen buschigen weißen Brauen wie ein Satyr und seinem gegerbten Gesicht immer noch ein gutaussehender Mann war, tat er mir unendlich leid. Wie unsere Insel, deren Felder mit Brombeergestrüpp überwuchert waren, nachdem sie über Jahrhunderte eine Beinahe-Zivilisation ernährt hatten, war er verwahrlost. Seine arthrosesteifen Hände mit den zu langen Nägeln waren ungeschickt geworden und seine Kleider total fadenscheinig, denn es gab keine Läden mehr, um neue zu kaufen, und Internet kannte er nicht. In einem Moment der Schwäche sagte ich mir, dass es vielleicht an der Zeit war, Frieden zu schließen.
»Was willst du zu Mittag essen, Papa?«
»Nichts. Wann fährst du?«
»Ich nehme nachher das Boot.«
Schweigen. »Gut.«
Also ging ich zum Angriff über. »Was ich dich fragen wollte: Warum ist deine Großmutter Corentine allein begraben und nicht bei den anderen Malgorns?«
»Weil sie sie auf ein Jahrhundert verflucht hat.«
»Warum?«
»Keine Ahnung, das sind alte Geschichten!«
»Warum hat sie die Malgorns auf ein Jahrhundert verflucht?«
»Seit wann interessiert dich das?«
»Seit heute!«
»Die Malgorns sind immer Großkotze gewesen, wahrscheinlich deshalb.«
»Und dein Vater, warum hast du mir nie von ihm erzählt …«
»Der war ein alter Krüppel.«
»Ja, das weiß ich, aber wo wurde er geboren?«
»In Paris.«
»Omi Soize hat mir das auch erklärt: Corentine Malgorn ging zum Arbeiten nach Paris und hat sich von einem de Rigny schwängern lassen.«
Er lachte hämisch. »Die hat vor den Malgorns vielleicht geprotzt, als sie wiederkam. Hast du dich nie gefragt, warum wir als Einzige auf der Insel Zentralheizung hatten?«
»Nein, sie hat nie funktioniert.«
»Die Corentine hat ein Auto übers Meer schaffen lassen, um ihren Sohn rumzukutschieren. Ein Auto, in den Zwanzigern. Kannst du dir das vorstellen?! Es gab nur eine einzige Straße und sie hatte ein Auto! In dem Film Finis Terrae von Epstein ist es im Hintergrund zu sehen.«
»Aber de Rigny, wer war das?«
»Woher soll ich das wissen. Der Kerl, der ihr ein Kind angedreht hat.«
»Hast du ihn denn nie danach gefragt?«
»Wen?«
»Deinen Vater.«
»Meinen Vater … Mit welchem Mund hätte der mir wohl geantwortet, hä?!«
»Stimmt!«
»Dein Problem ist, dass du nie nachdenkst, wenn du redest! Im Haus in der Schublade mit den wichtigen Dokumenten ist seine Geburtsurkunde, nimm sie dir, wenn du willst. So … So …«
So … So … Meine Anwesenheit vollkommen ausblendend, bastelte er weiter an seinen Körben, sein Blick verloren in der Betrachtung eines Ölteppichs auf dem Meer. Die Regenbögen, die sich auf der Oberfläche bildeten, mussten Erinnerungen an ähnliche irgendwo bei Valparaíso, Pointe-Noire oder Pondicherry in ihm wecken. Ich schaute schweigend zu, wie er sich geistig ins Labyrinth der Laufgänge von einem der Schiffe verdrückte, auf denen er Dienst getan hat, dann ging ich rüber in sein … in unser … Zuhause. Ich weiß nicht, wie ich diesen Ort nennen soll, der seit dem Tag meines Weggangs eingefroren ist.
Dem unüberschaubaren Durcheinander auf seinem Schreibtisch entnahm ich, dass er schon lange keinen einzigen Brief mehr geöffnet hatte; Kontoauszüge, Rechnungen, Schreiben der Rentenversicherung für Seeleute vermischt mit Werbung für Angelzubehör türmten sich zu riesigen Stapeln. Ansonsten nichts als die Überbleibsel eines Seemannslebens: Gruppenfotos von ehemaligen Crews, Postkarten von fernen Häfen und Geschäftskarten von Bars und Bordellen am Ende der Welt. Er hatte es endgültig aufgegeben, ein soziales Wesen zu sein, und ich muss zugeben, dass ich ihn beneidete.
Ich hatte keinerlei Mühe, das besagte Dokument zu finden, das paradoxerweise ordentlich wegsortiert neben seinen Papieren und meinem Stammbuch in einer Schublade lag, dann verließ ich diesen Ort, der mir immer Angst eingejagt hatte.
Die Zeit bis zu meiner Abfahrt verbrachte ich mit Omi Soize. Wir redeten noch ein bisschen über Corentine Malgorn. Sie wusste nicht viel über sie, außer dass sie 1871 in Montparnasse die Crêperie À la mouette gourmande eröffnet hatte, wo die Bretonen zum Essen hingingen – siehe die in unendlichen Auflagen gedruckte Postkarte La petite Bretagne au XIX
siècle, auf der meine Urgroßmutter als stolze junge Frau mit einem kleinen Jungen vor der Tür ihres Lokals posiert. Als sie auf die Insel zurückkehrte, ließ sie von dem Geld, das sie gehortet hatte, das schönste Haus des Marktfleckens bauen; das, in dem ich aufgewachsen bin und das mein Vater verfallen ließ. Das Mobiliar hat meine Großmutter in den Fünfzigerjahren ausgewechselt, zu einer Zeit, als man die schönen Dinge gegen Resopal austauschte, weil es magisch und mit einem Schwammwisch zu reinigen war. Von Corentine war nichts geblieben außer einem Medaillon ganz hinten in einem flechtenbewachsenen Mausoleum und einer alten Wanduhr mit aufgemalten Paradiesvögeln, die schon lange nicht mehr ging.
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