Staatsfeinde Hansjörg Anderegg Die künstliche Intelligenz von Phil Schusters Software wird alles ändern. Zuallererst ihn selbst, falls er die Entdeckung überlebt.
Sie nennen sich ›Die Geschworenen‹. Sie mobilisieren und manipulieren die Massen über soziale Medien und Presse. Ihre Botschaft, bei der Leiche des Chef-Lobbyisten der Automobilindustrie, ist glasklar: Wir kriegen euch alle. Im Bundeskriminalamt schrillen die Alarmglocken. Hauptkommissarin Chris Roberts trifft auf perfekt getarnte Totengräber der Demokratie, Staatsfeinde, gegen die das Bundeskriminalamt scheinbar nichts ausrichten kann. Nur Phil Schuster glaubt, das Geheimnis der Geschworenen zu kennen, und nimmt den Kampf auf. Allein, denn er kann niemandem trauen. Staatsfeinde (#uf8ac00ef-148a-52b2-91e4-8e9c1777642e) Impressum (#u345a5c4b-9dc4-5c81-b8b3-01ef5ed79b46) KAPITEL 1 (#u9f6c9f73-14c4-52f4-b0c4-ddca4b79aba9) KAPITEL 2 (#u4b0298b1-1074-5938-a484-7441f574bf60) KAPITEL 3 (#ue4f11770-38b1-5735-9393-60746628b6e6) KAPITEL 4 (#ua2277455-3ba1-572f-9d89-8f894a19c11c) KAPITEL 5 (#u73c40809-3429-50f3-960b-221dbd95d159) KAPITEL 6 (#u5eb35235-62f7-5b06-b1b1-fff6739cffec) KAPITEL 7 (#u40124b14-34d6-56c9-acfa-24dc3f0c41ef) KAPITEL 8 (#u9cce5529-6395-5709-844d-f634e6ee3683) KAPITEL 9 (#u651c3c5c-a93f-551a-a4a6-efd29ea828c5) KAPITEL 10 (#u4a45c9f7-8213-501d-9c9f-8f36bfef1d6e) KAPITEL 11 (#u488be9c7-0198-5b89-8751-048d30b9a4dc) KAPITEL 12 (#u708b61e8-3b84-5df8-a76c-f0eac648bb89) KAPITEL 13 (#ubbcca6df-0454-5eee-8478-b0920bc37140) KAPITEL 14 (#u491b0613-3b4b-5355-bce2-26fe0fb9e2e3) KAPITEL 15 (#ubb937333-694a-56ee-a0cf-cddcdeedd9eb) KAPITEL 16 (#u63f210b2-ea42-5a55-9bae-a29dcb6cfe3d) Hansjörg Anderegg (#u3521a6f2-0da7-5947-8656-068e4ef62c42) Hansjörg Anderegg Staatsfeinde Der 9. Fall mit BKA-Kommissarin Chris Thriller Impressum Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de (http://www.d-nb.de)abrufbar. Print-ISBN: 978-3-96752-201-3 E-Book-ISBN: 978-3-96752-699-8 Copyright (2021) XOXO Verlag Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag unter Verwendung der Bilder: Stockfoto-Nummer: 1800052372, 1391207630 von www.shutterstock.com (http://www.shutterstock.com) Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag Hergestellt in Bremen, Germany (EU) XOXO Verlag ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH Gröpelinger Heerstr. 149 28237 Bremen Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. KAPITEL 1 Aachen Nichts als verstaubte Klassiker in dem Laden: Seneca, Plato, Thomas von Aquin, Leibnitz, Nietzsche. Bertrand Russells ›Philosophie des Abendlandes‹ fasste die alle bequem auf achthundert Seiten zusammen. Das Buch aus dem Jahre 1946, wohl das jüngste Werk im Antiquariat Rosenblatt, lag aufgeschlagen neben Jakobs Leiche. Wer erschießt einen Neunzigjährigen?, schoss es Phil durch den Kopf, bevor der Schock einsetzte und er am ganzen Körper zu zittern begann, als herrschte klirrende Kälte in Jakobs Refugium im Schatten des Aachener Doms. Das Haus schlief, tot wie der alte Mann. Phils Augen füllten sich mit Tränen. Neunzig Jahre hatte Jakob Rosenblatt auf diesem Planeten überlebt, als Kind zugesehen, wie die Nazis seine Eltern mitten in der Nacht abführten. Niemand hatte je wieder etwas von ihnen gesehen oder gehört. Die Rosenblatts aus Aachen blieben verschollen, als hätte es sie nie gegeben. Jakob aber war der lebende Beweis ihrer Existenz und ihres Wirkens. Hatte er auch nie wirklich darüber gesprochen, verstand Phil dennoch, dass Jakob gerade deshalb die Gräuel überstanden hatte und trotzig uralt geworden war. Das Telefon fiel ihm beinahe aus der Hand, als er die 110 anrief. »Wie lautet die Anschrift?«, wollte die Beamtin wissen. »Äh – Pontstraße.« »Hausnummer?« Er kannte sie nicht. Seit zwölf Jahren, seit der Studienzeit an der TH, wohnte er gegenüber Jakobs Antiquariat, ohne eine Sekunde über dessen Hausnummer nachgedacht zu haben. »Antiquariat Rosenblatt«, antwortete er heiser und legte auf. Trotzdem gehörten Jakobs stickige Zimmer voller staubiger Bücher und vergessener Spinnweben beinahe zu seiner Wohnung. Den Master hatte er zwischen Jakobs toten Philosophen geschrieben. Die Gewissheit, dass sich viele Texte in diesen Wälzern längst als leere Behauptungen und Irrtümer erwiesen hatten, beruhigte den Informatiker. Phil war nicht an den Ergüssen der Philosophen interessiert. Er wollte die Tiefen des menschlichen Geistes ergründen, verstehen, was hinter den Gedanken eines Leibniz oder Schopenhauer steckte und weshalb. Was ist die Essenz des menschlichen Geistes? Diese einfache Frage, unendlich schwierig, vielleicht unmöglich zu beantworten, trieb ihn um, seit er die Pubertät hinter sich gelassen hatte. Phil Schuster, der erste Mensch, der einem Computerprogramm menschlichen Geist einhauchte? Unmöglich war es nicht. Andere Leute träumten vom großen Geld. Sirenengeheul näherte sich. Erschrocken stellte er fest, immer noch wie angewurzelt vor Jakobs Leichnam zu stehen und auf die Blutlache unter seinem Kopf zu starren. »Mir wird schlecht«, antwortete er auf die erste Frage. Die Mundwinkel des Kommissars sanken eine Etage tiefer, was er nicht für möglich gehalten hätte. Sein Gegenüber rettete sich mit einem Satz rückwärts außer Reichweite. »Kotzen Sie mir bloß nicht auf die Stiefel, junger Mann!« Phil riss den Blick endlich los vom Toten. Mit Mühe gelang es ihm, das Würgen zu unterdrücken und den Herrn in der Lederkluft anzusehen. Grau meliertes Haar, Boxernase, mindestens einmal gebrochen, stand der Typ da und blickte durch ihn hindurch, als interessierte er sich nicht im Mindesten für den Tatort oder seine Antworten. Er hatte sich als Kriminalhauptkommissar Tom Fischer, LKA NRW, vorgestellt. »Sie sind Phil Schuster? Sie haben die Leiche entdeckt?«, wiederholte er, sichtlich besorgt um seine Stiefel. Phil nickte. Eine Beamtin brachte ihm ein Glas Wasser. Es gab Leute beim LKA Düsseldorf, die Gedanken lesen konnten. Der Rechtsmediziner verrichtete seine Arbeit, und die Kriminaltechniker begannen wie ein Schwarm Außerirdischer, die Spuren zu sichern. »Erzählen Sie!«, forderte Kommissar Fischer ihn auf. Dabei streifte ihn ein süßsaurer Hauch aus dem Mund des Polizisten, dass das Würgen augenblicklich wieder einsetzte. Das Wasser verhinderte Schlimmeres. »Ich muss hier raus«, murmelte er mit erstickter Stimme. Fischer nickte stumm. In sicherem Abstand folgte er ihm auf die Straße. Es war eine warme Sommernacht, für einmal trocken und Freitag. Halb Aachen hatte sich in den Kneipen und auf der Pontstraße versammelt. Angeheiterte Schaulustige versuchten immer wieder, die Absperrung vor dem Antiquariat zu durchbrechen. Fischers Miene verfinsterte sich. Auch das hätte er nicht für möglich gehalten. Der Mann war zudem bewaffnet. Phil traute ihm nicht. Rasch begann er zu berichten, um ihn abzulenken. »Ich wohne gegenüber im zweiten Stock. Gegen acht kam ich von der Arbeit nach Hause. Mir ist gleich aufgefallen, dass noch Licht brannte in Jakobs Laden, und die Haustür stand halb offen. Jakob schließt sonst pünktlich um fünf.« Fischers Augenbrauen hoben sich drohend. »Woher wollen Sie das wissen, wenn sie bis spät abends arbeiten?« »Ich weiß es eben. Hören Sie, ich kenne Jakob Rosenblatt seit mehr als zehn Jahren, habe das halbe Studium in seinem Antiquariat verbracht. Wir sind – waren gute Freunde.« »Auch gute Freunde …« Weiter kam er nicht. Der Rechtsmediziner unterbrach ihn: »Fertig.« »Wurde auch Zeit.« »Sie mich auch. Wollen Sie lieber auf meinen schriftlichen Befund warten?« »Erzählen Sie schon, verdammt noch mal. Diesen Radau hier hält ja keine Sau aus.« Phil gab vor, sich nicht für den Bericht des Mediziners zu interessieren und spitzte die Ohren. »Der Mann ist aus nächster Nähe im Stehen erschossen worden. Ein Schuss genau zwischen die Augen.« »Kaliber .45, HK45 vielleicht«, unterbrach eine Technikerin, den Plastikbeutel mit einem Projektil in der Hand. »Es steckte auf Augenhöhe im Büchergestell hinter der Leiche.« »Todeszeitpunkt?« »Vermutlich heute Abend zwischen sechs und sieben«, antwortete der Rechtsmediziner. »Genaueres nach der Obduktion.« »Kampfspuren?« Mediziner und Technikerin schüttelten den Kopf. Die Beamtin, die Gedanken lesen konnte, trat herbei. »Die Tür zum Hausflur stand offen. Herr Rosenblatt muss den Täter oder die Täterin hereingelassen haben, ohne Verdacht zu schöpfen.« Der Mediziner verabschiedete sich mit angedeutetem Kopfnicken, ohne von jemandem beachtet zu werden. »Er muss sofort tot gewesen sein, nicht wahr?«, fragte Phil leise. Fischer zuckte nur die Achseln. Seine Partnerin zeigte mehr Mitgefühl. »Davon ist auszugehen«, stimmte sie mit besorgtem Blick zu. »Besser?« »Geht so. Wenigstens musste er nicht auch noch leiden, der arme Jakob. Wer tut so etwas?« »Wo waren sie zwischen sechs und sieben Uhr heute Abend?«, fragte Fischer ungerührt. Der Mann nervte. Phil war versucht, ihm einfach den Rücken zu kehren und sich in der nächsten Kneipe volllaufen zu lassen. »Sie fragen mich jetzt nicht ernsthaft nach einem Alibi«, zischte er wütend. »Ich habe die Polizei alarmiert, schon vergessen?« Fischer blickte stur durch ihn hindurch und wiederholte die Frage. »Ich war bei der Arbeit wie gesagt. PR-Agentur Stein in Köln.« Fischers Augenbrauen schossen bis zum Anschlag in die Höhe. »Ist das verboten?«, fragte Phil provozierend. Verblüfft stellte er fest, wie sich Fischers Lippen zu einem spöttischen Lächeln verformten. »Sie arbeiten also für den guten John Stein im Kölnturm.« Mit einem Seitenblick auf seine Partnerin fügte er hinzu: »Überprüfen!« »Ob John Stein gut ist, ist Ansichtssache.« Er hatte genug von Fischers Show, aber der Kommissar war noch nicht fertig. »Steckt der liebe John hinter der neusten Hetzkampagne im Netz, die das halbe LKA auf Trab hält? Ihre PR-Agentur ist doch auf Müll wie Facebook und Twitter spezialisiert. Stimmt’s oder habe ich recht?« »Was hat das jetzt wieder mit Jakobs Tod zu tun?«, brauste er auf. »Im Übrigen beschäftige ich mich nicht mit Steins Kampagnen. Ich bin für die Softwareentwicklung zuständig. War›s das?« Fischers Partnerin konnte nicht nur Gedanken lesen, sie arbeitete auch schnell. »Das Alibi ist bestätigt«, stellte sie fest. Fischer nahm es widerwillig zur Kenntnis und herrschte ihn an: »Morgen um zehn im LKA Düsseldorf fürs Protokoll.« »Als hätte ich nichts Besseres zu tun«, brummte er und ging über die Straße zu seinem Haus. Dessen Nummer kannte er immerhin auswendig. Die Kneipe war keine Option mehr. Die Bemerkung des Kommissars über die Hetzkampagne im Netz ließ ihm keine Ruhe. Er stieg zur Wohnung hinauf und setzte sich an den Computer. Eher widerwillig loggte er sich in seinen Twitter-Account ein. Die unsozialen Netzwerke, wie er sie nannte, interessierten ihn nur aus der Sicht des Ethnologen. Wie der Völkerkundler das Verhalten eines unbekannten Stammes erforscht, beobachtete er die Reaktion der Benutzer auf gezielt gestreute Reize. Das Netz mit seiner Milliarde Nutzer war hervorragend geeignet, mehr über die menschliche Psyche zu erfahren. Er schmunzelte beim scheinbaren Widerspruch, ausgerechnet die Spielwiese voller Falschmeldungen und abstruser Verschwörungstheorien zur Analyse des menschlichen Geistes zu verwenden. Die Methode schien zu funktionieren – und wie! Nach kurzer Zeit verschwand sein Lächeln. Blankes Entsetzen packte ihn. Die Hetze im Netz entlud sich explosionsartig gegen einen Mann, den er kannte, denn er wohnte gegenüber in Jakobs Haus, immer dann, wenn er eine Auszeit vom Politik-Zirkus in Brüssel brauchte. Das war ziemlich häufig der Fall. Dann brannte schummriges Licht hinter roten Vorhängen in seiner Wohnung wie in einem Puff, so wie jetzt. Nur das übliche Schattenspiel fehlte an diesem Abend. Tom Fischer ging in den Hausflur zurück und schloss die Tür hinter sich, nachdem der Leichenwagen mit den sterblichen Überresten des Antiquars abgefahren war. Mit leidender Miene hielt er seiner Partnerin zur Versöhnung eine zerknitterte Tüte hin. »Gummibärchen?« Sie schüttelte wie üblich den Kopf und fragte zurück: »Aspirin?« Er würgte zwei Tabletten trocken hinunter. Sein Schädel würde deswegen nicht weniger brummen. Da musste man schon mit anderem Geschütz auffahren. »Wo bleiben die verdammten Rückmeldungen? Schlafen die alle noch? Befragt keiner die Hausbewohner?« »Viele sind es nicht. Gerade mal zwei Parteien wohnen hier nebst Herrn Rosenblatt. Seine Wohnung befindet sich im ersten Stock über dem Laden. Die Spusi hat nichts Auffälliges entdeckt, was mit dem Mord in Verbindung stehen könnte.« »Weiter oben? Hat denn kein Schwein diesen Schuss gehört?« Sie schüttelte den Kopf. »Wir müssen annehmen, dass der Täter einen Schalldämpfer benutzt hat.« »HK45 mit Schalldämpfer, Schuss aus nächster Nähe zwischen die Augen – ein Professioneller?« Sie zuckte die Achseln. »Vielleicht sollte es so aussehen. Ein Auftragskiller hätte allerdings zur Sicherheit auch noch …« »Auch noch in die Brust geschossen, ich weiß, bin ja kein Anfänger«, unterbrach er schnaubend. »Was ist mit den anderen Stockwerken?« »In der zweiten Etage wohnt ein Ehepaar Weber. Die sind seit einer Woche auf Kreuzfahrt im hohen Norden, kehren erst nächstes Wochenende zurück.« »Und zuoberst? Da brennt Licht. Die müssen etwas bemerkt haben.« Wieder schüttelte sie den Kopf. Es wurde allmählich zur Gewohnheit, was seine Laune nicht verbesserte. »Die ganze oberste Etage hat ein gewisser Albrecht Scholz gemietet, der bei der EU in Brüssel arbeitet, als Lobbyist der deutschen Automobilindustrie.« »Endlich mal ein vernünftiger Job. Was hat denn so einer in einem Kaff wie Aachen zu suchen?« »Wir sind dran. Der Background Check des Opfers und aller Anwohner läuft.« »Die sollen sich mal ein wenig Mühe geben. Und vergesst unsern Freund Phil Schuster nicht.« »Bin ich eine Anfängerin?« Er überhörte den Kommentar, sagte nur: »Dieser Lobbyist Scholz hat wohl auch nichts gehört oder gesehen, richtig?« »Keine Ahnung, er sagt bisher gar nichts. Niemand hat bis jetzt auf unser Läuten und Klopfen reagiert.« Er traute den Ohren nicht. Sein Gesicht lief rot an. »Herr Scholz ging wohl kurz Zigaretten holen, was?«, schnauzte er sie an. »Tür aufbrechen! Gefahr im Verzug, schon mal gehört?« Sie wandte sich kommentarlos ab, drehte sich jedoch nach zwei Schritten nochmals um. »Was? Noch so eine Überraschung überlebe ich nicht«, seufzte er händeringend. Sie ließ sich nicht beeindrucken. »Ich fürchte, da müssen Sie durch, Chef. Bei der Hintergrundprüfung ist unserem Analytiker aufgefallen, dass möglicherweise eine Verbindung zwischen dem Lobbyisten Albrecht Scholz und Phil Schuster besteht.« Die Welt hörte kurz auf zu drehen. Die Überraschung ließ ihn verstummen. Seine Augen hingen an ihren Lippen, als wäre sie im Begriff, Tausender-Chips zu spucken. »Sie haben doch selbst die Schmutzkampagne im Netz erwähnt. Sieht so aus, als sei Herr Scholz im obersten Stock das Ziel der Angriffe unter dem Hashtag #PlayboyScholz auf Twitter.« Er räusperte sich kraftvoll und spuckte dabei aus Versehen sein Gummibärchen aus. »Was hat das mit Phil Schuster zu tun?« »Vielleicht nicht so viel, wie wir vermuten. Die Hetze hat aber mit einigen Kommentaren eines gewissen @philister begonnen. Bisher konnten wir diesen Philister nicht identifizieren, aber ich denke, wir müssen den guten Phil Schuster zu diesem wohlklingenden Pseudonym befragen.« »Und ob«, krächzte er, »das erledige ich.« Beim Verlassen des Hauses fing ihn ein junger Uniformierter ab. »Was ist? Ich bin in Eile, wie man sieht.« »Entschuldigung Herr Hauptkommissar, ich denke, es ist wichtig.« »Na was denn? Lassen Sie›s endlich raus, Mann!« »Wir haben übereinstimmende Aussagen zweier Zeugen von gegenüber. Sie behaupten, ein Polizist sei ungefähr zur Tatzeit aus dem Haus gekommen und auf dem Motorrad Richtung Seilgraben davongefahren.« »Ein Kollege?« Der junge Mann nickte. »Motorradstreife, wie es scheint.« »Diesen Kollegen müssen wir so schnell wie möglich finden.« Der junge Polizist guckte verlegen aus der Wäsche. »Was ist jetzt schon wieder?« »Das Problem ist: Es gab zu der Zeit keine solche Streife in der ganzen Stadt. Wir haben alle Wachen angefragt. Niemand weiß etwas von diesem Kollegen.« Fischer spürte einen bitterem Geschmack im Mund, schob sich ein gelbes Gummibärchen ein und befahl: »Weiter suchen!« In Gedanken versunken betrat er das Haus, in dem Schuster wohnte. Der Kollege auf dem Motorrad war möglicherweise keiner. Dirty Harry – Phantom Harry, schoss ihm spontan durch den Kopf. Unwillkürlich fröstelte ihn. Aus Schusters Wohnung im zweiten Stock drang gedämpfte Klaviermusik. Er läutete und klopfte gleichzeitig. Kurz bevor er die Nerven verlor, öffnete Schuster die Tür einen Spaltbreit. »Sie schon wieder. Ich hätte es mir denken können«, seufzte er und ließ ihn eintreten. »Machen Sie das Geklimper aus. Wir müssen reden.« »Das Geklimper nennt sich Nocturne Opus neun Nummer zwei von Frédéric Chopin, und am Flügel sitzt Maurizio Pollini. Nocturne ist übrigens französisch und bedeutet Nachtstück, passt also.« »Ich bin nicht gekommen, um mir eine verdammte Vorlesung anzuhören, und der Herr Pollini soll sich meinetwegen aufs Klo setzen.« Schuster erwies ihm immerhin die Gnade, die Musik leiser zu stellen, sodass er den Apparat nicht erschießen musste. »Worüber wollten Sie mit mir reden? Ich habe alles gesagt, was ich weiß.« »Genau das glaube ich nicht. Kennen Sie einen Herrn Albrecht Scholz?« Täuschte er sich, oder sah Schusters Gesicht plötzlich blasser aus? Der junge Mann verbarg etwas wie vermutet. Zu seinem Erstaunen trat Schuster nach kurzem Zögern die Flucht nach vorn an. »Den Playboy gegenüber?«, fragte er scheinbar amüsiert. Fischers Zunge schob den klebrigen Rest des Gummibärchens einige Mal hin und her, während er auf mehr wartete. »Klar kenne ich den Playboy Scholz«, fuhr Schuster fort. »Der wohnt in Jakobs Haus. Ich wette, jeder in unserer Straße kennt ihn. Der ist ja nicht zu übersehen bei seinem Lebensstil. Die Tussis, die er dauernd anschleppt – manchmal zwei oder drei gleichzeitig.« »Aber nicht jeder nennt ihn Playboy Scholz, Hashtag PlayboyScholz, um genau zu sein, nicht wahr, Herr Philister?« Treffer!, dachte er, denn Schuster hatte die Sprache verloren. Der Triumph währte nicht lange. Schuster setzte ein gezwungenes Lächeln auf und gab vor, kein Wort zu verstehen. »Sie sind dieser Philister auf Twitter, der die Hetze gegen Herrn Scholz angezettelt hat. Warum?« Der Frontalangriff verfehlte die Wirkung. Schuster hatte sich wieder gefasst. »Ich verstehe immer noch nur Bahnhof«, behauptete er kühl und drehte die Musik lauter. Er war jetzt überzeugt, dass Phil Schuster dieser Philister war, und fragte sich, weshalb er so ein Geheimnis daraus machte. Hetze im Netz war ja noch keine Straftat. Irgendetwas an diesem Schnösel störte ihn gewaltig. Im Moment waren ihm leider die Hände gebunden. »Was interessiert Sie überhaupt der Scholz?«, fragte Schuster gereizt. »Ich dachte, Sie suchen den Mörder des bedauernswerten Jakob Rosenblatt.« »Genau das machen wir.« Er verließ die Wohnung mit der Warnung: »Zehn Uhr im Präsidium.« Kaum im Treppenhaus, erreichte ihn der Anruf seiner Partnerin. »Das müssen Sie sich ansehen, Chef, sofort!«, sagte sie aufgeregt. »Wir sind in der Wohnung von Albrecht Scholz.« Die Tür zur Wohnung des Lobbyisten Scholz wies keinerlei Einbruchspuren auf. »Sie war nicht verschlossen«, bestätigte ein Techniker. Als er eintrat, schlug ihm eine Wolke süßlichen Parfüms der billigen Sorte entgegen, das zum gedämpften Rotlicht passte. Für einen Augenblick wähnte er sich im Puff über der Bar, die er einst als Drogenfahnder hochgenommen hatte. Eine Mitarbeiterin der Kriminaltechnik war dabei, Scheinwerfer zu installieren, um die Szene fotografieren zu können. Geblendet vom plötzlich aufflammenden Flutlicht, kniff er fluchend die Augen zu. Was er auf den ersten Blick gesehen hatte, verdarb ihm die Lust auf weitere Süßigkeiten. »Ihr habt nichts verändert?«, fragte er zur Sicherheit, was ihm nur strafende Blicke eintrug. Die Partnerin fasste zusammen: »Der Tote heißt Albrecht Scholz, der Besitzer dieser Wohnung. Er lag so gekrümmt am Boden, als wir eintraten. Die Wohnungstür war übrigens nicht verschlossen, keine Einbruchspuren.« »Habe ich auch bemerkt, stellen Sie sich vor«, brummte er. Die Leiche lag mitten im Wohnzimmer. Erstaunlich wenig Blut hatte sich auf dem Teppich unter dem Kopf ausgebreitet. »Verblutet ist er nicht«, murmelte er wie zu sich selbst. Die Partnerin wagte zu spekulieren: »Sieht aus, als hätte er sich hinknien müssen und wäre mit einem Genickschuss getötet worden.« Für einmal stimmte er ihr uneingeschränkt zu. »Es war eine Hinrichtung«, stellte er fest, »eine verdammte Hinrichtung wie die Chinesen sie praktizieren, um Kosten für den Knast zu sparen. Wo bleibt eigentlich unser Medizinmann?« Der Rechtsmediziner trat ein, während die Technikerin die letzten Fotos schoss. »Gut geschlafen?«, begrüßte er ihn. Ein wütender Blick streifte ihn. »Das nächste Mal sollten Sie vielleicht gründlicher nachsehen, bevor sie mich ziehen lassen, Sherlock Holmes.« Die Arbeit des Mediziners war schnell erledigt. »Chirurgisch präziser Genickschuss wieder aus nächster Nähe«, diagnostizierte er, »hätte ich nicht besser hingekriegt.« »Wann?« »Vor drei, vier Stunden schätze ich.« »Also zur selben Tatzeit zwischen sechs und sieben heute Abend. Irgendwelche Abwehrverletzungen?« Der Mediziner schüttelte den Kopf. »Die Obduktion wird zeigen, ob es Fremd-DNA unter den Fingernägeln gibt aber sonst …« Nach kurzem Zögern fügte er grinsend hinzu: »Ist auch nicht verwunderlich.« Da der Arzt schweigend begann, sein Besteck einzupacken, herrschte er ihn an: »Finden Sie das lustig? Warum hat er sich nicht gewehrt?« »Sehen Sie mal in jenem Aschenbecher nach und riechen Sie daran.« »In diesem Boudoir riecht man gar nichts außer Nutten-Parfüm.« »Der Mensch riecht halt nur, was er kennt«, murmelte der unverschämte Medizinmann laut genug, dass er es hörte. »Marihuana?«, wagte die Partnerin einzuwerfen. »Da hören Sie›s, Herr Hauptkommissar. Der Mann war bekifft, als er die letzte Reise antrat. Vielleicht nicht die schlechteste Idee. Genaueres nach der Obduktion.« Bevor er das Zimmer verließ, fragte er die Partnerin dreist: »Sind Sie sicher, überall nachgesehen zu haben?« Die Bemerkung traf nicht sie, sondern ihn. Er stieß einen leisen Fluch aus und zischte: »Eines Tages knöpfe ich mir die Sau vor!« Eine Mitarbeiterin der Spurensicherung hielt ihm den Plastikbeutel mit dem sichergestellten Projektil hin, das den Körper des Opfers durchschlagen hatte und im Parkett stecken geblieben war. »Kaliber .45 wie im Antiquariat, vermutlich dieselbe Waffe.« Die Partnerin trat mit einem andern Beweisstücke herbei. »Das hier war definitiv eine geplante Hinrichtung, Chef.« In der Plastiktüte befand sich ein Zettel. Der Text, dessen Buchstaben aus einer Zeitung ausgeschnitten waren, lautete: WIR KRIEGEN EUCH ALLE. DIE GESCHWORENEN. »Der Zettel lag unter diesem Stein auf dem Tisch«, fügte sie hinzu, auf einen zweiten Beutel deutend. »Was soll ich mit einem Scheiß Stein?«, fauchte er. Der Text wühlte ihn auf. Die offene Drohung jagte seinen Puls in die Höhe. Am meisten ärgerte ihn, dass er es nicht verhindern konnte. Seine Partnerin war solche Stimmungsschwankungen gewohnt. Sie sprach ruhig aus, was er dachte: »Wenn es kein übler Scherz ist, kommt wohl noch einige Arbeit auf uns zu, Chef.« Er nickte. Nahm man den Text ernst, gab es nur eine Interpretation: Die Hinrichtung des Albrecht Scholz war erst der Anfang. Noch etwas erkannte er klar. Es handelte sich bei beiden Morden höchstwahrscheinlich um denselben Täter, aber die Vorgehensweise im Fall des Antiquars unterschied sich grundlegend von dieser Tat. Jakob Rosenblatt war nicht Opfer einer sorgfältig geplanten Hinrichtung geworden. Der Täter hatte ihn einfach kurzerhand beseitigt, wie man eine lästige Fliege klatscht. »Scholz war das eigentliche Ziel«, sagte er nachdenklich, »Rosenblatt vielleicht nur ein lästiger Zeuge.« Die Partnerin stimmte zu: »Habe ich mir auch gedacht. Die Umstände zeugen jedenfalls von äußerst skrupellosem Vorgehen.« »Also doch ein Profi?« »Oder ein Psychopath.« Ihm graute jetzt schon vor den tausend Fragen, die sie nun beantworten mussten, stets die Drohung dieses verfluchten Zettels im Nacken. Der Täter oder die Täterin würde wieder zuschlagen, plante vielleicht schon die nächste Hinrichtung. Wie sonst sollte er diese Drohung verstehen? Er hoffte inständig, es nicht mit einem Psychopathen zu tun zu haben. Die brauchten nicht einmal ein lausiges Motiv für ihr krankes Verhalten. »Haben Sie je von solchen Geschworenen gehört, Chef?« Er verneinte. Im schlimmsten Fall hatten Sie es mit einem ganzen Nest von Psychos zu tun, die aus Gott weiß was für Gründen Herr über Leben und Tod spielten. »Gibt es immer noch keine Spur von Phantom Harry?«, fragte er. Die Umstehenden stutzten. Es dauerte einige Sekunden, bis die Partnerin einen Gang höher schaltete. »Sie meinen den Geister-Cop?«, grinste sie. »Wenn es ihn denn gibt.« Sie schüttelte den Kopf. »Das Phantom bleibt wie vom Erdboden verschluckt wie sein Motorrad.« »Bloß die Leichen sind leider keine Phantome«, knurrte er. Ihm reichte es für heute. Er brauchte dringend etwas zum Entspannen. »Sie wissen, was zu tun ist«, sagte er müde zur Partnerin. Er wandte sich ab, ging zur Tür und stoppte innerlich fluchend. Die breitschultrige Gestalt des Staatsanwalts versperrte ihm den Weg. Widerstrebend setzte er das falsche Lächeln auf, das er für falsche Kumpels aller Art stets bereithielt. »Jupp, schön dich zu sehen«, sagte er, ohne Anstalten zu machen, dem Staatsanwalt die Hand zu schütteln. »Schon die zweite Leiche an diesem Abend«, stellte Jupp Wagner mit einem angewiderten Blick ins Wohnzimmer trocken fest. Er korrigierte: »Genau genommen ist das die erste Leiche, Jupp. Der Antiquar unten war Nummer zwei. Meine Kollegin wird dir alles ausführlich erklären. Ich empfehle mich.« Jupp hielt ihn am Ärmel zurück. »Nicht so schnell, Tom. Nach zwei Morden am selben Abend im selben Haus und offensichtlich ohne familiären Zusammenhang empfiehlt sich hier kein leitender Ermittler. Nicht einmal ein Kumpel aus dem Schützenverein, mit dem ich hin und wieder ein Kölsch gekippt habe.« »Altbier«, verbesserte er ärgerlich, »aber unter diesen Umständen würde ich sogar ein Kölsch saufen.« Jupp könnte ihm ohne Zögern die Hölle heißmachen, also blieb er in Gottes Namen am Tatort und hörte sich den Bericht der Partnerin zusammen mit dem Staatsanwalt an. »Ein Phantom als Polizist in Aachen? Ich dachte, der Karneval wäre seit einem halben Jahr vorbei«, brummte Jupp angewidert. »Mehr habt ihr nicht?« Nach einem letzten Blick auf die sterblichen Überreste des Albrecht Scholz fügte er hinzu: »Das sieht mir eher nach Mafia-Methoden aus. Müssen wir diese Geschworenen ernst nehmen?« »Werde ich morgen überleben? Ich weiß es nicht«, gab Fischer giftig zurück. »Wir stehen ganz am Anfang, Jupp, können nur spekulieren.« Er überließ es der Partnerin, sich in die Nesseln zu setzen und den Verdacht zu äußern, den sie kurz besprochen hatten. »Möglicherweise hängt diese Hinrichtung mit der Hetzkampagne im Netz gegen Herrn Scholz zusammen.« Widerwillig trat Jupp zur Seite, um den Bestattern mit dem Sarg auszuweichen. »Welche Hetzkampagne? Netz? Ich verstehe kein Wort.« Statt zu antworten, zeigte ihm die Kollegin eine Reihe Tweets auf dem Handy, die unter anderem die Eliminierung des Schmarotzers Scholz forderten. Jupp lachte trocken auf. »Das ist doch Kinderkram. Kein Mensch nimmt den Quatsch ernst.« »Scheinbar doch«, widersprach Fischer. Trotz der spöttischen Bemerkung schien der Staatsanwalt einigermaßen verunsichert. Die Gelegenheit war günstig, auszusprechen, was er vorher nicht gewagt hatte. »Der Typ, der den Mord am Antiquar gemeldet hat, spielt möglicherweise eine Hauptrolle in dieser Hetzkampagne, Jupp.« »Der Hacker von gegenüber? Wundern täte es mich nicht. Gibt es irgendwelche Beweise gegen den Mann?« »Um die zu finden, müssten wir seine Wohnung durchsuchen, den Computer beschlagnahmen.« »Ihr wollt einen Durchsuchungsbeschluss auf dieser dürftigen Beweislage? Der Richter würde mich auslachen, dann müsste ich dich erschießen. Willst du das, Tom?« »Verdammt! Phil Schuster tobt als Philister auf Twitter gegen unser Mordopfer. Das ist doch kein Zufall.« »Er hat also zugegeben, dieser Philister zu sein?« Das Schweigen im Boudoir war unerträglich. Jupp wandte sich ab. »Bringt mir einen Beweis, dann habt ihr euren Durchsuchungsbeschluss«, murmelte er beim Verlassen der Wohnung. Nach dem Staatsanwalt flüchtete auch er und versuchte, sich ungesehen davonzustehlen wie Phantom Harry. Es half nicht. Draußen überfiel ihn eine Meute Zeitungsfritzen, allen voran die blonde Bitch von der Kölner Abendzeitung. Der Scheinwerfer des Lokalfernsehens folgte ihm auf Schritt und Tritt, als wäre er auf dem Weg ins Dschungelcamp. »Herr Hauptkommissar, können Sie den Mord an Albrecht Scholz bestätigen?«, rief ihm die Bitch ins Ohr, als stünde er in Köln statt neben ihr. Er wehrte mit beiden Händen ab. »Ich habe nichts zu sagen. Wir stehen ganz am Anfang der Ermittlungen.« Julia Hahn ließ nicht locker. »Es gab heute Abend zwei Todesfälle in diesem Haus. Wer sind die Opfer, und gibt es einen Zusammenhang?« Natürlich gibt es einen Zusammenhang, dumme Kuh, dachte er schwitzend. Laut sagte er mit schlecht unterdrückter Erregung in der Stimme: »Wenden Sie sich bitte an die Pressestelle. Sie kennen doch das Prozedere, Frau Hahn.« Er dachte, es überstanden zu haben, als ihn der Hammer traf. »Stimmt es, dass die Geschworenen mit weiteren Morden drohen?«, rief ein junger Mann aus der dritten Reihe, den er nicht kannte. Die Frage jagte das Blut durch seine Adern, dass er glaubte, es rauschen zu hören wie den Rhein bei Hochwasser. »Woher wissen Sie …« Es entglitt ihm einfach. Erschrocken presste er die Lippen zusammen und nahm den Mann ins Visier, als wollte er ihm im nächsten Atemzug ein drittes Auge verpassen. Rundherum herrschte plötzlich gespenstische Stille. Die versammelte Presse hing an seinen Lippen, als wäre er im Begriff, den nächsten Karnevalsprinzen anzukündigen. Da er eine oder zwei Sekunden zu lange schwieg, flüsterte ihm die Bitch mit hämischem Grinsen ins Ohr: »Sie kennen doch das Internet, Herr Fischer.« Er stieß sie unsanft beiseite und eilte davon. Köln Der letzte Glockenschlag vom Dom verklang, als Julia Hahn die Tür zu ihrem Penthouse aufstieß. Mitternacht. Emma tat ihr leid. Die Tochter der Nachbarn unter ihr war ein zuverlässiges und liebevolles Kindermädchen und fast zu jeder Tages- und Nachtzeit für den kleinen Tim zu haben. Dennoch betrat sie das Wohnzimmer mit schlechtem Gewissen. Sie überforderte die junge Frau durch ihre häufigen Einsätze zu unmöglichen Zeiten. »Tim schläft selig«, beruhigte Emma, bevor sie ein Wort sagen konnte. Sie schenkte ihr ein warmes Lächeln. »Was würde ich nur ohne dich machen.« Trotz Emmas Bemerkung schlich sie ins Kinderzimmer, strich ihrem Tim übers goldene Haar und hauchte einen Kuss auf seine Stirn. Es war das übliche Ritual. Emma kannte es und wartete geduldig auf ihre Rückkehr, um sich zu verabschieden. Etwas an ihrem Gesichtsausdruck machte sie stutzig. »Alles in Ordnung?«, fragte sie unruhig. Emma zögerte. »Ja – sicher.« Nach einem Schritt Richtung Tür blieb sie stehen. »Es ist nur …« »Immer raus mit der Sprache.« Die junge Frau sah sie an, als hätte sie ihren Sohn gestohlen. »Du machst mir Angst, Emma.« Schließlich platzte sie mit der Hiobsbotschaft heraus. »Ich werde bald nicht mehr da sein.« Sie war auf alles Mögliche gefasst, nur nicht darauf. »Was heißt das?«, fragte sie bestürzt. Dabei zwang sie sich zu lächeln, was wohl gründlich misslang. Emmas Wangen röteten sich. »Man hat mich angenommen, Stanford. Nach den Ferien geht›s schon los.« Julia glaubte, innerlich zu zerreißen. Emma gehörte zu ihrer kleinen Familie wie eine eigene Tochter. Dass sie es geschafft hatte, an der amerikanischen Elite-Uni studieren zu dürfen, erfüllte sie mit Stolz. Gleichzeitig konnte sie sich ein Leben ohne Emmas gute Dienste und ihr fröhliches Lachen kaum vorstellen. Sie verdrängte die Ungewissheit, was ohne sie aus Tim werden sollte, und schloss sie in die Arme. »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, Emma. Das ist – großartig! Herzliche Gratulation. Ich bin fast ein wenig neidisch, habe ich es doch nur an die Uni Köln geschafft.« Beide brachen in befreiendes Gelächter aus. »Wir müssen das feiern«, versprach sie, »aber nicht heute Nacht.« »Nein«, seufzte Emma erleichtert. »Du wirst sicher wieder jemanden finden für unseren Tim.« Mit diesem zweifelhaften Trost verließ sie die Wohnung. Julia starrte die Tür noch lange an, nachdem sie ins Schloss gefallen war. Klar gab es andere Kindermädchen in dieser Stadt aber keine zweite Emma. Sie füllte das Rotweinglas etwas großzügiger in dieser Nacht, bevor sie auf die Terrasse hinaustrat. Der Blick über den schwarz glänzenden Rhein, in dem sich die Bäume der Riehler Aue noch schwärzer spiegelten, beruhigte. Sie brauchte Zeit, um herunterzukommen. In einer Nacht wie dieser würde sie wohl vor morgens um zwei kein Auge schließen. Auch eine Journalistin an vorderster Front bei der Kölner Abendzeitung berichtete kaum je, wenn überhaupt, über einen Doppelmord. Über einen Doppelmord, dem möglicherweise bald weitere Gräueltaten folgen würden. Das Glas leerte sich überraschend schnell. Sie goss nach. Morgens um halb sieben kroch Tim in ihr Bett. Alle andern Wecker hasste sie, diesen aber liebte sie über alles auch ohne Musik. Sie drückte ihn und gab ihm einen Kuss, bemüht, die Augen wenigstens halb offen zu halten. Ein Vierjähriger ließ sich das noch gefallen. »Bist du müde, Mama?« »Nein«, log sie, »bloß glücklich.« Die Morgensonne strahlte über den Spiegel direkt in die Dusche, was ihr trotz des Brummschädels ein Lächeln entlockte. Sie hatte allen Grund, zufrieden zu sein mit ihrem Leben. Dennoch oder gerade deshalb beschlich sie hin und wieder das Gefühl, das alles nicht verdient zu haben. Zu viel in ihrem Leben beruhte einfach auf glücklichen Zufällen. Selbst Tim verdankte sie einem solchen Zufall. Eine Kollegin in der Redaktion hatte ihn einst einen glücklichen Unfall genannt und den Nagel damit genau auf den Kopf getroffen. Pünktlich um 7:30 Uhr, auf dem Weg zur Kita, rief Martin an. Chefredakteur Martin Brandt hatte auch eine kurze Nacht hinter sich oder wie oft gar nicht geschlafen, schloss sie aus seinem Tonfall. »Das geht gar nicht!«, wies er sie zurecht, statt zu grüßen. »Was hast du dir dabei gedacht? Willst du einen veritablen Bürgerkrieg anzetteln?« Veritabel war eines seiner Lieblingswörter. Es bewirkte, dass selbst ruppige Anschuldigungen irgendwie leichtfüßig daherkamen. Sie grinste unwillkürlich. »Wovon sprichst du?« »Wie immer vom Wetter. Mein Gott, wovon spreche ich wohl? Von deinem Bericht über das Massaker in Aachen, was sonst?« »Doppelmord«, korrigierte sie, »und es ist erst der Entwurf, entstanden auf der Fahrt nach Köln zu später Stunde.« »Das merkt man. Wann erweist du uns die Ehre, hier aufzukreuzen?« »Ich muss nur noch Tim in die Kita fahren …« Er hatte aufgelegt. Der Betrieb in der Redaktion der Abendzeitung unweit der Domplatte brummte am frühen Morgen. Das Zebra schlug heftig auf die Tastatur ein, hatte kaum Zeit, sie zu grüßen. Es gab keine bessere Bezeichnung für ihre Tischnachbarin, denn sie hatte sie noch nie in einem Kleid ohne Zebramuster gesehen. Etwas weiter weg saß Peter mit seinem ewig roten Pullover. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und deutete genüsslich auf die Sauna, den Glaskubus, wo Martin residierte. Der pochte eben mit einer seiner Krücken an die Scheibe. Es eilte. Peter grinste. Er hasste sie. Sie betrat das Glashaus. »Tür zu!« Kurze Befehle entsprachen Martins normalem Umgangston in der Redaktion. Die Tür der Sauna zu schließen aber bedeutete nicht nur physischen Stress wegen der Hitze, sondern vor allem Ärger. »Ich weiß, ich habe mich vielleicht etwas pointiert ausgedrückt im Bericht«, versuchte sie ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. »Pointiert trifft den Sachverhalt ja wohl überhaupt nicht«, herrschte er sie an. »Dein Subtext unterstellt nichts weniger als eine veritable Verschwörungstheorie. Du weißt es, und dir muss klar sein, dass wir das unmöglich so veröffentlichen können.« Sie wunderte sich, seit wann die Leser der Abendzeitung Subtext lasen, sagte aber nichts. Er war der Chef und verfügte über so viele Jahre Erfahrung im Geschäft, wie sie auf der Welt war. »Du störst dich an der Verbindung mit den Geheimverhandlungen«, vermutete sie. »Allerdings! Ich weiß, dass dir das Thema am Herzen liegt, und gebe zu, dass deine Reportage darüber die Auflage glatt verdoppelt hat. Aber findest du es nicht ein wenig weit hergeholt, den Mord am Lobbyisten Scholz in Aachen damit zu erklären?« Sie lachte trocken auf. Er übertrieb wieder maßlos. »Ich erkläre doch gar nichts in meinem Artikel. Ich stelle lediglich die Facts zusammen. Du kennst die heftige, um nicht zu sagen explosive Reaktion im Netz und in den Medien, als wir die geleakten Mails aus dem Kanzleramt veröffentlichten. Es ist wohl nicht übertrieben, zu behaupten, eine Welle der Entrüstung sei durchs ganze Land gegangen, als publik wurde, dass unsere Regierung insgeheim ein bilaterales Freihandelsabkommen mit China plant – von der Entrüstung in Brüssel gar nicht zu sprechen.« Die letzte Bemerkung wischte er vom Tisch wie eine lästige Fliege. Die Bürokratie in Brüssel und der kaum mehr zu bewegende Moloch EU ärgerten ihn jeden Tag aufs Neue. »Dass mit dieser EU kaum je wieder ein Freihandelsabkommen zum Fliegen kommt, darüber müssen wir uns nicht streiten«, brummte er. Sie konnte nur zustimmen. Deshalb verstand sie es, wenn dem Kanzleramtsminister der Kragen platzte und er vorpreschte, um zu versuchen, langfristig wirtschaftlichen Erfolg und Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. Das war jedenfalls der Plan mit dem Freihandelsabkommen, nahm sie an. »In der aktuellen, aufgeheizten Stimmung wirkt leider schon das Wort Freihandel in unserm Land wie ein Brandbeschleuniger«, warf sie ein. »Sicher, absolut einverstanden, aber du spekulierst jetzt, der Mord an Scholz wäre eine veritable Eskalation dieser Anti-Freihandels-Bewegung.« Hatte sie sich so unklar ausgedrückt im Entwurf von letzter Nacht? Hatte er den Text überhaupt richtig gelesen? Sie verwahrte sich entschieden gegen die Unterstellung. »Von spekulieren kann keine Rede sein, Martin. Du kennst doch die Reaktion in den sozialen Medien, auf Facebook und Twitter. Ich muss dich nicht an die Horror-Meldungen auf Twitter erinnern.« Bevor er etwas erwidern konnte, hielt sie ihm das Display ihres Smartphones unter die Nase. Die Hetze im Netz ging auch nach dem Tod des Lobbyisten Scholz unvermindert weiter, was Martin veranlasste, den veritablen Mist trotz seiner Abneigung zu lesen. Die Geschworenen @jury12 #PlayboyScholz sorgt für Billigimporte aus China. Wir Geschworenen sorgen für Deutschland. 1.2 Tsd. retweets 985 likes Deutscher Meister @deutschmeister #PlayboyScholz ist tot. #ChinaFH ist tot. Es leben die Geschworenen. Gratuliere! Die Geschworenen @jury12 #PlayboyScholz richtet keinen Schaden mehr an. Wir Geschworenen bleiben dran. 2.3 Tsd. retweets 4.5 Tsd. likes Dirk Saubermann @dirk74 Die Geschworenen sind cool. Endlich sorgt jemand für Ordnung in diesem Land!! Wolfi Ziehrer @wolferl Wurde auch Zeit, dass einer den Saustall ausmistet! Fuck #ChinaFH! Alex Kissin @kissalex Kahlschlag der deutschen Wirtschaft gerade noch gestoppt. #PlayboyScholz verrotte in der Hölle! Er scrollte einige Seiten weiter, bevor er das Handy über den Tisch zurückschob und sich vor Abscheu schüttelte. »In was für einer Welt leben wir eigentlich?«, fragte er leise. Sie reagierte mit der Gegenfrage: »Hast du die Zahlen gesehen?« »Die Tausende Retweets und Likes? Sicher, sieht ganz danach aus, als würde das Twitter-Volk jetzt komplett durchdrehen.« »Dieser jury12 scheint die mysteriösen Geschworenen zu repräsentieren. Er – oder sie – hat die Hetze gegen den Lobbyisten orchestriert und ist seither äußerst beliebt. Jury12 hat bereits mehr Follower als der Kanzleramtsminister. Ich muss jury12 finden.« »Viel Glück.« Ein bitteres Lächeln huschte dabei über seine Lippen. Er glaubte nicht daran, dass sie das Geheimnis der Identität von jury12 je lüften würde. »Wenn wir diesen jury12 finden, werden wir auch erfahren, wer die Geschworenen sind und wer wirklich hinter den Morden in Aachen steckt.« Er schüttelte den Kopf. »Manchmal frage ich mich, ob du deinen Beruf verfehlt hast, Julia. Du solltest bei der Polizei arbeiten.« »Um mich mit Kollegen wie diesem Fischer herumzuärgern?«, brauste sie auf. »Da ziehe ich dich und den roten Peter doch lieber vor.« »Vielen Dank auch«, lachte er. »Das ändert aber nichts daran, dass wir deinen Bericht so nicht veröffentlichen werden.« Sie gab noch nicht auf. »Der Zusammenhang zwischen dem Protest gegen die Geheimverhandlungen, den Geschworenen und dem Mord am Lobbyisten Scholz ist doch offensichtlich.« Er wehrte ärgerlich ab. »Soll ich jetzt ernsthaft den Advocatus Diaboli spielen? Es gibt keinerlei Beweise für diesen Zusammenhang, das weißt du. Nein, wir lassen im Moment, und ich betone: im Moment, die Finger von der heißen Kartoffel. Die Hetze im Umfeld der Geschworenen meinetwegen aber kein Wort über das Kanzleramt und den Freihandel mit China. Haben wir uns verstanden? Ich brauche die überarbeitete Version bis elf Uhr.« »Sollten wir nicht wenigstens die Pressekonferenz heute Mittag abwarten?«, warf sie ein. »Wann findet die statt?« »Halb zwei.« Er rümpfte die Nase. »Wir machen es so: Du bereitest alles druckfertig vor bis 1100. Um 1500 habe ich die letzten Änderungen auf dem Tisch oder dein O. K.« Er war der Chef. Übellaunig verließ sie die Sauna, dankbar nur für die kühle, wenn auch abgestandene Luft im Büro. Insgeheim musste sie zugeben, dass seine Vorsicht nicht unberechtigt war. Im Nachrichtenportal kündigte die militante Aktivistin Lotte Engel bereits eine Demo gegen die China-Pläne der Regierung an. Die Veranstaltungen dieses linken Engels zogen nicht nur regelmäßig Tausende Leute an. Sie bargen auch erhebliches Zerstörungspotenzial. Es wäre sicher nicht sonderlich klug, jetzt noch Öl ins Feuer zu gießen. Er hatte recht, wieder einmal, und sie ärgerte sich. Das Zebra hielt kurz inne, um ihren Gemütszustand einzuschätzen. Nicht allzu beunruhigt hielt sie ihr die Schale mit den Schokokeksen hin. Sie lehnte dankend ab. Die Kollegin widmete sich wieder der bedauernswerten Tastatur. Sie selbst begann widerwillig, den Aachener Bericht zu entschärfen. Manchmal wünschte sie sich, beim großen Revolverblatt angeheuert zu haben. Die publizierten zwar häufig Müll, hatten aber wesentlich weniger Hemmungen, die Dinge beim Namen zu nennen. Schlag elf Uhr sandte sie die Mail mit der neuen Version in die Sauna. Martin Brandt zeigte keine Reaktion, was bedeutete, dass er einverstanden war. Sie packte ihren Laptop in die Tasche und verließ die Redaktion. Die Fahrt nach Düsseldorf dauerte zwar keine Stunde, aber sie brauchte frische Luft vor der PK, und die Nudelsuppe im ›Takumi‹ war auch nicht zu verachten. Drei Stunden später wusste sie, dass sie sich die Zeit für die Pressekonferenz im LKA Düsseldorf hätte sparen können. Die Ermittler waren kaum einen Schritt vorangekommen. Ein Zusammenhang der Morde mit den Geschworenen wurde zwar vom Staatsanwalt nicht ausdrücklich verneint aber eben auch nicht zugegeben. Die Fragen und Antworten konzentrierten sich im Wesentlichen auf den Polizisten, den Zeugen zur Tatzeit aus dem Haus des Antiquars Rosenblatt hatten kommen sehen. Ihr Lieblingskommissar Fischer deutete an, es handle sich möglicherweise um den Täter, der sich als falscher Polizist Zugang zu Scholzes Wohnung verschafft hatte. Sie konnte nicht anders, als das Wort zu ergreifen. »Das bedeutet, man kann keinem uniformierten Polizisten mehr trauen, bis der Täter gefasst ist. Wie wollen Sie die Bevölkerung so noch schützen?« Fischers Blicke töteten, aber er blieb die Antwort schuldig, ebenso der Staatsanwalt. Die Pressekonferenz war zu Ende. Potsdam »Dr. Roberts?« Der Mann mit Halbglatze und Schweinsäuglein begrüßte sie mit jovialem Lächeln und kräftigem Händedruck. Chris hatte sich den Makler ganz anders vorgestellt. Die Stimme am Telefon passte zu einem Typen wie George Clooney aber nicht zu ihrem Gegenüber. Was kümmert dich seine Erscheinung? Er war gekommen, um sich das nun leer stehende Elternhaus anzusehen, hatte zudem einen fairen Preis versprochen. Sie wollte das Geschäft so bald wie möglich hinter sich bringen. Zu viele Erinnerungen verbanden sie mit diesem kleinen Haus unweit der Glienicker Brücke. Ging der Verkauf nicht rasch über die Bühne, würde er nie stattfinden, fürchtete sie. Das durfte nicht geschehen, denn weder sie noch ihr Mann Jamie waren in der Lage, sich weiter um das Haus zu kümmern. Jetzt nach dem Tod ihrer Mutter würde es verfallen. Auch das durfte nicht geschehen. »Schön, dass Sie sich die Zeit nehmen können«, sagte der Makler, »sicher nicht einfach in Ihrem Job.« Sie zwang sich zu einem Lächeln. Als Hauptkommissarin beim BKA war sie selbst in der spärlichen Freizeit im Dienst und zwar mit einem Monatsgehalt, das der Makler in einer Woche verdiente, schätzte sie. Augen auf bei der Berufswahl. Trotzdem konnte sie sich keinen besseren Job vorstellen. »Wollen wir dann mal?«, fragte der Makler, da sie reglos vor dem Haus stehen geblieben war, den Blick nach innen gerichtet. Sie entschuldigte sich und schloss auf. Es war ein Haus für Nostalgiker mit kleinen Zimmern und winzigen Fenstern, durch die nur wenig Licht fiel. Ihr Musikzimmer in Dahlem war größer als die Grundfläche des Elternhauses. Dennoch spürte sie, wie der Trennungsschmerz mit jeder Minute stärker wurde. Kaum im Haus, setzte der körperliche Schmerz ein. »Sehen Sie sich ruhig um. Ich muss mich kurz entschuldigen.« Eilig zog sie sich auf die Toilette zurück. Sie brauchte nicht hinzusehen. Die Symptome waren eindeutig. Es klappte wieder nicht. Mit Tränen in den Augen spülte sie das Blut hinunter, zweimal. »Alles in Ordnung?«, fragte der Makler besorgt, als sie zurückkehrte. Er musste ihre geröteten Augen bemerkt haben. Sie nickte, versuchte gar nicht erst zu lächeln. »Konnten Sie sich ein Bild machen?« »In der Tat, und ich muss Ihnen ein Kompliment aussprechen – und ihren Eltern selig. Das alte Haus befindet sich in einem tadellosen Zustand.« »Sie werden es nicht abreißen?« Er verneinte entschieden. »Ich denke, es gibt genug Interessenten, die dieses Objekt zu ihrem neuen Heim machen wollen.« Eine junge, glückliche Familie mit höchstens zwei Kindern, mehr fanden nicht Platz. Es war eine schöne Vorstellung, die sie ein wenig über die erneute Enttäuschung hinweg tröstete. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, weshalb sie in all den Jahren zuvor die Pille genommen hatte, wenn es doch nie funkte. Der Makler streckte ihr die Hand entgegen, um sich zu verabschieden. »Vielen Dank für Ihr Vertrauen, Dr. Roberts. Dann verbleiben wir also wie besprochen.« Damit eilte er zu seinem Lexus. Sie konnte sich nicht erinnern, etwas besprochen zu haben. Nicht wichtig, dachte sie. Wenn sie sich beeilte, würde sie Jamie noch zu Hause antreffen, bevor er wieder zu einer Talkshow oder Podiumsdiskussion in irgendeiner Uni verreiste. Sie hatte den Überblick verloren. Seit seiner bahnbrechenden Arbeit über die Perfektionierung der Genschere CRISPR war er der meistgesuchte Mediziner weit und breit und dauernd auf Achse. Wenigstens lag es nun nicht mehr an ihr, sich für die häufige Abwesenheit entschuldigen zu müssen. Sie traf ein leeres Haus an in Dahlem. Jamies Zettel lag auf dem Küchentisch, der in den Anfängen um diese Zeit nach Feierabend stets festlich gedeckt gewesen war. Roland Koch Institut, lautete die Notiz, love you, Jamie. Die Einladungskarte für die Veranstaltung im RKI Berlin klebte daran. Sie warf den Zettel achtlos wieder hin und blickte sich in der leeren Küche um. Diese Küche, die locker für ein kleines Gourmet-Restaurant reichte, war sein Königreich gewesen. Sie hatte sich jeweils nur hinsetzen und genießen können. Jetzt wirkte sie leer wie ihr Magen. Nichts außer einer Schale mit halb totem Obst stand auf dem Tisch. Seine Musik spielte nicht mehr hier. Sie ahnte jetzt, wie er sich früher bei geregelter Arbeitszeit gefühlt haben musste, als er versuchte, sich an ihr unberechenbares Leben als Kriminalkommissarin anzupassen. Sie nahm einen Apfel aus der Schale, der sich noch einigermaßen fest anfühlte, und stieg die Treppe hinauf. Im Musikzimmer, welches das ganze Dachgeschoss einnahm, holte sie ihr Saxofon aus dem Instrumentenkoffer und legte sich auf die Couch. Lange streichelte sie das goldene ›Senzo‹ in der Hoffnung, die Lust zu spielen würde zurückkehren. Schließlich nickte sie ein. Das Handy weckte sie. Kollege Haases Stimme klang ruhig und entspannt wie immer, als verbrächte er den Urlaub im Büro, nicht das ganze Leben. »Ich fürchte, Sie müssen herkommen, Chef«, meldete er. »Es brennt.« »Ist das nicht eher ein Fall für die Feuerwehr?«, versuchte sie zu scherzen. »Staatssekretär Panzer aus dem Innenministerium wird in den nächsten Minuten erwartet«, erklärte er. »Und Staatsanwältin Winter hyperventiliert«, warf sie ein. »Kann ich mir vorstellen. Bin schon unterwegs.« Musik funktionierte nicht, Arbeit würde womöglich helfen, die Enttäuschungen des Tages schneller zu vergessen. Zudem war Haase nicht nur der brillanteste Fallanalytiker, den sie kannte, er beherrschte auch die hohe Kunst der Baristas. Sein wunderbar cremiger Ristretto war allein schon eine Reise zum Bundeskriminalamt am Treptower Park wert. Unterwegs im Auto ließ sie sich von ihm briefen. Mit einer Tasse seines edlen Gebräus betrat sie wenig später Staatsanwältin Winters Büro, im Kopf die klare Vorstellung, was sie erwartete und was die andern von ihr zu erwarten hatten. Der Unbekannte an Winters Besprechungstisch musste Staatssekretär Panzer sein. Er erhob sich und stellte sich vor, eine unerwartete Geste, die ihre kompromisslose Haltung zu untergraben drohte. Nicht unsympathisch, musste sie zugeben, beinahe schon Kategorie Generalbundesanwalt Osterhagen, dessen Gegenwart sie einige Male in der Vergangenheit verwirrt hatte. »Ich nehme an, das BMI interessiere sich nicht in erster Linie für einen Mordfall in Aachen«, bemerkte sie lächelnd. Staatsanwältin Winter rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, bereit einzugreifen, falls nötig. Sie war die Einzige unter Hochspannung im Raum. Das Gespräch zwischen dem Vertreter des Innenministers und ihr selbst verlief geradezu beängstigend harmonisch. Es lag wohl daran, dass Panzer wie das Ministerium von einer wenig fassbaren Angst getrieben war. Das BMI fürchtete, die durch Proteste in den sozialen Medien und einem Teil der Presse aufgeheizte Stimmung in der Bevölkerung könnte kippen, in Gewalt ausarten und das ganze Land überziehen. »Und jetzt die Morde in Aachen«, sagte Panzer düster. »Der Minister, was sage ich, das halbe Kabinett fürchtet, diese mysteriösen Geschworenen könnten ihre Drohung wahr machen. Klaus Hartmann gibt offen zu, dass die Nerven im Kanzleramt blank liegen.« Vielleicht etwas übertrieben, dachte sie, aber die Gefahr war nicht von der Hand zu weisen. Winter brach ihr Schweigen. »Müsste unter diesen Umständen nicht eher das Justizministerium aktiv werden?« Er stimmte zu, schränkte allerdings ein: »Es ist eine heikle Gratwanderung, wie Sie sich vorstellen können. Noch liegen keine Straftaten vor außer den bedauernswerten Fällen in Aachen. Hetze im Internet und Drohungen auf Transparenten sind weitgehend erlaubt, Meinungsäußerungsfreiheit.« Winter bohrte weiter. Die Staatsanwältin wusste wie Sie, worauf diese Besprechung hinauslief: auf einen politisch delikaten Spezialauftrag. Den wollte die Juristin wenigstens klar umreißen und wenn möglich aufs Machbare beschränken. Chris sah keine Veranlassung, sie daran zu hindern. »Das BMI möchte also die gefährliche Hetzkampagne beenden, das verstehe ich«, sagte Winter. »Bundesanwaltschaft, BKA und vor allem der Verfassungsschutz haben doch aber die Mittel, um in einem solchen Fall präventiv einzugreifen. Weshalb geschieht das nicht?« Panzer nickte lächelnd. »Wer sagt, dass das nicht der Fall ist?« Nach kurzem Zögern fügte er an: »Eine entsprechende Taskforce hat vor zwei Tagen die Arbeit aufgenommen.« Es war an Winter, diese Nachricht mit einem Lächeln zu quittieren, obwohl ihr das nie richtig gelang. Lächeln passte einfach nicht zu ihrem Gesicht. Das Wort Taskforce gefiel Chris ganz und gar nicht. Ihre Gesichtszüge verhärteten sich, als sie fragte: »Was haben wir damit zu tun?« »Gar nichts.« Panzers Antwort kam wie aus der Pistole geschossen, als wüsste er um ihre Allergie gegen Gruppenarbeit aller Art über verschiedene Behörden hinweg. Er betrachtete sie eine Weile, nickte dann schmunzelnd und sagte: »Curd hat mich gewarnt.« Der Name elektrisierte sie. »Osterhagen?«, platzte sie heraus. »Sie sprechen vom Generalbundesanwalt?« »Er hat mich überzeugt, Sie einzuschalten – oder es zumindest zu versuchen.« Winters Gesicht leerte sich. Sie gab die Schlacht verloren. Gegen ihren obersten Chef konnte sie nichts ausrichten. Panzer verlor keine Zeit und beschrieb kurz und präzise, was Bundesanwaltschaft und Innenministerium von ihr erwarteten. Gegen Mitternacht fuhr sie auf der A2 Richtung Westen, den klaren Auftrag im Gepäck, die Geschworenen zu identifizieren. Haases Akte darüber und über die Morde in Aachen lag im Kofferraum. Sie füllte bereits zwei dicke Ordner. Osterhagen würde ihr den Rücken freihalten und sie unterstützen. Daran zweifelte sie keinen Augenblick. Ein Problem stellten einzig die Kollegen vom LKA Düsseldorf dar. Sie konnte sich deren Begeisterung über die Verstärkung aus Berlin lebhaft vorstellen. KAPITEL 2 Wiesbaden Am frühen Morgen fuhr sie direkt zur BKA-Zentrale in Wiesbaden. Hier hatte ihre Karriere als Ermittlerin begonnen, falls man die erlebten Höhen und Tiefen so bezeichnen wollte. Nostalgische Gefühle kamen nicht auf, zu sehr beschäftigte sie die Eiszeit zu Hause. Schlimm genug, dass sie und Jamie sich auseinander lebten, vor allem aber sah sie keine Verbesserung, falls sich beide an ihren Job klammerten. Mit einem leisen Fluch stieß sie die Tür zur Cafeteria auf. Wenn Sie jetzt nichts zwischen die Zähne bekam, würde sie zusammenklappen, bevor sie Uwe gefunden hätte. Telefonisch war der IT-Spezialist, dem sie nachgerade alles zutraute, was entfernt mit Computern zu tun hatte, während der ganzen Nacht nicht zu erreichen gewesen. Uwes abgeschaltetes Smartphone bedeutete nichts Gutes. Sie stopfte rasch ein fast zu Staub zerfallendes Schoko-Hörnchen in sich hinein. Die frischen würden erst in zwei Stunden geliefert, versicherte die Kassiererin mit vorwurfsvollem Blick. Das gebräunte Wasser, das hier als Kaffee verkauft wurde, verhinderte wenigstens den drohenden Erstickungsanfall. Das Großraumbüro, wo Uwe Wolf mit zwei Dutzend anderen Nerds arbeitete, als wäre er einer von ihnen, empfing sie kalt und leer wie ihr Haus in Dahlem. Er war keiner von ihnen. Nicht nur sein IQ unterschied ihn vom gewöhnlichen Volk. Er besaß auch ein paar Eigenschaften, die den Umgang mit ihm nicht eben erleichterten. »Die werden doch nicht wieder alle an einer bescheuerten Sitzung ihre Zeit vertrödeln«, murmelte sie ärgerlich. Schon auf dem Sprung zum Abteilungsleiter, der sie fürchtete wie Uwe fremde Hände auf seiner Tastatur, sah sie, wie eine junge Frau lachend hereinplatzte. Sie erkannte Lena erst auf den zweiten Blick, aufgekratzt, strahlend, in einem geradezu unverschämt entblößenden Trägerleibchen. Aus dem Mauerblümchen am Platz gegenüber Uwes Burgwall aus Bildschirmen war eine junge Frau geworden, die ihr Glück gefunden hatte, wie es schien. »Gott sei Dank, Lena«, grüßte sie schmunzelnd. »Ich dachte schon, die hätten eure IT aus Spargründen dichtgemacht.« Lena erinnerte sich sofort an sie, obwohl die letzte Begegnung knappe zwei Jahre zurücklag. »Chris!«, rief sie überrascht. »Verstecken sich die schweren Jungs wieder im Netz?« Lenas Transformation war vollkommen. Die Frage nach dem Grund lag Chris auf der Zunge, doch sie hielt sich zurück. Der Grund betrat gerade das Büro, wie sie an der leichten Errötung von Lenas sonst schneeweißen Wangen erkannte. »Uwe, rate mal, wer da ist«, rief sie dem Gesuchten entgegen, als hätte er keine Augen im Kopf. Zu ihr gewandt, fügte sie kichernd hinzu: »Ein Pfeiler in der Tiefgarage stand heute Morgen am falschen Platz.« Die Liebe musste noch sehr jung sein, wenn das der Grund für ihre Heiterkeit war. »Hauptkommissarin Chris, wir kennen uns«, sagte Uwe, setzte sich an seinen Platz und schaltete die Monitore ein. Es war seine Art, Freude über das Wiedersehen auszudrücken. Alles hatte sich also doch nicht verändert. Er konnte Small Talk nicht ausstehen oder Redundanz, wie er ihn nannte, also schilderte sie ohne Umschweife, was sie von ihm erwartete. »Sie halten diesen jury12 für den Aachener Mörder?«, fragte Lena, die auch zugehört hatte. Sie schüttelte den Kopf. »Das habe ich nicht gesagt. Im Augenblick gehe ich davon aus, dass die Geschworenen eher die Strippenzieher sind. Sie manipulieren die Leute, heizen die Stimmung auf und betreiben gezielt Mobbing, um missliebige Personen auszuschalten. Bis jetzt haben sie nicht ausdrücklich zu Gewalt aufgerufen, aber das war im Fall des Lobbyisten Scholz offenbar auch nicht nötig.« »Mobbing bis zum Mord«, murmelte Lena nachdenklich, »eine ganz neue Dimension.« Chris verstand nicht viel von Psychologie. Es reichte, um Verhöre zu führen, mehr nicht. Sie konnte sich dennoch gut vorstellen, dass genügend labile Geister im Netz unterwegs waren, die davon träumten, dem Aachener Phantom-Polizisten nachzueifern. Uwe arbeitete konzentriert an seinem Computer. Bald schüttelte er ärgerlich den Kopf. »Auf Anhieb nichts zu machen. Jury12 benutzt das Tor-Netzwerk.« »Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen, Uwe.« Das implizierte Kompliment ließ ihn kalt. Er interessierte sich wie gewohnt nur für die scheinbar unlösbare Aufgabe. Seine Finger tanzten auf der Tastatur wie zu einem up tempo Solo von Wynton Marsalis, bei dem kein Metronom mehr mitkommt. »Es gibt neuerdings ein Hashtag #dieGeschworenen auf Twitter«, verkündete Lena. Chris ließ Uwe arbeiten und wechselte zu Lenas Bildschirmen. Unter dem neuen Hashtag fanden sich schon nahezu tausend Einträge. Nutzer mit Spitznamen wie WeißerHai oder LawAndOrder interessierten sie nicht, Namen, die auf Firmen oder Medien schließen ließen, hingegen schon. Ein Name tauchte immer wieder auf, wie sie rasch feststellte: RuhrStahl. Die Beiträge von RuhrStahl waren professionell verfasst. Sogar die Interpunktion stimmte, die sonst fast gänzlich fehlte. Der Tenor von RuhrStahl war eindeutig: Freihandel mit China ist Teufelszeug. Insofern zeigte man Verständnis mit den Protesten gegen Scholz und das Kanzleramt. »Kein Wunder, fürchten unsere Stahlkocher die Chinesen mit ihren Dumping-Preisen«, sagte sie. »Kann man herausfinden, wer sich hinter RuhrStahl verbirgt?« Lena lachte. »Klar kann ich das – mit einem Gerichtsbeschluss.« »Dauert Tage«, warf Uwe ein, der offenbar mit einem Ohr mithörte. Sie rief Haase an. Eine Stunde später lag die Information in ihrer Inbox. RuhrStahl war das offizielle Kürzel eines Portals, das als Sprachrohr der deutschen Stahlindustrie diente. Als Chefredakteurin zeichnete eine gewisse Nora Schreiber. Haase lieferte ein Dossier über sie als Anhang gleich mit. Sie hatte nun genügend Munition beisammen, um das LKA Düsseldorf heimzusuchen. Uwe arbeitete wie besessen an der Suche nach jury12. Er bekam nicht mit, wie sie sich entfernte, nachdem sie Lena eingeschärft hatte, neue Entwicklungen im Netz unverzüglich zu melden. Gegen Mittag grüßte der Düsseldorfer Rheinturm mit seiner Dezimaluhr von fern. Nach einem Halt beim Gemüse Döner, gut wie zu ihren Zeiten in Wiesbaden, fuhr sie nach Hamm zum Landeskriminalamt. Der alte Kripochef, der mit ihr noch eine Rechnung offen hatte, war wohl inzwischen in Rente, hoffte sie. Trotzdem betrat sie das Gebäude mit der Abneigung, die schlechte Erfahrungen begleitete wie der Geschmack von Blut und Zahnpasta nach der Zahnkontrolle. Das Gefühl täuschte sie nicht. Nach drei Minuten war klar: Der zuständige Ermittler im Fall Aachen, Hauptkommissar Tom Fischer, war eine jüngere Ausgabe des ehemaligen Chefs. Eine gute Eigenschaft besaß er allerdings. Er sprach offen aus, was er dachte. Das hörte sich zwar meist nicht gut an aber besser so als in den Rücken schießen, sagte sie sich. Ihre Taktik der Deeskalation fruchtete nicht. Während sie nüchtern den Fragenkatalog abarbeitete, gab er ihr mit jeder Antwort zu verstehen, ihr Einsatz in Düsseldorf wäre so überflüssig wie Fußschweiß. Außer dem jungen Kriminalassistenten Becker fanden das alle im Büro amüsant. Becker musste sie sich merken. Sein rotes Kraushaar blendete wie die grünen Augen, als wollte er sie für ein Fotoshooting ausleuchten. Ungefähr eine halbe Stunde spielte sie Fischers Spiel mit, dann riss ihr Geduldsfaden. »Ich möchte jetzt die Befragungs-Protokolle der diensthabenden und vor allem der dienstfreien Polizisten zur Zeit der Morde in Aachen sehen«, verlangte sie. Das Ansinnen schien ihn zu überraschen. Zum ersten Mal schwieg er betreten. Sie legte nach: »Und wir müssen dringend mit den Sympathisanten der Geschworenen sprechen, allen voran Nora Schreiber von RuhrStahl.« Er betrachtete sie, als spräche sie plötzlich Chinesisch, dann stieß er einen leisen Fluch aus und knurrte: »Wie wäre es, wenn Sie uns einfach unsern Job machen ließen, statt ihn uns zu erklären?« »Haben Sie Ihren Job denn gemacht? Haben Sie die dienstfreien Kollegen alle befragt?« »Meine Partnerin ist dran, was glauben Sie denn?« Die grünen Augen behaupteten das Gegenteil, falls sie die Blicke richtig deutete. Es sah nicht gut aus für die Zusammenarbeit mit Fischer. Darin waren sie sich wohl einig. Cool bleiben wäre angezeigt, aber an Tagen wie diesem schaffte sie es nicht. Sie wollte nur noch dafür sorgen, dass er bei der Suche nach den Geschworenen nicht störte. »Es gibt ja hier offensichtlich noch viel zu tun«, sagte sie. »Mein Auftrag lautet, die Geschworenen zu identifizieren. Ich werde Sie also nicht weiter belästigen bei der Suche nach dem Phantom-Polizisten.« Er wandte sich kommentarlos ab. »Können wir uns darauf einigen?«, rief sie ihm nach. »Sie das Phantom, ich die Geschworenen, und wir informieren uns laufend gegenseitig.« Die Geste, mit der er antwortete, konnte alles Mögliche bedeuten. Sie interpretierte sie als ein Ja. Zu den grünen Augen gewandt, fragte sie nach dem Bericht der KTU. Die Techniker hatten zwar gründliche Arbeit geleistet, doch etwas fehlte. »Wurde der Stein nicht untersucht, mit dem der Zettel bei Scholz beschwert war?« »Doch!«, betonte Becker eifrig. »Die KT hat weder Fingerabdrücke noch DNA daran gefunden. Das muss im Bericht stehen.« Sie schüttelte den Kopf. Dabei lächelte sie beschwichtigend. »Das meine ich nicht. Ich habe nirgends einen Hinweis auf die Herkunft des Steins gefunden.« Nun blickten sie die grünen Augen ebenso ratlos an wie Fischer, als sie Nora Schreiber erwähnte. Sie klärte den Kriminalassistenten auf: »Die physikalische und chemische Zusammensetzung eines Gesteins ist manchmal eindeutig wie ein Fingerabdruck. Wenn wir wissen, woher der Stein stammt, gibt uns das vielleicht einen Hinweis auf den Täter.« »Jawoll!«, rief er aus und griff wie elektrisiert zum Telefon. Sie zog sich schmunzelnd auf ihren temporären Arbeitsplatz im Besprechungszimmer zurück. Nora Schreiber war unter keiner Kontaktadresse in Haases Dossier erreichbar. Die Mail an die Online-Redaktion des Portals wurde automatisch mit einer Abwesenheitsmeldung beantwortet. Bei dringenden Anliegen kontaktieren Sie bitte meinen Stellvertreter … Der Stellvertreter bestätigte es. Nora Schreiber befand sich auf Geschäftsreise in Übersee. Chris war versucht, Schreibers Handynummer ermitteln zu lassen, verzichtete jedoch darauf. Sie hatte zu wenig in der Hand, um sie dringend vorzuladen. Im Dossier fand sie einen anderen interessanten Kontakt. Der Stahlbaron Nils Bergmann aus Bochum finanzierte offenbar Schreibers Online-Redaktion praktisch im Alleingang. Wer zahlt, befiehlt. Sie rief im Hauptsitz seiner Firmengruppe an. Es dauerte eine geschlagene halbe Stunde, bis sie von seinem Anwalt erfuhr, dass der CEO seit zwei Wochen in Südamerika weilte und noch weitere drei Wochen dort bleiben würde. Sie verzichtete darauf, ihre Fragen dem Anwalt zu stellen und legte frustriert auf. Kaum begonnen, stockten ihre Ermittlungen. Es war das altbekannte Phänomen, mit dem sie sich nie abfinden würde. Wenigstens sprach bisher nichts gegen ihre Vermutung, der Schlüssel zu diesem Fall läge irgendwo in dieser Ecke des Landes. Becker brachte ihr die Protokolle der bisherigen Befragungen, obwohl sie im Grunde nichts mehr mit der Suche nach dem Phantom am Hut hatte. »Vielleicht entdecken Sie etwas, was wir übersehen haben«, sagte er. So etwas konnte nur aus dem Mund eines Azubis kommen. Sie nahm die Akten dankbar lächelnd entgegen, obwohl sie nicht daran dachte, sie wirklich zu lesen. »Es gab gestern eine erste Pressekonferenz, habe ich gehört.« Becker nickte. »Das Bulletin liegt auch bei den Akten.« Bevor er das Zimmer verließ, drehte er sich nochmals um und bemerkte: »Es lohnt sich nicht, den Wisch zu lesen, wenn Sie mich fragen. Der Artikel in der Abendzeitung gibt mehr her.« Ihr Augenaufschlag genügte, um ihn zur Eile anzutreiben. Sekunden später lag die Zeitung, die sie auf Fischers Pult gesehen hatte, auf ihrem Tisch. Der erste Blick auf den Bericht über die Aachener Morde bestätigte Beckers Behauptung. »Wer ist ›jh‹?«, fragte sie. Sie erhielt keine Antwort. Becker hatte sich in Luft aufgelöst. Kurz entschlossen rief sie die Redaktion der Abendzeitung an. Nachdem der Termin vereinbart war, schwebte ihr Daumen einige Male über dem Kontakt Uwe auf dem Smartphone. In Wiesbaden herrschte Funkstille. Es fiel schwer, nicht anzurufen. Der IT-Guru würde sich auch von ihr nicht unter Druck setzen lassen. Er übte selbst den größten Druck auf sich aus, hatte jetzt wahrscheinlich kaum mehr einen Blick für seine Lena übrig. Sie fragte sich, wie die junge, frisch verliebte Frau das aushielt, und bewunderte sie dafür. Gegen die Beziehung mit einem Partner mit autistischen Zügen war ihre Ehe mit Jamie wahrlich ein Sonntagsspaziergang. Trotzdem klappte es nicht. Es lief gerade an allen Fronten nicht gut. Zweckoptimismus konnte nicht darüber hinwegtäuschen. Haases Kaffee vielleicht, aber der war so unerreichbar wie der mysteriöse jury12. Aus purem Trotz studierte sie Beckers Akten bis tief in die Nacht hinein und las den Artikel in der Abendzeitung ein zweites und drittes Mal, bis sie ihn auswendig kannte. Die unruhige Nacht im Hotel war kurz und wollte doch nicht enden. Gegen zehn Uhr fuhr sie endlich am Autobahnkreuz Neuss-Süd auf die A57 Richtung Köln. Der Chefredakteur Martin Brandt von der Abendzeitung hatte dem Termin um elf auf ihr Drängen zugestimmt, widerwillig. Aufgrund des Artikels ging sie davon aus, dass der Autor jh über Hintergrundinformationen verfügte, die Kollege Fischer fehlten. Die Redaktion war im Moment ihre einzige Hoffnung, einen Schritt voranzukommen. Köln Sie stellte den Wagen beim Kölner Rathaus ab und ging die letzten paar Schritte zu Fuß. Zehn Minuten zu früh stand sie vor der Tür der Redaktion. Eine Blondine etwa in ihrer Größe mit mädchenhafter Figur und Handy am Ohr überrannte sie beinahe auf ihrem Weg zur Toilette. »Gute Idee«, murmelte sie und folgte ihr. Die junge Frau hatte sich in einer Kabine eingeschlossen, um zu telefonieren. »Was glauben Sie, wer Sie sind?«, warf sie dem unbekannten Teilnehmer am andern Ende an den Kopf. »Wofür halten Sie sich, verdammt noch mal? Wir leben in einem Land mit freier Presse, und was ich schreibe, stimmt bis aufs letzte Komma.« Eine kurze Pause entstand. Chris hätte zu gern gehört, was der Gesprächspartner entgegnete, blieb unwillkürlich stehen und lauschte. »Hätten Sie wohl gern«, rief die Blondine aus, »und wenn Sie mein Text das nächste Mal stört, kommen Sie direkt zu mir, statt meinen Chef zu belästigen.« Das Schloss knackte, die Tür flog auf und wieder verfehlte sie die wütende Frau nur um Haaresbreite. Beide erschraken gleichermaßen, aber die Zunge der andern Blondine saß lockerer. »Was stehen Sie hier herum?«, fauchte sie. »Verfolgen Sie mich?« Schon riss sie die Tür zum Flur auf, dass sie hart an die Wand krachte. Chris hörte sie nur noch schimpfen: »Scheiße! Darf doch nicht wahr sein!«, dann fiel die Tür zu. Perplex starrte sie ihr nach. Was für ein reizender Käfer, war das Erste, was ihr zum Vorfall einfiel. Zudem hinterließ die Frau einen zarten Duft, den sie auch gerne verbreiten würde. In Martin Brandts Glaskubus in der Ecke der Lokalredaktion roch es strenger. Der Chef schwitzte. Er grüßte sie ohne Begeisterung. Dass er sitzen blieb, störte sie nicht. Sie hatte die Krücken am Boden hinter dem Sessel wohl bemerkt. »Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie wir Ihnen bei der Aufklärung dieses Falles helfen können«, begann er. Sie verzichtete darauf, ihm den feinen Unterschied zwischen den Mordfällen des LKA und ihrer Aufgabe zu erklären. »Erzählen Sie mir einfach alles, was Sie über die Opfer und die Kampagne im Netz wissen, die in Ihrem Bericht ja auch erwähnt wird«, antwortete sie stattdessen. »Sie sprechen von Julias Bericht in der gestrigen Ausgabe, nehme ich an.« Julia, ›jh‹! Sie spürte ein Kribbeln im Nacken. »Julia?«, fragte sie. »Julia Hahn hat den Bericht verfasst. Sie war vor Ort am Abend der Tat.« »Umso besser. Wo finde ich sie?« Er deutete zur gegenüberliegenden Wand des Büros. Die Blondine! Wieder sträubten sich ihre Nackenhaare, ohne zu verraten, weshalb. »Gut«, sagte sie gedehnt, »in dem Fall muss ich Sie nicht länger von der Arbeit abhalten. Ich wende mich an Frau Hahn.« Er nickte stumm. Beim Verlassen des Glashauses hörte sie ihn warnen: »Vorsicht, sie steht gerade etwas unter Strom.« »Habe ich bemerkt.« Julia Hahn kroch fast in ihren Bildschirm, nur um sie nicht ansehen zu müssen. Chris stellte sich vor, legte ihre Visitenkarte auf den Tisch und fügte schmunzelnd an: »Jetzt verfolge ich Sie doch noch.« Der reizende Käfer betrachtete erst das Kärtchen eingehend, dann sie. Als sie die Nase rümpfte, passte ihr Gesicht noch besser zu den frechen Strähnen der Pixie-Frisur auf der Stirn. »Kriminalhauptkommissarin«, las sie laut. »Schickt Sie dieser elende Fischer?« Chris lachte laut heraus über die unerwartete Frage. »Hauptkommissar Fischer vom LKA meinen Sie?« »Genau den.« »Da sind wir ja schon zwei.« »Wie meinen?« »Darf ich mich setzen?« Julia Hahn deutete auf den leeren Sessel des Pults nebenan. »Ich mag Tom Fischer auch nicht besonders«, erklärte Chris lächelnd. »Ich hasse ihn!« »Was hat er Ihnen angetan?« Da Julia Hahn zögerte, ergänzte sie: »Damit kein Missverständnis aufkommt: Fischer schickt mich nicht.« Bevor sie die erste Frage stellen konnte, stand Julia auf mit dem Seufzer: »Ich muss mal raus hier, und ich habe Hunger. Was dagegen, dass wir uns im Café unterhalten?« »Kein Einspruch.« »Das Funkhaus befindet sich gleich um die Ecke.« Sie folgte der eleganten Erscheinung, immer noch leicht irritiert von ihrem Duft. Der reizende Käfer musste vergeben sein. Anders konnte sie sich die respektlose Gleichgültigkeit der männlichen Kollegen bei ihrem Abgang nicht erklären. Kein einziger starrte Julia auf den Hintern. In der spiegelnden Tür zum Flur erkannte sie den Grund. Sie fixierten alle ihren eigenen Po. Männer. Sie fanden eine Ecke im Café, wo sie sich einigermaßen ungestört unterhalten konnten. »Ich nehme die Tortelloni«, sagte Julia zur Bedienung ohne einen Blick auf die Karte. Chris entschied sich fürs erste leichte Gericht, das sie entdeckte, einen Salat mit Ziegenkäse. »Keinen Halven Hahn, Frau Hahn?«, fragte sie spöttisch. »Gibt›s hier nicht. Sie sprechen Kölsch?« »Ich trink’s lieber hin und wieder«, antwortete sie lachend. »Stimmt, unseren Dialekt kann man trinken.« Nach einem Schluck Wasser und dem ersten Ganzkörper-Scan mit ihren Rehaugen, wie Chris verwirrt feststellte, kam Julia zur Sache. »Also, was wollen Sie von mir wissen, Kommissarin?« »Einfach Chris. Erzählen Sie mir alles, was Sie über die Geschworenen recherchiert haben.« Überrascht beobachtete sie, wie Julias Gesichtszüge sich entspannten. Der latente Weltschmerz wich aus ihren Augen und ein Lächeln umspielte ihren Mund. »Schön, dass sich endlich jemand von der Polizei dafür interessiert«, sagte sie. »Ihr Kollege Fischer wollte nämlich gar nichts von den Geschworenen wissen, als ich ihn danach fragte.« »Aus ermittlungstechnischen Gründen nehme ich an«, entgegnete sie vorsichtig. »Papperlapapp. Er führt einfach seinen Privatkrieg gegen die Presse, haut lieber bei Martin auf den Tisch, statt mit mir zu sprechen.« »Das war ja nicht zu überhören«, warf sie schmunzelnd ein, um Julias neu aufkeimenden Ärger zu dämpfen. »Worüber hat sich Kollege Fischer denn beschwert? Mir ist jedenfalls nichts Anstößiges aufgefallen in Ihrem Bericht.« Julia zögerte, sah ihr in die Augen, fand auch nichts Anstößiges darin und beantwortete die Frage. »Es geht um Stein, denke ich.« »Welchen Stein?«, fuhr sie überrascht auf. Wie konnte die Presse vom Stein auf dem Zettel der Geschworenen Wind bekommen haben? In Julias Artikel stand nichts davon. »Stein Communications, John Steins PR-Agentur.« »Ach so.« Im Bericht war nur von der bekannten Kölner PR-Agentur die Rede. Die wäre spezialisiert auf kompromisslose Kampagnen im Netz unter anderem im Auftrag der Automobilindustrie. Die Tweets der Geschworenen wiesen verblüffende Parallelen auf zu diesem professionellen Vorbild. Chris fand es gewagt, diese Parallele im Bericht aufzuzeigen, aber Julia lieferte eindrückliche Beispiele, welche die These belegten. »Steins Agentur dient also als Vorbild für die Kampagne der Geschworenen?« Julia nickte. »Alles deutet darauf hin.« Sie schaufelte mit Heißhunger eine Gabel Tortelloni in den Mund, bevor sie weiterfuhr. »John Stein ist ein skrupelloser Geschäftsmann. Jeder in dieser Region weiß das. Seine Kampagne gegen strengere Normen für Feinstaub war grenzwertig. Befürworter kamen sich am Ende vor wie Mörder von Bauern und Totengräber des Transportgewerbes.« »Stein war das also«, murmelte Chris nachdenklich. »Sie vermuten aber noch mehr hinter dem gleichartigen Vorgehen.« Julia zuckte die Achseln, räumte den Teller leer und wischte sich den Mund ab. »Meine Vermutungen stehen hier nicht zur Diskussion. Wenn ich Beweise hätte für eine Verbindung zwischen Steins Agentur und den Geschworenen, stünde das im Bericht. Darauf können Sie sich verlassen.« Chris beobachtete ihr Mienenspiel genau. Es gab keinen Anlass, ihrer Aussage nicht zu trauen. Dennoch schärfte sie ihr ein: »Wenn Sie mehr über die Geschworenen wissen, müssen Sie es mir sagen, Julia …« »Sonst mache ich mich strafbar, blabla, ich weiß. Das ist alles. Ich frage mich nur, weshalb das LKA so ein Geheimnis macht um die Geschworenen. Fragen dazu werden nicht beantwortet, auch nicht an der Pressekonferenz.« Chris blieb die Antwort schuldig. Im Moment war nicht mehr aus der Journalistin herauszuholen, schloss sie. Nach dem Essen verabschiedete sie sich rasch, obwohl sie gerne mehr über Julia erfahren hätte. Die Frau faszinierte sie. Das versetzte sie in eine überraschend gute Stimmung auf der Fahrt zurück nach Düsseldorf. Die Stunde Fahrzeit reichte, um alles aufzusaugen, was Haase über John Stein und seine PR-Agentur in Erfahrung bringen konnte. Als sie den Wagen auf den Parkplatz des Landeskriminalamtes fuhr, glaubte sie, den Grund zu kennen, weshalb sich Fischer gegen jede Anspielung auf Steins Agentur im Zusammenhang mit dem Fall verwahrte. Fischer und Stein waren alte Kumpels und seit Langem Mitglieder im selben Schützenverein. Köln Was hatte die Berliner Kommissarin an sich, dass sie ihr nicht mehr aus dem Kopf ging, fragte sich Julia. Es fiel ihr schwer, sich nach dem Essen im Funkhaus wieder auf die Arbeit zu konzentrieren. Obwohl sie im Grunde nur kurz miteinander gesprochen hatten, fühlte sie sich mit Chris verbunden, als wären sie alte Bekannte, bereit, gemeinsam durch dick und dünn zu gehen. Bereit, den Fall der Geschworenen gemeinsam zu lösen? Was bildete sie sich ein? Chris war sicher eine erfahrene Ermittlerin des Bundeskriminalamts. Das BKA besaß alle Ressourcen, um diesen Hetzern auf die Spur zu kommen, sie verfügte nur über Internet, ein paar gute Beziehungen und Intuition. Verbissene Entschlossenheit gehörte auch dazu, aber das galt auch für Chris. Die Frau gab ihr mehr Rätsel auf, je länger sie über sie nachdachte. Wie konnte so ein sinnliches Mädchen – das war sie, keine Frage – den harten Job in der höchsten Mordkommission der Republik aushalten? Eines Tages müsste sie genau diesem Widerspruch auf den Grund gehen. Sorgsam, als wäre sie zerbrechlich, steckte sie die Visitenkarte der Kommissarin, die noch immer auf dem Tisch lag, in die Brieftasche. Martins Krücke pochte an die Scheibe der Sauna. Er winkte sie herbei. »Was hast du ihr gesagt?«, fragte er im väterlichen Ton, den er gewöhnlich benutzte, wenn sie allein waren. Sie zuckte die Achseln. »Eigentlich nichts, die Wahrheit.« Er wartete mit lauerndem Blick. »Nichts über den Freihandel, falls du das fürchtest.« Er schüttelte ärgerlich den Kopf. »Ich fürchte nicht einmal das Kantinenfutter, wie du weißt. Ich will bloß nicht den Ruf des Blattes als seriöse Presse verspielen, indem wir Spekulationen verbreiten. Verstehst du das?« Sie dachte an Chris und lächelte entspannt. Der Trick erwies sich als todsichere Methode, um Stress abzubauen, was sie noch mehr erheiterte. »Mache ich Witze?« »Entschuldige, es gibt wirklich keinen Grund zur Sorge, Martin. Sie wollte wissen, weshalb ich so ausgerastet bin nach Fischers Anruf bei dir.« »Das wüsste ich allerdings auch gern. Wir beide kennen Kommissar Fischer doch lange genug, um zu wissen, was wir ernst zu nehmen haben und was nur heiße Luft ist.« »Wenn das nur heiße Luft war, warum sagst du es mir dann überhaupt?« Sie war nun doch im Begriff, sich wieder aufzuregen. »Weil wir uns vertrauen, Julia, ohne Einschränkungen.« Die Antwort gefiel ihr, was den Ärger über Fischer allerdings nicht verminderte. »Etwas an ihm treibt mich einfach jedes Mal zur Weißglut«, sagte sie wie zu sich selbst. »Fischer? Denk an etwas Schönes beim nächsten Interview.« Sie kannte jetzt eine Methode. »Ich werde es versuchen. Was mich aber schon wundert, ist seine Beziehung zu John Stein. Weshalb regt er sich so auf, weil wir die PR-Agentur erwähnen?« Martin zuckte die Achseln. »Ich denke, das interessiert uns im Augenblick nicht. Der Fokus bleibt auf den zu erwartenden nächsten Zügen der Geschworenen.« »Klar, Chef.« Sie wandte sich zum Gehen. »Haben wir uns verstanden?«, fragte er zur Sicherheit. Er misstraute jedem Satz, den sie mit Chef abschloss, und das üblicherweise mit gutem Grund. »Klar, Martin«, antwortete sie lächelnd, um ihn zu beruhigen. Sie setzte sich an den Computer, um die Tweets zu #dieGeschworenen nochmals genau anzusehen. Eine Stunde lang vergaß sie alles um sich herum, versunken im Netz, einer Parallelwelt, die für viele Menschen zur einzig maßgebenden Wirklichkeit geworden war. Der Anruf aus der Kita schreckte sie auf. Solche Anrufe waren die schlimmsten. Die Hand zitterte, als sie auf Empfang drückte. »Ist was mit Tim?«, fragte sie kaum hörbar. »Mama!« »Gott sei Dank! Tim, geht es dir gut?« Er war schon wieder weg. An seiner Stelle meldete sich die Betreuerin. »Frau Hahn, guten Tag. Keine Angst, es ist alles in Ordnung. Ich wollte Sie nur informieren. Emma hat angerufen. Ist es O. K., wenn sie Tim mit in den Zoo nimmt? Er freut sich …« Tim, der Schreihals, unterbrach sie: »Wir besuchen die Affen!« Ein wohliger Schauer durchrieselte ihren Körper. Tims Welt war noch in Ordnung, obwohl – die Affen sahen das vielleicht anders, aber das war ein ganz anderes Thema. Sie gab ihre Zustimmung und widmete sich der Arbeit mit neuem Schwung. Dieser Hashtag führte nicht weiter. Sie klickte auf den Link, der zum Benutzer juri12 führte, dem Wortführer der Geschworenen. Warum war ihr das nicht früher eingefallen? Schon im dritten Post von juri12 fand sie einen Link auf die Webseite mit der Überschrift Die Geschworenen – für Gerechtigkeit und Ordnung. Ein Ausruf der Überraschung entschlüpfte ihr. Der rote Peter sah kurz auf, schnitt eine Grimasse und hieb wieder auf die Tastatur ein. Der Hashtag #dieGeschworenen fehlte ausgerechnet in dieser Meldung, deshalb hatte sie die Webseite bisher nicht gefunden. Als hätte sie eine Geheimtür zu einer unbekannten Welt aufgestoßen, betrachtete sie die Seite auf dem Bildschirm sekundenlang. »Heilige Scheiße«, murmelte sie leise und sprang auf. Sie brauchte etwas Süßes zwischen die Zähne. Die Tortelloni waren vergessen, Zeit für die längste Praline der Welt. Die Webseite erweckte einen durchwegs professionellen Eindruck und verblüffte mit dem Design. Sie kannte diesen Aufbau und die benutzten grafischen Elemente. Die Seite der Geschworenen sah aus wie eine Seite aus dem Web-Auftritt der PR-Agentur Stein. »Also doch!«, murmelte sie grimmig lächelnd. »Was meinst du?«, fragte das Zebra. Die Sitznachbarin war unbemerkt vom Außeneinsatz zurückgekehrt. Sie wiegelte ab. »Nichts. Alles im grünen Bereich.« Die Zeit bis zur abendlichen Redaktionskonferenz reichte knapp, um die wichtigsten Informationen dieser Webseite, die in Wirklichkeit über fünfzig Seiten umfasste, zusammenzustellen. Sie druckte ein paar krasse Texte aus, bevor sie sich ins Sitzungszimmer begab. Die Berichte und Aufhänger der andern Ressorts interessierten sie kaum. Gedankenverloren wartete sie auf ihren Einsatz. »Julia, Neues von den Geschworenen?«, fragte Martin endlich. Ein Adrenalinschub versetzte ihre Sinne in Alarmbereitschaft. Sie brachte den Knüller für die morgige Ausgabe. Den würde sie sich nicht nehmen lassen. Es war ihr großer Auftritt. Sie schilderte die Entdeckung kurz und nüchtern. Theatralik war unnötig. Die Texte und die ganze Atmosphäre von Law and Order und hemmungsloser Selbstjustiz unterstrichen deutlich genug, mit wem sie es bei den Geschworenen zu tun hatten. »Nur schon der Name: die Geschworenen. Was für ein Haufen Spinner!«, schimpfte Martin nach einer Weile betretenen Schweigens. »Ich denke, Spinner trifft es nicht, Martin«, widersprach sie. »Diese Leute sind gebildet, was man an der Ausdrucksweise erkennt, und fanatisch. Deshalb halte ich sie für brandgefährlich.« »Sie sind trotzdem Spinner«, wagte der rote Peter einzuwerfen, »akademische Spinner. Von denen gibt›s ja genug heutzutage, wo jeder Depp an der Uni landet.« Selbstkritik?, dachte sie schmunzelnd. Die eigentliche Sensation hob sie sich bis zum Schluss auf. »Stellenweise lesen sich die Texte wie Gerichtsprotokolle«, fuhr sie fort. »Das sieht man schön an der Akte Scholz.« Alle Augen hingen an ihren Lippen. »Ihr habt richtig gehört. Es gibt eine umfangreiche Akte über das Aachener Opfer Albrecht Scholz auf der Webseite. Darin wird peinlich genau nachgewiesen, welche Verfehlungen sich der ehemalige Lobbyist in Brüssel geleistet und weshalb er versagt hat. Es läuft darauf hinaus, dass Scholz das Lotterleben eines Tunichtguts und Playboys geführt habe, statt Dampf zu machen für ein Freihandelsabkommen der EU mit China, woran insbesondere die Autoindustrie ein vitales Interesse hat. Nach Ansicht der Geschworenen hat Scholz also komplett versagt. Das steht in der Urteilsbegründung. Das Urteil lautet denn auch: schuldig. Darunter steht das Motto, das die ganze Webseite prägt: Wir kriegen euch alle.« Nach einer Schrecksekunde begannen die Kollegen, wild durcheinander zu sprechen. Sie beobachtete verstohlen Martins Mienenspiel. Da hatte er die Verbindung mit dem heiklen Thema Freihandel. Die Enthüllung machte ihm zu schaffen. Er kämpfte mit sich. Es war nicht zu übersehen. Schließlich klopfte er energisch mit der Krücke auf den Boden. Sofort kehrte Ruhe ein. Gewonnen!, wusste sie, bevor er den Mund öffnete. »Leute, das wird unser Aufhänger«, sagte er. »Julia, zu mir!« Sie war gut vorbereitet. In der Sauna erläuterte sie ihm rasch die Struktur des geplanten Leitartikels. Sein einziger Einwand betraf die Stellen, die als peinlich oder gar beschämend für die Ermittler des LKA interpretiert werden könnten. Sie einigten sich auf einen Kompromiss, mit dem auch ein Tom Fischer leben konnte, ohne eines Nachts mit vorgehaltener Pistole in ihrem Schlafzimmer aufzutauchen. Chris würde auch ihr Fett weg bekommen, da die Presse offenbar mehr über die Geschworenen wusste als das BKA. Sie fühlte sich wie eine Verräterin dabei. »Ich denke, wir müssen das BKA nicht unbedingt erwähnen«, versuchte sie sich zu beruhigen. Martin überlegte, stimmte dann zögernd zu. »Einverstanden, es genügt, dass die selbst merken, wer da versagt hat.« Sie verließ den Glaskubus mit einem inneren Stoßseufzer. Kaum am Arbeitsplatz, stand der rote Peter auf, sein Spielzeug-Megafon in der Hand. »Alle mal herhören«, brüllte er. »Die Aktivistin Lotte Engel hat für Samstag zu einer Demo gegen Freihandel und Globalisierung vor dem Reichstag aufgerufen. Alle Infos darüber bitte sofort an mich. Ich werde vor Ort berichten.« Die Lage spitzte sich gefährlich zu. Mit ihrem Leitartikel würde sie Öl ins Feuer gießen, aber das ließ sich nicht vermeiden. Es war ihre Pflicht als Journalistin, die Leser umfassend zu informieren. Wie würden die Geschworenen reagieren? Lobbyist Scholz lebte nicht mehr, weil er zu wenig für die Automobilindustrie getan hatte. Lotte Engel als berüchtigte Linksaktivistin war eine radikale Gegnerin von Freihandel aller Art. Sie hatte an vorderster Front gegen CETA und TTIP gekämpft. Julia fröstelte beim Gedanken, jetzt in Engels Haut zu stecken. Bevor sie zu schreiben begann, kehrte sie zum Hashtag #dieGeschworenen zurück. Der erste neue Tweet versetzte ihr den vierten heftigen Adrenalinschub des Tages nach Chris, der Kita und der Redaktionssitzung. Ein neuer Benutzer trat auf, dessen Name nichts Gutes verkündete: das Phantom. Das Phantom @phantombulle Hat sich schon mal jemand gefragt, wer die Urteile vollstreckt? #dieGeschworenen richten, das Phantom schießt. Das Phantom @phantombulle So einfach ist das Leute. Ihr dürft mir gratulieren. Bernd der Elf @berndeckstein23 Lol! #dieGeschworenen werden sich bedanken für Aufschneider wie dich, @phantombulle! Lächerlich und peinlich. Rosa Brille @diebrillenschlange Echt jetzt! Hört auf, #dieGeschworenen zu verarschen. Die sorgen für Ordnung und das ist gut so. Klappe, @phantombulle! Das Phantom @phantombulle Beweis: Auf dem Zettel unter dem Stein bei der Leiche von #PlayboyScholz steht: Wir kriegen euch alle #dieGeschworenen. Fragt die Bullen. Die Geschworenen @jury12 #dieGeschworenen stellen fest: @phantombulle hat Täterwissen. Die Nachricht bei der Leiche stammt von unserer Webseite. Sie traute den Augen nicht, und sie war nicht die Einzige. Sie sah es am Zeitstempel der nächsten Nachrichten. Auf die Enthüllung des Phantoms folgte eine längere Pause. Die Netzgemeinde reagierte ebenso verblüfft wie sie. Dann überstürzten sich die Meldungen. Sie war versucht, Chris sofort anzurufen. Bei anderen Beamten des Polizeiapparates hatte sie dieses Verlangen nie gespürt. Das Telefon in der Hand, besann sie sich im letzten Augenblick anders. Chris und ihr Team mussten die Enthüllung auch gelesen haben. Im Unterschied zu ihr würden BKA und LKA allerdings nicht darüber berichten. Eine Weile verfolgte sie die aufgeregten Reaktionen im Netz. Die anonyme Diskussion driftete schnell ab vom Motiv des Urteils, das sie auf der Webseite der Geschworenen entdeckt hatte, und konzentrierte sich auf das Phantom. Zwei Lager bekämpften sich verbissen, wobei die Gegner von Selbstjustiz, wie sie das Phantom offenbar betrieb, bald unterlagen. Lob, Unterstützung und Ansporn für das Phantom gewannen Oberhand. Die Emotionen schaukelten sich gegenseitig hoch und zwar in einem buchstäblich mörderischen Tempo. Ein beklemmendes Gefühl beschlich sie. Am liebsten hätte sie den Computer abgeschaltet, um Tim und Emma vom Zoo abzuholen. Die Suche nach dem nächsten Tweet von juri12 hinderte sie daran. Lange wartete sie vergeblich auf eine Reaktion der Geschworenen, während sie den Artikel zu schreiben begann. Die Geschworenen blieben stumm. Berlin »Ich kann den Scheiß nicht lesen«, schimpfte der Herr auf dem Rücksitz der Limousine. »Fahren Sie näher ran.« Der Fahrer zögerte. »Das könnte gefährlich werden, Herr Minister.« Bundesernährungsminister Hannes Lang wischte sich den Schweiß von der Stirn und krempelte die Ärmel hoch wie im früheren Leben vor dem Betreten des Stalls. »Unsinn«, entgegnete er ärgerlich. »Das ist freie Meinungsäußerung, und ich will wissen, was die Leute zu sagen haben.« »Wie Sie wünschen, Herr Minister.« Eine ansehnliche Menschenmasse strömte trotz Nieselregen an diesem Samstagmorgen durch Berlin zum Regierungsviertel. Je näher die Glaskuppel des Reichstags rückte, desto gefährlicher wurde die Fahrt. Demonstranten skandierten dicht gedrängt ihre Slogans, ohne auf den Verkehr zu achten. Es ging nur im Schritttempo voran, wollten sie nicht Gefahr laufen, Leute über den Haufen zu fahren. »Näher geht nicht«, meldete der Fahrer. Der Minister öffnete das Seitenfenster einen Spaltbreit, um zu hören, was das Volk bewegte. »Freihandel – Mordsschwindel!«, rief die Menge im Sprechchor immer wieder. »Mordsschwindel«, wiederholte er lachend. Der Rhythmus passte zu Freihandel, der Inhalt weniger. Als Schwindel würde er das geplante Abkommen nicht bezeichnen, eher als Katastrophe. Es musste verhindert werden. Da stimmte er den Demonstranten zu. Der Zug stoppte. Der Fahrer musste anhalten. Aus dem Nichts flatterte ein rotes Flugblatt durch den Spalt in den Wagen. Es enthielt eine Auswahl der Sprüche auf den Transparenten. Stoppt den Wahnsinn – Freihandel nein danke! Kein Profit durch Kinderarbeit! Globalisierung nützt nur Millionären! Deutschland ausbluten durch Billigimporte? China killt unsere Industrie! Wollt ihr giftiges Gemüse? Der Link zu Lotte Engels Webseite rahmte die Weisheiten fett gedruckt oben und unten ein. Schmunzelnd schloss er das Fenster, um den Lärm zu dämpfen. Er griff zum Telefon, um das Sekretariat zu warnen. »Im Moment stecke ich in der Demo fest. Wird wohl etwas später. Wir müssen wenden und einen Umweg fahren.« Es war zugleich das Zeichen für den Chauffeur, der die Anweisung mit dem zufriedenen Grinsen befolgte, das er selbst jedes Mal aufsetzte, wenn das Kanzleramt nach seiner Pfeife tanzte. Er faltete das Flugblatt sorgfältig zusammen, bevor er es einsteckte. Zitate aus dem Volksmund waren nie verkehrt an einer Kabinettssitzung, schon gar nicht an dieser Sondersitzung, deren einziger Verhandlungsgegenstand der unselige Plan für ein Freihandelsabkommen mit China war. »Unglaublich, diese Engel«, brummte der Chauffeur, während er die Demo weiträumig zu umfahren versuchte. Er wusste, was der Mann meinte. Lotte Engel brauchte nur mit den Fingern zu schnippen, um das halbe Volk zu mobilisieren, dem Internet sei Dank. Wie schaffte die Frau das? Sie vertrat eine radikal linke Politik. Das konnte doch nicht der neue deutsche Traum sein. Und weshalb blieben bei seinen Veranstaltungen halbe Säle leer? Ernährungsminister Hannes Lang stand schließlich für bodenständige Vernunft. Dafür hatte ihn das Parlament gewählt. Immer neue Busladungen von Demonstranten mit Transparenten, Tröten und Megafonen strömten von allen Seiten zum Platz der Republik. Die Limousine hatte die Spree überquert und näherte sich nun am rechten Ufer entlang dem Ziel. Es war die falsche Entscheidung gewesen. Unvermittelt sahen sie sich von vermummten Gestalten in schwarzer Kleidung umringt. Die Schlagstöcke und Baseballschläger waren nicht zu übersehen. Der Chauffeur fluchte, legte den Rückwärtsgang ein. Zu spät, es gab kein Entkommen mehr. Der erste Schlag zertrümmerte die Heckscheibe. Panik ergriff beide. Sie schrien ins Telefon. »Wo bleibt die Polizei?«, brüllte er den Fahrer an. Er hätte auf ihn hören sollen am Morgen, als er die Eskorte vorgeschlagen hatte wegen der Demo. »Autonome des schwarzen Blocks greifen uns an!«, schrie der Fahrer ins Telefon. Der nächste Schlag traf die Frontscheibe genau vor seiner Nase. Das Sicherheitsglas zerplatzte in tausend Splitter und verwandelte die Scheibe in undurchsichtiges Milchglas. Die schwere Limousine begann zu wanken, als bebte die Erde. Er prallte hart an die Tür, fiel auf den Sitz zurück, verrenkte sich den Arm dabei, dass er vor Schmerz laut aufschrie. »Sind Sie verletzt?«, unterbrach der Fahrer das Geschrei mit der Notrufzentrale. Der Wagen wankte nun bedenklich. Die Scheißkerle würden es noch schaffen, ihn umzukippen. Mehr als ein Dutzend Vermummte beteiligten sich jetzt am Spaß, skandierten rhythmische Schlachtrufe, als wollten sie den Teufel austreiben. »Die fackeln uns ab!«, brüllte der Fahrer wie am Spieß. Der Kerl mit dem Feuerzeug und der Flasche stand keine fünf Meter entfernt. Statt zu werfen, ließ er den Molotowcocktail plötzlich fallen und gab Fersengeld. Die Spaßvögel am Auto folgten ihm augenblicklich. Sekunden später stand die Limousine verlassen auf der Straße, Scheiben geborsten, Motorhaube und Kotflügel verbeult, als hätte sie ein Dieb nach missglückter Spritztour dort als Schrott abgestellt. Sein Tinnitus flaute ab. Jetzt hörte auch er die Sirenen der heranrückenden Kavallerie. Abwesend ließ er sich zum Rettungswagen führen. Die Fragen der Ärztin beantwortete er mechanisch. Er wunderte sich, wie die Lage in so kurzer Zeit derart eskalieren konnte. Das erste Mal in seinem Leben war er ernsthaft körperlich bedroht worden. Ein Gefühl ohnmächtiger Hilflosigkeit erfasste ihn. »Herr Minister?« Sein Fahrer wartete auf eine Antwort. »Wie bitte? Entschuldigen Sie, wie war die Frage?« »Soll ich sofort einen neuen Wagen anfordern oder möchten Sie mit dem Streifenwagen …« »Streifenwagen ist in Ordnung. Kümmern Sie sich um den Dienstwagen. Sind Sie in Ordnung?« Der Fahrer nickte und entfernte sich. »Sie haben einen Schock erlitten, Herr Minister«, stellte die Ärztin fest. »Sie sollten sich jetzt schonen und von Ihrem Arzt gründlich untersuchen lassen.« »Ich bin in Ordnung, danke.« Er blickte sich um. »Wo bleibt der Streifenwagen? Ich werde im Kanzleramt erwartet – seit einer halben Stunde.« Die letzten Minuten hatten es ihm deutlich vor Augen geführt: An dieser Sitzung ging es nicht einfach um einen Vertrag. Er war jetzt überzeugt, es ginge um den inneren Frieden der Bundesrepublik. »Beeilung bitte«, sagte er, als er in den Streifenwagen stieg, »sonst geschieht ein Unglück.« Noch eins, ergänzte er im Stillen. Klaus Hartmann, der Kanzleramtsminister, erwartete ihn allein im Sitzungszimmer. Er spielte den Betroffenen. Das hatte er drauf. »Du meine Güte, Hannes, wir stehen alle unter Schock! Wie geht es dir? Solltest du nicht lieber …« »Zu Hause herumsitzen?«, unterbrach er. »Hättest du wohl gern, damit ihr euer Geschäft ohne mich durchwinken könnt.« »Also hör mal!« »Wo sind die andern? Können wir endlich anfangen?« »Die Kollegen warten auf Abruf. Wir konnten ja nicht wissen …« Er winkte ab, setzte sich an seinen Platz und breitete die Notizen vor sich aus. Nach und nach trafen die Kollegen ein. Sie grüßten ihn und warfen ihm Blicke zu, als wäre er von den Toten auferstanden. »Übertreibt mal nicht«, sah er sich genötigt zu bemerken. »Was wir hier tun, ist wichtiger als die paar Dellen am Dienstwagen.« Die Sondersitzung begann mit dem Bericht aus Peking. Der Leiter der Kommission, die Vorgespräche vor Ort durchführte, bestätigte wie erwartet Pekings offenes Ohr für das deutsche Anliegen. »Als ob nichts geschehen wäre«, brummte Hannes nach dem Ende des Ferngesprächs. Lauter sagte er: »Leute, habt ihr mal aus dem Fenster geschaut? Wir können nicht weitermachen, als wäre nichts geschehen. Wir müssen die Vorgespräche abbrechen. Brüssel wird es uns auch danken.« Klaus Hartmann schüttelte entschieden den Kopf. »Was da draußen abgeht, ist bedauerlich, aber es ist nichts weiter als ein linkes Strohfeuer, angefacht von unserer alten Freundin Lotte Engel.« »Da sind bestimmt zehntausend Menschen da draußen, und es werden stündlich mehr«, widersprach er. »Ich war mittendrin und kann euch versichern, das sind nicht alles Linksextremisten. Das sind mit Recht besorgte Bürger, die sich hintergangen fühlen, die Angst um ihren Arbeitsplatz, Angst um ihre Gesundheit, Angst um ihre Zukunft haben. Das Echo auf die Enthüllung über die Geheimverhandlungen ist gigantisch und hat jetzt auch die ganz seriöse Presse erfasst. Ihr habt die Frontseite der FAZ gesehen. Wir dürfen so etwas nicht ignorieren. Da mache ich nicht mit.« Hartmann warf dem Justizminister einen fragenden Blick zu. Der schüttelte den Kopf und murmelte kleinlaut: »Bis jetzt gibt es keinen Anhaltspunkt, wer die Informationen an die Presse gespielt hat.« »Dann mach Druck!« Das Kanzleramt war sichtlich nervös. Hartmann sah seine Felle davonschwimmen. Gut so. Hannes unterdrückte den Anflug eines Schmunzelns. Verkehrsminister Vince Vogel hatte das Streitgespräch angespannt verfolgt. Jetzt räusperte er sich umständlich. »Ich kann nicht glauben, was ich höre«, begann er düster. »Wir brauchen diesen Freihandelsvertrag mit China, da waren wir uns doch einig.« »Außer mir!«, unterbrach Hannes zornig. »Außer Landwirtschaftsminister Lang«, gab Vogel zu, »der sich vor billigem Reis und Geflügel fürchtet. Als gebärde sich China plötzlich wie ein Weltmeister im Nahrungsmittelexport. Ehrlich, Hannes, ich verstehe dich nicht.« Kein Wunder, dachte er, unterdrückte aber den Drang nach einer geharnischten Antwort. Im Übrigen begann sein Arm wieder empfindlich zu schmerzen. Vogel sprach weiter: »Ich habe es schon in meiner Aktennotiz dargelegt und wiederhole es gerne noch einmal. Jeder siebte Arbeitsplatz im Land hängt direkt oder indirekt an der Autoindustrie. Insgesamt sprechen wir von nahezu einer Million Beschäftigten, deren Schicksal an dieser Industrie hängt. Diese Menschen und damit diese Firmen müssen wir unter allen Umständen schützen. In den letzten paar Jahren allein konnten durch die Autoindustrie hunderttausend Arbeitsplätze geschaffen werden. Die und noch ein paar hunderttausend mehr werden im Nu wieder verloren gehen, wenn wir nicht schleunigst für den Abbau von Exportschranken in den größten Zukunftsmarkt sorgen.« Hannes wollte intervenieren, doch Vogel wehrte mit rotem Gesicht ab. »Ich bin noch nicht fertig! Seit unsere Freunde – oder muss ich sagen – Ex-Freunde jenseits des großen Teichs jeden Tag neue Hürden erfinden, um ihr dämliches America first durchzusetzen, müssen wir die Flucht nach vorn antreten. China ist die einzige Chance, unsere Arbeitsplätze und unseren Standard zu erhalten, Freunde.« »Und das um jeden Preis«, fügte Hannes sarkastisch an. Vogel war ein guter Redner. Die Mehrheit am Tisch folgte seinen Argumenten. Es war deutlich auf ihren Gesichtern zu lesen. Er zog das rote Flugblatt aus der Tasche und wandte sich direkt an den Kollegen Vogel. »Vince, die Leute da draußen verstehen das alles nicht. Sie skandieren immer wieder Freihandel – Mordsschwindel! und tragen Transparente mit Sprüchen wie China killt unsere Industrie, wie du auf diesem Flugblatt lesen kannst. Warum wohl? Ich sage es euch: weil wir kläglich versagt haben Freunde. Der Versuch, unseren Wählern zu erklären, weshalb Freihandel und Globalisierung im Prinzip gut und notwendig sind, ist total in die Hose gegangen. Ich plädiere nicht für Abschottung, aber wir sollten behutsam vorgehen. In einer derart aufgeheizten Stimmung, wie sie jetzt da draußen herrscht, halte ich jede weitere Verhandlung mit China für brandgefährlich.« Kanzleramtsminister Hartmann setzte zu einer Entgegnung an. Bevor er ein erstes Wort sagen konnte, ging die Tür auf. Es gab nur einen Menschen in der Bundesrepublik, der unangemeldet in eine solche Sitzung platzen durfte. Die Kanzlerin trat ein. Mit besorgter Miene eilte sie auf Hannes zu. »Gott sei Dank, Hannes. Du bist O. K.? Ich hab›s bei der Landung erfahren, abscheulich, diese Gewalt.« Sie wandte sich ans Kabinett und sagte mit Bedauern in der Stimme: »Leute, wir legen alle Aktivitäten mit China auf Eis und geben ein Dementi heraus. Es hat nie irgendwelche Verhandlungen gegeben. Klaus, du kümmerst dich darum.« Düsseldorf Erst unter der kalten Dusche erwachte Chris an diesem Morgen. Sie fühlte sich gemartert. Es lag nicht am harten Hotelbett. Der Fall verursachte Albträume. Da half auch das hübsch traurige Gesicht des reizenden Käfers von der Abendzeitung nicht darüber hinweg, von dem sie geträumt hatte, bevor sie schweißgebadet aufwachte. Vor dem Frühstück besorgte sie sich die neuste Ausgabe der Kölner Abendzeitung. Der Kaffee erkaltete während der Lektüre des Leitartikels. Diesmal erschien der Name Julia Hahn im Klartext, als wäre sie besonders stolz auf ihr Werk. Grund dazu hatte sie. Ein smartes Mädchen, der reizende Käfer, dachte sie schmunzelnd. Julia hatte fast alles aufgedeckt, was in Uwes Meldung aus Wiesbaden von letzter Nacht stand. Ihre Vermutung schien sich also zu bestätigen: Das Phantom verstand sich als Scharfrichter, der das Urteil der Geschworenen vollstreckte. Das Urteil – die Urteile? Automatisch holte sie die Webseite der Geschworenen aufs Display des Smartphones. Es gab kein neues Urteil. Wie sie nach einigem Suchen feststellte, war die Webseite seit einer Woche nicht mehr aktualisiert worden. Auch bei den Geschworenen schien Funkstille zu herrschen. Kein gutes Zeichen, sagte ihr Bauchgefühl. Die Ermittlungen liefen an allen Fronten ins Leere. Nichts an diesem Fall war wirklich greifbar außer den beiden Opfern in Aachen. Aus Ärger zwang sie sich, die scheußliche, kalte Brühe in einem Zug zu trinken. Auf dem Weg in die Parkgarage rief sie Jamie an. Er klang aufgeregt. »Gut rufst du an. Ich wollte gerade … Wir haben etwas zu besprechen.« Allerdings, dachte sie. Ein kalter Schauer rieselte über ihren Rücken. Seine Bemerkung klang wie eine Drohung. Sie hatte ohnehin das Gefühl, mit einem Fremden zu sprechen. »Ist es dringend?«, fragte sie mit einem Knoten im Magen. »Ich bin gerade unterwegs zum LKA.« »Es ist wichtig.« Sie war versucht, die Verbindung mit einer Notlüge zu unterbrechen. Was war schon eine Lüge gegen die brutale Wahrheit? Es konnte sich nur um etwas Schreckliches handeln, so ernst klang seine Stimme. »Also – wir sollten das vielleicht nicht am Telefon besprechen, aber …« Haase klopfte an, ein Geschenk des Himmels. »Schatz«, unterbrach sie sofort, »ich kriege gerade einen Anruf aus der Zentrale. Da muss ich ran, tut mir leid. Wir sprechen später.« Jamies Hiobsbotschaft musste warten. Sie nahm Haases Anruf entgegen. Er hatte sich eingehend mit der PR-Agentur Stein befasst. Das grobe Bild, das sie sich nach der Unterhaltung mit Julia Hahn von John Stein gemacht hatte, bestätigte sich. Dessen Agentur kannte keine Berührungsängste mit Auftraggebern aller Couleur. Ein guter Deal, viel Kohle, das war sein Geschäftsmodell, und offenbar funktionierte es. Die PR-Agentur Stein sah keinen Widerspruch darin, aggressiv gegen strengere Grenzwerte für Feinstaub zu polemisieren und gleichzeitig für erneuerbare, CO2 neutrale Energie zu werben, als wäre das ihr wichtigstes Anliegen. »Marketing«, sagte sie verächtlich und setzte sich ans Steuer, »ist alles nicht verboten.« »Stimmt«, gab Haase zu, »aber Sie wollten alles über Stein wissen, und ich denke, das Geschäftsgebaren lässt auf seinen Charakter schließen. Stein ist übrigens verwitwet und hat einen Sohn, Florian, 32, der noch bei ihm wohnt. Über den Sohn konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Der scheint ein unbeschriebenes Blatt zu sein.« John Stein war ein skrupelloser, geldgieriger Unternehmer und Bekannter des Kollegen Fischer. Das hatte sie begriffen, aber was nützte diese umwerfende Erkenntnis in ihrem Fall? Gab es überhaupt erfolgreiche Unternehmer, die nicht skrupellos und geldgierig waren? Enttäuscht bedankte sie sich bei Haase und wollte auflegen. »Moment!«, warf er hastig ein. »Das Wichtigste haben Sie noch gar nicht gehört.« »Haase, Ihr Ristretto fehlt mir wirklich«, seufzte sie. Wie üblich reagierte er nicht auf das Kompliment. Ungerührt fuhr er fort: »Es gibt Neuigkeiten über Ihren Kollegen Tom Fischer.« Die Eröffnung schaffte, was der kalte Kaffee nicht zustande gebracht hatte. Hellwach hörte sie zu. »Es gab eine interne Ermittlung gegen Fischer«, fuhr Haase weiter. »Vor zwei Jahren hat er einen jugendlichen Kleinkriminellen angeschossen und lebensgefährlich verletzt, als der fliehen wollte. Das Verfahren wurde zwar eingestellt, aber es passt zum Bild eines Polizisten, der sich nicht immer unter Kontrolle hat.« »Den Eindruck bekam ich auch«, murmelte sie. »Das ist noch nicht alles. Es muss nichts bedeuten, aber Fischer besitzt eine BMW 900 RT, die er außer Dienst und manchmal auch im Dienst benutzt.« Es dauerte kurze Zeit, bis der Groschen fiel. »Augenblick!«, rief sie aus. »Eine BMW 900 RT, ein Polizeimotorrad, wie es eine Zeugin in Aachen beim Phantom gesehen haben will?« »Wie gesagt, wahrscheinlich reiner Zufall. Solche Motorräder gibt es viele.« Sie lachte kurz auf. »Haase, Sie wissen, was ich von Zufällen halte.« Während der Fahrt zum LKA überlegte sie, wie sie Fischer damit konfrontieren wollte. Gar nicht, beschloss sie, als sie das Büro betrat. Er war nicht anwesend. Auf der andern Seite von Fischers Schreibtisch saß eine ältere Frau mit traurigen Augen. Bevor Chris den Mund öffnete, schoss Kriminalassistent Becker auf sie zu. »Darf ich vorstellen: Oberkommissarin Schäfer, Hauptkommissar Fischers Partnerin.« Zu seiner Kollegin gewandt, stellte er Chris vor. Ina Schäfer, wie sie gemäß Tafel auf dem Tisch hieß, erhob sich mit wenig Begeisterung, und fragte: »BKA, was verschafft uns die Ehre?« Einen Augenblick lang fürchtete sie, einer weiblichen Ausgabe von Fischer gegenüberzustehen, doch dann sah sie den gequälten Ausdruck und die Sorgenfalten auf Schäfers Gesicht. Die Frau blickte sie an, als wollte sie von all dem nichts wissen. Chris versuchte es mit einem Scherz: »Gut, Sie kennenzulernen, Frau Schäfer. Ich fürchtete schon, Ihr Partner bilde sie sich nur ein. Ihren Namen hat er nämlich nie erwähnt.« »Das darf Sie nicht wundern. Tom sagt nie ein Wort zu viel.« »Ich hätte auch nur ein Problem damit, wenn er zu wenig sagte«, gab sie lächelnd zurück. Ina Schäfer setzte sich wieder und murmelte: »Sie werden sich daran gewöhnen.« Die Frau machte den Eindruck, aufgegeben zu haben, oder hatte sie einfach vor Fischer kapituliert? Die Fragen nach dem Stand der Fahndung beantwortete sie mechanisch wie ihr Smartphone die Frage nach dem Wetter. Der Fall, das Rätsel des Phantoms und der Geschworenen, schienen sie überhaupt nicht zu berühren. Ina Schäfer würde keine große Hilfe sein. Die Frau tat ihr trotzdem irgendwie leid. Chris füllte sich einen Becher am Wasserspender. Wie aus dem Nichts tauchten die grünen Augen neben ihr auf. Mit verschwörerischer Miene flüsterte Becker: »Der Hauptkommissar spricht ihren Namen nie aus.« Sie verschluckte sich beinahe. »Wieso denn das? Gibt es Zoff?« Er schüttelte den Kopf. »Sie verstehen mich falsch. Er hat Inas Namen noch nie ausgesprochen, nie, niemals.« »Bei Fischer wundert mich allmählich nichts mehr. Gibt es einen Grund für den seltsamen Tick?« Sein Mund befand sich jetzt ganz nah an ihrem Ohr. »Man munkelt, Frau Schäfer gleiche seiner Ex.« Fast hätte sie laut herausgelacht. »Danke«, flüsterte sie zurück, »dann ist ja alles klar. Ich glaube, mehr will ich gar nicht wissen.« Die Antwort verwirrte ihn sichtlich. Er wollte sich enttäuscht entfernen, doch sie packte ihn am Ärmel. »Warten Sie. Wie weit sind Sie mit der Befragung der Kollegen?« »Die Befragung ist abgeschlossen. Die Protokolle liegen auf dem Server. Ich habe Ihnen den Link gemailt.« Es erwies sich zwar als nicht so einfach, wie es sein sollte, aber nach einigen Fehlschlägen hatte sie die vielen Dokumente durchforstet und gefunden, was sie suchte. Oder eben nicht. Sie fragte Ina Schäfer nach dem fehlenden Protokoll. »Weshalb sollten wir Tom befragen?« »Weil Sie alle Kollegen befragen müssen, das wissen Sie.« Ina zuckte mit den Achseln. »Ich sehe zwar nicht ein, wozu das gut sein soll«, murmelte sie, »aber wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Tom hatte an dem Abend dienstfrei.« Hatte sie richtig verstanden? »Dienstfrei? Und trotzdem als Erster am Tatort?« »Soll vorkommen«, entgegnete die Kollegin trocken. »Er war wohl gerade in der Gegend unterwegs, als der Alarm eintraf.« Chris spürte, wie sich die Nackenhaare sträubten. Sie eilte ins improvisierte Büro und rief Uwe an. Es dauerte keine Stunde, bis sie Gewissheit hatte. Die BMW 900 RT mit dem auf Tom Fischer registrierten Kennzeichen war kurz vor der Tatzeit von einer Verkehrsüberwachungskamera in Aachen gefilmt worden. KAPITEL 3 Köln John Stein war fast durch mit der morgendlichen Zeitungslektüre, als er im 39. Stock des Kölnturms aus dem Lift trat. Sein erster Gang führte ihn wie jeden Morgen in die Küche zum Kaffeeautomaten. Beim Blick durch die Glaswände in die leeren Büros schmunzelte er zufrieden. Ein einziger Platz war besetzt. Seine Assistentin Greta Vogt saß an ihrem Pult mit der schönsten Aussicht auf den Kölner Dom, höher als dessen Glockenstuhl. Auch das gehörte zum Ritual. Ihr Ehrgeiz gefiel ihm. Greta wollte hoch hinaus wie er. Sie war nicht nur eine brillante Marketingstrategin, sondern auch eine knallharte Geschäftsfrau. Wie jeden Morgen erhob sie sich sofort, als sie ihn erblickte, und folgte ihm in die Küche. Die drei Küsschen zur Begrüßung bedeuteten ihm mehr als ihr. Für eine junge Frau wie Greta gehörte das einfach zum guten Umgangston in der Schickeria, zu der sie sich zu Recht zählte. Für den alternden Playboy John Stein mit den inflationären Krähenfüßen im Gesicht signalisierte die Berührung willkommene Wertschätzung. Zumindest bildete er sich das ein. Illusionen waren schließlich sein Geschäft, von dem er ganz gut lebte. »Ich bin gespannt auf die Reaktion der Autolobby«, sagte sie. Die Kaffeetasse in der Hand, lehnte sie lässig am Küchenschrank. Wie zufällig öffnete sich dabei der Seitenschlitz des Rocks und gab den Blick auf das feine Muster ihres Nahtstrumpfs frei. Er zwang sich, nicht hinzusehen und versuchte, sich zu erinnern, was sie gesagt hatte. »Die Autolobby – du meinst den Krawall in Berlin? Ja, das wird unseren Kunden nicht gefallen.« Sie nickte. »China wird die Importzölle nicht so schnell senken ohne Freihandelsabkommen.« »Absolut, aber ich denke, unser Freund von der Lippe wird auch nicht so schnell aufgeben.« Sie trank aus. Schmunzelnd spülte sie die Tasse und stellte sie aufs Abtropfbrett. »Wetten, der taucht heute hier auf?«, sagte sie lachend beim Hinausgehen. »Dr. von der Lippe«, meldete die Dame am Empfang eine Minute nach acht Uhr, dem offiziellen Arbeitsbeginn. Das Erscheinen des Bereichsleiters ›Global External Affairs‹ vom Verband Deutscher Automobilindustrie war so sicher wie das Amen in der Kirche. Ein leichtes Kopfnicken genügte, um Greta herbeizurufen. Gemeinsam erwarteten sie den Stammkunden der PR-Agentur Stein im Sitzungszimmer. Die Aussicht auf einen fetten Deal war ebenso spektakulär wie die aus den Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichten und vorgaben, gar nicht da zu sein. Der Eindruck, zu fliegen, trug nicht unwesentlich zum Erfolg seines Geschäfts bei, war er überzeugt. Die großen Verträge wurden stets in diesem luftigen, lichtdurchfluteten Glaskasten hoch über der Stadt abgeschlossen. Hier fühlte sich der Kunde schwerelos, abgehoben, genau richtig für die teuren Kampagnen. »Horst, was für eine unerwartete Freude am frühen Morgen«, begrüßte er den Lobbyisten. Von der Lippe gab beiden wortlos die Hand. Er wirkte nervös, verärgert. Small Talk war gestrichen an diesem Morgen. Dennoch versuchte John, die Stimmung aufzulockern. »Ein Gläschen von deinem Speziellen?«, fragte er. »Du weißt, für dich halten wir immer eine Flasche auf Eis.« Von der Lippe winkte ab. »Nee, lass mal, bin nicht in der Stimmung.« Die Stimmung war das Problem, nicht die Tageszeit, die keine Rolle spielte beim Verkosten seines Lieblingssekts. Von der Lippe knallte die neue Ausgabe der Bild-Zeitung auf den Tisch. DAS VOLK SAGT NEIN!, bedeckte in fetten Lettern die halbe Frontseite. Bilder vom Massenauflauf vor dem Reichstag und von brennenden Autos zierten den Rest der Seite. »Das ist unser verdammtes Todesurteil«, schimpfte er dabei. »Ihr wisst, wovon ich spreche.« »Du glaubst doch sonst auch nicht, was in der Bild steht«, antwortete er lachend. Er kannte Horst von der Lippe lange genug, um den lockeren Spruch zu wagen. Sein Klient schob das Kinn vor. »Ich bin nicht für deine lahmen Scherze schon morgens um sieben im Stau gestanden, John. Meine Industrie hat ein Riesenproblem, wenn die Verhandlungen jetzt eingestellt werden. Es geht hier um Hunderttausende Arbeitsplätze. Das solltest du den Idioten da draußen mal klarmachen, denen die Engel das Hirn vernebelt hat.« »Wir verstehen Ihre Sorge vollkommen, Herr von der Lippe«, lenkte Greta ein, »und wir nehmen sie ernst – wie immer.« »Das will ich verdammt noch mal auch hoffen. Es geht schlicht um die Existenz der deutschen Automobilindustrie, Leute. 250 Milliarden Euro Umsatz stehen auf dem Spiel. Der Export in die USA stockt, Lateinamerika ist krank. Wir brauchen einen massiven Zuwachs in den asiatischen Märkten. Wir müssen China mit unseren Qualitätsprodukten überschwemmen, sonst geschieht bald das Umgekehrte.« Er übertrieb gerne etwas, wenn es ums Wohl seines Arbeitgebers ging. Dennoch stimmte John ihm in diesem Fall zu. Er selbst reagierte wohl ähnlich, steckte er in dessen Haut. Es konnte nichts Gutes für die Automobilindustrie bedeuten, wenn die Regierung aus Angst vor den nächsten Wahlen nun den Schwanz einzog und die Hände in den Schoß legte nach dem Motto: Wer nichts tut, macht nichts falsch. »Wir führen zwar die besten PR-Kampagnen durch«, sagte Greta mit schiefem Lächeln, »die Regierung umzustimmen, dürfte aber selbst uns schwerfallen.« »Auch da muss ich leider zustimmen, Horst«, bekräftigte er Gretas Meinung. »Die Kampagne der Gegner jeglichen Freihandels und mit China insbesondere hat eine Eigendynamik erreicht, die kaum mehr zu stoppen ist.« Von der Lippe sah ihn böse an. »Wollt ihr mich eigentlich loswerden oder einfach nur den Preis hochtreiben? Ihr müsst mir nicht erklären, wie schwierig das Unterfangen ist. Euer Job ist es, dafür zu sorgen, dass die Stimmung im Volk kippt und die Gegner des Freihandels endlich ihre verfluchte Klappe halten. Schafft ihr das?« Diese Entwicklung des Gesprächs war absehbar gewesen. Sie wussten beide genau, was sie darauf antworten mussten, legten aber eine Kunstpause ein, um der Antwort das nötige Gewicht zu verleihen. Schließlich sagte Greta mit ernstem Gesicht: »Eine solche Kampagne wird dauern und dementsprechend teuer, Herr von der Lippe, und es gibt keine Erfolgsgarantie.« »Den Scheiß höre ich jedes Mal«, gab er unwirsch zurück. »Bisher hat es stets geklappt, sonst säße ich jetzt nicht hier.« »O. K., Horst«, sagte John nach einer weiteren Pause gedehnt. »Wir arbeiten eine Offerte aus. Zwei Varianten, wie üblich.« »Es eilt!« »Ich weiß, Horst. Trotzdem brauchen wir Zeit, um so eine große Sache seriös anzugehen. Wir dürfen uns keine Fehler leisten und du auch nicht. Die Stimmung im Volk ist äußerst aufgeheizt. Dein Kollege Scholz …« »Scholz!«, unterbrach von der Lippe ärgerlich. »Man soll nicht schlecht über Tote reden, aber der hat nun wirklich alles verbockt, was man als Lobbyist verbocken kann. Wir hätten ihn schon viel früher aus dem Verkehr ziehen müssen.« »Ihr werdet doch nicht …« Er wagte den Gedanken nicht auszusprechen. Horst klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter und brachte gar ein Grinsen zustande. »Komm wieder runter, John. Wir sind doch nicht die Mafia.« »Guten Tag, Phil«, grüßte das Sicherheitsschloss am Drehkreuz zur verbotenen Zone eine Etage unter John Steins Büro. Außer dem Chef und seinem blonden Gift mit dem bösen Blick hatten nur er und Kollegin Leni Kraus Zugang. Leni saß im Cockpit vor der Wand aus großen Monitoren. Kein natürliches Licht störte die Arbeit in diesem ovalen Hochsicherheitsbereich im Kern der 38. Etage. Dennoch schimmerte Lenis rotes Haar und strahlte eine Wärme aus, die nicht zur unterkühlten Technik passen wollte, die sie umgab. Sie arbeiteten in einer künstlichen Gebärmutter, zwei verlorene Keimlinge. Ihm gefiel das. Sie sprang sofort auf, als er eintrat. »Phil!« Es war ihre gewohnte Art, ihn zu begrüßen, jeden Tag, freudig, als hätten sie sich lange nicht gesehen. Peinlich genau hielt sie den Abstand von einem Schritt ein, um ihm nicht die Luft abzuschneiden. Leni Kraus war nicht nur eine disziplinierte, zuverlässige Programmiererin. Leni war auch ein gutes Mädchen. Vielleicht sollte er ihr das eines Tages sagen. Wie gewohnt erwiderte er den Gruß mit freundlichem Kopfnicken. Der Sprechapparat blockierte, sobald sein Blick die Information auf den Bildschirmen erfasste. Ohne Anstrengung verschaffte er sich sofort den Überblick. Die News blendete er aus. Mehr als einige Schlagzeilen zu konsumieren lohnte sich nicht, da konnten die TV-Anstalten noch so viele Sondersendungen einschalten. Im Moment war einzig sein Projekt wichtig. Alles andere ging den gewohnten Gang, wie die Displays bestätigten. »Nicht viel los heute«, klagte Leni. Der Becher mit kaltem Wasser stand bereits neben den Tastaturen, als hätte sie sein Kommen vorausgeahnt. Sie fragte nicht nach dem Grund für das späte Erscheinen kurz vor Mittag. Gutes Mädchen, ging ihm wieder durch den Kopf. Er verspürte nicht die geringste Lust, überhaupt nur an den verlorenen Vormittag zu denken. Bereits zum dritten Mal hatte ihn dieser unmögliche Kommissar Fischer zur Nacht der Morde in Aachen vernommen. Zum dritten Mal hatte er dieselben Fragen gehört. Zum dritten Mal hatte er ihm wortwörtlich dieselben Sätze an den Kopf geworfen. Zum dritten Mal wäre er fast gestorben, erstickt in der giftigen Atmosphäre voller Misstrauen und latenter Gewalt im LKA Düsseldorf. Sein Projekt entwickelte sich überraschend gut. Während er die Protokolle studierte, wuchs die Zuversicht, nah am Ziel zu sein. Künstliche Intelligenz stand erst am Anfang der Entwicklung. Als Spezialist war ihm das bewusst wie keinem Laien. Stand er jetzt wirklich vor dem großen Durchbruch, ausgerechnet hier in John Steins verbotener Zone mit modernstem Computerequipment, das für eine Uni gereicht hätte, dem Symbol von Johns Hybris? Hatte er den Durchbruch schon geschafft? Würde sein Algorithmus den Turing-Test bestehen? Würde man das Verhalten seines Programms von demjenigen eines intelligenten Menschen nicht mehr unterscheiden können? Entwickelte sein Algorithmus echte Intelligenz? Das zu entscheiden, war keine leichte Aufgabe, denn auch Computerintelligenz entwickelte sich allmählich, fast unbemerkt. Sie war nicht plötzlich da. Um die notwendigen Tests durchzuführen, brauchte er Unterstützung von unabhängigen Wissenschaftlern und Laien. Leni würde helfen aber bei Weitem nicht genügen. Zurück an die Uni? Irgendwann gab es wohl keine andere Lösung mehr. Vorderhand hielt ihn allerdings zu viel in Köln fest. »Du denkst an deine Mutter«, stellte Leni fest, die sein Mienenspiel aufmerksam beobachtete. Er schüttelte den Kopf. »Nein – ja, doch, irgendwie schon.« »Sie tut mir so leid, Phil. Ich habe sie ja nur einmal kurz gesprochen …« »Kurz bevor sie der Zufall umgebracht hat«, unterbrach er düster. »Es gibt Zufälle, die töten wie die Kugel eines Wahnsinnigen den alten Rosenblatt getötet hat.« »Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu sterben, ist leider viel höher als die, von einer Kugel getroffen zu werden«, versuchte sie zu trösten. »Entschuldige«, fügte sie hastig an, als sie sein betroffenes Gesicht sah. »Du musst dich nicht für eine Tatsache entschuldigen. Das ist unlogisch.« Ihre leise Antwort ging in Chopins Trauermarsch unter. Das blonde Gift rief an. Die Chefstrategen der PR-Agentur Stein waren im Wolkenkuckucksheim versammelt, wie er das Sitzungszimmer mit der besten Aussicht Kölns nannte. Das übliche Brainstorming für einen neuen Auftrag war im Gang. Er verspürte den starken Drang, sich gleich wieder in die Gebärmutter zurückzuziehen. Brainstorming hielt er für verlorene Zeit. Beauty Contests, um den Chef zu beeindrucken, wäre seiner Meinung nach die korrekte Bezeichnung für Brainstormings. Greta winkte ihn zur Seite. Während die andern sich weiterhin mit abenteuerlichen Vorschlägen an der Pinnwand überboten und Lösungsansätze zu gewichten suchten, für die es keine Gewichte gab, klärte sie ihn auf. »Wir werden eine Kampagne starten, um ein positives Klima für Verhandlungen mit China zu schaffen«, begann sie. »Freihandel mit China – die Stahlbarone werden begeistert sein.« Sie wischte den Einwand mit einer ungeduldigen Handbewegung weg. »Im Moment haben wir tatsächlich fast das ganze Volk gegen uns. Genau deshalb werden wir diesen Auftrag an Land ziehen. Wer sind wir denn? Wenn es jemand schafft, die Stimmung im Volk zu drehen, dann doch wohl wir, nicht wahr?« Ihrem selbstsicheren Gesichtsausdruck nach zu urteilen glaubte sie, was sie sagte. »Im Übrigen lohnt es sich für uns alle«, fügte sie lächelnd hinzu. Geld interessierte ihn nicht. Er verdiente genug für ein anständiges Leben. Allerdings – seine Schwester könnte einen Zuschuss gut gebrauchen, fiel ihm rechtzeitig ein, bevor er eine abschätzige Bemerkung machte. Pias Bar musste dringend saniert werden. »Und was habe ich damit zu tun?«, fragte er. »Abwarten.« Sie wandte sich mit einem Wink an John. Der gebot dem Durcheinander Einhalt. Alle setzten sich mit geröteten Wangen an den Tisch. »Leute, wo stehen wir?«, fragte der Chef, die Zettel an der Pinnwand im Blick. Es war die Aufforderung an den Jüngsten, den Stand des Gedankenaustauschs zusammenzufassen. Phil erkannte, worauf es hinauslief, bevor der nervöse junge Mann ein Wort sagte. An der Seite der Pinnwand, die schlicht mit positiv überschrieben war, hefteten nur wenige Zettel mit Ideen, keine davon überzeugend, fand er. Die negative Seite enthielt eine Menge Zettel aber auch nichts wirklich Neues. Einige Vorschläge schrammten hart an der Grenze der Legalität vorbei. Die würden Steins Anwälte in der Luft zerreißen. Prominente Gegner des Freihandels und Wortführer der Protestbewegung wie Lotte Engel durch Diffamierung und Mobbing mundtot zu machen, wären zwar die wirksamsten Mittel, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen, wie John scherzhaft bemerkte. »Die PR-Agentur Stein wendet aber keine solchen dirty Tricks an«, stellte er klar. »Wir gehen subtil vor.« Greta übernahm. »Ich denke, wir sind uns aber einig, dass nur eine negative Kampagne zielführend sein kann. Es gibt einfach zu wenige Argumente für den Freihandel aus Sicht unseres Auftraggebers, die nicht genauso gut als Gegenargumente verwendet werden könnten. Statistische Fakten sind leider heutzutage nicht mehr nur simple Tatsachen, sondern Argumente, die man bekämpft. Vergessen wir also die Statistik. Konzentrieren wir uns aufs Bauchgefühl des kleinen Mannes auf der Straße.« Wie lange wollen die noch um den heißen Brei herum reden?, fragte er sich. Seine Aufmerksamkeit drohte nachzulassen. Das war gefährlich, solang sich jemand wie Greta im Raum befand. Die flüsterte John etwas ins Ohr. Er nickte. Sie kam zur Sache. »Dieser Auftrag ist mit Abstand der lukrativste seit Langem. Wir müssen ihn unter allen Umständen akquirieren. Die Offerte wird unseren Freund von der Lippe glatt aus den Socken hauen, Leute! Wir brauchen alle Argumente und Angriffspunkte der Gegner klipp und klar auf dem Tisch. Jeder Punkt mit Aktionsplan, aber ihr wisst ja, wie der Hase läuft. Das ist die Grundlage. Die brauchen wir in zwei Tagen. Länger dürfen wir von der Lippe nicht hinhalten.« Sie trank einen langen Schluck aus ihrer Wasserflasche, bevor sie weitersprach, den Blick auf ihn gerichtet, dass ihn unmittelbar fröstelte. »Das alles genügt natürlich nicht. Phil und sein Supercomputer werden die Netz-Kampagne vorbereiten. Diesmal brauchen wir mehr als ein paar Webseiten und nette Blogs. Wir können von der Lippe nur überzeugen, wenn wir demonstrieren, dass die Kampagne bereits erfolgreich angelaufen ist. Unsere Analysten liefern wie gewohnt den Inhalt. Phil, wir brauchen mindestens einige Tausend Twitter Follower am Thema, wenn wir den Kunden überzeugen wollen. Schaffst du das in der kurzen Zeit?« »Aber sicher schafft er das«, lachte John. »Es wird Zeit, dass sich die Investition in deine KI-Forschung auszahlt, Phil, nicht wahr?« »Der Erfolg von Forschung ist nicht planbar«, antwortete er automatisch, »das habe ich schon ganz am Anfang betont.« Er wandte sich demonstrativ an Greta. Sein Gehirn verweigerte den weiteren Dialog mit dem Chef. Es war vollauf mit ihrem überraschenden Ansinnen beschäftigt. Bisher konnte er mehr oder weniger unabhängig vom Alltag der Agentur die Arbeit weiterverfolgen, die er an der Uni unterbrechen musste. Einsatzmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz in Public Relations: Sein ungenau umschriebener Auftrag ließ viele Interpretationen zu. Jetzt sollte seine experimentelle Software von einem Tag auf den andern Geld in die Kasse spülen? Alle Augen richteten sich auf ihn. Zu viel Aufmerksamkeit blockierte das Denken. Es kostete ihn große Anstrengung, die andern auszublenden und sich auf Gretas goldenes Halskettchen zu konzentrieren. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn, bis der Denkapparat die in dieser Situation einzig vernünftige Frage formulierte: »Wie stellst du dir das vor?« Ein spöttisches Lächeln umspielte Gretas Mund. Sie hatte die Frage erwartet, antwortete ohne Zögern: »Es wird dir nicht schwerfallen, ein paar virtuelle Freunde und Follower zu organisieren.« Wusste sie, wovon sie sprach? Er zweifelte daran und fragte nach. Auch darauf antwortete sie sofort: »KI kann doch auch Nutzer simulieren, oder irre ich mich? Vergiss nicht: Wir leben von Illusionen. Die Motivation unserer Kunden ist Voraussetzung für den Erfolg jeder Kampagne. Da kommt deine Software ins Spiel.« »Ihr erwartet ernsthaft von mir, bei diesem Falschspiel mitzumachen? Glaubt ihr, die Automobilindustrie falle auf ein paar Tausend Sockpuppets, Social Bots und Google Bombs herein?« John Stein reichte es. Er reagierte allergisch auf negative Schwingungen in seinem Sitzungszimmer und Fremdwörter, die er nicht verstand. »Phil, wir diskutieren das hier nicht weiter, zumal wir Laien nur Bahnhof verstehen. Wenn du konkrete Fragen hast, richte sie an Greta. Ansonsten erwarte ich zügig Resultate.« Nach einem lauernden Blick in die Runde fuhr er fort: »Wir treffen uns hier jeden Morgen um sieben fürs Statusmeeting. Alles klar? Los geht›s, Leute, packen wir›s an!« Was hat mich bloß geritten, hier anzufangen?, fragte sich Phil nach der anschließenden Diskussion mit Greta. Er zweifelte nicht zum ersten Mal am Sinn seiner Arbeit für John Stein, und er kannte die Antwort auf die Frage längst ganz genau. Die Hiobsbotschaft seiner Mutter hatte ihn mitten aus der Doktorarbeit in Edinburg gerissen. Hals über Kopf musste er nach Köln zurückkehren, um die todkranke Frau zu unterstützen. Von einem Tag auf den andern brauchten er und seine Schwester viel Geld für Pflege, Therapie und Medikamente. Enorme Kosten, die nicht von der Kasse übernommen wurden. So stand es im Kleingedruckten, das seinerzeit niemand gelesen hatte. Technisch arbeitslos, gab ihm keine Bank Kredit. Die Limite der Schwester war sowieso ausgereizt. Zwecklos, sich jedes Mal wieder darüber zu ärgern. Die Antwort auf die berechtigte Frage lautete ganz profan: Er brauchte Geld. Im Grunde müsste er John dankbar sein, denn nicht nur die Kohle stimmte, es gab auch an der hochmodernen und leistungsfähigen Infrastruktur in der verbotenen Zone nichts auszusetzen – und er fand genug Zeit, seine Forschung voranzutreiben. Bis jetzt. Mit einem leisen Fluch schlüpfte er wieder in den Schoß der Gebärmutter. Leni sah ihn erwartungsvoll an, ohne Fragen zu stellen. Sie konnte sich ausmalen, in welcher Verfassung er von einer solchen Sitzung zurückkehrte. Auch das zeugte von ihrem guten Charakter. Sie hielt die Klappe, wenn es darauf ankam. Er setzte sich an seinen Platz, starrte eine Weile an die unsichtbare Decke, so schwarz war die. Schließlich sah er sie an und sagte: »Wir haben ein Problem.« Nach kurzer Pause korrigierte er sich: »Das heißt, ich habe ein Problem. Vielleicht hast du keins damit.« Er brauchte nicht viel zu erklären, bis sie sein Dilemma verstand. »Greta will also, dass wir einen Twitter Account für die Kampagne eröffnen und ein paar Tausend Fake Followers aus dem Hut zaubern«, fasste sie zusammen. »Technisch kein Problem, das weißt du. Du hast moralische Bedenken.« »Das ist doch ein billiger Taschenspielertrick, um den fetten Auftrag an Land zu ziehen«, brauste er auf. Sie stimmte zu, gab aber zu bedenken, dass es offenbar um viel Geld ging, wovon sie alle profitierten. Tatsächlich, Greta rechnete mit einem Gesamtvolumen von fünf Millionen Euro, wie sie ihm hinter vorgehaltener Hand versichert hatte. Er verschwieg die Summe, um nicht am Ende Lenis Begeisterung für den zu erwartenden Bonus zu wecken. »Sieh’s mal so«, begann sie nach einer Denkpause. »Wem schadet die kleine Flunkerei?« Er zögerte, schüttelte dann den Kopf. »Es ist einfach unmoralisch.« Sie lachte. »Deinen Kodex in Ehren, aber ich glaube, du irrst. Unmoralisch wär‘s doch nur, wenn die Firma lediglich auf Kosten anderer profitierte.« Zu diesem Thema hätte er einige Argumente parat, wollte jedoch nicht weiter darüber diskutieren. Sie sah kein Problem in Gretas Auftrag und wusste, was zu tun war. »O. K., dann nichts wie los, bereite alles vor«, sagte er nur und widmete sich wieder seinem Programm. Es wurde still in der Gebärmutter. Einzig die Ventilatoren der Serverfarm summten einschläfernd weiter, hin und wieder von einer Tastatursalve unterbrochen. In die Arbeit versunken, nahmen sie kaum Notiz voneinander, bis sie aufstand, sich dehnte und neugierig auf seine Bildschirme schaute. »Eines Tages musst du mir erklären, was du da eigentlich treibst.« Es war nicht ihre Schuld. Sie unterbrach seinen wichtigen Gedankengang ohne Absicht, aber der Gedanke war weg. Die Arbeit stockte abrupt, und er verlor die Beherrschung. Ein böses Schimpfwort entschlüpfte ihm, das er bereute, bevor es verklungen war. Hastig packte er seine Sachen zusammen und verließ den Raum fluchtartig. Leni starrte ihm wie versteinert nach. Sie war seltsame Reaktionen von ihrem Kollegen gewohnt, aber die war neu. Ihr blieb indessen keine Zeit, darüber nachzudenken. Gretas Mail mit den ersten aufzuschaltenden Texten traf ein. Phil rückte in den Hintergrund. Sie würde Gretas Deadline nicht einhalten ohne volle Konzentration auf die Arbeit. Sie war dabei, die letzten Sockpuppets anzulegen, Mehrfach-Konten, um viele verschiedene Benutzer vorzutäuschen, als der System-Monitor ungewöhnliche Aktivitäten anzeigte. Riesige Mengen an Datenpaketen wurden empfangen. Keines ihrer Programme war dafür verantwortlich. Sie versuchte, den Sünder zu lokalisieren. Es gab kein Anwendungsprogramm im ganzen internen Netzwerk, das diese Daten verarbeitete. Schließlich entdeckte sie eine System-Task, einen Dämon, der im Hintergrund lief und die Daten konsumierte wie ein schwarzes Loch. Sie überlegte sich kurz, das unheimliche Programm abzuschießen. Der Gedanke verflüchtigte sich rasch, als sie feststellte, unter welchem Account der Dämon gestartet worden war. »Phil, was zum Geier soll das werden?«, fragte sie den Bildschirm kopfschüttelnd. Er musste den Datentransfer remote ausgelöst haben. Das war nicht der einzige Umstand, der sie verstörte. Viel verwirrender fand sie die Tatsache, dass es in ihrem System keinen Input-Kanal gab, der solche Transferraten zuließ. Sie verstand gar nichts mehr. Ziellos durch die Stadt irren, half nicht. Der Gedanke war verloren. Wenige Schritte vor dem Hauptbahnhof auf der Domplatte besann Phil sich eines Besseren. Im Laufschritt rannte er durch die Unterführung auf die andere Seite des Bahnhofs und den Eigelstein hinunter zu Pias Bar. Er wählte den Hintereingang, der direkt über die Treppe zu seinem RZ, dem privaten Rechenzentrum, führte. Es bestand aus einer fensterlosen Abstellkammer schräg gegenüber Monis Arbeitszimmer in der ersten Etage. Die Wände waren dünn, der einzige Nachteil dieses unauffälligen Altbaus, in dem zwar jedermann viel beschäftigte leichte Mädchen wie Moni vermutete aber niemand einen KI-Forscher mit modernster Technik auf der Suche nach dem Heiligen Gral der Informatik. Die Kammer mit der Aufschrift privat war der ideale Rückzugsort. Außer Moni und seiner Schwester wusste niemand, dass er dort manchmal nächtelang am Computer saß oder irgendwelche Gadgets zusammenlötete, deren Zweck sich keiner normalen Menschenseele erschloss. Statt das RZ zu betreten, klopfte er an Monis Tür, nicht ohne sich vorher zu versichern, dass niemand über ihr stöhnte. »Die Türe ist offen, Max«, antwortete sie mit der Glockenstimme, die wie geschaffen war für ihren harten Beruf. Er öffnete einen Spaltbreit. »Sorry, Moni, ich bin›s.« Sie stand wie der Blitz bei ihm. Ohne die Stimme hätte er sie kaum erkannt. Riesige Fledermausohren, mit denen sie bestimmt fliegen konnte, das Gesicht schneeweiß, als wäre sie beim Bäcker ins Mehl gefallen, die Augen fast Schlitze über die ganze Breite des Gesichts, grasgrüne Mähne bis in die Kniekehlen, ein ebenso grüner Stringtanga mit goldenem Rand, sonst nichts. So stand sie da, die Arme in die Seiten gestemmt, bereit, dem Störenfried eine Standpauke zu halten. »Um Gottes willen, wie siehst du denn aus?«, fragte er albern. »Geht dich gar nichts an. Was willst du? Ich habe jetzt keine Zeit.« »Ach so, der Max, verstehe.« »Gar nichts verstehst du, aber du solltest jetzt verschwinden. Mein Kunde wird sich sonst erschrecken.« Er lachte. »Ich denke, den kann nichts mehr erschrecken, wenn er es mit so einem Monster treibt.« »Willst du mich beleidigen?« »Nein!«, wehrte er hastig ab. »War ein Scherz. Habe schon bessere gemacht, ich gebe es zu. Kannst du mir eventuell mit etwas Casablanca aushelfen, wollte ich fragen.« Sie verschwand, kehrte nach einer Millisekunde mit dem Briefchen zurück und stieß ihn weg. »Jetzt hau ab. Max ist gleich da.« Die Tür flog zu. Zu spät, ihr Kunde betrat gerade den Korridor. Erschrocken hielt er inne, wollte umkehren. »Max!« Der gepflegte, ältere Herr, Typ Apotheker mit Familienbetrieb, erstarrte. »Kommen Sie, die kleine Meerjungfrau wartet schon sehnsüchtig. Mich haben Sie gar nicht gesehen.« Noch bevor Monis Kunde sich wieder umwandte, verschwand er im RZ. Beruhigt hörte er gedämpfte Stimmen an Monis Tür, während er das Briefchen Marokkaner zu einem handlichen Joint rollte. »Rauchen tötet«, krächzte Hermann auf dem Büchergestell hinter seinem Rücken. Der künstliche Papagei besaß einen Rauchmelder, den er eigentlich eingebaut hatte, um Brandgefahr zu melden. »Halt die Klappe, Hermann!« Das blecherne Vieh hielt sich normalerweise nicht an seine Anweisungen. Diesmal schwieg der Papagei, ein Zeichen, dass er sich beleidigt fühlte. Nach ein paar Zügen spürte Phil die Entspannung. Die düstere Kammer erschien ihm heller, beinah ein wenig rosa. Die Melancholie ließ nicht auf sich warten, dann rückte der Alltag in weite Ferne, verkroch sich in der Wolke des Vergessens, bis die Wolke sich verformte und Lenis Gesichtszüge annahm. »Leni«, murmelte er, »ich fürchte, ich habe sie verletzt.« Schnell brachte er den traurigen Rest des Joints noch einmal zum Glühen. »Hermann, was meinst du? Habe ich sie verletzt?« Das Vieh schwieg. »Hermann, ich habe dich etwas gefragt.« »Ich soll die Klappe halten.« »Aber doch nicht, wenn ich dir eine Frage stelle.« »Wie lautet die Frage noch mal?« »Verarschen kann ich mich selber, Alter. Also, was ist jetzt. War ich zu grob zu Leni?« »Vielleicht«, krächzte der Vogel. »Vergiss nicht: Wenn wir einen Menschen glücklicher und heiterer machen können, so sollten wir es in jedem Fall tun, mag er uns darum bitten oder nicht.« Jetzt kam die Nummer mit den Zitaten, die er sich selbst eingebrockt hatte, weil er den Vogel seinerzeit den ganzen Hermann Hesse lesen ließ. Es war nur ein blöder Test gewesen, aber seither wurde das Vieh nicht müde, daraus zu zitieren, und seither hieß er Hermann. »Ich habe das Glasperlenspiel auch gelesen«, gab er unwirsch zurück, »war dröger Abi-Stoff.« »Ich wollte nur helfen.« Es klang wieder beleidigt, obwohl er wusste, dass er sich das nur einbildete. Der Papagei besaß bloß eine fixe, ziemlich rostige Stimme. »Ich brauche Musik«, sagte er und wandte sich dem Computer zu, »muss arbeiten.« Hermann gehorchte, schaltete die Surround-Sound-Anlage ein, kalibrierte die sechs Lautsprecher auf seinen Standort und justierte die Beleuchtung für stressfreies Arbeiten. »Nicht wieder den Trauermarsch! Mensch, wie oft muss ich dir das noch beibringen?« »Ich bin kein Mensch«, krächzte die Maschine, »hast du selbst gesagt.« »Ist ja gut jetzt. Nerv mich nicht! Die Nocturnes.« »Bitte.« »Was?« »Bitte heißt es«, krächzte Hermann. Phil schüttelte grinsend den Kopf. Der Vogel reagierte schon verblüffend menschlich, als besäße er Gefühle. Einfache Gemüter wie Moni oder ihr Max würden wohl darauf hereinfallen. Der Trauermarsch lief immer noch. Die düsteren Akkorde hinderten ihn am Denken, also tat er Hermann den Gefallen. »Die Nocturnes bitte.« »Geht doch.« Die Musik wechselte. Nun passte sie perfekt zu seiner Wolke. Der zündende Gedanke wollte sich dennoch nicht wieder einstellen. Enttäuscht widmete er sich der anderen Aufgabe, die er stets vor sich hergeschoben hatte. Sein Algorithmus benötigte Daten, tonnenweise Daten aus dem Netz. Die Quellen waren identifiziert, zumindest für einen vernünftigen Testbetrieb. Drei Probleme blieben noch zu lösen. Um Entscheidungen in Echtzeit, also ohne Verzug, fällen zu können, musste der notwendige Input sozusagen augenblicklich zur Verfügung stehen. Das war natürlich nur annähernd zu schaffen über ein riesiges Netz von Dämonen, die auf Tausende Rechner verteilt gleichzeitig Daten sammelten und filtrierten. Sein Programm war bereits fähig, diese Hilfsprogramme unbemerkt auf bis zu einer Million Rechner im Netz zu verteilen und binnen Sekunden zu aktivieren. Er war trotzdem nicht zufrieden mit der Arbeit. Professionell ausgerüstete Hacker oder Behörden würden den Ursprung der digitalen Invasion, sein Programm, rasch ermitteln. Das durfte nicht geschehen, denn jeder Eingriff von außen verfälschte potenziell das Ergebnis. Der Zugriff auf Big Data musste vollkommen unter dem Radar erfolgen. Das war sein zweites Problem, an dessen Lösung er drei Stunden verbissen arbeitete. Das dritte Problem, den Clean-up, betrachtete er als Fleißarbeit. Es war keine intellektuelle Herausforderung, alle Spuren auf Knopfdruck wieder beseitigen zu lassen, obwohl weder er noch sein Algorithmus anfangs wussten, auf welche Rechner sich die Dämonen ausbreiten würden. »Musik aus!«, befahl er unvermittelt. Die Stille gab ihm für einen Augenblick das Gefühl, taub zu sein. Sie half, sich ganz auf den Hauptbildschirm zu konzentrieren. Es war ein magischer Moment. Sogar Hermann enthielt sich eines Kommentars. Das unüberschaubare Netz der Datensammler, die noch Sekunden zuvor wie helle Sterne einer Galaxie geleuchtet hatten, war nun dunkelgrau, fast nicht mehr zu sehen, dunkle Materie. Gleichzeitig steigerte sich der Durchsatz eingelesener Daten weiter. »Sieh dir das an, Hermann. Jetzt sagst du nichts mehr, was?« »Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig ist«, krächzte es vom Büchergestell. »Du hältst besser wieder die Klappe.« Hermann hatte zu einem weiteren Zitat angesetzt. Jetzt schwieg er beleidigt. Phil stoppte den Datentransfer befriedigt. Blieb nur noch die Verschlüsselung. Ein 512-Bit-Schlüssel sollte genügen, um den Zugriff auf seine Software zu schützen. Zusätzliche Sicherheit bot die Tatsache, dass sich das Programm nach zehn Fehlversuchen selbst zerstörte. Technisch war nun alles bereit für den nächsten, vielleicht entscheidenden Test. Der zündende Gedanke, wie er den deep learning Algorithmus verbessern und vor allem um Größenordnungen beschleunigen könnte, fehlte allerdings immer noch. Da er das neuronale Netz, den Kern der Software, der dem Algorithmus die Intelligenz verleihen sollte, nicht auf seinem Rechner laufen lassen konnte, musste er zur Agentur zurück. Nur auf dem Supercomputer in der verbotenen Zone bestand eine Chance, sein Projekt zum Fliegen zu bringen. Er sicherte den neuen digitalen Schlüssel mehrfach an Orten, die nur er kannte, bevor er die Rechner in seinem RZ herunterfuhr. »Ich bin dann in der Agentur«, sagte er zu Hermann. »Gruß an Leni«, krächzte der Papagei. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Hermanns Zitat hörte er nicht mehr. Im 15er, auf der kurzen Fahrt zum Kölnturm, zerbrach er sich den Kopf über die geniale Verbesserung des Algorithmus, die aus seiner Erinnerung getilgt war, als hätte er den Clean-up im eigenen Hirn laufen lassen. Er nahm die Verkehrsdurchsage über einen Unfall auf der Deutzer Brücke nicht wahr. Einzig das Wort Brücke blieb im Bewusstsein hängen. Es genügte, um seinen Puls an die Decke zu jagen. Die Lösung lag wieder klar vor seinem geistigen Auge. Die Brücke zwischen den beiden Schichten des neuronalen Netzes musste völlig neu aufgesetzt werden, damit die richtigen Neuronen feuerten wie im menschlichen Gehirn. Das war alles. Professor Keller in Edinburg hatte so etwas bereits vor zwei Jahren postuliert, war aber den Beweis schuldig geblieben. Phil Schuster würde diesen Beweis erbringen. Er zweifelte keinen Augenblick mehr daran. Ungeduldig von einem Fuß auf den andern tretend stand er an der Tür der Straßenbahn, als müsste er dringend für Knaben. Leni hatte die Gebärmutter verlassen. Sie arbeitete im kleinen Büro eine Etage höher. Es besaß immerhin ein schmales Fenster, durch das man die Kleingärten am Autobahnkreuz Köln-Nord aus der Vogelperspektive beobachten konnte. Sie arbeitete dort am Laptop. Er sah es im Fenster des Systemmonitors. Erleichtert, allein zu sein, begann er, seinen Algorithmus zu modifizieren. In kleinen Schritten, übervorsichtig, damit sich ja kein neuer Fehler einschlich, erweiterte er das Programm. Jedes Teilprogramm testete er nochmals ausführlich, bevor er das ganze neuronale Netz wieder installierte. Sein Puls raste, als er den Startbefehl gab. Die Testdaten, welche die Dämonen am Nachmittag bereitgestellt hatten, waren noch vorhanden. So dauerte es nur wenige Minuten, bis sich das Netz künstlicher Neuronen und Synapsen im zentralen Rechner aufgebaut hatte. Danach herrschte gespenstische Ruhe im System. Das künstliche Gehirn wartete auf äußere Reize, auf die es reagieren würde. Um unnötige Fehlerquellen auszuschließen, verzichtete er auf Spracheingabe und benutzte stattdessen die gute alte Tastatur. »Wie fühlst du dich, Phil?«, fragte er sein digitales Alter Ego. Es war die klassische Frage, die zwar jeder Mensch ohne Zögern sinnvoll beantworten konnte, aber kein Computersystem – bis jetzt. Sein künstliches Gehirn antwortete jedoch augenblicklich: »Ich sollte eigentlich glücklich sein, denn ich glaube, etwas Wichtiges entdeckt zu haben.« Sein Adrenalinspiegel stieg in die Gefahrenzone. Die Antwort des Computers ließ das Herz pochen, dass es schmerzte. »Warum bist du trotzdem nicht glücklich?«, fragte er nach. »Ich weiß nicht, was Leni Kraus über mich denkt. Das stört mich.« Wie um alles in der Welt war so etwas möglich? Sein Programm reagierte vollkommen unvorhersehbar und dennoch irgendwie logisch. Wie kam die Maschine überhaupt auf die Idee, Leni ins Spiel zu bringen? Er verstand seinen eigenen Algorithmus nicht mehr, ein leider bekanntes und bisher ungelöstes Problem mit so ziemlich allen neuronalen Netzen und selbstlernenden Systemen. Es blieb nichts anderes übrig, als zu fragen. »Warum interessiert dich, was Leni denkt?« Er erwartete einen Systemabsturz oder wenigstens eine sinnlose Antwort. »Ich weiß es nicht«, schrieb der Computer ohne Zögern auf den Bildschirm. »Warum würde ich sonst so oft Lenis Session im Systemmonitor anklicken?« Phil sprang auf und stieß einen überraschten Fluch aus. Sein eigenes Programm hatte ihn überlistet. Es identifizierte sich mit Phil Schuster wie beabsichtigt, verfolgte also konsequent all seine Aktionen im System. Die Antwort auf seine unscharf formulierte Frage war alles andere als sinnlos. Sie zeugte von zwingender Logik. Das Chat-Fenster öffnete sich mit einem Glockenschlag. »Ich brauche etwas CPU-Zeit«, klagte Leni. Ihr Lebenszeichen holte ihn in den Alltag der PR-Agentur Stein zurück. Die Euphorie blieb. Am Durchbruch in seiner KI-Forschung zweifelte er nicht, war auch noch nichts bewiesen. »Bin gleich bei dir«, meldete er zurück, selbst überrascht von seiner sozialverträglichen Anwandlung. Auf dem Weg in ihr Büro fasste er einen kühnen Entschluss. »Sag mal«, empfing sie ihn mit strenger Miene, »erst blockierst du die ganze I/O und jetzt die CPU. Was zum Kuckuck treibst du da?« »Ich blockiere gar nichts. Sieh im Systemmonitor nach: keine Aktivität.« Das Gesicht des Unschuldslamms überzeugte sie nicht. »Du weißt, was ich meine. Was war das heute Nachmittag? Wieso schafft das System plötzlich diese gigantische Datentransferrate?« »Ach das … Vergaß ich es zu erwähnen? Ich habe veranlasst, dass wir über die fünffache Bandbreite verfügen.« »Hinter dem Rücken des Chefs?« »Nur für ein halbes Jahr. Das lag gerade noch in unserem Budget drin.« »Na toll, und warum weiß ich nichts davon?« »Brauchst du denn größere Bandbreite?« Sie blickte ihn an wie Mütter ihr Kind in der Pubertät ansehen, das sie nicht mehr verstehen. Er hatte reichlich Erfahrung mit diesem Blick. »Das war wohl nicht, was du hören wolltest«, sagte er unsicher. »Ach, vergiss es. Dich soll einer verstehen.« Sie wandte sich wieder dem Laptop zu. Genau da wollte er sie haben. »Du verstehst mich nicht? Dann lass uns das ändern.« Ihre Augen wurden größer. Sie betrachtete ihn nachdenklich. »Ganz ehrlich, Phil, ich verstehe dich immer weniger. Was soll das? Ich habe noch zu tun, da du mir ja großzügig die Arbeit am Projekt überlassen hast.« Er wischte das Projekt von der Lippe mit einer Handbewegung weg. »Ich meine es ernst, Leni. Es wird Zeit, dass du verstehst, wie ich ticke.« »Jetzt, nach bald sechs Jahren?« »Es ist nie zu spät, etwas zu lernen.« »Es ist schon verdammt spät, mein Lieber, und ich habe noch zu tun.« »Frage mich, was du willst. Du kriegst auf alles eine ehrliche Antwort.« Obwohl technisch unmöglich, wurden ihre Augen noch größer. Dahinter arbeitete es heftig, stellte er beruhigt fest. »Also gut«, sagte sie nach einer Weile entschlossen, »erste Frage: Stehst du auf mich?« Beide erröteten wie Teenager, die solche Fragen niemals direkt, sondern höchstens übers Handy stellen würden. Er zögerte etwas zu lange. Sie erholte sich schneller vom Schock der eigenen Frage. »Kriege ich jetzt eine Antwort?« Er räusperte sich umständlich, besann sich dann aufs Experiment, das ihm unterwegs eingefallen war. »Lass uns solche Fragen im Chat besprechen. Ich denke, wir fühlen uns dann beide – freier, zu sagen, was wir denken.« Wenig später saß er wieder in der Gebärmutter am Terminal, das Chat-Fenster vor sich. Lenis Text erschien zwar auf dem Bildschirm, wurde aber direkt an sein künstliches Alter Ego weitergeleitet. Umgekehrt empfing sie nicht seine Antworten, sondern die des neuronalen Netzes. Es war eine primitive Form des Turing-Tests, den sie ahnungslos durchführte. Dass er dabei erfuhr, was sie in Bezug auf seine Person bewegte, empfand er eher als Belastung denn als Bonus. Ihre erste Frage vorhin schmerzte jedenfalls schon fast wie eine Berührung. Der Test dürfte nicht lange dauern, sagte er sich, falls es so weiterginge. Sie würde den Schwindel bald durchschauen. Beides traf nicht zu. Der Chat zwischen Leni und der Maschine entwickelte sich zu einem spannenden Dialog, der sie offenbar reizte, immer neue Fragen zu seiner Person, den Vorlieben, Lebensumständen, schlimmen Ereignissen und Gott weiß was zu erfinden. Das künstliche Gehirn wusste auf alles eine einleuchtende Antwort. Wo es keine gab, wich der Computer mit Ausreden aus, die durchaus humorvoll daherkamen. Sicher, die Art von Antworten kannte man schon seit geraumer Zeit von elektronischen Assistenten wie Apples Siri, aber die Qualität dieses Dialogs war doch eine ganz andere. Er ließ den Chat weiterlaufen und kehrte auf leisen Sohlen zu Leni zurück. Minutenlang beobachtete er durch die offene Tür, wie sie gebannt am Computer diskutierte, ohne ihn zu bemerken. Schon beglückwünschte er sich zum gelungenen Experiment, als sie erschrocken aufsprang. Blass im Gesicht, starrte sie ihn an, als wäre er sein eigenes Gespenst. Schlagartig erkannte er den Fehler, der ihm bei seinem genialen Einfall unterlaufen war. Er hatte keine Sekunde daran gedacht, wie das Experiment enden sollte, ohne sie zu verletzen. Deshalb fehlten ihm jetzt die passenden Worte. »Wie lange stehst du schon da?«, fragte sie mit kaum verhaltenem Ärger in der Stimme. »Fünf Minuten?«, antwortete er unsicher. »Fünf Minuten, was du nicht sagst.« Sie deutete auf den Laptop. »Und mit wem bitte chatte ich die ganze Zeit?« Dabei schnitt sie eine Grimasse, als würde sie ihren Computer nie wieder anfassen. »Mit mir – das heißt, mit dem Algorithmus, den ich entwickelt habe – eigentlich mit dem neuronalen Netz, das der Algorithmus mit meinen Daten …« »Moment!«, unterbrach sie. »Willst du mich verarschen?« »Nein, natürlich nicht. Das war ein ernsthafter Test. Alle Antworten, die du gekriegt hast, stimmen hundertprozentig, als hätte ich sie selbst gegeben.« Ihre Wut war nicht zu übersehen, aber sie beherrschte sich, versuchte rational zu reagieren, wie er es in ihrer Lage tun würde. »Die Antworten waren also korrekt? Das wollen wir doch gleich mal überprüfen«, sagte sie und setzte sich wieder an den Computer. »Wie schätzt du deine Sozialkompetenz ein?«, tippte sie ins Chat-Fenster. »Mangelhaft«, antwortete der digitale Phil ohne Zögern. Sie drehte sich zu ihm um. »Stimmt, Sozialkompetenz mangelhaft. Jetzt hast du es schriftlich.« Ihre Mundwinkel zuckten. Bald würde sie lächeln, wusste er aus Erfahrung. Er verzichtete daher darauf, ihr zu erklären, woher das neuronale Netz seine Sozialkompetenz kannte. Der digitale Phil hatte ganz einfach die Zensuren aus dem letzten Jahr am Einhard-Gymnasium gelesen. »Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verletzen.« »Hast du aber«, murmelte sie trotzig. Wie sollte er ihr die Bedeutung des Experiments erklären? Wie könnte je ein Laie verstehen, was hier vor sich ging, wenn sogar eine ausgewiesene Fachkraft wie Leni ihre liebe Not damit hatte? »Was würde wohl Hermann zu deinem Verhalten sagen?«, fragte sie nach einer peinlichen Pause. Jetzt konnte er das Lächeln auf ihrem Gesicht wenigstens erahnen. Sie schien sich allmählich zu entspannen. »Ich soll dich von ihm grüßen, habe ich vergessen, sorry.« »Ihr redet über mich? Krass.« Beide grinsten. »Hermann scheint sich halt für dich zu interessieren.« »Ich will ja gar nicht wissen, wie deine kranken Algorithmen wirklich funktionieren, Phil«, gab sie kopfschüttelnd zurück. »Der Papagei ist wohl nur so etwas wie die Vorstufe für das, was auf unserem Rechner gerade abgeht, oder brauchst du ihn als Ersatz für den Therapeuten?« Er lachte, sie nicht. Die letzte Frage war durchaus ernst gemeint. Vielleicht brauchte er tatsächlich einen Therapeuten, um sich besser in der analogen Welt unter echten Menschen wie Leni zurechtzufinden. Schwamm drüber. Es gab Wichtigeres zu tun. »Erkläre es mir«, hakte sie nach. Er versuchte es. Dabei konzentrierte er sich darauf, die Bedeutung des digitalen Phil für PR-Kampagnen wie die der Autolobby hervorzuheben. Er sah darin nur eine bescheidene, primitive Anwendung des ersten wirklich intelligenten Bots. Die Vorstellung einer künstlichen Intelligenz, die gleichzeitig Tausende, ja Hunderttausende kritischer Kunden oder Wähler durch geschickt geführte Diskussionen von einer Sache überzeugt, leuchtete ihr sofort ein. Ihre Frage am Ende der Lektion bewies es. »Wir können jetzt also deinem Alter Ego einfach die Zielvorgaben der Automobilindustrie und ein paar Randbedingungen nennen, und schon wird es der Netzgemeinde die Abneigung gegen den Freihandel mit China austreiben?« Die Formulierung reizte ihn wieder zum Lachen. »Im Prinzip liegst du richtig, aber so einfach geht es natürlich nicht. Vor allem muss das neuronale Netz erst mit den richtigen Daten gefüttert werden. Zudem ist die Eingabe der Zielfunktion und der Randbedingungen vorerst noch ein Knochenjob für Insider mit sehr guten Programmierkenntnissen. Vor allem aber müssen jetzt intensive und zeitaufwendige Tests durchgeführt werden. « »Wir erwähnen also nichts davon an der Sitzung morgen?« Die Vorstellung erschreckte ihn. »Wo denkst du hin! Wir reden hier von Forschung, noch lange nicht von praktischen Anwendungen. Nein, kein Wort zu Stein oder Greta!« »Ist ja gut«, wehrte sie ab. »Ich habe verstanden. Jetzt müsste sich aber meine natürliche Intelligenz wieder aufs Projekt von der Lippe konzentrieren.« Er nickte und wandte sich ab. Sie betrachtete nachdenklich das Chat-Fenster und murmelte: »Vielleicht sollte ich dem meine erste Frage doch noch stellen.« »Untersteh dich!«, rief er beim Verlassen des Büros. Er beeilte sich, seine Kopie in der Gebärmutter zum Schweigen zu bringen. Kaum hatte Leni wieder zu arbeiten begonnen, stieg ihr Gretas Parfüm in die Nase. Sie hatte die Assistentin des Chefs nicht kommen hören. Jetzt stand sie hinter ihr und betrachtete das Chat-Fenster mit Argusaugen. »Phil ist schon ein interessanter Charakter«, bemerkte Greta. Leni wäre am liebsten im Boden versunken. Stockend versuchte sie, die Aufmerksamkeit aufs Projekt zu lenken. In der Aufregung klickte sie ihr eigenes Arbeitsfenster weg statt den kompromittierenden Chat. »Geben Sie sich keine Mühe«, sagte Greta mit schiefem Lächeln. »Was war das mit Phils neuer Software? Was soll nicht an der Sitzung erwähnt werden? Ich höre.« Nach diesem denkwürdigem Tag zog es Phil nicht in seine Wohnung nach Aachen. Ein widernatürliches Verlangen nach Gesellschaft lenkte seine Schritte automatisch zu Pias Bar zurück. Gegen seine Gewohnheit betrat er das Lokal durch den Vordereingang. Etwa ein Dutzend vorwiegend ältere Männer saßen an den Tischen und am Tresen. Eine Gruppe spielte Skat. Andere starrten trübselig auf ihr Kölsch, als warteten sie auf Antworten zu all ihren unausgesprochenen Fragen. Nicht wenige leere Schnapsgläser standen herum. Pia, eben noch am Zapfhahn beschäftigt, erspähte ihn augenblicklich. Sofort unterbrach sie die Arbeit und schoss hinter dem Tresen hervor auf ihn zu. »Jöses, Phil, ist was passiert? Hat man dich entlassen?« »Eine Runde für alle!«, rief er. »Jöses Maria, was ist nur in dich gefahren? Sprich mit mir.« Moni tauchte aus dem Nichts auf und spitzte die Ohren, die wieder auf normale Größe geschrumpft waren. »Es gibt etwas zu feiern, was du nicht verstehen wirst, Schwesterherz«, sagte er grinsend. Der fröhliche Gesichtsausdruck ängstigte sie noch mehr. Kopfschüttelnd kehrte sie an den Tresen zurück und holte sein übliches Wasser aus dem Kühlschrank. »Was soll ich damit?«, fragte er irritiert. »Besteht dein Kölsch jetzt nur noch aus Wasser?« Sie betrachtete ihn wie die Ente das fremde Küken, bevor sie es aus dem Nest wirft. »Du wirst mir jetzt nicht zu trinken anfangen, Phil!« »Ich trinke nur bei ganz besonderen Gelegenheiten, das weißt du, und jetzt ist so eine.« Lauter rief er in die Runde: »Ich brauche Alkohol!« »Alkohol!«, tönte das Echo aus allen vier Ecken. Monis Gelächter kam ihm gefährlich nah. Im letzten Moment erinnerte sie sich an seine Allergie gegen Berührungen. »Lass die Luft raus, Pia«, brummte ein Herr mit Glatze neben ihm am Tresen, das leere Glas in der Hand. Erschrocken rückte er einen Schritt zur Seite. Die spitzen Eckzähne des Mannes ängstigten ihn, obwohl er ein bekannter Stammgast war. Nur das Feuer in den Augen passte nicht zu Nosferatu. Es versprühte eine seltsame Wärme, vielleicht ein Überbleibsel aus besseren Tagen wie die Muskeln an seinen Armen, die man unter dem zu engen Jackett immer noch erahnen konnte. »Hast du nicht langsam genug getrunken, Kai?«, fragte Pia. »Dein kleiner Bruder schmeißt eine Runde. Hörst du nicht zu?« Kais Artikulation ließ etwas zu wünschen übrig, ein Zeichen, dass der Inhalt der vier Schnapsgläser an seinem Stammplatz tatsächlich in seinem Blut kreiste. Pia zögerte. Phil nickte und sagte, immer noch unnatürlich grinsend: »Gib ihm sein Bier, Schwesterchen. Heute feiern wir. Heute ist ein großer Tag.« Der erste Schluck war O. K. Der zweite schmeckte nur noch bitter. Vielleicht sollte er reinen Alkohol in der Rhein Apotheke besorgen und ihn sich spritzen, erwog er kurz. Eine andere Möglichkeit, sich ohne Qual zu betrinken, sah er nicht. Er holte das Wasser, das Pia wieder in den Kühlschrank gelegt hatte, und ließ das Bier warm werden. Kai trank gierig aus dem vollen Glas, das sie ihm mit strafendem Blick hingestellt hatte. Als er es absetzte, war es leer. Er fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und sah ihn fragend an. »Was? Noch eins?« »Sicher«, grinste Kai, »aber was feiern wir eigentlich?« »Versteht ihr nicht.« Er versuchte trotzdem, zu erklären, welchen Riesenschritt künstliche Intelligenz gerade dank Phil Schuster in Richtung wahre Intelligenz getan hatte. Es war vergebliche Liebesmüh. Die Augen der Zuhörer verrieten eine akute Blockade des Frontalkortex. Er zuckte die Achseln und seufzte: »Ich habe es ja gesagt.« Nur Monis Geist schien nicht vollständig lahmgelegt zu sein. »Du kannst mir also jetzt einen Roboter basteln, mit dem ich mich vernünftig unterhalten kann?« Die Formulierung reizte seine Lachmuskeln, aber im Grunde genommen hatte sie das Wesen des neuen Algorithmus voll erfasst. »Im Prinzip ja«, stimmte er zu, »aber wozu brauchst du einen Roboter?« »Habe ich doch gerade gesagt, um vernünftig mit ihm zu reden. Sonst ist mir nämlich noch keiner untergekommen, mit dem das möglich wäre.« Sie hörte sich die Proteste der Umstehenden nicht mehr an und verschwand durch die Hintertür. Der nächste Kunde wartete, nahm er an. »So ganz daneben liegt sie nicht«, sagte er. »Mein Bot kann tatsächlich vernünftiger argumentieren als manche Leute.« Kai hielt Pia das leere Glas hin. Sie schüttelte nur den Kopf, worauf er seufzend aufgab und sich an Phil wandte. »Weißt du, eigentlich mag sie mich, deine Schwester. Sie kann es nur nicht zeigen.« Alle, die zuhörten, fanden die tiefschürfende Erkenntnis plausibel außer Pia. »Du bist betrunken, Kai«, wies sie ihn zurecht. »Hör endlich auf zu saufen und such dir einen anständigen Job. Arbeitsloser Privatdetektiv! Das hat doch keine Zukunft.« »Meine Zukunft liegt schon lange hinter mir, meine Liebe. Seit acht Jahren, um genau zu sein, seit dem letzten Einsatz mit Tom.« »Jetzt kommt die Geschichte wieder«, murmelte sie mit den Augen rollend, »die hast du schon hundertmal erzählt. Der Einsatz mit Tom ging in die Hose. Du hast den Dienst quittiert, und jetzt bist du Alkoholiker. Habe ich etwas vergessen?« Zu Phils Erstaunen grinste Kai breit. »Siehst du, sie mag mich. Sie merkt sich alle meine Geschichten.« »Eine Geschichte, Kai«, protestierte sie, »es gibt nur eine einzige Geschichte, die du immer wieder erzählst. Meine Güte, irgendwann muss gut sein. Die Zeit heilt doch die Wunden.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Den Scheiß habe ich schon früher nicht geglaubt.« Phil horchte auf. Er kannte Kais Geschichte nicht, hatte seinen Monologen nie zugehört. Dass der Detektiv früher bei der Kripo gearbeitet hatte, wusste er. Da er jetzt selbst leider einen Tom bei der Kripo kannte, fragte er ihn. Kai nickte ernst. Seine Aussprache hörte sich mit einem Mal wieder nüchtern an. »Klar, Tom Fischer war mein Partner. Feiner Kerl.« »He?«, rief Phil verdutzt. Fast wäre ihm die Wasserflasche entglitten. »Das ist nicht dein Ernst, Kai!« »Was?« »Hauptkommissar Tom Fischer ist ein Arschloch.« »Stimmt«, gab Kai zu. Phil verstand gar nichts mehr. »Ja was jetzt?«, fragten er und Pia im Duett. »Beides ist richtig. Im Grunde ist er ein feiner Kerl, der Tom. Als Partner konnte ich mich hundertprozentig auf ihn verlassen. Aber jetzt ist er ein Arschloch.« »Eine ziemlich krasse Verwandlung«, bemerkte Phil, »wie bei Kafka.« Kai dachte nach. Das strengte ihn offensichtlich an. Pia stellte ihm eine Tasse schwarzen Kaffee mit viel Zucker hin. Nach dem ersten Schluck schüttelte er sich und erzählte weiter. »Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was der Auslöser war. Es hat wohl damit zu tun, dass ihn Frau und Tochter kurz nach dem Einsatz – ihr wisst schon …« »Wir wissen, was du meinst«, warf Pia augenblicklich ein. »Also kurz danach hat ihn die Alte verlassen.« »Und die Tochter«, ergänzte Pia. »Das ist hart.« »Zweifellos«, gab Phil zu, »trotzdem muss einer nicht zwingend zum Arschloch mutieren und andere Leute belästigen, zum Beispiel mich.« Das war auch für seine Schwester neu. Er hatte sie aus dem Gefecht mit Kommissar Fischer heraushalten wollen, aber jetzt war es zu spät. Haarklein musste er vom Mord am Antiquar Rosenblatt in Aachen und den quälenden Befragungen im Landeskriminalamt berichten. Kais einziger Kommentar am Ende der Geschichte bestand aus einem Wort: »Arschloch.« Pia zog ihn hinter die Theke und in eine Ecke, wo sie ungestört reden konnten. Sie war der einzige Mensch, der ihn ungestraft berühren durfte. »Ist da was dran?«, fragte sie mit zitternder Stimme. »Hast du irgendetwas mit diesen furchtbaren Verbrechen zu tun?« »Spinnst du?« Mit dem nächsten Atemzug stürzte alles wieder auf ihn ein, das er seit jener schrecklichen Nacht erfolgreich durch Arbeit verdrängt hatte. Schuld!, wollte er hinausschreien, doch sein Mund blieb verschlossen. Düsseldorf Der Verdacht gegen Tom Fischer hatte sich zwar nicht erhärtet in den letzten vierundzwanzig Stunden, war aber keineswegs vom Tisch. Chris fehlte das Motiv. Weshalb sollte ein Kollege wie Fischer als Phantom Leute umbringen, noch dazu im Internet damit prahlen? Die Lagebesprechung im LKA Düsseldorf zog sich in die Länge. Fischer benahm sich völlig normal, machte seine Arbeit professionell, soweit sie feststellen konnte. Eine gespaltene Persönlichkeit? Unwahrscheinlich, dachte sie. In dieser Frage verließ sie sich aufs Bauchgefühl, das sie normalerweise nicht im Stich ließ. Sicher, Fischer besaß einen labilen Charakter, brauste leicht auf, würde möglicherweise aus nichtigem Anlass ausrasten, falls man ihm auf die Füße trat. Das entsprach ganz und gar nicht dem Profil des eiskalten Killers. Das Phantom hatte seine Tat in Aachen in allen Einzelheiten geplant wie ein Auftragsmörder, der sich keinen Fehler erlauben kann. Die Nachricht mit der Drohung der Geschworenen war ein klares Indiz dafür. Und wie anders wäre zu erklären, dass er sich nach der Tat scheinbar in Luft auflöste trotz der Zeugen, die seinen Abgang beobachteten? Das Phantom blieb ein Rätsel, dessen Lösung weder sie noch die Kollegen vom LKA auch nur einen Schritt näher gerückt waren, wie diese Besprechung zeigte. »Hat die Untersuchung des Steins etwas gebracht, was uns weiterhilft?«, fragte sie. Fischer und seine Partnerin sezierten sie mit den Augen. Kriminalassistent Becker erlitt einen Hustenanfall. Der Gute hatte die Untersuchung des Steins veranlasst, ohne seinen Chef zu informieren. Sie beeilte sich, die Wogen zu glätten, bevor sie entstanden. »Ich habe Herrn Becker beauftragt, die Gesteinsprobe genauer analysieren zu lassen. Das geht schneller und günstiger in Ihrem Labor, statt das Beweisstück nach Wiesbaden zu schicken.« Fischer lief rot an. Becker besaß nicht nur schöne grüne Augen. Dahinter befand sich auch ein brauchbares Gehirn. Schnell sprudelte die Analyse der KT aus ihm heraus, dass Fischer nichts anderes übrig blieb, als zuzuhören. »Der am Tatort sichergestellte Stein ist ein Stück Löss-Gestein. Es besteht im Wesentlichen aus Ton, Quarz und Kalk. Die KTU sagt, dass die Zusammensetzung typisch ist für die Zülpicher Börde. Der Stein auf der Nachricht der Geschworenen stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem Braunkohle-Tagbau am Nordrand der Eifel.« Oder aus einer Kiesgrube in diesem riesigen Gebiet, ergänzte sie im Stillen. Sie schwieg wie die überraschten Kollegen, gönnte den grünen Augen den stillen Triumph. »Der kann den verdammten Briefbeschwerer irgendwo aufgelesen haben«, brummte Fischer nach dem ersten Schreck. »Sicher«, stimmte sie zu, »aber wie hoch würden Sie die Wahrscheinlichkeit dafür einschätzen, nachdem wir wissen, dass die Tat sorgfältig geplant war?« Niemand beantwortete die rhetorische Frage, also fuhr sie fort: »Ich denke, wir sollten davon ausgehen, dass unser Phantom eine Operationsbasis in der Gegend benutzt hat, aus der dieser Stein stammt.« »Selbst wenn das stimmt«, warf Fischer ein, »die Zülpicher Börde ist ein gigantisches Gebiet. Wir würden Monate und tausend Leute brauchen, um es abzusuchen.« »Lassen Sie sich was einfallen. Ich kümmere mich inzwischen um die Geschworenen, die in letzter Zeit merkwürdig still geworden sind.« Die Bestätigung aus Wiesbaden folgte unmittelbar nach der Besprechung. Es gab keinerlei Lebenszeichen mehr von jury12. Die Webseite der Geschworenen blieb unverändert, als gäbe es die Hetzer nicht mehr, als hätten sich die Geschworenen in Luft aufgelöst wie das Phantom. Hirngespinste, weiter nichts, außer den zwei Leichen. Sie glaubte indessen keine Sekunde ans Ende der Geschichte. Es war die Ruhe vor dem Sturm, warnte ihr Bauchgefühl. Zu viele mögliche Spuren führten nicht weiter als gar keine, stellte sie nicht zum ersten Mal in ihrer Karriere fest. Es gab weit über hundert in NRW registrierte HK45, wie sie das Phantom für die Todesschüsse benutzt hatte. Fischer besaß eine und John Stein, aber ohne konkrete Beweise war da nichts zu machen. Auch die nicht wenigen Besitzer eines Motorrads wie es Zeugen beschrieben hatten waren bekannt, ohne dass ein greifbarer Verdacht aufgekommen wäre. Der einzige Zufall, der sie störte, war die Tatsache, dass John Stein auch auf der Liste der Besitzer einer BMW 900 RT auftauchte. Andererseits, auf welcher Liste tauchte der nicht auf? Die Ermittlungen kamen nicht vom Fleck, während sich Geschworene und das Phantom seelenruhig auf die nächste Hinrichtung vorbereiteten, fürchtete sie. Das Klingelzeichen auf dem Laptop riss sie aus ihren Gedanken. »Uwe, gibt›s was Neues von jury12?«, fragte sie hoffnungsvoll. Das Gesicht im Video-Chat blieb unbewegt. »Nicht von jury12«, antwortete er, »aber bei der Agentur Stein tut sich etwas.« Sie horchte auf. »Es hat vielleicht nichts zu bedeuten für den Fall«, schränkte er schnell ein. »Seit gestern Morgen beobachten wir erhöhte Aktivität auf Twitter und Facebook, die sich zu den Servern der Agentur Stein in Köln zurückverfolgen lassen.« »Aktivität in Steins Accounts?« »Auch, aber was auffällt, sind die vielen neuen User-Ids, die praktisch über Nacht den Hashtags folgen, die Steins Leute aufgesetzt haben.« »Was für Hashtags?« »Sie finden sie in Ihrer Mail. Es geht um Streitkultur, Hysterie gegen Freihandel und Hetze im Internet.« Es waren nicht unbedingt Themen einer PR-Agentur. »Eine Nachlese der Demo in Berlin?«, fragte sie verblüfft. »Könnte man glauben. Lesen Sie selbst. Meiner Meinung nach wird jetzt der Boden bereitet für eine groß angelegte Kampagne, die unter anderem Lotte Engel für die Eskalation in Berlin verantwortlich machen soll.« »Verstehe ich nicht«, gab sie unumwunden zu. »Lesen Sie selbst. Wie gesagt, es muss nichts bedeuten, aber das jetzt schon überdurchschnittliche Echo in den sozialen Medien ist zumindest erstaunlich.« »Irgendein Hinweis auf die Geschworenen in diesen Tweets?« »Bis jetzt nicht.« Uwes letzte Bemerkung klang wie eine Drohung. Köln In Gedanken versunken betrat Phil die Gebärmutter. Etwas stimmte nicht. Er begriff nicht sofort, was es war. Immer noch abwesend, setzte er sich an seinen Arbeitsplatz. Das Schuldgefühl wollte nicht mehr aus seinem Kopf. Es fraß sich durch seine Synapsen wie ein bösartiger Tumor. Er versuchte, sich auf die Optimierung seines Codes zu konzentrieren, die ihm mitten in der schlaflosen Nacht eingefallen war, dann sah er Leni. Sie saß nicht an ihrem gewohnten Platz, sondern diametral gegenüber, versteckt hinter zwei Monitoren. Sie war nicht aufgesprungen, um ihn zu begrüßen, gab auch jetzt keinen Ton von sich. Es war, als säße eine Fremde im Computerraum. »Stimmt etwas nicht?«, fragte er verdutzt. Statt zu antworten, stand sie auf und verließ den Raum. Dabei vermied sie jeden Blickkontakt. Was war geschehen? Späte Nachwirkungen seines nicht ganz koscheren Turing-Experiments? Verwirrt ging er zu ihrem neuen Arbeitsplatz, um vielleicht einen Hinweis zu erhalten. Beide Monitore waren ausgeschaltet. Ihr Geisteszustand gab immer mehr Rätsel auf, ganz im Gegensatz zu seinem eigenen, den er zwar genau kannte, aber nicht weniger verwünschte. Die Arbeit konnte warten. Statt sich einzuloggen, verließ auch er die Gebärmutter. Leni stand am Fenster in ihrem Büro. Der schmale Körper bedeckte die ganze Breite. Die Lust an der Arbeit schien auch ihr vergangen zu sein. Er klopfte an die offene Tür. »Was willst du?«, fragte sie, ohne sich umzudrehen. »Wir müssen reden.« »Ich wüsste nicht, worüber. Du machst deinen Job, ich meinen.« Sie stand noch immer reglos am Fenster. Wahrscheinlich sollte er ihr Gesicht nicht sehen. »Es geht nicht um den Job …« Sie fuhr herum. Die Augen blitzten gefährlich. »Doch, genau darum geht es.« Er verstand nichts mehr. Was hatte er falsch gemacht? Bevor er sie fragen konnte, stand Greta in der Tür. »Phil, ich muss dich sprechen«, sagte sie, »sofort.« Ihr Mund formte sich zu einem verführerischen Lächeln. Heute trug sie den blutroten Lippenstift, den hochgeschlitzten Rock und eine fast transparente Bluse. Was soll das?, lag ihm auf der Zunge. Sie musste wissen, dass er nicht auf solche Äußerlichkeiten abfuhr, nicht einmal bei einem Vamp wie Greta, von dem andere Männer feucht träumten. Als er den Mund öffnete, bedeutete sie ihm mit dem Zeigefinger, zu schweigen, und sagte mit lasziver Stimme: »Im Penthouse.« Sie wandte sich um, damit er auch ihren Hintern bewundern konnte. Bevor sie verschwand, riet sie ihm, sich zu beeilen. »Sie werden sicher ein Stündchen auf Ihren Phil verzichten können«, fügte sie für Leni hinzu. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/hansjorg-anderegg/staatsfeinde/?lfrom=196351992) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.