Station 9 Hansjörg Anderegg Diese Waffe ist perfekt, denn um Leben zu retten, müssen sehr viele sterben.
Konzert im Musikverein, Picknick auf dem Riesenrad, so stellt sich Chris den Urlaub in Wien vor. Die Hauptkommissarin des Bundeskriminalamts begleitet ihren Mann Jamie zum Ärztekongress. Seine Entdeckung perfektioniert die CRISPR/Cas-9 Technik und ermöglicht Gentherapien für bisher unheilbare Krankheiten. Er ist der Star auf dem Kongress, doch der endet abrupt mit einem Schock, der ganz Österreich erschüttert. Chris kehrt überstürzt nach Berlin zurück. Ermittler, die internationalen Waffenschiebern auf der Spur sind, sterben an einer Krankheit, für die es keinen Namen gibt. Sie erlebt den nächsten Schock, denn sie kennt die Symptome und erahnt die bevorstehende Katastrophe – wie Jamie. Station 9 (#ue8e8ec9f-d8c0-5c6c-addc-2d309d5bbd4a) Impressum (#u802f0c90-4611-5ab5-9424-38f5f2ffd2fb) Kapitel 1 (#u170166fc-9c86-5ed8-b652-8cc16c1b2d94) Kapitel 2 (#u02f09d4a-aac7-569a-8fcf-a4c813e77f8c) Kapitel 3 (#u54ff4478-8d58-56ed-b2a5-9523e2437407) Kapitel 4 (#ufad15306-32a8-57e8-b393-543e557d3947) Kapitel 5 (#u61eac3bf-8e75-5d83-962c-a79798c420c6) Kapitel 6 (#u33e534fb-202e-51f8-8917-959cdbf2be0e) Kapitel 7 (#u92070066-0173-5c5f-815f-c83e026a88b6) Kapitel 8 (#ue54bcf20-1ee7-5d61-ad8f-baac5f6a07d4) Kapitel 9 (#ueadea425-7529-5773-96bf-c61516b947a5) Kapitel 10 (#u58087312-2906-507d-bd57-3c129b8e52dd) Kapitel 11 (#uad50c9e0-5954-5c8c-9837-45e91b155c1e) Kapitel 12 (#u920dcc0e-1f11-5d1c-a517-5e88dd5e5097) Kapitel 13 (#ub54be080-a06d-511d-b2cf-e202b8263dcb) Kapitel 14 (#u5d233a50-74c8-5b75-bd71-397f142f614c) Hansjörg Anderegg (#u4bc057f6-e0d8-519c-8645-3862bda45013) Hansjörg Anderegg Station 9 Der 8. Fall mit BKA-Kommissarin Chris Thriller Impressum Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de (http://www.d-nb.de)abrufbar. Print-ISBN: 978-3-96752-200-6 E-Book-ISBN: 978-3-96752-698-1 Copyright (2021) XOXO Verlag Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag unter Verwendung der Bilder: Stockfoto-Nummer: 1665847021, 1346645870 von www.shutterstock.com (http://www.shutterstock.com) Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag Hergestellt in Bremen, Germany (EU) XOXO Verlag ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH Gröpelinger Heerstr. 149 28237 Bremen Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Kapitel 1 Wien »Die üblichen Spinner«, sagte jemand hinter ihnen. »Die hätten damals auch gegen die Erfindung des Rads protestiert.« Jamie blieb abrupt stehen. Chris verlor um ein Haar das labile Gleichgewicht auf den High Heels. Ihr Kommentar war noch nicht spruchreif, da lagen sich die beiden Männer lachend in den Armen. »Nick, Gosh! Alter Schwede! Was hast du hier verloren?« »Ich bin auch Mediziner, schon vergessen?«, lachte der Fremde. Nicks Begleiterin, ebenso verwundert über die ungestüme Begrüßung, wechselte einen amüsierten Blick mit ihr. Die Männer schien nicht im geringsten zu stören, dass sich das Volk am Eingang zum Billrothhaus am Schottentor zu stauen begann. Die Transparente rückten näher, die Schlachtrufe der Demonstranten wurden lauter: »Gentechnik Nein!«, »Pfuscht nicht an unseren Genen herum!«, »Spielt nicht Gott!« Eine Gruppe junger Leute, die sich vom Fußballstadion hierher verirrt haben mussten, begann dröhnend auf ihren Tröten zu blasen. Kontraproduktiv, dachte sie. Niemand verstand mehr, was die aufgebrachte Menge skandierte. Die beiden Männer hatten vergessen, was um sie herum geschah. Nicks Begleiterin, ungefähr in ihrem Alter, groß und doch zierlich, als schwebte sie, prominente Nase im Gesicht aus ›Tausendundeine Nacht‹, zog sie ungeniert aus mit ihren dunklen Augen. Ohne von ihr abzulassen, klopfte sie Nick auf die Schulter. »Willst du uns nicht vorstellen?« Jamie kehrte in die Gegenwart zurück. »Ich denke, das sollten wir besser drinnen im Foyer tun.« Seine Bemerkung brach den Bann. »Ausgezeichnete Idee«, sagte sie aufatmend wie nach einer unblutig endenden Festnahme. Über dem Eingang prangte ein Transparent, das die Kongressteilnehmer mit goldenen Lettern in der internationalen Sprache der Wissenschaft willkommen hieß: Welcome to the 1st Vienna Congress on Medical Genetics. Einige Demonstranten verstanden das als Einladung, worauf die Wiener Polizei bewies, dass auch sie im Zeitalter der Globalisierung angekommen war und die ungebetenen Gäste mit roher Gewalt zurückdrängte. Namensschild am Jackett, Sektglas in der Hand, stellte Nick sich und seine Begleiterin vor. Dr. Niklaus von Matt, stand auf seinem Schild. Ein Mediziner wie ihr Ehemann Jamie, was sonst. »Diese bezaubernde Dame ist Dr. Mona Saatchi, die wichtigste Stütze meiner Klinik«, sagte er stolz, als hätte er sie erschaffen. Sein Gesicht strahlte dabei noch heller, der Mund lächelte sein ansteckendes Lächeln. Er würde das freundliche Gesicht selbst dann nicht verlieren, wenn sich sein Fallschirm nicht öffnete, schätzte sie. »Mona ist ein Geschenk des Himmels«, fügte er hinzu. »Manchmal zweifle ich, ob es mich noch braucht im OP.« »Habe ich mich auch schon gefragt«, grinste Mona. »Dr. Christiane Roberts«, las sie laut von ihrem Namensschild. Sie gab ihr die Hand und hielt sie fest, bis Jamie einfiel, auch sprechen zu können. »Das ist Chris, meine bessere Hälfte.« »Jamie Roberts, der Einsiedler, hat geheiratet!«, platzte Nick heraus. »Nicht zu fassen.« Zu ihr gewandt, murmelte er. »Wie konnten Sie nur auf den hereinfallen?« »Er kocht sehr gut.« »Das erklärt natürlich alles.« Das verbale Techtelmechtel endete abrupt mit dem Aufruf an die verehrten Referenten, sich bitte in der kleinen Bibliothek zur Besprechung einzufinden. »Das gilt wohl auch für mich«, seufzte Jamie. »Darf ich euch allein lassen?« »Gerne«, antwortete Mona etwas zu schnell. Zu dritt suchten sie freie Plätze in den vorderen Reihen des Festsaals. Hin- und hergerissen zwischen Fluchtreflex und dem Verlangen, mehr über die freche Mona zu erfahren, setzte Chris sich neben sie. »Doktor von Matt!« Nick, noch im Gang stehend, drehte sich überrascht um. »Ja – kennen wir uns?« »Und ob!« Im nächsten Atemzug hatte der Unbekannte Nick im Würgegriff. Seine Pistole zielte auf die Schläfe des Arztes. »Sie tun jetzt genau, was ich sage«, zischte ihm der Angreifer ins Ohr. Allmählich begriffen die Umstehenden, was sich abspielte. Mona sprang entsetzt auf. »Ruhig bleiben. Setzen Sie sich«, befahl Chris. Sie gehorchte mechanisch, mit offenem Mund auf die Waffe starrend, als wäre die auf sie gerichtet. Wie durch eine Explosion in Zeitlupe stoben die Teilnehmer auseinander. Einzelne Schreckensrufe, gefolgt von spitzen Schreien trieben auch die weiter entfernt Sitzenden von den Stühlen. Im Nu gab es kein Durchkommen mehr am Ausgang. Ein Schuss peitschte durch den Saal. Jede Bewegung erstarrte. Totenstille. »Niemand verlässt den Saal!«, rief der Unbekannte. »Alle mal herhören. Dr. von Matt hat euch etwas zu berichten.« Während sie die Polizei heimlich auf dem Handy alarmierte, wie viele andere wohl auch, beobachtete Chris, wie der Angreifer Nick nach vorn vor ein Mikrofon zerrte. »Einschalten!«, befahl er. Zwei Uniformierte tauchten auf der Galerie auf. Ein weiterer Schuss vertrieb sie augenblicklich. Chris identifizierte sich leise als Kommissarin des deutschen Bundeskriminalamts, schilderte kurz die Lage und ließ die Leitung offen, damit die Kollegen in der Wiener Einsatzzentrale mithörten, was im Billrothhaus vor sich ging. Eingreifen kam nicht infrage. Der Unbekannte schien zu allem entschlossen. In seinem Magazin befanden sich noch sechs weitere Patronen, falls sie sich nicht täuschte – und ihre Glock lag im Hotelsafe. Mona regte sich nicht mehr. Zur Salzsäule erstarrt, als hätte sie aufgehört zu atmen, fixierte sie die Waffe an Nicks Schläfe. Eine Rückkoppelung gab das Zeichen, dass das Mikrofon eingeschaltet war. »Wer sind Sie – was wollen Sie?«, fragte Nick scheinbar ruhig. »Schnauze!« Kein Wiener. »Das Fernsehen soll das aufzeichnen. Ich will, dass dies in alle Welt verbreitet wird, um die Leute zu warnen. Dr. von Matt wird hier und jetzt seine Seele erleichtern und beichten. In zwanzig Minuten will ich einen Kameramann des ORF sehen.« Chris gelang es, ein Foto zu schießen. Der Geiselnehmer befand sich allerdings zu weit weg für eine gute Aufnahme. Vielleicht könnten die Wiener Techniker trotzdem ein Porträt herausarbeiten, um ihn zu identifizieren. »Kennen Sie den Mann?«, fragte sie Mona. Die Scheintote reagierte nicht. Alle Augen richteten sich auf den Herrn im Maßanzug, der sich dem Geiselnehmer zu nähern wagte. Sie verstand nicht, was er sagte. Die Antwort tönte umso deutlicher aus den Lautsprechern: »Achtzehn Minuten!« Der Anzugtyp, einer der Organisatoren, wie sie vermutete, wich zurück, Telefon am Ohr. Das rote Gesicht glänzte vom Schweiß. Am Ausgang des Festsaals entstand Bewegung. »Niemand verlässt den Saal!« Ein Schuss Richtung Tür versetzte auch Chris für kurze Zeit in Schockstarre. Noch fünf Schuss. Niemand unternahm einen weiteren Fluchtversuch. »Nur der Kameramann wird eingelassen. Fünfzehn Minuten!« In diesem Augenblick erkannte sie die Ausweglosigkeit der Lage. »Das wird tödlich enden«, sprach sie leise ins Handy. Die Zeit gefror. Die Stille im Saal erschwerte das Atmen. »Fünf Minuten!« Kurz danach verkündete eine laute, feste Stimme an der Tür: »Der Herr vom ORF ist jetzt da.« »Herkommen, langsam! Ich will die Hände sehen!« Ihr geschultes Auge bemerkte die Bewegung hinter der Brüstung oben auf der Galerie und sie wusste: Ihre Bemerkung war bei den Einsatzkräften angekommen. Der Geiselnehmer konnte kein abgebrühter Profi sein, eher ein Verzweifelter, der aus seiner Sicht noch etwas richtigstellen musste. Dieser Auftritt würde sein letzter sein. Er wusste es und sie und die Kollegen des Wiener SEK auf der Galerie ebenso. Der Kameramann brachte sich in Stellung. »Kann‘s endlich losgehen?« »Augenblick.« Der Kameramann änderte die Position, um den Geiselnehmer besser ins Bild zu bekommen. Dabei verrutschte seine Weste. Chris sah das Schulterhalfter im selben Augenblick wie der Angreifer. Ihr stockte der Atem. »Ein Bulle!« Die Hand mit der Pistole schnellte in Richtung des falschen Kameramannes. Der dumpfe Knall aus der Waffe des Scharfschützen auf der Galerie ging beinahe unter im kollektiven Aufschrei. Der Geiselnehmer sank zu Boden. Im nächsten Atemzug umstellten Männer des Einsatzkommandos Täter und Opfer. Notarzt und Sanitäter eilten herbei. Allmählich kehrte Leben in den Festsaal zurück. Chris sprang auf, wollte zu Nick. Mona blieb sitzen. Sie zitterte am ganzen Leibe, stand offensichtlich unter Schock. Chris ließ sich wieder in den Sessel fallen, legte den Arm um sie und zog sie sanft zu sich. »Es ist vorbei«, flüsterte sie. Jamie stürzte herbei. »Mein Gott, seid ihr O. K.? Die haben uns nicht in den Saal gelassen. Was ist – wo ist Nick?« Der Name ihres Kollegen belebte Mona. Sie erhob sich. »Ich muss mit ihm sprechen.« Chris hielt sie zurück. »Ich glaube, das geht jetzt nicht. Die Polizei braucht seine Zeugenaussage.« Sie ließ sich nicht aufhalten. »Verwirrt«, murmelte Jamie. »Der Schock. Ich sollte sie jetzt nicht allein lassen.« Sie drückte und küsste ihn. »Die Wiener Kollegen werden auch mit mir sprechen wollen. Wir sehen uns im Hotel.« Abends stand Chris ratlos vor dem spärlich bestückten Kleiderschrank im Hotelzimmer. »Muss es unbedingt das nobelste Lokal sein?«, fragte sie Jamie. Er löste den Blick vom Panorama des abendlichen Museumsquartiers. »Vor allem soll es Wiens beste Küche bieten – und da bin ich heikel. Das weißt du.« »Ich habe trotzdem nichts anzuziehen.« Er lachte. »Diesen Satz wollte ich schon immer aus deinem Mund hören, Frau Hauptkommissarin.« »Mach dich nur lustig über mich. Ich hoffe, dein Fisch wird zäh wie Leder und versalzen.« »Ich esse doch keinen Stockfisch.« Ihre Laune besserte sich ein wenig beim Gedanken ans Dinner mit Mona, um sogleich wieder in Verzweiflung umzuschlagen. Wie das arme Mädel aus der Vorstadt würde sie neben der schönen Orientalin wirken. Was war los mit ihr? Sie kannte sich selbst nicht mehr. Durch die Begegnung mit Mona war sie zur hohlen Tussi mutiert, nur auf ihr Äußeres bedacht und nie damit zufrieden. Immerhin ein ganz neues Gefühl. Sie wandte sich wieder dem Schrank zu. »Also was jetzt?« Jamies Handy unterbrach die fruchtlose Konversation. Sie griff blind in den Schrank. Das Blaue mit dem Spitzenshirt war eigentlich fürs romantische Picknick auf dem Riesenrad vorgesehen, aber warum nicht? Die Jeans wäre ohnehin deplatziert im Steirereck. »Das war Nick«, sagte Jamie. »Abgesagt? Gut …« »Blödsinn. Er hat den Namen des Geiselnehmers erfahren. Ein gewisser Oskar Schäfer aus Berlin-Wittenau. Er sagt, er kenne den Mann nicht.« »Glaubst du ihm?« Er sah sie mit demselben betroffenen Gesichtsausdruck an wie nach ihrem ersten Kuss. »Was denkst du denn? Nick ist mein Freund.« Mit dem du über zehn Jahre keinen Kontakt hattest, dachte sie. »Seltsam«, sagte sie nur und begann, sich umzuziehen. Der Abend würde genügend Gelegenheit bieten, sich darüber zu unterhalten. Im Übrigen war sie in Wien im Urlaub. Sie wartete, bis Jamie sich ins Bad zurückzog, dann rief sie Berlin an. Kollege Haase, rechte Hand und eine Art erweitertes Hirn für sie, antwortete sofort. Er saß wie immer auch an diesem Freitagabend an seinem Schreibtisch in Treptow – oder stand an der Kaffeemaschine. »Ich dachte, Sie machten Urlaub.« »Dachte ich auch bis vor ein paar Stunden. Sie haben das Theater in Wien sicher mitbekommen …« »Die Geiselnahme am Kongress. Waren Sie da? Sind Sie …« »Alles in Ordnung«, wehrte sie ab. »Ja, ich war dabei. Mein Mann soll ein Referat halten, aber das tut nichts zur Sache. Ich habe eine Bitte.« Den Rest flüsterte sie hastig ins Telefon, denn Jamie kehrte vom Bad zurück. Er hörte zwar nicht, was sie sagte, durchschaute sie aber trotzdem. »Schon wieder an der Arbeit, Frau Kommissarin?«, fragte er lächelnd. »Ich empfehle dringend, das Handy mit der Dienstwaffe im Safe einzuschließen für heute Abend.« »Hättest du wohl gern. Ich überlege mir, ob ich die Glock nicht auch mitnehmen soll – bei dem Gesindel, das in dieser Stadt herumläuft.« Das betroffene Gesicht! »War ein Scherz. Das Kleid passt sowieso nicht zur Pistole.« Der Empfang im Steirereck entsprach den Preisen auf der Karte. Seit der Tragödie im Billrothhaus gehörte Nick zum exklusiven Kreis prominenter Eintagsfliegen. Das war der Grund, weshalb es wie durch ein Wunder einen freien Tisch für sie gab. »Sie sehen umwerfend aus«, stellte Mona zur Begrüßung fest. Was antworten auf dieses Kompliment aus dem Mund der Frau, die alle Blicke im Lokal auf sich zog? Am besten gar nichts. Stattdessen fragte sie trotz Monas strahlender Erscheinung besorgt: »Besser?« »Ich versuche, den Albtraum zu verdrängen. Hauptsache, Nick ist O. K.« Kaum hatte er sich gesetzt und am Wasserglas genippt, sagte Nick düster: »Der Mann ist gestorben.« Alle schwiegen betroffen, obwohl die Nachricht niemanden überraschte. Nick sprach als Erster weiter. »Ich weiß, ihr fragt euch, wieso der Mann ausgerechnet mich angegriffen hat«, seufzte er. »Ich kann nur wiederholen, was ich Jamie schon gesagt habe. Ich kenne – kannte den Mann nicht, habe ihn nie gesehen, nie von ihm gehört. Das Ganze ist ein verdammtes Rätsel.« Es klang überzeugend. Chris war geneigt, ihm die Ahnungslosigkeit abzukaufen. Andererseits musste der arme Kerl einen guten Grund gehabt haben, Nick vor versammelten Kollegen anzugreifen. Mit Verwirrung allein war sein Auftritt in Festsaal kaum zu erklären. Der Täter konnte kein gewöhnlicher Spinner gewesen sein wie die grölenden Demonstranten, die allein beim Wort Genetik ausflippten. Der Chef de Service nahm die Bestellung auf, gefolgt vom begeisterten Monolog des Sommeliers über die exklusiven Tropfen, die zu den nicht weniger extravaganten Gerichten passten. Es würde wohl das teuerste Essen werden, das Nick je bezahlt hatte. »Ich dachte, Sie trinken keinen Alkohol?«, wunderte sie sich, als Mona fröhlich mit dem Dom Pérignon Rosé Vintage ›Tête de Cuvée‹ anstieß. »Weil ich aus dem Iran stamme?« »Der Islam …« Unter Freunden soll man nie über Religion und Politik sprechen. An diesen Grundsatz hatte sie sich stets gehalten, aber jetzt war es raus. Mona erledigte das Thema mit drei Wörtern: »Nichts für mich.« »Vorsicht«, bemerkte Nick lachend dazu. »Mona hat schon eingefleischte Eidgenossen mit ›Kafi Luz‹ unter den Tisch gesoffen.« »Eine Trinkerin sind Sie also«, grinste Chris erleichtert. »Nachdem auch das geklärt ist, schlage ich vor, wir gehen zum Du über.« Nick hob sein Glas, um den Pakt zu besiegeln. Mona reichte das nicht. Sie drückte reihum jedem ein Küsschen auf die Wange. Die Kluft zwischen Erwartung und Wirklichkeit reizte Chris. Monas Verhalten passte einfach nicht zu ihrer Vorstellung von Frauen aus dem Iran. »Was ist ›Kafi Luz‹?«, fragte Jamie konsterniert. Mona lachte laut heraus. »Nick übertreibt natürlich. In Wirklichkeit kann ich das Gebräu nicht ausstehen. Es ist eine volkstümliche Spezialität in Luzern, wo unsere Klinik steht.« »Mit Kaffee hat das Gesöff nicht viel gemein«, ergänzte Nick. »Sehr wässriger Kaffee, viel Zucker und ein guter Schuss Träsch, Obstler. Gilt als Frühstück.« Lachend sahen sie zu, wie zwei Kellner die Vorspeisen in perfekter Choreografie aufdeckten. Sie hatte die erste Gabel des Carpaccios noch nicht im Mund, als ihr Handy klingelte. Haase. »Verzeihung, da muss ich ran.« »Ich habe ihr geraten, das Ding im Safe einzuschließen«, entschuldigte Jamie sich achselzuckend, während sie sich entfernte. »Dieser Oskar Schäfer hatte keinerlei Verbindung zu Dr. Niklaus von Matt oder der Klinik Seeblick in Luzern«, sagte Haase. Sie brauchte nicht nachzuhaken. Wenn er keine Verbindung fand, gab es keine. Die Nachricht ließ die Tragödie im Billrothhaus nur noch mysteriöser erscheinen. Nachdenklich kehrte sie an den Tisch zurück. »Ist kalt geworden«, bemerkte Jamie. »Carpaccio muss kalt sein. Das weißt du besser als ich.« »War ein Scherz.« Er streckte die Hand aus. »Was?« »Handy.« »Nur gegen Quittung.« Er verlangte Notizpapier vom Kellner. One mobile Phone, stand auf dem Zettel, den er ihr unter dem Gelächter der andern hinhielt. Sie vollzog den Tausch und Ruhe kehrte ein. Eine Weile widmeten sich alle dem Gedicht auf ihrem Teller und dem gefährlich mundenden Sauvignon Blanc. »Was wird jetzt aus dem Kongress?«, fragte Nick unvermittelt. Jamie legte die Gabel weg, trank einen Schluck, dann antwortete er mit gespielter Enttäuschung: »Geht leider morgen weiter wie geplant. Einzig der Festsaal wird vorläufig nicht mehr benutzt.« »Warum leider?«, fragte Mona. Sie kannte Jamies angeborene englische Ironie noch nicht. »Er redet nicht gern«, sagte Chris, um sie noch etwas mehr zu verwirren. Nick brach in Gelächter aus. »Vor allem nicht in Gegenwart schöner Frauen. Das war noch nie deine Stärke, stimmt‘s?« Die Betroffenheit war diesmal nicht gespielt. Sie erlöste ihn, gab ihm einen Kuss und stellte fest, er habe andere Qualitäten. Der Aufmarsch von vier Kellnern dämpfte die Heiterkeit nur unwesentlich. Die Offenbarung des Hauptgangs unter den silbernen Glocken ließ hingegen alle am Tisch in Ehrfurcht verstummen. Irrte sie, oder wischte Jamie sich heimlich eine Träne aus dem Auge nach der ersten Nase von seinem Milchferkel mit Eukalyptus? Die Tafelrunde des unfreiwillig prominenten Arztes aus der Schweiz versank in stille Andacht. Lange hörte man kaum das Besteck klappern. Erst mit der zweiten Flasche Bordeaux lösten sich die Zungen. Überrascht stellte Chris fest, dass sie Deutsch sprachen. Jamies immer noch grottenschlechte Aussprache machte sie darauf aufmerksam. Wie selbstverständlich hatten sie sich bisher aus Rücksicht auf ihn und Mona auf Englisch unterhalten. »Wie kommt es, dass du so gut Deutsch sprichst?«, fragte sie Mona. »Ich habe mehrere Jahre hier studiert.« »In Wien?« Sie nickte. »An der MedUni.« »Wie ich«, fügte Nick lächelnd an. »Da ist sie mir aufgefallen.« »Kein Wunder«, murmelte Chris. »Die medizinische Universität Wien ist die größte Medical School der Welt«, dozierte Jamie. »Danke Herr Professor.« Obwohl sie sich brennend für die Geschichte der rätselhaften Mona interessierte, konzentrierte sie sich auf Nick. Déformation professionnelle. Er war nicht zufällig Opfer einer Geiselnahme geworden. Was sollte er beichten? Sie begann das Verhör mit einer unverfänglichen Frage. »Wie hast du Jamie überhaupt kennengelernt?« »Jetzt wird es delikat«, antwortete Nick nach einem tiefen Blick ins Glas. Und zu Jamie gewandt: »Was denkst du?« Jamie schüttelte den Kopf. »Das willst du nicht wissen.« Erst nach massivem Protest, unterstützt von Mona, erfuhr sie die erschütternde Wahrheit. Beide arbeiteten damals in Cambridge am selben Forschungsprogramm, und der gute Jamie bemerkte offenbar fast zu spät, dass Nick ein Auge auf ihn geworfen hatte. »Ich glaubte wirklich, du wärst auch schwul«, sagte Nick lachend, »habe mir große Hoffnungen gemacht.« Mona tätschelte ihm beruhigend die Hand. »Du Ärmster.« Chris staunte. »Und deswegen seid ihr Freunde geworden?« Jamies Blick wanderte weit in die Vergangenheit zurück. »Nicht deswegen …« »Sondern?« Nick grinste, während Jamie verlegen die Achseln zuckte. »Lasst es raus, Jungs«, drängte Mona. Nick seufzte. »Sagen wir es so: Ich habe aus Mitleid beide Augen zugedrückt.« »Ich war verwirrt, verdammt«, protestierte Jamie, »hatte einfach keine Zeit, die Messreihe zu wiederholen.« Chris fuhr auf. »Du hast Forschungsergebnisse gefälscht?« »Richtiggestellt.« »Man foltert die Zahlen, bis die Statistik stimmt, richtig? So einen habe ich also geheiratet!« »Das verstehst du nicht.« »Was gibt es denn da zu verstehen? Bist du überhaupt ein richtiger Doktor, Jamie Roberts?« »Damals hatte ich den Titel schon.« »Dann ist ja alles gut.« »Ich konnte ihn einfach nicht in die Pfanne hauen, den netten Jamie«, seufzte Nick mit schmachtendem Blick. »Ja, ja, die Liebe …«, sinnierte Mona, indem sie Chris fixierte. Das wird heute nichts mehr, dachte sie. Sie war nicht im Dienst, konnte Nick nicht einfach vorladen, um hinter sein Geheimnis zu kommen, seine dunkle Seite, die der Geiselnehmer zweifellos gekannt hatte. Die zweitbeste Lösung war Mona, die zumindest Nicks Arbeit gut kannte. Ein Gespräch unter Frauen, getarnt als Shopping-Orgie. Was konnte schon schiefgehen? Der Samstag verlief etwas anders, als sie sich vorgestellt hatte. Sie kehrte mit einer Einkaufstüte voll schöner und vollkommen unnützer Dinge ins Hotel zurück, ohne das Geringste über Nicks Geheimnis erfahren zu haben. Die Stimmung hellte sich etwas auf, als sie das neue Mundstück für ihr Altsaxofon aus der Tasche zog. Ganz umsonst war sie nicht kreuz und quer durch die Altstadt geirrt. »Ein Prachtexemplar«, sagte Jamie, »aber hast du nicht schon zwei oder drei?« Er zog sich um für den Männerabend mit seinem fast vergessenen Freund Nick. »Dieses Teil ist speziell für einsame Stunden gedacht, melancholische Molltöne und die Bluestonleiter, wenn du verstehst, was ich meine.« Er nahm sie in die Arme. »Ich verstehe dich sehr gut, Liebes. Noch diesen einen Abend, dann gibt es nur noch uns zwei.« »Versprochen?« »Bei all meinen Pfannen.« Er würde sich noch wundern. Jedes Wort aus Nicks Mund würde sie aus ihm herausholen. Jahrelange Übung im BKA half ihr bei solchen Aktionen. Er ging. Sie stand allein im fremden Hotelzimmer vor einem leeren Abend. So durfte der Tag nicht enden. Nach kurzem Zögern rief sie Mona an. »Lust auf einen Kaffee?« »Langweilst du dich ohne Jamie?« »Nein, ich will es ihm heimzahlen.« Die Antwort sorgte für Heiterkeit am andern Ende der Leitung. »Gut so, was die Männer können, schaffen wir auch. Ich weiß genau das Richtige für uns.« Eine Stunde später stieg sie an der Grinzinger Schleife aus dem 38er, fast zwanzig Minuten vor der vereinbarten Zeit. Sie mischte sich unters Volk, das zum Heurigen in die Gassen strömte. Ohne Absicht schlenderte sie in eine ruhigere Gegend. Sie wollte schon umkehren, da schnellte ihr Puls schlagartig in die Höhe beim Blick in eine Nebenstraße. Mona? Die Figur stimmte, die Art, wie sie sich bewegte, nur das Kopftuch wirkte fremd. Sie glaubte, Monas Parfüm riechen zu können. Neugierig folgte sie der Frau bis zum Friedhof. An einer Wegkreuzung unweit Gustav Mahlers Grab verlor sie sie. »Das gibt‘s nicht«, murmelte sie verblüfft. Der Grinzinger Friedhof war nicht gerade der Zentralfriedhof. Wahrscheinlich hatte sie sich sowieso geirrt. Auf dem Rückweg tauchte die Frau plötzlich wieder auf, als hätte sie sich hinter dem pompösen Grabmal versteckt, das einem kleinen Mausoleum glich. Chris konnte sich im letzten Moment ins Gebüsch retten. Es war Mona, die an ihr vorbei zum Ausgang eilte, kein Zweifel. Die Inschrift auf dem weißen Marmor sagte ihr nichts. Kopfschüttelnd wandte sie sich ab, als ihr ein bescheidenes Grab unmittelbar neben dem Marmortempel auffiel. Es schien zum Ensemble zu gehören, als dürfte hier der Stalljunge bei der Herrschaft ruhen. Frische Rosen schmückten dieses beinahe unsichtbare Grab. Neugierig versuchte sie, die Zeichen auf dem Grabstein zu entziffern. Sie konnte nur die Jahreszahl des Todesdatums lesen. Die Schrift mutete Arabisch an. Ein Mitglied aus Monas iranischer Familie? Nach ihrer Bemerkung zum Islam war es durchaus möglich, dass so jemand auf diesem Friedhof lag. Seltsam fand sie es trotzdem. Fast zehn Minuten zu spät kehrte sie zum Treffpunkt zurück. Mona schloss sie freudig in die Arme und küsste sie, als hätten sie sich jahrelang nicht gesehen. »Ich machte mir schon große Sorgen, Chris.« »Entschuldige, Pünktlichkeit ist nicht so mein Ding«, log sie. Das Kopftuch war verschwunden. Die aufgekratzte, unternehmungslustige Mona vom Vorabend stand vor ihr. »Ready? Los geht‘s! Fünf Minuten zu Fuß.« Keine Frage, sie kannte sich aus in Grinzing. Die ›Feuerwehr‹ war ein Heuriger wie viele andere hier, nur vielleicht noch etwas populärer. Die Gäste standen jedenfalls schon am frühen Abend Schlange am Büfett. Der neue Muskateller erinnerte entfernt an den Sauvignon Blanc vom Vorabend, floss aber um einiges schneller durch die Kehle, vor allem durch Monas Kehle. Chris versuchte, mit Konversation gegenzusteuern und sie wenigstens zum Verzehr eines Weinbeißers anzuregen. »Ihr führt also eine lukrative Klinik in Luzern«, begann sie. »Busen, Po, nehme ich an?« Mona stellte das Glas ab. »Sehe ich aus, als hätte ich das nötig?« »Du nicht, aber deine Patientinnen.« Dabei betrachtete sie sich selbst mit prüfendem Blick. Mona spielte mit. »Darf ich?« Bevor sie begriff, was geschah, spürte sie Monas Hände auf den Brüsten. Nur für einen Augenblick, doch der genügte, um einen Schwall heißen Blutes in die Schläfen zu pumpen. Mona schüttelte nur den Kopf und stellte nüchtern fest: »Würde ich nicht empfehlen. Die sind noch schön straff.« »Also hör mal!« Sie lachte hell auf. »Bleib locker, Mädchen. Auch ein Rollmops?« Mona sprang auf, eilte ans Büfett, ohne die Antwort abzuwarten. War das ihre seltsame Art zu trauern? Versuchte sie, ihre wahren Gefühle durch exaltiertes Verhalten zu verbergen – oder wollte sie einfach ihren Fragen ausweichen? Sie kehrte mit zwei Rollmöpsen und etwas Schwarzwurzelsalat zurück. »Ich dachte eher an Backhendl …« Schon stand sie wieder am Büfett. Kaum hatte sie ihr das halbe Hähnchen vorgesetzt, begann sie, den rohen Hering mit Lust zu verspeisen, als wäre er die Krönung des gestrigen Galadiners. Chris hoffte inständig, die sauren Lappen würden Monas Blutalkohol wenigstens soweit neutralisieren, dass sie ohne Rettung ins Hotel zurückfände. Allein, der Gott, der ihr stilles Gebet erhören sollte, existierte nicht. Sie bestellte noch ein Viertel. Chris konnte die Bemerkung nicht unterdrücken: »Du tust das nicht zum ersten Mal.« Mona sah sie mit großen, dunklen Augen an, lächelnd, mit klarem Blick, als hätte sie nur am Wasser genippt. »Was meinst du? Eine Brust anfassen? Ich bin Ärztin.« »Das meinte ich nicht, aber da du schon davon sprichst – ich habe immer noch nicht verstanden, was ihr da in Luzern genau treibt, du und Nick.« »Ich habe es dir auch noch nicht erklärt«, gab sie schmunzelnd zurück. »Im Ernst, es ist ziemlich kompliziert, aber man kann es mit einem Wort umschreiben: Gentherapie. Wir helfen Patienten mit genetisch bedingten Krankheiten, gewissen Typen von Diabetes zum Beispiel.« »Darum also das Interesse am Kongress.« »Ja, Nick will an vorderster Front dabei sein. Er ist ein Spitzenforscher, auch wenn er sich manchmal wie ein Kindskopf aufführt.« »Männer eben.« »Du hast es erfasst«, lachte sie. Die Schrammeln legten eine Pause ein. Das Reden fiel leichter. »Glaubst du, der Vorfall im Billrothhaus könnte etwas mit eurer Klinik zu tun haben?«, fragte sie vorsichtig. Mona zögerte lange mit der Antwort. Schließlich sagte sie abwesend: »Die Sache geht Nick ganz schön an die Nieren.« Chris wagte, noch einmal nachzuhaken. »Ein enttäuschter Patient oder Verwandter vielleicht?« Mona schüttelte entschieden den Kopf. »Patienten, die einen Kunstfehler vermuten, würden uns die Anwälte auf den Hals hetzen. Die haben gute Anwälte, das kann ich dir versichern. Unsere Therapien können sich nur die Wenigsten leisten.« »Kann ich mir vorstellen«, murmelte sie enttäuscht. Diese Fährte führte nirgendwohin. Daran würde auch ein weiteres Viertel Muskateller nichts ändern. Als die Musiker zurückkehrten, stand Mona auf. »Suchen wir uns ein ruhigeres Plätzchen. Der Lärm nervt. Ich bin älter geworden.« Sie bezahlten und verließen das Lokal. »Ich will aber noch nicht ins Hotel zurück. Da komme ich mir vor wie ausgesetzt.« Mona hakte sich lachend bei ihr unter. »Weiß ich doch.« Sie winkte ein Taxi herbei. »Steig ein.« Der Fahrer, mit Anzug und Krawatte unterwegs, quittierte das Ziel mit: »Sehr wohl, Gnä‘ Frau.« So etwas erlebte man wohl nur noch in Wien. Das Café Landtmann beim Burgtheater war eine Oase der Ruhe, trotz oder wegen der dezenten Klänge aus dem Piano. Ein alter Herr, makelloses Jackett, blütenweißes Hemd und korrekte Fliege wie am ersten Arbeitstag, trat an ihren Tisch. Auf dem Namensschild stand: Herr Karl. Statt widerwillig nach ihren Wünschen zu fragen, wie Chris befürchtete, begrüßte er Mona freudig überrascht: »Frau Dr. Saatchi, schön, Sie zu sehen. Ein Verlängerter, schwarz wie immer?« »Selbstverständlich Herr Karl«, antwortete sie, nicht im Mindesten überrascht. »Er vergisst keinen Gast – niemals«, erklärte Mona, nachdem auch sie ihre Melange bestellt hatte. »Nicht zu fassen. Wann bist du das letzte Mal hier gewesen?« Sie überlegte. »Das muss mindestens zehn Jahre her sein.« Die Atmosphäre des Wiener Kaffeehauses umhüllte und beruhigte sie wie die schützende Gebärmutter. Jedenfalls stellte Chris sich die Zeit vor der Geburt etwa so vor. Sie saßen schweigend am Marmortisch. Monas Blick driftete ab – in die Vergangenheit? »Zehn Jahre sind eine lange Zeit«, sagte sie, um Mona in die Gegenwart zurückzuholen. »Und doch kommt es mir vor, als hätte ich gestern hier gesessen.« »Hast du – hattest du Familie in Wien?« Sie hätte die Frage besser nicht gestellt. Statt zu antworten, winkte Mona ihren Herrn Karl herbei, um zu bezahlen. »Ich bin hundemüde, muss ins Bett«, murmelte sie. Verwirrt folgte sie ihr zum Taxi. Bevor Mona einstieg, drehte sie sich plötzlich noch einmal um. »Nimm mich bitte in den Arm.« Im nächsten Atemzug kuschelte sie sich an sie wie ein Küken, das im Gefieder der Mutter Schutz sucht. Dann stieg sie ohne ein weiteres Wort ein. Chris starrte dem Wagen nach, bis sich die Rücklichter auf der Ringstraße verloren. Simmering, las Jamie auf einem Hinweisschild. Nick fuhr schweigend weiter. Fragen nach dem Ziel beantwortete er nur mit dem Grinsen, das er noch von Cambridge her kannte. »Liegt nicht der Flughafen in dieser Richtung? Wollen wir verreisen?« »Wir sind gleich da.« Die Gegend weit außerhalb der Stadt machte einen eher trostlosen Eindruck. Nick parkte bei einem Hochhaus, dem einzigen weit und breit. Die laute Inschrift zog sich über die ganze Fassade des sicher fünfzig Meter hohen Turms. Jamie rümpfte die Nase. »Ein Hotel – hätten wir das nicht schneller in Wien haben können?« »Abwarten.« Minuten später standen sie auf dem Dach des Gebäudes. Nick bewunderte die Aussicht. »Na, was sagst du?« »Was meinst du?« »Sieh dich um.« »Ich sehe grüne Wiesen, winzige Autos, einen Abluftschacht und ein paar Arbeiter.« Das Grinsen mutierte zum Gelächter, einem hinterhältigen Gelächter, wie er glaubte. »Das sind keine Arbeiter, mein lieber Jamie.« Fünf Schritte weiter verstand er die Antwort. Er kehrte mit einem kategorischen Nein um. »Bist du verrückt? Das mache ich nicht!« Nick stieß ihn lachend zurück. »Du hast nie bezahlt für mein Schweigen damals. Jetzt ist Zahltag.« Jamie schüttelte ungläubig den Kopf. »Ich soll mich da hinunterstürzen?« »Nicht stürzen. Wir beide laufen jetzt ganz gemütlich diese Wand hinunter. Deine Arbeiter werden uns sichern.« »Auf keinen Fall. Du spinnst.« Die Crew am Rand des Abgrunds beobachtete ihr Streitgespräch mit sichtlicher Ungeduld. Je mehr Gegenargumente ihm einfielen, desto stärker reizte ihn das Abenteuer. Ein Engländer blamiert sich nicht, schon gar nicht in Österreich. So etwas gehört sich einfach nicht. Sie traten an die Dachkante. Fünfzig Meter senkrecht hinunter. Fünfzig oder fünfhundert – was macht es für einen Unterschied?, dachte er, während er spürte, wie sich sein Skelett aufzulösen begann. »Wer zuerst?«, fragte er. Todesangst verlieh ihm eine gewisse Autorität. »Du natürlich.« Dabei wechselte Nick einen verstohlenen Blick mit dem Mann am Flaschenzug, der ihm nicht entging. »Du solltest dich jetzt besser anschnallen.« »Vielen Dank für den Hinweis. Wäre ich allein nie drauf gekommen.« Reden hilft, stellte er fest. Er würde sich später nicht mehr an den Blödsinn erinnern, den er auf dem Dach des Tower Hotels von sich gab. Das volle Bewusstsein erlangte er erst wieder, als er am Seil über die Kante kippte. »Knie durchstrecken!«, mahnte der Herr über Leben und Tod. »Nicht bücken! Schön steif nach vorne kippen lassen.« Der Mann sprach perfektes Englisch. Dennoch dauerte es ungewohnt lange, bis die Anweisungen Jamies Großhirn erreichten und die Muskeln die nötigen Befehle empfingen. »Immer brav tun, was der Meister verlangt«, riet Nick. Er spürte das schadenfrohe Grinsen förmlich im Nacken. »Beine zusammen, strecken! So ist‘s gut.« Er hing fast waagrecht über dem Abgrund, Gesicht nach unten. »Jetzt machen wir den ersten Schritt.« »Wir?« Die verzweifelte Scherzfrage war nicht vom Schrei eines Bussards zu unterscheiden. »Gut so, und nun lassen Sie das Seil ein wenig schleifen und machen einen Schritt mit dem andern Fuß.« Er hatte verstanden. Es war im Grunde lächerlich einfach. Langsames Gehen auf rauem Beton, nur eben senkrecht nach unten statt geradeaus, wie normale Menschen sich bewegen. Endlich im unteren Drittel angekommen, stellte er fest, schon seit Ewigkeiten keinen von Nicks bissigen Kommentaren mehr gehört zu haben. Der Boden rückte in Zeitlupe näher. Zum ersten Mal wagte er, den Kopf etwas anzuheben. Da stand sein sauberer Freund, winkte herauf und filmte weiter mit seinem Handy. Es wirkte wie ein letzter, tödlicher Adrenalinschub. Er ließ dem Seil zu viel Spiel, stoppte dann abrupt. Die Füße lösten sich vom Beton. Frei hängend drehte er Kapriolen, bis er die Orientierung verlor. Nicks Gelächter verstummte erst, als er, losgelöst vom Seil, wütend auf ihn zu stürmte. Der Kampf ums Handy endete mit Jamies klarer Niederlage. »Chris darf diesen Film niemals sehen!«, drohte er. »Solang sie kein YouTube schaut …« »Bist du jetzt völlig übergeschnappt? Du wirst das Video doch nicht ins Netz gestellt haben!« »Komm runter, Alter. Ich wüsste nicht einmal, wie das geht.« »Was hast du überhaupt hier unten zu suchen? Los, rauf aufs Dach. Ich will deinen Sturz filmen.« Nick blickte hinauf zum Flaschenzug knapp unter den Wolken. Dann schüttelte er den Kopf. »Niemals würde ich diese Wand hinunterlaufen. Ich bin doch nicht verrückt.« Auf halben Weg zurück in die Stadt hatte Jamie sich einigermaßen beruhigt. »Aber das Scheiß Video löschst du«, verlangte er kategorisch. »Nur wenn du mir eine Kopie deines Manuskripts lieferst.« Die seltsame Forderung überraschte ihn. »Du brauchst doch nur am Montag meinen Vortrag am Kongress anzuhören …« »Das reicht mir nicht«, unterbrach Nick ungeduldig ohne jede Spur von Ironie. »Ich brauche alle Details deiner Entdeckung, inklusive Quellenangaben.« »Die Arbeit wird in wenigen Wochen in der Fachpresse erscheinen.« »Zu spät. Ich brauche die Information jetzt.« »Wieso?«, fragte er verunsichert. Nick zögerte. Er bemerkte sein Befremden und entschuldigte sich. »Die Konkurrenz auf dem Gebiet der Gentherapie ist zwar noch überschaubar, aber gnadenlos«, erklärte er beschwichtigend. »Wenn du jetzt nicht an vorderster Front dabei bist, hast du verloren.« Jamies Bild sah nicht annähernd so schwarz-weiß aus, doch er hatte keine Lust, sich auf diese Diskussion einzulassen. »Ich brauche jetzt einen Cognac oder zwei«, sagte er stattdessen. In der Weinbar pendelte sich sein Adrenalinspiegel wieder auf den Normalzustand ein. Der Beweis? Er lachte über sich selbst beim Betrachten von Nicks Video. »Nicht zu fassen, dass ich auf den Blödsinn hereingefallen bin«, sagte er. »Ist doch ein gutes Gefühl, gib‘s zu.« »Als wüsstest du, wovon du sprichst.« »Was ist jetzt mit deinem Manuskript?« Nicks lauernder Blick sprach Bände. Er benötigte seine Forschungsergebnisse wie ein Junkie die Spritze. »Erkläre mir lieber, wozu du die Arbeit brauchst. Wohl kaum für deine Klinik, nehme ich an.« »Das wird sich weisen. Deshalb muss ich genau wissen, woran ich bin.« Jamie ließ den Rest des Cognacs im Gaumen kreisen, schluckte und bestellte zwei neue, bevor er sagte: »Und ich will zuerst genau wissen, was ihr in Luzern treibt.« Nach kurzem Zögern begann Nick auszupacken. »Wir haben uns auf Gentherapie spezialisiert, wie du weißt. Angefangen hat es mit der Behandlung der Erbkrankheit LPDL.« »Lipoproteinlipase-Defizienz, die Glybera-Story«, unterbrach er, nicht überrascht. »Genau. Die hat international Schlagzeilen gemacht, weil eine Dosis des Medikaments etwa so teuer ist wie ein Mercedes CLS Coupé. Die Behandlung eines Patienten kostet über eine Million Euro.« »Das liegt ja wohl in erster Linie am überrissenen Preis für Glybera.« »Sicher, aber du siehst schon, worauf ich hinaus will. The winner takes it all, verstehst du?« »Es geht also nur ums Geld?« Nick schüttelte vehement den Kopf. »Nicht nur, aber wir wollen auch leben. Der Punkt ist ein anderer: Ich bin überzeugt, dass es mit den neuen Entwicklungen des Gene Editing möglich sein muss, solche Behandlungen viel günstiger und damit allen Patienten anzubieten. Ich halte nämlich nichts von Zweiklassenmedizin.« Die Bemerkung reizte Jamie zum Lachen. »Das sagt der Richtige, Besitzer einer exklusiven Schweizer Privatklinik!« »Egal ob du mir glaubst oder nicht. Du wirst mir zustimmen, dass möglichst alle Betroffenen geheilt werden sollten, wenn es eine Chance dazu gibt. Im Falle von LPDL bleibt sonst den Patienten nichts anderes übrig, als alle paar Wochen zur Blutwäsche anzutreten. Ganz zu schweigen von lebensgefährlicher Pankreatitis.« Daran war nichts auszusetzen. Es gab zwar nur sehr wenige Menschen mit der Erbkrankheit LPDL, aber für die musste das Leben die Hölle sein. »Weil das Protein LPL nicht richtig funktioniert«, ergänzte er wie zu sich selbst, »werden Fettmoleküle nicht abgebaut, die den Blutkreislauf verstopfen.« »So ist es, und weißt du, weshalb die Behandlung so unverschämt teuer ist und lange dauert, abgesehen vom Preis des Medikaments?« »Weil man Unmengen injizieren muss in der Hoffnung, dass genügend Zellen das kranke gegen das gesunde Gen austauschen. Man sollte einen Weg finden, diesen Tausch der Gene spezifischer und effizienter zu gestalten. Das ist genau das Thema meines Vortrags am Montag …« »Eben«, warf Nick triumphierend ein. Um den Punkt zu unterstreichen, prostete er ihm mit dem zweiten Schwenker zu. »Jetzt hat es auch Dr. Roberts kapiert.« »Schon, aber – meine Arbeit ist eine Forschungsarbeit. Es bleibt noch ein langer Weg bis zur klinischen Reife.« Nick lachte. »Das lass mal meine Sorge sein. Also, kriege ich das Manuskript?« Jamie zuckte die Achseln. »Meinetwegen, die Arbeit wird sowieso unter meinem Namen publiziert.« Chris wischte sich heimlich eine Träne aus dem Auge, bevor das Licht den Großen Saal des Musikvereins wieder golden erstrahlen ließ. Es war weniger die Musik der Wiener Symphoniker, die sie zu Tränen rührte, als die Erinnerung an ihren verstorbenen Vater, der ihr die Liebe zur Musik vererbt und es selbst nie in dieses Haus geschafft hatte. »Hat es dir nicht gefallen?«, fragte Jamie besorgt. »Du wirkst traurig.« Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich habe nur gerade an Papa gedacht. Schade, dass ich an kein Jenseits glaube, sonst hätte er sicher die letzten zwei Stunden mitgehört.« »Du stellst es dir einfach vor, ohne daran zu glauben.« Trotz der neuen Schuhe bestand sie darauf, zu Fuß ins Hotel zurückzukehren. »Keine dreißig Minuten, wäre ja gelacht«, prahlte sie. Sein Gesicht entsprach genau dem Gefühl in ihrem rechten großen Zeh, der sich nicht mit der eleganten Enge der High Heels abfinden wollte, die Mona ihr als Schnäppchen aufgeschwatzt hatte. Auf der Höhe der Secession, keine zehn Minuten unterwegs, setzte sie sich auf eine Treppe. »Ich kann nicht mehr.« Jamie hatte nichts anderes erwartet. Er nickte nur und zog das Handy hervor. »Warte. Gib mir eine Minute.« Sie streifte die Schuhe ab und warf ihm einen auffordernden Blick zu. Er verstand sofort. Grinsend begann er, ihren Fuß zu massieren. »Der andere.« Eine Gruppe junger Damen schien das außerordentlich zu amüsieren. Sie verstand kein Wort, aber die Geste war eindeutig. Die Damen streckten Jamie synchron das rechte Bein entgegen, bevor sie kichernd weiterzogen. »Wir sollten auch besser weitergehen, sonst artet das aus«, sagte sie lachend. Die paar Minuten bis zum Museumsquartier legte sie auf Strümpfen zurück. Das Hotel lag zwar in der Nähe, doch sie bestand auf einem Absacker. Vielleicht würde sie nach zwei, drei ›Ottakringer‹ endlich erfahren, was am Herrenabend wirklich geschehen war. Den ganzen Tag über hatte sie versucht, es ihm aus der Nase zu ziehen. Jedes Mal flüchtete er sich in medizinische Sachthemen, die er angeblich mit Nick stundenlang erörtert hatte. Sie wusste jetzt Bescheid über das ethische Dilemma der Eingriffe in die menschlichen Gene, über die schwierige Grauzone zwischen sinnvollen Therapiezielen und verbotenen Verbesserungen am Genmaterial. Sie kannte den Unterschied zwischen somatischen und Keimbahntherapien, bei denen nicht nur die Gene der betroffenen Person verändert würden, sondern auch die des potentiellen Nachwuchses. Eingriffe in die Keimbahn waren gefährlich und verboten. Das sah sie ein, aber was zum Teufel hatten die beiden gestern getrieben? Er blieb hart. Sie würde es nie erfahren. Um ihn zu provozieren, fragte sie: »Glaubst du, Nick könnte sich die Hände schmutzig gemacht haben mit nicht ganz koscheren Genmanipulationen? Sollte er deshalb beichten?« Er sah sie an, als hätte sie eben die Scheidung eingereicht. Lange überlegte er sich eine Antwort, bis er endlich den Kopf schüttelte und murmelte: »Du siehst überall nur Verbrecher, selbst im Urlaub.« Ihr Handy kündigte neue Mail an. Kopfschüttelnd sah er ihr zu beim Lesen. »Urlaub, Sonntag – schon vergessen?« Sie zeigte ihm die Nachricht. »Nur Spam, siehst du?« Er warf einen misstrauischen Blick aufs Display mit der Bemerkung: »Ich habe irgendwo gelesen, man könne diese Dinger auch abschalten.« Im selben Augenblick traf eine Meldung von Haase ein: Klinik Seeblick im Visier der Steuerfahndung. Sie reagierte nicht schnell genug. Er sah den Text. Seine Miene verfinsterte sich, wie sie es noch nie beobachtet hatte. »Mir reicht‘s!«, zischte er wütend. »Kannst gerne noch weiter gegen meinen Freund ermitteln, aber allein.« Sagte es, stand auf und verließ das Lokal ohne einen Blick zurück. Sie seufzte. Er würde jetzt etwas Zeit brauchen. Sie hatte übertrieben, nicht zum ersten Mal. Aber dieser Nick und seine Klinik … Eine halbe Stunde verstrich, ehe sie ihm folgte. Zeit genug, um über Haases neuste, inoffizielle Ermittlungsergebnisse nachzudenken. Unsicher auf den hohen Absätzen und in Gedanken versunken, wankte sie schließlich hinaus. Der Fahrer des Lieferwagens trat fluchend auf die Bremse und riss das Steuer herum, um der Frau auszuweichen, die offensichtlich blind über die Straße laufen wollte. »Tussi, hirnamputierte!«, rief er ihr nach, Puls auf 180. Ein Unfall fehlte ihm gerade noch, wo doch alles bisher rund gelaufen war. Die Ware im Baumarkt hatte offen herumgelegen. Jemand musste sich darum kümmern. Aber Kieberer wären jetzt nicht förderlich fürs Geschäft. Die sollen Parkpickerl kontrollieren und ihn gefälligst in Ruhe lassen, war sein Leitmotiv. Durch die Tussi landete sein Handy auf der Fußmatte. Jetzt spielte es jenseits der Mittelkonsole ›Mission: Impossible‹. »Scheiße, das ist sicher der Lorenz«, murmelte er. Anhalten war keine Option, außer es ging nicht anders. An einer Ampel fischte er das Telefon vom Boden und wählte den Rückruf. Sein Bruder hob sofort ab. »Ferdl, endlich!« »Was liegt an, Kleiner?« »Du sollst mich nicht Kleiner nennen. Ich bin sechzehn.« »Schon gut, also, was willst du? Ich hab‘s eilig.« »Bier ist alle.« »Du trinkst keinen Alkohol!« »Nein, aber falls du heute Abend ein Sechzehner-Blech brauchst, solltest du eins mitbringen.« »Alles klar, sonst noch was?« »Ja, ein paar Soletti, wenn du schon dabei bist.« »Sag mal, Kleiner!«, rief er ärgerlich, »hast du keine Beine?« »Schon, aber ich bin seit einer Woche stier, wie du weißt.« Er unterdrückte einen Fluch, denn beim Geräusch, das sich rasch von hinten näherte, stellten sich seine Nackenhaare auf wie bei einem Igel mit Panikattacke. »Ich muss …« Weiter kam er nicht. Er drückte Lorenz weg und schmiss das Handy auf den Beifahrersitz. Was zum Teufel wollten die Kieberer jetzt von ihm? Hatte ihn jemand verpfiffen? Gab es doch eine verdammte Überwachungskamera? Sie interessierten sich nicht für ihn und die am Baumarkt gefundene Ware im Lieferwagen. Die Streife preschte vorbei und verlor sich bald in der Nacht. Schon fast zu Hause in seinem Grätzl beim Westbahnhof, drosselte er die Geschwindigkeit. Das neue Graffiti des Kleinen leuchtete selbst im schummrigen Licht der Straßenlampe wie aus eigener Kraft. Lorenz war ein Naturtalent. Das hatten sogar die Knalltüten begriffen, die ihm beim Verticken helfen sollten. Gleich hätte er es geschafft. Beim Abbiegen in seine Straße sauste ein blauer Bentley um die Ecke, voll auf Kollisionskurs. Er konnte nichts anderes tun, als das Bremspedal durchzudrücken und laut zu fluchen. Der Bentley reagierte zum Glück ebenso schnell, scherte nach rechts aus und blieb in der Mauer stecken. Über ihm leuchtete das Graffiti wie das Altarbild in der Unbefleckten Empfängnis, wo er früher mal den Opferstock geleert hatte. »Da schau her, noch ein Fan«, murmelte er, während das Blut ins Hirn zurückströmte. Sein Fuß zuckte über dem Gaspedal, doch dann stieg er aus. Ein alter Herr saß am Steuer des Bentley, Kopf im Airbag, Hosenträger über kariertem Hemd. Er war immerhin der Einzige im Wagen, bewegte sich aber nicht. »Gute Nacht!«, seufzte Ferdl. Widerwillig holte er das Handy im Lieferwagen. Er war im Begriff, die Rettung zu rufen, als die Tür des Bentley aufsprang. Ächzend befreite sich der Weißhaarige vom Sicherheitsgurt und kroch aus seiner Luxuskarosse, scheinbar unverletzt. Er begann, sich sofort wortreich bei ihm zu entschuldigen und stellte sich als Galerist Horvath vor. »Galerie Horvath beim Theatermuseum, Sie wissen schon.« Er wusste nicht einmal, wozu es Galeristen gab. »Sind Sie in Ordnung, alles O. K. mit Ihrem Wagen?« Der Alte fragte ihn! Er nickte. »Bei Ihnen schaut’s weniger gut aus«, stellte er fest. Horvath tat es mit einer verächtlichen Handbewegung ab. »Blechschaden. Der Wagen musste sowieso in die Garage. Die Einspritzung, Sie wissen schon.« Was er neuerdings alles wusste … Dem Alten war offenbar nicht zu helfen. Ferdl drehte sich um, wollte zum Lieferwagen zurück und Gummi geben, als etwas völlig Unerwartetes geschah. Horvath betrachtete das Graffiti mit offenem Mund. Andächtig wie der Pfaffe in der Prozession schritt er das Gemälde des Kleinen ab. Immer wieder blieb er stehen, als bete er am Bildstock. Er hatte nur noch Augen für das monumentale Werk an der Mauer. Klar, dass nun bei Ferdl der Automatismus einsetzte angesichts des frei zugänglichen Handschuhfachs im Bentley. Horvath war erst beim nächsten Bildstock angelangt, als er die Beute einsteckte: Pfefferspray, den man in dieser Gegend stets gut gebrauchen konnte, und fünf Hunderter, auch nicht zu verachten. »Stimmt etwas nicht?«, rief er dem Galeristen zu mit der Miene des besorgten Samariters. »Von wem stammt dieses Fresko?« »Welches Fiasko?« »Das Graffiti meine ich.« Soweit kommt‘s noch, dass ich den Kleinen ans Messer liefere, dachte er und zuckte die Achseln. »Keine Ahnung, was ist damit?« »Der Maler ist ein Genie.« Horvath kehrte zum Bentley zurück, um sein Handy zu holen. »Ich muss unbedingt ein paar Bilder schießen«, murmelte er. »Sollten Sie nicht besser die Karambolage knipsen?« Das Smartphone schien nicht zu funktionieren. »Der Akku – könnten Sie mir vielleicht freundlicherweise Ihres ausleihen?« »Für ein paar Bilder?« Horvath lachte. »Nein, das geht jetzt wohl nicht, aber ich muss die Polizei rufen.« Die Kieberer! Mit seinem Handy! Andererseits – sein Prepaidhandy konnte nicht einmal die Wiener Stadtpolizei zurückverfolgen. Zögernd gab er ihm das Telefon. »Vielen Dank der Herr, sehr freundlich. Hier ist übrigens meine Karte.« Er steckte die Visitenkarte mit Goldprägung ein, als bekäme er jeden Tag so eine. »Meine sind leider gerade ausgegangen«, murmelte er, ungeduldig aufs Telefon wartend, um endlich abhauen zu können. Er atmete erst richtig auf beim Betreten der alten Fabrikhalle, die ihnen als Wohnung und Lorenz als Atelier diente. »Wo sind die Soletti?«, wunderte sich der Kleine. So an Schaas! Vor lauter Bentley und Graffiti hatte er die Trafik völlig vergessen. Nicht verlegen, zog er einen von Horvaths Hundertern aus der Tasche. Er gab ihn dem verblüfften Kleinen mit der Bemerkung: »Ab sofort ist hier niemand mehr stier.« Ungläubig hielt Lorenz den Schein gegen die Lampe, zupfte und roch daran, um ihn als Blüte zu entlarven. »Der ist garantiert echt. Worauf wartest du noch? Bringst mir zwei Blech mit.« Die Wrestler im Fernsehen machten erst Spaß, als Lorenz mit den Bierdosen zurückkehrte. Er erzählte ihm das Wichtigste vom Bentley in der Mauer. »Ein Genie hat er dich genannt. Wollte unbedingt Fotos vom Graffiti.« »Ein Genie, soso … Dir ist das aber noch nie aufgefallen.« »Lass dir nur keinen Kamm wachsen deswegen. Du solltest dir lieber Gedanken machen, wie es jetzt weitergeht, nachdem du die Schule geschmissen hast, Lorenz Gruber.« Auf diesem Ohr war der Kleine taub. Er wandte sich nur wieder seiner Staffelei zu und fragte beiläufig: »Wo finde ich diesen Herrn Horvath?« »Denk nicht mal dran! Der Sack braucht nicht zu wissen, wer wir sind.« »Er hat immerhin mein Genie erkannt. Vielleicht ist da was dran.« Chris sah dem Lieferwagen nach, als wäre er der erste, dem sie begegnete. Auf einen Schlag vollkommen ausgenüchtert, fragte sie sich, wie der schöne Abend so schlimm enden konnte. »Entschuldige, Papa«, murmelte sie und ging vorsichtig weiter. Jamie hatte recht und allen Grund, sauer zu sein. Warum konnte sie nicht einfach die paar Tage in Wien genießen, BKA und Arbeit vergessen, leben? Auf dem beschwerlichen Weg ins Hotel legte sie den Plan für ihre Entschuldigung und die Versöhnung bis in alle Einzelheiten fest. Kuscheln im warmen Bett sollte der entscheidende Katalysator sein. Jamie hielt sich indessen nicht an den Plan. Das Handy stumm geschaltet, betrat sie das Zimmer und erschrak. Er saß am Schreibtisch und arbeitete. Intensiv, wie es schien, denn er reagierte nicht. Sie war Luft. Der schöne Plan ebenfalls. »Es tut mir leid, Liebster. Ich bin eine dumme Gans. Kommt nicht wieder vor.« Er sah nicht von der Arbeit auf. Sie wagte nicht, ihn zu küssen, versicherte sich aber, dass keine Kopfhörer in seinen Ohren steckten. Bei seltenen Anfällen von Jugendwahn tat er das. Die Ohren waren in Ordnung, und sie blieb Luft. Sie brauchte dringend eine neue Strategie. Zum Nachdenken zog sie sich ins Bad zurück. Das Handy begann, neben dem Waschtisch zu tanzen. Der Bildschirm leuchtete verlockend. »Nicht jetzt!«, schnauzte sie es an und schaltete es aus, ohne hinzusehen. »Es interessiert mich nicht – jetzt nicht«, wiederholte sie immer wieder unter der Dusche. Kaum trocken, las sie Haases Nachricht. Es gibt eine Verbindung vom Geiselnehmer Schäfer zur Klinik Seeblick, schrieb er. Ein seltsamer Todesfall … »Also doch«, murmelte sie beim Lesen, »armer Jamie.« Kapitel 2 Wien Für ein »Guten Morgen« hatte es immerhin gereicht. Nun benutzte Jamie jede Gelegenheit, sich mit Kollegen am Kongress zu unterhalten, offensichtlich bemüht, nicht mit ihr sprechen zu müssen. Mona war es auch aufgefallen. »Was hat er nur?« Chris zuckte die Achseln. »Vielleicht die Nervosität vor seinem Referat.« »Ist ja wohl nicht sein erstes.« Nachdem sie Jamie und Nick eine Weile beobachtet hatte, kam sie auf den Punkt: »Ihr habt euch gestritten. Meinetwegen?« »Da kann ich dich beruhigen«, sagte Chris abwesend, während sie versuchte, Nicks Lippen zu lesen. Von nun an war alles wichtig, was der Besitzer der Klinik Seeblick sagte. Die ersten Zuhörer betraten den Saal, in dem Jamie seinen großen Auftritt feiern würde. Um Boden gutzumachen, bemühte sie sich um einen Platz in der vordersten Reihe. Als Chemikerin war sie nicht vom Fach, aber jahrelange Übung im Umgang mit der Staatsanwaltschaft hatte sie gelehrt, bei jedem Thema einen kompetenten Eindruck zu machen. Nicks und Monas gespannte Erwartung war nicht gespielt, ebenso wenig die der versammelten Mediziner und Biologen im Saal. Nichts Geringeres als eine medizinische Sensation hatte der Konferenzleiter angekündigt. »Dear Collegues«, begann Jamie, »ich möchte Ihnen heute von einer Entdeckung berichten, die ich mit meinem Team in Berlin machen durfte. Wir glauben, den Schlüssel gefunden zu haben, Gene Editing und damit künftige Gentherapien sicherer und um mehrere Größenordnungen effizienter zu gestalten.« Man hätte einen Schmetterling flattern hören, so still war es jetzt im Saal. »Es mag vermessen erscheinen, so kurz nach der Jahrhundert-Entdeckung von CRISPR/Cas-9 schon wieder von einem Durchbruch zu sprechen – aber entscheiden Sie selbst.« Er hätte sie schon verloren, wäre sie nicht durch seine begeisterten Monologe in der Küche zu Hause gut vorbereitet gewesen. Er verglich die Entdeckung der CRISPR/Cas-9 Methode mit der Erfindung des Mikroskops. Die Genetiker besaßen damit ein neues Werkzeug, mit dem sie präzise jede Stelle der Erbsubstanz adressieren und verändern konnten. Das Potenzial für die Heilung von Erbkrankheiten konnte noch gar nicht abgeschätzt werden. Die Methode stieß die Tür zu einem bislang völlig unbekannten Feld der medizinischen Genetik weit auf. »Mit der geradezu lächerlich einfachen Methode lässt sich durch geeignete synthetische RNA jede Stelle eines DNA-Strangs punktgenau anfahren«, fuhr er fort. »Das assoziierte Cas-9 Protein zerschneidet dann die DNA genau dort, wo zum Beispiel ein krankes durch ein gesundes Gen ersetzt werden soll. Das funktioniert nicht nur theoretisch, sondern auch in der Praxis ganz gut, wie wir alle wissen.« Um das Gesagte zu unterstreichen, projizierte er eine Grafik an die Wand, welche als Illustration der CRISPR/Cas-9 Methode auch durch die Tagespresse verbreitet worden war. Mit gequältem Lächeln nahm er den Faden wieder auf. »Leider, liebe Kolleginnen und Kollegen, spielt die Natur auch in diesem Fall nicht immer genau nach unsern Regeln. Lassen Sie mich kurz die zwei wichtigsten Probleme beschreiben, mit denen wir uns konfrontiert sehen. Off-target-effects sind am gefährlichsten, da werden Sie mir zustimmen. Das Protein Cas-9 schneidet nicht immer ganz präzise an der gewünschten Stelle. Fast immer, aber eben nicht immer. Dadurch können unerwartete Einschübe und Löschungen in der DNA, sogenannte INDELs, entstehen, Nebeneffekte mit unbekannten Auswirkungen. Unser Team hat die Methode so verfeinert, dass bei mittlerweile über tausend Versuchsreihen keine einzige unerwünschte INDEL aufgetreten ist.« Ein Raunen ging durch den Saal, was Jamie dazu benutzte, sich Wasser nachzuschenken und sie dabei genau zu beobachten. »Das zweite Problem ist die Adressierung der gewünschten Zellen, fuhr er fort, delivery and targeting. Um CRISPR/Cas-9 effektiv in der Humanmedizin einsetzen zu können, müssen wir einen Weg finden, die Genschere und die gesunden DNA-Sequenzen sicher und effizient in die betroffenen Zellen einzuschleusen, etwa in Motoneuronen bei ALS. Bisher ist das noch mit keinem Ansatz gelungen.« Grinsend fügte er an: »Das heißt: bis vor unserer Entdeckung.« Befreiendes Gelächter im Publikum, als hätten die Zuhörer das Problem gelöst. »Bisherige Versuche beschränkten sich meist auf Leukozyten. Blutzellen sind leicht zu isolieren. Man kann sie gezielt behandeln, um sie danach geheilt wieder in die Blutbahn einzuschleusen. Mit Nervenzellen geht das nicht so gut.« Der Scherz schien das Publikum köstlich zu amüsieren. Jamie wartete, bis sich der Saal beruhigte, bevor er zum K.-o.-Schlag ausholte. »Unser Team wählte einen radikal neuen Ansatz, um das Problem des delivery and targeting zu lösen.« Totenstille. »Wir heilen die Zellen, indem wir sie mit AAV-Vektoren gezielt infizieren.« Erst allmählich begriff sie ungefähr, was er damit meinte. AAV stand für Adeno-assoziierte Viren, eine an sich harmlose Virenart. Jamie und sein Team hatten diese Viren so programmiert, dass sie ganz bestimmte Muskelzellen befielen, dort die CRISPR/Cas-9 Genschere deponierten und so degenerierte Gene durch gesunde ersetzten. »Natürlich fanden diese Versuche nicht in vivo an Menschen statt«, versicherte er schmunzelnd, »aber an lebendem menschlichem Muskelgewebe, das wir in vitro gezüchtet haben. Es besteht für uns absolut kein Zweifel, dass diese Methode genauso gut auch am lebenden Organismus funktioniert.« »Nick wird sich freuen«, flüsterte Mona. »Genau so etwas haben wir erwartet.« Das Gleiche sagte Nick, nachdem der tosende Applaus abgeebbt war und die aufgeregt diskutierende Schar der Gen-Chirurgen ins Foyer strömte. Er umarmte Jamie stürmisch, klopfte ihm auf den Rücken und stand kurz davor, ihn abzuküssen. »Alter, das ist genau, was ich hören wollte!«, rief er aus. »Jetzt können wir getrost in die Schweiz zurück jetten. Besser wird‘s nicht mehr, was, Mona?« »Schon cool«, gab sie zu, äußerlich ruhig, doch ihre Augen strahlten ebenso wie die des Kollegen. Die beiden schienen es plötzlich eilig zu haben. Nick erwähnte eine dringende Besprechung, dann zog er seinen alten Freund kurz beiseite. Sie sollte wohl nicht hören, was gesprochen wurde, doch sie besaß das ausgezeichnete Gehör einer begabten Musikerin. »Denk an unsern Deal, das Manuskript«, mahnte Nick, dann eilte er Mona nach mit der Bemerkung: »Wir sehen uns beim Dinner.« Die lieben Kolleginnen und Kollegen umschwärmten Jamie eine Zeitlang wie Motten das Licht. Als sie ihm endlich allein gegenüberstand, fragte sie: »Welches Manuskript?« Er sah sie feindselig an, als hätte sie ihn beschimpft. »Was soll das jetzt wieder? Ich dachte, du wolltest aufhören, meinen Freund zu bespitzeln.« Sie hätte sich ohrfeigen können. Es war eine völlig harmlose Frage, reine Neugier. Nichts, worüber sich jemand aufregen müsste, aber sie betraf Nick. Alles, was Nick betraf, musste ab sofort tabu sein. Warum kapierte sie das nicht? Dumme Gans. »Entschuldige«, sagte sie kleinlaut. »Lass es mich einfach wissen, wenn wir wieder normal miteinander sprechen können.« »An mir soll‘s nicht liegen.« Wieder ein Absturz auf der Achterbahn der Gefühle. Eine weitere Gruppe Kollegen nahm ihn in die Mitte. Sie entfernte sich in Gedanken versunken, unentschlossen, ob sie weinen oder lauthals fluchen sollte. Fesch, würden die Wiener sagen. Zum Anbeißen sah er aus, ihr Jamie im gemieteten Smoking. Da er auch am Abend des abschließenden Galadiners im Marmorsaal des Oberen Belvedere im Mittelpunkt stand, fiel es ihr leichter, die glückliche Gattin zu mimen, obwohl ihr zum Heulen war. Der Prunk der K.-u.-k.-Monarchie drückte auf die Stimmung wie die Schuhe. Dennoch strahlte sie an der Seite ihres mit einem Mal prominenten Gatten, der noch seine Mühe bekundete mit der neuen Rolle. Mit einem erleichterten Seufzer nahm er schließlich auf dem reservierten Sessel am VIP-Tisch Platz, sie zu seiner Linken, Mona und Nick zur Rechten. »Warum sitzen die beiden an diesem Tisch?«, wagte sie flüsternd zu fragen. »Keine Ahnung, ich bin auch überrascht«, antwortete er ebenso leise. Seine Lippen bewegten sich kaum dabei. Nick beantwortete die Frage, ohne sie gehört zu haben, gleich für die ganze Tafelrunde. »Doris verspätet sich wie erwartet«, seufzte er. »Sie hängt bestimmt am Telefon«, fügte Mona schmunzelnd an. »Ich kann mich nicht erinnern, sie ohne Handy am Ohr gesehen zu haben.« Nick widersprach grinsend: »Doch, beim Texten.« Der Tisch lachte. Der Kongress tanzt, dachte Chris unwillkürlich. Jamie fühlte sich mit seinen schlechten Deutschkenntnissen etwas vernachlässigt, wie sie befriedigt feststellte. Sie benutzte die Gelegenheit, um sich wieder ein Stück weit in sein Herz zu schleichen. »Die beiden scheinen Ministerin Strasser gut zu kennen«, bemerkte sie auf Englisch. Sie sagte es laut genug, damit alle begriffen, dass ihr prominenter Gatte Englisch bevorzugte. Wie auf Kommando wurde fortan Englisch gesprochen am VIP-Tisch. »Doris Strasser und ich kennen uns schon seit der Studienzeit in Wien«, erklärte Nick. Nach einem nervösen Blick auf die Uhr sagte er zu Mona: »Ich hoffe, ihr ist nichts zugestoßen.« »Beim Telefonieren?«, war Chris versucht zu fragen, doch sie überließ Jamie das Wort. »Gibt es denn Grund zur Beunruhigung?«, fragte er beim Buttern seines Brötchens. Die Tischnachbarin Mona antwortete: »Sie ist eine sehr zarte Person, du wirst schon sehen.« »Fast zerbrechlich«, unterstrich Nick, »und doch setzt sie sich bedingungslos und ohne Zögern ein, wenn es gilt, andern zu helfen. Die Zwillinge einer befreundeten Familie haben nur dank ihr überlebt. Sie besitzen jetzt ihre Blutgruppe. Du verstehst, was ich damit sagen will.« Jamie nickte. Ihre medizinischen Kenntnisse reichten weniger weit. »Leukämie, Knochenmarktransplantation«, antwortete er leise auf ihren fragenden Blick. Am Eingang entstand Bewegung. Frau Dr. Doris Strasser, österreichische Gesundheitsministerin, der Stargast des Abends, betrat den Saal – ohne Telefon. Ihre zwei männlichen Begleiter, jeder mit Knopf im Ohr und Pistole im Schulterhalfter, wie Chris vermutete, bezogen beiderseits der Tür Position. Die Ministerin, schlank wie ein Supermodel, mädchenhafte Figur, erfreute sich offenbar großer Beliebtheit unter der medizinischen Gästeschar im Saal. Das Publikum empfing sie mit einer stehenden Ovation wie eine Stardirigentin. Nach hundertfachem »Küss die Hand« und Luftküsschen konnte sie endlich am VIP-Tisch Platz nehmen. Ihr warmes, einnehmendes Lächeln steckte alle an, auch Chris. Sie konnte sich der Faszination dieser Frau genauso wenig entziehen wie die Herren am Tisch. Die Vertrautheit, mit der sie Nick und Mona begegnete, deutete darauf hin, dass sie mehr als eine Ex-Kommilitonin war. Wie es sich für eine gewiefte Politikerin geziemte, versuchte sie, alle am Tisch gleichermaßen ins Gespräch einzubeziehen. Chris‘ pochierter Hummer am Salatbouquet war noch nicht verzehrt, als die Ministerin sie mit der Frage erschreckte: »Sind Sie denn gar kein bisschen eifersüchtig auf den Erfolg ihres Gatten, Dr. Roberts?« Um die Verlegenheit zu verbergen, nippte sie kurz am Grünen Veltliner aus der Wachau. »Ich war genauso überrascht wie Sie alle«, sagte sie dann mit leicht gezwungenem Lächeln. Die Antwort sorgte für gelöste Heiterkeit am Tisch. Wichtiger war Jamies anerkennender Blick. Der Rest des Hummers schmeckte um Klassen besser. Die Ministerin legte die Gabel weg. Das Personal begann, das Geschirr abzuräumen für den zweiten Gang, eine Gemüsekreation auf San Daniele Schinken. Chris war abgelenkt. Sie bemerkte Doris Strassers Anfall erst, als einer der Bodyguards mit gezogener Pistole auf den Tisch zu rannte. Die zierliche Frau griff sich nach Atem ringend an den Hals. Ihr Gesicht lief blau an, als schnürte ihr jemand die Kehle zu. Die Gäste in der Nähe sprangen entsetzt auf. Nick und weitere Kollegen bemühten sich verzweifelt, ihr zu helfen, bis die Rettung eintraf. Strassers Zustand verschlechterte sich zusehends. Spastische Zuckungen und Krämpfe behinderten die Versuche des Notarztes, sie zu intubieren und mit Sauerstoff zu versorgen. »Niemand verlässt den Saal!«, brüllte der Einsatzleiter des Kommandos, das die Kongressteilnehmer seit der Geiselnahme im Billrothhaus schützen sollte. Von einer Sekunde auf die andere verwandelte sich der festliche Prunksaal in die chaotische Auffangstation einer überforderten Polizeiwache mit zweihundert Verdächtigen und einer Ministerin, die mit dem Tode rang. All die erfahrenen Mediziner konnten wie Chris nur zusehen, wie das Team des Notarztes mit der Patientin aus dem Saal stürmte. Nick wollte ihnen folgen. Beamte der Kriminalpolizei traten ein und stießen ihn unsanft in den Saal zurück. Fluchend stand er bald wieder am VIP-Tisch. Sonst sprach niemand ein Wort. Mona, vom Schock gezeichnet, versuchte, ihn mit Gesten zu beruhigen. Chris hielt Nick im letzten Moment zurück, als er sich drohend vor der Inspektorin der Kripo aufbaute. »Beruhige dich, sie müssen das tun.« Wie erwartet, bestand die Befragung im Wesentlichen aus der Aufnahme der Personalien. Niemand hatte etwas Verdächtiges bemerkt, und niemand wagte mehr, einen Teller oder ein Glas anzufassen. »Vergiftung?«, fragte sie Jamie, obwohl sie keines der typischen Symptome gesehen hatte. Er schüttelte denn auch den Kopf, in Zeitlupe, abwesend, ungläubig auf den Schauplatz des zweiten Aktes des Dramas vom Billrothhaus blickend. »Ein allergischer Schock vielleicht«, sagte er auf dem Rückweg ins Hotel. »Allerdings …« Er dachte den Gedanken nicht laut zu Ende, und sie wollte nicht schon wieder als Ermittlerin auftreten. Beim Aufzug blickten sie sich schweigend an, kehrten in neuer Eintracht um und steuerten die Bar an. Der Schock saß zu tief, um jetzt einfach in den Urlaubsmodus zurückzufallen. Das ging nur mit genügend Alkohol. Die Augen der wenigen Gäste im Halbdunkel klebten am Fernsehbildschirm. Der tragische Vorfall im Belvedere dominierte die News auf allen Kanälen, als hätten Islamisten die Reise zu ihren 72 Jungfrauen im Marmorsaal angetreten. »Lauter!«, rief ein Gast. Der ORF berichtete live von der eilig einberufenen Pressekonferenz. Der Zustand von Gesundheitsministerin Dr. Doris Strasser sei nach wie vor sehr kritisch, ließen die Ärzte verlauten. Man ermittle in alle Richtungen. Ein Anschlag könne nicht ausgeschlossen werden. Chris schüttelte den Kopf, während sie das Gesagte für Jamie auf Englisch zusammenfasste. »Attempted murder, bullshit!«, blieb sein einziger Kommentar. Sie fand die Vorstellung unter den gegebenen Umständen ebenso absurd. Die Journalisten begannen, Fragen zu stellen. Einer der Kriminalbeamten, den sie im Belvedere gesehen hatte, erhielt einen Anruf. Nach kurzem Zuhören flüsterte er dem leitenden Staatsanwalt etwas zu, worauf der die Pressekonferenz abrupt abbrach. »Das bedeutet nichts Gutes«, flüsterte Chris wie zu sich selbst. Jamie hängte sich ans Telefon. Er versuchte, Nick zu erreichen. Beim dritten Mal klappte es. Obwohl sie nur die Hälfte des Gesprächs mitbekam, wusste sie Bescheid, bevor er auflegte. »Sie ist vor zehn Minuten verstorben«, bestätigte er. Sie hatten Ministerin Strasser erst an diesem Abend kennengelernt, und doch schmerzte die Nachricht, als wäre eine nahe Angehörige von ihnen gegangen. Es war kalt geworden in Wien. Sie rückte näher an ihn heran. Er legte den Arm um sie, ebenso verloren. »Weiß man schon …« Er schüttelte den Kopf. »Sie muss obduziert werden. Nick sagt, was ich auch vermute. Die Symptome sind alles andere als eindeutig. Vergiftung schließt er aus, einen anaphylaktischen Schock ebenso. Die Muskelkrämpfe passen überhaupt nicht ins Bild. Im Moment sind wir beide ziemlich ratlos.« »Wie kann denn so etwas geschehen?« Er zuckte die Achseln. Nach einer Denkpause sagte er: »Es war, als befände sie sich plötzlich im Endstadium von ALS, was natürlich vollkommener Unsinn ist – aber die Symptome würden passen.« »ALS, die Krankheit des Stephen Hawking, nicht wahr?« Er nickte. »Amyotrophe Lateralsklerose, eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems. Wie gesagt, unmöglich, denn was wir bei Frau Strasser beobachtet haben, entspräche einer tausendfachen Beschleunigung des Krankheitsverlaufs.« Chris erbleichte. Unmöglich oder nicht – beschleunigte ALS war genau der Ausdruck, den Haase in seinem letzten Mail verwendet hatte. Der Link vom Geiselnehmer Schröder zu Nicks Klinik Seeblick. Schröders Schwägerin war ein halbes Jahr nach der Behandlung in Luzern einer unbekannten Krankheit erlegen, die man nur mit Symptomen umschreiben konnte: beschleunigte ALS. Ferdl sorgte sich um den Kleinen. Lorenz besaß mehr Grips als seine ganze Abschlussklasse, Ferdl Gruber inklusive. Warum wollte er nicht einsehen, etwas daraus zu machen? Der Lorenz könnte locker studieren. Jurist wäre ideal, der könnte ihn dann für ein Trinkgeld raushauen, falls ihn die Kieberer doch eines Tages erwischten. Der Lorenz könnte das. Stattdessen stand er den ganzen Tag in seinem improvisierten Atelier und bekleckerte jede erdenkliche, einigermaßen glatte Fläche. Kein Verpackungsmaterial war sicher vor seinem Pinsel und den Spraydosen. Kisten und Schachteln gab es genug, die entsorgt werden müssten nach seinen Streifzügen durch Baumärkte und unbewachte Garagen, in denen Lkws voller Flachbildschirme nur auf Leute wie ihn warteten. »Ich schnalle nicht, was du dir von der Kleckserei versprichst, Kleiner, echt nicht«, seufzte er frustriert. »Du sollst mich nicht Kleiner nennen. Ich bin …« »Sechzehn, ich weiß. Das ist es ja. Du gehörst nicht in dieses Loch. Du gehörst in die Schule und dann an die Uni, verdammt noch mal.« »Ach ja? Und wer bezahlt mein Studium? Du und deine feinen Freunde? Ihr seids doch eh die Nega.« »Eben! Willst du unbedingt auch so enden?« Es war hoffnungslos. Er setzte die Mütze auf und machte sich auf den Weg zur Garage. Zlatko hatte endlich einen Kunden für die Fliesen gefunden, die noch im Lieferwagen lagen. »Wenn ich wenigstens Leinwand hätte, könnte ich vielleicht ein paar Bilder verkaufen«, rief ihm Lorenz nach. Er stoppte abrupt, als wäre er gegen die Wand gelaufen. Auf die Idee, jemand könnte das Geschmier kaufen, wäre er im Leben nie gekommen. Aber vielleicht lag der Kleine richtig. Er machte sich jedenfalls eine Gedankennotiz: Leinwand. Leintücher würden bestimmt irgendwo in dieser großen Stadt herumliegen. An der Abzweigung, wo der Bentley das Graffiti des Kleinen geküsst hatte, stand wieder eine Luxuskarosse, ein Maserati Quattroporte. Er hatte eben angehalten. Im Rückspiegel sah Ferdl den charakteristischen weißen Schopf über den Hosenträgern. Der Galerist war wieder da. Diesmal mit einem Ersatzwagen für den Bentley. Klar, ein Maserati musste es schon sein, mindestens. Noch etwas hatte er dabei, der nette Herr Horvath. Ferdl trat auf die Bremse, dass die Reifen quietschten. So etwas hatte er lange nicht gesehen, schon gar nicht aus der Nähe. Eine Göttin stieg aus dem Maserati. Dunkelblonde, lange Haarsträhnen umrahmten ein Gesicht, in dem sich eine Enttäuschung spiegelte, die sie wohl erwartet, aber doch nicht erleben zu müssen, gehofft hatte. Ihre Lippen formten ein Lächeln so bittersüß, dass ein Kerl wie Ferdl sie einfach küssen musste. Was spielte es da für eine Rolle, dass sie mindestens zehn Jahre älter war? Er musste aussteigen. Es ging nicht anders. Sie beachteten ihn erst nicht, zu beschäftigt mit dem Ablichten des Graffitis. Als er sich näherte, hörte er ihre Stimme, das reine Glockenspiel. So also tönte es bei den Göttern. »Herr Horvath, nicht wahr?«, sagte er, die Augen auf sie gerichtet. Der Galerist drehte sich verblüfft um. Sein Gesicht hellte sich auf. Die Wangen glühten. Er wandte sich freudig an seine Begleiterin: »Das ist er, Elli, der Herr, dem ich diese Entdeckung zu verdanken habe.« »Und den kaputten Bentley«, fügte sie hinzu, Ferdl misstrauisch musternd. Horvath lachte. »Das habe ich schon selber verbockt.« Er stellte die Göttin als Magistra Elli Popov vor, Kunsthistorikerin in den Diensten der Galerie Horvath am Theatermuseum, Sie wissen schon … Frau Magistra gab ihm ihr Kärtchen. »Und mit wem habe ich die Ehre?« Ferdl wähnte sich in jenem Film, der auf ein grandioses Happy End zusteuerte. Er hatte den Schluss zufällig im Fernsehen gesehen, weil er nach dem Match vergessen hatte, die Kiste abzuschalten und vorübergehend eingepennt war. Auf das Happy End wartend, vergaß er zu antworten. »Stimmt«, rief Horvath aus. »Ich war an dem Abend so verwirrt, habe ganz vergessen, den Herrn nach seinem Namen zu fragen.« »Gruber, Ferdl Gruber«, antwortete er abwesend. Diese Augen waren tiefer als der Ozean. Wie viele arme Kerle da wohl schon eingetaucht und nie mehr gesehen worden waren? Er musste der Nächste sein, unbedingt. Freudig und mit offenen Augen würde er sich ins Verderben stürzen. »Also, Herr Gruber, Sie wohnen doch in der Gegend«, vermutete sie, »und Sie wissen wirklich nicht, wer dieses Meisterwerk geschaffen hat?« Was waren Horvaths Worte? Der Künstler sei ein Genie. Lorenz hatte ein Meisterwerk geschaffen. Diesmal kam das Lob aus dem Mund der Kunsthistorikerin, die es wissen musste. Er war sonst nicht der Schnellste, wenn es um wichtige Entscheidungen im Leben ging, aber angesichts dieser göttlichen Übermacht rückte er mit der Wahrheit heraus, der ganzen Wahrheit und nichts als der Wahrheit. »Ihnen kann ich es ja verraten«, sagte er. »Sie sind vom Fach.« Damit meinte er sie und nur sie. Das Misstrauen in ihrem Gesicht wich einem erfreuten Lächeln. »Sie kennen also den Künstler?« Er nickte. »Sehr gut sogar. Er ist mein Bruder, Lorenz Gruber.« Schon war das Misstrauen wieder da. Ferdl beeilte sich, die Behauptung zu belegen, indem er von den zahlreichen Entwürfen erzählte, die zu Hause im Atelier herumlagen. Horvath und Elli brauchten sich nur kurz anzusehen, um sich zu verständigen. Sie nickte, er fragte: »Herr Gruber, wäre es allzu vermessen, den Meister Lorenz kennenlernen zu wollen?« »Also – Meister würde ich ihn nicht unbedingt nennen. Er ist sechzehn.« »Dann wird der Herr Lorenz wohl jetzt in der Schule sein«, vermutete Elli. »Leider nicht, Gnä‘ Frau. Er beschäftigt sich halt lieber mit Pinsel und Spraydose als mit Schreibstift und gescheiten Büchern.« »Wann würde den Herren denn ein Besuch konvenieren?«, fragte Horvath. Aus Verlegenheit sah Ferdl lange auf seine Uhr, dann in die göttlichen Augen. Schließlich antwortete er, wieder seriöser Geschäftsmann: »Ich habe noch ein paar dringende Lieferungen zu besorgen, aber ich denke, heute Abend nach sechs ließe sich das einrichten.« Die beiden sahen ihn schweigend wartend an, bis Elli wieder ihr bittersüßes Lächeln aufsetzte. »Wo sollen wir uns denn melden?« »Ach so! Sie müssen wissen, wo wir wohnen. Aber klar doch, natürlich, Entschuldigung die Dame …« Er gab ihnen die Adresse und beeilte sich, wegzukommen. Bevor er sich in den sicheren Lieferwagen rettete, rief er ohne einen Blick zurück: »Wir sehen uns um sechs.« Zlatkos Kunde empfing ihn ohne Begeisterung. »Wo bleiben Sie denn, Mann! Ich habe meine Zeit nicht gestohlen. Noch zehn Minuten, und das Geschäft wäre geplatzt.« Ferdl fehlte die Zeit für lange Diskussionen. Es blieben nur noch vier Stunden, um Wohnung und Atelier für den Besuch vorzubereiten. Verdammt wenig, denn er konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal aufgeräumt hatten. Er stieg kurzerhand wieder in den Wagen mit der Bemerkung: »Ich kann die Fliesen auch gleich wieder mitnehmen.« Man muss Prioritäten setzen, hatte er einmal im Fernsehen aufgeschnappt. Panik ergriff den Kunden. Er wedelte mit den sicherlich genau abgezählten Geldscheinen. »Laden Sie schon aus, Mann!« Zwanzig Minuten später platzte Ferdl aufgeregt in die alte Fabrik. »Lorenz!« Der Kleine stand keine drei Schritte entfernt vor einem neuen Werk. Er fuhr erschrocken herum. Dabei verschmierte der blaue Fleck zum zornigen Strich. »Siehst du nicht, dass ich arbeite?«, schrie er zurück, dann wandte er sich wieder dem Gemälde zu. Farbe tropfte auf den Boden, während Lorenz den artistischen Unfall auf dem Karton betrachtete, in dem bis vor Kurzem eine Matratze Marke ›Concord Big Dream‹ gelegen hatte. »Leckomio! Jetzt schau dir das an. So ist‘s doch viel besser.« Ferdl bemerkte keinen Unterschied. Sie brauchten jetzt dringend einen Plan, um dieses Chaos in den Griff zu bekommen. Während er sich umsah, sank sein Herz immer tiefer in die Hose. »Hör zu, Kleiner, wir müssen aufräumen.« »Sonst geht‘s dir gut? Und nenn mich nicht Kleiner.« »Halt einfach die Goschn und spitz die Ohren!« Er bemühte sich redlich, den Grund für seine neue Ordnungsliebe zu erklären. Lorenz‘ Antwort bestand nur aus einer rhetorischen Frage: »Du checkst es nicht, oder?« Damit hatte er nicht gerechnet. Lorenz interpretierte sein leeres Gesicht als ein fettes Ja und erklärte ihm: »Wir Künstler brauchen das kreative Chaos, Ferdl. Wir können einfach nicht in einem sterilen OP arbeiten. Da stellt es uns den Schnauf ab, verstehst?« »Ach ja, ist das so? Die Herren Künstler brauchen also die dreckigen Unterhosen und böckelnden Strumpferl am Boden für die göttliche Inspiration? Ich sag dir jetzt was. Um sechs wird hier eine Göttin einfahren, um deine inspirierte Kunst zu bewundern, und dann liegt hier nichts anderes mehr herum. Haben wir uns verstanden?« Die ganz schlimmen Sachen steckten im Wäschekorb, als er den letzten Müllsack in den Hof trug. Zwanzig Minuten. Er betete, sie möge nicht zu früh eintreffen, denn er war noch nicht geduscht. Immerhin sah der Herr Künstler jetzt nicht mehr nur verwahrlost aus, sondern gewollt verwahrlost. Philosophisch bedeutete das einen riesigen Unterschied, den die Elli sicher erkennen würde. Ferdl knöpfte sich das Hemd zu, als es klopfte. Die Klingel war schon seit Jahren nur noch Kulisse. Hastig spritzte er sich etwas Herbes ins Gesicht, dann rannte er zur Tür. »Pinsel!«, mahnte er Lorenz unterwegs. Der Kleine hielt doch sonst stets Pinsel oder Spraydose in der Hand. Warum ausgerechnet jetzt nicht, da es drauf ankam? Er grüßte den Galeristen kurz und höflich, bevor er strahlend Ellis Hand ergriff und sie zum Mund führte, um ein Luftküsschen darauf zu hauchen. »Küss die Hand, Gnä‘ Frau.« Die Vorstellung gelang ihm perfekt, als hätte er sie mit der Muttermilch eingesogen. Elli fand das völlig normal. Sie wandte sich sofort dem Kleinen zu, bittersüß, unwiderstehlich – und der Duft! Vornehm und sehr teuer. »Sie müssen der Künstler sein«, sagte sie, freudig die Hand ausstreckend. Er wich einen Schritt zurück, ignorierte die Hand und murmelte: »Lorenz.« »Er ist etwas scheu Fremden gegenüber«, warf Ferdl eilig ein, während er dem Kleinen einen verstohlenen Tritt ans Schienbein versetzte. Gleichzeitig durchzuckte ihn die Erkenntnis wie ein Stich ins Herz: An alles hatte er gedacht, nur nicht ans Gläschen Sekt wie sonst üblich an Vernissagen. Errötend kramte er in Erinnerungen aus alten Filmen, um die richtige Formulierung zu finden. Schließlich platzte er heraus: »Ich bin untröstlich, meine Herrschaften! Ich kann Ihnen nicht einmal Sekt anbieten. Alles, was wir im Haus haben, sind ein paar Büchsen Sechzehner-Blech.« Horvath blühte auf. »Fantastisch, ist schon Jahre her seit meinem letzten Ottakringer. Her mit dem Blech, wenn ich so frei sein darf, Herr Gruber.« »Wenn Sie vielleicht einen Kaffee hätten«, sagte Elli. Es klang ein wenig wie die Totenglocke zum letzten Geleit des Ferdl Gruber. Kaffee gab es nicht in der alten Fabrik. »Aber selbstverständlich, verehrte Frau Magistra.« »Elli«, korrigierte sie, »und schwarz wie die Nacht bittschön.« Sie und Horvath wandten sich an den Herrn Künstler. Prioritäten setzen, sagte er sich, verzweifelt nach Ausreden suchend. Er brachte Horvath das Blech. Ein Problem weniger. Da sein Gehirn etwas zu langsam arbeitete an diesem Abend, lächelte er blöd und sagte: »Der Kaffee kommt gleich, Frau Elli.« Die beiden verstanden es offenbar, Lorenz in ein ernsthaftes Gespräch unter Kunstsachverständigen zu verwickeln. Ferdl brauchten sie nicht dabei. Er entfernte sich unauffällig, verließ die Fabrik und rannte die zwei Blocks zur Trafik. Er hatte keine Ahnung, wie Frau Swobodas Kaffee schmeckte, aber es war Kaffee, den er Elli schwer atmend vorsetzte. Sie bedankte sich bittersüß und rührte etwas Zucker hinein. Mit spitzen Lippen kostete sie die schwarze Brühe, um den Becher erschrocken wieder abzusetzen. Es gab ihm einen Stich ins Herz, als hätte er das Gift selbst getrunken. Elli wandte sich wieder der Kunst zu. Sie diskutierte leise aber angeregt mit Horvath beim Betrachten der Werke des Kleinen. Lorenz hatte sie mehr oder weniger chronologisch aufgereiht. Das ergab schon eine beeindruckende Gesamtschau seiner künstlerischen Entwicklung. Der Meister selbst stand etwas abseits, ein stiller Beobachter mit Karton und Filzstift in der Hand. Elli war offensichtlich genauso hingerissen von den Bildern wie Horvath. Ferdl verstand nicht, was sie sagten, schnappte nur hin und wieder ein Wort auf, das in seinem Wortschatz fehlte. Kaminski oder Kandinsky war so eins. Es klang wie eine geheime Zutat zur Sachertorte. »Was meinen Sie, wird das was?«, fragte er als Einleitung zum geschäftlichen Teil. Horvath und Elli tauschten Blicke. Sie verstanden sich scheinbar mittels Gedankenübertragung. Beide nickten. Der Galerist übersetzte für ihn und den Kleinen: »Diese Bilder zeugen von Kraft und Originalität. Da steckt großes Potenzial drin.« »Sie meinen, man könnte das Zeugs verkaufen?«, platzte er wie elektrisiert heraus. Der Kleine rettete ihn, dämpfte die Wirkung der deplatzierten Frage mit der altklugen Bemerkung: »Es geht doch jetzt nicht ums Geld.« Elli stimmte lächelnd zu. »Jetzt nicht, Herr Lorenz, aber ich denke, die Werke hätten gute Chancen auf dem Markt, wenn es klassische Bilder wären und man sie in geeignetem Rahmen ausstellte. Herr Horvath wird mir sicher zustimmen.« Der Galerist widersprach jedenfalls nicht, doch Lorenz warf Ferdl einen vorwurfsvollen Blick zu. »Da hast du es! Richtige Leinwand müsste her.« Es war Horvaths Stichwort. »Das ist das kleinste Problem, Herr Lorenz. Wir können Ihnen Leinwand und Keilrahmen zu sehr günstigen Bedingungen besorgen.« Ferdl wollte es genau wissen. »Was heißt günstig?« »Zum Beispiel, indem wir einfach die bescheidenen Materialkosten vom Erlös der Bilder abziehen. So brauchen Sie a priori nichts zu investieren.« Schon wieder unbekannte Wörter, aber Horvath hörte sich sehr seriös an. »Sie meinen …« »Besuchen Sie uns doch in den nächsten Tagen in der Galerie, dann besprechen wir alles Weitere in Ruhe.« Ferdl sah den Kaffeebecher, kalt und immer noch voll. In diesem Augenblick fiel ihm die Idee seines Lebens ein. »Ich habe einen Vorschlag«, sagte er zu Elli gewandt. »Wie wär‘s, wenn wir uns ganz unverbindlich zu einem richtigen Kaffee in einem gemütlichen Kaffeehaus treffen würden, um die Sache in Gang zu bringen? Lorenz kann in der Zwischenzeit schon mal in der Galerie schnuppern. Was sagen Sie dazu?« Horvath schien nicht eifersüchtig zu sein, ein gutes Zeichen. Der Galerist war ein Kerl, wenn auch etwas degeneriert, aber er hatte verstanden und grinste bis über beide Ohren. Elli bekundete mehr Mühe. Als Lorenz ihr die Skizze überreichte, die er mit Filzstift angefertigt hatte, brach das Eis. »Warum nicht«, sagte der bittersüße Mund. Abends auf dem Weg zum Beisl in der Kuhgasse sickerte Ferdl allmählich ins Bewusstsein, welch ungeheure Chance sich für den Kleinen und ihn nun eröffnete. Die Gasse hieß nur unter Freunden Kuhgasse, weil es da nachts dunkel war wie in einer Kuh. Die Straßenlaterne diente seit Jahren nur noch den Hunden und Besoffenen als Pissoir und Orientierungshilfe, dass es da links zum Grantler Toni ging. Tonis Wirtsstube war eine der wenigen übrig gebliebenen Beisln im Grätzl, wo es sonst nur noch Wettcafés, Handyläden und Kebabs gab, die den Namen Würstelstand nicht verdienten. Als er eintrat, hatte er einen Entschluss gefasst. Heute würde er eine Runde schmeißen. Es war an der Zeit, Großzügigkeit zu zeigen. Es spielte keine Rolle mehr, dass er im Grunde nur den Zlatko mochte. Seinem Bruder Mirko hingegen traute er nicht. Ohne Zlatko wäre er nie mit denen ins Geschäft gekommen. Die beiden saßen am Stammtisch. Einer fehlte noch. »Wo ist der Bubi?«, fragte er ohne sonderliches Interesse statt eines Grußes. »Beim Rennen, wo sonst«, brummte Zlatko. »Was hockt der dauernd im Wettcafé herum, statt sich um seine Damen zu kümmern?« Die Mizzi tat ihm leid. Seit das ganze Viertel Verbotszone war, gab es keine Möglichkeit mehr, legal auf der Straße anzuschaffen. Woher sollten die Freier wissen, dass über der Eisdiele so ein heißer Feger wie die Mizzi auf Kunden wartete? Sie war nicht allein mit diesem Problem. Die lieben Nachbarn wollten ihre Ruhe haben. Seither waren die Damen gezwungen, illegal anzuschaffen, immer mit den Kieberern im Nacken. Nicht, dass er sich selbst groß um die Gesetze gekümmert hätte, aber wenn der Schaas wie hier sogar durchgesetzt wurde, kamen Jobs in Gefahr. Da hörte der Spaß auf. Es war echt kein Leben mehr für die Mizzi. Bubi Vesely sollte sich viel mehr um sie und vor allem um Kundschaft bemühen. Bei solchen Zuständen konnte man direkt selbst zum Strizzi werden, dachte er. Sein Bier stand schon auf dem Tisch, als er sich setzte. »Danke, Toni.« Der Wirt blickte ihn zornig an und knurrte: »Dein Fassl ist jetzt lala, nur noch Luft drin, verstehst?« Ferdl zog grinsend Horvaths zweitletzten Hunderter aus der Tasche. »Und jetzt?« So schnell hatte er noch nie einen Geldschein verschwinden sehen. »He! Dafür geht heute alles auf mich. Und her mit den Stamperln. Auch eins für den Bubi.« Der Strizzi fiel eben mit der Tür ins Haus. »Burschen, das glaubt’s jetzt nicht!«, rief er aus, kaum saß er am Tisch. »Sag nicht, du hast gewonnen«, staunte Mirko, der manchmal zum Strizzi aufschaute, als wäre er Bubi Scholz persönlich. »Eh nicht, die bescheißen dich doch, wo sie können.« »Warum tust du‘s denn?«, wunderte sich Ferdl. »Schon mal was von Investitionen gehört? Ist wahrscheinlich nichts für einen wie dich. Da brauchst du langfristiges Denken, verstehst?« »Ehrlich gesagt nein. Ich dachte immer, verluderte Marie eigne sich nicht zum lnvestieren.« Bubi wischte die zwingend logische Bemerkung mit einer Handbewegung ärgerlich vom Tisch. »Du kapierst rein gar nix, Ferdl. Ich sage nur: Negativzins! Aber ich wollte über etwas ganz anderes reden. Hörts her.« Wie immer, wenn die Sitzung vertraulich wurde, hielten alle die Köpfe über dem Tisch zusammen. Es war gleichzeitig das Zeichen für Toni, mit den Schnäpsen zu warten. Bubis gedämpfte Stimme war kaum zu vernehmen im Lärm des fast vollen Beisls. »Ich habe da einen ganz großen Fisch am Haken. Der bringt mindestens das Zehnfache vom Baumarkt.« »Ja klar, und du kassierst endlich den Fünfer Häfn, wenn was schiefläuft«, warf Ferdl ein. »Bubi Vesely ist auf Bewährung, vergiss das nicht.« »Was soll schiefgehen? Hör doch einfach zu, statt zu raunzen.« Bubis Plan war erstaunlich O. K., musste er zugeben. Die ganze Lieferung Spielkonsolen und Computer der neusten Generation einfach umleiten – eigentlich genial. Aber bei so viel Geld musste es einen Haken geben, darum schüttelte er entschieden den Kopf. »Ohne mich. Das ist mir zu heiß und überhaupt – ich muss jetzt Prioritäten setzen.« »Prioritäten!«, brauste der Strizzi auf, »was für ein Schaas ist das jetzt wieder?« »Ich glaube, der Ferdl beginnt gerade ein neues Leben«, spottete Zlatko und winkte endlich die Schnäpse herbei. »Wisst ihr, ich werde jetzt meine Verantwortung wahrnehmen. Der Kleine hat eine ganz große Zukunft vor sich, müsst ihr wissen.« »Dein Lorenz ist von der Schule geflogen«, brummte Bubi. »Wie du, aber im Gegensatz zu dir kann er was und zwar verdammt gut. Darum muss ich mich jetzt kümmern. Burschen, ich glaube, ihr müsst einen andern Fahrer suchen.« Bubi durchbohrte ihn lange mit seinen Blicken, bis er sich an die Brüder wandte. »Glaubt der Herr Gruber, er sei der Einzige am Tisch mit Verantwortung? Bin ich etwa nicht verantwortlich für die Mizzi und die Svenja und die Petra?« »Genau«, stimmte Mirko zu, heftig in Richtung Ferdl nickend. Bubi erinnerte sich, dass er mit am Tisch saß, und fragte ihn direkt: »Was glaubst, warum ich so scharf bin auf diesen Deal?« »Geld?« »Genau, jetzt hat er verstanden, der Herr Gruber. Ich habe nämlich Großes vor mit meinen Strichkatzerln, weil ich eben auch eine Verantwortung wahrnehme, Herr Gruber.« Damit hatte er nicht gerechnet. Der Strizzi schmiedete Pläne für seine Damen, ganz was Neues. Auf seine verblüffte Frage antwortete Bubi mit einem Rätsel: »Soschel Meedia, verstehst?« Er brauchte eine Sekunde oder zwei, um zu begreifen, so ungewohnt waren Wörter wie diese aus seinem Mund. »Du meinst das moderne Internet Zeug? Was hat das mit der Mizzi zu tun?« »Frag sie doch selbst.« Er zeigte seine fünfzig Zähne, das Zeichen, dass jetzt ein ganz cooler Spruch fällig war. »Aber nur gegen Barzahlung«, fügte er zu Mirkos großer Freude an. Allmählich ermüdete ihn die Unterhaltung. »Ich habe noch immer bezahlt«, murmelte er eingeschnappt. »Also, was ist jetzt? Du kannst uns nicht hängen lassen«, drängte Zlatko. »Wie viel liegt drin?« Bubis Antwort ließ nicht lange auf sich warten. »Zehn Riesen für jeden – mindestens.« Die Brüder stießen einen kollektiven Fluch aus, und er musste zugeben: Die runde Zehn hatte schon etwas für sich. Vielleicht konnte man ja das eine tun, ohne das andere zu lassen. Alle Augen richteten sich auf ihn. »O. K., ich überleg‘s mir«, sagte er, um die Spannung zu lösen, »aber jetzt stoßen wir erst einmal auf die Zukunft des kleinen Lorenz an.« Zwei Bier und zwei Schnäpse später betrat er Mizzis Wohnung. »Was darf‘s denn heute sein?«, fragte sie schnippisch. »Nicht, was du denkst. Ich brauche deinen Rat.« »Du willst labern? Mir soll‘s recht sein.« Sie streckte die Hand aus. Er gab ihr den Schein. Ordnung musste sein, vor allem jetzt, da das Geschäft harzte. »Sag mal, habe ich den Bubi richtig verstanden? Der will was auf dem Internet aufziehen?« Sie lachte laut heraus. »Hat er das behauptet?« Er nickte. »Im vollen Ernst. Social Media hat er erwähnt.« »Der Bubi weiß doch nicht einmal, wie man das ausspricht. Abgesehen davon könnte ich gute Werbung schon brauchen. Lorenz ist doch ein ganz Heller. Kann der nicht …« »Lorenz hat jetzt andere Prioritäten«, unterbrach er schnell. Prioritäten rückte zu seinem neuen Lieblingswort auf. Die Mizzi wusste es noch nicht und starrte ihn daher mit offenem Mund an. »Ja, du hast schon richtig gehört. Darum bin ich gekommen.« »Wegen Prioritäten?« »Ja, nein, indirekt.« Mizzi dachte an ihren eigenen zukünftigen Erfolg auf Social Media. »Also der Bubi packt das nicht«, murmelte sie, »das kann ich dir gleich sagen.« »Wie kommt er überhaupt auf so eine irre Idee?« Wieder lachte sie auf, diesmal mit bitterem Unterton. »Erst wollte er uns in ein Laufhaus stecken, der Oasch.« Mizzi stammte zwar aus einer Gegend ziemlich weit östlich von Wien, aber ein paar wichtige einheimische Ausdrücke hatte sie voll drauf. »Ich habe ihm gesagt: Bevor ich das mache, lauf ich schneller davon, als er laufen sagen kann.« Diesmal war es an ihm, zu lachen. »Darum also jetzt das Internet.« »Der Lorenz könnte doch …« »Fang nicht wieder davon an, Mizzi. Der Kleine hat echt keine Zeit mehr für solche Sachen, der steigt nämlich jetzt wie eine Rakete die Karriereleiter hoch, bis wir ihn nicht mehr sehen.« »Du spinnst doch, Ferdl Gruber.« Er glaubte felsenfest daran. Die Entdeckung des Ausnahmekünstlers Lorenz Gruber durch die über jeden Zweifel erhabene Magistra Elli erfüllte ihn mit Stolz. Er platzte förmlich vor Stolz. Sein Redeschwall ergoss sich über die verblüffte Mizzi wie sonst nur Schmäh und Motschker. »So, jetzt weißt du alles«, schloss er, »und ich muss jetzt wissen, wie ich die Elli am schnellsten herumkriege.« »Das fragst du ausgerechnet mich?« »Sowieso, du bist eine Frau und kennst die Männer.« »Die Männer, die ich kenne, sind doch alle nicht ganz dicht.« Er ignorierte die Spitze. »Die Idee mit dem Kaffeehaus ist schon genial, oder?«, fragte er unsicher. Mizzi verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln. »Im Kaffeehaus gibt‘s auch nur ganz gewöhnlichen Kaffee wie bei Frau Swoboda.« Das durfte nicht unwidersprochen bleiben. »Normal ist gar nichts an ihrem Kaffee. Frau Swobodas Gebräu eignet sich nicht einmal als Salatessig, zu sauer.« Die Zeit war fast um. Ein zweiter Zwanziger lag nicht drin. Immerhin gab sie ihm am Ende noch einen brauchbaren Rat mit auf den Weg: »Frauen mögen Kerle, die sie zum Lachen bringen.« Ihrem Gesicht nach zu urteilen, war der Rat ernst gemeint. Dann dachte sie wieder ans Geschäft. »Wir haben noch fünf Minuten. Soll ich dir einen blasen?« Elli sah eine fremde Frau im Spiegel. Die alte Elli blickte ihr entgegen, als wäre nichts geschehen. Wie konnte das sein? Es war Frühling geworden im September. Das musste man ihr doch ansehen. Die Frau im Spiegel verzog keine Miene. Kein Lächeln, nichts, was auf Sonnenschein im Herzen hindeutete, nur der Weltschmerz und der pflichtbewusste, kritische Blick. Keine Spur vom Besuch in der alten Fabrik. Jener Abend hatte ihr die Augen geöffnet, und das sollte die Welt da draußen ruhig bemerken. Lorenz hatte sie sofort erobert. Sie konnte sich schon nicht mehr vorstellen, ihn sechzehn Jahre lang nicht gekannt zu haben. Der Junge weckte Muttergefühle in ihr. Sie musste es zugeben und staunte selbst darüber, dass so etwas in ihr schlummerte. Sie hatte stets einen großen Bogen um Teenager seiner Generation gemacht, mit guten Gründen. Lorenz aber belehrte sie eines Besseren. Es gab also Sechzehnjährige, die wunderbar in ihr Weltbild passten wie die starken Farben zu van Gogh. Sie war unverhofft Mutter geworden. Damit konnte sie gut leben. Sie freute sich auf die Aufgabe, Lorenz auf seinem Weg in den Olymp zu begleiten. Lächle, Elli! Die Frau im Spiegel versuchte es, und es sah aus, als wollte sie gleich in Tränen ausbrechen. Mit der Zeit würde sie es lernen. Was aber löste der ältere Bruder bei ihr aus? Der erste Eindruck hatte sich an jenem Abend nicht bestätigt. Ein Taugenichts, hatte sie gedacht, aber so einfach war es nicht. Wie Ferdl Gruber sich rührend um Lorenz und die Gäste gekümmert hatte – schon beeindruckend, musste sie zugeben. Auf seine Art sorgte er sich um die Zukunft des Bruders wie ein Vater. Ferdl war also der Vater des jungen Künstlers, sie die Mutter. Was lag da näher als … Sie wagte den Gedanken nicht zu Ende zu denken. »Das geht sich nicht aus«, bestätigte auch die Frau im Spiegel. Sie wirkte allerdings nicht sehr überzeugend. Keine Unbekannte in Wiens Kaffeehäusern, würde sie sich diesmal doch ganz anders fühlen. Normalerweise lud sie die Kunden ein und bezahlte die Rechnung aus Horvaths Schatulle. Wann war sie das letzte Mal eingeladen worden, noch dazu von einem feschen jungen Mann, der ein Auge auf sie … Sie durfte nicht weiter fantasieren. Bisher hatte sie diese Seite zwischenmenschlicher Interaktion keine Sekunde vermisst. Der Job, die Kunst, die Galerie, die exklusive Kundschaft füllten sie aus. Die Frau im Spiegel war vollkommen zufrieden mit ihrem Leben. Warum sollte sich das jetzt ändern? Es ist eine ganz gewöhnliche, geschäftliche Besprechung, versuchte sie sich einzureden. Einladung – was bedeutete das schon. Ferdl war einfach nett, nichts weiter, vergiss den Rest. Was bildete sie sich überhaupt ein? Sie könnte fast auch seine Mutter sein. So sah es aus. Jetzt lächelte die Frau im Spiegel. Das Hawelka war angenehm ruhig, die Gästeschar übersichtlich, als sie gegen vier Uhr eintrat. Nach einem kurzen Blick in die Runde atmete sie auf: keine Bekannten, die vielleicht falsche Schlüsse ziehen würden. Ferdl Gruber saß am Tisch in der Ecke und beobachtete eine hübsche Blondine, die in der Nähe Zeitung las. Elli hatte ihn schon fast erreicht, als er sie bemerkte. Er sprang auf, stieß dabei an den Marmortisch, dass die Mokkatasse tanzte, und errötete. »Warm hier drin, nicht wahr?«, spottete sie. Er erholte sich rasch, spielte das »Küss die Hand, Gnä‘ Frau« Ritual perfekt wie in der alten Fabrik und bat sie formell an den Tisch. Das Theater passte so gar nicht zu seinem Typ, dass sie unwillkürlich lachen musste. »Habe ich was falsch gemacht?«, fragte er entsetzt. »Eben nicht!« Die Antwort verwirrte ihn noch mehr. Von wegen geschäftliche Besprechung! Der Mann war ein einziges Nervenbündel. Dagegen wirkte ihre Nervosität geradezu beruhigend. Der Kellner trat auf sie zu. »Also, die Buchteln kann ich sehr empfehlen, Frau Elli«, warf Ferdl hastig ein. »Ich weiß«, sagte sie lachend und bestellte »das Gleiche wie der Herr«. »Sie sind zu bescheiden, Frau Elli.« In seiner Stimme schwang Enttäuschung mit. Eine peinliche Pause entstand, bis der Mokka auf dem Tisch stand. »Tja, da sitzen wir nun, wir beide«, sagte sie, »und die Hauptperson fehlt.« »Der Lorenz! Richtig, um ihn geht es ja, nicht wahr?« »Nur um ihn.« »Es ist halt so eine Sache mit dem Kleinen«, seufzte er mit schlecht gespieltem Bedauern. »Er geht nicht gern unter die Leute, fühlt sich nicht wohl in Gesellschaft.« Das passte zum Ausnahmetalent. Die Künstler, die sie kannte, waren entweder Einsiedler oder Partylöwen. Sie nickte lächelnd. »Verstehe, ihm genügt die Kunst.« »Die schöne Welt der Kunst.« Er musterte sie verträumt und ungeniert, dass sie sich fragen musste, was er mit der schönen Welt genau meinte. »Täuschen Sie sich nicht, Herr Gruber. Schön sind oft nur die Werke. Der Rest des Kunstbetriebs ist knallhartes Business.« Das Stichwort Business riss ihn aus den Träumen. »Jetzt verstehen wir uns«, unterbrach er grinsend. Er rückte etwas näher. »Glauben Sie ernsthaft, die Bilder des Kleinen könnten einen Markt finden?« »Mit der richtigen Förderung und Connections, kein Zweifel.« »Connections, genau! Die sind entscheidend – auch in meinem Geschäft.« »Was ist denn eigentlich Ihr Geschäft, Herr Gruber?« Er zögerte kurz, als suchte er das passende Wort. »Logistik – ich besitze ein kleines Transportunternehmen. Läuft ganz gut, aber wie Sie richtig sagen: Ohne Connections geht gar nix.« Er schwärmte so begeistert vom kleinen Geschäft, dass sie kein Wort glaubte. Vom Lieferwagen schweifte er zu Horvaths Bentley ab, dann zu seinem Traum vom Lamborghini Gallardo, in dem sie mit wehenden Haaren … Sie musste einschreiten. »Sportwagen finde ich uncool. Ich bin eher der romantische Typ, wissen Sie.« Bevor sein Mund zuklappte, sprach sie weiter: »Ich muss Sie das jetzt fragen, Herr Gruber. Lorenz ist ja noch nicht volljährig, kann also keine rechtsgültigen Verträge unterzeichnen, deshalb die Frage. Haben Sie das offizielle Sorgerecht für Lorenz? Sind Sie seine rechtsgeschäftliche Vertretung?« Die juristischen Fachausdrücke verwirrten den Kleinunternehmer Gruber. Er nickte nur stumm. »Es geht nämlich darum, dass die Galerie Horvath gern mit Herrn Lorenz ins Geschäft kommen möchte. Zu diesem Zweck hat Herr Horvath vorgeschlagen, einen Vertrag aufzusetzen.« »Vertrag? Was für ein Vertrag?«, fuhr Ferdl misstrauisch auf. Sie lächelte beruhigend. »Keine Angst, es kostet Sie nichts. Es geht nur darum, die Zukunft Ihres Bruders Lorenz als Künstler zu sichern.« Er wusste nicht, was er sagen sollte. »Habe ich Sie jetzt erschreckt?«, fragte sie lächelnd. »Nein – Nein – natürlich nicht. Ich bin nur etwas erstaunt, wie schnell das alles geht.« »Ganz so weit sind wir schon noch nicht, aber Herr Horvath sagt immer: Man muss die Gelegenheit beim Schopf packen.« »Meine Rede, Frau Elli, meine Rede. Aber ich bitte Sie, nennen Sie mich doch einfach Ferdl. Ich meine jetzt, wo wir miteinander so schön ins Geschäft kommen, wir beide.« Er stutzte. Sein Gesicht, das sich eben noch fürs Geschäft echauffierte, fiel auseinander. »Das darf jetzt nicht wahr sein«, seufzte er mit Verzweiflung in der Stimme, die Augen auf zwei junge Damen gerichtet. Sie steuerten in aufreizender Kleidung auf ihren Tisch zu, dem einen oder andern Herrn über fünfzig zuzwinkernd. »Kennen Sie die Damen?« Er brauchte nicht zu antworten. Die beiden süß parfümierten Frauen nickten ihr kurz zu, dann drückte jede Ferdl drei herzhafte Küsse auf die Wangen, bevor sie sich setzten. »Ihr gestattet doch?«, fragte eine der Form halber, ohne eine Antwort zu erwarten. »So, Ferdl, willst du uns deine neue Bekanntschaft nicht vorstellen?« »Mizzi …« Seine Stimme erstarb aus reiner Verzweiflung. Er wagte nicht mehr, sie anzusehen. »Ich denke, wir sind uns einig, Herr Gruber«, sagte sie und erhob sich. »Ich melde mich, sobald der Vertrag aufgesetzt ist, und freue mich auf unsere Zusammenarbeit.« Sie verabschiedete sich mit dem gleichen kurzen Nicken von den Damen und wandte sich zum Ausgang. In der Ecke neben den Büsten von Leopold und Josefine Hawelka änderte sich der Tonfall schlagartig. Chris unterbrach die Lektüre des Kuriers. Sie würde ohnehin nichts Neues mehr erfahren, nachdem sie bereits die Presse, das Heute, die Krone und den Standard nach Informationen zum Tod von Ministerin Strasser durchkämmt hatte. Der Friede des ungleichen Paares auf der Eckbank war dahin, als die beiden etwas laut gekleideten Blondinen auftauchten. Chris fragte sich, wie sich der Stenz wohl aus der peinlichen Affäre ziehen würde. Die Blondinen schienen nichts von seiner neuen, um einiges älteren Freundin zu halten und setzten sich dreist an seinen Tisch. Sie kannten den jungen Mann offenbar sehr gut. Die Affäre ist vorbei, ehe sie richtig begonnen hat, dachte Chris amüsiert, froh über die heitere Unterbrechung ihrer düsteren Gedankengänge. Die Affäre nahm die Handtasche, stand auf und verließ das Kaffee ohne einen Blick zurück. Nach einer Schrecksekunde sprang ihr Galan auf, wollte ihr nachrennen und prallte in den Herrn Ober. »Der Herr möchten bezahlen?«, sagte der Kellner, unbeeindruckt von der Eile des Gastes. Dieses Haus war voller Geschichten. Es lebte nicht nur von den Legenden, die man über das Lokal erzählte. Etwa über Leopold Hawelkas gescheiten Kommentar, nachdem er den Krieg in der Wehrmacht unversehrt überlebt hatte: Im Krieg soll man nicht ehrgeizig sein. Das Haus erzählte selbst Geschichten, erfand sie jeden Tag neu. Die SMS von Jamie weckte sie aus ihren Träumen. In einer Stunde am Mumok. Das ließ sich einrichten. Das Museum für moderne Kunst im Museumsquartier gehörte nun mal zum Programm, auf das sie sich eingelassen hatte, ohne lange nachzudenken. Damals vor der Abreise in den ersehnten Kurzurlaub war die Vorstellung von Wien als Ort der Erholung und kulturellen Bereicherung noch intakt gewesen. Jetzt war es eine Stadt wie Berlin, in der schlimme Dinge geschahen, nichts Besonderes also. Zeitgenössische Kunst – auch so ein Thema. Die meisten Kunstwerke erkannte man gar nicht ohne Beschriftung. Das sah sie als erwiesen an, seit sie einmal aus Versehen die Documenta besucht hatte. Aber was soll‘s, dachte sie. Jede Ablenkung war willkommen, um diesen Urlaub zu retten. Immerhin hatte Jamie wieder mit ihr zu kommunizieren begonnen nach dem Schock im Belvedere. Die beiden Blondinen saßen allein am Tisch in der Ecke und aßen kichernd ihren Topfenstrudel, als sie das Hawelka verließ. Kaum draußen, klingelte das Handy. Haase war am Apparat. »Langweilen Sie sich im Büro?«, fragte sie lachend. »Ich wollte Sie nur warnen. Da braut sich etwas zusammen.« Er sprach leise, wie hinter vorgehaltener Hand. »Ist die Staatsanwaltschaft in der Nähe?« »Staatsanwältin Winter hat jedenfalls schon zweimal gefragt, wann sie wieder auftauchen würden.« »Steht doch im Kalender. Sie braucht nur den PC einzuschalten.« »Vielleicht hat sie das Passwort vergessen. Was ich sagen wollte: Es gibt einen prominenten Toten.« »Noch einen?« »Wie meinen?« »Nicht wichtig. Erzählen Sie.« Beim prominenten Toten handelte es sich um Arno Schmitz, den Direktor des Zollkriminalamtes. »Ungeklärte Todesursache. Die Staatsanwaltschaft glaubt nicht an einen Zufall«, sagte Haase. »Direktor Schmitz leitete die Operation Spider.« »Sagt mir nichts.« »Spider ist die größte Operation gegen den organisierten Waffenschmuggel, die Deutschland je auf die Beine gestellt hat.« »Ach so – das ist was anderes. Aber was hat das mit uns zu tun?« Die Antwort kam noch leiser aus dem Hörer. »Ich glaube, man hat Sie im Auge für eine unabhängige Untersuchung. Direktor Schmitz ist nicht der erste Abgang bei Spider.« Unabhängige Untersuchung stand für interne Ermittlung. Sie wussten es beide, und sie hasste solche Jobs. Kollegen bespitzeln – deswegen war sie nicht Kriminalkommissarin geworden. »Ich bin begeistert«, murmelte sie. »Kann ich mir vorstellen.« »Wie ist Direktor Schmitz denn gestorben?« »Die mauern. Ich kläre das ab. Sie kommt, ich muss auflegen!« Chris konnte sich Staatsanwältin Winters Miene lebhaft vorstellen, mit der sie nun wohl zum dritten Mal nach ihr fragte. Sie trug den richtigen Namen. In ihrer Welt herrschte ewiger Winter. Jamie wartete bereits am Eingang des Museums. Sie küssten und umarmten sich wie früher. Obwohl sie vor Neugier platzte, fragte sie nicht nach Neuigkeiten von Nick, mit dem er die letzten Stunden verbracht hatte. Sätze mit Nick blieben tabu. »Sie sind abgereist«, sagte er, während sie unschlüssig vor dem Haus standen. »Mona bittet um Entschuldigung, dass sie sich nicht persönlich von dir verabschieden konnte.« Schmunzelnd fügte er hinzu: »Ich glaube, sie hat ein Auge auf dich geworfen.« »Die schöne Mona … Eifersüchtig?« Die rhetorische Frage blieb unbeantwortet. Sein Blick wanderte langsam vom Mumok hinüber zum Beisl und wieder zurück. »Wollen wir uns das wirklich antun?« Sie lachte. »Ich hoffte, du würdest fragen.« Hand in Hand schlenderten sie weg von der abstrakten Kunst, hin zur konkreten Kunst in Küche und Keller. Kurz vor dem Beisl drohte ihr Klingelton die aufkeimende Eintracht gleich wieder zu ruinieren. »Es hat garantiert nichts mit ihm zu tun!«, entschuldigte sie sich hastig, bevor sie abhob. Haases Nachricht warf mehr Fragen auf, als sie beantwortete. »Direktor Schmitz ist offenbar völlig unerwartet eines natürlichen Todes gestorben, Ursache unbekannt«, sagte er. »Übrigens: Die verstorbene Schwägerin des Geiselnehmers Schröder arbeitete als leitende Beamtin im Hauptzollamt Bremen.« Berlin Sobald sie die sattsam bekannte Luft im BKA am Treptower Park einatmete, fragte sich Chris, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Den Urlaub abzubrechen für den Job, und das in einer Beziehungskrise – nicht wirklich empfehlenswert. Sie und Jamie steckten in einer Krise, da half kein positives Denken. Es war erst der Anfang, vermutete sie nach der Unterhaltung mit dem Rechtsmediziner in Wien. Sie hatte keinerlei Befugnis, ihn über die näheren Umstände des Todes von Ministerin Strasser zu befragen, aber beider »lange Bekanntschaft« mit Nick verband sie zu einer Art Schicksalsgemeinschaft. Der Mediziner gab offen zu, keine Ursache für die plötzlichen Krämpfe, Atemnot und die Herzlähmung, die letztlich zum Tod von Doris Strasser führte, gefunden zu haben. Ihr Tod blieb ein Rätsel, aber die Symptome waren eindeutig: Beschleunigte ALS, wie sie die neue Krankheit nannte. Die Schwägerin des Geiselnehmers Schäfer war höchstwahrscheinlich derselben mysteriösen Krankheit erlegen. Machte Schäfer Nick dafür verantwortlich? War das sein Motiv? Litt sie selbst an Paranoia, was Nick betraf? Gab es eine Verbindung von Doris Strasser zu Nicks Klinik? All ihre Vermutungen kreisten um Jamies Freund Nick. Keine gute Voraussetzung für ein entspanntes Verhältnis. Dieser Nick war eine Gewitterwolke, die sich jederzeit heftig über ihnen entladen konnte. Wenigstens brauchte sie jetzt nicht mehr dauernd Versteck zu spielen und jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, um Jamie nicht zu verletzen. Die restlichen Tage in Wien würde er hoffentlich unbeschwert allein genießen, und sie konnte ihren Frust an Staatsanwältin Winter abreagieren. »Gott sei Dank«, war das Erste, was sie von Kollege Haase hörte, als er sie sah. »Das tönt ziemlich verzweifelt.« »Sie haben keine Ahnung. Ristretto?« Sie nickte dankbar. Besseren Kaffee gab es nirgends, und sie brauchte jetzt jede Menge Koffein. »Feuer im Dach?«, fragte sie nach dem ersten Schluck. »Noch ein paar solche Tage, und ich müsste selbst Urlaub nehmen – unbefristet.« Niemand im BKA Berlin konnte sich erinnern, Haase je nicht im Büro gesehen zu haben. Haase im Urlaub, mindestens so unvorstellbar wie der Rücktritt des Papstes. Wobei – egal. Sie wischte den blöden Vergleich beiseite und konzentrierte sich auf das, was ihr Fallanalytiker zu sagen hatte. Weit kam er nicht, denn kaum war die Espressotasse leer, stand die Winter im Büro. »Gott sei Dank«, seufzte auch die Staatsanwältin zur Begrüßung. »Kommen Sie, Dr. Roberts.« Chris hasste Winters Büro wie den Winter. »Können wir das nicht hier besprechen?« »Leider nein.« Was immer das wieder bedeutete. Sie folgte Winter mit hängenden Schultern. Die Stimmung hellte sich auf, als sie sah, wer in Winters Büro auf sie wartete. Der sportlich wirkende, braun gebrannte Herr in den Fünfzigern sprang auf und schloss sie freudig in die Arme. »Chris, lange nicht gesehen. Wie geht es dir und deinem Mustergatten?« »Frag mich was Leichteres«, sagte sie mit bitterem Lächeln. Die Antwort beunruhigte Dr. Hendrik Richter, doch auf Winters drängenden Blick setzten sie sich. Private Angelegenheiten besprach man besser nicht in ihrem Iglu. »Hendrik war mein Trauzeuge«, erklärte sie Winter. »Ich weiß.« Hendrik Richter kam zur Sache: »Ich nehme an, du bist schon informiert über den ungeklärten Todesfall im ZKA.« »Der Tod von Direktor Schmitz im Zollkriminalamt. Ich habe davon gehört. Traurig, aber ich dachte, es handle sich um eine natürliche Todesursache.« Hendrik schüttelte langsam den Kopf. »Direktor Schmitz stirbt genau im kritischen Moment, bevor die Operation Spider richtig in Schwung kommt, völlig unvorhergesehen, ohne medizinischen Grund sozusagen. Ich glaube nicht an solche Zufälle.« »Gab es eine Obduktion?« »Ja.« Er zog eine dünne Akte aus der Tasche. »Das ist der Befund. Hat leider nichts ergeben.« »Dann frage ich mich, wieso Sie zweifeln, Herr Generalstaatsanwalt«, bemerkte Winter zögernd. Richtig, Hendrik war inzwischen zum Generalstaatsanwalt in Köln aufgestiegen und damit auch für das ZKA zuständig. »Ich fürchte, ich kann die Zweifel verstehen«, warf Chris ein, während sie den Befund überflog. Die Obduktion hatte keine organischen Ursachen für den Tod des Direktors zutage gefördert. Einzig die Symptome, die zum Tod führten, stimmten nachdenklich. Es gab keinen medizinischen Fachausdruck dafür. »Beschleunigte ALS«, sagte sie. »Wie bitte?« Beide blickten sie an, als spuckte sie Feuer. Sie erklärte ihre Wortschöpfung, ohne den schrecklichen Abend im Belvedere zu erwähnen. »Eine unbekannte Krankheit?«, murmelte Hendrik und nahm ihr den Obduktionsbefund aus der Hand, um selbst nachzusehen. »Das wäre ein Grund mehr, misstrauisch zu werden.« »Da drin wirst du nichts finden. Ich spreche nur von den auffälligen Symptomen, die mich eben an einen extrem beschleunigten Verlauf der Amyotrophen Lateralsklerose erinnert.« Winter öffnete den Mund. Sie schnitt ihr das Wort ab: »Es ist übrigens nicht der einzige derartige Todesfall im Einzugsgebiet der Generalzolldirektion.« Der Pfeil traf ins Schwarze. Beide starrten sie mit offenem Mund an. »Vor Kurzem verstarb eine gewisse Anna Schäfer, leitende Angestellte im Hauptzollamt Bremen, an exakt denselben Symptomen.« Sie wandte sich an Winter: »Bevor Sie fragen: Ich weiß das, weil ihr Tod möglicherweise das Motiv für die Geiselnahme in Wien gewesen ist, die ich live miterlebt habe. Der Geiselnehmer Oskar Schäfer war ihr Schwager.« Nach einer Schrecksekunde murmelte Hendrik: »Ich glaube, du musst uns einiges erklären – und dieser Schäfer soll sofort vernommen werden.« »Dazu ist es leider zu spät. Oskar Schäfer hat die Geiselnahme nicht überlebt. Die Beamtin in Bremen war mit seinem Bruder verheiratet, und der hat sich kurz nach ihrem Tod erschossen.« Totenstille kehrte ein, bis Winter sie aufforderte, die ganze Geschichte zu erzählen. »Am besten von Anfang an«, präzisierte sie. Chris hielt Nick konsequent aus der Geschichte heraus und Jamie so gut es ging. Hendrik lächelte erleichtert nach dem Bericht. »Das ist der erste konkrete Hinweis, dass ich keine Gespenster sehe«, sagte er zu Winter, »und es bestätigt mir, dass Chris genau die Richtige ist für diesen Job.« Sie horchte auf. Es hörte sich zu sehr nach Ärger an. »Welcher Job?« Die beiden Juristen tauschten Blicke, die verrieten, dass sie sich nicht einig waren über die Antwort. Winter kostete es offensichtlich Überwindung, den Mund zu halten. Sie hatte keine Wahl. Hendrik war der Senior in der Runde und besaß beste Beziehungen bis hinauf zum allmächtigen Generalbundesanwalt Osterhagen. Er antwortete: »Es besteht der Verdacht, dass die Operation Spider sabotiert wird. Die ungelösten Todesfälle sind ein weiteres Indiz.« Haase hatte sie gewarnt. »Spider sagt mir nichts«, log sie. »Spider sollte die größte Operation gegen den organisierten Schmuggel deutscher Hightech-Waffen in Kriegsgebiete im Nahen Osten werden. Die Operation musste jetzt sistiert werden, da man gewissermaßen der Spinne den Kopf abgeschlagen hat.« Deutsche Hightech-Waffen, gibt‘s die?, war sie versucht zu fragen, doch sie biss sich auf die Lippen. »Ist es nicht Aufgabe des ZKA, solche Ermittlungen durchzuführen?«, fragte sie stattdessen. Hendrik schüttelte den Kopf. »Nicht bei einer Bedrohung von außen und wenn nationale Interessen auf dem Spiel stehen.« Genau daran zweifelte Winter. Sie sah es in ihren Augen und musste ihr insgeheim zustimmen. Hendrik bemerkte die Skepsis und doppelte nach: »Die Sache ist politisch äußerst brisant. Bei der Befreiung von Palmyra vom IS sind deutsche Panzerabwehrwaffen aufgetaucht. Menge und Alter lassen darauf schließen, dass es keine Zufallsfunde sind. Die Waffen werden professionell ins Kriegsgebiet geschleust. Spider ist jetzt zur Chefsache erklärt worden. Vizekanzler König persönlich leitet den Krisenstab.« »Trotz allem«, widersprach sie, »die zwei ungeklärten Todesfälle müssen nicht mit der Operation Spider zusammenhängen.« Winter nickte zustimmend. »Sie erwähnten den Krisenstab …« »Ein hochkarätig besetztes Gremium. Ich kenne nicht alle Mitglieder, aber Generalbundesanwalt Osterhagen ist dabei, Dr. Jana Schubert, Direktorin Ihrer Abteilung für schwere und organisierte Kriminalität im BKA, und Norbert Hahn, Vizedirektor ZKA, Stellvertreter des verstorbenen Arno Schmitz.« Chris rümpfte die Nase. »Gibt es auch jemanden, der am Fall arbeitet?« Hendrik lachte kurz auf. »Genau da kommst du ins Spiel.« Jetzt war es raus. Sie hatte so etwas erwartet seit dem Telefongespräch mit Haase in Wien. Trotzdem schmeckte der Brocken nicht, den Hendrik ihr zum Fraß vorwarf. Je prominenter die Besetzung des Krisenstabs, desto unproduktiver die Arbeit. Diese simple Relation hatte sich immer wieder bestätigt. Winters Problem war wohl ein anderes, aber im Endeffekt zogen sie am selben Strang. Die Staatsanwältin fürchtete sich vor den Grabenkämpfen zwischen Zollbehörden, BKA und Bundesanwaltschaft. Deshalb das Feuer im Dach. Der Name des Vizekanzlers hatte Winter kurzzeitig in Schockstarre versetzt. Sie und Chris öffneten gleichzeitig den Mund, um zu protestieren, doch Hendrik winkte ab. »Tut mir leid, meine Damen, aber Generalbundesanwalt Osterhagen und Präsident Meister bestehen auf deinem Einsatz.« Sie hätte sich mit Jana Schubert, der Chefin ihrer Abteilung, ohne Weiteres angelegt, sich jedoch gegen den BKA-Präsidenten zu sträuben, wäre beruflicher Selbstmord. Und Osterhagen … Der attraktive Single imponierte ihr. Sie wusste selbst nicht genau, weshalb. Doch, sie wusste es, aber sie durfte es sich nicht eingestehen. Der letzte Fall, bei dem sie mit ihm zusammengearbeitet hatte, war erfolgreich abgeschlossen worden. Es könnte also klappen. »Und wie stellt sich das erlauchte Gremium das Vorgehen vor?«, fragte sie nach einer Weile. »Gar nicht«, war die schnelle Antwort. »Die nächste Sitzung findet heute Nachmittag um vier im Kanzleramt statt. Wir beide sind herzlich eingeladen. Dort wirst du dein Vorgehen präsentieren.« »Dort werde ich mein Vorgehen präsentieren!«, äffte sie verärgert nach. »Was soll der Blödsinn? Bevor ich festlegen kann, wie ich vorgehen will, muss ich verdammt noch mal wissen, worum es eigentlich geht. Heute Morgen habe ich noch nichts von einer Operation Spider geahnt, und jetzt soll ich einen Plan gegen Saboteure haben? Entschuldige Hendrik, aber bei aller Liebe …« Sie verzichtete auf das Ende des Satzes. Er kannte ihre Temperamentsausbrüche und versuchte zu beschwichtigen: »Ich habe mich etwas ungeschickt ausgedrückt.« »Kann man wohl sagen«, schnaubte sie. Er beugte sich vor und dämpfte die Stimme. Das sollte sie beruhigen. »Du weißt doch, wie der Hase läuft. Die Herrschaften wollen dich nur beschnuppern. Sie wollen sich einreden, die Sache wäre in guten Händen. Alle werden verstehen, dass du dich zuerst einarbeiten musst. Du kannst gar nichts falsch machen.« »Das beruhigt mich ungemein. Und jetzt werdet ihr mich entschuldigen. Ich muss mich einarbeiten.« Staatsanwältin Winter erwachte aus ihrer Starre, wagte aber nicht, zu widersprechen. Hendrik rief ihr schmunzelnd nach: »Viertel vor vier am Empfang im Kanzleramt.« Haase besaß den sechsten Sinn. Vielleicht dachte er auch nur logisch konsequent. Jedenfalls lag ein dickes Dossier mit der Aufschrift SPIDER auf dem Schreibtisch, als sie in ihr Büro zurückkehrte. Wie immer hatte er eine lückenlose Faktensammlung bereitgestellt inklusive prägnanter Zusammenfassung auf zwei Seiten. Management Summary nannte er diesen Teil. Quintessenz fand sie angemessener. Es war auch schon vorgekommen, dass seine Zusammenfassung aus einem einzigen Wort bestand: Blabla. Diesmal nicht. Trotzdem gab die Akte nicht viel her, denn die Operation Spider war noch nicht wirklich angelaufen. Die Kollegen hatten im Wesentlichen Daten, Kontakte und Beweise für illegale Waffenlieferungen zusammengetragen. In keinem einzigen Fall konnte bisher die Spur der Waffen lückenlos zum Hersteller in Deutschland zurückverfolgt werden. »Das gibt‘s doch nicht«, sagte sie zu Haase. »Bei jeder Scheiß Pistole wird die Nummer beim Verkauf registriert. Der Verkäufer weiß genau, wem er wann welche Waffe verkauft hat, und bei Panzerfäusten soll das nicht möglich sein?« Er blätterte kurz in seiner Akte. Die Seite, die er aufschlug, war die Kopie eines Lieferscheins. »Alles ganz legal, wie Sie sehen«, sagte er mit spöttischem Lächeln. »Die Herstellerfirma verkauft die Waffe einer Firma in Schweden, die für die dortigen Streitkräfte arbeitet. Die Lieferung geht auch tatsächlich nach Stockholm. Nur bei der schwedischen Armee kommt sie nie an.« Sie nickte nachdenklich. »Verstehe, und die Firma, die das Zeug gekauft hat, existiert nicht mehr. Habe ich recht?« »Genau so ist es. Der Geldfluss kann übrigens auch nicht nachvollzogen werden. Die Zahlung an die Herstellerfirma erfolgte völlig unverdächtig über eine Schweizer Bank.« »Unverdächtig, na klar, und niemand hat eine Vorstellung, woher das Geld stammt.« Haase zuckte die Achseln. »Vorstellung schon aber keine Beweise.« Damit schlurfte er zur Kaffeemaschine. Gegen Mittag hatte sie noch immer keine Ahnung, was sie den Herrschaften im Kanzleramt erzählen sollte – außer der Frage, was denn eigentlich ihr Job sei. Eine weitere Stunde verging, ohne dass sie Hunger verspürte. Ein wenig Brennstoff und Wasser musste sie zu sich nehmen, wollte sie nicht Gefahr laufen, um vier aus den Latschen zu kippen. Ärgerlich schmiss sie den Bettel hin und stand auf, um die Cafeteria aufzusuchen. Sie war noch nicht an der Tür, als sie wie angewurzelt stehenblieb. »Ich dumme Kuh!«, rief sie aus. Eilig kehrte sie an den Schreibtisch zurück. Es hatte die ganze Zeit vor ihr gelegen. Eine der Firmen auf der Liste der Verdächtigen war ein international operierender Logistikkonzern mit Hauptsitz in der Schweiz, die Basler SARTRAG. Als Gründer und Hauptaktionär zeichnete ein gewisser Louis Sarasin. Die Firma besaß Frachtschiffe, die hauptsächlich von Bremerhaven aus operierten. Bremerhaven, Bremen! »Das ist doch ein Anfang«, murmelte sie. Wie durch ein Wunder war plötzlich auch der Appetit da. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/hansjorg-anderegg/station-9/?lfrom=196351992) на ЛитРес. 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