Tatort Rosenheim
Heinz von Wilk
Sammelband: Die ersten beiden Fälle für Ex-Bulle Max Auer in einem Band.
Leberkäs-Porno: Max Auer, 45, ledig, Top-Ermittler, wird bei der Münchner Sitte gefeuert – weil er zur falschen Zeit die falschen Dinge gesehen hat. Er zieht zu seiner Tante Friedl nach Rosenheim. Zur gleichen Zeit produziert Sepp Glasl auf dem Samerberg seine »Leberkäs-Pornos« – Hardcore-Streifen für den asiatischen Markt. Sissi, die Porno-Queen, verknallt sich in einen korrupten Bänker. Und Max Auer findet sich mitsamt Tante Friedl in einem Sumpf aus nacktem Fleisch und krummen Deals wieder.
Babylon Rosenheim: Der Auer Max will eigentlich nur seine Rosi wieder mal rumkriegen. Da taucht die Besitzerin der Rosenheimer Babylon-Bar, Silikon-Wally, in seinem Leben auf. Ihr Freund, der Günter, wird von der Polizei und einigen Unterwelt-Bossen gejagt. Nach diversen Überfällen auf Geldtransporter ist der Günter nämlich Millionär. Und an diese Millionen wollen sie ran, die Münchner Clan-Chefs. Aber die Wally, die will den Günter und das Geld und mit ihm abhauen. Da kommt Max Auer ins Spiel und die Sache nimmt Fahrt auf …
Heinz von Wilk
Tatort Rosenheim
Sammelband Rosenheim-Krimis
Die Einzelbände
Leberkäs-Porno
Max Auer, 45, ledig, Top-Ermittler, wird bei der Münchner Sitte gefeuert – weil er zur falschen Zeit die falschen Dinge gesehen hat. Er zieht zu seiner Tante Friedl nach Rosenheim. Zur gleichen Zeit produziert Sepp Glasl auf dem Samerberg seine »Leberkäs-Pornos« – Hardcore-Streifen für den asiatischen Markt. Sissi, die Porno-Queen, verknallt sich in einen korrupten Bänker. Und Max Auer findet sich mitsamt Tante Friedl in einem Sumpf aus nacktem Fleisch und krummen Deals wieder.
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Babylon Rosenheim
Der Auer Max will eigentlich nur seine Rosi wieder mal rumkriegen. Da taucht die Besitzerin der Rosenheimer Babylon-Bar, Silikon-Wally, in seinem Leben auf. Ihr Freund, der Günter, wird von der Polizei und einigen Unterwelt-Bossen gejagt. Nach diversen Überfällen auf Geldtransporter ist der Günter nämlich Millionär. Und an diese Millionen wollen sie ran, die Münchner Clan-Chefs. Aber die Wally, die will den Günter und das Geld und mit ihm abhauen. Da kommt Max Auer ins Spiel und die Sache nimmt Fahrt auf …
Der Autor
Heinz von Wilk wurde in Linz/Oberösterreich geboren und wuchs in Rosenheim auf. In den wilden 1970er-Jahren reiste er als Rock ’n’ Roll-Musiker um die Welt. Nach vielen Tourneen durch Europa, Amerika, Asien, Afrika und Südamerika traf er in Osnabrück das norwegische Model Liv, die ebenfalls nicht wusste, was sie hier sollte. Die beiden heirateten und zogen nach Denia an die Costa Blanca, wo sie den Rockstars von damals schicke Villen mit Meerblick von heute verkauften. 2006 zog es ihn, seine Liv und den bayerischen Rauhaardackel Herrn Josef zurück ins Chiemgau. Heute lebt der Autor in Rosenheim und schreibt seine skurrilen Krimis. Ein Ende ist nicht abzusehen. www.heinz-von-wilk.de (http://www.heinz-von-wilk.de)
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
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sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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E-Book-Produktion: Mirjam Hecht
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ISBN 978-3-7349-9492-0
Leberkäs-Porno
Copyright der Originalausgabe © 2019 by Gmeiner-Verlag GmbH
Babylon Rosenheim
Copyright der Originalausgabe © 2020 by Gmeiner-Verlag GmbH
Inhalt
Die Einzelbände (#ulink_fbde8f47-b946-5e4b-beca-e3c66df67477)
Der Autor (#ulink_45a01d3e-b8d9-57de-8926-417478f404dd)
Impressum (#ulink_0d2810fb-f3f4-58e4-b8a9-d31b9298d2fd)
Leberkäs-Porno
Widmung (#ulink_b35574cb-5f57-593a-9171-7f75d6f2f057)
Vorwort (#ulink_59b4c1bb-b4d4-552f-a24e-748118b10346)
Alles auf Anfang (#ulink_1d981582-44bd-569b-baa8-9d44122b74b9)
Wer ist Chili? (#ulink_c8cbee4e-8b22-5a05-82f4-edf59051b934)
Was weg is, is weg! (#ulink_c6754c3f-8341-5a08-9118-67f70e97d823)
Ja, wo ist denn jetzt die Sissi? (#ulink_93eb27fd-3f3c-5360-924c-61062acfe56b)
Ehrlich währt am längsten – aber wer nicht bescheißt, der kommt zu nix (#ulink_bdcbb76b-02e0-557c-826e-c672fa46fc30)
Daddy Cool (#ulink_4a053c5a-6c15-581a-91c1-d0ede80b9c0c)
Kalbsvögel? Echt jetzt? (#ulink_aaa9df35-f519-5371-ba0c-46e9beae9fc0)
Auch wenn auf dem Gipfel schon Eis liegt … (#ulink_00e6e466-0dd4-54fb-99dd-7bb557e5bbb3)
Stunde der Wahrheit (#ulink_721bfef9-2f9c-53f2-b6c8-36ec6224437f)
Wer mehr Vögel(n) will, muss freundlich sein (#ulink_bf2d128d-29fb-5f35-93ca-dffe5cd02882)
Der Mörder ist wieder frei (#ulink_8c9a29e0-02cf-5bcc-b00d-44203d0eea97)
Die drei großen »B«: Bumsen, Benthaus, Borsche (#ulink_218d30b8-9d59-5ab0-90fc-1ecdfae08ab4)
Die Welt geht noch in Oasch, wenn des so weidageht (#ulink_9d834a21-1a55-58b4-9163-ed05a15a2b7d)
Der? Der ist doch ein Kugelfisch (#ulink_f06e0781-91bf-551b-81e2-37e86facad0e)
Geh, iss doch was … Ich bin extra aufgeblieben (#ulink_a0754e2a-96d5-5fb6-bdf3-6dc32d8940d2)
Und nun: Der schöne Herrmann (#ulink_5844a12f-d1db-516f-9b36-04db628858a3)
Auszeit / Anfang (#ulink_e384b6e5-21de-5396-8fee-1c8ccb33f8c9)
Auszeit / Ende (#ulink_82879ce3-d1ae-5a2b-8312-f396971d8494)
Nimm die Finger von dem Schwanz! (#ulink_ba3dd173-a5bf-57d5-a492-ab7045b5daab)
Himbeereis zum Frühstück … Käs-Fondue im Iglu (#ulink_b7aa22e3-d778-5c79-9ecf-efdb18c94275)
Ja leck mich, der Auer Max! (#ulink_bbdf2e2f-6472-595b-bfb9-c4fb8637b509)
Vergiss es, Mann! (#ulink_0e5facd1-2e50-59c0-ac84-2b1eb0406be9)
Telefon!!! (#ulink_c4abc1ed-1008-5afc-917e-3c7c038c86c5)
Verbrechen lohnt sich nicht, aber man hat eindeutig die besseren Arbeitszeiten (#ulink_dc65ca00-b0e1-54b9-b45b-812e21724c2d)
Inkasso-Manni (#ulink_c3185c2f-d233-556b-a6ef-65d963a37000)
Wo, zum Teufel, ist die Sissi? (#ulink_dcc4fcaf-1dbc-532e-afb0-b5dd3ab22882)
Wer kauft denn so was? (#ulink_58bf86e9-68ee-5809-9a77-eb6fad2aa7d5)
Wer ist hier der Bolo? (#ulink_4d0a094d-6fe9-5c51-8e30-243605f8533e)
Das ist ja der Brunner, oder? (#ulink_5ab74bb2-3120-5158-b9a5-8b919e0084ea)
Iss was, Bub, du bist ja viel zu dünn! (#ulink_c9e846a2-8e54-5d03-b713-56b67778124f)
Ab in den Keller (#ulink_a2c055b8-a6ee-55bc-8ddd-da3f8e57f9e8)
Ey, krass, voll Porno, Alter! (#ulink_2cbfcff3-17d7-559b-8179-b69b29cc7f89)
Was weg is, is weg (#ulink_104d1e1b-62aa-5d6b-8149-46f95ff88afe)
Habt ihr hier keinen Leberkäs? Echt nicht? (#ulink_2fd8bea9-8312-5e49-b476-bda945c297ab)
Nachwort (#ulink_8a6e86e4-5ece-5273-ae43-9c5821c99168)
Die Speisen (#ulink_1d520da8-8a05-56de-975d-bf433c56ec4b)
Babylon Rosenheim
Haftungsausschluss (#ulink_e9900780-b43a-535e-8caa-085429743e94)
Vorwort (#ulink_ff20db34-51fe-5b9d-ba62-ca7b19c79cb0)
Einleitung oder: »Die Wally und das sündige Leben« (#ulink_d1a42dc9-7c8c-5dd0-a47b-d57d8b2216ce)
»Jessas, ned schon wieder eine Leich’«, (#ulink_eb98242e-a8b8-51de-bf67-607c0abc3eb3)
Schon, oder? (#ulink_95955194-d29b-5dbf-a23e-27257cd478f0)
Im Büro (#ulink_cfd0f771-10c8-54e0-8a8c-e9cdb35c0dff)
Mein lieber Schieber, (#ulink_0a65daa4-7ee4-508b-9a0e-34114da6ab3b)
Das sind ja richtige Fleischfetzen. (#ulink_5ee2dba2-f195-5a91-a58d-f143bfd5804d)
Das Essen bei Kerzenlicht (#ulink_0fbd9218-e670-52fd-b2af-8a6fda4d5ca9)
Fünf Minuten vorher. Max Auer schläft. (#ulink_ffae9e6f-2b52-5132-99d5-c2baa2dd81e6)
So, und jetzt machen wir schnell einen Abstecher (#ulink_9a75bc57-72bf-522f-abd1-668191eef480)
Letztendlich (#ulink_2b549c4f-a05b-5174-b4ee-8517e52023d1)
Du magst das bestimmt auch nicht: (#ulink_6e95ecec-5513-53d5-9aac-fc01de19c5cf)
Das ganze Leben ist eine Buchstabensuppe … (#ulink_25b1e6c5-818e-512e-bc7a-3f21f3517247)
»Was?« (#ulink_994059e1-1d53-5ee2-b781-5636ae62c873)
Die Bluthochzeit der Drohnen. (#ulink_4aa7c91c-3701-5016-899c-b8153b9f7bcc)
Max Auers Gespür für Nebel (#ulink_ee5e3621-6363-5d22-992d-7a218a2b6f1c)
Der schöne Adi und der Abgrund (#ulink_1eb263b9-31a1-5193-ab4a-48b20cacc3ef)
Jede Bohne zählt (#ulink_0a7fb492-12fa-5525-9b37-d137a72f2c58)
»Kopi Luwak« ist das Stichwort, der reine Kopi Luwak! (#ulink_c660fb8d-7576-5cc4-ae0d-c21f33e8dc01)
Monzo? (#ulink_d6bda2da-0b5f-5930-9e6d-5e6cd3c66d07)
Zuckerschnecke (#ulink_2deb02aa-2380-55d4-9408-c4ef99911092)
Drama, Baby, Drama (#ulink_7dc9d1d3-8f7c-52a0-914b-7a33e3158cf9)
Einen Anwalt, der was kann halt (#ulink_27f43d09-ca53-58d8-a07f-89f15d8fe2c3)
Döner macht schöner. (#ulink_0854dace-1507-520e-afce-1862764c46d3)
Wann kommt denn nun die Rosi? (#ulink_d284b4c8-c7c7-5824-a7c3-b9dd87e173a8)
Wahrheit? Welche Wahrheit denn? (#ulink_a157c24b-ce84-5b30-aa13-07203752d519)
Love hurts (Nazareth, 1975) (#ulink_875af3a0-ed08-5dfb-8c65-cf828042c802)
Harter Tag? Dann lass dich durchkneten. (#ulink_f3c9650e-09c9-594b-a8da-62c35048a269)
Wenn die Sonne tief genug am Horizont steht, dann werfen selbst die Zwerge einen großen Schatten. (#ulink_4b9616d2-82b1-5e31-b29a-b118c009b595)
Finaaaale, ohooo! (#ulink_d8dde4cb-9e3a-58d7-a735-267ca05c812d)
Endspiel. Wer fängt an? (#ulink_8068a71b-7ea4-54c8-b4df-9e1aba133dc7)
Nachwort 1: Ich hab da noch eine Frage. (#ulink_c348d6b9-b066-5806-ad40-0b6b20c60c68)
Nachwort 2: Alles klar? (#ulink_98f8af2f-edc9-5be8-b2c1-5761b1c901e7)
Die Speisen (#ulink_d52084bf-e411-56e8-afaa-4c0041a9ce69)
Leberkäs-Porno
Widmung
Für Liv
Vorwort
Ich erzähl dir jetzt eine Geschichte, und die ist richtig gut. Es ist zwar eine Geschichte, die man sich hier hinter vorgehaltener Hand zuflüstert, und ob sie sich genau so zugetragen hat, weiß ich jetzt auch nicht mehr. Für besonders Prüde ist das hier aber sowieso eher nichts. Denn es geht um die Entstehung und die Folgen einer neuen Geschäftsidee. Hardcorepornos auf einer Alm, in den Bergen hinter Rosenheim. Leberkäs-Pornos.
Dieses Buch ist bevölkert von einem schillernden Figurenensemble: Kriminellen Nachtklubbesitzern, Prostituierten. Von Polizisten im und außer Dienst, Zuhältern, adligen Heiratsschwindlern und schrägen Nachtschwärmern. Sie alle trudeln durch diese Welt aus Sex und Crime im Alpenland.
Alles auf Anfang
Der Auer Max war mal eine richtig fette Nummer bei der Sitte in München. KHK Auer, also, wenn der dienstlich in einem Puff aufgetaucht ist, dann ist es am Hintereingang zugegangen wie bei einem Almabtrieb. Aber wen sich der Max greifen wollte, den hat er auch erwischt. So oder so.
Gut, ab und zu hat er auch schon mal ein Glas oder mehr mit den Mädels getrunken. Und in eine rassige Ungarin war er mal richtig verliebt. Die wollte sogar weg vom Strich, wegen ihm, aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Auf jeden Fall, am Morgen nach seinem 40sten, den er im »Red Horse« in Schwabing bis zum Abwinken gefeiert hat, ist es passiert. Der Auer, schwer verkatert, kriegt auf dem Weg nach unten aus der Küche einen Streit mit. Er setzt sich auf die Treppe und hält sich den Brummschädel.
Jetzt, laute Männerstimmen, dazwischen die Stimme einer Frau. Die schrie: »Wenn der nicht bald bezahlt, geh ich zu seinem Vater. Da muss ich nicht einmal weit gehen, weil, der ist ja auch Stammkunde bei mir und meiner Pitschko!«
Darauf ein Mann, tief und kehlig: »Anusch, Golubovi, bleib ruhig, meine Schöne. Ich mach das mit Mann. Ist guter Mann. Hat nur viel Stress in Job. Weißt ja, Politik ist böser Job.« Das Wort »Job« klang bei dem Kerl wie »Jooob«.
Eine andere, dünne und weinerliche Männerstimme: »Ich zahl ja. Gib mir nur noch eine Woche, Igor. Und du, Anusch, du kriegst was extra. Eine schöne Uhr oder einen Ring, ein Kleid, was du willst, okay?«
Der Auer Max schlurft hinter die Bartheke, schiebt ein paar Flaschen zur Seite und schaut durch die Klappe in die Küche. Da steht der Münchner Stadtrat Himmlinger in voller Pracht. Neben ihm die rote Anusch, und vor ihm der Igor, dem das »Red Horse« gehört. Igor sagt: »Kolleg, jebem ti majku, du bist bei 40.000. Für Schnee und Mädels und so. Langsam muss was wachsen rüber, verstehst?«
Der Stadtrat fährt sich durch die lichten grauen Haare, schaut sich um und sieht das verquollene Gesicht vom Auer Max in der Durchreiche. Die zwei schauen sich in die Augen. Das war’s. Falsche Zeit, falscher Ort.
Einen Tag später haben sie den Spind vom Max aufgrund eines anonymen Hinweises durchsucht. Und da schau her: Sie fanden 7.000 Euro, eine Rolex und ein Plastiktütchen mit weißem Pulver drin.
Nicht dass du jetzt glaubst, die haben einen Riesenwirbel gemacht. Nein, man hat ihm den vorzeitigen Ruhestand bei halben Bezügen vorgeschlagen. Oder eben halt doch eine hochnotpeinliche Ermittlung, in Farbe und Stereo. Ganz wie du das haben willst, Auer, haben sie zu ihm gesagt.
Und so kam’s, dass der Auer Max eine Woche später in Rosenheim am Küchentisch seiner Tante Friedlinde saß und einen Schweinsbraten mit Knödel nebst einem kalten Hefeweizen vor sich stehen hatte.
Jetzt muss ich das noch kurz erklären: Der Auer ist ja ein Junggeselle und hat seine kleine Dienstwohnung in München ruckzuck geräumt. Und weil sie ihm seinen dunkelblauen Audi auch gleich unter dem Hintern wegkonfisziert haben, ist er mit dem Zug nach Rosenheim zu seiner nächsten Verwandten, besagter Tante, gefahren.
Die Friedlinde, 68, groß, schlank, mit einer gewissen Resterotik, ist eine Witwe, die von ihrem Otti, der Herr hab’ ihn selig, drei Wohnhäuser in der Rathausstraße geerbt hat. Sie selber wohnt in einer 184-qm-Dachterrassenwohnung in der Münchener Straße. Auch geerbt. Jetzt wirst du fragen, ja, womit hat der selige Otti denn so viel Geld verdient? Ich sag mal so: Der Bernrieder Ottfried hat zwar offiziell einen kleinen Malerbetrieb gehabt, für die Steuer und den guten Ruf. Inoffiziell war er aber ein Meister der kreativen Geldbeschaffung. An zwei Rosenheimer Spielhöllen war er beteiligt, und in Österreich drüben, gleich hinter Sachrang, da hat er Hinterzimmer-Pokerrunden organisiert. Und Schlimmeres. Warum ich das erzähle? Na ja, das gehört alles irgendwie schon zu der Geschichte. So, und jetzt pass auf, es geht los:
Wer ist Chili?
»Nimm doch noch einen Knödel, Bub. Du schaust ja schlimm aus. Hat es in ganz München nix G’scheites zum Essen gegeben? Und warum warst du nie bei deiner alten kranken Tante Friedl? Hmh? Ich hab dich so oft angerufen, dass du mich besuchen sollst. Aber der Herr hat ja nie Zeit. Sogar vor zwei Jahren, bei der Urnenfeier vom Otti, da warst du genau einundeinhalb Stunden auf dem Friedhof!«
Auer dachte sich, die ist immer noch ein Kiemenatmer. Die schnauft nicht ein einziges Mal und redet doch in einer Tour. »Du bist nicht krank, Tante, und alt auch nicht. Optisch jedenfalls nicht. Du schaust keinen Tag älter aus wie damals auf dem Friedhof. Ehrlich jetzt.«
Friedl strich dem Auer mit der Hand über das dunkelbraune, lockige Haar: »Iss trotzdem noch was, Bub. Und sag nicht immer Tante zu mir. Da komm ich mir so … mottenkugeltantig vor, verstehst? Sag bitte Friedl, ja?«
Sie ging zur Kommode, streichelte die große, in grauen Marmor gefasste Sanduhr und drehte sie um. Lautlos und langsam rieselte eine graue, körnige Staubmasse durch die Engstelle: »Mach nur langsam, Otti, es pressiert nicht. Weit kannst ja eh nicht mehr laufen, gell?«
Der Max verschluckte sich fast an seinem Knödel. Mit der Gabel zeigte er zur Kommode: »Friedl, sag jetzt nicht, das da drin ist der Otti. Nein, oder?«
Die Friedl strich sich durch das dunkelbraun gesträhnte Haar: »Ja mei, ich kenn halt den Bestatter gut. Der Schorschi, der ist mit mir in die Königschule gegangen. Und er war mir noch einen Gefallen schuldig. Aber jetzt ruft er mich ab und zu an und will sich mit mir treffen. Aber weißt, wenn ich mir überleg, wo der seine Hände immer hat, dann weiß ich auch nicht so recht. Streng riechen tut er auch. Ich meine, ich komm ja gut damit klar, wenn mir in der Fußgängerzone der eine oder andere Rollator-Racer nachpfeift oder mich so ein alter Knabe mit seiner Krücke bei Karstadt betatschelt. Aber einen professionellen Leichenwäscher? Vergiss es. Und das mit der Sanduhr, das darfst du nicht so eng sehen. Jetzt hat er wenigstens immer ein bissel Bewegung, der selige Otti.«
Der Auer Max nickte, seufzte und griff nach dem Weißbierglas. Das Telefon läutete, und die Friedl meinte: »Wenn das jetzt schon wieder der Schorschi ist, dann gehst du ran und sagst mit brasilianischem Akzent, du bist mein neuer Lover, okay?«
Sie nahm den Hörer: »Ja? Wer? Kenn ich nicht. Da sind Sie falsch verbunden.« Friedl schaute zum Auer rüber und zuckte mit den Schultern, dann sprach sie wieder in den Hörer: »Wie? Ja, warum sagst das denn nicht gleich, du blöder Hammel. Woher soll ich wissen, dass du jetzt ›Chili‹ heißt. Das ist doch gar kein richtiger Name. Was? Ja, der ist hier. Woher weißt du das denn schon wieder? Ah da schau her, Buschtrommel, sagst du? Kenn ich die? Nein, du kannst jetzt nicht mit ihm reden. Er isst. Was? Jaja, bei dir ist es immer wichtig. Wart, ich frag ihn.«
Die Friedl legte ihre rechte Hand auf den Hörer und flüsterte: »Der Sepp Glasl, der nennt sich jetzt Chili. Willst mit ihm reden? Ist dringend, sagt er. Und frag ihn, woher er weiß, dass du hier bist.«
Auer wischte sich den Mund ab und winkte mit der Hand nach dem Telefon: »Ja? Max hier.«
»Der Auer Max, ja leck … Dich haben sie aber sauber vom Gleis genommen, mein lieber Schieber. Und jetzt? Was läuft? Brauchst einen Job?«
»Nein danke. Aber woher zum Teufel …«
Wieherndes Gelächter kam durch den Hörer: »Von einem gemeinsamen Bekannten. Erzähl ich dir gleich. Weißt du, wo ich bin?«
»Will ich das wissen?«
»Max, jetzt geh weiter, ich bin’s, dein Spezl. Immerhin waren wir zusammen in der Schule in der Königstraße, und du hast mir in der Pause immer eine Breze gegeben, dass ich dem Vorstuber Lolli eine reinhaue, wenn er dich geärgert hat.«
Max stieß zischend die Luft aus: »Das ist hundert Jahre her. Und außerdem warst du zwei Klassen über mir. Und ich bin zur Polizei gegangen und du hast mit 17 das erste Mal in geschlossenen Räumen Knastpralinen (das sind Frikadellen mit hohem Bratenanteil, Anm. des Autors) gegessen. Also, was soll das?«
Der Glasl, alias Chili, stöhnte: »Hör doch auf mit dem alten Scheiß, Mann. Ich bin Geschäftsmann. Und ich hab ein Riesenproblem an der Backe. Damit kann ich nicht zur Bullerei. Und jetzt, wo ich höre, dass du wieder bei uns bist … das ist Schicksal, Max, Schicksal. Komm vorbei und lass uns reden. Bitte. Ich bezahl dich und du hilfst mir.«
»Vergiss es, Sepp. Mach’s gut. Servus und Ende.«
Der Glasl rief aufgeregt: »Nicht auflegen, nicht! Gib mir die Friedl noch mal bitte, Max.«
Auer verdrehte die Augen und reichte der Tante den Hörer über den Tisch. Sie presste ihn ans Ohr: »Was willst noch? Du hast doch gehört, was er gesagt hat, oder?«
Sie lauschte, dann schlug sie eine Hand vor den Mund und stöhnte: »Nein, oder? Das ist jetzt nicht wahr. Ich hab ihm gleich gesagt, mit dem Miststück kriegt er nix wie Ärger. Und was hab ich jetzt davon? Er redet nix mehr mit mir. Was? Nicht der Otti, der ist tot, das solltest du eigentlich wissen. Wie? Willst du mich erpressen? Das wär aber sehr ungesund für dich. Warum? Ja gut, er kommt vorbei. Nein, ich regle das. In einer halben Stunde ist er bei dir. Was? Ja, ich weiß noch, wo das ist. Gut. Also dann. Und jetzt tu mir einen Gefallen: Geh spazieren und verlauf dich.«
Friedl schaute das Telefon an, unterbrach die Verbindung und stellte sich vor die Sanduhr: »Otti, du hast mir gesagt, du bist raus aus dem Mist. Und jetzt, wo ich gedacht hab, ich bin auch draußen, jetzt ziehst du mich wieder rein. Dafür drehst du jetzt eine Extrarunde. Auf geht’s.«
Sie drehte mit Schwung das Gefäß um und sagte zum Max: »Frag mich jetzt nix, okay?«, dann hob sie die Hände wie zu einem Gebet: »Bitte tu deiner alten, gebrechlichen Tante einen Gefallen. Fahr raus zum Glasl und hör dir an, was er hat. Wenn du was für ihn tun kannst, dann mach es. Nicht umsonst, du kannst richtig Geld verlangen. Der Glasl steckt bis zum Hals in der Kacke, und wenn er Pech hat, muss er sich dabei auch noch hinsetzen. Also? Tust du das für mich?«
Der Auer schloss die Augen und legte seine Handflächen auf die Ohren. Jetzt muss ich sagen, nicht dass du denkst, der Auer hätte keinen Mumm oder so. Er wollte halt einfach erst mal seine Ruhe und ein bissel entspannen. Die Lage checken, ein oder zwei Mädels von früher kontaktieren, halt relaxen, chillen, wie man heutzutage sagt.
»Ich hab mir überlegt, dass du die hinteren drei Zimmer haben kannst, rechts vom Lift. Da hast du dann ein Schlafzimmer, ein Bad und ich richte dir eine Wohnküche ein. Deine eigene Dachterrasse hast du auch, und wir laufen uns nicht über den Weg. Miete zahlst du keine, ich koch für dich und mach deine Wäsche. Wie klingt das?«
»Für mich? Wie wenn du plötzlich auch ein Problem hättest, Friedl. Was hat der selige Otti mit dem hier eben zu tun?« Auer zeigte auf das Telefon.
Friedl fuhr sich wieder nervös durch die Haare: »Nix, ehrlich. Oder, anders rum, fast nix. Weil, der Otti, der ist ja tot.« Mit dem Ringfinger klopfte sie auf die Sanduhr: »Es ist nur so, dass ich nicht möchte, dass da posthum was hochkocht. Jetzt, wo er sich nicht mehr verteidigen kann, der liebe Mann. Und ich arme Frau auch nicht. Ich hab ja niemanden außer dir, mein lieber Max.«
Ihre Stimme veränderte sich leicht ins Scharfe: »Was is jetzt? Fahrst oder fahrst freiwillig? Ogottogott, hilf!«
»Der hält sich wie üblich höflich zurück, denke ich. Und außerdem: Ich hab kein Auto.«
»Haha, hast du ab jetzt schon. Geschenk des Hauses. Warte.« Friedl ging in die Diele, Max hörte eine Schublade auf- und zugehen, dann war sie wieder im Wohnzimmer und klingelte mit einem Schlüsselbund: »Da schau her. Du hast ab sofort die Rentnerschleuder vom Otti. Die mag ich eh nicht so gerne. Ich fahr immer mit dem Ghia-Cabrio. Der Benz, der ist jetzt deiner. Silbergrau, steht hinten in der Ecke. Lass dich von dem harmlosen Aussehen und dem Alter der Karre nicht täuschen. Das ist zwar ein1974er, aber der ziemlich seltene 450er. Achtzylinder, Viereinhalb-Liter-Maschine mit Spezial-Vergasern. Den hat er sich optisch auf einen harmlosen 250er-Oldtimer runtertrimmen lassen, der alte Mistkerl. Und hier sind auch alle Schlüssel: Lift, Wohnung, Piepser für die Tiefgarage, alles. Ich bin ja so froh, dass du jetzt hier bei deiner armen alten Tante wohnst, mein Bub. Komm, gib mir ein Bussi!«
Friedl scharwenzelte um den Tisch herum, gab dem Max einen Schmatzer auf die Wange und legte den Schlüsselbund neben den Teller: »Der Laden vom Glasl heißt ›Wild Wild West‹ und ist da drüben in der Klepperstraße, am McDonalds rechts, an den Autotandlern vorbei und dann, nach dem Klepperpark irgendwo links rein. Du wirst das schon finden als Ex-Polizist, nicht wahr?«
Natürlich ist es so, dass der Max weder naiv ist noch mit dem Klammerbeutel gepudert wurde. Der hat genau gewusst, dass da was nicht stimmt. Und das hat er die Friedl nach einer kurzen Pause auch gefragt.
Und sie? Fährt sich wieder fahrig durch die Haare und legt den Kopf schief. Dann klatscht sie die Hände zusammen und hebt sie wieder theatralisch zur Decke hoch und sagt mit bebender Stimme: »Lieber Herr da oben, wie kann man nur so misstrauisch sein? Gib dem Buben hier eine Erleuchtung, Herr, und sag ihm, Blut ist halt mal dicker als Wasser. Und er ist mein letzter lebender Verwandter, der Bub. Und wenn ich mal tot umfalle, was eh nicht mehr lange dauern kann, dann erbt er alles. Vielleicht, möglicherweise, unter Umständen. Schaun mer mal, dann seng mas scho’, ned wahr, das hat mein seliger Otti immer gesagt. Der ist jetzt bei dir, Herr, oder? Und wenn er tatsächlich bei dir ist, dann lass dir von ihm nichts andrehen, ja, Herr?«
Und zum Auer, diesmal in einem sehr barschen Ton:
»Jetzt stell dich nicht so an. Mein Gott, der Otti hat sein Geld auf vielfältige Weise kreativ verdient, und mit dem Glasl Sepp, da hat er auch ein paar Deals am Laufen gehabt, die waren alle nicht so farbecht, was weiß ich. Steh jetzt auf und fahr da rüber, Max, und wenn du heimkommst, mach ich dir was Schönes, ja?« Sie klimperte mit den Augenlidern, der Auer seufzte wieder und stand auf.
Unten, in der Tiefgarage, da stand der silberne Benz. Ohne Typenbezeichnung, aber dem Auer fiel gleich die Auspuffanlage auf, und auch die Reifen machten was her. Max ging vor der Fahrertür in die Knie und schaute in den Radkasten: rote Spezialstoßdämpfer, die ganze Kiste ein bisschen tiefer gelegt, Michelin-Race-Reifen, gutes Material.
Er ließ den Motor an, der mit einem dumpfen Grummeln erwachte. Automatisches Dreiganggetriebe am Lenkrad und ein Becker-Mexiko-Radio mit Kassette in der Konsole. Max grinste, öffnete das elektrische Schiebedach und gab Gas.
Was weg is, is weg!
Aus den Lautsprechern kam ein Stück vom Electric-Light-Orchestra, und Auer drehte die Musik lauter. Der Achtzylinder brummte vor sich hin, und als der Max mal aus Versehen ein bisschen sehr aufs Gas tippte, machte der alte Schlitten mit durchdrehenden Reifen einen Satz nach vorne, sodass er verblüfft bremste.
In der Klepperstraße bog er in die Kunstmühlenstraße und dann in die Petersberger, und von Weitem sah er schon das »Wild Wild West«. Oder besser gesagt, das große Schild über dem Eingang. Rund um die gelbe Schrift auf schwarzem Grund waren große, rote Chilischoten gemalt. Die Fenster neben dem Eingang waren mit dunkler Folie verklebt, die Tür wohl eine alte Zellentür aus einem Gefängnis. Das passt doch alles zum Glasl Sepp, dachte sich der Auer und stellte den Benz direkt vor den Eingang.
Um diese Zeit war der Laden natürlich zu, und der Auer hämmerte mit der Faust an die Tür. Eine junge, magere, aber sehr hübsche Frau öffnete und schaute den Auer so verdammt fröhlich an, dass er sie am liebsten auf der Stelle erwürgt hätte.
»Der Chef? Ist er da?« Die Platinblonde nickte und lachte, als hätte der Auer gerade gesagt, dass er ihr eine Million schenkt. »Bist du der Auerhahn? So fesch habe ich mir dich nicht vorgestellt. Komm rein.«
Sie trat ein wenig zur Seite, und der Max ging in die Kneipe, in der nur eine blass-weiße Notbeleuchtung ein wenig Licht fabrizierte. Hinten, an der schmalen Wand, war eine kleine Bühne mit einer Tanzstange in der Mitte. Dahinter standen ein paar Verstärker, Gitarren und ein Schlagzeug.
Rechts, an der Längswand, befand sich eine lange, dunkle Holztheke mit Messingfußleiste und hohen Hockern. Auch auf der Theke waren zwei mattglänzende Messingtanzstangen montiert und in der Decke verankert. Dahinter die obligate Spiegelwand mit den Flaschenbatterien dazwischen. Links von der Tanzfläche ein Dutzend runde Tische mit massiven Stühlen.
An einem der Tische saßen zwei Typen, die Auer jetzt, da sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, ausmachte.
Jetzt pass auf: Die zwei hieven sich aus den Stühlen. Das heißt, der eine hievt, der andere lässt sich einfach vorplumpsen. Der Hiever ist so an die 1,95 oder noch größer, breit wie ein Schrank und hat Arme, die so dick sind wie die Waden vom Auer.
Der andere, der Plumpser, entpuppt sich als was Zwergähnliches. Kleinwüchsig, so sagt man wohl politisch korrekt. Egal, jetzt kommt’s: Die beiden tragen identische pflaumenfarbene Polyesteranzüge mit weißen Gürteln und weißen Stiefeln. Die Hemden waren irgendwie lachsfarben oder rötlich, so genau konnte man das in dem Kerkerlicht nicht sehen.
Den Auer haben die beiden unwillkürlich an Arnold Schwarzenegger und Danny DeVito in diesem Film erinnert, weißt schon, der mit den Zwillingen.
Das fragte er die beiden auch gleich grinsend: »Wow, ihr seid Zwillinge, oder?«
Der Hiever knurrte und kratzte sich am Bauch, sodass sich das Jackett bewegte und glänzte wie ein Wasserfall. Diese Scheußlichkeiten werden doch nur noch in Nordkorea hergestellt, dachte sich der Auer. Wo haben die das bloß her?
Der kleine Plumpser baute sich vor dem Auer auf und sah zu ihm hoch: »Wir wissen, wer du bist, Alter. Du kannst auch gleich zu Chili durchgehen. Ich will dich nur mal kurz beschnuppern, ob du verkabelt bist oder so, dann werde ich dir die Absolution erteilen, so weit klar?«
Auer blickte auf die kahle Stelle auf dem Kopf des Kleinen: »Was willst du mir erteilen? Mann, ich lass mich von keinem betatschen, der so einen beschissenen Plastikanzug trägt. Da tun mir ja die Augen weh, Junge. Mach einen Satz zur Seite und geh wieder spielen, ja?«
Der Hiever schob sich auf Auer zu, und Plumpser zeigte mit dem Daumen auf ihn: »Der ist heute ganz mies drauf. Willst du wissen, warum? Er hat eine Zecke am Gekröse. Und keiner von uns will da drangehen. Also mach an, dass wir hier fertigwerden.«
Auer schaute den Großen an: »So was ist kein Spaß. Warum gehst du nicht zum Arzt damit?«
Der Hiever knurrte wieder, und Plumpser sagte: »Was denkst du wohl, wie in dem Job hier die Sozialleistungen sind, hmh? Und die Anzüge, die tragen wir auch nicht freiwillig, das will der Chili so. Wegen dem Corporate Design, sagt er. Weißt du, was das sein soll?«
Auer nickte: »Ist so ähnlich wie beim Militär. Da haben auch alle den gleichen Fummel an. Jetzt geht zur Seite, sonst wird der Onkel böse!«
Der Hiever hob eine Hand, und Auer sagte: »Hohoho. Bleib ruhig, du Elch. Ich habe ein Mittel gegen Zecken. Wenn du mich in Ruhe lässt, verrate ich es dir. Schau her!« Auer zog seine Jacke aus, hob sein Hemd hoch und drehte sich: »Keine Drähte, keine Bomben, keine Kanone. Alles klar?«
Der Hiever knurrte den Kleinen an, und der nickte und meinte: »Er sagt, du bist sauber. Was ist das mit dem Zeckenmittel?«
»Streichhölzer!« Auer klopfte auf seine Hosentaschen: »Ich hab jetzt grad keine einstecken, aber das hilft. Ist ein alter Indianertrick. Pass auf: Lass die Hosen runter, geh in die Beuge. Zünde ein Streichholz an und in dem Moment, wo es entflammt, halte es an die Zecke. Dann ist sie im Nu weg.«
»Du meinst, sie verbrennt oder explodiert oder so?« Der Plumpser sah Auer fragend an.
Der schüttelte den Kopf: »Nein, sie fällt ab. Ruckzuck. Zecken mögen keine brennenden Streichhölzer, weil sie Nichtraucher sind. Kapische?«
Die beiden nickten, und der Kleine sagte: »Links neben der Bühne, die schwarze Tür. Chili ist im Büro.« Und zu der Blonden, die hinter der Bar Gläser polierte: »He, Torte, haben wir Streichhölzer?«
Auer betrat das kleine, schäbige Büro und schaute sich um. An den Wänden hingen zwei Poster von Will Smith aus« Wild Wild West«, dann die üblichen Po- und Tittenbilder und eine Aufnahme von einem roten Mustang T4-Cabrio.
Der Typ hinter dem Schreibtisch nahm die Füße runter, schaute auch auf das Autobild und sagte: »Das ist meiner. Ein 66er, 5-Liter-Maschine, kein Rost. Hab ihn selber aus Kalifornien geholt. Dem Otti wollte ich auch einen mitbringen, aber der war ja vernarrt in seinen getarnten 450er. Gott hab ihn selig.«
»Das mit dem ›selig‹ weiß ich nicht, aber den Benz hab ich jetzt. Ist meiner.«
»Echt jetzt? Wow!« Chili stand auf, und Max sah erst jetzt, dass der Kerl blondierte Haare hatte, die, streng nach hinten gekämmt, in einem ziemlich langen Pferdeschwanz endeten.
Max griff nach der über den Schreibtisch gestreckten Hand und schüttelte sie: »Warum Chili? Klingt irgendwie … ich weiß auch nicht.«
»Wegen dem Laden. Corporate Design, da leg ich gesteigerten Wert drauf, verstehst?«
Auer nickte und setzte sich: »Pass auf, keine langen Vorreden. Was liegt an? Warum bin ich hier?«
Chili öffnete einen Laptop, drückte ein paar Tasten und schob das Teil zu Max rüber: »Schau selber.«
Der Auer starrte auf den Bildschirm. Zu sehen war eine nackte, honigblonde junge Frau, die auf einem antiken Holztisch kniete. Vor ihr stand ein nackter Kerl, und die Frau hatte ein Stück von ihm im Mund. Hinter ihr, in vollem Galopp: Chili. Er hielt sich an ihren Hüften fest, und sein Pferdeschwanz wedelte bei jedem Stoß unter dem Hirschgeweihkerzenleuchter. Aufgenommen war das Ganze offenbar in einer Almhütte oder so. Überall Holz, rustikal, Kerzenlicht und bayerische Musik im Hintergrund.
»Lieber Gott, was ist das denn?«
»Ein Leberkäs-Porno. So was mögen die Amis und die Chinesen, überhaupt alle da drüben in Asien. Die Handlung ist fast immer die gleiche: die Sennerin ist sommerlich leicht bekleidet im Stall, es kommen zwei Wanderer, man kommt sich in der Hütte bei der Brotzeit näher, und dann: erotische Akrobatik und Blasmusik. Pass auf, wenn der vordere Bursche kommt, dann jodelt er. Und die Sennerin jauchzt dazu. Gut, was?«
»Aha. Wer steht auf so was? Wo ist die Hütte? Wem gehört sie?«
Chili angelte eine Flasche Bier aus einem kleinen Kühlschrank neben dem Schreibtisch und hielt sie dem Auer hin. Dann nahm er eine für sich, hob sie an den Mund und trank: »Ahhh, immer wieder gut. Die Hütte? Ist irgendwo auf dem Samerberg. Gehört hat sie dem Otti, und jetzt wohl der Friedl. Und wie das angefangen hat? Pass auf: Da kommt eines Tages so ein Kerl in meinen Laden. Sagt, er will Leberkäs-Pornos für den Weltmarkt. USA, Asien, Indien und so. Meint, er könnte damit genauso gut nach Holland zu den Profis gehen, die machen alles, was du willst. Tut er aber nicht. Weil es ihm da zu professionell ist. Das muss nach Amateuren ausschauen, meint er. Die Japaner, die kaufen alles, was Amateurcharakter hat, sagt er. Hey, hast du gewusst, dass es in Tokio auf den Straßen Automaten gibt, da kann man sich Nacktfotos von jungen Mädchen rausziehen?«
Auer nuckelte an seinem Bier und nickte: »Ich war bei der Sitte, Alter, schon vergessen? Hast du gewusst, dass es eine Tintenfisch-Art gibt, bei der sich der Pimmel alleine auf den Weg macht? Nein? Pass auf: Das Tintenfisch-Begattungsteil löst sich vom Körper ab. Der Pimmel schwebt unter Wasser mitsamt dem Samenpaket auf die Tintenfischin zu und legt dort seine Spermienladung ab.«
Chili starrte den Auer an: »Echt jetzt? Kein Scheiß?«
Der schüttelte den Kopf: »Na ja, das Weibchen ist fünfmal so groß wie das Männchen. Vielleicht ist ihm das einfach zu viel Frau am Stück, verstehst? So genau weiß ich das aber auch nicht.«
Chili schaute verträumt auf seine Bierflasche und legte die Beine auf die Tischplatte: »Hey, stell dir vor, du gehst auf der Straße, siehst drüben, auf der anderen Seite, eine richtige Sahneschnitte und kriegst sofort die üblichen Gefühle. Jetzt musst du aber nicht mehr flirten, bis dir die Zähne wehtun, sondern du schickst dein Gehänge auf die Reise, das schwebt über die Straße und verschwindet unter dem Rock, und das war’s. Den Rest erledigen die zwei Geschlechtsteile unter sich. Wahnsinn.« Plötzlich fiel ihm was ein: »Der Tintenfisch, kriegt der seinen Pimmel nachher zurück?«
Auer trank und schüttelte den Kopf. Chili ebenfalls, und nach einer kurzen Pause sagte er: »Dann vergiss es. Andererseits, da muss ja der ganze Ozean voller alleinstehender Pimmel sein, oder? Gut, dass ich nie ins Wasser gehe.«
»Die Tintenfischmännchen sind nur zwei Zentimeter groß. Aber zurück zu deinem Geschlechtsteil. Was ist mit dem Film? Gibt’s Ärger mit dem Kunden? Das sieht doch alles ganz echt aus, oder?«
Chili schloss die Augen: »Ist echt. Das Problem ist die Sissi.«
»Warum? Habt ihr sie nicht bezahlt?«
»Doch. Aber der Film ist ein paar Jahre alt. Sie ist jetzt verheiratet. Mit einem prominenten Rosenheimer, der auch in der Politik mitmischt. So, und da ist jetzt einer, der erpresst mich, wenn ich dem Promi helfe. Ich soll die Füße stillhalten, sonst gibt er das Video an den Ehemann weiter, so weit klar?«
»Nein. Wird der Promi mit dem Video erpresst?«
Chili schüttelte den Kopf und trank die Flasche leer: »Die Sissi, die ist ein richtiger Wildfang. Immer schon gewesen. Das haben auch viele hier in der Szene gewusst. Der Brunner aber nicht. Nicht viel, jedenfalls. Die Friedl, die ist ja mit ihm befreundet. Die hat ihm aber auch fast nichts gesagt, obwohl ihr der Otti vielleicht das eine oder andere erzählt hat. Keine Ahnung …«
Der Auer kratzte sich am Kopf: »Ach, so läuft das. Weiter!«
»Gut. Die beiden heiraten also vor zwei Jahren. Der Brunner Alois ist da schon 62, stellvertretender Bankdirektor und Stadtrat. Die Sissi ist 32 und hat mehr Feuer im Hintern als der Ätna. Interessant wird’s aber jetzt: Die Sissi haut immer wieder mal ab. So für zwei oder drei Tage. Sie hat wohl einen Lover, keine Ahnung. Der alte Brunner macht jedes Mal einen Aufstand, aber wenn sie dann wieder da ist und vor ihm auf die Knie geht, ist alles vergessen. Nur, diesmal ist sie schon seit fast einer Woche weg. Der Alte weiß, dass ich die Sissi sehr gut kenne. Wir waren sogar eine Zeit lang zusammen. Ich mag sie immer noch sehr. Na ja, das weiß er natürlich nicht. Er denkt, sie hat mal hier im Laden gezapft. Hat sie auch, aber in solchen Filmen und auf dem Tisch. Gezapft, meine ich, aber das siehst du ja selber. Auf jeden Fall, ich hab sie ein paarmal für ihn gesucht und auch gefunden und ins Nest zurückgebracht.«
»Sie ist also nicht entführt worden. Ich versteh immer noch nicht so ganz. Hast du noch Bier?«
Chili griff nach unten und reichte eine grüne Flasche rüber: »Der Brunner will, dass ich die Sissi wieder mal finde, weil er nicht zur Polizei gehen kann. Sonst muss er sich selber als Stadtrat ganz schnell vergessen. Aber ich, und das ist der Clou, werde jetzt erpresst. Ich, kannst du dir das vorstellen? Mit dem Porno hier. Und wenn der Brunner die Leberkäs-Produktion sieht, dann macht er mich fertig. Ich hinter seiner Frau. Seine Frau, mit einem nicht näher bekannten Pimmel zwischen den Kiefern. Ich hab dem alten Sack immer erzählt, die Sissi hat mit ein paar Mädels von früher einen draufgemacht und so. Junge Frauen brechen halt mal aus. Alles ganz harmlos, nie was passiert. Und jetzt der Film. Weißt du, was das für mich heißt?«
Er schüttelte den Kopf und klatschte die Hände zusammen: »Peng. Das heißt Gewerbeaufsicht, Lebensmittelkontrolle, die von der Sitte jede Woche und so weiter. Die geben sich hier doch dann die Klinke in die Hand, bis ich den Laden dichtmachen kann. Und für eine berufliche Umorientierung bin ich einfach zu alt. Und da kommst du jetzt ins Spiel, Alter. Genau hier.«
»Ich kann …«
Aber weiter kommen wir jetzt im Moment nicht, und das wirst du gleich verstehen. Aus dem Lokal ist ein mörderischer Schrei zu hören und dann ein ganz klägliches, weinerliches Wimmern. Eine paar Sekunden später klopft es an der Tür und die niedliche Blonde steckt den Oberkörper rein. Jetzt, und das ist noch erwähnenswert, hat sie einen Cowboyhut von der Flötzinger-Brauerei auf dem Kopf. So einen, wie du ihn dir vielleicht zum Rasenmähen auf den Kürbis klemmst. Und sie hat jetzt ein schwarzes T-Shirt an, da ist ein weißer Dinosaurier drauf, der traurig in die Landschaft guckt und sagt: »All my friends are dead!«
So viel zur allgemeinen Lage, aber jetzt geht’s auch gleich weiter:
Blondie sagt mit bebender Stimme: »Chef, können Sie mal kommen, hier ist was Schlimmes passiert!«
Chili fasste unter den Tisch und hatte plötzlich einen stupsnasigen Revolver in der Hand. Der Auer hob die Hände: »Wow, wow, wow, ganz ruhig, Alter, ich kann das erklären!«
Der Revolver schwenkte auf den Max, der immer noch die Arme auf Schulterhöhe hatte: »Das ist jetzt mehr so ein medizinisches Problem. Oder, genauer gesagt, die Nebenwirkung der Problemlösung. Ich kann das erklären. Deine Jungs …«
Aber Chili hatte den Revolver schon wieder verschwinden lassen und meinte seufzend: »Die schon wieder. Alles klar. Weißt du, wie schwer es ist, qualifiziertes Personal zu bekommen? Heutzutage? In dieser Branche?«
Auer nickte: »Und vor allen Dingen die Klamotten. Echt scharf. Wo kriegt man das her?«
Chili nippte an seiner Bierflasche: »Die Anzüge? Die sind richtig gut, was? Da war ein Kunde aus Korea, der hat die für ein paar Dutzend Alm-Pornos in Zahlung gegeben. Willst du auch so einen? Ich hab noch zwei oder drei Stück davon rumhängen.«
Auer winkte ab: »Lass mal, passt schon. Wie soll das mit der Sissi weitergehen?«
Chili runzelte die Stirn: »Geh zum Brunner. Sag ihm, du bist ein Spezialist für solche Fälle. Du kannst so was viel besser als ich. Leute finden und so. Erzähl ihm von deiner Zeit in München. Hattest du schon mal mit Entführungen zu tun? Vielleicht ist es ja jetzt doch eine, denn warum zum Teufel sollte ich mich sonst da raushalten?«
Auer nickte: »Ja, ich war mal für ein paar Monate in einer Entführungs-SOKO. Ich wollte damals die Abteilung wechseln. Immer nur Kinderpornos und sexuelle Gewaltarien, das nervt. Aber ich hab’s verbockt.«
»Echt? Wie denn?«
Der Auer verzog das Gesicht: »Ich hab den Entführer erschossen, obwohl wir das Opfer schon hatten. Aber der Sack hat mich dermaßen genervt, da ist mir der Finger abgerutscht.«
Chili strahlte: »Du bist mein Mann. Kurze, klare Lösungen, eine schnelle Entscheidung, wenn es sein muss. Wirtschaftspolitisch würde ich sagen, du entsprichst exakt meinem Anforderungsprofil. Du hast den Job. Geh zum Brunner, erzähl ihm einen vom Pferd, und sag ihm von mir aus noch, mir wäre nicht mehr zu trauen. Mach ein ordentliches Honorar aus, finde die Sissi, bring sie ihm einigermaßen am Stück zurück, und alles ist wieder im Lot. Pass auf, ich schreib dir jetzt ein paar Adressen auf, wo sie immer abhängt, wenn sie die Schnauze so richtig voll von dem Alten hat.«
»Oh Mann, ist ja echt super«, stöhnte Auer. »Und wo soll ich anfangen?«
»Du findest sie. Ich hab sie ja auch immer gefunden. Wir können es auch so machen: Ich telefonier ein bisschen rum, sag dir, wo sie steckt, und du sammelst sie ein. So bin ich aus der Nummer raus, keiner kann mich erpressen, und my Business läuft weiter as usual. Na? Deal oder Deal?«
Der Auer zog sich aus dem Sessel hoch und sagte: »Lass mich drüber schlafen. Morgen früh sag ich dir Bescheid, okay?«
Chile strahlte: »Hey, Alter, danke. Willst du das blonde Pony da draußen reiten? Kannst du gleich, wenn du willst. Na?«
Auer schüttelte den Kopf: »Lass mal. Passt schon. Ich ruf dich an, ja?«
Im Lokal saßen die Zwillinge wieder am Tisch und Blondie polierte Gläser. Der Plumpser hob einen Arm, zeigte zuerst auf Auer, dann auf seinen Kumpel: »Du bist ab jetzt auf seiner persönlichen Hassliste.«
Auer schaute sich um: »Wo ist die Zecke?«
Und der Kleine: »Die hat auf der Damentoilette eine Seebestattung bekommen. Mit allem Drum und Dran. Aber er hier, er hat sich das Eingemachte verbrannt. Der hat ja ein behaartes Pferdegehänge, und das ging teilweise in Flammen auf wie ein alter Christbaum.«
Auer schüttelte den Kopf: »Jungs, da ist noch ein Trick dabei, hab ich das nicht gesagt? Das Streichholz entflammen lassen, kurz über die Zecke streichen und weg damit. Doch nicht drunter halten, bis der Wald zu brennen anfängt.«
Der Hiever knurrte, und Auer sagte zu dem Kleinen: »Kann der Elch sprechen?«
Plumpser zuckte mit den Achseln: »Keine Ahnung. Er ist Finne, und die reden eh sehr ungern, hab ich mal gelesen. Wir haben da so eine Art Zeichensprache, wir beiden. Fängst du jetzt hier bei uns an?«
»Würde ich gerne. Aber mir passt keiner von den Anzügen. Noch ein fröhliches Schaffen, Jungs. Man sieht sich.«
Draußen musste sich der Auer erst blinzelnd an das Tageslicht gewöhnen, dann streckte er sich, stieg grinsend in den alten Benz und fuhr los.
Ja, wo ist denn jetzt die Sissi?
Das Telefon summte um 14.30 Uhr, und Auer, der bequem im Fahrersitz lümmelte und auf die rote Ampel starrte, zuckte zusammen.
Jetzt muss man sagen, da wärst du auch erschrocken, wenn in so einer alten Kiste plötzlich was lossummt. Weil, du erwartest ja alles Mögliche, aber kein Telefon. Und in der Mittelkonsole flackerte plötzlich zusätzlich zu dem nervenden Summton hektisch ein rotes Lämpchen.
Der Auer schaute sich rechts vom Lenkrad um, in dem Moment sprang die Ampel auf Grün, was in der Regel keinerlei Geräusche verursacht. Auer, der aber immer noch das Telefon suchte, erschrak schon wieder, weil der Lastwagenfahrer hinter ihm hupte und mit der flachen Hand außen lautstark auf das Blech seiner eingedellten Fahrertür schlug. Dann streckte sich ein türkisch aussehender Kopf aus dem Fenster und das rote Gesicht mit den kurzen schwarzen Haarstoppeln über den Ohren schrie: »Ey, Alter, mach dich von de Acker mit deine rollende Museum, ja? Aber tschabuk, tschabuk, yalla? Husch-husch zurück auf de Friedhof!«
Der Auer winkte entschuldigend mit der linken Hand, gab natürlich zu viel Gas und röhrte mit kreischend durchdrehenden Reifen los. Hinter dem Brückenberg fuhr er rechts ran, gegenüber der Auer-Brauerei. Wenn ich mit denen verwandt wäre, dann müsste ich zumindest mein Bier nicht mehr selber zahlen, dachte sich der Max, während er mit der Hand über die Mittelkonsole fuhr und eine Klappe unter dem Radio öffnete. Und da war es: ein Becker AT40S aus den 80er-Jahren. Eins der ersten Autotelefone. Früher C-Netz, aber jetzt wohl auf das D-Netz umgebaut. Der Hörer mit Spiralkabel war so groß wie ein in der Mitte durchgefräster Ziegelstein.
Auer drückte auf das Telefonsymbol und nahm den halben Ziegelstein ans Ohr: »Ja?«
»Rosenheimer Stadtbank. Guten Tag, Herr Auer. Hier ist das Sekretariat von Herrn Direktor Brunner. Ich verbinde.«
Musik ertönte. Eine Passage aus dem »Forellenquintett«. Dann kam eine barsche Männerstimme durch die Leitung: »Brunner hier. Guten Tag, Herr Auer.«
»Woher haben Sie diese Nummer?«
»Der Herr Sebastian Glasl hat mich grad’ angerufen und mir von Ihnen erzählt. Und auch, dass Sie den Wagen von meinem Freund, Ihrem Onkel Ottfried Bernrieder, haben.«
»Ex-Onkel. Er ist ja mittlerweile ein bisschen tot.«
Grunzen in der Leitung, dann sagte Brunner: »Herr Auer. Ich habe keine Zeit für Späße. Können wir uns irgendwo in der Stadt treffen? Sie haben von meinem Problem gehört und sind willens, tätig zu werden, ja?«
Wer, um Gottes willen, redete heutzutage noch so? »Willens, tätig zu werden.«
»Das weiß ich noch nicht. Lassen Sie uns reden. Wo?«
»Kennen Sie den Stockhammer? Die Wirtschaft am Max-Josefs-Platz?«
»Mhm.«
»Gut, dort bin ich in einer Viertelstunde. Drinnen, in der Stube, am hintersten Tisch links in der Ecke, wenn der frei ist. Wie sehen Sie aus?«
Auer blinzelte sich im Rückspiegel an. Wie ein Gott, dachte er. Aber er sagte: »Ich bin 1,80, habe 83 Kilo, braunes, mittellanges Haar. Schauen Sie im Fernsehen diese Serie ›Die Toten von Salzburg‹?«
Brunner schnaufte: »Was soll das?«
»Na ja, ich schau ein bissel so aus wie der eine, der den deutschen Kommissar spielt. Der, der immer so ein bissel grantig ist. Sie wissen schon, der früher den Carlo Menzinger im Tatort gespielt hat. Und Sie, wie schauen Sie aus?«
»Sie erkennen mich, wenn Sie mich sehen. Bis gleich!«
Auer legte den Hörer wieder in das Ablagefach, schloss die Klappe und dachte sich, du mich auch, dann fuhr er an.
Das Traditions-Gasthaus Stockhammer kennt nun wirklich ein jeder. Berühmt für seine gute, bodenständige Kost und seine hübschen und freundlichen Bedienungen. Deswegen auch beliebt bei den Lokalpolitikern, und zwar fraktionsübergreifend.
Der Auer ging freundlich grüßend in der Gaststube an zwei Kellnerinnen vorbei und schaute sich um. Um diese Zeit war nicht viel los, und so saß der Vizedirektor und Stadtrat Brunner gut sichtbar hinten am Ecktisch.
Wie ein alter, grauer Rabe hockte er da vor seinem Bierglas. Schütteres graues Haar, einen dicken Kopf mit noch dickeren Brillengläsern auf der Nase. Und Tränensäcken unter den Augen, aus denen sich der Louis Trenker problemlos einen Rucksack gemacht hätte. Ein bräsiger alter Knabe, der aussah wie einer, der hart auf die 70 zusegelt. Dabei war er, wie der Auer vom Chili wusste, noch keine 62. Aber er muss wohl das richtige Parfüm haben, dachte sich der Auer, denn sonst kriegt so einer wie der eine wie die Sissi nicht auf die Matratze.
Max zog sich einen Stuhl zurecht und streckte dem Brunner die Hand hin. Der gab ihm eine weiche, feuchte Berührung und wies auf den Stuhl: »Bitte nehmen Sie Platz, Herr Auer. Und danke, dass Sie gekommen sind. Wie ist Ihr Wissensstand?«
Der Max öffnete den Mund, sagte aber nichts, weil eine freundliche Rotbraune an den Tisch getreten war: »Auch ein Bier?«
Auer nickte, und die Bedienung ging zur Theke.
»Ich weiß, dass Ihre Frau ab und zu für ein oder zwei Tage verschwindet. Sich mit Freundinnen in München oder Salzburg trifft und einen draufmacht. Wenn’s Ihnen zu lange gedauert hat, dann haben Sie den Glasl Sepp geschickt, um sie heimzuholen. Jetzt ist sie aber schon etwas länger weg, und der Sepp weiß auch nicht, wo sie sein könnte. Er hat seine Kontakte abtelefoniert, aber keiner hat Ihre Frau gesehen oder was von ihr gehört. Stimmt das so weit?«
Die Bedienung kam mit dem Bier, stellte es vor den Auer und lächelte ihn an: »Wollen Sie was essen? Dann bringe ich die Karte.«
Der Auer brachte sein bestes Lächeln zum Einsatz: »Mit Ihnen immer. Wann haben Sie denn Zeit?«
Sie lachte, kniff ein Auge zu und ging.
Der alte Brunner fuhr sich mit der Hand über den Kopf: »Haben Sie Bilder von meiner Frau gesehen?«
Auer, der gerade den Schaum abtrank, nickte. Und was für welche, dachte er sich dabei.
Brunner nickte ebenfalls: »Dann fragen Sie sich, was so eine junge und schöne Frau an einem alten Kerl wie mir findet, oder?« Er hob die Hand: »Nein, sagen Sie nichts. Ich liebe sie mit jeder Faser meines Körpers. Vom ersten Moment an, als ich sie gesehen habe. Sie hat sich über mich lustig gemacht, aber ich ging immer wieder hin, in dieses Lokal, wo sie ab und zu gearbeitet hat. Irgendwie sind wir dann ins Gespräch gekommen. Ich kann gut zuhören. Wir haben nächtelang geredet. Nein, sie hat geredet. Von kaputten Beziehungen. Von Kerlen, die sie ausgenutzt und geschlagen haben. Davon, dass sie eigentlich nur in Ruhe leben möchte. Dass sie vollkommen fertig und am Ende ist. Sie hat wohl in erster Linie so eine Art Vaterfigur in mir gesehen, schon klar.«
Brunner nahm einen kleinen Schluck und schaute mit blicklosen Augen zum Fenster raus. Seine Stimme wurde rau und brüchig. Er räusperte sich: »In einer dieser Nächte hab ich mir ein Herz gefasst und ihr ein Angebot gemacht. Sissi, hab ich gesagt, komm zu mir. Ich bin seit dem Tod meiner Frau alleine. Ich hab ein großes Haus, ein Boot, Ferienwohnungen, ich hab alles, was du dir nur wünschen kannst. Und ich gebe es dir. Ich lege dir alles zu Füßen, wenn du zu mir kommst. Ich will dich auch gerne heiraten, wenn du das willst. Natürlich erst, wenn wir uns ein bissel besser kennen, sagte ich zu ihr. Dann bist du versorgt, wenn mir was passiert. Und wenn’s dir bei mir langweilig wird, dann kannst du, wann immer du willst, für ein paar Tage in die besten Hotels gehen oder auch mal richtig verreisen. Südsee, Italien, Amerika, was weiß ich. In Kitzbühel hab ich auch noch ein kleines Haus und ein Penthaus am Gardasee.«
Er schaute den Auer aus seinen rotunterlaufenen Augen an: »Sie ist oft ausgebrochen, aber auch immer wieder zurückgekommen. Es muss irgendwas mit ihr passiert sein, sonst hätte ich von ihr gehört. Helfen Sie mir, Max Auer, sie ist alles, was ich habe.«
»In welcher Beziehung steht jemand wie Sie zum Glasl und was hatten Sie mit meinem Onkel zu tun?«
Der Brunner rührte nachdenklich mit einem Finger in einer kleinen, runden Bierlache auf der Tischplatte: »Die Sissi kannte den Glasl. Sie hat ab und zu bei ihm gearbeitet, hat sie mir erzählt. Hinter der Theke. Der Ottfried hat ihr das vermittelt. So hab ich sie kennengelernt. Und dass der Glasl in der hiesigen Unterwelt bestens vernetzt ist, das weiß ein jeder. Mir war das nicht recht, dass sie ihm ab und zu ausgeholfen hat, aber er war, so wie viele ihrer Freunde, »aus einem früheren Leben«, wie sie mal zu mir gesagt hat. Und die Sissi ist keine Frau, der man was verbietet oder abschlägt. Und der Otti? Meine Bank hat einige seiner Unternehmungen finanziert. Wir waren alte Freunde, und er hat mir das Kitzbühelhaus und die Wohnung am Gardasee beschafft. Das wird Ihnen die Friedl sowieso erzählen, also können Sie es auch von mir hören. Eine Hand wäscht die andere. So ist das nun mal.«
Er trank, hob sein leeres Glas und wackelte damit: »Den Otti hab ich anfangs beneidet. Um sein abenteuerliches Leben, seine Kontakte zu Leuten wie dem Glasl und anderen Halbweltlern, mit denen sich einer wie ich in so einem Lokal wie dem hier nicht sehen lassen dürfte. Aber diese Leute haben immer fröhliche Tage und bunte Nächte. Schöne Frauen, immer Spaß. Immer Action, die leben ihr Leben und nehmen sich, was sie wollen. Aber meine verstorbene Frau hat mal zu mir gesagt: ›Wenn du jemanden um sein Leben beneidest, dann denk an die Bilder von den Pizzas auf den bunten Prospekten von diesen Lieferservices. Die sehen, im richtigen Licht fotografiert, immer besser aus, als sie dann sind, wenn du sie auf dem Teller hast.‹« Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: »Wo ist denn nun mein Bier, zum Teufel?«
»Ihr Bier? Kommt gleich, Herr Direktor!«, rief die Kellnerin und der Brunner schaute wieder auf seine Hände: »Sie waren bei der Kripo in München, ein guter Ermittler. Aber man hat Sie kaltgestellt. Reingelegt, könnte man sagen. So viel hab ich von einem Freund aus München erfahren. Sie sind wohl dem verkehrten Mann zur verkehrten Zeit auf die Füße gestiegen, was?«
Er versuchte zu lächeln, das gelang ihm aber nicht. »Und jetzt, was wollen Sie hier in Rosenheim beruflich so machen? Sie sind ja noch jung, da muss noch was kommen, oder?«
Auer zuckte mit den Achseln und nahm sich eine Breze aus dem Korb: »Mal schauen. Ich hab ja auch noch eine abgeschlossene Ausbildung als Rauchmelder. Ich kann laut schreien, wenn’s brennt. Ist eine seltene Begabung, und Spezialisten werden immer gesucht. Warum fragen Sie?«
Brunner grinste gequält und sagte: »Wenn du eine Frage stellst, und es gibt darauf keine vernünftige Antwort, dann kann das schon die Antwort sein, Herr Auer. Überlegen Sie, wie viel Sie von mir für Ihre Dienste haben wollen. Rufen Sie mich später im Büro an. Hier ist meine Karte. Und das hier«, er fasste mit der linken Hand in die Tasche seiner Lodenjacke und legte ein weißes iPhone 8 auf den Tisch, »das ist ihr Handy. Das hat sie wohl vergessen. Normalerweise nimmt sie das immer mit, wenn sie, wie soll ich sagen … verreist. Diesmal hat sie es wohl vergessen. Schauen Sie sich die gespeicherten Nummern an, vielleicht finden Sie einen Hinweis, wo sie hingefahren ist. Wenn Sie den Job machen und sie finden, dann seien Sie nett zu ihr. Sagen Sie ihr, ich mache mir Sorgen. Wenn sie noch wegbleiben will, kein Problem. Ich will nur sicher sein, dass es ihr gutgeht, okay?«
Auer steckte das Handy und Brunners Karte ein: »Geben Sie mir Zeit zum Überlegen. Bis heute Abend. Zu Ihrem Angebot: Wenn ich Ihre Frau suche, und ich finde sie schnell, dann kostet Sie das nichts. Wenn Spesen anfallen, erstatten Sie mir die. Wird aber wohl nicht vorkommen. Es kann ja auch gut sein, Sie hören heute noch von ihr, dass alles okay ist. Wenn sich Ihre Frau bei Ihnen meldet, rufen Sie bitte bei meiner Tante an. Da wohne ich. Sie kennen sich doch, oder?«
Jetzt lächelte der Brunner und nickte: »Die Friedl war meine große Jugendliebe. Das hat sie aber nie mitbekommen, weil ich zu schüchtern war. Dann ist der Otti aufgetaucht und hat sie sich geschnappt. Was für eine Frau. Ja, die Nummer habe ich. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss zurück. Was immer Sie hier wann auch immer konsumieren, das geht auf unseren Zettel, die wissen schon Bescheid.«
Brunner gab dem Auer noch einen schlaffen und feuchten Händedruck, dann trippelte er wie ein trauriger alter Vogel mit eingezogenem Kopf aus dem Lokal.
Ehrlich währt am längsten – aber wer nicht bescheißt,
der kommt zu nix
»Ja, so isses halt im Leben, Bub. Da musst flexibel sein.« Mit einer schwungvollen Bewegung stellte die Friedl dem Auer einen Teller mit einem selbstgebackenen gedeckten Apfelkuchen hin. Auf dem Kuchenstück wackelte ein Sahneberg in Form des Matterhorns.
Auer schüttelte den Kopf: »Ich hab jetzt echt keinen Hunger, Tante.« Die Friedl stemmte die Hände in die Hüften: »Und wenn du noch einmal Tante zu mir sagst, dann landet der Kuchen auf deiner Rübe, du undankbarer Junge. Und essen musst du, du hast ja nix auf den Rippen.«
Auer setzte sich gerade hin und klopfte sich wortlos auf den Bauch, aber Friedl schüttelte den Kopf: »Ach was, das ist doch alles Luft. Blähungen. Und außerdem: Ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel. Der Otti, der hat immer gesagt, ein Mann braucht einen gewissen Vorbau, damit der arbeitslose Zwerg da unten bei Regen ein Dach über dem Kopf hat. Iss jetzt. Die Arbeit läuft dir nicht davon. Erinnerst du dich an den Maurer Georg, den nichtsnutzigen Sohn von den Maurers in der Marienberger Straße? Der ist Tapezierer geworden. Na ja, dass der kein Gehirnchirurg wird, das hat man schon früh erkannt. Die hellste Kerze in Gottes großem Kronleuchter war der nie. Aber Tapezierer? Und was für einer. Ich hab den mal in Aktion gesehen. Der konnte im Stehen schlafen, mit dem Leimwaschel in der Hand. Der ist ihm auch in der aufrechten Tiefschlafphase nicht aus den Fingern gerutscht. Für so was brauchst du natürlich auch ein gewisses Talent. Und zu mir hat er mal gesagt, dass er am liebsten den Tapeten beim Trocknen zuschaut.«
Fasziniert beobachtete der Auer die Tante, die auch nach dieser langen Rede keine Luft zog. Nicht sichtbar, jedenfalls.
»Tante, wie war das jetzt mit dem Bänker Brunner und dem Onkel Ottfried?«
»Wie war das … wie war was? Das ist ein Geben und Nehmen gewesen. Ich sag mal so, die Sparkasse oder die Raiffeisen und wie sie alle heißen, die hätten doch nie im Leben dem Otti seine schrägen Vorhaben finanziert. Denk mal nach. Du gehst in eine Bank und sagst: ›Grüß Gott, Bernrieder mein Name. Ich mach jetzt wieder mal einen Puff auf, und deswegen sollten Sie ein paar Flocken über den Tisch wachsen lassen. Wie ich Ihnen das zurückzahle, das überlegen wir uns ein anderes Mal.‹ Nein, nein, Bub. Da musst du vorsichtig ran, da musst du taktieren und schauen, was der Bänker will. Vielleicht einen schnuckeligen Alfa für die Gattin? Oder eine nette Kreuzfahrt, oder doch lieber eine Wohnung am Gardasee?«
»Und so hat sich der Otti den Brunner gekascht?«
»Was für eine ordinäre Ausdrucksweise. Die beiden waren Jugendfreunde, man kannte und mochte sich. Daraus ist eine kreative, flexible Geschäftsbeziehung entstanden. Alle haben gut dran verdient.«
Auer starrte sie an: »Wow, jetzt sag bloß, du hast das alles von Anfang an gewusst, Friedl?«
Sie lächelte süß: »Friedl, wie schön du das sagst, Bub. Sicher hab ich alles gewusst. Fast alles, jedenfalls. Wir waren ja verheiratet. Und wenn ich ein Schnitzel esse, dann will ich ja auch wissen, wo das Geld dafür herkommt, oder? Der Otti und ich, wir haben fast keine Geheimnisse voreinander gehabt. Gell, Otti, so war’s doch, oder?« Dabei streichelte sie zärtlich über die Sanduhr und drehte sie um: »Hier steht er viel besser, als da irgendwo auf dem Friedhof eingebuddelt zu sein, findest du nicht auch, Max? Und mit den Strenggläubigen hat er es eh nie so gehabt. Er hat zu seinen eigenen Göttern gesprochen. ›Besser ein Hohlkreuz, als gar nicht religiös‹, hat er mal zum Stadtpfarrer gesagt. Und der hat ihm geantwortet: ›Ja, aber unser lieber Gott sieht trotzdem in jedes seiner Schäfchen hinein‹, und mein Otti hat geantwortet: ›Das erklärt seine stete Abwesenheit am besten.‹«
Die Asche rieselte lautlos, und Friedl meinte: »Jetzt schau nur her, wie er sich freut, weil wir von ihm reden.«
»Und die Sissi? Hat der Otti da auch seine Hände im Spiel gehabt?«
Die Friedl ging zur Glasschiebetür, öffnete sie und machte ein paar Schritte auf die Dachterrasse hinaus. Es war immer noch schwül und die Sonne war hell wie ein zorniges Auge eines Zyklops. Der Himmel hatte dieses typisch Bayerisch-Blau-Flirrende, und in der Luft war der Geruch von gegrilltem Fleisch. Na ja, ein bisschen streng war er vielleicht, der Duft, der, vermischt mit schlanken, hellen Rauchfetzen, von unten hochstieg.
»Die da unten grillen schon wieder auf dem Balkon. Und du kannst nichts dagegen machen, auch wenn dir das ganze Haus gehört. Ist das nicht schlimm, dass man als einheimischer, rechtschaffender Immobilienbesitzer keinerlei Rechte mehr hat? Aber jetzt bist du ja hier, Bub. Vielleicht könntest du mal runtergehen und den Kameltreibern eine auf die Kauleisten geben. Würdest du das für deine alte, gebrechliche Tante machen, Schätzchen?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie schnell bis zur Brüstung vor, beugte sich darüber und flötete nach unten: »Ja, der Herr Özgür, das riecht aber schön, was Sie da grillen. Mhm, da kriegt man ja einen richtigen Heißhunger. Was ist denn das? Ausschauen tut es ja echt lecker? Ah, das sind Schweinswürstel, gell? Das seh ich gleich. Ham Sie die vom Lohberger? Der macht unglaublich gute Schweinswürstel. Und die Kümmelsülze erst. Kennen Sie die? Bei Ihnen zu Hause isst man doch viel Kümmel in irgendeinem Gesülze, oder?«
Sie legte den Kopf schief und lauschte auf die Männerstimme vom unteren Balkon. »Was ist das? Gehackte Hammelinnereien? Ganz allerliebst, ehrlich. Wie? Nein danke, sehr lieb von Ihnen, aber wir haben ja unseren Fischtag heute, wir sind streng religiös, der Maxi und ich. Wo sind denn Ihre reizenden fünf Kinder heute? Wie? Nein, nein, die stören mich nicht, ich habe gerne Kindergeschrei, wenn ich Yoga mache. Und ich versteh ja eh nicht, was die da so rumkreischen in ihrer Dings … äh … Sprache. Guten Appetit noch mit Ihren Hammelbrocken da, Herr Özgür, gell? Und grüßen Sie Ihre Frau, Ihre schleierhafte Gemahlin. Tschühüs!«
Jetzt denkst du dir, die Friedl und Yoga? Dabei hat sie mal gesagt: »Motzen ist mein Yoga!« Das war, als der Otti noch gelebt hat und meinte, sie soll doch mal yogieren oder Pilatus oder wie das heißt machen oder sonst was Chinesisches, dann kommt sie vom Brandy weg. Aber was sag ich? Geholfen hat’s nix, und hier geht’s schon weiter.
Friedl kam wieder rein und goss sich einen doppelten Hennessy in ein schweres, geschliffenes Kristallglas: »Am liebsten würd ich mal mit dem Hochdruckreiniger nach unten pfeffern. Aber man kann sich seine Mieter ja nicht aussuchen. Nicht mehr. Früher, ja, da war alles besser, sogar die Mieter. Aber was soll’s, der anatolische Kannibale da unten verdient gut und ist mein Quoten-Ausländer im Haus. Letztes Jahr hab ich im Keller noch drei Somalier gehabt, die haben sich Hühner gehalten, und freitags war immer Hausschlachtung bei denen im Wohnzimmer. Die musste ich aber dann doch rausschmeißen, wo die mit Schafen im Wäscheraum angefangen haben. Da hast du dich erst mit dem Bock arrangieren müssen, dass der dich zur Waschmaschine lässt. Wo sind wir stehengeblieben, Maxi? Ich werde so vergesslich in letzter Zeit. Da hilft nur meine Spätnachmittagsmedizin. Jaja, das Alter kennt keine Gnade.«
Sie leerte das Glas in einem Zug und setzte sich gegenüber dem Auer an den Tisch. Dann hob sie das gestickte Damasttuch an, fasste unter die Tischplatte und zog eine Schachtel Zigaretten aus der Schublade. »Wo sind denn meine Streichhölzer? Ah ja, hier.« Sie hob ein Heftchen mit dem Aufdruck »Wild Wild West – YOU LOOK FOR GIRLS – WE GOT THE BEST« hoch und riss ein Pappstreichholz ab.
Friedl nahm einen tiefen Zug, der ein Viertel der Filterzigarette in Asche verwandelte. Den Rauch behielt sie ein paar Augenblicke in der Lunge und ließ ihn dann langsam durch die Nase ausströmen. Dann seufzte sie, als sei sie gerade aus einem langen und tiefen Schlaf erwacht: »Jetzt schau nicht so, Bub. Ja, ich hab aufgehört. Aber ab und zu brauch ich eine. So wie jetzt.«
Sie lächelte schwach: »Maxi, mein Schätzchen, sag jetzt nichts, ja? Ich hab das im Griff. Und außerdem ist es gut für die Figur.« Sie klopfte sich mit der Linken auf die Hüfte und blinzelte dem Auer neckisch zu.
Der schaute sie wortlos an. Friedl fächerte theatralisch den Rauch zur Seite: »Schau, Bub, die Sissi ist eine gelernte Schlampe. Mit Prädikat sogar. Eine Prädikats-Schlampe sozusagen. Die hat sich den Brunner geangelt, weil der Geld und Macht und Einfluss hat. Jetzt stell dir bloß einmal vor, da kommt so ein alter Sack in der Nacht nackert ins Schlafzimmer gehumpelt, wackelt mit seinem alten, faltigen Pinsel vor deiner Nase rum und sagt: ›Gell, Mausi, da schaust. Auf geht’s, heut pack ma’s wieder.‹ Hast du in diesen bunten Illustrierten schon mal Fotos vom Mörtel Lugner aus Wien gesehen? Nein? Pass auf: Der hat auch immer so blutjunge Dinger, die er alle »Mausi« nennt. Wahrscheinlich kann er sich keine anderen Namen mehr merken. So, und für die Sissi, da ist der Brunner der Rosenheimer Lugner gewesen. Und der alte Depp ist drauf reingefallen. Liebe macht blind, sagt man. Stimmt aber nicht, ganz im Gegenteil. Der Liebende sieht weit mehr, als wirklich da ist. Und so ist die Sissi seine Traumprinzessin.«
Auer sagte immer noch nichts.
»Jaja, ihr Männer seid doch alle gleich. Jetzt sag doch auch mal was. Weißt, der Otti, der ist auch neben naus wie der Teufel, und er hat geglaubt, ich merke das nicht. Aber so hab ich in den letzten Jahren wenigstens meine Ruhe gehabt. Sex in der Ehe wird eh ziemlich überbewertet. Obwohl, wenn ich so überlege, so ab und zu, da tät’s mich schon noch ein bissel reizen.«
Max grinste, schüttelte den Kopf und sagte: »Zurück zum Thema, Friedl-Tante. Weich mir nicht aus. Wie ist der Brunner zur Sissi gekommen? Wer hat sie ihm zugeführt? Auf die Idee: Jetzt schnapp ich mir den reichen Bänker, auf so was kommt so eine nicht von selber. Wer hat da dran gedreht? Ich hab mich mit dem Brunner unterhalten. Der ist keiner, der auf einem Pferd in den Saloon reitet und sich ein Cowgirl hinten auf den Sattel wirft.«
Friedl starrte entrüstet durch den Rauch: »Pfui. Wie redest du mit einer alten Frau? Ach geh, Bub, jetzt spricht der Polizist aus dir. Dabei wollte deine Mutter immer, dass du zur Post gehst. Mir hätte das übrigens auch gefallen, wenn du das gemacht hättest.«
Auer trommelte mit den Fingern auf den Tisch: »Zur Post, ja? Kennst du die letzten Worte eines Postboten? Pass auf, er geht durch die Gartentüre auf ein Grundstück und marschiert auf das Haus zu. Da kommt was um die Ecke gehechelt. Der Postbote: ›Na, du bist aber ein schönes, großes Hundi. Wo kommst du denn auf einmal … HILFE!‹«
»Den versteh ich jetzt nicht so ganz.«
»Das hat der Postbote auch gesagt, wie er noch mal kurz aus dem Koma erwacht ist. Famous last words. Und weil wir grade davon reden: Ich bin gut zufrieden, so wie mein Leben bis jetzt gelaufen ist. Okay, die Pensionierung hab ich mir anders vorgestellt. Und mein Ein- und Auskommen auch. Aber wie ich immer sage: ›Ein bissel was geht alleweil.‹«
Friedl schaute versonnen zur Decke und nahm noch einen tiefen Zug. Als sie den Rauch ausstieß, sagte sie: »Der Otti hat kurz vor seinem Tod ein Buch von dem Dings, diesem Portugiesen, gelesen. Wie heißt der noch mal? Warte, gleich komm ich drauf. Ja, ich hab’s: Paulo Coelho. Genau. Und der hat geschrieben, hoffentlich krieg ich das noch hin: ›Auch wenn ich all das durchgemacht habe, was ich durchgemacht habe, so bereue ich die Schwierigkeiten nicht, in die ich mich begeben habe – weil sie es waren, die mich dorthin brachten, wohin ich zu gelangen wünschte. Schön, gell? Und da war noch so ein Spruch, den kann ich aber nimmer ganz, glaub ich: ›Wenn du dann so weit bist, setze dich in die Sonne, danke ab, und lebe weiterhin wie ein König‹. Ganz so stimmt das jetzt nicht, aber so hab ich das im Kopf. Er war halt auch trotz allem ein Romantiker, der Otti.«
Sie schloss die Augen. Auer überlegte, dann griff er über den Tisch und berührte ihre Hand: »Der Otti wollte aufhören? Womit?«
Friedl blinzelte ihn erstaunt an: »Hab ich das nicht erzählt? Ein paar Wochen vor seinem tragischen Unfalltod sind wir genau hier gesessen. Der Otti da, wo du jetzt bist. Er hat mich angeschaut und gesagt: ›Friedl, jetzt wird’s Zeit, dass wir uns noch was richtig Schönes gönnen. Eine lange, lange Weltreise vielleicht. Alles erster Klasse. Mit dem, was wir haben, können wir 200 Jahre alt werden, und dann ist immer noch was über.‹«
Max starrte sie an: »Weiter!«
»Ja, was, weiter? Er hat gemeint, er hätte mit dem Glasl und dem Brunner fast alles geregelt. Zwei Dinger ziehen sie noch durch. Irgendwas mit großen Grundstücken. Da wär aber fast alles in trockenen Tüchern. Das wollte der Otti noch machen, dann ist endgültig Schluss, hat er gesagt. Er nimmt sein Geld aus den Betrieben und steigt aus. Fehlen nur noch ein paar Formalitäten, wegen der letzten beiden Sachen. Dann, einen Tag vor den Unterschriften, da sind sie zu der besagten Hütte auf dem Samerberg gefahren, der Glasl und mein Otti. Den Rest kennst du ja.«
»Dann erzähl ihn mir noch einmal, Friedl.«
»Jawohl, Herr Kommissar. Also, sie fahren, der Glasl kommt da hinten am Hundsgraben, am Waldrand, ins Schleudern. Der Wagen fliegt von der Straße ab, knallt seitlich an einen Baum und – peng. Sie haben gesagt, dass der Otti nicht angeschnallt war. Da hab ich mich schon ein bissel schwergetan, das zu glauben. Weil der Otti ja immer so ein Sicherheitsfanatiker war. Aber der Glasl hat’s beschworen, der hat sich selber ein paar Rippen geprellt und ein Knie aufgeschlagen. Ziemlich schlimm. Der ist eine Zeit lang gehumpelt wie der Glöckner von Notre Dame. Ach so, und ein blaues Aug’ hat er auch gehabt. Der war natürlich angeschnallt. Auch bei der Polizei haben die mir später erzählt, Fremdeinwirkung ausgeschlossen, tragischer Unfall. Akte zu, Otti tot.«
Sie wischte sich ein paar Tränen aus den Augen und nahm den Max bei den Händen: »Jetzt haben wir nur noch uns beide, Bub.«
Auer streichelte ihre Hände: »Ich pass schon auf dich auf, Friedl. Was war denn mit dem Geschäftsabschluss? Mit Ottis Ausstieg?«
»Das haben der Glasl und der Brunner geregelt. Ich hab alles unterschrieben, was mir der Brunner hingelegt hat. Zu Misstrauen war kein Grund, denn ich hab im Endeffekt mehr Geld und Immobilien rausbekommen, als ich dachte.«
Ihre tränenumflorten Augen wurden schmal: »Was fragst du auf einmal so blöd? Meinst du, da war irgendwas nicht ganz koscher?«
»Ich hol mir noch schnell ein Bier aus der Küche. Willst du noch einen kleinen Cognac, Friedl?«
»Wer lange fragt, der gibt nicht gerne. Und ja keinen kleinen, Bub, einen vernünftigen. Für meinen alten Kreislauf. Auf kleine Schlucke reagiert der gar nicht mehr. Der braucht jetzt einen Schub.«
Auer kam mit dem Bier und dem Hennessy zurück an den Tisch, und Friedl kratzte sich an der Schläfe: »Nein, ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass da was Linkes gelaufen ist. Schau mal, der Brunner, der verdankt dem Otti ja die Sissi, und der …«
Max hob die Hand: »Langsam, Friedl, langsam. Was heißt das genau, dass der Brunner dem Otti die Sissi verdankt? Erklär mir das mal so, dass ich es verstehe, ja? Und warum weiß ich so wenig über den Unfall und das ganze Zeug?«
»Ich brauch noch eine Zigarette.« Sie zündete sich eine an, blies den Rauch aus und wedelte wieder in der Luft herum: »Du warst ja nur ganz kurz da, bei der Urnenfeier. Nicht einmal zum Leichenschmaus bist du geblieben. Und ich wollte schon gerne mit dir reden, aber es ging halt nicht, weil der Herr Polizist in Eile war. Zurück nach München musste er, der Kommissar, während es der alten Tante beinahe das Herz zerrissen hätte vor lauter Gram. So, und jetzt bedrängst du mich? Findest du das schön? Kommt jetzt eine Moralpredigt, von wegen schmutziges Geld und so? Pecunia non olet, mein Lieber. Das haben schon die alten Griechen gesagt, gell?«
Der Max, bass erstaunt über diesen Temperamentsausbruch, winkte ab: »Hör mit den Griechen auf. Was haben die von ihren schlauen Sprüchen? Die sind mittlerweile pleite. Du nicht. Also, wie ist das mit der Sissi gelaufen?«
Friedl trank mit beleidigtem Gesichtsausdruck einen großen Schluck und sagte: »Ja mei, wir haben uns halt eines Abends überlegt, der Otti und ich, dass der Brunner eigentlich eine ganz arme Sau ist. Nicht pekunär, verstehst? Vermutlich hat es am Hormonstau gelegen, auf jeden Fall ist er geschäftlich in letzter Zeit ein bissel arg verkniffen gewesen, hat der Otti gemeint. Und er hat gesagt, dass er gelesen hat, dass ältere Männer schnell einmal den Prostatakrebs oder so was Ähnliches kriegen können, wenn die ganzen alten Leitungen da unten nicht regelmäßig freigespült werden. Also ist der Otti zum Glasl, alias Chili, und hat gemeint, wir binden dem Brunner jetzt etwas Frauenfleisch um, dann wird er auch wieder lockerer im Geschäft.«
»Warum, was war denn vorgefallen, was heißt denn ›verkniffen‹?«
»Ach, Bub, das Übliche. Der Brunner hatte mittlerweile alles, was er wollte: Haus, Boot am Chiemsee, Chalet in Kitzbühel und das Dings da am Gardasee. Alles, bloß keine Frau. Otti hat gesagt, dass sich der Brunner sogar zu solchen Internetsachen angemeldet hat. Weißt schon, da bezahlst du einen Haufen Geld, und die Frau, die du dann kennenlernen willst, die wurde dummerweise kurz vorher abverkauft, also hast du einen Kerl auf dem Bildschirm. Das mit den Frauen war aber nicht das Hauptproblem. Nein, der Brunner wollte generell nicht mehr so richtig, weil ihm seine Beteiligung zu gering war. Er ist plötzlich geldgierig geworden. Doppelten Anteil, das hat er gesagt. Doppelt, oder ich lass das mit euch sein. Und das passte dem Otti und dem Glasl überhaupt nicht. Die haben doch noch ein oder zwei Dinger in der Röhre gehabt, die hätten sie schon gerne durchziehen wollen, weil da ja schon relativ viel Geld dafür geflossen ist. Und wenn der Brunner plötzlich so viel mehr Geld sehen will, dann rechnet sich das nicht mehr.«
»Was für Dinger?«
»Ach geh, jetzt fragst du einer alten, unwissenden Frau ein Loch in den Bauch. Immobiliendinger halt. Das eine, das ist ein Ärztehaus, mitten in der Stadt. 14 Praxen und eine Radiologie mit CT, ambulantes OP-Zentrum und alles, was man sich so vorstellen kann. Allein da hätten die drei in Jahresfrist ein paar Millionen rausgeholt. Ein jeder von denen, wohlgemerkt. Na ja, und dann noch das Studentenwohnheim. Da geht das Grundstück ein klitzekleines Fusselchen in so ein blödes Naturschutzgebiet rein. Ein paar Meter hier, ein paar Meter da. Was soll das, frag ich dich, Bub? Da im Wald leben ein paar quergehörnte Kreuzschnäbler oder wie die heißen. Und so eine Fledermausart, die ist so selten, dass sich die paar, die da rumflattern, selber nicht einmal persönlich kennen. Das Problem könnte der Brunner aber gut über seine Beziehungen regeln. Jetzt nicht das mit den Fledermäusen, sondern das mit dem Grundstück. Du kaufst es billig ein, weil ja eh nie gebaut werden darf. Dann kommen ein paar Sachverständige vom Verein der anonymen Waldvögel, und die schlagen einen Umzug vor.«
»Verstehe! Einen Umzug.«
»Nein, tust du nicht. Manchmal muss man die lieben Tierchen zu ihrem Glück zwingen, hat der Otti gesagt. Vielleicht fühlen die sich auf dem Samerberg oder auf der Kampenwand viel wohler, wer weiß? Auf der Herreninsel, mitten im Chiemsee, da haben sie sogar ein Fledermaus-Museum, ja, was denkst du. Und, da staunst du auch, auf der Insel ist das größte Fledermausaufkommen Deutschlands. Vielleicht sind die ja auch alle umgesiedelt worden, wer weiß das schon? Also, um auf die Vorhaben zurückzukommen: Der Brunner sollte im Stadtrat das mit dem Grundstück und den Fledermäusen mithilfe der Gutachten klären, und dann hätte seine Bank auch die Finanzierung übernommen. Und das Grundstück für das Ärztehaus wollten sie dem Kerl abjagen, der es hat, aber nicht bebauen kann, weil er keine Flocken hat, verstehst? Unterm Strich hätten sie alle profitiert. Alle. Die Baupläne sind schon gezeichnet, ein paar Leute haben nette Geschenke bekommen, so was halt, nicht wahr?«
»So, und da kommt jetzt die Sissi ins Spiel?«
»Genau. Der Otti hat gemeint, die Sissi, die könnte den Brunner wieder auf Linie bringen. Der Glasl Chili hat gemeckert, weil er ein bissel in die Sissi verliebt ist. Aber der Otti sagt, Papperlapapp, das darfst du nicht persönlich nehmen. Geschäft ist Geschäft. Ein zweites Stück Apfelkuchen mag ich jetzt auch nicht mehr. Das passt nicht zu dem Cognac. Du warst doch grade am Kühlschrank. Ist da noch ein verträumtes Stückerl von der Kirschtorte drin?«
»Was?« Max, der mit seinen Gedanken ganz woanders war, schaute auf. »Du willst doch ein wenig abnehmen, hast du mir gestern gesagt, oder?«
»Ach was, so was macht man über einen gewissen Zeitraum, und nicht so panisch schnell. Außerdem wird Hüftspeck im Frühjahr zu Frühlingsrollen, im Herbst zu Hüftgold und so weiter. Ein ewiger Kreislauf. Wo waren wir stehengeblieben?«
»Bei der Kirschtorte. Die ist alle. Ist die Sissi auf den Brunner angesprungen?«
Die Friedl schnaufte und verdrehte die Augen: »Ja was glaubst, Bub. Die hat den so toll gefunden wie einen Pickel mitten am Hintern. Aber sie hat natürlich einen gesunden Sinn für das Geschäftliche, da kannst du nicht meckern. Also: Blitzhochzeit, neuer Porsche Cayenne für die Braut, und alle sind glücklich. Sissi trifft sich ab und zu mit dem Glasl, und ab und zu fährt sie ein paar Tage weg und lässt es richtig krachen. Der Brunner meint, sie wäre auf Wellness, Ayurveda, stille Tage im Kloster und solches Zeug. Deshalb hat sie ihm verboten, sie anzurufen, wenn sie weg ist. Meinst du, der Glasl hat sie versteckt?«
»Glaub ich nicht.« Max stand auf.
»Wo willst du hin?«
»Bin bald wieder da. Und dann bring ich dir einen sizilianischen Zitronenkuchen vom Bergmeister mit, ja?«
Friedl kam um den Tisch herum, drückte dem Auer einen Schmatz auf die Backe und gurrte: »Bist doch mein lieber Bub, du.«
Daddy Cool
Jetzt denkst du, ja mein Gott, schnallt der Auer Max denn gar nichts? Der muss doch mitkriegen, dass ihm alle nur einen Bären aufbinden, oder? Die Tante, der Brunner, und erst recht der Chili. Aber täusch dich nicht im Auer. Manchmal fällt bei dem der Groschen in Ein-Cent-Stücken, weil er immer alles speichert. Dann analysiert er es, und dann legt er los. Wie der Columbo in seinem alten Regenmantel.
Am Brückenberg staute sich der Feierabendverkehr aus der Stadt raus. Max fuhr die Seitenfenster des alten Benz hoch, das Schiebedach zu und schaltete die Umluft-Klimatik ein. Nach drei Rotphasen bog er in die Klepperstraße ein und wäre beinahe einem neuen BMW X5 hinten drauf, weil die Frau am Steuer plötzlich abbremste, den Schminkspiegel runterklappte und anfing, sich den Lidstrich nachzuziehen. Max zeigte ihr im Vorbeifahren einen Vogel und sie ihm dafür den sehr gepflegten Mittelfinger.
Vor dem »Wild Wild West« standen vier oder fünf Autos, und Max stellte sich neben einen dunkelroten Camaro mit überbreiten Reifen auf Chromfelgen.
Die Chilischote über dem Eingang sah im hellen Tageslicht verwelkt aus, und die Zellentür war verkratzt und rotfleckig. Max hämmerte an das Metall, kurz darauf öffnete der riesige Finne im pflaumenfarbigen Polyester. Diesmal trug er ein leuchtend gelbes Hemd unter dem Anzug.
Max schaute zu dem Kerl auf: »Bist du noch größer geworden oder bin ich eingegangen?«
Der Kerl grunzte, was der Auer als einen Heiterkeitsanfall deutete, und trat zur Seite. Der Zwerg saß an demselben Tisch wie neulich. Er winkte, und als Max näher trat, sagte er: »Setz dich ein bisschen zu uns, der Chef hat Besuch. Eine Besprechung, dauert aber nicht mehr lange.«
»Wem gehört der rote Camaro da draußen?«
»Einem unserer zukünftigen Hauptdarsteller. Einem echten Filmstar.«
»Beim richtigen Film oder bei euren Rein-und-raus- Produktionen?«
Der Kleine hob einen Zeigefinger: »Der kommt vom Fernsehen. Der hat schon in zwei Tatorten die Leiche gespielt. Weil er tot gucken kann, ohne zu blinzeln. Der Chef will ihn unbedingt für eine Leberkäs-Produktion.«
»Als blinzelfreie Leiche?«
Der Kleine verdrehte die Augen: »Als dauergeilen Senner, der eine Gruppe hübscher Wanderinnen kunstvoll wegrammelt. Im Heu, auf der Alm und auf einer Bergwiese mit Blick auf die Kampenwand. Künstlerisch wertvoll, das ist das Zauberwort. Mit dem Streifen will der Chili im nächsten Jahr auf diese Festivals. Nizza, Cannes oder Venedig, vielleicht sogar Altötting. Dahin, wo die ganz großen Stars immer gehen.«
»Ah ja. Habt ihr schon einen Namen für euren Blockbuster?«
Der Kleine beugte sich über den Tisch: »Muss aber unter uns bleiben, ja? Der Chili sagt, das ist alles noch top secret. Kannst du schweigen?«
Auer fuhr sich mit Zeige- und Mittelfinger über den Mund und machte das »Reißverschluss-Zeichen«. »Sag an!«
»Brez’n-Gangbang, Part one.«
Jetzt hat der Auer natürlich einen Lacher unterdrücken müssen, aber als Polizist, und natürlich speziell als Ex-Polizist, da musst du das auch können. Er machte ein ernstes Gesicht: »Spielt ihr auch mit?«
»Mehr indirekt. Wir sind an den Scheinwerfern, schieben das Dolly-Dings, weißt schon, das ist so ein Schlitten auf Rädern, wo der Kameramann drauf sitzt und so weiter. Extrakohle gibt es nicht, hat der Chili gesagt, aber unsere Namen kommen im Abspann. So was merken sich die Leute, hat er gesagt. Da werdet ihr zu Stars in der Szene, meint er. Meinst du, das stimmt? Das mit den Stars? Ehrlich jetzt?«
Auer nickte: »Da hat er wohl recht. Aber ihr braucht dann natürlich gute Künstlernamen. Zufälligerweise kann ich euch da helfen, weil ich mich mit so was auskenne. Pass auf: Danny und Arnold, die Red-Light-Twins. Na, wie findest du das?«
Der Kleine schaute den Riesen an, der machte ein paar schnelle Handbewegungen und schaute fragend.
Der kleine Mann kratzte sich am Kopf: »Er meint, wer ist Danny und wer ist Arnold, und warum überhaupt?«
»Mann, weil du aussiehst wie Danny DeVito und er wie der Arnold Schwarzenegger. Jedenfalls, was Größe und Muskeln anbelangt. Nein, stimmt nicht, dein Kumpel hier ist ja fast zwei Meter groß. Aber lasst euch das mal auf der Zunge zergehen: Danny und Arnold. Klingt doch scharf, oder? Ab jetzt nenne ich euch so, damit ihr euch an eure Künstlernamen gewöhnt. Denn wenn euch auf so einem Festival plötzlich die Angelina Jolie, die Charlize Theron oder eine andere Sexbombe anspricht, dann müsst ihr auf eure Namen reagieren, kapische?«
»Brauchen wir dann nicht auch bunte Autogrammkarten?«
»Auf jeden Fall. Hey, kannst du mal fragen, wie lange die da drinnen noch machen?«
Danny grinste: »Klar, ich schau mal rein. Willst du was trinken? Ich hol uns was.«
»Yep, ein kleines Bier, dann stoßen wir gleich auf eure neuen Namen an.«
Danny rief dem Mädel hinter der Bar zu: »Bring mal drei Pilsos, Schöne. Und mit Liebe gezapft, wir haben nämlich was zum feiern!«
Er verschwand im hinteren Teil der düsteren Kneipe, und Auer hörte, wie er an eine Tür klopfte. Dann Gemurmel, und wenige Sekunden später war Danny wieder am Tisch: »Die sind so gut wie durch. Nur noch ein paar Minuten.«
Auer zeigte mit dem Daumen über die Schulter: »Wem gehören denn die anderen Schlitten vor der Tür?«
Danny sagte: »Na ja, der Star hat natürlich seinen Manager dabei, einen Stylisten und einen Kerl, der sich um alles kümmert, was er so braucht beim Dreh. Personal Assistant, so heißt der.« Und zu Arnold: »Holst du mal die Biere?«
Der Riese grummelte was Unverständliches, machte ein paar schnelle Handbewegungen und hievte seinen massigen Körper aus dem Stuhl. Dann humpelte er in Richtung der Bar.
»Was hat er gesagt?« Auer schaute dem Mann nach, der offensichtlich den linken Fuß nachzog.
»Er muss noch schnell ein paar Brownies ausliefern, aber das liegt auf seiner Strecke.«
Auer zog die Brauen hoch: »Hat er noch einen Nebenjob?«
Danny grinste: »Nein, das heißt, er geht aufs Klo, verstehst du?«
»Wow, so was von witzig. Echt gut. Sag mal, kann Arnold reden? Verstehen tut er dich offensichtlich. Aber das, was er dann vor sich hin grummelt und knurrt, also, da hab ich keine Peilung, was er damit meinen könnte.«
Der kleine Mann beugte sich über den Tisch: »Pass auf, der Mann ist Finne. Die reden eh nicht gerne viel, weil das Land so dünn besiedelt ist. Außerdem ist er stumm. Oder so was Ähnliches. Er kann dich hören, versteht unsere Sprache ganz gut, aber mitteilen muss er sich über seine Hände. Ich hab mir die Pfotensprache im Lauf der Jahre draufgeschafft, und wir beide kommen ganz gut damit klar.«
»Stumm, was? Und er humpelt. Hatte er einen Unfall?«
Danny schaute sich um, aber Arnold war immer noch auf dem Klo.
»Er will nicht, dass man drüber redet. Aber dir kann ich es sagen. Bleibt aber unter uns, ja? Indianerehrenwort?«
Auer nickte mit ernster Miene und hob zwei Finger.
»Also, diese Finnen auf dem Lande, die haben ja alle so was wie eine Sauna im Hof. Der Arnold war aber als Jugendlicher mal in Amerika, und da hat er diese indianischen Schwitzhütten gesehen. Er hat da auch eine von diesen Squaws in einem Reservat kennengelernt. White Buffalo Woman, die war fast genauso groß und schwer wie er, hat er mir mal erzählt. Schwere Knochen, aber Liebe auf den ersten Blick. Und die hat ihm so ein Inipi gebaut.«
»Was ist ein Inipi? Eine Sauna?«
»Nein, das ist eine Kuppel aus Weiden- oder Haselnussästen, halbrund, mit Fellen drüber. Vielleicht 1,50 Meter hoch und zwei bis drei Meter im Durchmesser. In der Mitte von dem Ding wird ein Loch in den Boden für die heißen Steine gegraben. Die Steine werden erst in einem Feuer vor der Hütte erhitzt, bis sie glühen. Dann bringt man sie in das Loch drinnen. Da kommen dann Kräuter drüber und etwas Wasser oder so.«
Auer schloss geduldig die Augen und der Kleine sagte: »Jetzt warte, das gehört alles zur Story. Also, mein Kumpel baut sich so was in Finnland, er wohnt ja alleine irgendwo in den Pampas, umgeben von Wäldern und so. Eines Tages macht er im Morgengrauen ein Feuerchen und geht in das Schwitzzelt, weil er die Steine rausholen will. Die sind immer noch ein bissel warm. Das hat sich auch der Braunbär gedacht, der in der kuscheligen Hütte übernachtet hat.«
»Ein echter Bär?«
»Und was für einer. Ein Weibchen, genau genommen. Die sind noch viel fieser als die Männchen. Genau wie bei uns. Also, der Mann, der ab jetzt Arnold heißt, stolpert schreiend rückwärts aus der Hütte. Der Bär nimmt das Geschrei persönlich und denkt, hey, der flirtet mit mir, und brüllt seinerseits los. Arnold fällt hin, der Bär kommt angeschossen und schwupps, beißt sie ihm das linke Bein am Knie durch. Arnold zieht sein Finnenmesser und sticht dem blöden Bären in die Schnauze. Der fegt ihm noch eine und haut mit dem Bein in der Schnauze ab. Von dem Schock ist Arnold sprachlos geworden, im wahrsten Sinne des Wortes. Stell dir vor, du schaust deinem Bein hinterher. So was gibst du ja nur ungern aus der Hand, oder?«
»Und das Bein? Hat er das wiederbekommen?«
»Bedauerlicherweise nein. Er hat sich dann selber ein Holzbein geschnitzt, als er wieder einigermaßen fit war, und er kommt sehr gut damit klar. Das Holzbein hat ein Geheimnis, nämlich … Oh Scheiß, da kommt er. Sag bloß nix von dem, was ich dir erzählt hab, ja? Der killt uns beide.«
Und zu dem Riesen: »Na, alles gut abgelaufen? Stell mal die Biere in die Mitte und merk dir deinen neuen Namen. Wir werden berühmt, Alter. Ich spür das im Urin.«
Arnold brachte ein furchterregendes Grinsen zustande und fuchtelte mit den Händen.
»Was meint er?«
»Was Unhöfliches. Hat mit einem Körperteil zu tun, wo selten die Sonne hinscheint. Ich will das jetzt nicht so wörtlich übersetzen.«
Auer nahm sein Glas hoch, aber bevor er trinken konnte, kamen vier Männer aus dem Büro und schlenderten lachend an ihrem Tisch vorbei. Sie nickten ihnen zu, einer der Kerle, ein ziemlich dunkelhäutiger, großer und schlanker Bursche, grüßte lächelnd zurück. Der neben ihm sagte gerade: »Das ist kein Name, das ist eine Diagnose. Du kannst dich in dem Streifen nicht ›Sepp the Longhammer‹ nennen. Frankie Bigdick find ich auch irgendwie blöd. Lass uns da noch mal drüber reden, alles andere ist okay. Aber wie willst du einen Gamsbart-Hut auf deinen Afro kriegen?«
Longhammer-Bigdick meinte: »Die Matte muss eh ab. Das passt schon. Mehr Sorgen macht mir das Jodeln. In meiner Zeit als Tatort-Leiche hat man so was nicht von mir verlangt.«
»Du bildest dich halt künstlerisch fort, so ist das im Showbusiness!« Der schmale Kerl hinter dem Schwarzen gackerte wie ein Huhn.
Aus dem Büro kam Chilis Stimme: »Max, kommst’ rein?«
Auer trank von seinem Bier, nickte seinen neuen Freunden in ihren Plastikanzügen zu und stand auf: »Und immer schön üben: Du bist Arnold und du bist Danny, klar? Das müsst ihr im Schlaf aufsagen können.«
Die beiden nickten unisono mit den Köpfen und prosteten ihm zu.
Chilis Büro war von Zigarettenrauch vernebelt. Auer ging um den Schreibtisch rum und öffnete das Fenster. »Wow, Aussicht auf drei Müllcontainer und zwei Reihen Wellblechgaragen.«
»Man tut, was man kann. Setz dich, was gibt es?«
»Waren das eben deine neuen Filmpartner?«
Chili grinste, lehnte sich in seinem Chefsessel zurück und legte die Beine auf den alten Schreibtisch. »Der große, dunkle Kerl ist ein echter Steher. Bis jetzt hat er das privat und aus Spaß an der Bumserei gemacht, aber mit dem kann man richtig Geld verdienen. Und er selber auch. Ein echtes Naturtalent, der Kerl. Und die anderen drei? Spinner, die glauben, ab jetzt könnten sie sich aufführen wie Harvey Weinstein oder Kevin Spacey. Die werden schon noch merken, was bei uns abläuft.«
Auer wischte ein paar Ascheflocken vom Stuhl, bevor er sich setzte: »Der spielt aber keinen Bergförster, oder?«
»Der? Nein, der ist im neuen Film der Milchalm-Sepp. Er kriegt einen Trachtenhut mit einem Riesengamsbart auf die Rübe und wird in eine kurze Lederhose mit bestickten Trägern gesteckt. Und dann geht’s ab. Den Muschibesen unter der Nase muss er sich natürlich abrasieren. Da kennen meine Mädels keinen Spaß. So was macht die seidene Unterwäsche kaputt.«
Auer nahm das Glas, das ihm der Chili über den Schreibtisch schob, und vernahm dessen Prahlerei: »Schottischer Whiskey, 100 Jahre alt. So was kriegst du sonst nur im echten Hollywood. Probier mal.«
Max roch an dem Glas und nahm einen kleinen Schluck. »Super. Hier, dein Filmstar, der ist für einen Senner aber ziemlich dunkelhäutig, würde ich mal sagen. Kauft dir deine Kundschaft so was ab?«
Chili schaute zur Decke: »Na ja, er ist halt ein bissel maximal pigmentiert. Aber vielleicht hat er eine seltene Hautkrankheit und wird deswegen immer dunkler. So wie der Michael Jackson. Der hat ja auch so was gehabt, oder?«
»Der Michael Jackson ist pechschwarz geboren und dann zum Weißen mutiert.«
Chili schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. »Sag ich doch. Wie der Michael Jackson. Nur umgekehrt. Das ist ja das Fiese an so einer Krankheit. Der eine wird weiß, der andere schwarz. Fürchterlich, nicht wahr? Aber der Mann hat ein Gehänge, für so was brauchst du in manchen Ländern einen Waffenschein. Und genau das zählt in meinem Business. Außerdem: Was weiß ein ländlich lebender Inder in Peschawar oder ein Durchschnitts-Chinese in Shiang-Lo von solchen Dingen wie übermäßiger Hautpigmentierung? Und genau das ist ja meine Hauptkundschaft. Die gehobene ländliche Mittelklasse in den aufstrebenden Tigerstaaten. Geht alles in den Export, die komplette Produktion. Übrigens, wie findest du meine beiden Bodyguards? Ihr versteht euch ja schon ziemlich gut.«
Auer nippte an dem Whiskey. »Der Große, ist der wirklich ein Finne?«
Chili lachte: »Und wie. Der heißt auch so. Sehr finnisch, meine ich. Lars Tragel, Mutti Fierileinen oder so. Ich kann mir das nicht merken.«
»Was steht in seinen Papieren?«
»Papiere? Machst du Witze? In diesem Job braucht man keinen Stammbaum. Ich hab für hier drinnen keine Rassehunde angestellt, sondern zwei Muskelpakete. Du solltest die mal sehen, wenn’s hier abgeht. Freitagnacht, wenn die Prolos kommen. Die glauben, die können die Mädels mit nach draußen nehmen und abvögeln.«
»Aber der Kleine? Ich meine, Muskelpakete, hey?«
»Der ist okay. Hinterhältig und kampfstark. Und funktioniert wie eine kaputte Uhr: Zweimal in 24 Stunden liegt er genau richtig. Und das reicht mir hier in meinem Laden. Warum fragst du das alles? So langsam werde ich misstrauisch.« Chili fuhr sich mit der Linken über seinen goldblonden Pferdeschwanz und schaute Auer mit zusammengekniffenen Augen an.
Tja, warum fragt er so viel, das denkst du jetzt auch, oder? Pass auf, ich sag es dir: Weil der Max Auer einer ist, der die Leute gerne ein wenig einlullt. Wie der Columbo im Fernsehen, aber das ist dir bis jetzt auch schon aufgegangen, oder?
»Chili, jetzt entspann dich mal. Bei mir bist du in besten Händen, mach dir deswegen mal keine Sorgen. Oder doch. Mach dir Sorgen, das schadet nie. Grund dazu hast du auch. Es ist nämlich so: Die Geschichte hat keine Logik. Ich meine, du wirst mit deinem eigenen Porno erpresst, damit du dem Brunner nicht hilfst, seine Frau zu suchen. Fakt ist: Du hast selber was mit ihr am Laufen. So viel hab ich selber auch schon rausgekriegt.«
Max beugte sich vor, legte beide Hände flach auf den Schreibtisch und klopfte dann mit den Knöcheln auf die Holzplatte. Bei jedem Wort ein Klopfer: »Jemand zu Hause? Hallo? Erde an Chili, hörst du mich? Ich bin’s, der Auer Max. Ehemals Zierde der Münchener Sitte, Dezernat 4, SOKO 12.«
»Was?«
»Genau. Punkt 1: Ihr beide seid ein Pärchen oder so. Die Sissi und du. Ich glaube sogar, wenn die ihre Tage hatte, an denen sie aus dem Nest geflogen ist, um sich zu amüsieren, da war sie bei dir. Der alte Brunner hat sich bei dir am Telefon ausgeheult und dich angebettelt, sie zu suchen. Du hast dich immer wieder erweichen lassen. Super. Und die Sissi gegen ein saftiges Bakschisch zu Daddy gebracht. Hast ihr sogar noch ein Alibi geliefert, indem du dem Alten erzählt hast, du hättest sie in Garmisch oder Kitzbühel oder sonst wo mit ihren Freundinnen erwischt. Und das, während dein Pimmel noch gar nicht trocken war und die Sissi in deiner Kiste noch einen Joint zum Abregen gezogen hat. Wenn das der Brunner erfährt, kannst du die letzten beiden Geschäfte, die ihr beiden noch durchziehen wollt, voll vergessen. Dem Brunner trau ich auch zu, dass er deinen Laden dichtmacht. Die nötigen Verbindungen dazu hat er.«
Chili nahm die Stiefel vom Schreibtisch und kramte mürrisch in einer Schublade rechts unten: »Kannst du das beweisen?«
Jetzt musst du wissen, dass der Auer Max als Knabe im Internat eine Zeit lang Messdiener war, genau wie der Erol Sander. Die haben sogar mal eine Messe zusammen gemacht, aber das ist eine andere Geschichte. Auf jeden Fall kann der Auer Max lügen, ohne auch nur drüber nachzudenken: »Was denn beweisen? Und warum? Dass der Brunner dich fertigmachen kann, wenn er will? Das weißt du doch selber am besten. Und die Sissi-und-Franz-Nummer: Einiges ja, da habe ich schon genug Fakten. Und wenn ich die Belege dazu zusammenzähle, dann krieg ich noch das eine oder andere bewiesen. So hab ich immer gearbeitet, und das funktioniert auch bei euch hier in der Provinz. Besonders hier, wenn du weißt, was ich meine.«
»Sissi und Franz finde ich pietätlos. So heißen die beiden Papageien im Rosenheimer Gartencenter. Und wenn du es schon so genau weißt: Ja, wir lieben uns.«
»Echt jetzt? Und das Business, die Rein-und-raus-Nummer auf dem Tisch mit ein paar anderen Kerlen? Das stört dich nicht? Oder wenigstens sie?«
Chili fuhr sich mit dem Finger der rechten Hand hinter den Hemdkragen: »Das ist rein geschäftlich. So was muss man vom Privaten trennen.« Er hob die Hand, als der Auer was sagen wollte. »Pass auf, ich bin natürlich eifersüchtig, wenn sie mit Kerlen im Restaurant flirtet oder so. Da kann’s gut sein, dass da mal so einer quer durch den Laden fliegt. Aber im Job, da sehen wir das beide anders. Business as usual. So was versteht einer wie du natürlich nicht. Da waren die Sissi und ich schon viel weiter. Profis eben.«
»Wow. Ich bin beeindruckt. Wo ist sie?«
»Ich weiß es nicht. Echt jetzt. Um das geht’s auch nicht mehr. Wenn der Brunner die Sissi-Pornos zu sehen kriegt, dann bin ich dran, das ist mir klar. Aber, und das sage ich dir mal ganz im Vertrauen, der Brunner, der hat Stress der anderen Art. Falls eine Lösegeldforderung für die Sissi auftaucht, dann kann’s gut sein, dass er nicht zahlen kann. Weil der alte Mann in der Klemme steckt. In einer von vielen Klemmen. Mehr kann ich dir nicht sagen.«
»Musst du auch nicht. Ich rede jetzt einfach mal weiter. Der Otti wollte raus aus dem Ganzen. Er hat euch einen guten Deal angeboten. Aber der Otti ist dummerweise verstorben. Und das ist ein anderes offenes Kapitel, über das du mal in einer lauen Nacht nachdenken solltest: Wenn ich irgendwie rauskriege, dass dem Unfall ein bisschen nachgeholfen wurde, dann kenne ich nur einen, den ich mir zur Brust nehme. Und dann helfen dir die beiden da draußen auch nicht mehr viel.«
Chili erstarrte in der Bewegung und glotzte über den Tisch: »Ja, spinnst jetzt ganz?«
»Nein, nein, überleg doch mal: Du warst angeschnallt, der Otti nicht. In der Konstellation fahre ich gerne jetzt gleich am Steuer deines Amischlittens mit dir, du unangeschnallt auf dem Beifahrersitz, in Richtung Samerberg. Und dort oben an einen Baum deiner Wahl.« Auer kniff ein Auge zu: »Na, dämmert bei dir da was?«
Der Blonde schüttelte den Kopf, dass sein langer Pferdeschwanz wie eine Fahne im Wind hin und her flatterte: »Das hängst du mir nicht an. Du nicht. Da gibt es polizeiliche Ermittlungen. Der Fall ist abgeschlossen. Und jetzt mal ganz hypothetisch: Warum sollte ich den Otti umlegen? Wir haben einen Haufen Geld zusammen verdient.«
»Erste Vergangenheit: ›haben‹. Da hast du es. Er wollte raus. Wie Al Pacino im ›Paten‹, aber das hat euch anderen beiden nicht gepasst.«
Chili wedelte mit den Händen: »Nein und noch mal nein, verflucht. Bau hier keine Potemkinschen Dörfer auf. Es war eher so: Kaum war der Otti im Hades, hat mir der Brunner eröffnet, dass wir weitermachen können, aber er dann den doppelten Anteil will, weil er ein bissel klamm ist. Den Brunner, den hätte man, wenn überhaupt, umlegen sollen. Nicht den Otti, wenn wir schon davon sprechen. Ohne den alten Sack hätten der Otti und ich die zwei Dinger auch problemlos durchziehen können. Gut, vielleicht nicht so einfach wie mit ihm, aber einen anderen Bänker tut man immer auf, wenn die Kohle stimmt. Noch was?«
»Aber immer doch. Bevor ich dir was erzähle, sagst du mir, warum der Brunner Geldprobleme hat und warum du bei dieser Sissi-Kiste die Füße stillhalten sollst. Dann erzähl ich dir wieder was. Ein Geben und Nehmen. Wie im richtigen Leben. Was meinst du?«
Chili seufzte: »Oh Mann, in was bin ich da wieder reingeschleudert? Hör zu. Der Brunner zockt gerne. Er wettet und spielt Poker. Hier bei uns nicht, denn wenn sich das rumsprechen würde, wäre er seinen Job los. Also macht er das auswärts. München, Salzburg, Innsbruck, Bregenz, was weiß ich. Immer in irgendwelchen Hinterzimmern. Privatspiele ohne Limit.«
»Kenn ich, so was. Die Jungs, die die Spiele aufziehen, geben die Highroller gegen eine Gebühr weiter. Da ruft einer den anderen an und sagt, pass mal auf, ich hab da eine Goldgans. Der könnt ihr gut was abnehmen, ich geb euch den, und ihr lasst 25 Prozent rüberwachsen. Von allem, was der Typ an euch verliert. Und zu Mackern wie dem Brunner sagen die, fahr mal nach München, in der Arcisstraße sowieso, da gibt’s ein kleines griechisches Kellerrestaurant. Geh an die Bar und sag das Losungswort ›Bodennebel‹. Das gilt nur für das nächste Spiel am Samstag. Fünf Mann, kein Limit. Wir spielen Poker, Texas hold’em. Mach das, Mann, da hast du vielleicht mehr Glück als hier bei uns.«
Der Chili zuckte mit den Schultern: »Kann sein. Mit der Zockerszene hab ich nichts zu tun. Bei mir im Laden wird nicht gespielt, sondern nur ehrlich gevögelt. Und meine Filme haben Niveau. Alles hochseriös. Neulich waren Jugos hier, die haben mir DVDs angeboten, da wirst du depressiv. Männer bumsen Schäferhunde. Okay, die sind reinrassig, hat der Jugo gesagt. Also, die Hunde, die Kerle kannte er nicht persönlich. Aber trotzdem, Mann. Und dann, also nein, Frauen mit einem Esel. Pfui Teufel, meine Jungs haben die Jugos hochkant rausgeworfen. Mit so einem Dreckszeug will ich nix zu tun haben. Bei mir und in meinen Filmen gibt’s nur ehrliche, bodenständige Bumserei. Mann-Frau, auch mal mehr von einer Sorte. Mit Volksmusik im Hintergrund. Richtig romantisch und mit Sahne.«
Auer nickte: »Ich bin beeindruckt. Du bist eine Stütze unserer Gesellschaft, mein Lieber. Sag mal, der Brunner, der fährt doch nicht alleine mit einem Haufen Bargeld in der Tasche in irgendein Kellerhinterzimmer? Kann es sein, dass du da ab und zu deine Jungs mitgeschickt hast? Danny und Arnold?«
»Wen?«
»Deine beiden da draußen. Ich hab sie Danny und Arnold getauft, und das gefällt ihnen.«
Chili lachte und rieb sich über das stoppelige Kinn. »Kann sein. Ja, schon, jetzt, wo du mich so direkt fragst. Aber ich wollte nie was Genaueres wissen. Je weniger du weißt, desto besser ist es. Der Brunner hat die beiden ein paarmal übers Wochenende mitgenommen. In diesem Jahr vielleicht dreimal oder so. Er hat aber alles bezahlt. Hotel, Essen und Kohle für die beiden. Und den Ersatz, den ich mir für die Tage holen musste. War aber nicht schlimm, ich kenn da einen Araberclan, die handeln mit Autos und so. Die haben mir für kleines Geld zwei Schränke vorbeigeschickt. Steroid-Pumper. Blöd, aber abschreckend. Was willst du jetzt damit machen?«
Gut, denkst du jetzt, der Auer Max ist ja nicht unterbelichtet. Der wird einen Teufel tun und dem Chili erzählen, was er vorhat. Der Max stand auf und sagte im Rausgehen: »Keine Ahnung. Ich muss noch einen sizilianischen Zitronenkuchen für die Friedl vom Bergmeister mitbringen. Ich mach mich mal vom Acker, sodass ich in die Stadt reinkomme, bevor die Läden schließen. Pass auf, ich frag deine Jungs, wo die zuletzt mit dem Brunner waren. Du gehst jetzt mit an die Tür und sagst denen, dass sie mir alles erzählen können, weil ich ja quasi zur Familie gehöre. Klar?«
Chili zog sich murmelnd hinter seinem Schreibtisch hoch und ging an Auer vorbei zur Tür, riss sie auf und rief: »Wer ist ab heute Danny?«
Der Kleine kam grinsend angewieselt. Im Büro war es hell, aber das Lokal hinter ihm war diffus beleuchtet und fast dunkel. »Ich, Boss. Klingt cool, oder? Was gibt’s?«
»Der Max hier, der gehört zur Familie, aber das wisst ihr wahrscheinlich schon. Er fragt euch was wegen dem Brunner. Ihr sagt ihm alles, was ihr wisst. Aber nur über den Brunner. Das hier …«, Chili beschrieb mit dem rechten Arm einen Bogen, »das hier, was in der Kneipe so passiert oder auch nicht, da muss auch die Familie nicht alles so genau wissen, verstehen wir uns?«
Der Kleine nickte und ging im schummrigen Licht zurück an den Tisch. Max folgte ihm. Danny nahm eine kleine Maglite-Taschenlampe aus seiner Jackentasche und leuchtete auf einen Teller, der vor Arnold stand. »Er hat sich letzte Woche in die Finger gebissen, weil er seine Hauer ein bissel schnell in einen Hamburger geschlagen hat. Sieht ja auch keine Sau was, bei diesem Pettinglicht hier drinnen.«
Arnold knurrte, nahm im schmalen Lichtkegel der Maglite etwas Undefinierbares vom Teller und steckte es in den Mund. Max schnupperte: »Ist das vegan oder kann man das auch essen?«
Arnold brummte mit vollem Mund und machte ein paar schnelle Handbewegungen, und Danny übersetzte: »Er meint, bis vor ein paar Stunden hättest du mit dem Teil auf dem Teller sogar noch reden können.«
Auer ließ sich in einen der Stühle fallen: »Na dann, Mahlzeit. Ihr habt ja gehört, was euer Boss gesagt hat. Hier meine Frage: Wo wart ihr mit dem Brunner, ihr wisst schon, dem Bankmenschen, zum Zocken?«
»Warum?«
Auer beugte sich vor: »Pass auf, ich frage, du antwortest. So geht das Spiel. Du weißt ja, dass ich bis vor Kurzem noch bei der Bullerei in München war. Ich will mal so sagen: Wie zwei Heilige seht ihr nicht aus. Deswegen möchte ich euer Freund sein, damit ihr wieder auf den Weg der Tugend kommt. Als Stars beim Film und so, okay?«
Danny und Arnold nickten.
»Sehr gut. Passt auf: Es gibt da eine neue Risikosportart, die heißt ›Athletisches Schweigen‹. Das machen wir jetzt. Ich rede, keiner unterbricht mich, und wenn ich fertig bin, will ich eine übersichtliche Antwort. Wenn’s geht, in ganzen Sätzen. So weit klar?«
Danny kratzte sich am Ohr: »So weit ja. Fang an.«
»Der Chili hat mir so ziemlich alles über den Brunner erzählt. Auch, dass er auswärts zockt. Und ihr beide habt ihn gefahren und aufgepasst, dass er keine über die Rübe kriegt, wenn er ausnahmsweise mal gewonnen hat. Von der Sissi und dem Brunner weiß ich auch. War die jemals bei seinen Touren dabei?«
Danny schüttelte den Kopf.
»Also nicht. Gut. Hatte der Brunner Stammplätze, wo er gerne gezockt hat? Wo wart ihr zuletzt mit dem Brunner? Wann war das?«
Danny starrte den Auer Max ausdruckslos an und schnitt dann merkwürdige Grimassen mit geschlossenem Mund.
Max beugte sich vor: »Hallo? Mein Hübscher, ist das jetzt eine Pantomimennummer, die du da abziehst?«
»Ja. Weil ich dachte, wer zuerst redet, verliert. Das ist doch so eine Art Spiel, oder?«
Auer zog Luft zwischen seinen Zähnen ein, schloss die Augen und lehnte sich im Stuhl zurück. »Oh Mann!«
»Jetzt sei nicht gleich eingeschnappt. Nein, er hatte keine Lieblingsorte. Nein, die Sissi war nie dabei. Sie hat aber gewusst, dass er spielt, und das hat ihr nicht gepasst. Ich hab gehört, dass sie den Chef ein paarmal deswegen zusammengefaltet hat. Sie hat so geschrien, dass man das durch die Bürotür bis hierher gehört hat. Der Chili hat aber gemeint, der Brunner ist erwachsen, stubenrein und kann in ganzen Sätzen reden. Der wird schon wissen, was er tut. Und ja, wir waren immer gut unterwegs mit dem Brunner. Ärger gab’s aber nie, weil er fast immer verloren hat. Der Ablauf des Abends war meistens so: Er ist mit einem Bündel Cash und in bester Laune losgedüst und kam jeweils besoffen, pleite und voller Selbstmitleid wieder heim. Zuletzt waren wir mit ihm zweimal in Salzburg.«
»Wann zuletzt? Und wo denn da in Salzburg?«
»Iss was.«
Auer merkte, wie ihm die Zornesröte ins Gesicht stieg. »Willst du mich verarschen oder was? Ich will nichts essen, ich rede mit dir.«
Danny fuchtelte mit den Armen: »Nein, Mann, die Kneipe heißt ›Iss was‹. Die ist in der Bayerhammerstraße. Das ist in der Nähe vom Bahnhof. Unten im Keller wird gezockt. Der Schirmer Heinzi organisiert die Spiele. Einmal in der Woche treffen sich da maximal fünf Mann. Lauter Profis aus der Szene. Der Heinzi macht die Bank. Seine Frau den Service und lässt die Möpse raushängen. Die Spieler bringen ihre eigenen Aufpasser mit. Und die Jugo-Schränke vom Heinzi hängen vor der Kellertür und oben im Imbiss rum. Willst du da hin? Spielen? Dann viel Spaß. Die haben den Brunner abgezogen wie in einem Hollywoodstreifen.«
Max stand auf und ging, ohne anzuklopfen, in Chilis Büro. Der hatte die Beine wieder auf dem Schreibtisch und blätterte in einem »Playboy«: »Was ist? Ich hab gar nicht gehört, dass du angeklopft hast? Stör mich jetzt nicht beim Fernstudium.«
Auer lehnte sich an die Wand neben der Tür: »Mach ich auch nicht. Organisier mir einen Termin beim Schirmer Heinzi in Salzburg. Morgen, kann auch tagsüber sein. Abends wär mir aber lieber. Ruf mich an, wenn du was hast.«
Chili warf den »Playboy« auf die Schreibtischplatte und funkelte den Auer an: »Sonst noch was? Willst du spielen?«
»Reden. Erzähl ihm nicht, dass ich bei der Bullerei war. Und mach mir nicht weis, du kennst den Heinzi nicht. Wahrscheinlich hast du den Brunner an ihn verschachert. Für wie viel? 25 Prozent von der Sore?«
»Tu doch nicht so katholisch, Max. Ihr von der Firma Such & Greif hebt doch auch die Flossen auf, wenn was geht. Natürlich hab ich was dran verdient. Der Brunner mag in seiner Bank ein guter Mann sein, aber im richtigen Leben ist er ein Depp. Und er mochte das kriminelle Ambiente: schummriger Kellerraum, eine Schirmlampe über dem grünbezogenen Tisch, alle rauchen und trinken. Und die Frau vom Heinzi, die war mal ›Miss Eierschwammerl‹ in Niederösterreich oder so was. Die hat eine Oberweite, alles echt und stramm. Mein lieber Scholli. Und Brustwarzen wie die Schmiernippel von einem LKW. Das hat was. Was soll ich dem Heinzi sagen?«
»Ich bin dein Freund aus alten Tagen und will mit ihm reden. Kein Stress, keine Tricks. In seinem Laden in Salzburg, wann immer er morgen Zeit hat. Kein Wort zum Brunner, okay?«
Chili holte sich einen Joint aus der Hemdtasche, zündete ihn umständlich an und nahm einen tiefen Zug. Er presste den Rauch in die Lunge, verzog das Gesicht und hielt dem Auer den Glimmstängel hin. Der schüttelte den Kopf und ging aus dem Büro. Als er am Tisch von Arnold und Danny vorbeikam, fragte der: »He, wer von uns beiden hat das athletische Dings grade eben gewonnen?«
Auer sagte: »Na du, Mann«, und Danny grinste Arnold an: »Siehst du, hab ich dir doch grade gesagt. So was gewinne ich immer!«
Kalbsvögel? Echt jetzt?
Es war schon später Nachmittag, eher früher Abend, möchte ich mal sagen. Der Max lümmelt in seinem Benz, lenkt ihn mit einer Hand, reibt sich mit der anderen am Kinn. Aus den vielen Lautsprechern dröhnen die Stones. Der Onkel Otti, der Herr hab ihn selig, der würde sich wohl im Grab umdrehen, wenn er das hören müsste, ja, was glaubst du.
Max blinzelte nach oben durch das offene Rechteck des Schiebedachs. Die Sonne stand zwischen den Wolken und sah aus wie das gerötete Auge eines versoffenen Penners.
Das Klingeln des Telefons riss den Auer Max aus seinen Tagträumen. Er drückte auf den Knopf mit dem Telefonhörersymbol: »Ja?«
»Ja, Bub, wo bist du denn? Hast du den Kuchen?«
»Nein, Friedl, aber ich hab ihn reserviert und hole ihn jetzt ab.« Die Lüge kam ihm leicht über die Lippen. »Glaubst du denn, ich hätte dich vergessen? Meine Lieblingstante?«
»Deine einzige Tante, du Gauner. Schau, dass du in einer Stunde oder so hier bist. Wir bekommen Besuch, und ich mache uns ein tolles Essen. Magst du Kalbsvögel?«
»Die würde ich für dich sogar selber fangen. Wer kommt denn?«
»Ich hab doch vor einem Jahr oder so eine Kreuzfahrt gemacht. Witwen machen so was gerne. Da hab ich ein paar Tage nach dem Auslaufen aus Genua einen sehr, sehr netten Mann kennengelernt. Der ist auch Witwer.«
»Ah ja, wie praktisch. Hatte er seine Frau auch dabei? Als Urne, meine ich?«
Die Friedl schnaufte ärgerlich, was sich durch die Freisprechanlage anhörte, wie wenn ein Blauwal auf offener See eine Luftfontäne ausstößt: »Bub! Hast du denn gar keinen Sinn für Pietät? Wir haben zusammen ein bissel getrauert, aber dann haben wir eine gute Zeit gehabt während der nächsten paar Wochen. Und der Manfred, so heißt der, hat mich richtig zum Lachen gebracht.«
»Na toll. Über was lachen denn Witwen und Witwer, wenn sie unter sich sind?«
»Werde nicht sarkastisch. Der Manfred hat mir viel von seiner Lise erzählt. Von ihren Marotten und Vorlieben. Sie hat zum Beispiel einen Gartenfimmel gehabt. Alles musste bei ihr immer genau nach Linien ausgerichtet sein. Jede Blume, jeder Strauch. Der Manfred hat gesagt, wenn’s nach ihr gegangen wäre, dann hätte sie sich bei ihrer eigenen Beerdigung wohl am liebsten nur stehend und bis zum Bauch eingraben lassen, damit sie die Grabpflege selber machen kann. Ist das nicht lustig?«
Max verzog den Mund: »Ja, doch, sehr sogar. In einer Stunde bin ich da. Irgendwelche Benimmregeln am Tisch, muss ich was wissen?«
»Der Manfred ist ein sehr eleganter und gebildeter Mann, also bitte keine blöden Sprüche. Er kann sich in diversen Sprachen ausdrücken. Abends hat er mich immer bis zur Kabinentür gebracht, mir die Hand geküsst und ›Au reservoir, ma jolie Blonde‹ geflüstert.«
»Das heißt aber ›Au revoir‹, und blond bist du auch nicht, Friedl.«
»Friedhofsblond bin ich, aber der Manfred ist ein Gentleman, der drückt sich da anders aus, du Lümmel.«
Die Ampel schaltete auf Rot, und vor ihm huschte noch ein kleiner Fiat über die Brückenberg-Kreuzung und hätte beinahe einen Radler auf die Hörner genommen, dem seinerseits die Ampelanlage ebenfalls vollkommen egal war.
»Stört dich deine alte Tante, Bub? Brauchst nur zu sagen, dann lege ich auf. Seit der Otti weg ist, hört mir eh keiner mehr zu. Außer dem Manfred.«
»Nein, Friedl, ich freu mich ja bloß für dich. So sehr, dass mir die Worte fehlen.«
»Ehrlich? Das hast du aber schön gesagt. Du wirst den Manfred mögen. Er ist auch ein Dichter. Er hat mir zum Abschied ein Lied geschrieben, das trag ich immer in mir. Pass auf, ich singe das jetzt mal für dich.« Sie räusperte sich so laut, dass der Max dachte, der alte Mercedes hätte einen Kolbenfresser, dann trällerte sie los: »Au revoir, meine Liebe, au revoir. Vergiss nie, wer ich war, vergiss nie meinen Namen. Ich geh und es wird nie mehr sein, wie es war. Au revoir. Au-au-au revoir. Na, was sagst du jetzt? Ist das romantisch zum Verrücktwerden, oder ja?«
»Für mich klingt das nach einer Schnulze von Helene Fischer oder Hansi Hinterseer. Weißt du, ich hab erst vor ein paar Tagen ein Lied von dem gehört, der … Hallo? … Hallo, Friedl, bist du noch da?«
Aber die Friedl hat natürlich längst den Hörer aufgeknallt, das kannst du dir ja denken. Der Max hat vor sich hin gegrinst, die Stones wieder schön laut gemacht und dann ist er bei Gelb losgefahren. Nach links, den Brückenberg runter, dann rechts und nach einem Kilometer rein in die Prinzregentenstraße. Vor dem Gummibärchenladen, ein paar Meter hinter der Ampel, hat er den Benz ins Halteverbot gestellt, seine alte »Polizei-im-Einsatz-Marke« aufs Armaturenbrett gelegt und ist gemächlich zum Bergmeister geschlendert.
Auch wenn auf dem Gipfel
schon Eis liegt …
Schon klar, dass der Max neben dem sizilianischen Zitronenkuchen noch schnell einen Strauß Blumen gekauft hat. Nicht dass du jetzt denkst, er hätte ein schlechtes Gewissen, aber der Auer ist ein Mann, der weiß, wie man Frauen wieder zum Lächeln bringt. Ein netter kleiner und übersichtlicher Nelken-Grünzeug-Strauß für 6,99 Euro.
So rennt er also die Treppen zur Wohnung hoch. Links den Kuchen, rechts die Blumen. Nicht, dass der Aufzug kaputt wäre oder so, aber der Auer hat mal gelesen, dass eine jede Treppenstufe, die man steigt, das Leben um eine Sekunde verlängert. Ich selber glaub da ja nicht so hartnäckig dran, aber der Max schon.
Und wie er so ins Wohnzimmer schwebt und den Duft der Bratensoße in sich hineinsaugt, hört er die Friedl lachen wie ein kleines Mädchen, frei und unbeschwert. Eine tiefe Männerstimme sagt: »Ja, und dann hat der Ober zu mir gesagt: ›Jetzt sehe ich das Haar in der Suppe auch. Aber dies ist die Tagessuppe für 2,50 Euro, für das Geld können Sie schlecht ein ganzes Toupet erwarten, oder?‹«
Die Friedl lachte immer noch, Max platzte ins Wohnzimmer und sah Folgendes: seine Tante, mit roten Backen, gewagter Hochfrisur und geschminkt wie das Nürnberger Christkind. Und am Tisch: ein alter Knabe, so Ende 60 plus oder 70, leichtes Übergewicht, volles graues Haar, blasses Gesicht mit vielen Lachfalten. Die beiden Alten strahlten sich an und bemerkten den Max nicht. Der räusperte sich, und zwei Köpfe drehten sich ruckartig zur Tür.
Max streckte seinen Nelkenstrauß vor und hob den Kuchen in der Verpackung hoch: »Einmal Zitronenkuchen und einmal wunderschöne Blumen für meine wunderschöne Tante.«
»Stell den Kuchen auf die Anrichte. Was sind das für Blumen? Hast du die auf dem Friedhof geklaut? Die zittern ja jetzt noch!«
Max schaute den alten Burschen am Tisch an, der stand auf und hielt ihm die Hand hin: »Du bist der Max. Ich bin der Manfred, Manfred Gorka. Freut mich, die Friedl hat mir schon sehr viel von dir erzählt.«
»Ja, der Manfred ist ein bissel früher gekommen, aber das macht ja nichts, oder? Und schau mal, Bub, was er mir für einen Strauß mitgebracht hat. Das nenne ich Blumen.« Sie zeigte mit der rechten Hand auf ein Gesteck von Rosen in allen Farben, mit Farnen und kleinen, gewundenen Ästen und Blättern in verschiedenen Grüntönen.
»Jetzt guck nicht so dumm aus der Wäsche, ich hab’s nicht so gemeint, natürlich gefällt mir dein Strauß auch. Setz dich zum Manfred, ich hol schnell eine Vase.«
Max setzte sich kopfschüttelnd an den festlich gedeckten Tisch und strich über das Leinen: »Da hat sie aber das alte Familiensilber und das Porzellan rausgeholt, die Tante. Respekt. Das hab ich zum letzten Mal beim Leichenschmaus für den Otti gesehen. Wir beide sind ja schon beim Du, Manfred. Also, ihr habt euch während einer Kreuzfahrt kennengelernt, wie ich hörte.«
Manfred nickte und goss Max etwas von dem Rotwein ein. »Da, probier, das ist ein alter Spanier, der passt gut zum Braten.«
Max nippte: »Gut, ja. Danke. Es ist schon etwas überraschend, dass du so, wie soll ich sagen, plötzlich auftauchst, Manfred.«
»Ja, ich hatte zufällig hier in der Gegend zu tun. Außerdem war ich lange weg. Ausland, weißt schon. Ich bin erst seit vorgestern wieder in Deutschland. Und als ich in München gelandet bin, hab ich gedacht, ruf doch mal die Friedl an.« Manfred trank einen Schluck Rotwein und seufzte: »Na ja, ich hätte mich zwischendurch mal melden können, aber da, wo ich war, da war es ziemlich schlecht mit Telefonieren und so. Wildnis, Wüste, lauter solche Sachen.«
»Der Manfred war für die UNO in Nordafrika, bei den Tierrettern. Stell dir vor, Bub, die haben da die wilden Elefanten gefangen und woanders hingebracht. Wegen den Wilderern, gell, Manfred?«
Die Friedl, immer noch aufgekratzt wie eine 16-Jährige, kam mit den Nelken in einer Kristallvase ins Wohnzimmer gerauscht und stellte sie auf den Tisch. Neben Manfreds Rosengesteck sahen die fünf Nelken sehr beschämt aus.
»Nordafrika, das ist für mich Algerien, Tunesien, Ägypten und so, oder?« Max nahm sich die Weinflasche und schenkte der Friedl nach. »Ich meine, ich kenne das Landesinnere ja nur aus dem Fernsehen, aber da gibt es doch keine Elefanten, hab ich immer gedacht.«
Die Friedl schaute ihn strafend an, aber der Manfred lachte: »Jetzt nicht mehr. Deswegen bin ich ja hier. Wir sind fertig da unten mit den ganzen Umsiedlungsaktionen, und ich hab jetzt lange Zeit frei.«
»Verstehe. Besonders braun bist du aber da in Nordafrika nicht geworden, Manfred.«
»Wenn du dich so richtig in deine Arbeit reinkniest, dann hast du selbst in Nordafrika keine Zeit zum Braunwerden. Wir haben da ja praktisch im Akkord die Viecher gefangen, und abends, wenn wir Feierabend gemacht haben, da saßen wir fix und fertig am Lagerfeuer. Da wirst du dann auch nicht mehr braun. Apropos Lagerfeuer: Ich hab einen Hunger wie ein Löwe.«
Friedl sprang händeklatschend auf: »Ja mei, du bist ja auch schon so lange unterwegs, Manfred, ich hole jetzt die Suppe. Es gibt eine Pfannkuchensuppe, die ist eine Spezialität von mir. Keine backt die Pfannkuchen so wie ich, da gibt es nämlich ein Geheimnis.«
Plappernd und lachend tänzelte sie aus dem Wohnzimmer in die Küche rüber. Manfred schaute Max an, tippte sich an die Nase und meinte: »Du hast so eine spezielle Art zu fragen, das kommt mir von irgendwoher bekannt vor. Fällt mir gleich wieder ein.«
Aber der Max hatte da noch was: »Kann schon sein, ich war ja auch lange genug bei der Po…«
Jetzt hättest du sehen sollen, wie die Friedl mit einem Affenzahn mitsamt der Suppenschüssel und tiefrotem Gesicht ins Zimmer gerauscht kam und dem Max ins Wort gefallen ist und rasend schnell losgeplappert hat: »Post. Er war bei der Post, der Bub. Im Briefsortierzentrum in Kolbermoor. Da hat er aber aufhören müssen, weil er eine … eine Allergie bekommen hat. Eine Briefmarkenallergie, genau genommen. Wegen dem Kleber, der da hinten drauf ist. Und er hat’s mit dem Kreislauf. Schon immer. Wenn die Briefe alle so schnell an einem vorbeiflitzen, auf dem Band da, und man muss die dann irgendwie rumsortieren, da leidet auch der Kreislauf. Ja, und jetzt wohnt er hier bei mir und hilft seinem alten Tantchen ein bisschen beim Leben, gell, Bub?«
Sie stellte die Schüssel ab und klopfte dem Max auf den Hinterkopf: »Jetzt hör schon mit deiner blöden Fragerei auf.«
Friedl lächelte den Manfred an: »So war er schon als kleiner Bub. Immer neugierig, immer am Fragen.« Und zum Max: »Den Manfred lassen wir jetzt in aller Ruhe essen, dann überlegen wir mal, wo er hier schlafen kann, gell?«
Manfred hob abwehrend die Hände: »Nein, nein, mach dir keine Umstände, Friedl, ich such mir eine Pension. Gleich nach dem Essen zieh ich los.«
Max sagte: »Wo ist denn dein Gepäck?«
Friedl zischte: »Fängst du schon wieder an? Wo bleibt denn deine Erziehung, Bub? Verdammt noch mal, jetzt! Man könnte meinen, du bist per Anhalter durch die gute Kinderstube gehuscht.«
Manfred schüttelte den Kopf: »Lass sein, Friedl, ist ja gut.« Und zu Max: »Ich habe nur die kleine Tasche dabei, die im Flur steht. Der Rest ist noch unterwegs und wird mir nachgeschickt. Vielleicht suche ich mir hier in Rosenheim eine Wohnung. Das, was ich von eurer Dachterrasse aus von der Stadt gesehen habe, gefällt mir schon mal sehr gut. Lasst uns jetzt essen, ich sterbe vor Hunger.«
»Genau, gib mir mal deinen Teller rüber, mein lieber Manfred!« Friedl zwang sich ein Lächeln ab und schaute den Max dabei strafend an.
Der zuckte mit den Schultern und hielt auch seinen Teller über den Tisch. Die dicken goldbraunen Pfannkuchenstreifen glitten auf die schneeweißen, mit Ornamenten verzierten Porzellanteller, und die klare Brühe verbreitete einen verführerisch guten Duft.
Schweigend löffelten die Friedl und der Max vor sich hin, jeder hatte schon ein bisschen gegessen, als sie bemerkten, dass der Manfred seinen Teller anstarrte.
Die Hände hielt er übereinandergefaltet, nicht wie beim Gebet, sondern … na ja, anders halt.
Friedl räusperte sich: »Betest du?«
Manfred schreckte hoch und lächelte: »Was? Nein. Ich war ja auch einige Zeit in Japan unterwegs. Und dort entschuldigen sich die Menschen bei ihrem Essen, bevor sie es verspeisen. Das da ist eine wunderbare Hühnersuppe, das rieche ich.«
»Aha, und Hühner sind religiös, oder?« Max deutete mit seinem Löffel auf den Teller.
»Könnte sein, ja. Wenn ich so nachdenke, warum nicht? Für so ein Huhn ist der liebe Gott vielleicht … ein uralter, weiser Hahn, der Eier legen kann. Weil er ein Hühnergott ist. Und sein erstgeborener Sohn ist in der Hühnerreligion ein ganz besonderes Ei, das nicht ausgebrütet oder verzehrt werden darf. Mahlzeit.«
Der Manfred schaufelte andächtig einen mit Pfannkuchen beladenen Löffel in den Mund, bekleckerte sich das Hemd und wischte es mit der Krawatte ab. »Da braucht ihr mich gar nicht so anzuschauen. Kann ja durchaus sein, dass es so ist. Schafe verehren bestimmt was anderes als ein Huhn. Und so weiter und so fort.«
Jetzt denkst du sicher, ja, spinnt denn der? Denn genau das dachte sich der Max. Um das Gespräch aber wieder auf einen einigermaßen sicheren Boden zu steuern, nickte er und sagte: »Erzähl doch mal was von der Kreuzfahrt. Die Friedl ist da erstaunlich wortkarg.«
Manfred hob sein Glas, prostete ihr zu und meinte: »Das war irgendwie wie ein Blitz. Wir saßen im gleichen Tenderboot bei dem Ausflug zu den blauen Grotten. Die ersten Tage auf dem Schiff war ich fast nur in meiner Kabine, weil ich niemanden sehen wollte. Zum Frühstück ging ich immer ganz früh, hab mir was für den Tag mitgenommen, und abends oder, besser gesagt, nachts bin ich zum Mitternachtsbuffet, da waren immer nur ganz wenige von den Passagieren.«
»Aber so ein Kreuzfahrtschiff ist doch viel in Häfen, oder?«
Die Friedl klopfte dem Max mit ihrem Löffel auf den Handrücken: »Unterbrich ihn nicht, Bub. Jetzt kommt der schöne Teil.«
Manfred schluckte seine Pfannkuchenstreifen runter: »Die beiden Landgänge, die wir hatten, da hab ich immer gewartet, bis alle von Bord waren, dann bin ich auch runter vom Schiff. Und ich war immer einer der ersten Passagiere, die zurückkamen. So, und dann war dieser Tag, da wurde getendert. Mit den großen Rettungsbooten bringen sie da die Passagiere zum Ausflug in die blaue Grotte, weil kein Hafen in der Nähe ist. Ich bin als Letzter in das letzte Boot gestiegen und hab mich auf den letzten freien Platz gesetzt. Und neben mir: die Friedl. Kennst du das, wenn dich plötzlich was anspringt wie ein Raubtier, und du vergisst zu atmen?«
Max schaute ungläubig hoch: »Sie hat dich angesprungen? Im Boot? Vor allen Leuten? Wow.«
Friedl zischte, und Manfred hob die Hand: »Ich meinte das jetzt philosophisch. Der Funke, die Kraft, die Liebe, die von ihr ausgingen. Wir haben uns unterhalten und es war so, als ob wir uns schon ewig lange kennen würden. Seelenverwandt, verstehst?«
Der Max schüttelte den Kopf: »Nein. Echt nicht.«
»Auch gut. So ein Glück hat auch nicht ein jeder. Auf jeden Fall war es ein wundervoller Nachmittag. Abends haben wir auf Deck gegessen und der Sonne nachgeschaut, wie sie im Meer verschwunden ist. Dann sind wir in meine Kabine gegangen. Dort habe ich der Friedl auf meinem alten Rekorder eine Kassette von Grieg vorgespielt. Auf meinem Privatbalkon, bei Kerzenschein und mit einer Flasche Brunello.«
Friedl kicherte wie ein kleines Mädchen: »Dann hat er mich geküsst, ich bin gegen den Rekorder gestoßen und hab ihn vom Tisch gefegt. Die Kassette fing an zu eiern und wir hatten Bandsalat. Ich habe mit einer Nagelfeile das Band wieder zurückgedreht, und dann hatten wir eine tolle Nacht. Eine von vielen tollen Nächten.«
Sie langte über den Tisch, nahm Manfreds Hand und drückte sie. Max verschluckte sich an einem Pfannkuchenstück, löffelte schnell seinen Teller leer und sagt hustend: »Ich brauch mal einen Happen frische Luft. Wenn ihr mich sucht, ich bin auf der Terrasse.«
Friedl rief ihm nach: »Ist gut, Bub, die Kalbsvögel sind eh noch nicht ganz fertig! Dauert noch vielleicht zehn Minuten.« Und zu Manfred: »Hilfst du mir, die Teller rüberzubringen?«
Kannst du dir vorstellen, wie der Auer Max auf der Dachterrasse steht, sich am Geländer festklammert und denkt, ja, bin ich jetzt auf dem falschen Planeten oder was? Und wie er vor sich hin starrt, über die Lichter von Rosenheim, da kommt der Manfred, leicht verlegen, und stellt sich neben ihn: »Sie ruft uns, wenn es weitergeht.«
Die Temperatur war gefallen und der Himmel nahm das makellose dunkle Blau an, das nur der Mond einer klaren Nacht geben kann. Wie ein orangefarbener Riesenkürbis stieg er über der Alpenkette auf. Der leichte Wind brachte den Geruch von verbranntem Benzin mit, und von der Wohnung unter ihnen drangen dünne Geruchsschwaden von gegrilltem Fleisch und Gemüse an ihre Nasen.
Manfred hob weder den Blick noch sah er den Max an, als er einen tiefen Zug aus seinem Glas nahm und seufzte. Er starrte auf die Autos und die Menschen unten auf der Straße, und sein lausbubenhaftes Altmännergesicht sah im Licht der Straßenbeleuchtung, die von unten hochkam, hart aus: »Ich bin ein schlechter Gegner. Sag, wenn du mich hier nicht haben willst, und ich verschwinde nach dem Essen. Friedl wird nie wieder von mir hören, okay?«
»Wo willst du hin? Dahin, von wo du gekommen bist? So schnell?«
Max drehte sich zu Manfred, und das diffuse Licht warf kräuselnde Schatten auf sein Gesicht: »Nimm diese dämliche Unschuldsmiene aus deinem Gesicht, Manfred. Du bist ein Vollzeitklugscheißer. Ich sag dir was: Ich war nicht bei der Post, sondern bei der Polizei. Bei den ganz Harten. Und noch was: Du siehst für mich aus wie einer, der gerade aus dem ›Hotel zum Käfig‹ gekommen ist. Also, was liegt an? Was hast du mit ihr vor?«
Unten, auf der Münchener Straße, hielt ein Streifenwagen. Zwei Polizisten stiegen aus, setzten ihre Mützen auf und schauten sich um. Manfred trat einen Schritt vom Geländer zurück und verschränkte die Arme vor der Brust: »Hast du die gerufen?«
Max schaute nach unten und schüttelte den Kopf. »Ich hab’s an deinem Gang und deinem Benehmen gemerkt. Die älteren Knastler gehen sehr vorsichtig, zucken zusammen, wenn sie ein Geräusch hören, das sie nicht gleich einordnen können, und so weiter. Möchtest du mir was erzählen?«
Manfred schluckte: »Zwei Tage nach der Kreuzfahrt haben sie mich wieder gekascht. Bei meinem Vorleben heißt das: bis zum Prozess in U-Haft. Und dann: Ein Jahr Bau, U-Haft wird angerechnet. Von meinem letzten Geld hab ich mir die Zugfahrkarte nach Rosenheim gekauft.«
»Wegen was warst du drin?«
»Einbruch, Trickdiebstahl, Körperverletzung, das ganze Register.«
Max schaute erstaunt, und Manfred sagte: »Ach so, du meinst, jetzt, dieses eine Jahr? Das war wegen dem Bruch. Eine Villa in Berlin. Alarmanlage aus der Ex-DDR, Safe aus den 20ern, aber fast 35.000 Euronen, cash. Damit hab ich gleich am nächsten Morgen in einem Reisebüro die Kreuzfahrt gebucht und bin in Hamburg auf den Dampfer. Es waren nur noch zwei Einzel-Luxuskabinen frei. Eine davon hab ich genommen. Zum Last-Minute-Preis, aber immer noch sauteuer. Allerdings mit Balkon, Plasmafernseher, Minibar und Service rund um die Uhr. Deswegen bin ich während der ersten Tage auch nicht unter die Leute gegangen, weil ich Angst hatte, dass die mich schon suchen. Und vielleicht irgendwas im Fernsehen über mich kam. War aber nichts, ich hab ja keinen kaltgemacht, sondern nur einen kleinen Bruch.«
Unten trafen noch zwei Streifenwagen ein, die Polizisten stiegen schnell aus und rannten in die Bahnhofstraße.
»Der Plan war, dass ich in irgendeinem Land, wo es mir gefällt, vom Schiff gehe und bleibe. Neuseeland, da hätte es mir gefallen. Da hab ich aber schon gewusst, dass ich es nicht kann. Wegen der Friedl. Ich war verliebt, zum ersten Mal seit vielen Jahren. Das hat keine Zukunft, das war mir klar. Aber sie ist so eine tolle Frau. Was ich jetzt mache, weiß ich auch nicht. Keine Ahnung.«
Von drinnen kam Friedls Singsang, gefolgt von einem Händeklatschen: »Die Vögel sind auf dem Tisch, kommt rein, Männer!«
Max ging los, aber Manfred hielt ihn an der Schulter fest: »Was sagst du ihr?« Der Auer streifte unwirsch die Hand ab: »Lass mich. Ich muss das erst verdauen.«
Rezept romantische Kalbsvögel
Jetzt interessiert sich vielleicht der eine oder andere für die Kalbsvögel. Verständlich, denn so was Leckeres muss man einfach kennen. Du brauchst:
3 große Kalbsrouladen (zusammen vielleicht 750 g), dann natürlich Salz, Pfeffer, 6 Scheiben dünn geschnittenen Tiroler Speck, Rosmarin, Thymian, 300 g feine Bratwurst, 3 Glas Cognac, 3 geschälte und geriebene Zwiebeln, 3 hartgekochte und geschälte Eier, Olivenöl oder Schweineschmalz (je nach persönlichem Cholesterinspiegel) –, ¼ guten Rotwein, ¼ Liter Brühe.
Jetzt musst du die Kalbsrouladen waschen, abtrocknen und auf der Arbeitsplatte mit dem Handballen kräftig breitdrücken (auf keinen Fall klopfen, da werden Fasern beschädigt). So lange, bis sie sich gut vergrößert haben. Jetzt jede Scheibe Fleisch mit Salz, Pfeffer und Rosmarin würzen, auf beiden Seiten. Nun auf jede Roulade zwei Scheiben dünn geschnittenen Speck legen und mit Thymian bestreuen. Die Bratwürste häuten, die Masse mit dem Cognac und den zerriebenen Zwiebeln mischen. Fast alles auf den Speckscheiben verteilen, einen 15 prozentigen Rest beiseitestellen. Die hartgekochten Eier, je eines, draufstellen. Jetzt vor und hinter den Eiern mit der beiseitegestellten Wurstmasse bis zur gleichen Höhe auffüllen. Rouladen aufrollen, mit je einem Spießchen feststecken. Schmalz oder Olivenbratöl erhitzen, die Rouladen rundherum braun anbraten. Mit Wein und der Brühe ablöschen, im geschlossenen Topf noch circa eine Stunde bei mittlerer Hitze schmoren lassen. Dazu frische Bandnudeln und ein freundliches Gesicht. Mahlzeit.
Stunde der Wahrheit
»Warum seid ihr so still?« Friedl, der es sichtlich schmeckte, schaute die beiden Männer an. »Habt ihr euch gestritten oder so? Vorher war hier drin eine ganz andere Stimmung. Manfred, was ist? Schmeckt dir das Essen nicht?«
Der wischte sich den Mund ab, trank sein Glas leer, räusperte sich und schaute erst den Max, dann die Friedl an: »Schatz, ich hab mich ein Jahr lang nicht gemeldet, weil ich im Gefängnis war. Ich will mich hier auch nicht einschleichen, sondern ich wollte dich noch ein einziges Mal sehen und dann verschwinden. Alles, was ich dir auf dem Schiff über meine Gefühle zu dir erzählt habe, das stimmt. Der Rest nicht. Ich bin kein reicher Großwildfänger, sondern ein hauptberuflicher Knastler, hab die meiste Zeit meines Lebens im Bau verbracht, zu Recht. Für nichts sperren die hier keinen ein.«
Friedl wollte was sagen, aber er hob die Hand: »Warte, lass mich ausreden. Ich bin kein Mörder oder so was, obwohl ich wegen Körperverletzung auch schon das eine oder andere Mal eingefahren bin. Meist haben sie mich wegen einem Bruch oder einem Trickbetrug drangekriegt. Das ganze Geld, das wir auf dem Schiff verjubelt haben, das war aus dem letzten Bruch. Aber weißt du was? Ich hab mich in dich verliebt, ich wollte bei dir sein, so lange es geht. Deswegen die ganze Lügerei. So, jetzt kannst du reden.«
»Jetzt brauch ich meine Notfalltropfen.« Friedl stand auf, ging zum Schrank und kam mit einer Flasche Cognac und drei Gläsern zurück. Sie schenkte jedem zwei Fingerbreit ein und hob ihr Glas: »Manni, das ist mir alles wurscht. Dass deine Geschichten, wie soll ich sagen, alternative Fakten waren, das hab ich schnell gemerkt. Aber ich hab mich in dich und dein Lachen verguckt. Ich habe schon so lange nicht mehr richtig gelacht, seit mein Otti tot ist. Ich mag dich auch. Ob ich dich liebe, weiß ich nicht. Aber ich mag dich. So, und jetzt sage ich Folgendes: Du kannst hierbleiben, so lange du willst. Schau dich in der Stadt um, wenn wir dir bei irgendwas helfen können, dann tun wir das. Weißt du, mein Otti, der war auch kein Lämmchen. Der Max hier, der hat bei seinem Vorleben keine Chance mehr, ein Pfarrer zu werden. Und ich, ich weiß sehr gut, wo das Ganze herkommt, was du hier siehst. Max, was meinst du dazu?«
Mit so was hat der Auer nicht gerechnet, ja, was glaubst du? Eigentlich war der Plan, dass er den Manfred nach dem Essen kurz zur Seite nimmt und ihm erklärt, wo hier der Frosch die Locken hat. Andererseits hat sich die Friedl in den zwei Stunden, in denen der Kerl hier ist, vollkommen verändert. Sie lacht wie ein junges Mädchen, sie ist glücklich. Und wenn du mich fragst, denkt sich der Max, dann ist das alte Mädel in den Kerl verknallt. Also, mach erst mal gute Miene zu dem Spiel hier, vielleicht ergibt sich das in ein paar Tagen von selber. Ist ja immer so, oder? Wenn der erste Rausch vorbei ist, sieht man wieder klar.
Deswegen hat der Auer Max sein Glas gehoben, die beiden angeschaut und gesagt: »Hiermit habt ihr beide meinen Segen. In meiner Eigenschaft als hauptberuflicher Neffe ernenne ich euch zu was auch immer ihr sein wollt. Bis dass die Nachspeise uns scheidet. Amen. Können wir jetzt weiteressen?«
»Wohin die ganzen Bullen wohl gerannt sind?« Der Manfred schaute unsicher zur Tür, und Friedl fragte: »Wann denn?«
Max sprach mit vollem Mund: »Vor einer Viertelstunde. Die sind vor dem Bücherladen aus den Autos und dann um die Ecke in die Bahnhofstraße verschwunden. Warum?«
Friedl kratzte sich am Ohr: »Da ist doch der Imbiss vom Bergmeier. Weißt schon, der, der nebenbei noch den Taxidienst macht. Der hat öfters Probleme mit der Polizei. Und mir ist der auch noch Geld schuldig. Also, nicht direkt mir. Der Otti hat ihm vor einem Jahr 5.000 Euro geliehen, zu 10 Prozent Zinsen, die haben wir bis heute nicht. Obwohl es dem Bergmeier gutgeht. Der hat den Imbiss, sein Taxi und ein paar alte Mädels am Laufen. Bahnhofshühner, so hat der Otti die genannt. Alte Legehennen, bei denen das MHD schon lange abgelaufen ist. Aber der Otti hat gemeint, da gibt’s immer ein paar Tschuschen, die bumsen alles, was noch einen Puls hat. Egal, der Chili wollte sich eigentlich drum kümmern. Das hat er mir auf der Beerdigung versprochen. Aber dann hab ich ihn gebeten, dass er die Urnen austauscht. Weil ich meinen Otti ja viel lieber hier daheim habe. Dass ein Mann im Haus ist, verstehst? Und dann ist das Problem mit dem Bergmeier irgendwie … untergegangen? Ich weiß auch nicht mehr.«
Max und Manfred schauten sich sprachlos an, und die Friedl lächelte maliziös: »Und jetzt hab ich gleich zwei Männer hier sitzen. Wer hätte das gedacht?«
»Wie zum Teufel tauscht man eine Urne aus?« Max schenkte sich, dem Manni und der Friedl nach.
Die meinte mit Unschuldsmiene: »Das? Das war ganz einfach. Ich hab mir ja beim Bestatter die Urne ausgesucht. Dann hab ich gesagt: ›Ach, wissen S’, ich nehm gleich noch so eine, die stelle ich daheim ins Bücherregal, weil die gar so schön ausschauen und glänzen‹. In die zweite Urne haben wir dann hier drinnen ein paar Hände voll Kaminasche getan, der Chili und ich. Und noch paar kleine Knöpfe, weil der Chili gesagt hat, wenn sie einen verbrennen, dann bleibt immer ein bissel übrig. Keiner geht ganz, hat er gemeint. Ein paar Zähne oder so bleiben immer unter dem Rost liegen. Und kurz vor der Feier, schon in der Aussegnungshalle, da hat der Chili eine Flasche Jägermeister fallen gelassen. Die wollte er dem Otti mit ins Urnengrab legen, hat er zum Pfarrer gesagt. Weil der Otti doch so gerne Jägermeister mit Cola getrunken hat, ned wahr? Ja, und in dem ganzen Durcheinander, es sind ja alle aufgesprungen und haben den pappigen Schnaps vom Boden der Aussegnungshalle gewischt, mit Taschentüchern, Schals und so, da hat der Chili schnell die Urnen vertauscht.«
Manfred sagte: »Und der Pfarrer, hat der nix gemerkt?«
»Der? Der hat irgendwas von seinem hohen Blutdruck gemurmelt und ist nach hinten und hat ein großes Glas Messwein getrunken. Das war dann aber doch noch eine sehr schöne Feier, wir haben alle geweint, obwohl es gestunken hat wie in einer Trinkhalle. Und der angetrunkene Pfarrer hat ein paar lustige Sprüche rausgelassen. Ja, was wollte ich denn eigentlich sagen? Ach so, und mit dem ganzen Urnenstress, da hat der Chili wohl dann vergessen, vom Bergmeier das Geld einzutreiben. Ich ruf den Chili gleich morgen mal an und erinnere ihn dran. Hoffentlich ham s’ mir den Bergmeier jetzt nicht vor der Nase weg verhaftet, weil, sonst seh ich mein Geld nie wieder.«
Wer mehr Vögel(n) will,
muss freundlich sein
»Ist noch was von den Vögeln in der Küche?« Max schielte auf die Platte in der Tischmitte, auf der nur noch eine traurige Soßenlache zu sehen war.
»Das heißt Vögel, mein Lieber, Vögel.« Die Friedl nahm die Platte hoch und stand auf.
»Wieso denn? Wenn ich mal den Karl Valentin zitieren darf: Der hat gesagt, ein Semmelknödel ist ein Semmelknödel. Sobald es aber mehrere sind, müsste es Semmelknödeln heißen, mit einem ›n‹ hinten dran. Also?« Max schaute den Manfred an. Der zuckte mit den Schultern, und die Friedl meinte: »Is’ ja auch wurscht. Aber: Wer noch mehr Vögel, oder wie du sagst, Vögeln will, der muss freundlich sein, sonst bleibt der Teller leer. Ich kann dir noch Nudeln und Soße bringen. Manfred, machst du mal die Luft aus den Weingläsern, ich komme gleich wieder.«
Jetzt schaute sich der Auer den Manni an, der ja eigentlich ziemlich harmlos aussieht, wie er sich so über den Tisch beugt. »Sag einmal, wieso haben sie dich wegen Körperverletzung eingelocht?«
Manfred stellte die Flasche auf den Tisch, stand auf und nahm eine Boxerstellung ein. Die Rechte am Kinn und die Linke schräg vor der Brust: »Ich war mal süddeutscher Meister im Mittelgewicht. Ist schon lange her, aber mein linker Leberhaken, der haut immer noch jeden von den Beinen. Schau mal.«
Er boxte ein paar Jabs und Finten in die Luft, dann ließ er die Linke sinken und schlug damit einen blitzschnellen Leberhaken.
Der Auer Max war beeindruckt und wollte was dazu sagen, aber just in dem Moment kam die Friedl mit einem Tablett ins Zimmer: »So, da hab ich eine wunderbare Nachspeise. Das ist ein Kirschentiramisu im Glas mit Amaretto. Alles molto erotico. Meine Spezialität.«
Wenn du jetzt denkst, ein Tiramisu, na ja, das ist ja nichts Besonderes, also, dann täuschst du dich. Dieses hier, das solltest du dir auch mal gönnen.
Rezept Tiramisu Erotico
Für die drei Gläser (je 2 oder 3 dl) brauchst du 3 Esslöffel Amaretto, 1 dl starken Espresso, einen großen Löffel Zucker, 2 Eigelbe (das Eiweiß extra in ein Glas, das brauchst du nämlich noch). Dann Saft von 1 Orange, ein bissel von der Haut abreiben, 250 g Mascarpone, eine Prise Salz, 7 oder 8 Löffelbiskuits und ein wenig Kakaopulver zum Bestäuben. Alles klar?
Gut. Den Amaretto, ein bisschen Zucker und den Espresso verrühren, bis sich der Zucker aufgelöst hat. Zur Seite stellen.
Eigelbe, Zucker und die Orangenschale mit dem elektrischen Schneebesen ungefähr 4 – 5 Minuten rühren, bis alles heller ist, dann den Mascarpone drunterziehen.
Die zwei Eiweiß ein bisschen salzen und steif schlagen. Zucker dazu, weiterschlagen. Den Eischnee jetzt sorgfältig und langsam in die Masse geben und durchziehen.
Löffelbiskuits halbieren, in die Gläser verteilen, jetzt die Hälfte der Masse drauf. Den Rest der Biskuits drüberlegen, restlichen Espresso und Rest der Masse drauf. Alufolie drüber und zwei Stunden im Kühlschrank fest werden lassen. Vor dem Servieren noch einen Schuss Amaretto drauf und mit Kakao bestäuben. Fertig.
Der Mörder ist wieder frei
Du ahnst es eh schon, es ist doch noch ein netter und lustiger Abend geworden. Und was soll ich dir sagen? Der Manfred hat natürlich bei der Friedl geschlafen, und der Max musste sich das Kopfkissen und die Bettdecke über die Ohren ziehen, damit er einschlafen konnte.
Am nächsten Morgen ist die Friedl mit einer Tasse Kaffee zum Max ins Zimmer gekommen, hat sich an die Bettkante gesetzt und sich die Haare aus der Stirn gestrichen: »Bub, der Manni bleibt hier bei uns, und du überlegst dir, wie er sich nützlich machen kann.«
Der Auer, noch ganz verschlafen: »Wie meist du das? Nützlich?«
»Frag doch nicht so blöd. Aus dem Nachlass vom Otti ist noch viel zu tun. Denk doch bloß mal an die Außenstände wie beim Bergmeier. Ich hab mir das kleine schwarze Buch vom Otti vorhin noch mal durchgesehen. Da gibt es bestimmt so um die 20- bis 30.000, die wir hier und da noch zu kriegen haben. Von denen meldet sich freiwillig keiner, weil die ja denken, der Otti ist im Paradies, da braucht der eh kein Geld mehr. Aber ich arme alte Frau muss ja auch schauen, wie ich durchkomme, mit zwei Männern im Haus. Du und der Manni, ihr holt mir das Geld. Mit dem Bergmeier fangt ihr an. Der sperrt jetzt um neun seinen Laden auf. Der Manni ist im Bad. Wenn ihr sowieso runter geht zum Bäcker, Brezen kaufen, dann schaut vorher beim Bergmeier vorbei. Auf ein Gespräch unter Männern, verstehst mich?«
»Ja aber, ich wollte doch eigentlich …«
»Das kannst du alles später machen, Bub. Der Manni und du, ihr helft der alten Tante. Jeden Tag ein gutes Werk, wie bei den Pfadfindern. Trink den Kaffee und dann raus aus den Federn.«
Wenn du meinst, die Friedl, die ist aber ganz schön resolut, dann hast du vollkommen recht. Die hat mehr Haare auf den Zähnen als ich unter den Armen.
Also sind der Manni und der Max eine Viertelstunde später im Schweinsgalopp durch das Treppenhaus nach unten, aus der Haustür raus, und dann, ohne zu reden, die paar Meter bis zum »Hammergrill« marschiert. Kurz vor dem Grill nimmt der Max den Manni zur Seite und erklärt ihm leise was. Dann gehen sie rein.
Stell dir eine Glasfassade vor, drei oder vier Stufen bis zur Eingangstür, ebenfalls Glas, und dann steht man auch schon mitten im Imbiss. Vier Stehtische, die Theke längs an der Wand, ein schräger Spiegel hinter der Theke an der Decke, sodass man in die zwei Fritteusen sehen kann. Und auf die große, rechteckige Grillplatte daneben. Geradeaus kommst du zu zwei Türen. Auf der einen ist ein Schild »Kerle«, auf der anderen »Restliche Geschlechter«.
Und hinter der Theke hantiert der Bergmeier. Ein dicker Kerl, mit wenig Haar auf der Birne, die Hemdsärmel hochgekrempelt, sodass man die dicken Muskeln und die Tätowierungen sieht. Ach ja, und vor der Theke stehen noch vier Barhocker.
Max schwingt sich auf den einen, Manfred auf den anderen. Es riecht nach kaltem Frittierfett und Wurst.
Max schaute sich um: »Nix los in dem Laden hier. Wie läuft’s denn so?«
Bergmeier wischte mit einem fleckigen, ehemals weißen Geschirrtuch über die Holzplatte vor ihnen: »Hab eigentlich noch zu. Was soll’s denn sein?«
»6.000 in bar. Saubere Scheine, ohne Fettflecken. Wenn’s geht, jetzt gleich.«
Bergmeier lehnte sich auf den Tresen und grinste den Max an: »Was bist denn du für einer? Und der Clown neben dir, warum glotzt der so? Soll ich dir mal was sagen? Mach, dass du Land gewinnst. Nimm den Trottel mit und verpiss dich. Für euch gibt es hier nichts. Raus, aber pronto!«
»Du fragst ja gar nicht, wie ich auf 6.000 komme? Pass auf: Ich bin der Neffe vom Otti. Der ist tot. Die Frau von ihm aber nicht. Der zahlst du jetzt das Geld zurück. Noch Fragen?«
Der Dicke schüttelte den Kopf: »Der Neffe ohne Namen, was? Hör zu, Neffe, da könnte ein jeder kommen. Verpiss dich. Beam dich raus. Und nimm den Gollum da neben dir auch mit. Los jetzt.«
Max verzog keine Miene, Manfred starrte nach wie vor die Grillplatte an. Dann zeigte Max auf das Telefon: »Ruf die Friedl an. Die schickt uns. Mein Onkel hat dir 5.000 gegeben. Die will ich. Plus Zinsen. Macht 6.000. Du hast jetzt drei Möglichkeiten: Eins, du gibst mir das Geld. Zwei, du rufst die Friedl an und sagst ihr verbindlich, wann sie die 6.000 zeitnah kriegt. Oder drei, du gibst mir das Telefon, dann ruf ich schon mal einen Krankenwagen. Bis der hier ist, verwandeln wir dich in einen Patienten für Liegendtransport.«
Max deutete auf die Eingangstür. Der Manni rutschte vom Hocker, ging zur Tür und drehte das Schild um, sodass »Sorry, wir sind zu« von außen zu lesen war. Dann drehte er den Schlüssel im Schloss um und steckte ihn ein. Gleich darauf saß er wieder auf dem Hocker und starrte die schwarze Grillplatte an.
Bergmeiers Hand wanderte unter den Tresen, und Mannis Rechte glitt unter seine Jacke.
»Denk nicht mal dran.« Max fischte ein paar Scheine aus seiner Hemdtasche, suchte einen 100er raus und glättete ihn auf der Theke. Dann nahm er den Schein, hielt ihn sich vor das Gesicht, spuckte drauf und klatschte ihn dem Manni schräg auf die Stirn. Der saß mit regungslosem Gesicht, nahm den Blick langsam von der Grillplatte und glotzte dem Bergmeier starr in die Augen.
»Das ist mein Freund Manni. Der ist ein hauptberuflicher und gelernter Mörder. Deswegen war er grade wieder 15 Jahre im Bau. Seit vorgestern ist er wieder raus. Er wohnt jetzt bei uns. Aber eigentlich will er lieber wieder zurück in den Knast. Er sagt, da drinnen brauchst du dich um nichts zu kümmern. Drei Mahlzeiten am Tag, die Wäsche wird dir gewaschen und irgendeinen Kerl, der für eine Zigarette die Frau spielt, findest du auch immer.«
»Was?«
»Genau. Wenn ich dem Manni jetzt sage, geh, sei doch so nett und mach den Bergmeier für mich weg, dann tut der das. Weil es ihm wurscht ist. In seiner Jacke hat er was zum Schießen. Deswegen hängt die so schief an ihm. Aber besonders modebewusst ist er eh nicht. Also, gib mir ganz langsam das, was da unter deiner Theke liegt.«
Bergmeiers Hand kam mit einer Dose Pfefferspray hoch. Den Spray legte er vorsichtig auf die Serviette, die vor Max lag. »Ich bin ein harmloser Taxiunternehmer mit einem Imbiss, das ist alles. Und die Geschäfte laufen nicht gut. Taxifahrer sind am Aussterben. Gestern war die Polizei hier, weil mich wieder einmal einer angezeigt hat.«
»Wegen deinem Fahrstil oder wegen der überalterten Bückware, die du am Bahnhof anschaffen lässt? Tz, tz, tz.« Max schüttelte den Kopf. »Und was aussterbende Taxifahrer angeht, da kann ich dir erzählen, was ich mit meiner Tante Friedl erlebt habe, als ich noch ein Kind war. Hast du eine Minute Zeit?«
Bergmeier starrte den Max an, dann den Manni, der seinerseits, mit dem 100er quer auf der Stirn, zurückglotzte.
»Das war so: Die Tante Friedl war damals noch eine ganz fesche junge Frau um die 30. Wir sind mit einem Taxi zum Friedhof gefahren, es war schon früher Abend an einem lauen Sommertag. Hörst du mir auch zu, Bergmeier?«
Der nickte und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht.
»Sehr schön. Wir fahren also an der Loretowiese vorbei, und am Straßenrand, links, auf dem Bürgersteig, lehnten zwei Frauen an der Laterne und rauchten. Sie hatten kurze Röcke an, weit ausgeschnittene Blusen und viel Schmuck an den Armen. Ich fragte die Tante: ›Warum lehnen die da?‹ Sie sagte: ›Die halten die Laterne fest, damit sie nicht umfällt, Bub.‹ Sie hat damals schon immer Bub zu mir gesagt, das tut sie jetzt auch noch. Also, wo war ich? Ah ja, der Taxifahrer, der grinst in den Rückspiegel und sagt: ›Erzählen Sie dem Kind doch nicht so einen Scheiß. Das sind Nutten, die machen es mit Männern. Für Geld.‹ Meine Tante wird stinksauer, sagt aber nichts. Ich wusste, wenn die gleich explodiert, dann ist hier drinnen im Auto was los. Also wollte ich die Situation entschärfen und fragte: ›Kriegen diese Frauen auch Kinder?‹ Da grinst die Friedl und sagt laut: ›Aber ja, mein Max. Natürlich kriegen diese Frauen auch Kinder. Und diese Kinder werden später alle Taxifahrer.‹ Verstehst du den Gag, Bergmeier?«
Manfred verzog keine Miene und rührte sich auch nicht. Der Bergmeier nickte wie einer von diesen Wackeldackeln, die man heute noch ab und zu auf den hinteren Ablagen von alten Autos sieht. »Jaja, der ist gut. Echt. Pass auf, Max, ich hab zufällig ein bisschen was da, das kann ich dir geben. Ich wollte die Friedl schon so lange mal anrufen und mit ihr über das Geld reden, aber du weißt ja, wie das ist, wenn immer was ist. Dann kommt dies, dann kommt das, aber ich schaue mal …«
Er griff wieder unter den Tresen, Manfreds Hand verschwand blitzschnell in seiner Jacke und Bergmeier hob noch schneller beide Hände: »Ruhig! Ganz ruhig, Mann. Reg dich nicht auf. Ich hole nur die Geldtasche, nur die Tasche. Ich mach das jetzt ganz langsam, schau!«
Vorsichtig und in Zeitlupe griff der Bergmeier unter die holzfarbene Resopalplatte und seine Hand kam mit einer dicken schwarzen Bedienungsgeldtasche wieder hoch.
»Nimm alle Scheine raus und leg sie da auf die Platte!« Max zeigte mit dem Kinn auf eine Stelle neben ihm. Bergmeier drehte die Geldtasche, öffnete sie und zog sie auf wie eine Ziehharmonika, wobei er das Kleingeldfach mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand zuhielt.
Scheine rutschten auf die Theke. Max nahm sie, zählte laut ab: »Ein 500er. Da schau her. So einen hab ich lange nicht gesehen. Sieben 100er. Elf 50er. Und, warte mal, 20, 24, 25 20er. Das macht … 2.250 Euro. Zehner und Fünfer kannst du behalten. Willst du eine Quittung?«
Bergmeier schüttelte den Kopf. Max steckte dem Manfred die Scheine in die Seitentasche der Jacke: »Du bist uns jetzt noch 4.000 schuldig, die zahlst du in zwei Wochenraten an den jungen Mann hier neben mir, den mit dem 100er auf der Stirn, kapische? Nächste Woche Freitag, übernächste Woche Freitag, und dann sind wir wieder Freunde. Nicke, wenn du mich verstanden hast.«
Bergmeier schluckte und sagte leise: »Du hast dich ein bisschen verrechnet, Max.«
»Hab ich nicht. Du hast den Ärgernis-Zuschlag vergessen und die Inflation und so. Wenn Freitag nächster Woche keine zwei Mille über diese Platte hier wachsen, dann baut dir der Manfred mit seinen Freunden den Laden um. Bis dann: Halt deine Hühner am Laufen und sei glücklich. Komm, Manfred. Hier riecht es nach Angst.«
Manfred glitt vom Hocker, ohne den Bergmeier aus den Augen zu lassen, schloss die Eingangstür wieder auf und drehte das Schild um, sodass von draußen »Komm rein, wir haben offen« zu lesen war. Dann hielt er die Tür auf und ließ den Max rausgehen, immer noch starr auf den Bergmeier blickend. Bevor auch er aus dem Laden ging, hob er zwei Finger der linken Hand vor seine Augen und deutete dann damit auf den Bergmeier.
Der schluckte trocken, und sein Adamsapfel hüpfte auf und ab.
Kaum waren sie um die Ecke gebogen, nahm Max den 100er von Mannis Stirn und fragte: »Was hast du da eigentlich in der Brusttasche von deiner Jacke? Die Beule da unter der Brust, was ist das? Eine Kanone?«
Manfred zog ein Mars und ein Bounty hervor: »Welches willst du? Ist gut für die Nerven.«
Die drei großen »B«:
Bumsen, Benthaus, Borsche
Gut, denkst du dir jetzt, das war aber nicht die feine englische Art. Aber auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, ja, was glaubst du denn? Auf jeden Fall hat sich die Friedl fürchterlich gefreut, hat den Max an ihre Brust gedrückt und den Manfred abgebusselt. Dann hat sie 1.000 Euro abgezählt und dem Max und dem Manni jeweils 500 gegeben: »So, Männer. Und das ist erst der Anfang. Ich hab das kleine schwarze Buch vom Otti durchgeschaut. Da sind noch ein Dutzend Leute, die uns Geld schulden. Er war ja so ein guter Mensch, mein Otti. Und wenn einer in Not war, und wir haben den gekannt, dann hat mein Otti immer was gegeben. Gegen ein bissel Zins natürlich. Und das holt ihr mir jetzt peu à peu zurück, gell? Übrigens, vor fünf Minuten hat der Chili angerufen. Du sollst ihn anfunken, sagt er, weil er was für dich hat.«
Max klopfte dem Manfred auf die Schulter: »Ach was, da fahren wir gleich selber raus. Du kommst mit, ich stelle dich vor. Ups, jetzt haben wir die Brezen vergessen, Tante.«
»Macht nichts, Bub. Fahrt ihr mal los, ich geh frühstücken. Vielleicht treffe ich eine von meinen Freundinnen und kann ein bissel ratschen.«
Als sie das »Wild Wild West« gegen 10 Uhr betraten, war der Laden hell erleuchtet, und zwei Putzfrauen schoben lärmende Kehr- und Sauggeräte durch das Lokal. Die Stühle standen auf den Tischen. Danny und Arnold saßen mit noch einem Kerl in einer der Nischen vor dem Büro, und Danny erzählte mit lauter Stimme: »Ja, und ich hab dann natürlich diese Superschnitte abgeschleppt und die ganze Nacht gebumst wie der Teufel. Die war fast zwei Meter groß, hatte Möpse wie Napfkuchen und hat im Ernst gedacht, ich sei Danny DeVito. Sogar beim Frühstück noch, weil ich nach Ahornsirup gefragt habe.«
»Wer?« Der andere Kerl beugte sich halb über den Tisch.
»Na, der Hollywood-Star. Danny DeVito, Mann. Kennst du doch, den Film, oder? Zwillinge, mit Schwarzenegger. Hey, findest du nicht, dass mein Partner wie Arnie aussieht? Ganz im Ernst jetzt?«
Manfred und Max waren am Tisch angekommen. Danny sagte: »Hoppala, wer ist denn das? Kenn ich den?« Und zu dem Kerl am Tisch: »Gut, lass den Umschlag hier und mach dich vom Acker. Geh mal in eine Videothek und hol dir den Film. Zwillinge, mit Schwarzenegger und mir. Wenn du nächste Woche zum Abliefern kommst, geb ich dir ein Autogramm, wenn ich gut gelaunt bin. Und jetzt: Mach den Abflug!«
Der Kerl rutschte von der Sitzbank, nickte allen zu und ging.
Danny zeigte auf die Bürotür: »Der Boss ist drinnen. Wer ist der Neue?«
»Verwandtschaft. Ein entfernter Onkel. War in Afrika, auf Großwildjagd und so. Jetzt jagt er hier für uns.«
»Cool. Hast du mal ’nen Bären geschossen?«
Die Frage war an Manfred gerichtet, der schaute erst Max an, dann die beiden in der Nische: »Kann schon sein. Warum? Läuft hier noch einer rum, oder was?«
Danny lachte: »Ah, der Kerl gefällt mir. Willkommen in der Irrenanstalt. Geht rein zum Boss, Mädels.«
Chili war am Telefonieren, die Füße auf dem Schreibtisch und den Chefsessel zurückgeklappt. Er winkte und zeigte auf die Stühle: »Was? Nein, ich hab grade Besuch bekommen. Ja, ich hab dich verstanden. Bumsen, Borsche, Benthaus. Die drei großen ›Bs‹ im Leben eines echten Mannes. Ich arbeite dran. Was? Ja, du mich auch. Bis dann!«
Chili legte das Handy auf die Schreibtischplatte und schaute erst Manfred, dann Max an. Mit dem Kinn zeigte er auf Manfred: »Weiß der Bescheid?«
»Der, das ist mein lange verschollener Onkel Manfred. Mütterlicherseits. Gehört also zur Familie. Ist in unserer Branche tätig und flexibel, was das Lösen von Problemen angeht. Also, was steht an?«
»Du kannst mit dem Schirmer Heinzi reden. Heute Abend um acht. Er hat am Stadtrand zu tun, und deswegen hat er den Treff vorgeschlagen. Hier!«
Chili schob einen Zettel über den Schreibtisch: »Da steht alles drauf. Hast du ein Navi in deiner Kiste?«
Max nickte.
»Gut. Dann gib das hier ein. Sei pünktlich. Der Heinzi wartet nicht. Und er sagt, zwei Leute von ihm und maximal zwei Leute von dir. Mehr dürfen nicht aufschlagen. Wenn er mehr sieht, gibt es Ärger. Also halt dich dran. Ist dein Onkel gut mit der Zimmerflak?«
Chili schaute den Manfred an, der sagte: »Eher die großen Kaliber. War Scharfschütze bei den Gebirgsjägern. Ist aber schon lange her.«
Chili nickte: »Dann lassen wir den Onkel daheim, und du nimmst meine beiden mit. Wenn’s Ärger gibt, lass den Kleinen alles machen, der kennt sich mit so was aus. Wenn’s knallt, leg dich einfach hin und komm ihnen nicht in die Quere. Steh erst wieder auf, wenn außer den beiden alle anderen am Boden liegen. Die sind ein eingespieltes Team.«
»Warum ist der Schirmer so vorsichtig?«
Chili fischte einen silbernen Flachmann aus einer Schublade seines Schreibtisches, nahm einen Schluck und machte: »Ahhhh.« Dann rülpste er und meinte: »Der Heinzi hat vor einem Jahr ein bissel Zoff mit ein paar Jugos gehabt. Ein Wort gibt das andere, und die haben ihm die Milz weggeknallt, bevor die Burschen vom Heinzi die Jugos über den Hades gerudert haben. Jetzt ist er halt ein wenig penibel geworden. Wie er sich sagt, er kann nicht jedes Mal auf ein Körperteil verzichten, bloß weil es Ärger gibt.«
Er nahm noch einen Schluck: »Wuhu, der haut rein. Ich würd dir ja gerne was davon anbieten, aber … Ach, was ich noch sagen wollte: Der Heinzi ist ein bissel cholerisch. Genaugenommen sogar ziemlich cholerisch.« Chili wackelte mit dem Kopf: »Wenn ich ganz ehrlich sein soll, und das bin ich eher selten: Der Heinzi ist ein gelernter Irrer, mit langer Berufserfahrung. Dementsprechend sind auch seine Mitarbeiter. Lauter Abrissbirnen, die er da um sich geschart hat. Na ja, ein normaler Mensch wie ich würde für einen wie den Schirmer Heinz eh nicht arbeiten. Pass auf: Ich will nicht, dass der den geehrten Stadtrat und Bankdirektor Brunner aufschlitzt und ausstopfen lässt. Der Brunner hat 35.000 Euro Schulden beim Heinzi. Die kann er im Moment nicht zahlen. Und ich will sie nicht zahlen, so lieb hab ich den Brunner nun auch wieder nicht. Aber ich brauch ihn noch für die zwei Sachen. Also red mit dem Heinzi, sag ihm, der Brunner ist pleite, seine Alte ist ihm abhanden gekommen und er ist in einem Trauerkoma. Ich, der Chili, geb dem Heinzi meinen nächsten Leberkäs-Porno. Die Master-DVD, das Copyright und die Druckvorlage für das Cover. Er kann damit machen, was er will. Dafür streicht er die Schulden vom Brunner und wir sind alle wieder gute Freunde. Aber er muss dem Brunner Spielverbot in Österreich geben, mindestens drei Monate lang. Machst du das für mich?«
»Wer bezahlt?«
»Bezahlt was?«
»Den Risikozuschlag. Ich werde hier auf einen Geisteskranken losgelassen. Wenn’s einfach und problemlos wäre, dann würdest du selber hinfahren. Oder die beiden da draußen mit einem Zettel losschicken.«
Chili kramte in der linken Schublade, zog ein paar Geldscheine heraus, legte sie auf den Schreibtisch und schob sie mit dem Absatz seines braunen, narbigen Westernstiefels in die Tischmitte: »Hier. Das ist ein 1.000er. Was meine Jungs anbelangt: Die kannst du nicht einfach so losschicken, das wirst du schon noch merken. Also, was ist, haben wir einen Deal?«
»Weiß der Brunner davon?«
»Dass er Schulden hat? Weiß er. Dass er nicht zahlen kann? Weiß er auch. Dass du ihm heute Abend den Arsch rettest? Weiß er nicht. Das sagen wir ihm auch nicht. Das kommt auf seinen Deckel, und wenn es so weit ist, dass er für mich die Immobiliensache durchziehen muss, dann kriegt er die Rechnung präsentiert. Mit Mehrwertsteuer.«
Der Auer Max kratzte sich am Kopf, dann nickte er und nahm das Geld. Er war schon fast aus dem Büro raus, da klatschte sich der Chili mit der flachen Hand auf die Stirn und rief ihm nach: »Hätt ich jetzt fast vergessen, Max. Schau dem Heinzi nicht auf das Glasauge, das mag er gar nicht.«
Max drehte sich um: »Was?«
»Ja, der Heinzi hat ein Glasauge. Das rechte. Das glotzt immer in alle möglichen Richtungen, weil es so locker in der Augenhöhle sitzt, dass er es bei Bedarf rausnehmen kann.«
»Er nimmt es raus. Interessant.«
»Nein, nicht, was du denkst. Aber manchmal, da kann er echt witzig sein. Wir waren mal in so einer Bauernwirtschaft beim Essen. Der Heinz hatte Obatzten, das ist der angemachte Käse, der auf dem Teller ausschaut, als hätte ihn grad vorhin schon mal jemand gegessen. Pass auf, es war so, dass dem Heinzi der Käs nicht geschmeckt hat. Deswegen nimmt er sein Glasauge raus, setzt es oben auf den Obatzten, sodass es traurig zur Decke starrt, und ruft die Bedienung. Er sagt: ›Fräulein, jetzt schauen S’ einmal, was ich da auf dem Teller gefunden hab‹. Die Frau schaut dem Auge ins Auge, schreit und kippt ohnmächtig um. Wir haben dann woanders gegessen.«
Max grinste: »Der Mann hat Humor, echt jetzt. Bis später. Ich hol die Jungs hier ab. So um sieben rum.«
»Halb acht reicht vollkommen.«
Max schüttelte den Kopf: »Passt schon. Sieben. Ich will mir das Terrain vorher ansehen und schauen, was man so alles machen kann. Sicher ist sicher.«
Danny, Arnold und Manfred saßen immer noch in der Nische, und Danny sagte: »Und dann sagt die Tussi zu mir, ich habe einen Platten am Auto, vorne rechts, kannst du mal vorbeikommen? Ich sage: ›Der rechte Vorderreifen?‹ Und sie: ›Ja, aber platt ist er nur ganz unten!‹ Verstehst du, was ich meine? Nur ganz unten?«
Manfred lachte, Arnold grunzte und Manfred meinte: »Ich mag ja keine Blondinenwitze, aber warum sitzt eine Blondine in der Wohnung auf dem Heizkörper? Weil der Hausmeister gesagt, hat: ›Vorsicht, Fräulein, der eine Heizkörper im Wohnzimmer leckt!‹«
Max klopfte ihm auf die Schulter: »Los alter Mann, dein Mädel wartet.«
Und zu den anderen beiden: »Ich hole euch um sieben Uhr ab. Zieht euch was Warmes an, wir müssen vielleicht ein bisschen auf der Straße mit dem Schirmer Heinzi reden. Der Boss weiß Bescheid. Bis später.«
Die Welt geht noch in Oasch, wenn des so weidageht
Auf der A8 war um 19.15 Uhr nicht mehr viel los. Ein paar LKWs, aber der Berufsverkehr war vorbei, ab und zu machte sich der Max den Spaß und rauschte mit 240 Sachen an einen Porsche oder einen großen BMW ran. Die Fahrer machten panisch Platz und schauten ungläubig dem alten, silbernen Mercedes nach.
Danny und Arnold saßen auf dem Rücksitz. Über ihren glänzenden Polyesteranzügen trugen sie knallrote Trenchcoats und blaue Kangol-Caps. Arnold hatte eine rosafarbene Sonnenbrille auf der Nase.
»Wo habt ihr nur die Klamotten her?« Max schaute lächelnd in den Rückspiegel.
»Das macht alles der Boss. Schicke Mäntel, was? Wenn du willst, kann ich den Chili mal fragen, ober er so einen in deiner Größe hat.« Danny beugte sich zwischen den Sitzen vor, sodass sein Kopf dicht am Nacken von Max war. »Der Boss hat noch einen ganzen Container voll mit Klamotten. Die hat er von einem Chinesen, der bei uns Spielschulden hatte. Wenn ich da mal was für dich tun kann …«
»Schon okay, danke. Ich bin farbenblind. Sag mal, der Dunkelbraune, der mit seinem ganzen Management da war, der ist für den nächsten Film eingeplant, oder? Ich meine, den Titel hast du mir ja schon verraten. Und die Handlung zum Teil auch.«
Danny nickte: »Der Boss sagt, das wird ein Knüller, eine große Nummer, sogar mit Text. Und der Hauptabnehmer hat auch schon vorgegeben, wer alles mitspielen muss. Ein Zitherspieler, eine Sängerin und eben der Braune. Der hat einen Lümmel, der geht ihm bis ans Knie, sagt sein Manager. So was sehen die Asiaten gerne. Das wird unser Durchbruch.«
»Wie viele Filme macht ihr denn so?«
»Einen oder zwei im Monat. Warum fragst du?«
»Nur so. Was anderes: Ihr beide kennt den Schirmer Heinzi und seine Truppe?«
Danny nickte grinsend: »Klar, der Schirmer kauft seine Jungs direkt aus dem Zoo, glaube ich. Die schauen brandgefährlich durch die Gegend, haben aber keine Ahnung von Taktik und so. Ich meine, wenn dich so einer in die Ecke drängt, dann ist Helm ab zum Gebet. Aber so weit wird es nicht kommen. Wir reden ja ganz friedlich, oder?«
»Von mir aus schon. Mal schauen. Hast du Artillerie dabei?«
»Auf dem Ohr höre ich schwer. Nur so viel: Mach du deinen Job und wir machen unseren.«
Auch gut, denkt sich der Max und schaute aus dem leicht geöffneten Seitenfenster. Sie fuhren von der A8 ab, auf die 1 in Richtung Walserberg, als das Handy des Kleinen losdröhnte. »Ja, lebt denn der alte Holzmichel noch« war sein Klingelton. Danny swingte ein bisschen zur Musik, dann hob er das silberne Ding ans Ohr: »Ja, Boss?«
Er verdrehte die Augen: »Warum denn? Osterfeldstraße wäre perfekt gewesen. Ich hab’ mir das auf dem Laptop angesehen. Wo will er jetzt? Ach du Kacke. Und wo da? Auf dem obersten Parkdeck, verstanden. Was? Ganz hinten an der Betonbrüstung? Der Kerl ist doch krank. Was? Klar, wir machen das. Bis gleich, Boss.«
Danny steckte das Handy wieder weg, beugte sich zum Auer vor und meinte: »Regieänderung. Der Heinzi hat sich das anders überlegt. Kennst du das Designer Outlet in Salzburg? Gegenüber ist der Hangar 7 und so?«
Auer nickte und fuhr das Fenster hoch: »Warum das denn?«
»Ich sag’s doch immer, der Kerl ist ein diplomierter Psycho. Also: auf das Parkdeck, ganz oben, Freiluft. Und dort ganz nach hinten an die Betonbrüstung. Das Auto mit dem Heck ganz an die Brüstung ran.«
»Hat der Angst, dass einer mit ’ner MP im Kofferraum sitzt? Dann geht der Deckel auf und … rrrrrt?«
»Der Heinzi ist dermaßen bematscht, der hat vor nichts Angst. Die Angst hat Angst vor ihm. Wir schaukeln das schon. Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.«
Arnold knurrte und würgte ein paar Laute heraus und fuchtelte mit den Händen.
Auer schaute ihm im Rückspiegel zu: »Was meint er?«
Danny lachte: »Er sagt, sogar der Tod verliert seinen Schrecken, wenn man ihn erst mal kennengelernt hat. Damit meint er wahrscheinlich das Bärenweibchen.«
Ein Schwarm großer Krähen flog so tief über die Straße, dass Max abrupt auf das Bremspedal stampfte. Alle drei im Auto wurden trotz der Sicherheitsgurte nach vorne gedrückt, und Danny schaute durch das Heckfenster den schwarzen Vögeln nach. Dann beugte er sich wieder zu Max und sagte: »Als Kind habe ich mal so eine Krähe gehabt.«
»Du warst mal ein Kind? Ist ja ein Hammer.«
Danny klopfte ihm auf die Schulter: »Ehrlich jetzt. Die saß auf einem Baum vor unserem Haus. Es war saukalt, Schnee überall und an den Dachrinnen hingen ganze Batterien von Eiszapfen. Ich geh also wieder rein, hole ein altes Brötchen und renn wieder raus. Unter dem Baum habe ich die Semmel zerbröselt, dann bin ich zur Terrasse gegangen und hab mich hingesetzt. Die Krähe hat blöd geguckt, so wie die halt immer gucken, wenn die nicht wissen, was Sache ist. Dann hat sie sich mit drei oder vier Schwüngen vom Baum gemacht, ist auf den Boden runter und hat die Semmel gefressen, also, die Krümel. Das größte Stück hat sie mitgenommen und ist damit weggeflogen.«
»Echt spannend. Bist du hinterhergeflogen?«
»Blödmann. Pass auf: Am nächsten Tag war sie wieder da. Ich hab Apfelkuchen gehabt, den hab ich ihr gegeben. So ging das zwei Wochen oder so.«
»Immer Apfelkuchen? Das hält doch keine Krähe lang aus.«
»Mann, kannst du nicht zuhören? Irgendwann nach diesen zwei Wochen steh ich unter dem Baum und schau zur Krähe hoch. Die schielt zurück, macht ein paar Flattermoves und sitzt auf meiner Schulter.«
»Echt jetzt?«
»Wenn ich es dir sage. Von nun an hat sie jeden Morgen auf dem Baum auf mich gewartet. Ist auf meine Schulter gehüpft, und wir sind spazieren gegangen. In den Park, durch die Straßen, natürlich nur da, wo fast kein Verkehr war. Eines Nachts im Sommer, ich hab das Fenster in meinem Zimmer offen wegen der Hitze, da sitzt die Krähe doch glatt auf der Lehne des Stuhls vor meinem Bett. Ich werde wach, seh den Vogel und piss mich fast an. Oh Mann!«
»Und dann?«
»Der blöde Vogel ist so zahm geworden, dass er fast jede Nacht in mein Zimmer gekommen ist. Eines Tages kam der Kater vom Nachbarn auch ins Zimmer und hat dem Vogel in den Kopf gebissen. Das war’s.«
»Und der Kater?«
»Das willst du nicht wissen, mein Alter.« Danny lehnte sich im Sitz zurück, und Max dachte sich, ich würde jetzt wetten, dass der kleine Kerl Tränen in den Augen hat.
Arnold neben ihm summte eine fürchterliche Melodie durch die Nase und klopfte den Takt dazu auf seinem Holzbein. Es klang schaurig und schlimm.
Danny beugte sich wieder vor, räusperte sich und sagte: »Wenn ich den so singen höre, da fällt mir ein: Hast du gewusst, dass es einen brasilianischen Froschlurch gibt, der heißt, warte mal, ja, genau, der heißt Brachylephalus …«
»Mit einem L oder mit zweien?«
»Warum hab ich bei dir immer das Gefühl, dass du mich verarschst? Nein, so heißt der. Mit einem L übrigens. Dieser Lurch, also, der quakt unheimlich melodiös. Erreicht aber damit keinen seiner Artgenossen, weil die alle taub sind. Genauso wie er, der Singelurch. Voll taub. Wie findest du das?«
»Soll das eine Anspielung auf Arnold sein?«
Danny schüttelte den Kopf: »Nein. Der Große freut sich und baut Wut auf. Der ist nur so richtig gut drauf, wenn er grantig ist. Da vorne, das riesige Eckhaus, das ist das Outlet. Die Einfahrt zu den Parkdecks ist um die Ecke. Bieg an der Ampel links ab.«
Schweigend fuhren sie die schmale Auffahrt zum obersten Deck hoch. Das war fast leer, und die wenigen Autos standen ziemlich nahe an der Auffahrt und den Ausgängen zu den Shops.
»Heute haben die bis neun Uhr abends geöffnet, normalerweise nur bis sieben. Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit.« Max parkte den Benz vorsichtig rückwärts ganz nahe an der Brüstung. Arnold schaute sich um, drehte sich zu Danny, grunzte und fuchtelte mit den Händen. Danny nickte, fuchtelte zurück und sagte zu Max: »Er meint, er schaut sich mal um. Wir können hierbleiben. In zehn Minuten ist er wieder da.«
»Wo will er sich umschauen?«
»Auf den unteren Decks. Man weiß ja nie.«
Arnold hievte seinen massigen Körper schnaufend aus dem Wagen und ging leicht humpelnd davon. Danny drehte sich nach allen Seiten und nestelte umständlich an seinen Ärmeln rum. Nach ungefähr fünf Minuten kam Arnold zurück. Er beugte sich vor das hintere Fenster und klopfte. Danny ließ die Scheibe runter und Arnold brummelte etwas und bewegte schnell seine Hände.
Danny nickte. »Er sagt, sie sind schon da. Stehen auf dem Deck unter uns. Sie haben ihn nicht gesehen, sondern beobachten die Auffahrt. Im Auto sind drei Kerle. Der Heinzi und zwei von seinen Schränken. Heinzi hat seinen Tigermantel an und raucht. Die anderen zwei glotzen nur blöd. Arnold meint, die hätten sich wohl mal im Zoo beworben, aber die wollten dort lieber was Wildes, mit vier Beinen.«
Danny und Arnold lachten, wobei das Lachen bei Arnold eher nach dem Röcheln eines Kerles klang, der gerade erwürgt wird.
Auer öffnete das Handschuhfach und nahm einen chromglänzenden Revolver heraus. Den steckte er in seine Jackentasche.
»Die werden dich filzen und finden den da sofort«, maulte Danny. Jetzt grinste der Auer und sagte: »Sollen sie ja. Genau deswegen ist er da, wo er ist.«
Es wird schnell dunkel, hier, vor den Alpen. Ein paar Regentropfen fielen lustlos aus den tiefen Wolken, und die weite Betonfläche sah im Licht der Neonröhren wie eine Eislaufbahn aus.
Von vorne an der Auffahrt, hörte man ein dumpfes Grummeln, und ein schwarzer Cadillac, vielleicht 15 oder 20 Jahre alt, kam im Schritttempo auf die Parkebene gerollt. Dunkel getönte Scheiben. Weißwandreifen, Felgen mit goldenen Speichen und zwei riesige Antennen am Heck, an denen hellbraune Fuchsschwänze baumelten, rundeten das Bild ab.
Der Schlitten rollte bis auf zwei oder drei Meter an den Benz heran. Der Achtzylinder blubberte im Leerlauf.
Auer und Danny stiegen aus und lehnten sich an den Kühlergrill des Mercedes’. Arnold lümmelte hinten neben dem Heck an der Betonbrüstung und kaute an einem Daumennagel. Er riss mit den Zähnen ein Stück ab und spie es aus.
Im hinteren Teil des Cadillacs rührte sich was. Ein massiger schwarzhaariger Kerl mit Undercut stieg aus. Vom Typ her ein Libanese oder Ägypter. Schwer zu sagen. Eine blaue Madonna mit einem Strahlenkranz war auf seine Stirn tätowiert. Auf der rechten Wange hatte er zwei lange Narben, die wie aufgeklebte Strohhalme aussahen. All dies nahm Auer im Bruchteil einer Sekunde wahr.
Der Große schaute sich um, starrte die drei beim Mercedes an und zog mit einer schnellen Bewegung den Reißverschluss seiner ballonseidenen schwarzen Bomberjacke auf.
Auer atmete scharf durch die Nase ein. Die Luft war feucht, nach Grillspeisen und Asphalt duftend, und von der Straße hoch kam ein Zischen, verbunden mit einem brenzligen Ozongeruch, wenn die Oberleitung der Straßenbahn knisternde Funken versprühte.
So viele Eindrücke in einer Sekunde oder so, wirst du dir jetzt bestimmt denken. Aber es ist so, glaub mir das. Dein Hirn rast, und um dich rum geht alles wie in Zeitlupe. Das Adrenalin schießt dir durch den Körper, und du weißt, dass du vielleicht gleich loslegen musst.
Der Regen wurde dichter und zog mit dem aufkommenden Wind in Schwaden heran.
Der Große ging zur Fahrertür, das Fenster glitt etwas runter, und der Kerl sagte was in einer unbekannten Sprache. Der Motor des Caddy verstummte und der Fahrer stieg aus. Fast genauso groß wie der Undercutkerl, vielleicht etwas schlanker. Er hatte eine Stupsnase und einen viel zu kleinen Mund, der etwas offen stand: »Ah, Dick und Doof. Euch habe ich ja schon eine Zeit lang nicht gesehen. Und du bist der Auer?« Damit nickte er zu Max hin, der zurücknickte. »Lasst euch mal ein bisschen kitzeln«, sagte er und kam auf die beiden zu. »Der Chef kommt gleich raus. Er ist ein bissel nervös, das habt ihr vielleicht schon gehört, oder?«
Der Massige holte mit einer schnellen Bewegung einen schwarzen Revolver aus seiner Bomberjacke und hielt ihn dicht am Oberschenkel, Mündung nach unten.
»Wenn ich was finde, dann legen wir es in euren Kofferraum. Nach der Besprechung fahren wir zuerst vom Deck, und ihr lasst den Kofferraum zu, bis wir weg sind. Der Ali hier«, damit zeigte er mit dem Kinn auf den Schrank in Schwarz, »hat euch im Blick. Dick und Doof wissen ja, wie schnell er sein kann. Und du, Auer, willst es gar nicht erst wissen. So, wer hat was einstecken?«
Max hob die Hand.
»Hol es mit zwei Fingern raus. Langsam. Leg es auf die Motorhaube.«
Auer fischte mit Daumen und Zeigefinger seinen Revolver aus der Jackentasche und tat, wie ihm geheißen. Danny zeigte auf seinen linken Fußknöchel. Dann ging er langsam auf ein Knie nieder und holte vorsichtig eine kleine braune Automatic aus dem Knöchelholster und legte sie neben Auers Waffe.
Der Stupsnasige schaute Arnold an. Der zuckte mit den Schultern, fasste unter seine linke Achsel und seine Hand kam mit einem finnischen Wurfmesser wieder zum Vorschein.
»Sehr gut. Großer, mach den Kofferraum auf. Fass nicht hinein, nur aufmachen.«
Arnold drückte auf den verchromten Knopf und zog den Deckel hoch. Der Schlanke kam um sie rumgetänzelt, nahm die zwei Schusswaffen und das Messer, legte es in den Kofferraum und schloss ihn mit einem dumpfen Knall.
»Gut. Ich werde euch noch schnell abklopfen. Kann ja sein, dass einer von euch in der Eile was vergessen hat.«
Er tastete Arnold ab, der knurrte, dann Max. Mit gekonnten, schnellen Bewegungen strich er über den Körper. Dann stellte er sich vor Danny: »Nimm die Arme hoch, Zwerg.«
Danny hob beide Arme über den Kopf und sagte: »Bitte nicht die Achselhöhlen, ich bin kitzlig wie der Teufel.«
Der Schlanke verzog das Gesicht, durchsuchte Danny von den Schultern bis zu den Füßen und griff ihm abschließend prüfend zwischen die Beine.
Danny grinste. »Fühlt sich an wie fünf Kilo Kartoffeln, findest du nicht?«
»Sauber?« Das kam von dem Schrank mit der Waffe in der Hand.
»Ja. Der Chef kann rauskommen.«
Undercut ging mit zwei schnellen Schritten zur Beifahrertür, ohne die Szene aus den Augen zu lassen. Er zog die Tür auf: »Alles klar, Chef.«
Max sah einen Krokodillederstiefel, darüber ein schwarzes Hosenbein, dann kam der zweite Stiefel in Sicht, das zweite Bein, dann schwang sich der Schirmer Heinzi singend aus dem Auto: »Va’, pensiero, sull’ale dorate; va’, ti posa sui clivi, sui colli, jaja. Na, wen haben wir denn da?« Heinzi strich seinen Leopardenpelzmantel glatt, fuhr sich mit der Hand über das lichte Haupthaar und fummelte mit zwei Fingern in seinem Gesicht herum.
»Gefangenenchor aus Nabucco. Ein wunderschönes Stück. Soll ich weitersingen?« Er hob den rechten Arm über den Kopf, und zwischen Daumen und Zeigfinger hielt er nun ein blassblaues Glasauge, das er mit der Hand hin und her drehte wie das Periskop eines U-Bootes: »So, ich schau mich nur ein bissel um, dann können wir zur Sache kommen.«
Mit einer flüssigen Bewegung steckte er das Auge wieder in die leere Höhle in seinem Gesicht, klatschte in die Hände und kam schräg tänzelnd auf Auer zu: »Du bist der neue Neffe. Von der Friedl. Jaja. Gut schaust aus. Der Chili hat mir schon von dir erzählt. Ein gschasster Kieberer. Des san mir die Liabsten. Desillusioniert. Dankbar. Zuverlässig. Weil sie wissen, a zwoats Mal kannst es ned verkacken. Oiso, Oida, was is mit meine Flocken?«
»35.000, richtig.«
Der Heinzi klatschte wieder begeistert in die Hände, lachte und drehte sich zu seinen beiden Kerlen: »Habts es g’hört? Ich sag ja, gut, der Mann.« Und zu Auer: »Und jetzad?«
»Der Brunner kann nicht zahlen. Der Chili hat zwar für den Brunner gebürgt, aber nicht so. Trotzdem will er dir was vorschlagen.«
Heinzi lachte wieder, wischte sich eine Träne aus dem gesunden Auge, während das blasse Glasauge wie eine Murmel in der Augenhöhle lag und zum Himmel schaute. Dann breitete der Schirmer theatralisch die Arme aus, sodass sich der Leopardenpelz vorne öffnete und den Blick auf fünf oder sechs dicke goldene Ketten freigab, die auf seinem schwarzen Hemd glänzten: »Er will mir was vorschlagen. Eine Überraschung, wie? Ich liebe Überraschungen! Wir können das aber auch so machen: Du zahlst. Du hast doch als ehemaliger Staatsdiener eine dicke Pension, oder?«
Auer schüttelte den Kopf: »Die ham s’ mir ganz bös gekürzt. Ich mach aber nächste Woche eine eigene Firma auf. Ein Startup. Sobald ich damit Geld verdiene, können wir über alles reden.«
»Was für eine Firma denn?«
»Einen Brennholzverleih. So was gibt’s noch nicht. Läuft aber nur im Winter, glaub ich.«
Heinzi wieherte los wie ein Pferd. Das Lachen brach plötzlich ab, er zischte etwas Unverständliches, und der Schlanke hatte plötzlich ein Messer in der Hand. Keiner von den Rosenheimern hatte die Bewegung gesehen.
»Ich hab ihm bloß gesagt, er soll dir, mein lieber Neffe, die Ohren abschneiden und in den Kofferraum zu euren Ballermännern legen. De Oarwaschel, wie wir hier sagen. Dann sieht der Chili, dass sich der Schirmer Heinzi ned veroarschen lasst, host mi?«
Er trat ganz dicht an den Max heran und sprach langsam und leise: »Pass auf, Kieberer, ich … will … mein … Geld. So weit ois leiwand? Guad. Des Abschneiden tut ned besonders weh. Du kannst halt dann keine Sonnenbrillen mehr tragen, weil die dir immer runterrutschen.«
Dann trat er zurück und lachte wieder wie irre. Der Schlanke trat an Max heran: »Ist nichts Persönliches, Alter. Mach keinen Blödsinn, dann geht es ganz schnell.«
Danny trat langsam einen Schritt zur Seite: »Wegen dem Blut. Die Flecken kriegt man nie mehr aus dem Anzug raus.« Im Zeitlupentempo hob er die Hände über den Kopf.
Heinzi lachte immer noch und prustete los: »Du brauchst de Patscherl ned hochnehmen, Zwerg, dir tut keiner was. Im Moment jedenfalls ned.«
Arnold rutschte langsam mit dem Rücken an der Brüstung nach unten und saß mit gespreizten Beinen, an die Betonmauer gelehnt.
»Was hat der?«, fragte der Messermann und Danny sagte: »Er kann kein Blut sehen, wahrscheinlich wird er gleich ohnmächtig.«
Die drei Salzburger sahen sich an, der Heinzi prustete wieder los und schrie: »I scheiß mi an. Die Haberer san sensibel. Los, auf geht’s, i mecht zum Fußball wieder daheim sein.«
Danny sagte zu dem Messermann: »Übrigens, hast du den Film gesehen, den mit dem Robert De Niro, ›Taxi Driver‹? Wo er zu dem Zuhälter sagt: ›You are talking to me? Tom me?‹«
Der Messermann sah Undercut und seinen Chef verständnislos an, alle drei starrten auf Danny.
Der sagte: »Nicht? Wie schade. Sonst würdet ihr das hier kennen!«
Ruckartig nahm er beide Arme runter und streckte sie von sich. In der rechten Hand hielt er einen flachen zweiläufigen Derringer: »Das war Roberts Trick, als er später in dem Haus mit den Kerlen aufgeräumt hat. Am Unterarm, in Schienen, da war die Kanone. Genau wie die hier. Gut, was? Du, schmeiß deinen Kracher weg, sonst hat dein Chef gleich noch ein weiteres Loch für ein Glasauge in der Rübe.«
»Des is ein Spielzeug, i sag euch, des is ein Spielzeug!«, schrie der Heinzi und ging auf Danny los. Der senkte einen Arm und schoss dem Heinzi in den Fuß. Peng.
Der Schirmer wirbelte durch die Wucht des Einschlages einmal um die eigene Achse und ging schreiend und mit den Armen rudernd zu Boden.
»Wer will noch mal, wer hat noch nicht? Ich hab zwar nur noch einen Schuss. Aber er hier …«, damit nickte er zu dem sitzenden Arnold hin, »er bläst euch alle mit seinem 12er-Schrot vom Parkdeck.«
Jetzt schaute auch der Max zu Arnold. Der hatte sein Holzbein abgestreift und hielt plötzlich eine abgesägte zweiläufige Schrotflinte in den Händen.
Der Heinzi wimmerte, und Max sagte zu dem Messermann: »Gib mir die Klinge. Ist übrigens eine ganz blöde Idee, mit einem Messer zu einer Schießerei zu kommen. Ach so, ja … heb deinen Chef auf. Ich muss ihm was sagen. Und ich bück mich so schlecht, irgendwas mit der Bandscheibe.«
Der Große glotzte, zeigte auf den sitzenden Arnold, wie er mit der Schrotflinte eine leicht kreisende Bewegung machte. Sein hellbraunes Holzbein lag neben dem Stumpf des linken Knies.
»Die Sau hat ein hohles Holzbein, das ist unfair«, sagte er anklagend.
Danny kramte mit der Linken in seiner Hosentasche: »Der Klügere lädt nach.«
Undercut zog den wimmernden Heinzi an seinem Leopardenfellmantel hoch und lehnte ihn an den Kühlergrill des Cadillacs. Murmelgroße Regentropfen glitten träge wie Schnecken über den schwarzen Lack. Heinzi wollte sich abstützen, rutschte aber an dem nassen Blech ab, und seine Finger hinterließen vier Bahnen auf der Kühlerhaube.
Max trat an ihn heran, hob ihm mit einer Hand das Kinn an und nahm den Unterkiefer des Mannes in einen festen Griff: »Warum lässt du mich nicht ausreden? Wie du siehst, zahlt sich unhöfliches Benehmen nicht aus. Was jetzt kommt, das sage ich nur einmal, also pass auf. Der Chili gibt dir die nächste Produktion, die er macht. Komplett. Mit Druckvorlagen für das Cover, die Mutter-DVD, die Rechte an der vollständigen Verwertung, alles, ohne Zeitlimit. Es wird eine gute Sache, wir denken, dass dir die DVDs um die 100.000 bringen können.«
Weiter unten an der Straße röhrten zwei Motorräder los. Harleys. Für einen Moment war der Lärm, der in der Straßenschlucht stand, allbeherrschend. Max und Heinzi schauten sich an. Danny hielt seinen nachgeladenen Derringer auf Undercut gerichtet, und Arnold saß immer noch da wie ein Straßenbettler und fixierte den Großen, der am Auto lehnte.
Der Schirmer Heinzi stöhnte laut auf und brach das Schweigen: »Du dumme Sau, warum hast denn des net glei g’sagt? Jessas, tut mir der Fuß weh.«
Max schaute über die Schulter zu Danny: »Wir haben einen Deal mit dem Mann hier. Geh und hol unsere Kanonen aus dem Kofferraum.«
Danny ging am Benz entlang, ohne den Arm mit der Waffe zu senken. Er drückte mit der Linken auf den Kofferraumverschluss, der Deckel glitt auf, und Danny fasste hinein. Er warf seinen Revolver zu Arnold, der ihn mit einer Hand auffing und neben sich auf den Boden legte. Dann schob er die Schrotflinte in die Höhlung des Holzbeines und schnallte sich die Prothese mit schnellen Bewegungen an den Kniestumpf. Mit einem Ächzen stand er auf, hob den Revolver vom Betonboden und ging zu Undercut. Er setzte ihm die Waffe in den Nacken und knurrte zu Danny, während seine freie Hand schnelle Bewegungen vollführte.
Danny grinste und sagte zu Max: »Arnold meint, er hätte gerne die Ohren von dem Mann mit dem komischen Haarschnitt. Ob wir noch so viel Zeit haben?«
Auer lachte, ließ den Heinzi los und rief dem Großen am Auto zu: »Pack deinen Chef in die Kiste und dann macht euch vom Acker.« Und zu Undercut: »Möchtest du noch ein bisschen hierbleiben? Ich glaube, du hast was, was unser Arnold gerne möchte.«
Undercut funkelte die drei an, ging auf die Fahrerseite des Caddys und stieg ein.
Heinzi saß jammernd auf dem Beifahrersitz und ließ das Fenster runter. Sein Glasauge rollte in der Höhle hin und her, und aus seinem gesunden Auge flossen Tränen: »Mir san no ned fertig, Burschi. Sag dem Chili, außer dem Deal zahlts ihr alles, was mit meinem Bein zu tun hat.«
Max beugte sich zu ihm runter: »Du bist doch bestimmt gut versichert, oder?«
Heinzi lachte trotz der Schmerzen los: »Hearst, du Trottel, wer versichert denn unser Berufsrisiko?« Und zu Undercut: »Grins ned und fahr los, du Inzuchtler, sonst rauch i dir no eine auf.«
Der Motor des Caddys drehte hoch, und der Wagen machte einen Satz rückwärts, drehte nach ein paar Metern und verschwand mit quietschenden Reifen in der Abfahrt.
Über den Alpen blitzte es, Gewitterwolken jagten heran und der Regen wurde stärker. Unten, auf der Straße, schrie eine Frau auf, und gleich darauf weinte ein Kind. Arnold lehnte mit einem Arm auf dem Dach des Mercedes’, legte seinen schweren Kopf darauf, und sein ganzer Körper wurde von einem wilden, lautlosen Lachen geschüttelt.
Die Stille, verstehst du, die macht etwas mit einem. Wie wenn man in seinem eigenen Körper gefangen ist. Kennst du das? Für den Auer, während sie schweigend dahinfuhren, wurde die Welt immer kleiner. Auch das Innere des Autos ist plötzlich nicht mehr existent. Du kannst dich nicht an die Straße erinnern, du fährst wie in Trance. Deine Welt wird immer kleiner, bis sie nur noch aus deinen Gedanken besteht.
Der Max fuhr mit einer Hand am Lenkrad, mit der anderen kratzte er sich am Kinn. So unterbewusst zärtlich, wie ein Mann seine Frau im Schlaf berührt, wenn sie sich neben ihm bewegt.
Seine Gedanken überschlugen sich, und er fragte sich, ob es so ist, dass er die Gewalt anzieht oder umgekehrt. Wer lässt in meinem Leben die Würfel rollen, denkt er sich. Früher, ach was, so lange ist das ja noch gar nicht her, bei der Polizei, da schließt man unter seinesgleichen einen Bund, der nichts mit Freundschaft zu tun hat. Etwas ganz Besonderes, das es in anderen Berufen nicht gibt.
Versteh mich jetzt nicht falsch, Polizisten oder auch die Feuerwehrprofis, die sind nichts Elitäres oder Besonderes. Die wollen oder können halt nur ihre Erlebnisse und Erfahrungen nicht mit Außenstehenden durchsprechen. Wenn sie es täten, würde man ihnen vieles einfach nicht glauben.
Der Auer kannte da mal einen, der hat im Dienst drei Leute erschossen. Einer hat auf Knien um sein Leben gefleht, ein Kinderschänder, der zwei kleine Mädels umgebracht hat. Aber was soll’s, das ist eine andere Geschichte.
Auf jeden Fall, ein paar Jahre später starb der Sohn dieses Polizisten an einer Überdosis. Mit grade mal 15. Der Kollege vom Auer Max glaubte, dass das jetzt die Strafe war für die drei Leben, die er genommen hat. Auch wenn’s Verbrecher waren, und auch, wenn er zwei in Notwehr umgelegt hat.
Seit dem Tod seines Sohnes waren die drei Seelen der Verbrecher in ihm und erinnerten ihn an jedem neuen Tag daran, was er gemacht hat. Und nachts saßen sie an seinem Bett oder spielten in seinen Träumen.
Warum ich das erzähle?
Weil es diese Gedanken sind, die dem Max jetzt durch den Kopf jagen. Weil er sich fragt, ob ihn auch mal eine Bürde heimsucht, die er ab dann tragen muss.
»Hey, Mann, wohin fährst du denn?«
Danny klopfte ihm auf die Schulter und riss ihn so aus seinen Grübeleien.
»Du hättest die Ausfahrt Rohrdorf nehmen sollen!«
»Was? Wie? Nein, ich fahr die nächste. Da sind wir schneller bei euch.«
Der? Der ist doch ein Kugelfisch
So gegen 21 Uhr, 21.15 Uhr kamen sie am »Wild Wild West« an. Der Parkplatz war schon ziemlich voll, und beim Reingehen dröhnte ihnen »Viva Las Vegas« entgegen. In der Fassung von ZZ Top, die ich persönlich eh für die Beste von allen halte. Elvis hat das ja immer so aus dem Unterleib raus genölt, aber bei den ZZ Top-Jungs, da knallt dir das ganze Las Vegas in den Kopf. Du siehst die vielen glänzenden Autos, die Menschenmassen auf beiden Seiten der Boulevards, die Lichter der gigantischen Hotels, die riesigen Neonreklamen, die Stars wie Jennifer Lopez, Rod Stewart oder die Back Street Boys ankündigen. Aber zurück nach Rosenheim:
Danny und Arnold gingen an die Bar. Arnold schob drei Typen zur Seite. Einer ballte die Faust und drehte sich schnell um. Dann sah er Arnold. Schnell hob er beide Arme, die Handflächen flach nach vorne und grinste dümmlich. Danny klopfte ihm auf die Schulter und ließ seinen Zeigefinger über dem Kopf kreisen: »Bier und Schnaps für alle am Tresen!«
Auer ging zwischen den voll besetzten Tischen durch und hämmerte zweimal an die Bürotür, bevor er sie aufschwingen ließ. Chili, hinter seinem Schreibtisch sitzend, die gestiefelten Füße auf dem Tisch, hielt sein Handy ans Ohr. Mit erhobenem Zeigefinger gebot er dem Max, die Tür zu schließen und sich zu setzen, dann sprach er weiter: »Was? Nein, das war die Tusse von der Bar. Ich ruf dich an, sobald sie zurück sind. Nein, sie haben nicht hier angerufen. Was? Jetzt geh, Heinzi, ich kann sie doch nicht alle drei erschießen. Gut, den Max vielleicht, aber die anderen zwei? Weißt du überhaupt, wie schwer man heute qualifiziertes Personal bekommt? Was? Na also. Wir? Ja, klar. Die ganze Produktion hat er dir versprochen? Der spinnt doch. Was? Ja dann. Na servus, das kostet mich ein Vermögen.«
Der Chili legte das Handy auf seinen Bauch, holte eine Flasche Jack Daniels aus dem Schreibtisch und fischte ächzend zwei Gläser aus dem Regal hinter sich.
Dann drehte er den Verschluss auf, schob Max die Flasche rüber und kreiste mit dem Finger über den Gläsern, das Handy schon wieder am Ohr: »Heinzi, hallo? Bist du noch da? Ja, da war grade so ein statisches Rauschen und du warst weg. Aber jetzt verstehe ich dich wieder. Wie? Schon klar, wenn er das gesagt hat, dann stehe ich zu seinem Wort. Du kriegst alles in drei oder vier Wochen. Als Zugabe, Schmerzensgeld oder so gebe ich dir eine Roh-DVD, die ich letzte Woche gemacht habe. ›Geile Klempner beim Rohrverlegen‹. Echt gut. Mit Nachwuchstalenten. Was? Okay, du hörst von mir. Tschau, Heinzi. Wie? Ja, du mich auch. Gute Besserung. Over.«
Chili ließ zischend Luft aus seinem Brustkorb und nahm einen Schluck Bourbon: »Ahhh, jetzt geht es wieder. Sag einmal, warum wolltet ihr euch da drüben gegenseitig die Ohren abschneiden? Macht man das jetzt so?«
»Die haben damit angefangen. Der Heinzi ist ausgetickt, der ist in seinem Steifftiermantel rumgehüpft wie ein Derwisch und hat seinem Sklaven befohlen, mir an die Ohren zu gehen.«
»Ja, so was macht er gerne. Er hat halt einen schrägen Humor. Aber: Ich habe dich gewarnt. Der Typ ist von einem anderen Planeten. Gut, dass meine Jungs dabei waren.«
»Der Kleine mit seiner Robert-De-Niro-Nummer, der ist schon ein Hammer.«
Chili strahlte: »Ja, oder? Ich hab ihm die Szene gezeigt. ›Taxi Driver‹. Robert mit Irokesenschnitt. Die kleine Kanone mit einem Stück Vorhangschiene und auf Rollen. Wow. Hat der Kleine alles selber gebastelt, nachdem er sich die Sache im Film ein Dutzend Mal angesehen hat. Robert macht das ja glasklar vor. Hast du ›Taxi Driver‹ auch gesehen?«
Max nickte, den Mund voll mit Jacky D.
»Und der Große hat nicht geschossen? Mit seiner Schrotspritze?«
Max schüttelte den Kopf.
Chili kratzte sich am Ohr: »Komisch, macht er sonst gerne. Vielleicht war das Ding nicht geladen? Ist ja auch egal. Der Heinzi hat einen glatten Durchschuss im Oberschenkel. Die haben ihn zu einem Arzt gefahren, der auch zockt und die Brüder wieder auf Vordermann bringt, wenn was ist. Der Heinzi organisiert ja auch diese Boxkämpfe ohne Regeln und Handschuhe. Im Käfig oder in einer Grube. Da brauchst du als Arzt viel Fantasie, wenn du solche Kerle wieder auf menschliches Aussehen trimmen sollst.«
Chili strich mit den Fingern durch seinen strohblonden Pferdeschwanz und griff dann in eine Schublade. Aus der holte er zwei 500er, schob sie dem Auer rüber und klopfte mit dem Zeigefinger drauf: »Hier, Lärmzuschlag und Bonus. Hast du gut gemacht. So bin ich fein aus der Sache raus. Gschamster Diener, sagt danke. Der Spruch ist vom Heinzi. Diese Österreicher. Sind immer lustige Burschen, auch wenn sie ein zusätzliches Loch in den Kadaver gestanzt kriegen, was?«
Der Auer wollte aufstehen, aber Chili hob die Hand: »Bleib sitzen. Ich hab vorhin noch was aufs Handy gekriegt. Ein Video von der Sissi. Schau dir das an und sag mir, ob du dadraus schlau wirst.«
Chili fummelte an seinem Samsung rum, drückte ein paar Tasten und schob das Handy zu Max rüber.
Jetzt stell dir das mal vor: Displayfüllend das verheulte Gesicht von der Sissi. Die goldblonden Haare zerzaust, das Augen-Make-up verwischt, sodass sie aussah wie einer dieser Nachwuchsvampire aus »Biss zum Morgenrot« oder wie diese Filme heißen.
In der einen Hand eine Zigarette mit viel Asche dran, in der anderen ein Glas mit einer blassblauen Flüssigkeit. Max drückte auf »Pause« und schaute sich den Hintergrund an: Gelb-rote Blümchentapeten wie aus der Ex-DDR, weiter hinten eine mit einem Nachthemd oder so was Ähnlichem abgehängte Stehlampe. Das Bett fleckig und zerwühlt. Jedenfalls das, was man sehen konnte.
Max drückte »Play«, der Kopf von der Sissi ruckte wie bei einem Huhn, dann hörte er ihre Stimme: »Chili, Schatz, schau, wie i schau. Gut geht’s mir nicht, aber es ist alles nicht so schlimm, wie du vielleicht meinst. Du machst dir wahrscheinlich wahnsinnige Sorgen, deswegen meld ich mich ja. Ich darf eigentlich mit niemandem sprechen, aber ich hab ihm vorhin sein Handy aus der Jacke gezogen. Chili, unternimm nix, lass deine Hunde nicht los, ich krieg das alles irgendwie in den Griff. Glaub auch nicht, was andere dir vielleicht erzählen, ja? Ich muss Schluss machen, unten geht wer die Treppe hoch. Tschau Schatz, ich hab dich ja so geliebt. Fast, jedenfalls, ich meine, du weißt schon. Bussi!«
Dann wurde das Display dunkel. Max spielte die Nachricht zurück und schaute sich das Video noch mal an. Und dann noch mal.
»Willst du es gerne auf Endlosschleife haben oder was wird das?«
Max nickte, ohne die Augen vom Display zu lassen: »Ja, gib mir das auf mein Handy. Der Hintergrund, ich weiß auch nicht. In München bin ich durch so viele Puffs marschiert, dienstlich und privat, aber … irgendwie, ich hab so das Gefühl, dass ich das Zimmer schon mal betreten habe. Ich will mir den Film auf den Laptop spielen und den Hintergrund rausarbeiten. War eine Nummer dabei? Irgendwas?«
Chili grinste: »Anonym, ist doch klar. Was hast du denn erwartet. Sag dem Brunner kein Wort davon, klar?«
Max schaute auf: »Dem mache ich morgen einen Überraschungsbesuch im Büro. Dann falte ich ihn auf DIN-A4, so wird der Knabe schnell kooperativ. Der muss was wissen. Und das wird er mir sagen. Bin ich den beiden da draußen was schuldig für die Nummer in Salzburg?«
Chili lachte und schüttelte den Kopf: »Spinnt du jetzt? So was wie heute gehört zur Jobbeschreibung. Außerdem freue ich mich, dass die beiden mal ein bisschen rausgekommen sind und Spaß hatten. Man muss seinem Personal ein angenehmes Arbeitsumfeld bieten, die müssen sich gefordert und bestätigt sehen. Psychologie, verstehst?«
Es wurde an die Tür geklopft, die ging einen Spalt auf, dann war der Kopf der Bardame zwischen Tür und Türstock: »Darf ich eine Sekunde reinkommen oder störe ich grade?«
Chili winkte ihr, und sie kam ins Zimmer. Nervös strich sie mit den Händen über ihren extrem kurzen goldglänzenden Mini: »Chef, ich hab da was Wichtiges morgen früh. Die Sonja übernimmt jetzt draußen für mich die Bar, und …«
Chili nahm die Stiefel von Schreibtisch und beugte sich vor: »Ja, was ist denn? Red doch endlich! Hast du wieder mal Ärger mit deinem Kerl?«
»Mit dem Roberto? Den hab ich schon vor zwei Wochen entsorgt. Nein, es geht um den Carlo.«
»Schon wieder ein Italiener? Was haben die, was ich nicht habe, das vielleicht?« Chili hielt die Handflächen in einem Abstand von circa 30 Zentimetern vor sein Gesicht und grinste dreckig.
Auer stöhnte und schloss die Augen.
»Ach was, hör mir auf mit Kerlen. Der Carlo, das ist mein Kater. Der schwarze, den kennen Sie doch, Chef. Ich hab ihn auf der Weihnachtsfeier dabeigehabt und Sie haben ihn gestreichelt. Erinnern Sie sich?«
Chili überlegte: »Ja, klar. Und, was ist mit ihm? Soll ich ihn erschießen?«
Sie sagte: »Nein, ich hätte gerne, dass er heute hier im Büro übernachten kann, weil ich ja nach Niederbayern muss. Todesfall in der Familie. Da kann ich nicht mit einem schwarzen Kater auf den Friedhof gehen. Die sind doch alle so abergläubisch bei uns in der Familie.«
»Laura, dein Kater ist kein Kater, sondern ein fetter Kugelfisch. Weil du ihn zu Tode fütterst. Du hast dir einen Kugelfisch rangemästet. Und, siehst du hier irgendwo ein Aquarium? Schau ich aus wie einer, der mit fetten Fischen kuschelt?«
»Jetzt werden S’ nicht gemein, ja? Der Carlo hat sein astrologisches Idealgewicht. Er ist muskulös, aber nicht fett. Neun Kilo für einen Kater sind heutzutage nicht unnormal. Nicht besonders, jedenfalls. Ich hab ihn samt Korb im Auto. Da bei Ihnen unter dem Schreibtisch, da tät es ihm bestimmt gefallen. Und morgen ist er wieder bei mir. Bitte, bitte, ja? Nur bis morgen Nachmittag, Chef?«
»Ich bin einfach zu gut für diese Welt. Bring das Monster und leg ihn hier ab. Wenn ich Flöhe krieg oder sonst was, dann ist er dran.«
Die junge Frau warf dem Chili eine gehauchte Kusshand zu, machte einen Knicks und verschwand.
Max stand auch auf: »Ich mach mich vom Acker. Mal schauen, vielleicht krieg ich aus dem Video was raus. Du hörst von mir. Servus.«
Chili wedelte müde mit der Hand und griff nach der Jack-Daniels-Flasche. Die Kneipe war mittlerweile brechend voll. Lichtblitze zuckten von den zwei alten Discokugeln über der winzigen Spiegeltanzfläche. An der Stange, die direkt auf dem Bartresen und oben an der Decke verankert war, tanzte eine blasse, üppige Rothaarige und verrenkte sich zu »Rockin’ all over the World« von »Status Quo«. In ihrem dunkelroten String steckten 10er, 20er und ein 100er.
Als Max hinter den Bartrinkern vorbeiging, vollführte sie eine gewagte Drehung, warf die Beine in die Luft, und ein Absatz ihrer Highheels rauschte bedenklich nahe an Auers Nase vorbei.
Danny und Arnold lümmelten an ihrem Zweiertisch nahe den Separees und winkten Max zu. Arnold verzog sein narbiges Gesicht zu einer fürchterlichen Grimasse, die man mit viel Fantasie als Grinsen interpretieren könnte.
Geh, iss doch was …
Ich bin extra aufgeblieben
Es ging auf 22 Uhr zu, als der Max die Wohnungstür aufschloss und leise in die Diele ging. Aus dem Wohnzimmer fiel Licht, und gleich darauf hörte er Friedls Stimme: »Bub, bist du das?«
»Ja, Tante, es ist ein bissel spät geworden. Tut mir leid.«
»Macht doch nix. Komm rein, Bub, und setz dich ein bissel zu mir. Ich glaub ich hab da was, das haut dich um.«
»Die Sissi? Der Brunner?« Max, immer noch in der Diele, hielt sich mit einer Hand an der Kommode fest, während er aus seinen Schuhen schlüpfte. Bitte nichts Neues mehr, dachte er sich, für heute ist wirklich genug zusammengekommen.
Die Friedl winkte ihn zum Tisch, deutete auf einen Stuhl, und Max sah, dass Besteck und eine Serviette vor ihm lagen.
»Wart, ich hol dir schnell ein kaltes Bier, dann isst du einen kleinen Happen, und dann erzähl ich dir was. Hast du ein bisschen Appetit?«
»Und wie. Essen passt immer. Ich hab seit dem Frühstück nichts mehr auf die Gabel gekriegt. Was gibt es Feines?«
»Der Manni und ich, wir haben schon gegessen, um sieben. Er hat sich einen Rinderschmorbraten in Biersoße gewünscht. Weil es da, wo er war, ganz wenig Bier gegeben hat, sagt er. Dazu ein paar schöne Brezenknödel. Das wird dir auch schmecken.«
Der Max hat natürlich schon gemerkt, dass der Manfred nicht zu sehen war. »Wo ist er denn?«
»Der Braten? In der Röhre, ich hab ihn dir warmgehalten. Ach so, du meinst den Manni? Der ist vorhin noch mal schnell weg, ein bisschen spazieren, hat er gemeint. Der kommt bestimmt gleich wieder. So, hier hast du dein Bier, ich bring jetzt den Braten. Der ist was ganz Spezielles, wirst schon sehen.«
Gut, jetzt denkst du dir sicher, ein Rinderbraten? Was ist so Besonderes an einem Rinderbraten? Kann schon sein, aber dieser hier, den koch mal nach, dann verstehst du, was die Friedl meint.
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