Wort für Mord Sabine Wolfgang Jakob Primm ist besessen von Autorin Paula Hogitsch, der erfolgreichen Wiener Königin des Suspense-Romans. Bei der Lesung aus ihrem letzten Werk „Zwischen den Zeilen“ traut der unheimlich anmutende Einzelgänger seinen Ohren kaum, als er sich in der Hauptfigur ihres Krimis wiedererkennt. Die Erfolgsautorin schildert detailgetreu die beiden Morde, die er vor Jahren an seinem früheren Wohnort begangen hat. Er fühlt sich in die Enge getrieben. Woher weiß die von ihm so bewunderte Schriftstellerin über die Verbrechen des Jakob Primm Bescheid, und was bezweckt sie mit der Veröffentlichung? Will sie ihren größten Anhänger etwa hinter Gitter bringen oder handelt es sich bei all dem um ein gut geplantes Komplott? „Honestly, I don’t understand why people get so worked up about a little murder!“ Patricia Highsmith, Ripley Under Ground Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Die Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de © 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln www.niemeyer-buch.de Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: C. Riethmüller Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH eISBN 978-3-8271-8415-3 Sabine Wolfgang Wort für Mord „We are who we pretend to be.“ Joy Fielding Prolog Sie sah so friedlich aus, wie sie da lag. Beinahe konnte man meinen, sie machte ein Nickerchen, doch ihre unnatürliche Haltung und der Boden, der sich unter ihrem regungslosen Körper langsam rot färbte, signalisierten etwas anderes. Alles, was in der letzten Stunde von ihm angefasst wurde, säuberte er gewissenhaft mit einem Tuch, das er in seiner Hosentasche aufbewahrte. Ohne zu wissen, wohin ihn der heutige Abend führen würde, hatte er es mit eingepackt. Zwei Mal ging er seine eben vollführte Tat gedanklich durch, marschierte den Weg exakt wie vorhin noch einmal entlang und verwischte gewissenhaft die Spuren seiner Tat, ja seiner Existenz. Immer wieder ertappte er sich dabei, einen Blick auf den leblosen Körper zu werfen und zu überprüfen, ob da nicht doch noch letzte Anzeichen von Leben in ihm schlummerten. Aber da war nichts mehr, was ihn zittern lassen musste. Mehrmals vergewisserte er sich, nichts Verdächtiges zurückgelassen zu haben, um die Ermittlungen nicht in seine Richtung zu lenken. Doch außer seinem Schlüssel und seinem Tuch hatte er nichts bei sich, was ihm unabsichtlich aus der Tasche hätte gleiten können. Ein letztes Mal speicherte er das Dokument und klappte den Laptop halb zu, ganz wie sie ihn vorhin zurückgelassen hatte – freilich mit seinem Tuch über der Hand. Beim Anziehen seiner Schuhe warf er einen erneuten Blick auf den Leichnam. Er war zu jenem Zeitpunkt der Einzige, der über die Information verfügte, dass sie nicht mehr am Leben war. Das Medienecho, das Wien und das Land ab morgen erreichte, würde enorm sein. Kurz vor dem Gehen legte er eine letzte Kontrollrunde ein. Seinen Blick für Details und das akribische Vorgehen in Kombination mit präziser Vorausplanung – gerade so, als würde man beim Schachspiel mit einem finalen Zug das Schicksal seines Gegners endgültig besiegeln – hatte er von ihr gelernt. Geradezu zwingen musste er sich dazu, den Ort des Verbrechens nun zu verlassen, bevor er seiner Akribie zum Opfer fiel. War er erst einmal aus ihren eigenen vier Wänden verschwunden, gab es kein Zurück mehr. Nie mehr wieder würde er in ihr Reich eindringen können, um ihre Energie aufzusaugen und Kraft für den ohnehin so farblosen Alltag zu tanken. Dass er sein Leben nun ohne sie bestreiten musste, kam ihm in diesem Moment zum ersten Mal in den Sinn. Doch seine Erkenntnis währte nicht lange und ging nahtlos in Triumph über, den er sich selbst von ihr nicht nehmen ließ. Ein letzter Blick schweifte über die Bilder an der Wand. Tief atmete er ihre Luft und ihr letztes Lebenselixier ein, pausierte kurz, als seine Lungen prallvoll waren, und stieß dann alles aus, was in ihm steckte, auf dieselbe Weise, wie sie kurz zuvor ihren letzten Atemzug ausgehaucht hatte. Mit seinem Tuch über die rechte Hand gestülpt, öffnete er die Türe so vorsichtig und langsam, wie es in seiner Macht stand. Nachdem sich ein Spalt in die Welt da draußen öffnete, hielt er inne und horchte, ob sich davor etwas regte. Doch alles war friedlich und ruhte in sich. Ein stilles, vornehmes Haus, das ihn in Ruhe seine so wichtige Arbeit verrichten ließ. Genauso bemühte er sich wiederum, so leise wie möglich zu agieren und niemanden zu stören. Nach einem finalen Blick zurück in ihre Welt, auf alles, was sie hinterlassen sollte, schloss er die Türe hinter sich, verharrte kurz davor und machte sich schließlich auf den Weg. Er bewegte sich behutsam und doch zügig fort, unter Druck, jedoch gefasst und auch weiterhin auf jedes Detail achtgebend. War er in Eile, vergaß er dennoch nicht auf die so wertvolle Genauigkeit, die er in entscheidenden Situationen an den Tag zu legen hatte. Nicht ohne den Blick in Richtung des sich vorhin dort befindenden Igels zu werfen, marschierte er zum Ausgang. Beinahe fühlte er sich bemüßigt, langsamer zu werden und dem stacheligen Tier größere Aufmerksamkeit einzuräumen, doch er ließ widerwillig davon ab. Stattdessen ging er zum Tor, durch das er wieder in die Welt da draußen gelangen würde. Wahllos drückte er eine Nummer bei der Gegensprechanlage. Nun spürte er zum ersten Mal seinen Puls im Hals pochen und eine kurze letzte Aufregung darüber, ob er die Anlage problemlos würde verlassen können. Der Summerton meldete sich. Erleichtert öffnete er die Tür hinaus in die nebelverhangene Stadt. Er war frei. Kapitel 1 – Das Porträt November 2009 Das Bild an der Wand erinnerte ihn an sie, obwohl es sich um das Porträt einer Unbekannten handelte. Einer Dame, der er nie begegnet war und der er sich doch verbunden fühlte. Er hatte das Gemälde im Sommer vor vielen Jahren in einem Antiquitätenladen im 6. Wiener Gemeindebezirk erworben, den ein älterer Herr aus Sammlerleidenschaft betrieb. Per Zufall war er auf das Porträt beim langsamen Vorbeischlendern am Geschäft aufmerksam geworden, kurz nach der Verlegung seines Wohnsitzes nach Wien. Die Augen der Fremden hatten denselben Ausdruck wie ihre, wenn sie konzentriert etwas vorlas, und fesselten ihn schon beim flüchtigen Blick in die Auslage. Die Brauen beschrieben einen harmonischen Bogen und formten den perfekten Rahmen eines in sich stimmigen Bildes. An der Fensterscheibe stehend, hatte er das Porträt theoretisch bereits erworben, ohne den Preis dafür zu kennen. Normalerweise würde er nie etwas kaufen, was er nicht vorher mindestens für ein paar Tage überdachte, doch dieses Mal brauchte er die für ihn übliche Planung nicht. Er stand unter Zwang, das Gemälde zu erwerben, da es ihn an sie erinnerte. Jakob Primm war ein unauffälliger Mann. Er hatte ein Gesicht, das man leicht wieder vergaß, ohne es überhaupt erst wahrgenommen zu haben. Selbst in seinem Wohnhaus in Wien Margareten kannte man ihn kaum, obwohl er dort seit 13 Jahren lebte. Seine Mutter drängte darauf, nach der Erbschaft jener Wohnung von ihrem verstorbenen Onkel unter allen Umständen hierhin zu ziehen. Für ihn kam der Zeitpunkt des Ortswechsels damals im idealen Moment, da er gezwungen war, Tattendorf so schnell wie möglich zu verlassen. Er fand sich damit ab, Wien als seinen Lebensmittelpunkt zu definieren, und vermisste das Landleben in keiner Sekunde seiner Existenz. Hier genoss er eine Anonymität, die es in der Stadt vorzüglich auszuleben galt. Er vermied es, den Bewohnern desselben Wohnhauses in die Augen zu blicken, um sich weiterhin in seinem Inkognito-Dasein zu suhlen. Er schaffte es, sich nicht in den hausüblichen Klatsch und Tratsch einzumischen, unerkannt durch das Stiegenhaus zu schleichen und auf diese Weise seine Privatsphäre zu wahren. Genauso gelang es den anderen Bewohnern des Hauses, über Jakob Primm hinwegzusehen. Schon seit vielen Jahren war er nicht mehr im Arbeitsleben tätig und ergötzte sich seither daran, seinen eigenen Tagesablauf zu kreieren, indem er sich intensiv seiner Wohnung und Literatur widmete. Doch was sich genau hinter den Mauern seiner vier Wände zutrug, war niemandem bekannt. Er lebte in einem Haus in der Bärengasse, die die Amtshausgasse mit dem Hundsturm verband. Nur wenige Menschen passierten diese kleine Gasse, die meist auf die nächstgrößeren Straßen auswichen, um von A nach B zu gelangen. Insofern lebte er stadtzentral, doch in einer absoluten Ruhelage. Supermarkt, Bäcker, Post und Apotheke befanden sich allesamt in kurzer Gehdistanz. Auch ein kleiner Park (Am Hundsturm) war zur Stelle, wenn ihn doch einmal das Gefühl packte, sich ins Freie zu setzen und Menschen zu beobachten, die ihre Hunde Gassi führten. Längst war er nicht mehr imstande, sich vorzustellen, jemals woanders zu wohnen, und dankte seiner Mutter jeden Tag dafür, ihn hierhin gebracht zu haben, wenn er sie am Grab am Friedhof Meidling besuchte. Dies war nur eines seiner täglichen Rituale. Jakob Primm liebte fixe Gewohnheiten und versuchte, diese nicht zu brechen oder abzuändern. Er benötigte einen organisierten Ablauf und war jeden Abend selbstzufrieden, wieder einen ganzen Tag über die Runden gebracht zu haben, ohne davon abzuweichen. Und er liebte seine Einsamkeit. Jeden Morgen machte er es sich auf seinem Sofa im Wohnzimmer mit einer Tasse Kaffee gemütlich, nahm die dumpfen Außengeräusche seiner Gegend wahr und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Ein Tag nach dem anderen begann identisch. Darauf legte er großen Wert. Kaffeekanne und Tasse stellte er stets am Vorabend bereit, wobei die Farbe des Behältnisses jeweils dem Wochentag entsprach. An diesem Mittwochmorgen genoss er das warme Bohnengetränk aus einem roten Porzellangeschirr. Der Farbton erinnerte ihn an ihre Fingernägel, die ihn immer wieder faszinierten, wenn er sie sah. Dieser Tag sollte herausragend werden. Sein Morgenritual nahm zwanzig Minuten in Anspruch, in welchen er sich völlig in seiner Gedankenwelt verlor, wie in Trance kaum zu atmen glaubte und die Stille in seinem Kopf genoss. Gelegentlich glitten seine Augen dabei über ihre Gesichtszüge auf dem Gemälde, die so real schienen, dass er sich manches Mal einbildete, sie wäre als lebendes Wesen stets bei ihm. Den Maler des Porträts, das er an jenem Tag in der Auslage entdeckt hatte, kannte er nicht. Auf dem rechten unteren Rand des Bildes waren die verblassten Initialen R.B. zu sehen, doch um wen es sich dabei handelte, war ihm unbekannt. Das Geheimnisvolle, das mit dem Antlitz dieser Frau in Verbindung stand, erregte ihn. So hielt er sich bewusst zurück, die Geschichte dahinter zu ergründen. Schon beim Erwerb des Bildes war er versucht gewesen, den Händler darüber zu befragen und sich nach dem Maler zu erkundigen. Doch sowie er die Frage gedanklich formuliert und den Mund geöffnet hatte, um sie dem Verkäufer zu stellen, zog er sie zurück und klappte die Kiefer wieder zusammen. Man muss nicht alles wissen, rechtfertigte er sich selbst im Geiste nach seinem abrupten Meinungswechsel. An jenen Tag erinnerte er sich genau zurück. Es war 13 Jahre her, dass er ein neues Gemälde sein Eigen nannte. Jakob Primm hatte eine gewisse Kunstaffinität, jedoch beschränkte sich die darauf, Bilder zu erwerben und dafür an den Wänden seiner Wohnung den passenden Platz zu suchen. Am Tag, als er das Porträt entdeckte, waren in allen Räumen genügend Gemälde vorhanden. Der Tag, an dem er eines von ihnen abnahm und stattdessen das Frauenporträt aufhängte, ging in die Geschichte ein. Ihre rote Bluse sah aus, als wäre sie aus Seide, und schmiegte sich an ihren unterhalb der Brust abgeschnittenen Oberkörper. Die schwarzen ovalen Knöpfe verliefen entlang der Mitte und hielten den Stoff zusammen, der über ihrem wohlgeformten Busen leicht spannte. Der Kragen enthüllte einen Teil ihres langen, endlos wirkenden Halses. Ihr Mund, im selben Ton, war zu einem geheimnisvollen Lächeln verzogen, so, als wüsste sie etwas, das sie dem Maler nicht zu verraten beabsichtigte. Ihre Lippen glänzten – manchmal sogar mehr als sonst – an diesem Tag außerordentlich intensiv. Ihre Nase wirkte unscheinbar, so als wäre sie gar nicht vorhanden. Ein gutes Zeichen. Sie fiel nicht auf, sondern betonte vielmehr das restliche Gesicht – vor allem Augen und Lippen. Ihr Blick war warm und stechend zugleich. Er hatte sowohl etwas Anziehendes als auch etwas Erniedrigendes an sich. Ein Bild an der Wand schaffte es, ihn in ohnmächtigen Momenten in die Knie zu zwingen. „Ich gehöre dir“, hörte er sich in solchen Augenblicken flüstern. Das dunkle Braun ihrer Augen sah ihn an und verfolgte ihn, wohin auch immer er sich bewegte. Das Gesicht war umgeben von perfekt geformten, schimmernden Locken, die nicht nur vom Kopf herunterfielen, sondern es umrahmten und ihm eine vollkommene Harmonie und manchmal gespenstische Lebendigkeit verliehen. Er war verleitet, seine Finger durch ihr Haar gleiten zu lassen, als er das Bild an der Wand zwischen Esstisch und Fernsehgerät montierte. Es würde dort für immer hängen. Es erinnerte ihn an sie – jedes Mal, wenn er das Porträt ansah. Jakob Primm war Einzelgänger. Er zog es vor, nicht zu kommunizieren und nur dann etwas zu sagen, wenn er das Bedürfnis danach verspürte. Er verabscheute den Small Talk und konnte mit leeren Phrasen nichts anfangen. Er besaß kein Mobiltelefon, weil er es unnötig fand, jederzeit erreichbar zu sein – aber auch da es fast niemanden in seinem Leben gab, den er hätte anrufen können. Seine Mutter war vor einiger Zeit verstorben, wobei er sogar imstande war, auf den Tag genau zu sagen, wann er sie verloren hatte. Ihr Tod jährte sich heuer zum 13. Mal. War er glücklich darüber, dass er die Wohnung seither alleine bewohnte, oder vermisste er sie? Das Gefühl, das er empfand, lag dazwischen, auch dann, wenn er in seinem ritualisierten Alltag ihr Grab aufsuchte. Alles, was er nicht zu machen imstande gewesen war, weil seine Mutter es missachtete, unternahm er nun. Es stand ihm frei, seinen Wohnraum zu gestalten, wie er es für richtig hielt. Er durfte sich an seinen von ihm geplanten Tagesablauf halten, und niemand redete dazwischen. Er genoss es. Er vermisste sie. Die Tasse in seiner Hand leuchtete an jenem Morgen intensiver als sonst. Lag das an dem Sonnenstrahl, der sich seinen Weg durch die Vorhänge bahnte? Es war nicht zu leugnen, dass er eine gewisse Aufregung verspürte – und er wusste genau warum. Der Weg zum Grab seiner Mutter bot ihm ausreichend Gelegenheit, darüber nachzudenken, was ihn an jenem Abend erwarten würde. Seine Uhr zeigte 07:37, was bedeutete, dass er ausnehmend früh dran war. Wie war es möglich, dass er sich heute acht Minuten eher fortbegab, obwohl er keinen Programmpunkt gestrichen hatte? Etwas trieb ihn hinaus. Die kühle, herb duftende Luft ließ trotz wolkenlosem Himmel und Sonnenschein herbstliche Stimmung aufkommen. In Situationen wie diesen kam ihm unweigerlich seine Mutter in den Kopf, die bei so einem Wetter am liebsten den ganzen Tag im Freien verbracht hätte. Er war von ihr jedes Mal regelrecht dazu gezwungen worden, sie zu begleiten. Obwohl ihm das stets missfallen hatte, sehnte er sich doch danach. Auf dem Fußweg zum Friedhof, der normalerweise 36 Minuten in Anspruch nahm, kamen ihm ein Mann und ein kleiner Bub, offensichtlich Vater und Sohn, entgegen. Der Junge fragte seinen Vater, wer der Fremde sei. „Ein älterer Herr“, entgegnete dieser. Beim aneinander Vorbeigehen grüßten ihn die beiden, während er nur zu Boden sah. Er war davon überzeugt, Leute erfuhren mehr über ihn, wenn er Blickkontakt aufbaute, dabei hatte er vor, seine Gedanken keinesfalls preiszugeben. Niemand durfte je mehr über sein Wesen oder seine Geschichte erfahren. „Warum grüßt der Mann nicht?“, hörte er das Kind fragen und freute sich stillschweigend darüber, einen geheimnisvollen Eindruck hinterlassen zu haben. Nach seinem morgendlichen Ritual am Grab, seinen pingeligen Aufräumarbeiten, auch wenn kein Durcheinander entstanden war, und den stillen Gebeten und Gesprächen mit seiner Mutter setzte er zum Weg zurück nach Hause an. Er freute sich auf das Porträt und nahm sich vor, an diesem Tag etwas mehr Zeit mit ihm zu verbringen als sonst. Um 09:38 Uhr traf er daheim ein und wurde im Schlafzimmer daran erinnert, dass seine Bettdecke gebügelt werden musste. Jeden dritten Tag zog er den Überzug ab, um ihn zu glätten. Er hasste Falten und bügelte stets so lange, bis er keine einzige mehr entdeckte. Für drei weitere Tage konnte er nun in seinem Bett verbleiben. Im Anschluss wurde er gewaschen. Seine Mutter hatte ihm das beigebracht. Auch bei ihr hatte alles seinen Rhythmus gehabt und war genau geplant gewesen. Ihm war damals nichts anderes übrig geblieben, als sich ihren strikten Abläufen zu beugen. Er war sich dessen bewusst, wie viel er ihr – neben einer weiteren wichtigen Frau in seinem Leben – zu verdanken hatte. Hätte er akribische Lektionen wie jene nicht gelernt, wäre er womöglich schon erwischt worden. Es handelte sich um eine kleine, schmächtige Frau, die sich zeit seines Lebens um ihn herum aufgehalten hatte. Sie war Mutter von Beruf und änderte dies auch nicht, als sich seine runden Geburtstage wiederholten und seine Haare langsam grau wurden, was so unauffällig geschah, dass es perfekt zum Gesamterscheinungsbild des Jakob Primm passte. Sie war da. In der Früh, zu Mittag, am Abend, in der Nacht. Vor der Arbeit, in der Mittagspause, nach der Arbeit. Bei Regen, bei Sonne, bei Schnee, bei Eiseskälte. Er erinnerte sich nicht daran, sie einmal nicht im Hause und später in der Wohnung gespürt zu haben. Die große Menge an Energie, die sie in dieser Zeit hinterlassen hatte, erfüllte auch jetzt alle Räume, Türen, Wände, Einrichtung, Gegenstände. Manchmal rechnete er jeden Moment damit, sie um die Ecke kommen zu sehen, ihre Stimme zu vernehmen oder ihre morschen Knochen knacken zu hören. Das alles war sie. Sie hatte es geliebt, ihren einzigen Sohn zu dominieren, indem sie Regeln aufstellte, die er befolgen musste. Sie war mit ihrer Erziehung zufrieden und hatte ihren größten Triumph darin gesehen, dass ihr Sohn nur selten widersprach. Er war anders als sein Vater, und das empfand sie als äußerst positiv. Sie hatte sich an jeder einzelnen Abweichung erfreut. Nachdem sie damals entschieden hatte, Tattendorf den Rücken zu kehren und in die Wohnung ihres verstorbenen Onkels in den 5. Wiener Gemeindebezirk zu ziehen, musste sie nicht lange darum bitten, von Jakob begleitet zu werden. Sie war überzeugt, dass er seine in die Jahre gekommene Mutter nicht im Stich lassen würde. Vielmehr hatte sie das Gefühl, dass er froh darüber war, einen kleinen Ort gegen eine kilometerweit entfernte Großstadt einzutauschen. Seine Mutter hatte ihren Onkel Joseph nicht gut gekannt, nur in ihren Kinderjahren ab und an Zeit mit ihm verbracht. Doch um ihren elften Geburtstag herum war der damals schon verschrobene Mann verschwunden, ohne je wieder Kontakt mit seinen Verwandten aufzunehmen. Bald war er aus ihrem Gedächtnis entwichen, und ebenso dessen zentral gelegene Wohnung in Wien. Als sie dann völlig unvermittelt zur Haupterbin geworden war, traten die Kindheitserinnerungen von damals wieder in den Vordergrund. Schlagartig kam in ihr der Wunsch auf, in Tattendorf alles zurückzulassen und nach Wien zu ziehen, da sie immer schon von der Großstadt fasziniert war. Zu dieser Zeit kam Horst nur mehr sporadisch zu Besuch, und seine Mutter distanzierte sich zusehends von ihm. Endlich erkannte sie, dass sie diesen Mann nicht brauchte, und verließ ihre alte Heimat, ohne ihn darüber in Kenntnis zu setzen. Wenn auch nur vorübergehend. Jakob Primm erzählte seiner Mutter damals kein Wort davon, dass es sich bei Margareten um ihren Heimatbezirk handelte. Er amüsierte sich darüber, dass er dorthin ziehen würde, wo er ihr näher war denn je. Auch wenn sie längst nicht mehr dort wohnte, versprühte die Gegend immer noch den Geist der Schriftstellerin. Wien war eine herausragende Stadt. Eine Metropole, in welcher man Anonymität genießen konnte, doch klein genug, um Ruhe zu finden. Jakob liebte Wien. Er verabscheute es, auf der Straße gegrüßt zu werden und sich beobachtet zu fühlen. Selbst wenn er hier sterben würde, bemerkte es niemand. Anders in Tattendorf, wo die Nachbarn genau im Bilde darüber waren, was bei ihm zu Hause passierte – nicht nur aufgrund des hohen Geräuschpegels, sondern vorwiegend wegen der häufigen, eindeutig sichtbaren Verletzungen im Gesicht seiner Mutter. Die Wetterlage änderte sich massiv im Laufe des Nachmittags. Zunächst begann es zu regnen, bis es schneite und stürmte. Ein Unwetter wie dieses ließ er gerne von klassischer Musik begleiten. Seiner Meinung nach passte der Niederschlag perfekt zu den melodiösen Klängen aus dem Radio. Er öffnete dann die Fenster und genoss die beiden völlig unterschiedlichen Rhythmen. Regen hatte für ihn etwas Befreiendes, so als würde sich in diesem Moment die geballte Kraft angestauter Spannung entladen. Was er allerdings nie machte, war, bei so einem Wetter seine eigenen vier Wände zu verlassen. Sein Heim stellte für ihn eine Art Rettungsinsel dar. Egal was passierte, seine Wohnung war sein Zufluchtsort, sein Ein und Alles und seine Rückzugsmöglichkeit. An jenem Abend sollte es anders sein. Um 18:00 Uhr verließ Jakob Primm sein Wohnhaus und fühlte sich wie getrieben von etwas Unbekanntem auf dem Weg durch die Nacht. Es war dunkel. Das Unwetter verdüsterte die Stimmung zusätzlich, die seiner Vorstellung nach einem Weltuntergang glich. Doch draußen wartete etwas auf ihn, das er nicht verpassen durfte. Die Frau, die seine gesamte Wohnung erfüllte, obwohl sie nie dort gewesen war. Die Person, die auf seinem Porträt im Wohnzimmer verewigt zu sein schien, obwohl sie es vielleicht gar nicht war. Das Bild glich ihr jedoch so detailgetreu, dass es durchaus möglich war, R.B. hatte damals Paula vor sich sitzen gehabt. Paula Hogitsch. Die Erfolgsautorin. Jakob Primms Angebetete, die er seit vielen Jahren verehrte. Ein Grund mehr, seine Mutter nicht zu vermissen. Sie gewann ihren Romanen nichts ab und scherte „Geschichten wie diese“ alle über einen Kamm. Doch Paulas Bücher waren anders. Er liebte ihre Art des Suspense-Krimis, die geistreicher war als herkömmliche Kriminalgeschichten. Sie schaffte es, ihn mit ihren Werken, seit Kurzem 14 insgesamt, immer wieder zu begeistern. Sie war in der Lage, ihn in Angst zu versetzen und Mitgefühl für den Mörder zu erwecken. Sie blickte tief in die Psyche von Verrückten und charakterisierte ihre fiktiven Figuren, als ob sie reale Menschen beschrieb. Paula Hogitsch war in seinen Augen außergewöhnlich. Er betete sie an und konnte sich ein Leben ohne ihre Werke nicht mehr vorstellen. Er hoffte darauf, sie an diesem Abend in einer roten Bluse bewundern zu dürfen. Monate zuvor waren ihr neuer Roman und die dazugehörende Lesung in Wien Mariahilf angekündigt worden. Über Ereignisse wie diese informierte man die Bewohner des angrenzenden Bezirkes durch Prospekte, die an jeden Haushalt geschickt wurden. Er hasste beliebige Zusendungen und beabsichtigte schon lange, ein Zustellverbot an alle zu verhängen, die es wagten, ihn über Nichtigkeiten in Kenntnis zu setzen, die keinerlei Relevanz für ihn hatten. Das Einzige, das ihn begeisterte, waren Informationen über die Autorin und wann sie in Wien Lesungen veranstaltete. So unterließ er die Werbemittelbeschränkung und nahm zahlreiche an seinen Haushalt adressierte Zusendungen in Kauf, bis wieder etwas über ihre Person ins Haus flatterte. Gleich als er das Prospekt erhalten hatte, das ihr Gesicht zeigte und Buchtitel, Ort und Zeit der Lesung sowie die ersten paar Sätze des neuesten Krimis beinhaltete, holte er ihre 13 vergangenen Romane aus seinem Regal. Es stellte ein lieb gewordenes Ritual dar, sich jedes Mal vor einer Lesung in ihre alten Werke einzuarbeiten. Gesetzt den Fall, die Diskussion im Anschluss an den Vortrag führte einmal zurück in ihre früheren Romanwelten, wollte er gerüstet sein und handelnde Personen und den Plot stets abrufbereit im Kopf haben. Er wusste zwar, dass er alles längst memoriert hatte, war aber nicht gewillt, ein Risiko einzugehen. Als er zum ersten Mal diese markante Erscheinung mit dem aufgesteckten Haar, den großen Augen, roten Lippen und feingliedrigen Händen mit den dunkelroten Fingernägeln wahrnahm, war ihm bewusst, ihr verfallen zu sein. Paula hatte damals ihre allererste Lesung bei der Buchhandlung Thalia auf der Mariahilfer Straße im 6. Bezirk abgehalten. Er war nur zufällig vor Ort gewesen, aber geblieben, da ihn nie zuvor jemand so gefesselt hatte wie die Schriftstellerin. Sie gehörte zu jener Sorte von Jungautoren, die nicht lange genötigt waren, um einen Verlag zu kämpfen, sondern im richtigen Augenblick die richtigen Menschen kennenlernte. Paula war begabt, und ihr Potenzial erkannten Verleger sofort. Im Alter von 24 Jahren schaffte sie etwas, wovon andere Autoren ihr Leben lang träumten. Jakob Primm hatte damals keine Ahnung, wer sie war, beabsichtigte aber, alles über sie herauszufinden. Seit dieser Entscheidung waren 19 Jahre vergangen. Kapitel 2 – Die Entscheidung August 2008 Ihr Wecker läutete. Sie musste ihre Tabletten nehmen, das spürte sie im Kopf, im Herzen und in den Beinen. Sie fühlte sich abscheulich und sah auch so aus. Vor dem Einschlafen hatte sie gerade noch ihr Buch weglegen, aber kein Eselsohr mehr auf die letzte gelesene Seite machen können, wie gewöhnlich, bevor sie es auf ihrem Nachtkästchen deponierte. Am Tag zuvor war das unmöglich gewesen. Sie war matt. Jeder Muskel und Knochen in ihrem Körper bestätigte diese Empfindung. Sie kam sich alt und kraftlos vor. Ihre Krankheit war real. Sie hörte Frank Kaffee kochen und Karola und Jasmin das Haus verlassen. Würde sie es wahrhaftig nicht miterleben, wie die Kinder die Universität absolvierten und einen Beruf ergriffen? Der Gedanke daran trieb ihr Tränen in die Augen, die sie zu ignorieren versuchte. Die Krankheit gab es nicht, solange sie sich nicht mit ihr auseinandersetzte. Sie existierte nicht, wenn sie die Gutgelaunte und Gesunde mimte. Der Krebs war unerwünscht im Hause Hogitsch. Paula machte sich frisch, so gut es ging, jedes Mal wieder dankbar dafür, das Badezimmer direkt vom Schlafzimmer aus betreten zu können. So war es ihr möglich, ihr desolates Aussehen morgendlich in Ordnung zu bringen, bevor sie ihrer Familie gegenübertrat. Erstaunlich, wie leicht sich Frank und die Kinder täuschen ließen. Ihr Talent, Menschen auferstehen zu lassen, befähigte sie offenbar dazu, sich selbst zu verwandeln und traurige Tatsachen geschickt vor anderen zu verbergen. „Es duftet wunderbar“, flüsterte sie, während sie ihrem Ehemann von hinten einen Kuss auf den Nacken gab. Frank liebte es, sie mit dem Frühstück zu überraschen, wenn er zu Hause war. Die Tatsache, dass er sich beruflich fast ständig auf Reisen befand, hatte ihr eine jahrelang andauernde Karriere ermöglicht. Sie hätte nie so ertragreich schreiben und publizieren können, wäre er immerfort präsent gewesen. Seine häufige Abwesenheit bewirkte jedoch, dass sie sich nicht so gut kannten, wie das bei einem sich liebenden Ehepaar üblicherweise der Fall war. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass sie etwas vor ihm verbarg. „Ich bin bis elf Uhr noch für dich frei. Dann muss ich zum Flughafen.“ Frank verstand es zwar, seine für sie und die Kinder übrige Zeit so intensiv wie möglich zu gestalten, dennoch kam es ihr häufig so vor, als wäre die Familie nur ein weiterer Termin in seinem prall gefüllten Kalender. Hinzu kam, dass berufliche Treffen meist Vorrang hatten. „Das ist schön. Wann kommst du zurück?“ „Ich denke, in zehn Tagen bin ich wieder da. Bei diesem Projekt ist leider nichts hundertprozentig fix, aber ich gebe dir Bescheid, sobald ich mehr weiß.“ Mit diesen Worten reichte er ihr den viel zu vollen Brotkorb und zwinkerte ihr zu, als wäre er frisch verliebt. Seine nassen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, was ihn um mindestens fünf Jahre jünger erscheinen ließ. Sie glaubte kaum, dass er demnächst 50 wurde. Lag es daran, dass sie als seine Frau die Veränderung an seinem Äußeren nicht bemerkte, oder sah er wirklich noch genauso aus wie vor zehn Jahren? „Perfekt. Ich brauche die Zeit ohnehin. In ein paar Tagen soll das Konzept für ‚Zwischen den Zeilen‘ fertig sein.“ Paula war sich dessen bewusst, dass dieses Projekt eine große Herausforderung für sie darstellte. Biber & Benson, ihr Partnerverlag seit 13 Werken, wünschte sich einen Kassenschlager für das Weihnachtsgeschäft 2009, wie ihre Bücher früher bezeichnet werden konnten, bevor ihr Vertrag aufgekündigt wurde. „Der neue Roman?“ Paula seufzte. Gewiss hatte sie ihrem Ehemann von den Anforderungen des Verlags und der Story dahinter erzählt. „Du weißt doch. Zwei ungeklärte Morde in einer Kleinstadt. Ich wollte es zuerst nicht machen, weil es zu stark an ‚Unverhofft‘ erinnert, habe mich aber überreden lassen.“ Bei Frank dämmerte es. „Tut mir leid. Jetzt weiß ich, was du meinst. Die Geschichte für dein letztes Buch.“ Für Paula war es wie ein Faustschlag in die Magengrube, dies aus seinem Mund zu hören. Ihr definitiv letztes Buch. Der Verlag hatte ihren gemeinsamen Vertrag beendet, obwohl die Verkaufszahlen für die meisten ihrer Werke stets jegliche Erwartungen übertrafen, wobei sich die Nummer zehn als am erfolgreichsten und ihr absolutes Meisterwerk herausstellte. Mit dem darauf folgenden Roman allerdings war ihrer Erfolgskarriere ein jähes Ende bereitet worden. Ausgelöst durch dieses Verkaufstief entschied Peter Biber, den Vertrag mit ihr zu beenden, um „jungen, frischen Autoren Platz zu machen“. Die Aussage hatte sie damals schwer getroffen, vor allem deshalb, weil sie nach ihrem 40. Geburtstag ohnehin schon in ein tiefes Loch gefallen war. Und obwohl nach der Kündigung noch drei weitere Bücher herauskommen sollten und sie dadurch allesamt Zeit gewannen, die Entscheidung einmal mehr zu überdenken, rüttelte Biber nicht an seiner Anordnung und zeigte sich konsequent. Insgeheim hoffte Paula, mit dem zwölften Werk einen so großen Erfolg einzufahren, dass sich alle über die schlechteste Verlagsentscheidung, die je getroffen wurde, die Haare rauften und man die Schriftstellerin anflehen würde, doch wieder an Bord zu kommen. Dann ertappte sie sich bei dem Gedanken, den Verlagsleiter bitten und betteln zu lassen, während sie auf Zeit spielte und seine Verzweiflung auskostete. Vorübergehend sprach niemand mehr von der Entscheidung des Verlagsleiters, was Paula als mögliche Wendung interpretierte, doch stur wie er war, machte Biber letztendlich Nägel mit Köpfen, ließ seinen Worten Taten folgen und kündigte ihr nächstes Buch bereits überall als letztes Werk an. Und während sie zwischenzeitlich immerhin ein wenig besser mit der Entscheidung des Verlags zurechtkam, befand sie sich nun erneut mitten in einem Tief, ausgelöst durch eine niederschmetternde Hiobsbotschaft, die ihr vor ein paar Wochen mitgeteilt worden war – sie war ernsthaft krank. Paula strich sich die dunklen Locken aus dem Gesicht und konzentrierte sich auf ihr Marmeladenbrot, um nicht die Beherrschung zu verlieren und aufsteigende Tränen im Keim zu ersticken. Ihre Werke erregten Aufsehen. Nur weil der Verlag das nicht mehr zu schätzen wusste, musste sie nicht ihre kriminalistischen und schriftstellerischen Fähigkeiten infrage stellen. Sie würden sie später einmal anflehen, ihre Serie fortzusetzen, wenn sich kein Erfolg mit ihren „Frischlings-Autoren“ einstellte. „Du wirst es wieder großartig hinkriegen“, warf Frank seiner Frau mit einem Lächeln zu, als ob er gewusst hätte, dass sie an sich zweifelte. „Ich glaube, wir haben genug Zeit, uns nach dem Frühstück noch einmal hinzulegen.“ Paula nahm endlich sein Schmunzeln an. „Ruf an, wenn du dort bist!“ Und so war Paula wieder alleine. Sie konnte sich auf „Zwischen den Zeilen“ konzentrieren und würde Biber & Benson beweisen, dass in ihr immer noch Potenzial schlummerte. Wie sie dies trotz ihrer Erschöpfung allerdings anstellen sollte, erschloss sich ihr nicht. Nach Franks Abreise ließ sie sich auf ihre senffarbene Couch sinken, erschöpft davon, stundenlang eine glückliche, gesunde Frau zu mimen, und schlief auf der Stelle ein. Ihre Träume handelten von Buchseiten, Tatwaffen, Polizeibeamten, Drohbriefen und Gefängniswärtern. In ihrer gegenwärtigen Lage, aber auch sonst, wenn sie an keinem Roman arbeitete, gelang es ihr kaum abzuschalten. Paula Hogitsch war Autorin. In jeder Sekunde ihrer Existenz. Der nächste Morgen begann besser als der Tag davor. Möglicherweise lag das an Franks Abwesenheit. Weilte er nicht daheim, hatte sie die genialsten Einfälle. Kam er früher als erwartet von einer Dienstreise zurück, brachte sie es nicht fertig, einen sinnvollen Gedanken zu Ende zu führen, und formulierte ihre Sätze wie ein mittelbegabter Siebtklässler. Frank inspirierte sie. Doch nur dann, wenn er nicht physisch anwesend war. Seit Jahren maßte sich der Verlagsleiter an, Paula Hogitsch Anweisungen für einen „Kassenschlager“ zu geben. Peter Biber überstrapazierte diesen Begriff, und das wusste er, doch er gehörte zu jener Sorte Mensch, die nur Zahlen im Blickfeld hatten. Ob er schon jemals eines der Bücher, die er verlegte, gelesen hatte? Paula schämte sich für diesen Gedanken und verdrängte ihn schnell wieder. Peter war in Ordnung, doch eben ein reiner Geschäftsmann. Wie man einen Roman konzipierte, aufbaute und umsetzte, durchschaute er nicht. Sein Vorgänger Rainer Benson wusste darüber besser Bescheid, doch mit Paulas neuntem Werk hatte er sich in die Rente verabschiedet, und so war sie gezwungen, sich mit ihrem neuen Chef zufriedenzugeben. Just nach Bibers Einstieg in den Verlag schuf Paula mit ihrem zehnten das bisher erfolgreichste Werk ihrer Karriere, was der Neuankömmling ohne zu zögern auf seine Neustrukturierungen, innovativen Ideen und moderne Marketingoffensiven schob. Auch sie zeigte sich begeistert von den Zahlen, doch ebenso rasch klang ihr Enthusiasmus wieder ab, als Biber eine folgenschwere Entscheidung traf. „Die Idee zu ‚Zwischen den Zeilen‘ ist mir im Urlaub gekommen“, verkaufte ihr der Verlagsleiter damals seine Vorstellung zum Abschluss-Kassenschlager. Bis zu ihrem 13. Werk hatte er sie nicht mit seinen inhaltlichen Ideen belästigt, doch nun bildete er sich offenbar ein, beim letzten Werk unbedingt sein eigenes Konzept umgesetzt sehen zu müssen. Er liebte es, sich in Szene zu setzen. Jeder verstand es, seine Geistesblitze wohlwollend lobend zu kommentieren: Sie waren „brillant“, was immer er sich zusammengereimt hatte. „Zwei Morde in einer Kleinstadt oder in einem Dorf – ganz wie Sie wollen. Paula, Sie wohnen doch in einem kleinen Ort. Stellen Sie sich dessen Einwohner vor. Die Routine, die dort vorherrscht. Die Gesichter, die jeder kennt. Und dann plötzlich geschieht ein Mord. Niemand kann sich erklären, was dahintersteckt. Wer kann es gewesen sein? Ein Fremder? Ein Stadtbewohner? Der Fall bleibt ungelöst und wird zu den Akten gelegt. Dann, einige Zeit später, Mord Nummer zwei. Steht er in Zusammenhang mit der Tat von damals? Oder haben die beiden Fälle vielleicht gar nichts miteinander zu tun? Wird die Polizei die Verbrechen aufklären und den oder die Täter endlich hinter Gitter bringen?“ Paula stand das Bild vor Augen, wie Peter damals die Idee vor versammelter Mannschaft in seinem Büro präsentiert hatte und es nicht erwarten konnte, Beifallsstürme zu ernten. Als das Team abwartend reagierte, verharrte er in seiner Siegerpose, während sich seine Miene zunehmend verfinsterte. Paula leitete den Beifall ein, um die unangenehme Situation zu retten, woraufhin sich die Mundwinkel des Verlagsleiters nach oben zogen und er sogar eine Verbeugung andeutete. „Brillant“, flüsterte man durch den Raum. „Paula, was sagen Sie? Können Sie damit etwas anfangen?“ Peter forderte sie mit seinen direkten Fragen heraus. „Natürlich. Eine gute Geschichte. Ich möchte nur anmerken, dass sie der in ‚Unverhofft‘ ähnelt.“ Paula hatte sich über all die Jahre ihre vorsichtige Ausdrucksweise bewahrt. Das Thema war nicht neu. Der Blick von Peter ließ erkennen, dass er mit dem Titel des Buchs nicht viel anfangen konnte. Wie war jemand wie er nur in der Lage, diesen Verlag zu führen, wenn er sein eigenes Programm nicht einmal kannte? „Mein Neuntes?“, half ihm Paula auf die Sprünge. „Oh, tut mir leid.“ Seine Entschuldigung klang aufrichtig. „Ich kenne Ihren neunten Roman natürlich. Ähnlichkeiten bestehen, das lässt sich nicht leugnen, aber bestimmt nicht mehr als bei Ihren anderen Geschichten, wenn man sie miteinander vergleicht.“ Das klang wie eine Beleidigung. Deutete er damit etwa an, dass sie aufgrund begrenzter Fantasie immer das Gleiche schrieb? „Es liegt an Ihnen, die Story abwechslungsreich zu gestalten und clever zu variieren. Was ich Ihnen vorgestellt habe, dient als Grundgerüst. Sie haben alle Freiheiten der Welt. Ich möchte nur, dass der kleine Ort als Location dient und zwei Morde unaufgeklärt bleiben. Die Atmosphäre in dem Kaff authentisch zu schildern dürfte Ihnen nicht schwerfallen. Sie wohnen doch in einem kleinen Ort.“ Peter wiederholte sich, was Paula nicht leiden konnte. „Frankendorf“, warf sie ihm über den Tisch zu, ahnend, dass er damit nichts anzufangen wusste. Der Ort lag etwa 100 Kilometer von Wien entfernt. Paula war sicher, dass er nie etwas davon gehört hatte. All das ging ihr an diesem Morgen durch den Kopf, bevor sie ihren Computer in Betrieb nahm. In einer Woche sollte das Exposé vorliegen. Auch hierin unterschied sich der neue Verlagsleiter von Rainer Benson: Er verlangte detaillierte Konzepte mit einer Länge von etwa 20 Seiten. Rainer hatte ihr mehr vertraut und sie in Ruhe arbeiten lassen, sobald er nach einem kurzen Gespräch wusste, worüber sie schreiben wollte. „Klingt hervorragend“, lautete sein Standardkommentar zu ihren Ideen. Danach war sie ungestört in ihr Werk eingetaucht, ohne Kontrolle, ohne Druck. Paula seufzte. Wie sehr wünschte sie sich in solchen Momenten Peters Vorgänger zurück. Während ihr Computer hochfuhr, der aufgrund zunehmender Altersschwäche von Mal zu Mal mehr Zeit für diese Prozedur benötigte, versuchte sie, sich in die Geschichte hineinzudenken. Laufend passierten auf der ganzen Welt Morde, die unaufgeklärt blieben, doch Paula bevorzugte es stets, sich weniger mit den realen Verbrechern als vielmehr mit ihren Fantasiefiguren auseinanderzusetzen. Solange die Gräueltaten da draußen niemanden betrafen, den sie kannte, ließ sie all die Vorfälle in der Welt so wenig wie möglich an sich heran und lebte lieber in ihrem eigenen Universum mit den von ihr erschaffenen Protagonisten. Erfundene Figuren handeln zu lassen, so wie es ihr gefiel, und sie dazu zu bringen, zu tun, was sie verlangte, fand sie zeit ihres Lebens ansprechender. Um ihren Gedanken ungestört freien Lauf zu lassen, holte sich Paula einen Krug Wasser aus der Küche. Davon konnte sie nie genug kriegen. Es wirkte wie eine Droge auf ihre Kreativität und ihren kriminalistischen Spürsinn. Als sie das Gefäß aus dem Küchenschrank über Kopfhöhe nahm, fiel ihr ein Bleikristallglas entgegen, das sich zu knapp am Rand des Kastens befunden hatte und nun klirrend auf dem Boden landete. Es handelte sich um das letzte aus einer Serie, die von ihrer inzwischen verstorbenen Großmutter stammte. Das Glas zersprang in Tausende von kleinen Scherben. Bevor Paula den Krug mit Wasser füllte, beabsichtigte sie, die vielen winzigen Glasstücke, den Rest von Omas Vermächtnis, der am Küchenboden verstreut lag, aufzukehren. Beim Niederknien fuhr ihr ein stechender Schmerz durch den Kopf und verdunkelte sekundenlang das Bild vor ihren Augen. Ihre körperlichen Beschwerden meldeten sich zurück. Schwächelte bloß der Kreislauf, oder hatte der Krebs etwas damit zu tun? Seit einem Monat lebte sie völlig alleine mit der niederschmetternden Diagnose, doch sie war noch immer nicht bereit, Frank und die Kinder einzuweihen, und zu mutlos, die richtigen Worte zu finden. Hatte sie womöglich bald nicht einmal mehr ausreichend Kraft, um überhaupt darüber zu sprechen? Und ging es ihr nun wirklich wegen ihrer Krankheit so schlecht oder deshalb, weil sie von der Diagnose überrumpelt worden war? Manchmal wünschte sie, nicht zum Arzt gegangen zu sein. So wäre nach wie vor alles wie früher, und sie müsste sich nicht schlagartig mit Themen auseinandersetzen, die sie mehr in die Realität denn in die Fantasie zwangen. Der Schmerz wurde erträglicher, als sie sich einige Minuten auf ihrem Lesesessel ausruhte. Sie musste mit ihrer Arbeit beginnen, um später nicht unter Druck zu geraten – so eine Stresssituation würde sie in ihrem angeschlagenen gesundheitlichen Zustand kaum ertragen. Es gab keine andere Wahl, als sich zu zwingen und die Schwächemomente zu übertünchen. Sie war erfolgreich. Sie war Autorin. Sie war Paula Hogitsch. „Haben Sie schon mit Ihrer Familie gesprochen?“ Der Mediziner redete ihr seit drei Wochen ins Gewissen, doch er wusste genau, sie nicht dazu zwingen zu können und sich ferner nicht in ihre Angelegenheiten mischen zu dürfen. „Warum lassen Sie sich nicht helfen? Ihr Mann und Ihre Kinder haben ein Anrecht darauf, zu erfahren, wie es um Sie steht.“ „Ich weiß.“ Paula versuchte, gefasst zu bleiben. „Ich schaffe es einfach nicht. Glauben Sie mir, ich werde es ihnen demnächst sagen. Aber bis dahin will ich die Zeit genießen, die mir mit meiner Familie bleibt.“ Mit Tränen in den Augen schluckte sie und wagte es nicht, ihren Arzt anzublicken. Frank würde sofort seinen Job aufgeben, was sie auf keinen Fall zulassen würde. Sie war nur imstande, die Krankheit zu besiegen, wenn sie viel Zeit alleine verbrachte und schreiben durfte. Doch sosehr sie sich seit der Diagnose Heilung durch ihre schriftstellerische Tätigkeit erhoffte, so konsequent wurde sie bis dato enttäuscht. Jedes Mal, wenn sie von einer leeren Seite am Computer angestarrt wurde, krampfte sich ihr Magen zusammen, als würde sie von einer ausweglosen Schreibblockade heimgesucht. Noch nie zuvor hatte sie so empfunden, wenn sie einem schriftstellerischen Vorhaben nachgehen wollte. Der Zwang, in den nächsten Tagen endlich ein Konzept fertigzustellen, hing über ihr wie ein Damoklesschwert. Die Schwierigkeiten, es zu erstellen, konnten kaum daran liegen, dass sie aus der Übung war. Schließlich hatte sie ihr letztes Werk erst vor ein paar Monaten abgeliefert. In den vier Wochen im Juli hatte sie sich die dringend nötige Ruhe gegönnt und sich vom Schreiben, Tüfteln und Grübeln zurückgezogen, doch in den Jahren zuvor war sie spätestens Anfang August gestärkt und voller neuer Ideen zurückgekommen und hatte im Nullkommanichts ein Konzept für das nächste Werk zu Papier gebracht, das sie – beflügelt von der neu entfachten Schreiblust – kurz darauf auszuarbeiten begann. Mangelte es ihr nun tatsächlich an Kraft und Konsequenz, weil der Krebs an ihr nagte? Schafften es die Medikamente und die bald startenden Behandlungen, den Verfall zu stoppen? Oder zumindest zu verhindern, dass sie sich fühlte wie jetzt? Vielleicht ging ihr nur ein schriftstellerisches Erfolgserlebnis ab, durch das sie Genesung erleben würde. In zwei Monaten erschien ihr 13. Roman „Im Duett“. Vielleicht würde sie durch seinen Erfolg einen Push erleben, den sie so dringend nötig hatte. Eine E-Mail von Peter Biber verriet ihr, dass er bereits auf das Konzept wartete, obwohl er ihr als Deadline den 1. September vorgeschrieben hatte, der erst in vier Tagen war. Wie es ihr in der Vorbereitung ginge, wollte der Verleger wissen. „Ich bin dabei“, fauchte Paula den unschuldigen Laptop an, als könnte sie Peter auf diese Art und Weise zufriedenstellen. An besagtem Tag würde er ein fertiges Exposé in seinem Posteingang vorfinden, woraufhin die richtige Arbeit begann. Der Zeitrahmen erstreckte sich wie immer bis Mai nächsten Jahres. So war sichergestellt, dass Lektorat und Druck eine Veröffentlichung im Oktober oder November, rechtzeitig zur Vorweihnachtszeit, garantierten. Nicht einmal so hilflos wie jetzt hatte sich Paula damals gefühlt, als sich abgezeichnet hatte, dass sich „In alle Ewigkeit“ nicht verkaufte. Ihr elftes Werk konnte schonungslos als größter Flop ihrer gesamten Karriere bezeichnet werden, auch wenn sie sich selber darum bemühte, diesen grässlichen Begriff lieber nicht in den Mund zu nehmen. Wann immer Peter das Buch so nannte, zog sich alles in ihr zusammen, als hätte ihr jemand in den Magen getreten. Obwohl damals eine Lesetour und unzählige Marketingaktivitäten – genau wie die vielen Male zuvor – unternommen wurden, stockte der Verkauf aus unerklärlichen Gründen, wofür nicht einmal die Verlagsleitung eine Erklärung fand. Paula hatte gehofft, dass man verlagsintern darüber hinwegsah, doch diesen großen Misserfolg ignorierte niemand, auch wenn sie es noch so sehr wollten. Und dann kam sie. Die unfassbare Entscheidung, den Vertrag mit ihrem einstigen Zugpferd nicht zu verlängern. Der zwölfte Roman war zu jener Zeit im Entstehen, und auch für einen 13. und 14. war bereits ein Vertrag abgeschlossen worden, doch danach war Schluss. Obwohl ihr von einem auf das andere Mal klar wurde, dass ihre Karriere als Schriftstellerin jederzeit zu Ende gehen konnte, war die endgültige Entscheidung des Verlags für sie damals schwerer zu ertragen gewesen als erwartet. Tagelang hatte sie sich zu Hause verkrochen, in einer Art Schockstarre, die eine schier unerträgliche Zukunftsperspektive mit sich brachte. Was würde Paula anstellen, wenn sie keine Romane mehr schrieb? Oder würde sich ein neuer Verlag ihrer erbarmen und sie unter ihre Fittiche nehmen? Befanden sich ihre Buchverkäufe am absteigenden Ast, stand es auch um andere Kooperationen schlecht. Frank hatte damals immer wieder versucht, ihr gut zuzureden, und ihr geraten, sich darauf zu konzentrieren, was sie schon geschaffen hatte. Wie viele andere Autoren brachten im Vergleich zu ihr so eine Vielzahl erfolgreicher Werke zu Papier? Er hatte zwar recht, dennoch war es für sie so, als würde man sie ihrer Talente berauben und ihr die Existenzgrundlage nehmen. Trotz ihres unangenehmen Gefühls zwang sich Paula dazu, die ersten Worte zu Papier zu bringen, als schlagartig laute Musik durch ihre Wohnzimmerfenster drang. „Kann man hier nicht einmal in Ruhe arbeiten?“, brüllte sie, woraufhin der Lärm abrupt verstummte. Womöglich wieder einer der Nachbarn, der annahm, alleine auf der Welt zu sein. War es das schwüle Wetter, das ihr derart Kopfschmerzen bereitete? Sich auf die Geschichte zu konzentrieren, fiel ihr schwerer als je zuvor. Die Gedanken in ihrem Kopf ergaben jählings keinen Sinn mehr. Wer ermordete wen? Welches Motiv gab es? Hatte sie sich schon auf eine Tatwaffe festgelegt? Wo spielte sich alles ab? Was genau forderte Peter Biber in der Besprechung? Schweiß perlte über ihre Haut und vermischte sich auf den Wangen mit aus den Augen quellenden Verzweiflungstränen zu dicken Tropfen, die aus ihrem Gesicht fielen und vereinzelt auf der Tastatur ihres Laptops landeten. War sie nicht mehr in der Lage, sich auf ein banales Konzept zu konzentrieren? Niemand verlangte von ihr, in den kommenden Tagen oder Wochen bereits ein fertiges Manuskript abzuliefern, sondern bloß ein mehrseitiges Exposé. Instinktiv wurde ihr bewusst, dass nun ebendies eintrat, was bereits in den letzten Wochen ihre zweitgrößte Befürchtung gewesen war, die sich unmittelbar an ihre größte – das Fortschreiten der Krankheit – reihte. Immer wieder schossen ihr inmitten der Nacht jene Gedanken in den Kopf, die sie aufschrecken und stundenlang wach liegen ließen. Und dabei ging es nicht mehr nur um das Verfassen eines banalen Konzepts, sondern um den gesamten Roman, den sie vertraglich vereinbart hatte. Mit einer vorübergehenden Schreibblockade konnte sie umgehen. Aus Erfahrung wusste sie, dass man jener Platz gewähren sollte und gezwungen war, eine Pause einzulegen, bis es, wenn man sie erst einmal überstanden hatte, besser als zuvor weiterging. Doch dieses überwältigende Gefühl, das sie nun plagte, war mächtiger. Es bescherte ihr eine Unfähigkeit, gleich einem Blackout, die sich langanhaltender anfühlte. Außerdem schuldete sie es sich selbst, sich nun in vollem Umfang ihrer Gesundheit zu widmen und allen Behandlungen, die auf sie warteten, und Ruhephasen, die sie brauchte, Raum zu gewähren. Paula Hogitsch war am Ende ihrer Karriere. Doch leider nicht nach dem 14. Werk, sondern davor. Am nächsten Tag machte sich Paula auf den Weg. Ihr wurde schlagartig klar, dass sie unter Zwang stand, mit Peter klar Schiff zu machen. Ohne sich anzukündigen, setzte sie sich in ihr Auto und fuhr nach Wien Hütteldorf, wo sie ihr Fahrzeug abstellte und die U4 bis Pilgramgasse bestieg. Gesundheitlich fühlte sie sich besser als am Tag davor, was sie zur Annahme brachte, die lange Fahrt hin und retour problemlos auf sich nehmen zu können. Vorsichtshalber führte sie den Schlüssel für ihre Wiener Wohnung mit, sollte sie nicht mehr in der Lage sein, die Rückreise am Nachmittag anzutreten. In der U-Bahn beobachtete sie die Menschen, die ein- und ausstiegen, in Gedanken versunken und geistig bei einer Besprechung, dem Feierabend oder der Familie waren. Sie liebte es, ihr Gegenüber und andere Umstehende genau zu mustern, Stimmungen zu erfassen und sich Geschichten zu den Gesichtern zusammenzureimen. Dazwischen gab es die eine oder andere Person, die ihrerseits Paula länger musterte und sie als Schriftstellerin entlarvte. Ab und an war es bis dato passiert, dass man sie ansprach und um ein Autogramm bat oder ihr unaufgefordert Kommentare zu ihren Werken mit auf den Weg gab. Von der U-Bahn-Station der Pilgramgasse nahm sie das letzte Stück zu Fuß zum Verlagssitz, der sich seit jeher in der Lindengasse im 7. Bezirk, dem Kreativzentrum der Stadt, befand. Paula liebte die Gegend und hatte jahrelang überlegt, ihre Wohnung in Margareten zu verkaufen und sich stattdessen als Zweitwohnsitz in Wien Neubau niederzulassen. Die Preise, die man in der Hauptstadt mittlerweile für Immobilien bezahlte, hielten sie hingegen davon ab. Immer wenn Paula in der Stadt unterwegs war, inhalierte sie die Atmosphäre, als verweilte ein Großstädter am Land, der zum ersten Mal wieder den betörenden Geruch von Wald, Wiese und Tieren wahrnahm. Obwohl sie das besinnliche Landleben liebte, wie sie es mit ihrer Familie führte, vermisste sie die kreative Luft, die durch die Gassen wehte, die zahlreichen Möglichkeiten, die die Stadt zur Unterhaltung bot, sowie die charmante Grantigkeit, die einen unabdingbaren Teil des Wiener Kosmos darstellte. Kurz kam ihr der Einfall, in jener Umgebung derzeit kreativer sein zu können als auf dem Land, verwarf ihn jedoch wieder, als ihr der bloße Gedanke an das Konzept einen imaginären Schlag in die Magengrube bescherte. Zügig überquerte sie die Mariahilfer Straße, ohne dieses Mal im Thalia auf Bücher-Beutefang zu gehen. Obwohl es für sie üblicherweise zu einem Wien-Besuch dazugehörte, sich zumindest für eine Stunde der Literatur in ihrer Lieblingsbuchhandlung, wo damals alles begonnen hatte, zu verlieren, setzte sie ihren Weg zum Verlag unbeirrt fort und verzichtete auf eine fantasievolle Pause. „Peter, ich …“ „Paula! Schön, dass Sie persönlich vorbeikommen. Sie wollen mir das Konzept unbedingt direkt übergeben, nicht? Gut so. Ich würde da ohnehin gerne noch etwas mit Ihnen besprechen. Denken Sie, es ist geschickt, wenn der Mörder ein Jungspund ist, oder soll er doch lieber schon etwas gesetzter sein? Christopher meint, ein älterer Übeltäter wäre vielleicht besser, aber ich bin mir da nicht sicher. Einen ganz jungen Mörder hatten wir noch nie …“ „Peter!“ Paula unterbrach seinen Redeschwall. Das war typisch für den Verlagsleiter, der nur das hörte, was ihm auch zusagte. „Oh. Entschuldigen Sie. Sie wollten etwas sagen. Also, jung oder alt?“ Nie schaffte er es, seine Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen und sich nur auf sein Gegenüber und dessen Anliegen zu konzentrieren. „Weder noch. Ich wollte Ihnen mitteilen, dass ich es nicht fertigbringe.“ „Was? Einen jungen Mörder zum Leben erwecken? Aber Paula!“ „Peter, bitte! Hören Sie mir einfach zu. Es ist wichtig, dass Sie mich jetzt reden lassen.“ Endlich hatte Paula seine Aufmerksamkeit. Peter wurde leicht rot und versuchte, sich seine Verärgerung über die Ablenkung nicht anmerken zu lassen. „Ich habe mir das überlegt. Ich schaffe es einfach nicht. Es ist an der Zeit, mich endlich auf meine Familie zu konzentrieren und das Schreiben ad acta zu legen. Ich habe einfach nicht mehr die Muße dazu.“ Paula war völlig klar, dass ihre Worte in Peters Ohren keinen Sinn ergaben. Nach ihrem letzten Werk konnte sie all das, was sie nun aufzählte, bis an ihr Lebensende machen und sich Tag und Nacht mit ihrer Familie beschäftigen. Außerdem hatte sie bis dato noch nie damit zu kämpfen gehabt, einer Aufgabe nicht gerecht zu werden oder unter Schreibblockaden zu leiden. Sie merkte, dass sie ihn nicht mit einer Lächerlichkeit wie jener abspeisen konnte, und gestand sich ein, ihm die Wahrheit zu schulden. Schließlich befand sie sich in einem aufrechten Vertragsverhältnis mit dem Verlag und hatte Verpflichtungen. Doch als wollte sie den Mann, der ihr vor Jahren mit der Kündigung der Zusammenarbeit so wehgetan hatte, hinhalten und für dumm verkaufen, spielte sie auf Zeit und wartete dessen verdutzte Reaktion ab. „Ich weiß nicht, was Sie meinen.“ Er verstand es, seinem Ärger mit den Augen und nur wenigen Worten auf eine Art Ausdruck zu verleihen, die jeden einschüchterte. Mit Peter Biber spielte man keine Spielchen. „Okay, tut mir leid.“ Was rede ich, dachte Paula, ich bin diejenige, die Verständnis verdient. Dann holte sie tief Luft und blickte dem Verlagsleiter entschlossen ins Gesicht. Ihr war bewusst, dass es nur zwei Möglichkeiten gab: den Roman zu schreiben und ihren kranken Körper mit dem Druck, einen Abschlussbestseller zu verfassen, zu belasten oder Peter Biber jetzt die Wahrheit zu gestehen. Ihrer Gesundheit zuliebe entschied sie sich für Letzteres. „Ich bin schwer krank“, sagte sie mit fester Stimme, wobei ihre Worte durch den Raum schossen wie Pingpong-Bälle. „Was?“ Die Miene ihres Gegenübers änderte sich schlagartig. „Was … was haben Sie da gerade gesagt?“ Zum ersten Mal, seit sie Peter kannte, kam es ihr so vor, als interessierte er sich für Paula, den Menschen, und nicht für die Erfolgsautorin. „Es ist Krebs. Ich will nicht darüber reden.“ Peter war erschüttert. Zahlreiche Charaktere hatte Paula Hogitsch in ihren Romanen mit Worten ums Leben gebracht, doch jetzt befand sie sich selbst im Angesicht des Todes. Der Verlagsleiter räusperte sich verlegen, als er bemerkte, dass er gedanklich schon die Schlagzeile ihres Nachrufs formulierte. Und dann glaubte er, etwas anderes an Paula zu bemerken: Die immer leicht spröde wirkende Schriftstellerin erkannte, dass sie sich ebenso vor dem Sterben fürchtete wie ihre Figuren, die ihrem grausamen Schicksal hilflos ausgeliefert waren. Die sie dieser Angst aussetzte. Paula bat ihn inständig darum, es niemandem zu erzählen und besonders den Medien gegenüber Diskretion zu wahren. Die Information, dass die große Schriftstellerin Paula Hogitsch an Krebs litt, sollte keinesfalls das Verlagshaus verlassen. Sie hatte ihn nicht eingeweiht, weil sie ihm so vertraute, sondern nur deswegen, weil sie ihm durch die schriftliche Abmachung mit dem Verlag die Wahrheit schuldete. Nie und nimmer hätte er es akzeptiert, wäre sie ohne Angabe triftiger Gründe vom Vertrag zurückgetreten. Es würde ein Geheimnis zwischen ihm und wenigen eingeweihten Verlagsmitarbeitern bleiben, dass das 14. Werk von Paula Hogitsch nicht von ihr selbst stammte – denn eines war sicher: Es musste erscheinen. Die Fans warteten bereits ungeduldig auf den überall angekündigten neuen Roman. Kapitel 3 – Die Suche August 2008 Peter Biber wusste, was zu tun war. Seit nunmehr 20 Jahren im Geschäft, hatte er mehrere Ghostwriter beauftragt, Bücher im Namen anderer zu verfassen, und dabei stets die richtige Wahl beim Aussuchen der Schreiber getroffen. Doch jemanden zu finden, der es schaffte, den Stil von Paula Hogitsch zu imitieren, stellte eine seiner bis dato größten Herausforderungen dar, im Zuge derer er sich sogar seinen früheren Partner Rainer Benson herbeiwünschte. Der Stil der Krimiautorin war seiner Meinung nach schwerer zu kopieren als der anderer in seinem Verlag publizierender Schriftsteller. Das Programm für die Wintersaison des kommenden Jahres stand fest. Sie hatten mit dem 14. und letzten Werk von Paula Hogitsch geworben, bevor überhaupt ein Konzept existierte. Peter Biber verstand etwas von geschicktem Marketing. Er besaß das Talent, bei seinen Lesern und dem Hogitsch-Fankreis im deutschsprachigen Raum Spannung aufzubauen, bis es das Werk in den Buchhandlungen zu kaufen gab. Auch eine Lesereise war wieder geplant. Den Startschuss würden sie einmal mehr im Thalia auf der Mariahilfer Straße im 6. Wiener Gemeindebezirk abfeuern, wie bei jedem anderen der 13 Werke zuvor. Eine mittlerweile lieb gewonnene Tradition, die er ein letztes Mal so beibehielt. Mit dem Hinweis „Es eilt!“ befahl Biber seiner Sekretärin Lucia Winter, Termine mit allen Ghostwritern zu vereinbaren, die seiner Meinung nach für „Zwischen den Zeilen“ infrage kamen. Die Schreiber wurden zu einem kurzen Gespräch geladen, in welchem die Verlagskommission deren spontane Einfälle zur Vorgabe testete. Nach einem Kurzbriefing waren die Schriftsteller angehalten, sich in den eigenen vier Wänden ein Konzept zu überlegen, wofür sie sieben Tage Zeit bekamen. Alle Exposés wurden dann zuerst von drei Lektoren gelesen und in einer Sitzung mit einem Kernteam besprochen. Die Entscheidung für einen Ghostwriter fiel direkt im Anschluss. Lucia hatte es geschafft, das Briefing in den letzten Tagen völlig ohne seine Hilfe zu verfassen und sämtliche Schriftsteller vorzuladen, mit welchen er im Begriff war, sich auszutauschen. Nach mittlerweile eineinhalb Jahren an seiner Seite entwickelte sie sich langsam zu der Art von Assistentin, die Peter behagte. Er würde sich bei ihr demnächst mit einer Einladung zu einem Mittagessen für ihren unermüdlichen Einsatz bedanken. „Ich grüße Sie. Mein Name ist …“ Noch bevor er ihn nennen konnte, war Peter Biber mit seinen Gedanken woanders. Den aktuellen Bewerber kannte der Verlagsleiter. Jedes seiner Werke aus dem Genre Regionalkrimi, erschienen in einem Konkurrenzverlag, war ein Erfolg gewesen. Er hatte insgesamt vier Autoren begutachtet, die ihre Konzepte abgegeben hatten. Garantiert gute Qualität lieferte zwar jeder von ihnen, doch keiner schien die Werke von Paula Hogitsch ausreichend zu kennen, um ihren Stil perfekt zu kopieren – eine Grundvoraussetzung, um in ihrem Namen zu publizieren. „Und, ist was dabei gewesen?“ Christopher Rose war einer der Lektoren, die sich um die Betreuung der Verlagsautoren, insbesondere von Paula Hogitsch, kümmerten. „Bin nicht überzeugt“, murmelte Peter, während er einmal mehr die Lebensläufe der Ghostwriter begutachtete und die Verschwiegenheitsvereinbarungen auf einen Stapel legte, die jeder einzelne zu unterzeichnen hatte. „Wer kein einziges von Paulas Werken kennt, wird es in den nächsten Monaten nicht schaffen, diese Wissenslücke schnellstmöglich zu schließen. Dafür fehlt uns die Zeit.“ Peter legte die Latte Christophers Meinung nach – wie immer – hoch, doch jetzt die falsche Entscheidung zu treffen, könnte fatale Folgen für den Verlag haben. Im schlimmsten aller Fälle müssten sie die Ankündigung des Werks für den Herbst nächsten Jahres wieder zurückziehen, doch das wäre das erste Mal in der gesamten Verlagsgeschichte und eine höchst blamable Angelegenheit. Ihm war bewusst, dass so manch prominenter Schriftsteller, der in ihrem Verlag publizierte, eigene Haus- und Hofghostwriter anheuerte. Das Publikum kaufte es ihnen immer wieder ab, dass die Werke allesamt aus der Feder ihres Lieblingsautors stammten. Zumindest waren noch nie gegenteilige Meinungen oder Beschwerden durchgedrungen. Autor und Ghostwriter mussten zusammenpassen, und dieses Matching gleich einer Begegnung auf einer Dating-Plattform zu kreieren, stellte nicht die leichteste aller Aufgaben dar. Während Peter immer und immer wieder dieselben Exposés durchsah, als erhoffte er sich eine erst spät auftauchende Erleuchtung, holte ihn das Klingeln des Telefons aus seinen Überlegungen. „Jetzt nicht!“, fauchte er das Gerät an, als könnte er es mit seiner gereizten Aussage zum Verstummen bringen. Nach dem vierten Läuten nahm er dennoch ab. Seine Assistentin war am Apparat. „Lucia, Sie wissen doch, dass ich mich hier mit Christopher verschanzt habe.“ „Tut mir leid, ja. Aber Herr Dorian Finz ist am Apparat. Einer der Herren Ghostwriter. Darf ich ihn durchstellen?“ Peter verdrehte die Augen, verdeckte mit der Handfläche den unteren Teil des Telefonhörers und sagte zu seinem Kollegen: „Was genau an ‚Rufen Sie uns nicht an, wir rufen Sie an‘ verstehen die Leute eigentlich nicht?“ Christopher schmunzelte. Der Verlagsleiter hatte den so überstrapazierten Satz, den kein Mensch je hören wollte, des Öfteren ausgesprochen, wenn er mit Leuten in Verbindung war, die etwas von ihm benötigten. „Ja“, grunzte währenddessen Peter unfreundlich in den Hörer und legte einmal mehr die Exposés auf einen Stoß zusammen, um sie gleich im Anschluss wieder vor sich auszubreiten. „Finz mein Name, grüß Sie Gott! Ich habe Ihnen vor ein paar Tagen mein Exposé für den Ghostwriting-Auftrag geschickt und …“ Peter fiel ihm ins Wort. „Ja, vielen Dank. Wir haben es erhalten und schauen uns gerade alles an.“ Er hielt das Schriftstück des Ghostwriters in die Höhe, um Christopher zu signalisieren, wer am Apparat war. Dabei verzog er sein Gesicht und schüttelte seinen Kopf leicht. Eindeutig schien er von dessen schriftstellerischem Erguss wenig begeistert zu sein. „Wir melden uns, ja?“ Der Verlagsleiter beendete das Gespräch, legte auf und atmete durch. Wieder glitt sein Blick über die Zeilen der Bewerber. „Ich hab da eine Idee. Wie wäre es denn, wenn ich die Aufgabe übernehme?“, schlug Christopher seinem Chef vorsichtig vor. „Was meinst du?“, entgegnete der. „Na ja, ich kenne Paula und ihren Stil seit vielen Jahren und auch alles andere, was sie ausmacht. Ich könnte das hinkriegen.“ Peter schaute ihn mit einem Fragezeichen in den Augen an, als wäre er selbst nie auf diese Idee gekommen. „Hm, das ist ein Argument. Vielleicht würdest du es schaffen.“ Christophers Meinung nach hätte er sich das Wort „vielleicht“ an dieser Stelle sparen können. Er war sich sicher, das Projekt zu stemmen, auch wenn es ihm alles abverlangen würde. Abgesehen davon hatte er einmal ein Buch über die Abgründe Wiens verfasst. Dabei handelte es sich zwar um ein Sachbuch, aber er beherrschte es zu schreiben. Diese Fähigkeit brauchte er nicht infrage zu stellen. „Weißt du was? Ich denke darüber nach. Wenn wir wirklich niemand anderen auftreiben können, ist es wohl besser, du übernimmst den Job. Allerdings müssten wir dich dann für die gesamte Zeit vom restlichen Verlagsbetrieb freistellen. Ob mir das so gefällt …“ Zumindest zog Peter diese Option in Betracht und zeigte sich willig, sich den Vorschlag durch den Kopf gehen zu lassen. Als er sich erheben und wieder an seinen Schreibtisch zurückkehren wollte, preschte der Verlagsleiter mit einer weiteren Idee vor. „Was ist eigentlich mit Tobias Gielding? Habt ihr den noch nicht kontaktiert?“ Peter Biber hatte den Autor ursprünglich auf seine Liste an möglichen Schreibern gesetzt, ihn bisher aber nicht ernsthaft für diesen Job in Betracht gezogen. „Der hat doch auch noch nie den Vogel abgeschossen“, argumentierte Christopher, ihn selbst dieses Mal außen vor gelassen zu haben. Jetzt, als er vielleicht selber zu einer unverhofften Chance kam, seine Fähigkeiten als Ghostwriter auszupacken und der Welt zu präsentieren, kam Peter plötzlich jemand anderer in den Sinn. Ging es ihm nur mehr ums Prinzip oder darum, Christophers Funktion als Lektor nicht leichtfertig aufzugeben? Unmöglich konnte er beide Jobs erledigen. „Na, da ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Paula ihre Entscheidung noch einmal durch den Kopf gehen lässt, wohl höher, als dass wir mit ihm eine gute Wahl treffen.“ Christopher redete in sich hinein und erwartete keine weitere Aussage seines Chefs dazu, doch der Verlagsleiter fühlte sich bemüßigt, dessen Wortmeldung einmal mehr zu kommentieren. „Darum geht’s doch nicht. Lad ihn ein. Soviel ich weiß, mag er Paulas Werke. Er soll uns was liefern. Ganz im Sinne von ‚Schau ma mal, dann sehn ma schon‘.“ Peter lächelte. „Und wenn der auch nicht infrage kommt, kenne ich da einen gewissen Christopher Rose, der ein besonders talentierter, ambitionierter Jungautor sein soll.“ Wieder schmunzelte er, klopfte seinem Lektor von hinten auf beide Schultern und ließ ihn alleine in seinem Büro zurück. Erteilte Peter Biber einen Auftrag, war keine Zeit zu verlieren. Zügig suchte Christopher die Telefonnummer des Herrn Gielding aus der Kartei und wählte dessen Nummer. Zuletzt hatte er ihn vor ca. zwei Jahren gesehen, als sie jemanden für die Erstellung eines Reiseführers durch Wien für junge Menschen brauchten. Der Autor war zwar in die engere Wahl gekommen, konnte aber letzten Endes nicht mit einer für die Zielgruppe adäquaten Sprache begeistern. So verschwand er wieder in den Untiefen ihrer Kartei und wurde später ein weiteres Mal konsultiert. Und nun gab man ihm schon zum dritten Mal eine Chance. Eine Eigenschaft, die der Lektor an Peter schätzte. Nach dem vierten Klingeln hob Tobias ab. „Hallo? Hallo?“ „Christopher Rose hier, vom Verlag Biber & Benson.“ Er nahm ein Rascheln im Hintergrund wahr, bis die Leitung klarer wurde. „Tut mir leid“, drang es aus dem Telefon, „ich war wohl gerade in einem Funkloch. Jetzt höre ich Sie besser. Herr Rose, habe ich das richtig verstanden?“ „Ja, genau. Christopher Rose. Wir haben uns vor einiger Zeit im Zuge einer Autorensuche für Biber & Benson kennengelernt. Erinnern Sie sich?“ Christopher war bewusst, wie absurd sich diese Frage anhörte. Wusste er davon nichts mehr, wäre er entweder schwer beschäftigt oder angehend dement. „Ja, natürlich. Das Wien-Buch. Ich entsinne mich. Schade, dass es damals nicht geklappt hat. Aber ich habe es danach in der Buchhandlung entdeckt und etwas darin geschmökert.“ Dass Tobias damals leer ausgegangen war, hatte ihn mehr als geärgert. Da er für einige heimische Magazine jahrelang Tipps über neue Wiener Attraktionen, Lokalitäten und Ausflugsziele geliefert hatte, war er für die Konzeption eines Reiseführers geradezu prädestiniert gewesen. Den richtigen jugendlichen Schreibton hätte er sich schon noch aneignen können. Nichtsdestotrotz hatte er die Ausschreibung und Absage als fair in Erinnerung. Rose meldete sich stets nach Abmachung und erteilte wertschätzendes Feedback, mit dem er etwas anzufangen wusste. Als er dann das fertige Werk in einem Geschäft erspäht und darin geblättert hatte, nahm er zwar eine unangenehme Gefühlsmischung aus Neid und Enttäuschung wahr, übte sich jedoch einmal mehr darin, Angebotsabsagen ad acta zu legen und zu akzeptieren, dass er nicht der Richtige für das Projekt, sondern jemand anderes besser geeignet war. Und eines Tages würde er der Andere sein. „Oh, das freut uns“, antwortete der Lektor. „Der Grund, warum ich anrufe, ist folgender: Es gibt da ein neues Projekt, wofür wir Sie gerne einladen möchten, sich zu bewerben …“ Gielding unterbrach ihn. „Wirklich? Schön, dass Sie dabei an mich denken. Worum geht es denn?“ „Dieses Mal handelt es sich um etwas gänzlich anderes. Kein Reiseführer, sondern um ein Werk im Krimigenre. Können Sie damit etwas anfangen?“ Während Christopher mit ihm sprach, ging er am Computer kurz den Lebenslauf des Ghostwriters durch. Zwar verfügte er nicht über die aktuellste Version seiner Vita, sondern über eine, die zwei Jahre zuvor endete, dennoch wurde ihm wieder klar, warum er ihn selber nie vorgeschlagen hätte. Bedeutende Publikationen aus seiner Feder fehlten bis dato. „Sie meinen, Sie suchen etwa die männliche Antwort auf Paula Hogitsch?“ Tobias lächelte. Nie hätte er vermutet, dass er mit seinem naiv ausposaunten Vorschlag richtiger als erwartet lag. „Genau das tun wir, Herr Gielding. Haben Sie Interesse, uns dafür ein Angebot zu legen? Sie wissen ja, wie es läuft. Von uns kommen ein paar Angaben, und Sie liefern das Exposé dazu. Als Zeitrahmen kann ich Ihnen eine Woche geben. Wie klingt das?“ „Sensationell. Zeitlich bringe ich es auch gut unter.“ Hoffentlich verriet das nicht, dass er momentan – wie so oft – über kein einziges Projekt verfügte und ihn seine Tagesfreizeit fast überforderte. Über die Jahre hatte er gelernt, seinen Auftraggebern stets ein Gefühl der Überbeschäftigung zu vermitteln, in der Hoffnung, damit einen Wirbel um seine Person zu entfachen, doch manchmal entfielen ihm seine eigens kreierten Regeln. „Herr Gielding, das freut uns sehr. Sollte uns Ihr Exposé zusagen, setzen wir uns natürlich schnellstmöglich zusammen, keine Frage. Jetzt aber – aufgrund des Zeitdrucks – machen wir alles einfach am Telefon aus. Wie gesagt, schicke ich Ihnen umgehend alle Vorgaben, o. k.?“ „Sehr gerne. Spätestens übermorgen erhalten Sie mein Exposé.“ Tobias war außer sich vor Freude, überhaupt für eine „Audition“ wie jene, wie er das Prozedere immer nannte, infrage zu kommen. „Kein Stress! Auch Sie haben eine Woche Zeit wie alle anderen. Nehmen Sie sich die.“ Christopher versicherte ein weiteres Mal, dass er sich freute, und verabschiedete sich. Tobias war ihm zwar sympathisch, dennoch hoffte er darauf, dass sein Exposé keine Begeisterungsstürme bei der Verlagsleitung hervorrief. Ihm gefiel die Idee immer mehr, selber den Ghostwriter-Job zu übernehmen. „Danke vielmals für diese Chance“, sagte Tobias, bevor die Verbindung unterbrochen wurde. „Paula Hogitsch“, flüsterte er nach dem Auflegen immer und immer wieder in den Raum hinein. Sollte das ein Scherz von Herrn Rose gewesen sein, oder ging es wahrhaftig darum, einen Nachfolger für sie zu finden? Er freute sich, ernsthaft wieder für einen interessanten Auftrag in Betracht gezogen zu werden. In den letzten Monaten war es immer schwieriger geworden, an ein Stück des Schreibkuchens heranzukommen. Für ihn blieben nur die uninteressanten Kleinaufträge, durch die man kaum seinen Lebensunterhalt finanzieren konnte. In den nächsten Minuten flatterte die E-Mail von Christopher Rose in seinen Posteingang. Da sich Tobias gleich vor den Computer gesetzt hatte, um keine Sekunde an Arbeitszeit zu verlieren, sah er die Nachricht umgehend und öffnete sie erwartungsvoll, um sofort zu erfahren, was hinter der geheimnisvollen Namenserwähnung einer seiner Lieblingsautorinnen stand. Sehr geehrter Herr Gielding, wie soeben besprochen, freuen wir uns, Ihnen folgende Anfrage für einen Ghostwriting-Auftrag zukommen zu lassen. Wir suchen nach einem Autor, der bis Mai 2009 einen Kriminalroman im Namen von Paula Hogitsch verfasst. Wir haben ihr 14. und letztes Werk bereits im Verlagsprogramm des kommenden Jahres angekündigt und brauchen jemanden, der diese verantwortungsvolle Aufgabe zu unserer vollsten Zufriedenheit erfüllt. Paula Hogitsch ist – wie Sie bestimmt wissen – eines unserer wichtigsten Zug­pferde, deren Fans wir nicht enttäuschen möchten. In Ihrer Bio haben wir gesehen, dass Sie bereits einen Kurzkrimi verfasst haben. Das Dokument mit den Angaben sowie eine Verschwiegenheitserklärung finden Sie anbei. Bitte lassen Sie uns Ihr Exposé bis in exakt einer Woche zukommen, damit wir ehestmöglich eine Entscheidung treffen können. Natürlich können Sie sich jederzeit mit mir in Verbindung setzen, wenn Sie noch Fragen dazu haben. Vielen Dank für Ihre Bemühungen und alles Gute! Christopher Rose Tobias’ Herz schlug ihm bis zum Hals. Das Angebot vorhin war ernst gemeint. Außer der nicht unwesentlichen Tatsache, dass es keine Findung eines Nachfolgers von Paula, sondern ein Werk in ihrem Namen sein sollte. Wie um alles in der Welt kam der Verlag auf die Idee, ausgerechnet ihn diesbezüglich zu kontaktieren? Oder ging Peter Biber so bei jedem einzelnen Ghostwriter vor, den er in seinem System gespeichert hatte? Er konnte die Überraschung in Lilos Augen kaum erwarten. Obwohl die Sache äußerst heikel war und die Verschwiegenheitserklärung eindeutig besagte, niemandem davon zu berichten, dass ein Werk in Paulas Namen entstand, konnte er nicht umhin, zumindest seine eigene Ehefrau darüber in Kenntnis zu setzen. Sie wusste, dass er selber ein Fan ihrer Bücher war. Lilo hatte seines Wissens keinen ihrer Romane gelesen, aber das verwunderte nicht weiter, da es sich bei ihr um keine große Freundin der geschriebenen Worte handelte. Gerade als er sich zurechtlegte, wie er ihr davon berichten würde, trat sie in sein Büro ein. „Du weißt eh noch, dass wir heute Abend bei Susi und Bernd eingeladen sind, oder? Jetzt wird’s wirklich Zeit, dass wir die zwei endlich wiedersehen.“ Einmal hatte er die Verabredung bereits vergessen und das nächste Mal aus Krankheitsgründen abgesagt. Lilo lehnte sich an den Türstock und setzte ihren erwartungsvollen Blick auf. Sah sie ihn so an, war er stets gefordert, etwas zu sagen, das sie nicht aus der Fassung brachte. Das Letzte, was er brauchte, war Stress mit ihr. „Tut mir leid, aber das geht nicht“, antwortete er selbstbewusst. Verstand Lilo nicht, dass die Anfrage des Verlags vorging, war ihr nicht mehr zu helfen. „Das soll wohl ein Scherz sein“, entgegnete sie und setzte an, nach seiner diesmaligen Ausrede zu fragen. „Du wirst nicht glauben, welcher Auftrag gerade zu mir hereingeflattert ist“, kam er seiner Frau zuvor. „Ein Auftrag? Ausgerechnet jetzt?“ Meinte sie etwa, jetzt, wo sie wieder einmal eine Einladung von diesem Pärchen erhalten hatten, das er ohnehin nicht leiden konnte? „Könntest du mir vielleicht auch nur ein einziges Mal zuhören?“ Tobias wartete ab, ob er von ihr ein Zeichen erhielt, das signalisierte, dass sie die Wichtigkeit in seiner Stimme bemerkt hatte. Mit einer kleinen Geste, aber immer noch mit ihrem tadelnden Blick im Gesicht, ließ sie ihn erklären, was dieses Mal hinter seiner Absage steckte. „Ich habe gerade eine Anfrage von Biber & Benson bekommen. Sie suchen einen Ghostwriter für …“ Tobias wartete kurz, um die Spannung zu steigern. „Paula Hogitsch.“ „Paula wer?“ Wie zu erwarten, war seine Frau nicht imstande, den Namen der Sparte „erfolgreiche Schriftstellerin“ zuzuordnen. „Bestsellerautorin. 12 höchst erfolgreiche Krimis. Ihr 13. erscheint heuer und den 14. soll ich für sie schreiben.“ „Was?“ Lilo nahm an, ihr Mann würde sich einen Scherz mit ihr erlauben. Mittlerweile hatte sie nicht mehr damit gerechnet, dass er es jemals zu einem großen Auftrag schaffte. Nun stand sie kerzengerade im Türstock und hielt ihre beiden Arme wie ein Kaktus zur Seite. Ihr offener Mund und ihre aufgerissenen Augen verlangten nach einer zusätzlichen Erklärung von ihm. „Na ja, ich hab zumindest eine Anfrage vorliegen. Jetzt muss ich ein Exposé verfassen, es einreichen, und dann schauen wir weiter, ob es ihnen gefällt. Aber allein dass sie dabei an mich denken, ist unglaublich.“ „Weißt du was?“ Lilo ergriff wieder das Wort. Ihre Reaktion hätte er sich zwar anders gewünscht, doch mittlerweile war ihm bewusst, wie sie tickte und was er von ihr zu erwarten hatte. „Ich gehe heute alleine zu den beiden. Du arbeitest und holst dir den Auftrag. Zeit wird’s!“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und schloss die Tür von außen. Wahrscheinlich tat sie die Anfrage als weitere Spinnerei von Tobias ab, doch zumindest ließ sie ihn werken und verschonte ihn mit einem Treffen mit Leuten, dem er ohnehin nichts abgewinnen konnte. In der folgenden Nacht arbeitete Tobias Gielding durch. Er wollte dem Verlag beweisen, dass er es schaffte, schneller als alle anderen Autoren abzuliefern, und Lilo, dass er die Anfrage zu Recht erhalten hatte. Sein Konzept schickte er am übernächsten Morgen per E-Mail direkt an Peter Biber. Kapitel 4 – Der Schreiber August 2008 Tobias Gielding war ein kreativer Mann. Er studierte Menschen, ihr Äußeres in Kombination mit ihrer Art, sich zu geben, und kreierte zu jeder Person, die er sah, umgehend eine kurze Lebensgeschichte. Einen möglichen Namen, Alter, Herkunft, Beruf und Interessen glaubte er aufgrund von Mimik und Gestik zu erraten, wenn er jemanden nur einige Zeit lang beobachtete. Wie oft er mit seinen Vermutungen richtig lag, war ihm unbekannt, doch für ihn stand außer Zweifel, zumindest mit einem Teil ins Schwarze zu treffen. Besonders intensiv musterte er Gesichter, in welchen ihn vor allem die Augen faszinierten, die auf stumme Art und Weise Geheimnisse verrieten. Die Jahre vor seiner Zeit als Autor blendete er gänzlich aus. Er hatte nie etwas anderes tun wollen als schreiben. Während der Schulzeit ließ man ihn als Teil seiner Ausbildung gewähren. Doch als Erwachsener umgaben ihn immer mehr Menschen im Umfeld, die ihn in seinem Schöpferdrang nicht ernst nahmen und sein Talent weder erkannten noch förderten. Schlimmer sogar, die ihn von seiner Leidenschaft abzubringen versuchten. Wie er mit brotloser Kunst Geld verdienen wolle, pflegte man ihn zu fragen. Niemand verstand, dass er nicht anders konnte. Seine Gedanken, Eindrücke und Erlebnisse sowie sämtliche Geschichten, die ihm begegneten, niederzuschreiben, war wie ein Zwang. Tat er das nicht, fehlte ihm etwas, und zwar der wichtigste Teil in seinem Leben. Mittlerweile kannten die ihn umgebenden Menschen sein Faible, das Notieren sämtlicher Details stets allem anderen vorzuziehen. Seine Frau Lilo akzeptierte es, ohne zu verstehen, was in diesen Momenten in ihrem Mann vorging. Kein einziges Mal wollte sie mit ihm mehr über seine Besessenheit, wie sie es nannte, reden und lehnte weitere Erklärungsversuche seinerseits ab. Wenn sie ihn dann doch hin und wieder vom Schreiben abzuhalten versuchte, beispielsweise im Urlaub, ließ er sie spüren, was mit ihm passierte. Eine Leidenschaft zu unterdrücken, machte einen Menschen nur unglücklich, rechtfertigte sie mittlerweile sein Verhalten anderen Leuten gegenüber. Sie hatte keine Wahl. Tobias Gielding war Beobachter. Bevor er mit jemandem ins Gespräch kam, musste er das Gefühl haben, die Person ein wenig zu kennen. Er observierte sie so lange, bis er meinte, zumindest ein bisschen was über sie zu wissen. Er hasste es, wenn man frontal auf ihn zuging und ihn einfach ansprach. Aktionen wie diese brachten ihn aus dem Konzept und konnten nie eine ähnlich qualitätsvolle Konversation zur Folge haben wie jene mit von ihm zuvor beobachteten Menschen. Als er seinen Laptop einschaltete, schossen ihm in Gestalt eines pawlowschen Reflexes die Worte seiner Mutter durch den Kopf: „Mit deiner Schreiberei wirst du nie genug verdienen.“ Dabei hatte sie stets ihre Augen zusammengekniffen, als wäre ihre Aussage eine Drohung, die sie, wenn er nicht spurte, wahr werden ließ. Sie war nicht in der Lage gewesen zu verstehen, wie man ein Hobby zum Beruf machen konnte. Allerdings hatte sie auch nie verlangt, dass ihr Sohn aufgab, nur erwartet, es ausschließlich als netten Zeitvertreib zu betrachten. Menschen, die richtiges Geld damit machten, waren in ihren Augen „anders“. Anders als er? Wie musste man als erfolgreicher Schriftsteller denn sein? Brachte man Texte schneller zu Papier? Hatte man genialere Eingebungen? Bekam man bessere Aufträge? War man ein Typ Mensch, aus dem sich eine Art Marke aufbauen ließ, und dafür geeignet, zu sämtlichen Themen, die das Land bewegten, etwas zu sagen zu haben? Oder ging es ihr darum, dass sie ihrem Sohn das Künstlerdasein nicht zutraute, weil sie sich mit ihm verglich und ihm des Öfteren ihre eigenen Schwächen und Unfähigkeiten vorhielt? Steckte in ihr auch etwas, das zeit ihres Lebens herauswollte, ohne von ihrem Umfeld akzeptiert worden zu sein? Menschen, die nie machten, was ihnen am Herzen lag, bestraften gerne unbewusst ihre eigenen Kinder, sobald diese ihre Träume auszuleben versuchten. Doch was zum Teufel konnte er dafür, dass sie kein selbstbestimmtes Leben geführt hatte? Manchmal wünschte er sich ein Umfeld herbei, das eine weniger typisch österreichische Ansicht vertrat und außergewöhnliche Begierden und Ideen unterstützte, anstatt sie schlicht im Keim zu ersticken. Wann immer er zu Besuch bei Freunden in den USA war, schwappte ihm eine Motivation, seine Träume zu verwirklichen, entgegen, die er gierig aufsaugte wie ein Schwamm das Wasser. Nach jeder Rückkehr aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten gelang es ihm, Wochen davon zu zehren und in den Steinen, die ihm in den Weg gelegt wurden, zu bewältigende Herausforderungen zu erkennen. Doch irgendwann ebbte diese Begeisterung wieder ab, und er war im heimischen Alltag angekommen, der entmutigende Floskeln und eine zweifelnde Umgebung nach sich zog. Nicht nur einmal spielte er mit dem Gedanken, der Heimat den Rücken zuzukehren und sein Glück woanders zu versuchen. Was allerdings brachte es ihm auf seinem Lebensweg, Autor zu werden, der an eine Sprache und daran verknüpft an einen Buchmarkt gebunden war, wenn er in einem anderen Land weilte? Früher oder später wäre er, selbst wenn er von woanders aus schrieb und seiner Kreativität Raum zur Entfaltung bot, doch wieder gezwungen, sich mit denselben, nicht aufgeschlossenen Leuten abzugeben. Tobias Gielding arbeitete als Auftragsschreiber, als Ghostwriter. Er formulierte, was andere nicht zu Papier bringen konnten. Schrieb er deswegen im Namen von Fremden, weil er selber über keinen Bekanntheitsgrad verfügte? Und obwohl ihn ab und an eine Zusage erreichte, plagten ihn aufgrund der schwer unterbezahlten Aufträge seit Jahren Zweifel darüber, wie lange er sich diesen Luxus würde leisten können. Zwischen den mäßig erfolgreichen Projekten, die er stets fristgerecht ablieferte, ohne frenetischen Beifall dafür zu kassieren, bastelte er beharrlich an seinen eigenen Geschichten, die er eines Tages einem Verlag anzubieten plante. Viel zu voreilig hatte er vor mittlerweile zehn Jahren sein Glück auf die Probe gestellt und einen Vertragspartner für seinen ersten Krimi gesucht. Ab und an flatterte immer noch eine inhaltslose Absage herein, die sich weder genauer auf sein Werk noch auf den Grund für die Ablehnung bezog. Mehr als ein Standardschreiben war er nicht wert, und das schien schon das höchste Maß an Aufmerksamkeit zu sein, das man ihm angedeihen ließ. Erst jetzt fand er Klarheit darüber, dass es damals zu früh für diese Initiative gewesen war. Sein Schreibstil hatte sich in den letzten Jahren radikal weiterentwickelt – sonst hätte er es bis dato nicht geschafft, seine Kunden zufriedenzustellen. Dennoch fehlte ihm seiner Meinung nach das gewisse Etwas, das zugegebenermaßen einen Autor ausmachte. Hin und wieder nahm er sich frühere schriftstellerische Ergüsse zur Hand, die in den Untiefen seiner digitalen Ablage verschwunden waren. Seine Reaktion reichte von erstaunter Begeisterung bis hin zu entsetzter Scham. Teilweise war ihm tatsächlich entfallen, was er alles kreiert hatte – von Kurzgeschichten über Drehbücher oder Krimis, jedoch allesamt unvollständig, unausgereift und nicht bis zum Ende in jedes verwinkelte Detail durchdacht. Manches überraschte ihn positiv, und er war der Meinung, dass er es gegenwärtig nicht mehr ähnlich gelungen hinbekommen würde. Mittlerweile hatte sich eine Enttäuschung in ihm ausgebreitet, die ihn regelmäßig alles hinterfragen ließ. Was war mit der Theorie, dass man Dinge, die man gerne tat, auch gut machte? Wann würde sich seine Beharrlichkeit im Laufe all der düsteren Phasen endlich rentieren und er seine Selbstzweifel beseitigen können? Während sein Laptop in die Gänge kam, wurde er sich seiner Mittelmäßigkeit bewusst. Wieder einmal. Dennoch konnte er sich nichts anderes vorstellen und würde seine Zweifler und sich selbst schon eines Besseren belehren. Er war 33 Jahre alt und hatte sich vorgenommen, noch vor seinem auf ihn zurasenden halbrunden Geburtstag einen Bestseller für einen bekannten Autor zu schreiben. Kam dann ans Tageslicht, beispielsweise durch die Indiskretion seitens eines Verlagsmitarbeiters, dass er hinter dem Erfolg stand, konnte der Weg zu seiner eigenen Story nicht mehr so weit sein wie davor. Der Begriff Bestseller war, nach dem zu urteilen, was er alles schon aus der Buchszene vernommen hatte, ohnehin Interpretationssache. Manche bedienten sich der Definition, wenn von einem Buch mehr als 100.000 Exemplare verkauft wurden. Andere teilten die Ansicht, es ginge um einen überdurchschnittlich hohen Verkauf innerhalb eines festgesetzten Zeitraums im Vergleich zu den weiteren Titeln, die am Markt waren. Wieder andere richteten sich nach den Bestseller-Listen diverser Tageszeitungen oder Magazine, die weiß Gott wo ihre Zahlen bezogen. Für ihn ging es mehr darum, endlich selber mit seiner Leistung zufrieden zu sein. Womöglich brauchte er seine eigene Definition dafür. Momentan war er weit davon entfernt. Schon seit Tagen wartete er auf eine positive Antwort des Verlags. Die auf seine ungeduldige Rückfrage hin eintreffende Nachricht, die Prüfung der Angelegenheit dauere eben ihre Zeit, stellte ihn langsam nicht mehr zufrieden. Er brauchte diesen Auftrag. Der Vorwurf in Lilos Augen war nicht länger auszuhalten. Täglich wuchs er zu etwas Unerträglichem heran. „Wenn das nichts wird, musst du dir einen Job suchen. Ich kann langsam nicht mehr alleine für alle Kosten aufkommen“, lauteten ihre Worte. Sie war im Recht, und das wusste sie. In den letzten Jahren hatte sie so viel akzeptiert – seine häufige geistige Abwesenheit, kombiniert mit einem niedrigen Lebensstandard –, dass er ihr das schuldete. Fiel die Antwort des Verlags negativ aus, wurde er dadurch zum Handeln gezwungen und würde sich vorübergehend anderweitig Geld beschaffen müssen. Er hasste diesen Gedanken. Er war Schriftsteller. Warum gab man ihm keine Chance? Nicht nur einmal hatte man ihm einen großen und anständig bezahlten Auftrag in Aussicht gestellt, der ihm außer Zeitaufwand und Unmengen an Hoffnung seinerseits nichts weiter gebracht hatte. Die Zuversicht, dass es das nächste Mal klappen würde, brachte ihn nicht voran, denn Folgeanfragen, die sich daraufhin realisierten, blieben aus. Einmal war sogar eine Anfrage für ein Theaterstück hereingekommen, aber anschließend im Sand verlaufen, nachdem er ein noch so faires Angebot gelegt und wiederholt nachgefragt hatte, ob schon eine Entscheidung getroffen worden war. Nicht einmal eine ablehnende Antwort hatte ihn erreicht. Als das Stück zwei Jahre später in einem kleinen Theater in seiner Nähe aufgeführt wurde, war ihm die Ankündigung dazu untergekommen und hatte ihn daran zurückerinnert. Weder eine Ab- noch eine Zusage zu erhalten, ärgerte ihn mehr als ein konkret formuliertes „Nein“, das wenigstens ein Ende seines stetigen Hoffens bedeutet hätte. Dann könnte er mit etwas abschließen, ohne länger eine Art unerledigte Aufgabe in seinem Hinterkopf umherschwirren zu haben. Nach einer kurzen Pause, in welcher er den Computer keines Blickes gewürdigt hatte, zeigte sein Posteingang drei neue Nachrichten. Bevor er die Mails genauer inspizierte, wurde ihm klar, dass sich eine des Biber-&-Benson-Verlags darunter befand. Es stimmte, Peter hatte geantwortet. Gewöhnlich rief er mit guten Neuigkeiten an und schrieb mit schlechten zurück. Musste er sich nun endgültig einen Job suchen, um die ausständigen Rechnungen bezahlen zu können? „Kommst du zum Essen?“ Lilo rief ihn jedes Mal, bevor sie fertig gekocht hatte. Eigentlich meinte sie: „Kommst du zum Essen, nachdem du den Tisch gedeckt, den Wein eingeschenkt und die Musik eingelegt hast?“ Seine Ehefrau liebte Romantik, das alles diesbezüglich vorzubereiten, war jedoch letztendlich sein Job. Er wollte die Mail aber unbedingt lesen, auch wenn ihm deren Inhalt womöglich den Appetit verdarb. Sehr geehrter Herr Gielding, Ihr Exposé hat uns sehr zugesagt, und wir freuen uns aus diesem Grund, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass wir den Ghostwriting-Auftrag für Frau P. H. an Sie erteilen. Bitte verzeihen Sie, dass ich für eine Zusage nicht anrufen kann – ich befinde mich mitten in einer Besprechung, wollte Ihnen die freudige Nachricht jedoch sofort übermitteln. Ich erlaube mir, Sie morgen Vormittag telefonisch zu kontaktieren. Herzlichst, Peter Biber Tobias Gielding traute seinen Augen nicht, und auch die zweite Aufforderung seiner Frau, zum Essen zu kommen, änderte nichts an seiner versteinerten Haltung vor dem Computer. Er konnte es nicht fassen, dass er den Biber-­&-Benson-Verlag mit seiner Idee hatte überzeugen und begeistern können. Er war der neue Ghostwriter von Paula Hogitsch, und das mit seiner eigenen Geschichte. „Du wirkst irgendwie durcheinander. Was hast du denn?“ Lilo merkte, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmte. Er zog den Korken heraus und blickte sie lächelnd an, während er den Wein auf der Küchenanrichte abstellte. „Alles in Ordnung?“ Sie hatte sich mit seiner sonst introvertierten und stets leicht mürrischen Art in der letzten Zeit abgefunden und fragte ihn nicht länger nach den Gründen seines Unmuts. Mittlerweile wusste sie genau, dass ihn die wirtschaftliche Lage ebenso belastete wie sie selbst, und wollte nicht jedes Mal wieder von Neuem damit anfangen. Die beiden setzten sich zu Tisch, doch bevor sie das Essen anrichtete, reichte ihr Tobias ein volles Glas Rotwein. Lilo sah ihr immer noch lächelndes Gegenüber verwirrt an. Ihr erwartungsvoller Blick verlangte nach einer Erklärung. „Wir trinken auf die unerwarteten Momente, die einen Tag besonders machen!“ Beide nippten am Wein, und bevor sie ihre Vermutung aussprechen konnte, fiel er ihr ins Wort. „Ich hab den Auftrag. Peter ruft mich morgen an, damit wir alles Weitere besprechen können.“ „Wirklich … damit hab ich nicht gerechnet“, stammelte Lilo, während sie mechanisch und wie geistesabwesend Kartoffeln, Gemüse und Fleisch auf den Tellern verteilte. Dann riss sie sich zusammen und sagte: „Ich muss mich bei dir entschuldigen.“ Ihre Augen wichen den seinen aus und wandten sich rasch dem Essen zu. „Ich hab nicht mehr daran geglaubt, dass du es schaffst. Es tut mir leid.“ Sie meinte es ernst. Auch wenn Lilo wusste, dass Tobias beim Schreiben Glück empfand, hatte sie darin bis zu jenem Zeitpunkt nur ein Hobby gesehen und nicht erwartet, dass er damit tatsächlich erfolgreich wurde. „Schatz, das ist eine großartige Sache, und ich will, dass du dich freust. Ich verstehe dich ja. Es ist nicht leicht, an jemanden zu glauben, der so oft Absagen bekommen hat wie ich. Aber jetzt möchte ich glücklich darüber sein, dass ich diese Chance erhalten habe.“ „Und wie geht es jetzt weiter? Ich meine, kriegst du Vorgaben, wie lange hast du Zeit, wie funktioniert das alles?“ „Das werde ich hoffentlich morgen erfahren“, antwortete er mit hochgezogenen Augenbrauen. Obwohl ihm all die Rahmenbedingungen, die dieser Auftrag mit sich brachte, unbekannt waren, machte sich zu seiner Überraschung keine Form der Nervosität bemerkbar, sondern vielmehr eine Art Vorfreude, die er in beruflicher Hinsicht so noch nie erlebt hatte. Die Tatsache, dass Peter Biber den finanziellen Aspekt bei seiner Zusage vollkommen ausgeklammert hatte, überraschte ihn. Hieß das automatisch, dass sie sein Angebot akzeptierten? Übertrieben hoch war sein Preis nicht angesetzt. Es war durchaus realistisch, dass es so durchging. Wahrscheinlich aber war dies Thema des Telefongesprächs am nächsten Tag oder des bevorstehenden persönlichen Treffens. Lilo blickte ihn an, nachdem sie das erste kleine Stück Fleisch auf ihre Gabel gespießt hatte, und hielt inne. „Was denkst du?“, fragte sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht. „Keine Ahnung. Ich bin sprachlos. Gerechnet habe ich selber nicht damit.“ Er trank einen großen Schluck Wein, als verschaffte ihm der Alkohol mehr Klarheit darüber, was soeben passiert war. „Na ja, du bist einfach gut“, entgegnete sie und nahm ihren ersten Bissen. Nie zuvor hatte sie so etwas zu ihm gesagt. Obwohl eine längst überfällige Anerkennung guttat, war er doch überrascht. Jetzt erst, nach dieser Auftragserteilung, wurde es ihr bewusst, dass in ihm Talent schlummerte? Oder war es jene Art von Kompliment, die ihrer Meinung nach nun sein musste, damit sie ihren Beitrag in Sachen Unterstützung ihres Ehemannes geleistet hatte? „Das ist lieb von dir“, entgegnete er. Nichts lag ihm ferner, als deswegen einen Streit zu entfachen, weil er in den vergangenen Jahren, als die gewinnbringenden Schreibjobs ausgeblieben waren, anerkennende Sätze so bitter nötig gehabt hätte. Doch mittlerweile durchschaute er ihre Art und hielt davon Abstand, solche Aussagen auf die Goldwaage zu legen, die zu ihren Ungunsten aus dem Gleichgewicht geriet. Tobias Gielding genoss den Abend mit seiner Gemahlin an der Seite, doch gedanklich war er woanders. Bei einer anderen Frau. Bei einer Persönlichkeit, die man kannte. Bei einer Erfolgsautorin, deren Werk er schreiben würde. Kapitel 5 – Das Kunstwerk Juli 1991 Die Tür stand offen. Mit einem lauten „Hallo?“ betrat sie das Atelier von Roman Berger, seines Zeichens Maler und Installationskünstler. Er war ihr von ihrer Freundin empfohlen worden, da sie ihr Interesse an einem Porträt von sich bekundet hatte. „Er wird deine Seele nach außen kehren“, so Brigitta. Folglich schlich sie ins Atelier eines völlig Fremden, der trotz fix vereinbarten Termins offenbar nicht anwesend war und seine Räumlichkeiten unverschlossen hinterlassen hatte. „Herr Berger!?“ Paula drang zögernd weiter vor und passierte unzählige Bilder und Skulpturen, die nicht unterschiedlicher hätten sein können. Abstrakte Malerei, Gesichter von Menschen, Zeichnungen von wilden Tieren, Gebilde aus Holz – all das befand sich in einem unverschlossenen, riesigen Raum. „Wer is’ denn des?“ Zwischen zwei Staffeleien tauchte ein älterer Mann mit zerzaustem Haar und Brille auf der Nase auf. Paula war zutiefst erschrocken und versuchte ohne Erfolg, eine verständliche Erklärung abzugeben. „Brigitta hat … Porträt von mir … Herr Berger?“ „Die entzückende Schriftstellerin!“ Roman Berger schrie den Satz in Richtung der vor ihm an die Wand gelehnten Leinwand. Er hatte eindeutig auf den Termin mit ihr vergessen. „I hob so vü zum Tuan – entschuldigen’s, gnä Frau.“ Mit einem verlegenen Lächeln versuchte der Maler seine Verwirrtheit zu überspielen. Noch bevor er ihr einen vornehmen Handkuss mit den Worten „Küss die Hand, Gnädigste“ erteilte, nahm er sich die Brille von der Nase. „Herr Berger, es freut mich sehr.“ Paula lächelte, blickte dabei aber in ein erstauntes Gesicht. „Stimmt etwas nicht?“ „Entschuldigen’s bitte. Sie san a Augenschmaus – i hob jo ka Auhnung ghobt. De liabe Brigitta hat so von Ihna gschwärmt, oba sie hod maßlos untatriebn. De Augen, der Mund … und Ihre rote Blusn passt Ihna perfekt. Afoch entzückend!“ So wie Roman Berger die Worte mit seinem ausgeprägten Wiener Dialekt formulierte, klang es über alle Maßen ehrlich in ihren Ohren. Was hätte der in die Jahre gekommene Künstler auch davon, ihr zu schmeicheln, wenn er nicht tatsächlich so empfand? An Aufträgen mangelte es ihm nicht, wie ihr bekannt war. Paulas Gesichtsfarbe änderte sich spürbar, doch sie freute sich auf das Ergebnis und konnte es kaum erwarten, Steffen zum Geburtstag ein Porträt von sich zu überreichen. „Kumman’s!“ Der Künstler nahm Paulas Hand und führte sie in Form einer Erkundungstour durch sein Atelier. Immer wieder blieb er an ausgewählten Stellen stehen und deutete wortlos auf Porträts bekannter Persönlichkeiten, ohne deren Identität zu erwähnen. „Oh, ist das etwa…?“ Paula rang um den Namen, der ihr beim besten Willen nicht über die Lippen kam. „Die vom Opernball?“ Roman nickte nur und ergänzte: „Noch ihrm ersten.“ „Und das ist der Skifahrer, oder?“ Wieder bestätigte er ihren Verdacht mit einem energischen Kopfnicken. „Oh entschuidigen’s, Gnädigste. Woin’s an Kaffee?“ Paula nahm das Angebot gerne an und kam während des Nippens daran langsam in Stimmung. „Und jetzt gaunz stü“, flüsterte der Künstler – er hatte sie sofort und auf der Stelle malen wollen. Im Schein der Lampe, die ihm Licht für seine Arbeit spendete, funkelte das Rot ihrer Lippen mit dem ihrer Bluse um die Wette und harmonierte mit dem Dunkelbraun ihrer schwungvollen Locken. Paula sah die Rückseite einer Leinwand vor sich sowie die Augen und einen Teil von Romans Gesicht. Sie unterstand sich, nur eine Sekunde den Blick von ihm abzuwenden. Das Atelier um sie herum blendete sie vollständig aus. „Großortig“, lobte Roman seine neue Muse immer wieder. Eine so attraktive Frau hatte er schon lange nicht mehr in seinen Räumlichkeiten begrüßen dürfen. Er konnte sich nicht daran erinnern, je ein ähnlich ansprechendes Gesicht einer jungen Dame auf einer Leinwand verewigt zu haben. „Brigitta hod erzöht, dass du Biacha schreibst.“ Roman versuchte, eine Konversation in Gang zu bringen, um die herrschende Stille zu durchbrechen. „Das ist richtig“, antwortete Paula mit so wenig Mimik wie möglich, um den Maler nicht von seinem Pinselschwung abzulenken. „Mein erster Roman, ‚Nebel über dem See‘, wurde schon veröffentlicht und hat sich sehr gut verkauft. Mein zweiter, ‚John Beauclair‘, ist gerade in der Postproduktionsphase. Ich denke, auch er könnte erfolgreich werden.“ „Großortig!“ Paula überlegte, ob er damit auf das eben Gesagte reagierte oder sich selbst für seine Darstellung ihrer Züge auf der Leinwand gelobt hatte. Der Zeiger einer Wanduhr, die ebenso selbst gebastelt aussah wie alles andere im Atelier, zeigte 18:52 Uhr an. Konnte es sein, dass sie bereits seit drei Stunden in ihrer Position verharrte, ohne einen Anflug von Langeweile, körperlichen Beschwerden oder Durst zu verspüren? Roman verhielt sich in ihren Augen erstklassig. Er gab ihr mit seinen Kommentaren immer wieder das Gefühl, eine Inspiration zu sein, was es ihr erleichterte, weiterhin stillzusitzen. Steffen würde begeistert sein, wenn er in der darauf folgenden Woche das Porträt in Händen hielt. Wo er es wohl aufhängen würde? „Des woa’s! Wir haum’s!“ Der Maler war am ganzen Körper verschwitzt. Obwohl mindestens 45 Jahre älter als Paula, fand sie ihn trotz seiner zeitweisen Verwirrtheit nicht unattraktiv. Lag das an der Vielzahl an netten Worten, mit welchen er sie in den letzten Stunden überhäuft hatte? Paula liebte Komplimente über ihr Äußeres und empfand diese nicht selten als sinnlichen Reiz. „Derf i vorstön? De einzigortige, wundervolle und entzückende Paula Hogitsch.“ Roman nahm sie an der Hand und führte sie auf die andere Seite der Leinwand. Sie war überwältigt. Sollte das etwa sie sein? Hatte er in nur drei Stunden dieses Porträt von ihr erschaffen? Paula fehlten die passenden Worte. „Du brauchst nix sogn. Es woa mia a Voiksfest. A Muse wie du hod si scho laung nimma in mei Atelier vairrt.“ Sie bemerkte, wie sie der Künstler lächelnd anblickte, doch sie schaffte es kaum, ihren gebannten Blick vom Gemälde abzuwenden und sich anständig zu bedanken. Paula wollte Steffens Geburtstag ganz besonders gestalten und seine miserable Laune der letzten Tage durch eine gelungene kleine Feier vertreiben. Eine Sachertorte, seine Lieblingsmehlspeise, stand im Kühlschrank bereit, und das Geschenk befand sich eingepackt auf dem Tisch. Jetzt lag es an ihr, ihn aus dem Bett zu bekommen, womit einem schönen Tag zu zweit nichts im Weg stand. Die Anstrengungen der letzten Wochen mussten ihm mehr zu schaffen gemacht haben, als sie angenommen hatte. Es war Mittag, und Steffen schlief immer noch. Sie versuchte, ihn vorsichtig aufzuwecken, indem sie sanft über seinen Arm strich. Er erwachte sogleich, erwiderte ihr Lächeln aber nur mit einem müden Blick. „Alles Gute zum Geburtstag!“ Paula wollte sich einmal mehr zu ihm ins Bett kuscheln, doch Steffen drehte sich von ihr weg, stand auf und bewegte sich ins Bad. Seine Laune hatte sich nicht gebessert. „Ich hoffe, es gefällt dir. Ich hab es vorige Woche machen lassen.“ Paula nahm ihn an der Hand und führte ihn vor die Leinwand – so, wie es der Maler nach Fertigstellung des Werks mit ihr gemacht hatte. Vorsichtig zog sie das Tuch Millimeter für Millimeter nach oben, bis das Gemälde vollständig enthüllt war. „Hör zu, Paula.“ Steffen trat zurück und stellte sich hinter das Bild. „Ich kann das nicht mehr. Ich muss weg, es geht mir nicht gut.“ Sie verstand kein Wort. War es ihm unmöglich, mit einer Silbe oder nur einem Kommentar sein Geschenk anzusprechen? „Ich hab’s mir schon längere Zeit überlegt. Heute ist vielleicht nicht der passende Tag, aber ich ertrage es einfach nicht mehr.“ Steffen schaffte es nicht, ihr in die Augen zu sehen. „Ich verlasse dich, Paula. Ich packe heute noch meine Sachen und ziehe aus. Es tut mir leid.“ Mit diesen Worten kehrte er ins Schlafzimmer zurück. Sie hörte, wie er anfing, seine Sachen im Koffer zu verstauen. Paula hielt wie versteinert inne und verstand die Welt nicht mehr. Handlungsunfähig fixierte sie die Initialen R.B. auf der rechten Unterseite des Gemäldes, die langsam größer wurden und schließlich verschwammen. In ihrem Kopf war schon seit Wochen angekommen, dass Steffen gehen würde, ihr Herz andererseits hatte es nicht akzeptieren wollen. Das Wochenende darauf verließ sie zum ersten Mal wieder ihre Wohnung. Sie packte das Porträt, das sie seit Steffens Geburtstag nicht mehr anzusehen vermochte, ohne in Tränen auszubrechen, in ein Tuch und brachte es in ein Antiquitätengeschäft auf der Gumpendorfer Straße im 6. Bezirk, an dem sie auf dem Weg zu ihrem ersten Arbeitsplatz täglich vorbeigegangen war. Bot man ihr kein Geld dafür an, würde sie es dennoch dort deponieren. Sie ertrug es nicht mehr, es weiterhin anzublicken. Es erinnerte sie zu sehr an ihn. „Grüß Gott!“ Paula rief ins Geschäft hinein, obwohl sie weit und breit keinen Mitarbeiter sichtete. Während sie auf eine Ansprechperson wartete, glitten ihre Augen über die zahlreichen Ausstellungsobjekte – von Vasen angefangen, Skulpturen, Kisten, Gemälde und Geschirr bis hin zu sperrigen Einrichtungsgegenständen. Es war einer jener Läden, in denen zwar kein Kunde Struktur erkannte, ein Mitarbeiter aber immer genau im Bilde darüber war, wo welcher Gegenstand lag. „Entschuldigen Sie“, von der Galerie meldete sich eine männliche Stimme. „Bitte, kommen Sie nur“, forderte er sie auf, mit ihrem Bild in der Hand zu ihm nach oben zu kommen. Ohne lange Einleitung erklärte Paula ihm, ihr mitgebrachtes Werk verkaufen zu wollen. Der Mann in seinen Fünfzigern, mit einem Arbeitskittel bekleidet, entfernte das Leintuch vom Bild, nahm seine Lesebrille aus seiner Brusttasche heraus und setzte sie bedächtig auf die Nase, um es eingehend zu mustern. „Sind Sie das etwa?“ Er sah ihr kurz und prüfend in die Augen, bevor er die Kasse öffnete und ihr einen anständigen Preis für das Gemälde bezahlte. „Es ist hervorragend“, sagte er dann und hielt die bemalte Leinwand ins Licht, während er lächelnd ihr Abbild betrachtete. „Wer ist denn dieser R.B.?“ „Roman Berger.“ Sie schloss die Augen und war einen kurzen Moment lang wieder seine Muse. Ein derart warmes Gefühl, wie es der verrückte Maler in ihr hervorgerufen hatte, war ihr noch von keinem Mann vermittelt worden. Von den schmeichelnden Komplimenten zehrte sie auch jetzt noch, was sie die Trennung von Steffen leichter verschmerzen ließ. „Hervorragender Künstler“, nickte der Antiquitätenhändler anerkennend. Paula nahm das Geld und schlenderte wie in Trance in ihre Wohnung zurück. An diesem Tag beschloss sie, ihren Heimatbezirk hinter sich zu lassen. Der Kunstsammler war fasziniert von der Schönheit der jungen Dame. Jahrelang erfreute er sich selber in seinen eigenen vier Wänden an jenem sinnlichen Porträt, bevor er es eines Tages ins Schaufenster stellte und zum Verkauf freigab. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/sabine-wolfgang/wort-fur-mord/?lfrom=196351992) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.