X-Mas: Hochdramatisch Andrea Gerecke JEDER HAT HIER EINE LEICHE IM KELLER! Sie kennt sich bestens aus in diesem Objekt: die Hausmeisterin. Jeder Mieter hat Dreck am Stecken, mehr oder weniger. Nur ein Strang ist noch belebt, in dem alle Wohnungen übereinanderliegen. Geplante Komplettsanierung, so heißt es. Aber eigentlich sollen alle Mieter raus, für etwas Neues. Denn das Haus liegt am Rande der Stadt und sollte ein Stück weit das Wohnungsproblem lösen, entwickelte sich aber zum sozialen Brennpunkt. Alle klammern sich an ihr Zuhause. Ein Umzug birgt für jeden Gefahren: für die Alleinerziehende mit ihren drei Kindern, den Trinker, den Sammelsüchtigen, die kostensparenden Rentnerinnen in ihrer Alten-WG, das schicke Paar, den Controller mit plötzlichen Gewissensbissen, die Alternativen und die anderen. Dem Vermieter fällt allerlei ein, um seine Mieter zu vergraulen. Da streikt der Fahrstuhl, das Wasser wird abgestellt und der Müllschlucker blockiert … Heizung und Strom funktionieren zeitweilig nicht … Und dann steht auch noch Weihnachten vor der Tür. 24 Kapitel für 24 Schicksale – der etwas andere, reichlich kriminelle Adventskalender, den man auch hintereinanderweg als Roman lesen kann … „Wie die Pflanzen haben auch die meisten Menschen versteckte Eigenschaften. Nur der Zufall bringt sie ans Licht.“ La Rochefoucauld, Reflexionen Dieser Episodenroman spielt irgendwo in Deutschland, vielleicht sogar direkt bei Ihnen um die Ecke ... Er spiegelt ein Stück weit das Zeitgeschehen wider. Alle Handlungen und Personen sind natürlich frei erfunden. Eventuelle Übereinstimmungen mit real existierenden Personen und Situationen ergeben sich rein zufällig. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de © 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln www.niemeyer-buch.de Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: C. Riethmüller Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH eISBN 978-3-8271-8407-8 Andrea Gerecke X-Mas: Hochdramatisch Ein 24-etagiger Kriminalroman im Advent Vorwort Das Haus, in dem das Folgende spielt, liegt irgendwo in Deutschland, eher am Rande einer größeren Stadt. Die Architekten konnten sogar einigermaßen Fantasie walten lassen und Geld in die planerische Hand nehmen, als das Ensemble dieses Wohngebietes vor etlichen Jahrzehnten entstand. Es war die hoch dotierte Ausschreibung zu einem Wettbewerb. Bei allen Unterschieden der einzelnen Objekte erkannte man eine gewisse Harmonie im Wechsel von niedrigen und höheren Häusern, mit dem zentralen Punkt unseres augenfälligen Gebäudes, das für dortige Verhältnisse schon ein Wolkenkratzer war. Verbindend dazwischen die zahlreichen Skulpturen, von heimischen Künstlern geschaffen und hochgelobt in den Medien. Sehr abstrakt und gern in rostigem Farbton. Alles eingebunden in jede Menge Grünanlagen, deren Bäume und Sträucher zu wachsen versprachen. Die Bequemlichkeit überzeugte viele der Mieter: Fahrstuhl, Zentralheizung, Müllschlucker, große Balkone. Zudem war ja alles neu! Hinzu kam der gigantische Blick in die Weite, wenn man etwas oberhalb daheim war. Der Weg zur Arbeit für den einen oder anderen etwas aufwendiger mit dem Pkw oder dem öffentlichen Nahverkehr, aber dafür zu Fuß der Gang in den Supermarkt, zur Kindertagesstätte oder in die Schule. Außerdem kleinere und größere Gaststätten sowie Freizeitzentren inklusive großen Sportplatzes. Und für alles ausreichend Personal zur Betreuung. Aufgrund des relativ zeitgleichen Einzugs bildeten sich freundliche Gemeinschaften untereinander. Eigentlich himmlisch. Doch die Jahre gingen ins Land, und die Gegend verlor nach und nach ihren Charme, war plötzlich kein gepriesenes Kleinod mehr, sondern bröckelte ungepflegt vor sich hin. Begüterte Bewohner verzogen, gern in Eigentumswohnungen an anderer, überschaubarer Stelle. Nach und nach entwickelte sich das Areal zu einem sozialen Brennpunkt. Ein Dorn im Auge der Verantwortlichen aus den Verwaltungsbereichen. Zumal die Kosten für Sozialarbeiter und zur Beseitigung der von den Rowdys angerichteten Schäden stiegen. Später konnte sich keiner mehr genau daran erinnern, wann dieser Verfall begann und ab wann es sich nicht mehr um ein bevorzugtes Wohngebiet handelte. Dann hieß es plötzlich: „Um Gottes willen, dort willst du hinziehen? Keine zehn Pferde würden mich dahin bringen. Da müsste man mir noch was draufzahlen …“ Fest steht nur, dass die Behörden nachdrücklich entschieden, es müsse etwas geschehen. Auszug und Umzug, Rückbau und Neubau – egal was, Hauptsache Veränderung. Und die war heftig im Gange. So wie in diesem Hochhaus mit den verbliebenen 24 Mietparteien, die im hier festgehaltenen Geschehen nur noch in dem einzig intakten Strang unmittelbar übereinander hausen. Denn wohnen kann man das nicht mehr wirklich nennen, zu oft fällt Wichtiges in Sachen Versorgung aus. Diese letzten der Mohikaner hält indes etwas fest an ihrem Zuhause, ganz unterschiedlich im jeweiligen Fall und keineswegs nur Gewohnheit. Kriminelle Energie ist hier gebündelt. Der eine oder andere Nachbar könnte eventuell direkt bei Ihnen wohnen, liebe Leser, oder vielleicht doch besser nicht?! Hochdramatische Unterhaltung im doppelten Sinne des Wortes bei der folgenden Lektüre meines Episodenromans, die sich auch gern als Adventskalender zelebrieren lässt – vom 1. bis 24. Dezember, jeden Tag ein kleines Kapitel (anstelle von Naschwerk, das sowieso nur auf den Hüften landet) … 1. Kapitel Schwesterlich Hausmeisterin Elizabeth stützte sich gerade auf dem Schneeschieber ab. Ihre dicke Wollmütze saß ihr tief in der Stirn, von der der Schweiß rann. Sie hasste die sogenannte weiße Pracht. Sah nur in dem Moment beschaulich aus, wenn sie vom Himmel herabschwebte. Aber sobald alles auf dem Boden lag, entwickelte es sich binnen kürzester Zeit zu dreckigem, schmierigem Matsch. Vor allem hier in der Stadt. Außerdem war es die pure Sisyphusarbeit. Kaum war sie fertig, konnte sie von vorn beginnen, weil ein Schneeschauer auf den nächsten folgte. Elizabeth mit z, wie Elizabeth II, die britische Königin, zog die Nase hoch. Es war ihr zu kalt und zu umständlich, die Handschuhe auszuziehen und ein Taschentuch herauszuholen. Immerhin war das Hochziehen deutlich eleganter als die Variante von Edgar, der in solchen Fällen die Finger an die Nase legte und den Rotz auf die Straße schleuderte, egal von wo der Wind kam. Als waschechte Charlottenburger hatte er das in solchen Fällen stets grinsend bezeichnet. Ihr war es völlig egal, wie er das benannte. Sie fand es nur ausgesprochen eklig. Zum Glück blieb ihr auch das seit geraumer Zeit erspart. Warum sie ihn einst geheiratet hatte, das wusste sie nicht mehr. Es mochte der Name gewesen sein. Vorneweg schon selbst königlich und dann im Anschluss König. Allerdings brachte ihnen das als Hausmeisterehepaar auch keine Pluspunkte ein. Seit unzähligen Jahren gingen sie und die vielen Mieter durch diese inzwischen marode Eingangstür, wohnten unter einem Dach. Das vereint, sollte man meinen, aber weit gefehlt. Und nun stand auch noch Weihnachten vor der Tür. Elizabeth griff zornig erneut an den Stiel ihres Schneeschiebers und erzeugte eine freie Spur von der Haustür zum Abstellbereich für die Mülltonnen. Zwischendurch schaufelte sie das Zusammengeschobene auf die Berge am Rande. Wenn das so weiterging, waren hier andere Maßnahmen nötig, dann musste der städtische Entsorger sich auch mal darum kümmern und die Schneemengen per Lkw an den Rand der Stadt schaffen. Während des Schiebens legte sie mehrere gefrorene Hundehaufen frei und ärgerte sich sofort darüber. Das war doch bestimmt dieser Köter aus dem Haus. Peggy, wenn sie sich recht entsann. Wie konnte man einen Vierbeiner bloß so eigenartig benennen, war das nicht mal der Vorname einer Schlagersängerin …? Dabei hatte sie überall die Schilder angeklebt mit einem hockenden Hund, der sein Geschäft verrichtete und das in einem roten Kreis mit schräg verlaufendem Balken. Das war ja wohl mehr als verständlich und kam völlig ohne Worte aus. Aber nein, die lieben Hundebesitzer dachten mal wieder keinen Schritt weiter. Nur schnell ausscheißen lassen und dann so tun, als wäre es der kleine Liebling nicht gewesen. Man sollte sowieso alle Tierhaltung in einem Mietshaus verbieten. Brachte nichts als Ärger. Jede Menge Gestank und Krawall. Und vielleicht sogar noch Ungeziefer. Hatten die Viecher nicht auch Flöhe und Zecken? Elizabeth schüttelte sich bei diesen Überlegungen. Ihr Blick fiel auf einen Passanten. War das nicht Sybilla, die sich da langsam dem Eingang näherte? Konnte ja eigentlich nicht sein. Neulich erst hatte die Hausmeisterin das Stichwort Urlaub auf irgendeiner Ostseeinsel im Flur aufgeschnappt. Nur deren Namen hatte sie vergessen. Aber von einem gemeinsamen Ausflug der Schwestern war die Rede. Welcher Idiot fuhr denn im Dezember auf so eine einsame Insel? Im Sommer ja, da konnte man sich dort in der Sonne aalen und in den Sonnenuntergang starren sowie am Imbiss leckere Fischbrötchen verzehren. Elizabeth rieb sich mit dem Fäustling in den Augen. Ach nein, die Schwester Swenja. Die beiden glichen einander ja dermaßen, obwohl sie keine Zwillinge waren. Hatte man eigentlich eher selten. Zumal die in ihrer Kindheit total unterschiedlich aussahen, erinnerte sich Elizabeth an ein Foto, das sie bei einem Handwerkereinsatz in der Wohnung entdeckt hatte. „Nanu“, eröffnete Elizabeth das Gespräch, als Swenja auf ihrer Höhe angelangt war, „ganz allein? Ich denke, Sie wollten mit Ihrer Schwester zusammen die frische Seeluft genießen!“ Auch so ein Schwachsinn, frische Seeluft um diese Zeit! Und dann im Zusammenhang mit Genuss. Da blieb man doch lieber mit seinem Arsch daheim, galoppierten Elizabeths Gedanken weiter. „Guten Abend“, kam es zögerlich von Swenja und dann erklärend: „Ja, wir waren auf der Insel. Aber ich musste zurück. Die Pflicht ruft, wissen Sie. Ich konnte mir nicht länger freinehmen. Und Sybilla wollte noch ein wenig im Urlaub bleiben, die Auszeit quasi allein verlängern …“ „Hm?!“ „Eigentlich will ich nur fix nach der Post schauen. War nett, mit Ihnen zu plaudern, aber jetzt muss ich los. Bin auch gleich wieder verschwunden. Ihnen noch eine schöne Adventszeit!“ Swenja schaute nervös auf ihre Armbanduhr. Und im selben Augenblick war sie, ohne ein weiteres Echo abzuwarten, im Haus verschwunden. Schöne Adventszeit, auch so ein frommer Spruch, entrüstete sich Elizabeth innerlich. Was ist denn daran schön, wenn ich in der Kälte hier draußen stehe und mir der Frost durch die Knochen kraucht? Swenja leerte in Windeseile den Briefkasten und sauste ins Treppenhaus, dort nahm sie bis zur ersten Etage immer zwei Stufen auf einmal. Dass am Fahrstuhl das übliche Schild „Außer Betrieb“ hing, nahm sie nicht wahr. Für den kurzen Weg hatte sie sowieso noch nie auf diese Transporthilfe gebaut, selbst nicht mit reichlich Gepäck. Es roch in diesem engen Kasten immer nach irgendwas. Es reichte ihr schon völlig aus, wenn sie den Mief wahrnahm, während andere Bewohner ein- oder ausstiegen. Swenja verlangsamte ihr Tempo nur etwas, stieg mit raschen Schritten die weiteren Stufen nach oben. Ihre feine Nase witterte weiter. Es roch muffig im Flur, nach alten Leuten, die ihrer Körperhygiene nicht mehr so viel Zeit widmeten, vielleicht auch nach Inkontinenz. Sie rümpfte die Nase und hatte schon die Etage hinter sich gelassen. Von den Mietern dort wusste sie nicht viel. Ein älteres Ehepaar, das sie bislang kaum zu Gesicht bekommen hatte. Augenblicke später befand sich Swenja vor der Wohnungstür ihrer Schwester und atmete tief durch, als sie den Schlüssel ins Schloss steckte. Die Tür zog sie gewissenhaft hinter sich zu und ließ sich im Wohnzimmer in einen Sessel fallen. Dort schloss sie die Augen und tauchte in ihre Erinnerungen ab … … Eintönig dröhnte das Nebelhorn. Sein Klang schien sich in den Feuchtigkeitsfetzen zu verfangen, die in der Luft hingen. Swenja zog die Kordel ihrer Kapuze fester und band mit klammen Fingern zum wiederholten Mal eine Schleife, die sich immer wieder nach einer Weile löste und dabei den Wetterschutz vom Kopf rutschen ließ. Doch zu einem Knoten konnte sie sich nicht durchringen, das hätte sie zu sehr am Hals beengt, ihr wieder diese panikartigen Zustände verschafft, bei denen sie nur hechelnd atmete, weswegen sie schon in psychologischer Behandlung war. Aber nichts half. Ihr schmerzten die Ohren von dem durchdringenden Warnton, der in regelmäßigen Abständen erneut Anlauf nahm und machtvoll anschwoll. Am liebsten hätte sie sie mit den Händen zugehalten, aber das hätte nichts gebracht. Das Brummen des Signals ließ ihren gesamten Körper vibrieren. Swenja stapfte durch den nassen, schweren Sand. Das Leder der Sportschuhe war am unteren Rand schon dunkler geworden, und sie spürte fröstelnd, dass die Feuchtigkeit bereits bis auf die Socken durchgedrungen war. Sie hätte sich besser für gefütterte Gummistiefel entscheiden sollen, aber bei Reiseantritt schien noch die Sonne. Deshalb hatte sie die auch gar nicht in Erwägung gezogen. Es roch intensiv nach dem Schlick, in dem sich graue Schaumkrönchen tummelten. Jetzt blieb sie stehen, wischte sich die Nässe aus dem Gesicht und blickte Sybilla hinterher, die forschen Schrittes fast fünfzig Meter vor ihr lief. In dem Moment verhielt auch die Schwester und drehte sich um. Sie winkte lebhaft und rief lautstark: „Jetzt komm aber mal in die Hufe, alte Trödelliese!“ Bekannte Worte, die nach Kindheit klangen. „Alte Trödelliese!“ Wie oft hatte die Mutter das mit einer Zornesfalte auf der Stirn von sich gegeben, und die kleine Schwester griff es dann jedes Mal auf, um es wie eine Schallplatte mit einem Sprung zu wiederholen, bis die Mutter sie lächelnd stoppte, sie in die Arme schloss und ihr zärtlich über die blonden Locken strich. Und sie? Sie stand daneben, konnte sich nicht rühren, war wie gelähmt. Swenja beschleunigte ihre Schritte, um Sybilla einzuholen, die ihren Weg schon wieder fortgesetzt hatte. Es dauerte nicht lange, dann waren die beiden Frauen auf gleicher Höhe. „Na, aufgewacht, Schwesterlein?“, erkundigte sich Sybilla mit einem Grinsen im Gesicht und stieß sie freundschaftlich in die Seite. „Wir sind schließlich auch hier, um die Schönheit der Natur zu genießen“, lenkte Swenja ein und ärgerte sich im selben Augenblick über ihre Antwort. Da war sie wieder, diese ewige Rücksichtnahme, dieses laufende Sich-entschuldigen-Müssen. Sybilla lachte auf. „Na, du bist gut. Es ist ein Scheißwetter, und du willst hier irgendwelche Schönheiten genießen. Dass ich nicht lache. Hast ja einen wunderbaren Termin für unseren Ausflug ausgesucht. Wie immer. Da höre ich einmal auf dich und gleich geht alles in die Binsen. Wir hätten doch die Malediven für einen ordentlichen Trip zu dieser Jahreszeit nehmen sollen. Ich hätte das auch notfalls gesponsert, immerhin liegt mein Gehalt geringfügig höher als das deinige. Da könnten wir jetzt gemütlich unter einem Sonnenschirm relaxen und einen exotischen Drink nach dem anderen schlürfen. Ein paar ansehnliche Kellner um uns herum. Aber du musstest wegen absurder, verklärter Erinnerungen ausgerechnet nach Hiddensee.“ Das war das Stichwort. Auf dem „söten Länneken“, wie die Einheimischen es nannten, hatte Swenja einst einen Urlaub mit ihrer großen Liebe verbracht. Knut! Die nicht einmal zwanzig Quadratkilometer waren sie Stück um Stück abgewandert, jedenfalls überall dort, wo es möglich und gestattet war. Gelegentlich mal zur Abkürzung über eine abgesperrte Wiese, unter den neugierigen Blicken der wiederkäuenden Kühe und mit äußerster Vorsicht, damit sie keinen Schlag an den sichernden Drahtzäunen bekamen. Die Naturschutzgebietsschilder bremsten sie indes an etlichen Stellen aus. Sie wiesen energisch mit Verboten darauf hin, was alles in diesem Teil des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft nicht gestattet war. Da war Knut doch sehr gewissenhaft. Er studierte in jener Zeit und wollte Lehrer werden. Biologie interessierte ihn vor allem, sein Hauptfach. Nur 250 Meter sei das kleine Inselchen an der schmalsten Stelle dünn und knapp vier Kilometer an der breitesten Stelle stark, hatte er damals doziert, belesen, wie er war. Hiddensee, ganz nah der Insel Rügen vorgelagert, hätte auch einen Ausflug zum größeren Nachbarn erlaubt, hatte er nebenher eingeräumt. Aber das war gar nicht nötig. Das kleine Eiland fesselte beide. Und sie waren verliebt, Swenja jedenfalls schwebte auf Wolken und träumte schon von der ganz großen, unbedingt weißen Hochzeit, in einem Blumenmeer, im Beisein der stolzen Eltern und der Schwester, mit sämtlichen Freunden und Bekannten. Und sie dachte, es würde Knut ebenso ergehen. Ihrer beider Liebe sei unumstößlich. Doch ein paar Tage später war die kleine Schwester einfach so angereist und hatte sich eingemischt, wie immer. Das war peu à peu geschehen. Erst die intensive Umarmung bei der Begrüßung, dann da ein Blick, dort eine scheinbar zufällige Berührung. Swenja hatte einfach nichts bemerkt oder wollte nichts bemerken, selbst als Knut eines Nachts betont leise aufstand, sich zurückzog und erst Stunden später zurückkehrte, um die Decke über den Kopf zu ziehen, selig zu stöhnen und Augenblicke später in ein Schnarchen zu verfallen. Es war nicht mehr sein Geruch, der ihn umfing, er hatte den ihrer Schwester angenommen. Zuletzt sah sie sich auf dem Schiff, das wieder heimwärts fuhr, an der Reling stehen. Zunächst brachte es sie nach Stralsund. Ohne den Mann an ihrer Seite. Der blieb mit Sybilla zurück, und später heirateten die beiden – so groß, wie sie sich das eigentlich für sich vorgestellt hatte. Swenja fungierte mechanisch und wie versteinert als Trauzeugin, hatte doch Knut darauf bestanden, dass sie gute Freunde blieben. Aus einer Laune heraus hatte sie sich für die Hochzeit eine Dauerwelle und ein ebensolches Blond wie ihre Schwester zugelegt, was eine verblüffende äußerliche Ähnlichkeit erzeugte. Ansonsten zog sie sich in ihr Schneckenhaus zurück und redete nie über die Vergangenheit. „Weißt du noch …?“, kam es stockend von Swenja. „Was soll ich, verdammt noch mal, wissen?“, fuhr Sybilla sie grob an, zückte ein Zellstofftaschentuch und schnaubte sich geräuschvoll die Nase. „Wenn ich mir hier mal nicht eine heftige Erkältung eingefangen habe! Und daran bist nur du schuld! Ich glaube kaum, dass ich das übers Wochenende auskurieren kann. Und Montag habe ich die große Präsentation vor der Geschäftsleitung. Dabei geht es für mich um alles, um den Aufstieg innerhalb des Unternehmens, um den nächsten Sprung auf der Karriereleiter. Oh, du bist so was von unmöglich.“ Bei diesen Worten stapfte sie weiter stur voran. Swenja hatte nicht zugehört. Sie hing schon wieder ihren Gedanken nach. Den einen Urlaubstag vor dem Wochenende hatte sie sich extra in ihrer Firma erbeten, für eine private Angelegenheit. Die Situation mit der Schwester bedrückte sie seit Jahren, und sie wollte sich einmal mit ihr aussprechen, so richtig gründlich. Wenn dann Sybilla um Verzeihung bitten würde, dann würde sie dem nachgeben und alles wäre endlich gut! So malte sie sich die Situation wieder und wieder aus. Sie sagte keinem, was sie vorhatte, und eigentlich interessierte sich auch niemand wirklich dafür beziehungsweise für sie. „Dass Sie mir Montag aber wieder pünktlich an der Arbeit sind“, hatte der Chef nur nüchtern gemeint. „Wir bekommen die Lieferungen mit den neuen Büchern von der Bestsellerliste. Die müssen alle einsortiert sein, ehe wir öffnen. Schließlich greifen die Kunden zuerst danach. Umsatz, Umsatz, Umsatz!“ Seine übliche Formulierung klang ihr lange in den Ohren. Swenja war in ihrem Traumberuf angekommen. Sie arbeitete in einer großen Buchhandlung, seit dem Tod der Mutter wieder Vollzeit. Und die Gründlichkeit, die sie auszeichnete, kam ihr sehr zustatten. Sie beriet eben leidenschaftlich gern und fand stets heraus, was auf den einzelnen Kundenwunsch zugeschnitten war. Manches dauerte deshalb bei ihr etwas länger, aber dafür waren die Käufer immer zufrieden, und es kamen nie Klagen, sondern nur lobende Worte, die der Chef indes herunterspielte, während er seinen Standardkommentar fallen ließ, dass ein wenig mehr Schnelligkeit schon angebracht wäre. Einmal hatte er gemeint, man könne ja mal erfassen, wie viele Minuten sie benötigte, um ein Buch an den Mann oder die Frau zu bringen. So wie in den Callcentern oder bei großen Versandunternehmen, wo alles akribisch erfasst würde, jedes Wort, jeder Handschlag, und wo es Richtzeiten für alles Tun gäbe. Da würde sie garantiert auf dem letzten Platz im Team landen und wäre bei der nächsten Entlassungswelle dabei. Er hatte daraufhin gelacht, als wäre das ein ganz toller Witz. Gar nicht mehr aufhören wollte er mit seinem Gelächter. Die beiden Schwestern liefen jetzt unterhalb der etwa vierhundert Meter langen Huckemauer. Auf ihr zu gehen, das verbot sich aufgrund der Nässe. Bei Trockenheit war es einfach nur aufregend, aber jetzt war alles schmierig und glatt. Der glänzend schwarze Steinwall schützte das Kliff und stammte noch aus der Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Swenja hatte sich ganz bewusst für den klassischen Weg entschieden, den sie damals auch Hand in Hand mit Knut gegangen war: vom Hafen in Kloster, mit einem kleinen Zwischenstopp beim Bäcker Kasten, wo Swenja diesmal zwei Streuselschnecken als Wegzehrung kaufte, während Sybilla draußen ungeduldig wartete, vorbei am Wieseneck, dann am Gerhart-Hauptmann-Haus und am Inselmuseum, schließlich zwischen den Dünen hindurch, wobei sich ein grandioser Blick aufs Meer bot. Wenn nicht gerade dicker Nebel herrschte, so wie heute. Auf den ersten Metern gab es noch ein paar von den Eintagsfliegen, so nannten die Bewohner die Gäste etwas abfällig, die nur für ein paar Stunden einen Abstecher nach Hiddensee machten. Eine Zeit, in der man nie und nimmer einen Eindruck von der Schönheit der Insel bekommen konnte, dessen war sie sich sicher. Aber das Wetter ließ die wenigen Touristen heute schnell in den ersten Res­taurants verschwinden. Das Haus des großen deutschen Dichters und das Museum hatten leider geschlossen. Betriebsferien. Am Wasser selbst war keine Menschenseele zu sehen gewesen, wobei die Sichtweite nur ein kleines Stück reichte. An der Treppe zum Dornbuschwald hielt Sybilla endlich an, wartete, bis ihre Schwester neben ihr stand, und meinte: „Mir reicht es eigentlich. Wir können doch die Stufen nach oben steigen und uns in der Gaststätte – wie hieß die noch gleich? – einen steifen Grog servieren lassen. Genau nach dem wäre mir jetzt! Der würde uns prima durchwärmen.“ „Zum Klausner“, fiel es Swenja sofort ein, aber sie verkniff sich die Erklärung und schüttelte nur den Kopf: „Ich würde gern noch ein wenig weitergehen, vielleicht ganz um die Steilküste herum. Und dann laufen wir über Grieben wieder zurück zum Hafen. Das ist ein schöner Weg.“ Sie schob das Gespräch weiter vor sich her und legte sich im Inneren die Worte zurecht, die auch passen sollten. Dabei wollte sie die Schwester nicht brüskieren, sondern einfach nur für Harmonie sorgen, nach der sie sich ein Leben lang gesehnt hatte. Swenja sah den traumhaften Ort Grieben vor sich, mit seinen ungepflasterten Wegen und weiß getünchten Reetdachhäusern. Mit Sanddorn- und Hagebuttenbüschen, mit üppigen Malven vor den Fischerkaten, sich rekelnden Katzen und Schafen, die auf den Hinterhufen stehend Birnen pflückten, einem Alten, der gemächlich ein Netz flickte. So urig und verschlafen zeigte sich damals noch mit Knut der älteste und kleinste Ort auf der Insel mit seinen uralten Feldsteinmauern aus der Slawenzeit, wie er sofort kundtat. Entlang des Boddens zum Enddorn hin erstreckte sich der Ort nördlich von Kloster. Ob sich dort wohl etwas verändert hatte? Wie mochte es bei diesem Wetter da ausschauen? Swenja grübelte. „Wie du meinst“, entgegnete die Schwester einlenkend. „Das ist irgendwie heute dein Tag. Ganz ehrlich. Dann will ich mal nicht so sein. Vielleicht klart es ja auch wieder auf, und wir erleben noch einen strahlenden Sonnenschein und die super Aussicht auf alles.“ Um dem zu widersprechen, legte sich das Nebelhorn erneut ins Zeug und ließ seine Rufe ertönen. Die beiden Frauen liefen jetzt schweigsam nebeneinanderher, bis die ältere Schwester wieder zurückfiel. Zwischendurch bückte sich Swenja und hob einen Hühnergott auf, um ihn ein paar Schritte später gedankenlos in den Sand gleiten zu lassen. Ein Fund verschwand in ihrer Jackentasche, vielleicht war es ein Bernstein. Das würde sie später zu Hause testen, da gab es ein paar Tricks, aber jetzt konnte sie sich nicht darauf konzentrieren. Dann fiel ihr Blick noch auf ein vollständiges Exemplar eines Donnerkeils. So einen hatte sie auch noch als Erinnerung aus der Zeit mit Knut daheim. Sie griff sich die Versteinerung und ging weiter. Fast schienen sich ihre Schritte zu verlangsamen. Die Steilküste erhob sich massig in die Höhe, wobei nicht viel erkennbar war, der Weg am Strand entlang wurde immer schmaler. Es ging nur noch über felsigen Untergrund. Sybilla rutschte plötzlich aus und fiel fluchend auf die Knie. „Kein Stück weiter.“ „Genau“, erwiderte Swenja. „Hier war das damals.“ Sie ärgerte sich über ihre Worte. So wollte sie gar nicht angefangen haben. Aber die Sätze bildeten sich von allein. „Was? Wie? Wovon redest du überhaupt?“, wollte Sybilla wissen, während sie sich mühsam erhob und die sandigen Hände an der Jacke abwischte. „Du weißt ganz genau, worauf ich anspiele. Hier hast du damals Knut geküsst. Ihr beiden dachtet, ich würde das nicht mitbekommen, weil ich nicht so schnell zu Fuß war. Aber ich habe alles exakt gesehen. So wie ich überhaupt alles gesehen und bemerkt habe.“ „Jaja … Das ist nun Ewigkeiten her. Und die Ehe mit ,deinem‘ Knut war auch nicht gerade die Erfüllung. Hättest den Waschlappen ruhig behalten können. Nicht mal zum Kinderzeugen hat er getaugt. Na, zum Glück weilt er nicht mehr unter uns. Der Herzinfarkt vor zwei Jahren war die ideale Lösung mit dem tödlichen Ausgang. Bin ich schon mal in den Genuss einer Witwenrente gekommen. Also, als Pflegefall hätte ich Knut keinen Tag lang zu Hause behalten, sondern mich sofort um einen Platz in einem Heim gekümmert! So ein sabberndes, lallendes Untier gehört weggesperrt!“ Während dieser letzten Worte hatte sich Swenja der Schwester immer dichter genähert. Sie atmete heftig und stieß sie gegen die Brust, sodass sie nach hinten taumelte. „Das lasse ich mir nicht von dir gefallen. Du bist so ein hinterhältiges Aas, und jetzt auch noch die Ehre von Knut beschmutzen. Du hattest ihn überhaupt nicht verdient. Er war viel zu gut für dich!“ „Na, du musst das ja wissen, bei deiner Erfahrung mit Männern“, sagte Sybilla nüchtern und trat freiwillig noch einen Schritt rückwärts. In den lauten Streit der beiden Schwestern mischte sich ein Geräusch, das nicht dem Nebelhorn zuzuordnen war. Es war ein Brummen und Knirschen, dazu schien der Boden leicht zu wanken. Swenja holte mit einem Mal aus und schlug Sybilla ins Gesicht. Einmal und noch einmal, mit der Handfläche und mit dem Hand­rücken. Sie tat das ganz mechanisch, aber dafür umso kraftvoller. Dabei verlor die völlig verdutzte Jüngere den Halt und stürzte zu Boden, mit dem Hinterkopf auf die Steine. Das Grollen der Umgebung wurde größer. Sybilla schien bewusstlos, und Swenja hockte sich nun doch erschrocken neben sie, wobei sich ihre Gedanken verirrten. „Swenja!“ Die Stimme der Mutter klang drohend. „Sofort kommst du her!“ Das Kind drehte nervös an einer Strähne der glatten Haare. Was war es wohl diesmal, was ihr vorgeworfen wurde? Sie konnte sich nicht erinnern, etwas falsch gemacht zu haben. Bis eben hatte sie doch noch bei ihren Schularbeiten gesessen, vorhin den Müll runtergetragen und von allen Familienmitgliedern die Schuhe geputzt. Ihr Zettel mit den übertragenen Aufgaben lag ordentlich abgehakt neben dem Mathematikbuch. Swenja lief in die Küche, aus der die Rufe der Mutter gekommen waren. Und schon in der Tür entdeckte sie das Malheur. Der komplette Fußboden war übersät mit Glitzerspuren, und auf dem Küchentisch war die Tube mit Leim ausgelaufen. Der Schraubdeckel lag daneben. Dazwischen befanden sich ein paar farbenfrohe Steckbilder, zusammengeklebt, mit unschönen Glitzerhaufen versehen und zu nichts mehr zu gebrauchen. Die Mutter, zunächst noch die Hände in die Hüften gestemmt, griff flugs Swenja am Ohr und drehte es nach oben, bis es dem Kind wehtat. Ein paar Haare hatten sich verfangen, und es ziepte überdies. „Aua, Mama, aua“, kam es kläglich. „Was hast du blöde Göre hier wieder angestellt?“ Und schon setzte es die erste Ohrfeige. Noch riss sich Swenja zusammen und verkniff sich die Tränen. Worte der Entschuldigung, dass sie die ganze Zeit in ihrem Zimmer gewesen sei und schwierige Mathematikaufgaben gelöst hätte, gingen unter. Denn schon folgte ein Schlag nach dem anderen, bis das Kind sich wimmernd auf dem Boden krümmte. „Das kann nur Sybilla gewesen sein“, entrang es sich dem Mädchen halblaut und mit Schluchzen, als plötzlich die Schwester im Raum stand und „alte Petze“ zwischen den Zähnen hervorstieß, was die Mutter ignorierte. „Ach was, du solltest auf sie aufpassen. Die Kleine kann gar nichts dafür. Schließlich bist du die Große, die Vernünftige! Aber wie immer konnten wir uns nicht auf dich verlassen! Dein Vater wird sehr, sehr traurig sein, wenn ich ihm das nachher erzähle. Wahrscheinlich setzt es noch einmal eine Tracht Prügel.“ Damit war die Sache für die Mutter erledigt. „Du räumst hier alles auf, sodass ich hinterher nicht mehr eine einzige Spur von diesem dämlichen Glitzerzeug sehe.“ Dann wandte sie sich behutsam der jüngeren Tochter zu: „Hab ich dich verschreckt, mein Kleines? Nimm es mir nicht übel.“ Und sie drückte Sybilla einen Kuss auf die Stirn. Schließlich verschwanden Mutter und Tochter Hand in Hand aus dem Raum. „Natürlich, meine Süße. Wenn du studieren willst, dann ist das gar kein Problem. Das bekommen wir hin. Alles, was du willst. Wir, dein Papa und ich, denken ja beständig an deine gute, sichere Zukunft.“ Swenja glaubte, sich verhört zu haben. Sie stand im Flur, und die kleine Schwester saß mit der Mutter im Wohnzimmer auf dem Sofa, es war ein Freitagnachmittag und der Vater noch auf der Arbeit. In ihren zitternden Händen drohte der Kuchen vom Teller zu rutschen. Sie atmete tief durch. Nein, bei ihr war überhaupt nichts möglich gewesen. Sieh zu, dass du Geld verdienst, hatte es geheißen. Dabei hatte sie fast nur Einsen auf dem Zeugnis, im Gegensatz zu Sybilla, die sich gerade so im Mittelfeld ihrer Klasse bewegte. Und auch der Vater ließ sich nicht erweichen. Er ging sowieso allen Auseinandersetzungen in dieser Familie aus dem Weg, indem er sich, so lange es vertretbar war, auf seiner Arbeit aufhielt und sich stets auch welche mit nach Hause brachte, in der er sich dann vergrub, ohne ansprechbar zu sein. „Klärt das untereinander“, war sein Lieblingsspruch, während er abwinkte. Seine dicke Aktentasche stand dabei mahnend neben dem wuchtigen Schreibtisch. Und schon war sein Kopf wieder in irgendwelchen Papieren verschwunden. Swenja trat also nach dem Schulabschluss als Klassenbeste die Ausbildung bei einem Buchhändler an, damit sie ihren Eltern nicht zu lange auf der Tasche lag. Der war natürlich heilfroh, so einen pfiffigen Lehrling zu bekommen, und unterstützte sie bei ihrem späteren Wunsch, im Fernstudium noch mehr nachzulegen. Das war der Seniorchef, der irgendwann aber die Geschicke in die Hände seines Sohnes gab … Als der Vater noch vor seinem Renteneintritt verstarb, weinte Swenja am Grab bitterlich. Später bestand Sybilla auf ihrem Pflichtteil des Erbes, wofür die Mutter vollstes Verständnis zeigte. Schließlich war eine Eigentumswohnung eine gute Investition, wie sie meinte. Swenja hingegen erhielt zwar die gleiche Summe, musste aber alles in das elterliche Reihenhaus stecken, in dem sie wohnen geblieben war. „Das ist doch mehr als gerecht“, hatte die Mutter festgelegt und ihrer Tochter über die Schulter geblickt, als sie die Überweisung für den Dachdecker ausfüllte, nachdem er die nötigen Arbeiten erledigt hatte. Zu der Eigentumswohnung kam es allerdings bei Sybilla nie. Sie steckte all ihr Geld in ihr Outfit. Teure Designer­garderobe verschlang auch das elterliche Erbe. „Das ist ja völlig klar, dass du dich um Mutti kümmerst. Schließlich wohnt ihr unter einem Dach“, beschloss Sybilla und tippte nebenher eine SMS in ihr Handy ein. „Ich kann bei meiner wichtigen Arbeit nicht kürzertreten. Sonst verliere ich da sofort den Anschluss und bin weg vom Fenster. Das wäre das glatte Aus. Aber du könntest ja im Dienst zum Beispiel auf weniger Stunden bestehen, weil du einen Pflegefall in der Familie hast. Das geht doch heutzutage relativ unproblematisch. Steht dir rechtlich sogar zu. Und das üppige Pflegegeld bekommst du obendrein. Wenn das kein echter Anreiz für dich ist.“ Dabei setzte Sybilla die Kaffeetasse ab und griff sich noch einen Keks. Ihr Handy machte schon wieder mit einem Stück klassischer Musik auf sich aufmerksam, wurde jedoch von ihr nur kurz gemustert. Es schien nicht von größerer Wichtigkeit. Swenja war aschfahl im Gesicht geworden. So hatte sie sich das Gespräch mit ihrer kleinen Schwester nicht vorgestellt. Sie hatte gehofft, dass sich beide irgendwie nach dem Schlaganfall der Mutter die Betreuung teilen könnten. Außerdem war doch die Kleine immer das Lieblingskind gewesen. War das nicht zugleich Verpflichtung? Swenja schüttelte den Kopf. „Bist du etwa dagegen?“, erkundigte sich Sybilla mit scharfer Stimme. „Ich wüsste keine Alternative. Höchstens das Heim. Aber das können wir ihr ja nun nicht gleich zumuten. Wir, ähm, du solltest es zumindest versuchen.“ „Wenn du meinst“, entgegnete Swenja tonlos. „Ich will es probieren. Mal schauen, was mein Arbeitgeber dazu sagt. Es arbeiten ja einige Kolleginnen wegen ihrer Kinder verkürzt. Das müsste schon machbar sein. Wollen wir es hoffen.“ Swenja hatte den Eindruck, als ob nicht sie es war, die da redete. Als ob jemand ihre Stimme nachahmte. Sie fühlte sich beklommen und hilflos. „Siehst du. Genau! Bei dir ist es machbar. Bei mir führt kein Weg dahin. Ich komme euch immer besuchen. Zur Not kann ich dich ja mal ablösen. Jedenfalls, wenn es meine Zeit erlaubt.“ Für Sybilla war die Sache damit aus der Welt. Sie hatte sich im Korbstuhl zurückgelehnt und genoss den Rest ihres Milchkaffees. „Wirst du mir wohl endlich den Schieber bringen, du unnützes Ding“, schall es durch das Haus. Swenja wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Mutter konnte gut und gern selbstständig auf die Toilette gehen, aber sie ließ sich lieber von vorn bis hinten bedienen. Und man durfte sie keinen Augenblick aus den Augen lassen. So, als ob sie auf Schabernack aus war, stellte sie laufend etwas an. Es war an ihrer großen Tochter, mit dem rechtzeitigen Gespür alles zu entdecken: den aufgedrehten Hahn der Badewanne, der sie zum Überlaufen brachte, die angestellte Herdplatte, auf der eine wie zufällig dahin geratene Pralinenschachtel anfing zu qualmen, die offen stehende Haustür mitten in der Nacht … Wenn Swenja zur Arbeit ging, dann redete sie zuvor behutsam auf die Mutter ein, was sie alles bedenken möge. Aber sie hätte auch in den Wald hineinrufen können. Nichts, aber auch gar nichts blieb hängen. Im Gegenteil. In allen Dingen wurde genau anders gehandelt. Natürlich hatte Swenja über all das gelesen, was mit Demenz zu tun hatte. Es gab so viele Parallelen. Ihr Versuch, den Pflegegrad der Mutter hochzusetzen, um auch Pflege­personal anfordern zu können, scheiterte. Wenn da jemand von Amts wegen kam, um entsprechende Fragen zu stellen, dann brillierte die alte Frau mit ihren Antworten wie in ihren besten Jahren und bewegte sich durchs Haus wie ein junges Mädchen. Und wenn – ganz selten – Sybilla auftauchte, dann plauderten und lachten Mutter und Tochter, als ob nichts in ihrer beider Leben geschehen wäre … Swenja löste sich erschrocken aus ihren Erinnerungen. Das Ton-Geröll-Sand-Stein-Gemisch rutschte in diesem Augenblick donnernd den Abhang hinunter, während Sybilla auf dem Boden lag. Sie wurde schlagartig von den Massen überrollt und begraben. Swenja hatte sich intuitiv rechtzeitig erhoben, war ein Stück zurückgesprungen und hatte sich damit in Sicherheit gebracht. Als wieder Stille eingezogen war, betrachtete sie den Ort des Geschehens. Jetzt dröhnte neuerlich das Nebelhorn. Eine Hand der Schwester ragte aus dem Untergrund, die Finger bewegten sich leicht, krallten in die nebelfeuchte Luft. Swenja überlegte ganz kurz. Dann drehte sie sich um, lief zur Treppe Richtung Dornbuschwald und stieg die etwa hundert Stufen empor, ohne sich auch nur einmal umzuschauen. Im Restaurant bestellte sie sich den Grog, von dem die Schwester gesprochen hatte. „Na, bei dem Schietwetter so allein unterwegs?“, hatte der Kellner freundlich gemurmelt. „Da kann doch allerlei passieren. Aber jetzt sind Sie ja hier und können sich in Ruhe ein wenig stärken. Und dann geht es sicher geradewegs zum Schiff zurück?“ Er sprach Hochdeutsch und schien nicht von der Insel zu sein. Sie hatte nur genickt, obwohl er nicht wirklich auf eine Antwort wartete. Irgendwann nahm sie den Weg Richtung Hafen in Kloster, nun doch nicht mit dem Umweg über Grieben, wie zuvor der Schwester vorgeschlagen. Dafür hätte die Zeit nicht mehr gereicht. Sie musste pünktlich sein, um die letzte Standardverbindung zu erreichen. Später auf dem Schiff nach Stralsund, wo die beiden Schwestern Quartier genommen hatten, stand sie wieder an der Reling. Es gab nur wenige Reisende an Bord. Sie atmete jetzt unbeschwert die köstlich-salzige Luft tief ein und aus. Die Nebelfeuchte störte sie nicht. An der Kapuze hatte sie, ohne nachzudenken, endlich einen festen Knoten gebunden, damit sich die sonstige einfache Schleife nicht immer wieder löste. Sie ließ sich die Gischt ins Gesicht sprühen. Ein paar Möwen begleiteten sie mit lauten, fordernden Schreien. Dann fielen ihr die Streuselschnecken von Bäcker Kasten ein. Die lagen noch in ihrem Rucksack. Dafür würde sie jetzt dankbare Abnehmer finden. Swenja öffnete den Reißverschluss und zog die durchgefettete Papiertüte heraus. Dann brach sie Stückchen für Stückchen von dem Gebäck ab und warf es in die Höhe. Ihre Finger klebten, aber das nahm sie nicht wahr. In dieser Nacht schlief sie tief und fest, so gut wie lange nicht mehr. Am nächsten Morgen entschied sie sich beim Frühstück für die sofortige Rückreise. „Und Ihre Schwester? Bleibt sie noch ein paar Tage?“, erkundigte sich die freundliche Mitarbeiterin an der Rezeption. „Ja, das hatten wir gestern spontan so ausgemacht!“, sagte Swenja mit einem breiten Lächeln. Jetzt freute sie sich sogar auf die Rückfahrt im Auto auf der A 20, die im Gegensatz zu damals mit Knut die Anreisezeit inzwischen erheblich verkürzte. Swenja war eingenickt. Die fast siebenstündige Autofahrt hatte sie doch ziemlich angestrengt. Aber ein unerfindlicher Drang hatte sie nach ihrer Ankunft daheim in diese Wohnung genötigt. Irgendwann gab sie sich einen Ruck und öffnete die Augen. Du hast nichts falsch gemacht, alles ist gut, sagte sie sich. Dann erhob sie sich und verließ die Wohnung, die ihr jetzt unheimlich vorkam. Auf dem Rückweg begegnete sie niemandem. 2. Kapitel Neben der Spur „Ich gehe mal zur Tür“, sagte Walther zu sich. Seit geraumer Zeit schon führte er Selbstgespräche, damit wenigstens eine Stimme in der Wohnung zu vernehmen war. Andere Leute wichen ja auf Dauerbeschallung durch Radio oder Fernseher aus, hatten Letzteren schon am frühen Morgen eingeschaltet. Das wäre für ihn niemals infrage gekommen. Er hatte Swenjas hallende Schritte im Hausflur wahrgenommen. Ein Blick durch den Spion verkündete ihm Leere. Es dauerte ein Weilchen, ehe er alle Riegel zurückgeschoben und den Schlüssel, den er von der Hutablage genommen hatte, ins Schloss gesteckt und zweimal nach rechts gedreht hatte. Einen Spalt nur öffnete der alte Mann die Wohnungstür und ließ seine Blicke erfolglos wandern. Dann zog er die Tür wieder in ihre ursprüngliche Position und aktivierte alle Einbruchssicherungen. Der Schlüssel landete erneut auf seinem speziellen Platz. Er schlurfte durch den Flur zurück, die braun-gelb karierten Pantoffeln schienen an seinen Füßen zu kleben. „Niemand da“, brummte er in seinen ungepflegten Bart, das lichte Haupthaar lag flusig durcheinander und stand zum Teil in die Höhe. Aber Martha, die am Fenster saß, reagierte nicht. Sie hatte es sich in ihrem Ohrensessel gemütlich gemacht und sich dafür ein weiteres Kissen unter den Hintern geschoben, damit sie etwas erhöht sitzend auch aus dem Fenster schauen konnte. Ihre Füße standen auf einem kleinen, stoffbezogenen Höckerchen. Ohne dessen Hilfe hätten sie den Boden nicht erreichen können und ihre Beine hätten nur im Leeren gebaumelt. Sie trug ein frühlingshaftes Kleid mit Mohnblumen darauf. Ihren Büstenhalter hatte sie darüber angezogen. Keiner der beiden Eheleute nahm das wahr. Die Hände hatte Martha ineinandergefaltet und die Finger jeweils zwischen die anderen gesteckt. Nur die Daumen kreisten unermüdlich umeinander. Sie schien Walthers Bemerkung nicht gehört zu haben. Aufräumen, dachte der Alte, als seine Augen über den Esstisch wanderten. Der stand in einer Nische des großzügigen Wohnzimmers und war direkt von der Küche aus zu erreichen. Auf ihm befanden sich Tassen, Teller, Gläser, und einige Bestecke kreuzten sich dazwischen. Reste von längst vergangenen Mahlzeiten nahmen undefinierbare Gestalt an. Eine übrig gebliebene Brotscheibe krümmte sich in die Höhe. Der Gedanke mit dem Aufräumen, der gleichzeitig mit jenem Stichwort Frauenarbeit kombiniert war, hatte sich längst verflüchtigt. Walther verspürte weder Hunger noch Durst. Er zog sich die fleckige Anzughose hoch und nestelte an seiner Krawatte. Das einst weiße Hemd war farblich in einen Grauton übergegangen. Knitterfalten überzogen es. Der Alte machte sich auf den Weg in sein Arbeitszimmer. Dort setzte er sich an den Schreibtisch, vor seinen Computer, und streichelte behutsam über die Tastatur. Rechter Hand in einer Ablagekiste befanden sich Briefe von den Kindern, die jüngsten Sendungen ungeöffnet. Der Sohn lebte mit seiner Familie in den Staaten, die Tochter jettete für ihren Reiseveranstalter um die ganze Welt. „Lieber Paps, liebe Mam, so gerne wir übers Fest nach Hause kommen würden, so leid tut es uns, dass wir das in diesem Jahr nicht einrichten können. Die Arbeit hält uns beide hier in Manhattan fest. So wie wir uns das schon gedacht hatten. Leider, leider! Weder Jane noch ich können uns freimachen. In der Klinik ist der Teufel los. Wir müssen uns um so viele Menschen sorgen, die an dem Virus erkrankt sind. Dafür habt ihr ja sicher Verständnis. Schließlich haben wir als Ärzte einen Eid geschworen, der uns zur Hilfeleistung verpflichtet, was wir natürlich von Herzen gern tun … Und wenn du, lieber Paps, im kommenden Jahr deinen 90. feierst, dann sind wir auf jeden Fall dabei … Ihr könnt uns für die riesige Party schon einmal einplanen … In der Zwischenzeit könnte euch ja mein Schwesterherz mal Skype einrichten. Das ist total einfach und ihr könntet eure Enkel sehen. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr die schon wieder gewachsen sind …“ Das hätte Walther im aktuellsten Brief seines Sohnes lesen können, wenn er ihn gelesen hätte. Auch die bohrende Frage, warum denn niemand ans Telefon gehe, die aber gleich selbst beantwortet wurde: „… bestimmt seid ihr viel auf Achse und mit den Senioren unterwegs …“ Marie-Ann war mehrfach auf dem Anrufbeantworter aufgelaufen. Kündigte ein Kommen an, sagte es wieder ab und wiegte sich wie ihr Bruder mit Ausreden in Sicherheit: „… wenn alles klappt, kann ich Heiligabend vorbeischauen. Momentan ist da noch keine neue Dienstreise geplant. Aber man weiß ja nie. Jetzt erst mal ganz liebe Grüße aus Neuseeland. Bleibt gesund und munter. Und Bussi, ihr beiden!“ Noch bis vor Kurzem hatte Walther recht gut funktioniert und die Situation mit seiner Frau im Griff, deren Demenz immer deutlichere Züge annahm. Da hatte er auch stets zum Hörer gegriffen, wenn das Telefon klingelte. Und er wartete mit Notlügen auf, denn er wollte seinen Kindern nicht das Herz schwer machen. Martha befand sich also in der Wanne, war beim Friseur, bei der Fußpflege oder stand am Herd … „Ja, Mam geht es gut. Sie steht natürlich in der Küche und zaubert was Leckeres für uns beide. Momentan ist sie total unabkömmlich. Aber sie lässt euch herzlich grüßen.“ Dann tauschte er sich mit seinem Sohn aus, und beide fachsimpelten über medizinische Fragen. Wenn es Walther auch nur zum Pfleger gebracht hatte, so hatten sie all ihre Kräfte in die Ausbildung der Kinder gesteckt, vor allem des Jungen, der später seinen Doktor machte. Marie-Ann war Reiseverkehrskauffrau geworden und tat genau das, was sie sich immer gewünscht hatte, schon als kleines Mädchen. Wenn sie damals etwas spielte, dann war es in der Mehrzahl der Fälle Urlaubmachen. Bei früheren Telefonaten mit ihr ging es stets um phänomenale Eindrücke einer neuen Destination. Die Tochter beschrieb jedes Mal ausgiebig und sehr gut vorstellbar Land und Leute, Flora und Fauna. Fragen nach dem Wohlbefinden der Eltern wurden rhetorisch ans Ende des Gesprächs gelegt und meist gleich selbst beantwortet. Oder aber es endete mit einer Floskel: „Ich muss dann mal wieder, mein Chef drängt. Wir haben ja auch richtig lange geplaudert …“ Die letzte Lieferung der bestellten Waren aus dem Supermarkt war Mitte November eingetroffen. Ein paar Kisten Mineralwasser, etliche Päckchen Knäckebrot, Margarine, Wurst- und Fischdosen, Obst und Gemüse in Gläsern, auch einiges an Frostware. Walther hatte alles verstaut, allerdings auch schon nicht mehr unbedingt an den Orten, wo es hingehörte. Die Tasche mit den gefrorenen Artikeln landete im ehemaligen Kinderzimmer, das der Sohn und die Tochter nie wieder genutzt hatten, seit sie bei den Eltern ausgezogen waren. Gleich zu Beginn ihrer Berufsausbildungen. Dennoch hielten sie es immer bereit für beide, falls sie sich einmal dafür entscheiden würden. Auf der rechten Seite stand die Carrera-Bahn an ihrem Platz, der abgenutzte, einst hellbraune Teddy saß auf dem Bett, das in geordneter Regelmäßigkeit frisch bezogen wurde, und an der Wand darüber klebten die Plakate von vor vielen Jahren angesagten Musikgruppen. Auf der linken Seite des Raumes war das Reich der Tochter gewesen, optisch etwas abgetrennt durch ein frei stehendes Bücherregal. Hier saß eine viel geliebte Barbiepuppe auf dem Bettzeug, mit einer märchenhaften, etwas verwaschenen Blumenwiese darauf. Auf dem Kopfkissen prangte ein grüner Frosch mit einer goldenen Krone auf dem Haupt. Irgendwann hatte Martha das alles genau so arrangiert, ein Zustand von vor vielen, vielen Jahren, und es hatte Walther sehr berührt. „Wir wollen euch ja keine Umstände machen“, war stets die Rede des Sohnes, wenn er sich mit seiner Frau und später auch mit dem Nachwuchs von den Eltern für die Übernachtung ins Hotel verabschiedete. „Ist doch viel zu eng für uns alle!“ Und auch Marie-Ann fand immer einen Grund, wa­rum sie nicht in diesem Zimmer schlafen konnte, obwohl sie Single geblieben war und die Enge nicht als Argument gelten konnte. Für dieses Weihnachtsfest hatte sich der Sohn auch schon weit vorher, irgendwann im Herbst, am Telefon wortreich entschuldigt. Zu viel Arbeit, der enorme Stress, einfach keine Zeit … Natürlich zeigte Walther Verständnis, hoffte aber im Stillen, es würde ein Wunder geschehen und beide Kinder wären am Heiligen Abend daheim. So, wie sich das gehörte. Am liebsten hing der alte Mann seinen Gedanken an die alten Zeiten nach, als man ihn noch im Beruf anerkannte. Gern saß Walther dazu auf dem sonnigen Balkon, inmitten der Ranken, die von Britta Baumgartens Balkon he­runtergewachsen waren. Er liebte diesen grünen Dschungel, in dem man sich fast verbergen konnte. Im heißen Sommer spendete er schattige Kühle, und es roch, als wäre man auf einem Spaziergang in der freien Natur. Natürlich nur, wenn er die Augen schloss. Martha ließ ihm diese Ruhe, während sie sich um die Hausarbeit kümmerte, gern etwas Leckeres auf dem Herd zauberte, solange sie konnte. Zum Beispiel Szegediner Gulasch, sein absoluter Favorit. Mit Sauerkraut und Kassler und zuletzt zur Abrundung eine ganze Packung saurer Sahne in das fast fertige Gericht. Wenn die Düfte aus der Wohnung um seine Nase zogen, dann versank er noch lieber in seinen Erinnerungen oder in die Lektüre eines guten Buches. „Walther, Sie haben unserer Mutter das Leben gerettet mit Ihrer einfühlsamen Pflege. Das hat ihr wieder Mut gegeben“, bedankte sich eine Frau bei ihm, eine seiner Standarderinnerungen. Mit einem großen Blumenstrauß in der Hand und einer Schachtel Pralinen. An dem Strauß ein Umschlag mit einem größeren Geldschein darin. Er winkte nur ab: „Nicht der Rede wert, das ist doch mein Job. Und jeder von uns tut hier sein Bestes. Schön, dass es Ihrer Mutter wieder so gut geht.“ Natürlich steckte er später das Geld in das große rote Sparschwein der Station und teilte die süßen Kalorienbomben mit den Kollegen. Das mit den Erinnerungen auf dem Balkon musste im vergangenen Sommer gewesen sein oder doch schon im Sommer davor? Walther wusste es nicht mehr. Außerdem trat er jetzt im Winter nicht ins Freie, weder auf den zugeschneiten Balkon noch vor die Haustür. Und wann es den letzten Szegediner Gulasch gegeben hatte, das war Walther auch nicht mehr bewusst. Lediglich der Auslöser für ein letztes, selbst bereitetes Mahl. Da hatte Martha Spargel, Kartoffeln und Sauce hollandaise zubereiten wollen. Zur Krönung mit Schweinefilet vom Biobauern. Der bot einmal die Woche an seinem Stand neben dem Supermarkt seine Ware feil. Walther hatte nur noch eine schöne Flasche Weißwein zum Essen aus dem Keller holen wollen und war auf dem Weg mit der Hausmeisterin ins Plaudern geraten. Als er wieder nach oben kam, quoll schon dicker Qualm aus der Wohnung, und die Rauchmelder piepten. Dann funktionierte er nur noch. Riss in der Küche die Pfanne mit dem schwarzen Fleisch von der Platte und stellte den Herd aus. Dann öffnete er weit die Fenster in allen Zimmern, um für Durchzug zu sorgen. Zuletzt erst holte er sich einen Stuhl und stieg unter die Rauchmelder, die Alarm signalisierten. Stück um Stück deaktivierte er sie. Während Martha im Wohnzimmer saß und vor sich hin starrte. Um die Reste der Mahlzeit kümmerte sich dann Walther und servierte auch den Wein dazu. Beide aßen und tranken schweigend. Zum Glück waren die Nachbarn an jenem Tag schon ausgezogen, und niemand bemerkte das Missgeschick. Als sich Walther abends neben seine Frau legte, zog er das Schubfach seines Nachtschränkchens heraus. Natürlich lagen die Tabletten darin. Wo sollten sie auch sonst sein?! Zwei Rationen an Schlafmitteln, bei denen es kein Danach mehr gab. Er hatte die richtige Sorte ausgewählt und die entsprechende Menge abgezählt. Schließlich kannte er sich in dem Metier aus. Zur Sicherheit war er bei der Anzahl etwas großzügiger gewesen. Im Bett floh ihn zunächst der Schlaf, aber dann umfing er ihn mit wohligen Träumen. Wie er und Martha sich einst kennengelernt hatten, auf der Hochzeitsfeier seines besten Freundes. Er war der Trauzeuge, und sie streute Blumen in der Kirche, weil die Kinder, die das ursprünglich tun sollten, aus unerfindlichen Gründen in einen Streit geraten waren, sich plötzlich prügelten, dabei in einer Pfütze landeten und in der folgenden Anzugsordnung kein gutes Bild abgegeben hätten. Martha sprang ein und zwinkerte ihm dabei zu. Die Initialzündung, wie Walther später immer wieder zum Besten gab. Da hatte es bei ihnen beiden gefunkt. Nur ein Jahr später führte er seine Liebste zum Traualtar. Jetzt umarmte er sie und hob sie hoch, federleicht, wie sie war. Trug sie über die Schwelle in das neue gemeinsame Zuhause. Nicht eine Falte hatte sein Marthchen, und wie sie duftete, wie der leibhaftige Frühling. Nach Maiglöckchen und noch viel mehr. Walther drehte sich von einer Seite auf die andere. Eine Träne rollte aus einem Augenwinkel über sein verbrauchtes Gesicht. Martha erwachte, machte die Nachttischlampe an, schaute zu ihm hinüber und streichelte ihm sanft über den Kopf. Wer war nur dieser Mann da neben ihr im Bett? Hatte sie sich zum Großvater dazugelegt, weil sie einen Albtraum hatte, davon hochgeschreckt war und nicht mehr einschlafen konnte? Bestimmt, beschloss Martha. Dann stand sie betont leise auf und lief durch die Wohnung. Nur im Nachthemd und mit bloßen Füßen befand sie sich Augenblicke da­rauf auf dem Balkon. Ihre Blicke schweiften in die Nacht zu den funkelnden Lichtern, die adventliche Stimmung verhießen. Sie schien die Kälte nicht zu bemerken. Auch nicht das unbeleuchtete Auto mit dem Anhänger, von dem gerade zwei Männer weiteren Sperrmüll auf dem Parkplatz abluden und auf den schon vorhandenen Berg schichteten. Wie immer in einer Nacht-und-Nebel-Aktion und nicht etwa dann, wenn offiziell dazu aufgerufen wurde. Ob der Weihnachtsmann ihr und ihren beiden Brüdern auch schöne Geschenke bringen würde? Im Gegensatz zu den beiden Jungs war sie ja immer artig gewesen und der Mutter bei allen Hausarbeiten zur Hand gegangen. Martha hatte die Hände auf die Balkonbrüstung gelegt und wippte jetzt mit den Füßen hin und her. Das Gedicht, hatte sie es denn noch parat? Bald würde sie es aufsagen müssen. Fehlerfrei natürlich. Aber sie kannte ja viele schöne Verse, und die Entscheidung für eine Variante fiel ihr jedes Jahr so unendlich schwer. Am liebsten mochte sie das Gedicht von Knecht Ruprecht. „Von drauß’ vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr …“, sprach Martha in die stille Nacht. Ihr Atem flog mit einem sichtbaren Hauch davon. Als sie damit fertig war, grübelte sie weiter. Oder doch vielleicht ein Lied, das mochten die Eltern besonders gern. Sie räusperte sich und setzte mit etwas brüchiger Stimme an: „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind Auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind. Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus, Geht auf allen Wegen mit uns ein und aus …“ Walthers Traum war abrupt beendet. Vielleicht war es das ungewohnte Streicheln gewesen, eine Erinnerung an früher. Er hatte es ganz deutlich gespürt. Martha, wo war sie denn nun schon wieder hin? Eigentlich wollte er aufspringen, aber das gaben seine Knochen nicht mehr her. Er ächzte, als er sich mühsam erhob und sich dafür mit beiden Händen auf der Bettkante abstützte. Schon im Flur spürte er den Frost, der durch die Wohnung zog. Nein, die Tür war es nicht. Die war fest verschlossen, und den Schlüssel hatte er wie stets extra auf der Hutablage deponiert, ganz am Ende. Eine generelle Sicherheitsmaßnahme. Martha sollte nicht drankommen und sich eventuell auf den Weg machen können. Dann der Balkon. Natürlich. Walther fuhr sich durch die Haare, die dadurch nicht mehr zerzaust wurden als ohnehin. Von dort vernahm er plötzlich auch ihren Gesang. „Was machst du denn hier, Liebes?“ Er legte ihr vorsichtig einen Arm um die Schultern, um sie nicht zu erschrecken. „Du wirst dich noch erkälten. Hättest dir wenigstens eine Jacke überziehen sollen.“ Marthas Augen glänzten im Schein der funkelnden Nacht, aber sie sagte kein Wort mehr, sondern ließ sich nur willig ins Innere führen. Walther schloss hinter ihr die Balkontür. Ein richtiges Schloss wäre auch hier eine Lösung, fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf. Das hättest du schon längst machen lassen sollen. Er nickte und zugleich fiel ihm ein, dass er dafür eigentlich Edgar hatte ansprechen wollen. Das war ihm bislang nur durch die Lappen gegangen, weil er den Hausmeister so lange nicht gesehen hatte. Walther betrachtete seine Frau. Ihre Füße waren knallrot und nass von dem Schnee draußen. Selbst beim Nachthemd zog sich die Feuchtigkeit nach oben. Jetzt ein heißes Bad? Oh nein, nicht doch mitten in der Nacht. Er hätte dafür keinesfalls die nötigen Kräfte aufgebracht. Dann wenigstens mit einem Frotteetuch trocken rubbeln. Er führte Martha ins Bad und zog ihr das Nachthemd über den Kopf. Zum Vorschein kam ein ausgemergelter, abgemagerter Körper, bei dem die Knochen hervorstanden. Was hättest du früher dafür gegeben, so wenig Kilos auf die Waage zu bringen?, bohrte sich eine Frage in Walthers Gehirn. Hast immer gehadert mit deinem Gewicht. So ein Blödsinn. Jedes Gramm an dir habe ich geliebt. Jetzt wirst du immer weniger … Resolut zog sich Walther das große Badetuch vom Haken und fing an, Martha vom Kopf bis zu den Füßen abzurubbeln. Ganz behutsam. Schließlich war auch ihre Haut über die Jahre äußerst empfindlich geworden, und er wusste, was in dem Alter und diesem Zustand eventuelle Verletzungen bedeuten konnten. Offene Stellen heilten mitunter nie wieder. „So, mein Schatz.“ Walther führte seine Frau an der Hand wieder ins Schlafzimmer. „Dann suche ich dir noch ein schönes warmes Flanellnachthemd heraus. Und eins, zwei, drei schläfst du wieder den Schlaf der Gerechten. Wir haben ja bis zum Aufstehen noch alle Zeit der Welt.“ Sie schaute zu ihm hoch, und es wirkte fast liebevoll. Wenn der Großvater sagte, dass sie ins Bett sollte, dann gab es keine Widerrede. Martha legte sich gehorsam hin und ließ sich von Walther bis ans Kinn zudecken. Die Augen hielt sie geschlossen. Morgen, dachte sie, morgen werde ich ganz bestimmt die Liebesperlen essen, die der Opa in seinem Nachtschränkchen verstaut hat. Sehr weit hinten zwar, sodass sie nicht auf Anhieb ins Auge fielen. Aber sie hatte ihn dabei beobachtet, wie er sie in den Händen hielt. Bestimmt sollte das eine Überraschung für sie sein. Und er würde garantiert nicht böse sein, wenn sie die Liebesperlen schon naschen würde … 3. Kapitel Nur Fassade Als Swenja die Post ihrer Schwester durchging, hörte sie dumpfe Geräusche aus der Wohnung darüber. Sie zuckte zusammen. Hatte Sybilla nicht mal davon berichtet, dass sie der festen Überzeugung sei, das Pärchen würde sich gegenseitig verprügeln?! Nur nach außen hin würden sie die Fassade wahren und immer wie aus dem Ei gepellt und nach dem neuesten Trend gekleidet das Haus verlassen. Wenn man mal von der Sonnenbrille absah, die der Mann gelegentlich auch im Winter trug. Wobei ja irgendwelche Hämatome meist größer waren als die Abdeckung … Swenja hatte noch Sybillas höhnisches Lachen im Ohr und die Bemerkung: „Geschieht diesem Schwachmaten recht. Der hat einfach Prügel verdient, so wie der aussieht!“ Dazu hatte Swenja eine beschwichtigende Bemerkung auf den Lippen gelegen, aber sie hatte sie sich verkniffen. So redete man nicht über andere Menschen. Das war jedenfalls ihre feste Überzeugung. Eben war die Bratpfanne schwungvoll in Jens’ Gesicht gelandet. Er hatte noch versucht, ihr auszuweichen, aber ein Teil des Bodens hatte ihn doch getroffen, und er war mit dem Stuhl umgekippt. Der Mann spürte das schmerzhafte Brennen auf der Haut, an unterschiedlichsten Stellen, weil das Fett durch die Gegend geschossen war. Grit hatte gerade Öl erhitzt, um Bratkartoffeln zu machen. Eigentlich sein Leib-und-Magen-Gericht. Doch seit Langem hatte er keine Präferenzen mehr, was kulinarische Spezialitäten anging. Wieder hatten sich beide im Streit hochgeschaukelt. Und er, er wollte diese üblen Verdächtigungen nicht auf sich sitzen lassen. Er hatte nichts vom Wirtschaftsgeld für sich abgezweigt, nicht einen einzigen Cent, er hatte nicht mit der Verkäuferin geliebäugelt … Jens wehrte sich mit hilflosen Worten. „Du deutest das völlig falsch“, hatte er gesagt. „Das war alles ganz harmlos. Ich wollte einfach nur freundlich sein. Und die Verkäuferin muss doch nett dreinschauen, gehört zu ihrem Job dazu.“ „Ach was, der feine Herr turtelt mit allem rum, was nicht bei drei auf dem Baum ist, und ich, ich soll dabei kommentarlos zusehen. So weit kommen wir noch. Das wüsste ich aber. Nicht mit mir.“ „Ich würde nur gern in Ruhe etwas Leckeres essen“, hatte daraufhin Jens noch eingelenkt. Seine Stimme klang dabei schwach. Grit redete sich in Rage. Und dann kam irgendwann die Pfanne angeschossen. Auf dem Küchentisch stand ein Ein-Liter-Karton mit fett­armer H-Milch, aus dem er sich zuvor noch für seinen Kaffee bedient hatte. „Zu Hause nicht sicher?“ hatte sich Jens die Frage ins Gehirn gebrannt, die auf einer Seite mit ziemlich großen Buchstaben stand. „Sind Sie akut von Gewalt zu Hause betroffen oder kennen Sie jemanden, der von Gewalt betroffen ist?“, stand dort zu lesen. JA, JA, hätte Jens am liebsten geschrien, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken, während er wimmernd auf dem Boden lag. War das aber nicht doch ein Hoffnungsschimmer? Wenn so ein Hinweis sogar schon auf einem Alltagsgut wie einem Milchkarton stand. Er konnte schließlich unter der angegebenen Website alle wichtigen Informationen dazu finden, was zu tun wäre und wo man Hilfe bekommen könnte. Stärker als Gewalt, nannte sich die Internetseite, und das Bundesministerium für Familie, Soziales, Frauen und Jugend war in diesem Fall der Initiator. Hallo, sei mal realistisch, das betrifft dich doch gar nicht, von Männern war keine Rede, funkte ein störender Gedanke durch seinen Kopf. Außerdem würde Grit herausfinden, wo er sich im World Wide Web getummelt hatte. „Jämmerlicher Schlappschwanz“, zischte seine Frau am Herd und hatte in der Zwischenzeit die vorbereiteten Kartoffelscheiben in das neuerlich eingefüllte und erhitzte Öl gleiten lassen. „Das räumst du mir aber alles nachher auf. Und wehe, ich sehe noch irgendwo einen Dreckkrümel oder Spritzer!“ Am liebsten wäre er liegen geblieben, mit geschlossenen Augen. Er rappelte sich langsam auf, mit der Rechten auf der schmerzenden Gesichtshälfte. Kaltes Wasser, dachte Jens, da muss sofort kaltes Wasser drauf … Grit schaute nur kurz zu ihrem Mann. „Denk dran, dass heute Sonnabend ist“, säuselte sie ihm noch hinterher, als er aus der Küche lief. Plötzlich war ihre Stimme ausgewechselt, hatte einen völlig anderen Klang. Zwischen den Gedanken an das kalte, lindernde Wasser schaltete sich die energische Aufforderung aus dem Hintergrund, am Abend seinen ehelichen Pflichten nachzukommen. Er drehte im Bad den Wasserhahn am Waschbecken voll auf und beugte sein Gesicht unter den Strahl. So lange er es aushielt, blieb er in dieser Position. Dann fing er plötzlich an zu frieren, zitterte am gesamten Körper, erhob sich und drehte den Hahn zu. Er griff nach seinem Handtuch, mit dem er vorsichtig über Gesicht und Kopf tupfte. Beim Blick in den Spiegel schrak er nicht einmal zurück. Er hatte das erwartet: knallrote Brandblasen auf den Wangen und an der Stirn, die ihn entstellten. Sie würden aufgehen, sich vielleicht entzünden. Jens sah sich nur in die Augen und blendete alles andere aus. Wie um alles in der Welt war er nur in dieser scheinbar ausweglosen Situation gelandet? Warum fand er nicht die Kraft, alles hinter sich zu lassen? Wie lange wollte er dieses Hamsterrad noch im Kreis drehen? Dabei waren sie doch einst ein richtiges Traumpaar gewesen, schon in der Schulzeit. Alle hatten sie um ihre große Liebe beneidet. Sie war seine erste und einzige Freundin. Du hättest damals schon die Anzeichen wahrnehmen können, nervte sein Inneres. Du wolltest es nur nicht sehen, du Tölpel! Aber es gab doch immer wieder diese tollen Versöhnungen, nach jedem kleinen Streit, schlug die zweite innere Stimme vor. Allerdings verschlimmerte es sich von Mal zu Mal, das musstest du doch erkennen, fing die erste Stimme wieder bohrend an. Und was ist mit den Ruhephasen, die gab es doch auch dazwischen. Wenn alles mit einem Mal ganz harmonisch erschien, war wieder der zweite Ratgeber versöhnlich dran. Das hast du völlig falsch gedeutet und sofort alles entschuldigt, lautete das bissige Echo. Jens schüttelte sich und fasste sich an den Kopf, der zu zerspringen drohte, so heftig waren die Schmerzen. Migräne hatte sein Hausarzt schon bescheinigt und seine Frau ihn daraufhin als Weichei bezeichnet. Dem Mediziner waren auch Jens’ Verletzungen nicht verborgen geblieben. Aber der entschuldigte das immer mit seiner Tollpatschigkeit. „Sie können sich gar nicht vorstellen, was mir daheim alles passiert, Herr Doktor“, hatte Jens einmal erklärt, als der Arzt ihn direkt ansprach, ob er etwa Probleme hätte, über die er – natürlich ganz im Vertrauen – reden wolle. „Wenn irgendwas im Wege steht, dann stolpere ich garantiert darüber. Und meine Haut ist eben sehr empfindlich, nicht nur bei Sonnenstrahlen, die mich sofort verbrennen. Da gibt es schon nach einem leichten Stoß Spuren. Vielleicht hätte ich ein Mädchen und kein Junge werden sollen …“ Der Doktor hatte nur den Kopf geschüttelt und sich seinen Teil gedacht. Auch Jens’ hochwertige Garderobe täuschte ihn nicht über den Sachverhalt hinweg. Die sollte bestimmt nur ablenken vom wirklichen Geschehen, weil sich schick angezogene Leute so etwas gegenseitig nicht antaten. Brutalität war eher in ärmeren Verhältnissen angesiedelt, so die öffentliche Meinung. Aber wenn einer Hilfe brauchte, dann musste er diese auch wollen. Er hatte etliche ähnliche Fälle in seinem Berufsleben kennengelernt. Manche schafften es, andere gingen dabei drauf. Dem Doktor blieb keine Zeit, sich weiter Gedanken um seinen Patienten zu machen. Der war schon aus der Tür des Sprechzimmers hinaus, und auf dem Computerbildschirm standen die Daten des Nächsten, der, dessen eine Niere zu versagen drohte. Da war dringend eine Dialyse angesagt, aber in der nahe gelegenen Klinik waren schon alle Plätze belegt. Und jetzt, grübelte Jens, nach unzähligen körperlichen Übergriffen und psychischer Gewalt, die oft weitaus mehr Wunden erzeugte? Nach seiner totalen Isolation? Keinen einzigen Freund hatte er mehr, alle hatten sich über die Jahre verabschiedet, auch weil er keinen Augenblick mit ihnen allein verbringen durfte. Seine Frau hatte ihn unter totaler Kontrolle, jeder Moment seines Lebens war überwacht. Neulich hatte er in der Tageszeitung von familiären Gewalttaten gelesen. Der umfangreiche Beitrag zog sich über eine halbe Seite hin. Eigentlich hatte Grit das Blatt schon zum Altpapier gelegt. Er kam sowieso selten dazu, mal hineinzuschauen, auch konnte er sich nicht mehr wirklich konzentrieren, wenn er etwas las. Da aber hatte er nach aussortiertem Papier gesucht, um seine nassen Schuhe auszustopfen, damit es die Feuchtigkeit aufsaugte. Und so war ihm die Überschrift ins Auge gesprungen. Von einem speziellen, unauffälligen Hilferuf las er dort, der entwickelt worden war, um auf die eigene Situation aufmerksam zu machen. Wenn man gerade am Computer saß und im Internet war, aber nicht wollte, dass der Partner etwas mitbekam. Erst die Innenseite der flachen Hand zeigen, dann den Daumen in die Handinnenfläche beugen und schließlich die restlichen vier Finger über den Daumen legen. Jens machte das bei seiner Lektüre wieder und wieder. Es war ganz einfach. Aber wen wollte er denn damit benachrichtigen, auf sich und seine vertrackte Lage hinweisen? Ihm fiel niemand mehr ein. Schwachsinn, tat er den Ratschlag in der Zeitung ab. Grit würde doch so etwas mitbekommen und dann würde sich alles für ihn noch verschlimmern. Er las dennoch weiter. Natürlich ging es wieder nur um Frauen, und die Bundesfamilienministerin wurde in diesem Zusammenhang zitiert. Dann musste er seine Auffassung revidieren. Ganz am Ende war auch eine spezielle Nummer für betroffene Männer angegeben. Ein kleines Anhängsel nur. Er hatte sich dann diese Nummer in einem Kochbuch notiert, das sie nie zur Hand nahm. Und so unverfänglich gesplittet, dass sie nicht als Telefonnummer auffiel. In einer Notsituation sollte man dort rund um die Uhr anrufen können. Später wollte er die von dieser Helpline auf dem Milchkarton dort ergänzen. Eigentlich war er immer in Not, und wie sollte er diese Nummern betätigen, ohne dass es auffiel? Da müsste er sich ja ein separates Telefon zulegen. Es war einfach ausweglos. Ob sie ihn wohl eines Tages totschlagen würde? Dann hätte er endlich seine Ruhe. Jens seufzte tief auf. Er lief in die Küche und setzte sich an den Tisch. Grit ließ eine Portion Bratkartoffeln auf seinen Teller gleiten. Dann nahm sie sich den Rest und stellte die Pfanne in die Spüle. „Kannst du nachher machen. Jetzt lassen wir es uns erst einmal schmecken. Guten Appetit.“ „Danke, dir auch“, hauchte Jens und schob mit der Gabel eine aufgespießte Kartoffelscheibe über den Teller. „Schmeckt dir wohl nicht oder hast du etwa keinen Hunger?“, kam die drohende Frage seiner Frau. „Doch, doch“, beeilte sich Jens mit der Antwort und schob mehrere Bissen in seinen Mund. „Nun schling nicht so, das sieht ja unappetitlich aus. Essen muss man genießen! Mach es einfach so wie ich“, sagte Grit und kaute überaus gründlich an einer kleinen Gabelportion, die sie anschließend herunterschluckte, bevor sie zu einem Glas mit Mineralwasser griff. „Und nimm ein paar von den sauren Gürkchen. Ich habe das Glas extra für dich aufgemacht.“ Die Frau wies auf einen kleinen Teller in der Tischmitte. Sie war noch nicht am Ende ihrer Ausführungen angelangt, als Jens schon ein Stück ergriff und in den Mund steckte. Grit zog sich nach dem Essen in ihren Bereich zurück, um sich mit ihren allerbesten Freundinnen per WhatsApp auszutauschen. Meist reichte ja ein witziges Foto oder ein originelles Video aus, das man weiterleitete. Viel an Kommentaren war gar nicht gefragt. Und eventuelle Fragen wurden eher selten beantwortet. Sie wischte auf ihrem Smartphone herum und kicherte zwischendurch. Jens hatte sich daran gemacht, die Unordnung in der Küche zu beseitigen. Er wusste genau, dass Grit ihn hinterher überprüfen würde. Manchmal sogar mit Taschenlampe und einem weißen Stofftaschentuch, auf dem man garantiert jede Dreckspur erkannte. Gern nahm sie Fotos von den Stellen auf, die er übersehen hatte, um sie ihm hinterher zu präsentieren, meist mit Maulschellen ergänzt. Ob ich mich vielleicht doch mal Till anvertraue?, überlegte Jens, während er das Geschirr abspülte. Sein Kollege hatte so eine positive, offene Ausstrahlung. Und zwischendurch hatte Till ihn schon kritisch angeschaut, als er mit immer wieder neue Verletzungen auf der Arbeit erschien. „Alles in Ordnung bei dir?“, hatte er sich erst am Tag zuvor erkundigt. „Wenn du Sorgen hast, dann rede einfach mal drüber. Mitunter hilft das allein schon. Erleichtert auf jeden Fall. Wir könnten ja nach dem Dienst ein Bier zusammen trinken. Was hältst du davon?“ Jens hatte jetzt ein bitteres Lächeln im Gesicht, während er die Pfanne säuberte. Mit einem sanften Kratzschwamm, der auch für Gläser geeignet war. Nur nicht die Beschichtung des hochwertigen Teils beschädigen. Das wäre nur ein weiterer Auslöser für unberechenbare Gewaltattacken. Ein Bier nach der Arbeit trinken, mit einem Kollegen! Selbst wenn sich das zeitlich einrichten ließ, weil Grit in Schichten arbeitete, blieb immer noch die hartnäckige Alkoholfahne. Er konnte ja schlecht plötzlich behaupten, abstinent zu sein, nachdem er schon öfter mal von einem Glas Bier oder Wein erzählt hatte, wenn im Kollegenkreis die Sprache auf Feiern kam. Und vielleicht würde Grit sogar die Erleichterung spüren, die ihm danach anzumerken wäre. Also keine gute Idee. Aber möglicherweise könnte er Till gegenüber doch mal etwas andeuten. Jens behielt diese Option im Hinterkopf. Er suchte jetzt gründlich die Wände rund um den Herd ab, ob dort Spritzer zu entfernen waren. Da und dort schrubbte er und wischte trocken nach. Zuletzt kroch er auf dem Boden herum, um dort für Sauberkeit zu sorgen. Das Fett war wirklich an allen möglichen Stellen zu finden. Sogar an den Tischbeinen. Jens verzweifelte fast. Es schien ein Ding der Unmöglichkeit, die Spuren des vorherigen Ausrasters seiner Frau restlos zu beseitigen. Er saß auf dem Boden und hielt die Schultern gesenkt. Schließlich erhob sich Jens und holte die Flasche Raumspray aus einem Küchenschrank. Er setzte einen feinen Sprühnebel in alle Richtungen. Die Essensgerüche wurden übertönt durch eine zitronige Anmutung. Jens schnüffelte mit seiner Nase. Immerhin besser als der Geruch nach dem erhitzten Fett und dem Gebratenen. Grit jedenfalls hatte für jeden Raum einen anderen Duft parat. Manche davon steckten in der Steckdose und entfalteten sich stoßweise in regelmäßigen Abständen. Auch die Polstermöbel musste er regelmäßig übersprühen, weil sie „nach altem Mann“ rochen, wie Grit abfällig bemerkte. „Wir brauchen etwas, das den Gestank neutralisiert!“ Bevor beide nach dem abendlichen Bad ins Bett gingen, präsentierte Grit eine Tablette und ein Glas mit Leitungswasser für Jens. „Hier, nimm die mal. Ist eine Viagra. Ich bin extra zur Apotheke am anderen Ende der Stadt gefahren, wo mich keiner kennt. Offensichtlich bist du ja ohne die Dinger zu nichts mehr in der Lage, du Versager.“ Widerwillig griff Jens zu der Tablette und dem Glas, schob erst die Pille in den Mund und nahm dann einen großen Schluck hinterher. Er hasste Medikamente, die man schlucken musste, vor allem wenn sie so großformatig waren. Es blieb ihm immer ein bitterer Nachgeschmack im Mund und so ein Würgen, als wolle alles wieder hochkommen. „Ich mach mich dann schon mal fertig“, sagte Grit noch und verschwand schon im Schlafzimmer. Jens wusste, dass sie nun die schwarze Reizwäsche hervorholen würde, um sich darin zu verpacken. In der festen Überzeugung, das würde ihn antörnen. Inklusive Strumpfhalter und feiner Netzstrümpfe. Der Anblick würde ihm lediglich Angst einjagen. Jens fröstelte und rieb sich die Oberarme. Aber zugleich spürte er langsam die Wirkung der Pille. Ob er wollte oder nicht. Mach einfach nachher die Augen zu und denke da­ran, was du in der nächsten Zeit erledigen willst, riet ihm seine innere Stimme. Blödsinn, meinte der gedankliche Gegenspieler, das ist doch wohl ein Ratschlag für Weiber. Denk an eine richtig geile Tussi, die scharf auf dich ist und dir jeden Wunsch von den Augen abliest. Dich von Kopf bis Fuß verwöhnt. Jens stöhnte leicht auf und öffnete die Schlafzimmertür. Grit lag entsprechend ausstaffiert und breitbeinig auf dem Bett. Eine Duftwolke von schwerem Parfüm quoll ihm entgegen. 4. Kapitel Rente Elizabeth hatte gerade eine weitere Tüte mit Müll in der Tonne entsorgt. Für ihre Wohnung im Hochparterre war ohnehin kein eigener Müllschlucker vorgesehen. Jeder Mieter dieser Etage musste seinen Abfall hinausbringen. Sie schob das etwas längliche, relativ großformatige Teil unter ein paar andere Säcke. Es war in einer blauen Plastiktüte verpackt und mit braunem Klebeband umhüllt. Die Hausmeisterin trug Handschuhe, wie meist bei der Arbeit. Sie nahm hinter sich Geräusche wahr, drehte sich um und starrte in die Dunkelheit des Abends. Tatsächlich, da schob sich ein Pärchen in die Haustür hinein. Der Mann trug in einer Hand vorsichtig etwas vor sich her. Waren das nicht …? Elizabeth überlegte ein Weilchen und stemmte die Hände in ihre breiten Hüften. Während sie nachdachte, zogen sich ihre Mundwinkel nach unten, und die Stirn lag in ziemlich derben Falten. Doch, fiel es ihr ein, die Tochter mit ihrem Mann, dem Schiegersohn von Severing aus der Etage über dem Pärchen, wegen dem schon gelegentlich mal die Polizei gerufen worden war. Sehr unangenehme Angelegenheit. Mit was für Pack man sich aber auch in so einem Haus rumschlagen musste. Selbst bis zu ihrer Wohnung ganz unten war der Krawall zu vernehmen, aber sie hätte sich gehütet, die 110 anzuwählen. Nur keine schlafenden Hunde wecken. Komisch, dachte Elizabeth, den alten Severing habe ich ja ewig nicht mehr gesehen. Selbst in dem Alter muss man doch mal zwischendurch an die frische Luft. Na immerhin wurde ihm offensichtlich der Kuchen ins Haus geliefert. Ach was, schob sich ein nächster Gedanke hinterher, kümmere dich mal um deine eigenen Sorgen, davon hast du wahrlich genug. Außerdem kündete doch diese alberne weihnachtliche Beleuchtung in seinem Wohnzimmerfenster von seiner Anwesenheit. Alle Jahre wieder. Den Alten hätte man höchstens wegen übertriebenem Kitsch anzeigen können. Aber das war ja nun beileibe kein Grund. Margitta zerrte ihren Mann hinter sich her. „Kannst du dich nicht ein bisschen sputen? Soll schließlich keiner mitbekommen, was wir hier treiben.“ „Hab dich doch nicht so“, entgegnete Edward. „Wir schauen bei deinem alten Vater nach dem Rechten und kümmern uns um ihn. Wer soll denn dabei etwas finden? Und die Post müssen wir außerdem auch aus dem Kasten nehmen, sonst fliegt alles auf.“ Während Edward dies äußerte, hatte er schon den Briefkasten geöffnet und ein paar Schreiben entnommen. Dann verschloss er die Klappe wieder. „Siehst du, wie ich es schon sagte“, hielt er seiner Frau die Sendungen triumphierend entgegen. „Mist, verdammter“, fluchte Margitta, ohne darauf einzugehen. „Schon wieder ist der Fahrstuhl außer Betrieb. Ich hätte ihn jetzt wirklich gern genutzt, auch wenn es nicht so viele Stufen sind. Meine Knie sind ganz weich. Komm!“ Die beiden liefen im Treppenhaus, das nur dürftig beleuchtet war, nach oben. Keiner tauschte hier mehr die defekten Lampen aus. Die Hausmeister erhielten offensichtlich nicht mehr das geringste Budget für solche Reparaturen oder es war ihnen gleichgültig geworden. Das Objekt war eindeutig ein Auslaufmodell. Etwas atemlos erreichten Margitta und Edward die Etage mit der Wohnung des alten Severing. Es war nicht die Höhe, die ihnen den Atem raubte. „Hier“, hielt Margitta ihrem Mann den Schlüssel hin. „Schließ du mal bitte auf. Ich halte mir inzwischen den Schal vor die Nase.“ „Seit wann bist du denn so empfindlich? Das kenne ich doch sonst nicht von dir!“ Die Tür ging auf und beide schlüpften in die Wohnung, ohne viel von der inneren Luft in den Hausflur dringen zu lassen. Margitta stürzte durch die Räume in Richtung Wohnzimmerfenster und riss sie weit auf. Der weihnachtliche Kranz, der am Rahmen hing und in wechselnden schrill-bunten Farben auftrumpfte, geriet ins Wanken, aber sie hielt ihn noch rechtzeitig fest. Fast hätte sich seine Verbindung zur Steckdose mit der Zeitschaltuhr gelöst. Währenddessen hatte es ihr Edward gleichgetan und das Fenster vom Schlafzimmer bis zum Anschlag geöffnet. Es zog heftig durch die Wohnung, und der intensive, unangenehme Geruch bewegte sich ins Freie. Die Eheleute trafen sich, wie abgemacht, wieder im Wohnzimmer und schauten sich in die Augen. Das flackernde Licht der Weihnachtsdekoration ließ ihre Gesichter gespenstisch erscheinen. „Prüfst du mal die Klebestellen?“, forderte Margitta ihren Mann auf. Der nickte nur tonlos und schlich zum Arbeitszimmer. Sie hockte sich auf die vordere Kante des Sofas und ging die Post durch, die sie mit dem Zeigefinger grob aufriss. Das hätte Papa nie sehen dürfen, schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. Wo er doch immer so penibel war, bis zuletzt! Die Frau strich glättend über das Papier. Der Brief­öffner? Lag im Arbeitszimmer, also keine gute Idee. Sie gab sich einen sichtbaren Ruck und saß jetzt kerzengrade. Dann stapelte sie die Schreiben auf die entsprechend vorsortierten Haufen. Wichtig war nur, dass keine eventuelle Mahnung übersehen und die Rente ordnungsgemäß aufs Konto überwiesen wurde. Zuletzt hielt Margitta ein mehrseitiges Schreiben der Rentenversicherung in der Hand, das eine baldige Rentenerhöhung versprach und alles detailliert auflistete. Sie seufzte erleichtert auf. So ein Segen aber auch … „Alles in Ordnung. Ich musste nichts nachbessern“, sagte Edward und ließ sich ebenfalls aufs Sofa sinken. Er hatte sich aus der Küche eine Flasche Cognac mitgebracht und schenkte beiden in die Kristallgläser ein, die er in der anderen Hand gehalten hatte. Die stammten noch aus Mutters Zeiten, die schon lange vor ihrem Mann verstorben war. Das Kuchenpaket hatte er geöffnet. Drei verschiedene Stücke lagen darin. „Na dann, zum Wohl!“ Margitta ergriff ihr Glas und prostete Edward leicht zu. Sie war nicht wirklich bei der Sache. „Ich weiß nicht, wie lange wir das hier noch durchhalten können. Aber schau mal, bald gibt es wieder etwas mehr Rente!“ Sie hielt Edward das Schreiben hin, der ein Bein ausstreckte und zunächst auf den Bodenschalter der Stehlampe trat. „Ich kann sonst nichts erkennen. Vor allem nicht bei dem dämlichen Geflacker! Da bekommt man nur Kopfschmerzen von. Ich verstehe gar nicht, warum du auf dieses schrecklich kitschige Teil bestanden hast.“ „Aber die Deko hatten die beiden doch schon so lange. Ich wollte einfach eine geliebte Tradition bewahren. Es sieht irgendwie aus wie früher.“ „Schon gut“, beschwichtigte Edward und blickte auf die Zahlen im Schreiben der Rentenversicherung. Nebenher langte er nach dem ersten Kuchenstück, um es zu verzehren. „Junge, Junge, da kann unsereins nicht mithalten“, sagte er, als er den ersten Bissen hinuntergeschluckt hatte. „Womit haben die Alten eigentlich diese horrenden Renten verdient. Doch wohl kaum mit ehrlicher Arbeit. Und dann noch Jahr um Jahr eine Erhöhung, immer angepasst an die gesamte Lohnentwicklung im Lande, wie es offiziell heißt. Da kriege ich einfach einen dicken Hals. Weder du noch ich haben in der zurückliegenden Zeit mal mehr Lohn bekommen. Ganz im Gegenteil. Mir haben sie sogar das Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen, weil es dem Unternehmen angeblich so schlecht geht und man ja unbedingt unsere Arbeitsplätze erhalten will! Dabei schaufeln die sich in den Chefetagen immer mehr Geld in ihre Taschen. Ich könnte platzen vor Wut.“ „Sei nicht ungerecht“, fiel ihm Margitta ins Wort. „Papa war immer fleißig …“ „… und hat sich bis zu seinem 55. Lebensjahr abgeschuftet, ehe er gepflegt in Vorruhestand ging. Dass ich nicht lache“, empörte sich Edward. Margitta standen Tränen in den Augen. „Tut mir leid, Liebes, ich habe das nicht so gemeint. Er ist ja auch abgewickelt worden, wofür er nun wiederum überhaupt nichts konnte! Und immerhin tut dein alter Herr ja im Nachhinein etwas Gutes für uns. Wenn auch ziemlich unfreiwillig.“ Beide schwiegen einen Moment. Der Mann verzehrte jetzt das zweite Kuchenstück. „Mich haben ja deine Eltern nie wirklich gemocht“, fuhr Edward schließlich fort. „Ach, Eddi, so ist das nun mal mit Schwiegerverhältnissen. Deinen Eltern war ich doch auch nicht recht. Das haben sie mich deutlich spüren lassen. Eine Fischverkäuferin war einfach unter ihrem Niveau.“ „Stimmt auch wieder. Aber die Sorgen mit ihnen sind wir ja los, jetzt wo wir beide Vollwaisen sind … Ich stehe übrigens auf Fischverkäuferinnen. Kabeljau, sage ich nur. Paniert, dazu Sauce hollandaise und frische Kartoffeln. Es gibt nichts, was besser schmeckt. Und Fisch riecht nach See und Meer, einfach wunderbar, so wie du. Ich liebe dich.“ Edward nahm Margitta in die Arme und drückte ihr einen Kuss auf den Mund. Sie wirkte etwas unwillig, aber zugleich gerührt. „Was du nicht sagst. Kabeljau habe ich noch im Froster. Den könnte ich morgen machen.“ Die Frau lenkte das Gespräch auf einen neutralen Boden. „Unbedingt!“ Das kam wie aus der Pistole geschossen. Edward leckte sich die Lippen und strahlte. Margitta löste sich aus der Umarmung. „Kannst du dich noch an die Geschichte mit dem Getreidesilo erinnern, die Papa immer erzählt hat?“ Edward nickte. „Bis ins kleinste Detail! Kannst mich ruhig abfragen.“ „Ach, das meine ich nicht. Aber es muss doch furchtbar für ihn gewesen sein, als er damals diesen Auftrag bei der Hühnermastanlage erledigen musste und die anderen sich schon in den Feierabend verabschiedet hatten, er aber unbedingt den Rest aus dem Farbeimer verstreichen wollte, weil er doch immer so umsichtig war und nichts umkommen lassen konnte. Der Bodensatz wäre ja vielleicht eingetrocknet …“ „… ja, und dann kippte seine Leiter, und er stürzte kopfüber in den Getreidesilo mit dem Weizen für die Tiere“, fuhr Edward nachdenklich fort. „Und wäre nicht sein Kollege noch einmal zurückgekommen, weil er etwas vergessen hatte, dann wäre das sein Ende gewesen“, ergänzte Margitta die Familiengeschichte. „Nur mit vereinten Kräften konnten sie ihn gerade noch retten. Er wäre sonst erstickt.“ „Ich stelle mir das schrecklich vor, einfach so in dem Zeug zu versinken. Da brüllst du dir die Seele aus dem Leib, und es gibt keine Hoffnung auf Hilfe“, antwortete jetzt Edward mit ernster Stimme. „Weißt du, Eddi, aber lach mich nicht aus, wenn ich das jetzt sage …“ „Versprochen!“ „Ich muss immer an seine Klaustrophobie denken, die sich dadurch bei ihm entwickelt hatte. Fahrstühle waren für ihn die Hölle, ein absolutes Tabu, deshalb ist er ja auch hier so tief unten eingezogen … Und bei dem MRT, das er noch zuletzt hatte, ist er bald durchgedreht, als sie ihn in diese Röhre geschoben haben. Da hat er schon nach nicht mal einer halben Minute den Notknopf gedrückt, und weil sie ihn für einen Hypochonder hielten und nicht schnell genug befreit haben, ist er im Liegen rausgekrochen. Gelenkig war er ja, selbst noch in seinem Alter.“ „Worauf willst du denn hinaus?“, wollte Edward wissen. „Du hast versprochen, nicht zu lachen!“ Margitta blickte ihrem Mann direkt in die Augen. Edward nickte. „Ich denke oft daran, dass er mit dieser Enge, der er jetzt ausgesetzt ist, überhaupt nicht klarkommen würde. Immer nur eingesperrt in diesem kleinen Raum!“ „Aber er ist doch tot. Und später im Sarg ist es ja noch beengter.“ Edward blickte verständnislos auf seine Frau. Nach Lachen war ihm überhaupt nicht zumute. „Willst du nicht wenigstens das dritte Stück essen?“, erkundigte er sich. „Eigentlich kann ich nicht mehr. Ich glaube, mein Sodbrennen setzt mal wieder ein.“ „Auf keinen Fall“, antwortete Margitta, während sie sich schüttelte. Dann legte sie ihren Kopf etwas schräg. Ihr ursprüngliches Thema war noch nicht beendet. „Weißt du genau, ob er nicht doch noch etwas empfindet? Es gibt ja in dieser Hinsicht auch andere Auffassungen. Vielleicht ist seine Seele gefangen in dem Zimmer und ängstigt sich.“ „Das ist jetzt aber ziemlich gruselig“, schüttelte sich der Mann, legte seiner Frau einen Arm um die Schultern und zog sie an sich heran. „Dann lass uns mal langsam den Heimweg antreten. Ich glaube, es ist genug gelüftet. Mir wird schon ganz kalt. Da hilft auch der Schnaps nicht wirklich“, wechselte die Frau das Thema und erhob sich. „Außerdem müssen wir sowieso hier bald wieder aufschlagen“, sagte Edward, der hoffte, das Kuscheln bei sich zu Hause in aller Ruhe fortsetzen zu können. „Hoffentlich bleibt das noch ein Weilchen so mit dieser Situation“, hauchte Margitta vor sich hin, als die beiden die Wohnung verließen. Ihr Mann vernahm das nicht oder wollte es auch nicht hören. Im Freien blickten sie noch einmal nach oben und sahen den da und dort sehr festlich erleuchteten Strang der bewohnten Seite. Aus der Wohnung des Vaters kündete der flackernde Kranz, der von Rot über Blau nach Gelb wechselte, von seiner weihnachtlichen Botschaft, inmitten der zumindest vom Efeu immer noch begrünten Ranken. Ein wildes Dickicht, das dekorativ in die Etagen darunter und weit in die Höhe darüber reichte. Margitta rutschte im Auto in den Sitz hinein, nachdem sie sich angeschnallt hatte, und schloss die Augen. Während Edward das Fahrzeug sicher durch die Nacht lenkte, hing sie ihren Gedanken nach. Was sollten sie nur tun, wenn der Vater tatsächlich – so wie angedroht – aus der Wohnung musste? Bei allem Grübeln fiel ihr einfach keine vernünftige Lösung ein. Sie hatten sich in eine ausweglose Situation hineinmanö­vriert. Sie hatten Margittas Vater vor vielen Wochen im Wohnzimmer auf dem Boden vorgefunden. Es war einer der üblichen Wochentage, an dem sie immer zu Besuch kamen, um gemeinsam einen Kaffee zu trinken und den mitgebrachten Kuchen zu essen. Aber auf ihr Klingeln hin gab es keine Reaktion. Und dann hatten sie nicht einmal den Wohnungsschlüssel dabei. „Vielleicht ist dein Vater nur mal unterwegs“, hatte Edward gesagt. „Genau an dem Tag und zu der Stunde, wo wir mitei­nander verabredet sind? Das glaubst du doch selbst nicht. Er ist immer die Zuverlässigkeit in Person. Warum sollte das heute anders sein? Er hätte uns doch angerufen …“ Margitta hatte geredet und geredet und schließlich waren sie noch einmal nach Hause gefahren, um den Schlüssel zu holen. „Ich glaube, da ist was passiert“, hatte Margitta noch erklärt. „Ich mache mir ja solche Sorgen. Vorige Woche hat er doch schon geklagt, dass es ihm nicht so gut geht.“ „Ach, typisch Frau. Ihr immer mit euren Befindlichkeiten. Das hat er doch gar nicht so gemeint. Bestimmt sitzt dein Vater jetzt mopsfidel im Sessel und ist sauer auf uns, weil wir ihn haben warten lassen“, hatte Edward sich im Trösten versucht. Als sie aber neuerlich vor der Tür standen, kam wiede­rum kein Echo. Fast vorsichtig steckte Edward den Schlüssel ins Schloss und wollte die Tür öffnen. „Das darf doch nicht wahr sein“, fluchte er, als das nicht sofort möglich war. Die Kette lag vor der Tür. Margitta brach schon in Schluchzen aus, während er noch einmal zum Auto lief, um aus seiner Werkzeugtasche entsprechende Hilfsmittel zu holen. Dann hatte er auch rasch die Kette gelöst. „Papa“, erklang Margittas kläglicher Ruf in der Wohnung. Edward hielt seine Frau an der Hand fest, während er hinter sich die Tür ins Schloss drückte. Dann standen beide im Wohnzimmer. Der alte Mann lag auf dem Bauch. Offensichtlich war er von seinem Sessel heruntergerutscht und hatte versucht, sich aus dieser Position wieder nach oben zu bewegen. Dann verließen ihn wohl endgültig die Kräfte. „Wir sollten einen Notarzt verständigen“, hatte Margitta gestammelt, als sie endlich einen klaren Gedanken fassen konnte. „Lass uns mal einen Moment lang überlegen“, hatte daraufhin Edward vorgeschlagen und seine Stirn in grübelnde Falten gelegt. „Wieso?“ „Na ja, tot ist er auf jeden Fall“, sagte Edward und legte der guten Ordnung halber noch einmal Zeige- und Mittelfinger an die Halsschlagader des Liegenden. „Wir müssen uns wirklich nicht beeilen. Jetzt hat dein Vater alle Zeit der Welt.“ „Ja, aber … brauchen wir den Arzt nicht trotzdem? Der muss doch einen Totenschein ausstellen“, schluchzte Margitta heftig und zitterte am ganzen Leib. „Und dann würde hier alles seinen Gang gehen. Die Beisetzung wäre zu organisieren, und an uns würden die gesamten Kosten hängen bleiben. Wenn ich mich recht entsinne, hat dein Vater in der Hinsicht nicht wirklich vorgesorgt. Oder bist du da anders informiert?“ „Wir haben doch nichts“, stieß Margitta hervor und riss die Augen weit auf. „Genau. Daran habe ich auch gedacht. Willst du für deinen Vater etwa ein Sozialbegräbnis und dafür noch beim Amt vorher betteln gehen, unsere gesamten Einkommensverhältnisse offenlegen?“, wollte Edward wissen und erläuterte seiner Frau seinen Plan. Wortlos folgte sie seinen Erklärungen und wurde dabei immer bleicher. „Du meinst also wirklich?“ Margitta schluckte. „Ja, warum nicht? Zumindest so lange, bis das Haus hier endgültig leergezogen wird. Ein Weilchen könnte uns das durchaus über die Runden helfen.“ „Also, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.“ Margitta zog die Schultern hoch, stimmte aber schließlich zu. „Uns fällt dann bestimmt noch was ein, was wir im Ernstfall unternehmen können“, beschwichtigte Edward. Er gab seiner Stimme einen überzeugenden Klang. Aber weder er noch seine Frau glaubten wirklich daran. Beide wollten nur eines: Zeit gewinnen. Und dann waren die Wochen ins Land gegangen, während das Ehepaar den Schein wahrte und so tat, als wäre regelmäßig ein Besuch bei dem alten Herrn angesagt. Sie tauchten sogar stets mit einem Paket Kuchen auf, das Edward deutlich sichtbar vor sich hertrug. Allerdings hatten sie vor Ort Mühe mit dem Verzehr. Margitta brachte keinen Bissen hinunter, und so opferte sich stets Edward. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/andrea-gerecke/x-mas-hochdramatisch/?lfrom=196351992) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.