Zinnobertod Reinhard Lehmann Ein Junge stürzt von der Teufelsbrücke im Sagenharz bei Thale. Ein Akt des Teufels heißt es, weil er ihm nicht huldigte. Sein Aufschrei bringt die trügerische Idylle des sanften Tourismus zum Einsturz. Eine enthauptete und zerstückelte Leiche verdrängt das Geschehen. Zugleich gibt die Enkelin des geschätzten Wanderführers der Region eine Vermisstenanzeige auf. Das Landeskriminalamt in Magdeburg schickt Kriminaloberkommissar Benno Lorenz in den Harz. Dem gelingt es, verborgenen Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Die Lage eskaliert, weil er in den Streit um den Führungsanspruch in einer Sekte gerät. Er erfährt, wie gediegene Täter sich des Kults der Harzer Sagenwelt bedienen, um die Polizei mit ihrem Spott öffentlich zu besudeln. Lorenz entkommt dem Tod durch Folter mit knapper Not. Da schlittert er in eine neue Bedrohungslage. Reinhard Lehmann Harzkrimi Impressum Zinnobertod ISBN 978-3-96901-017-4 Kindle Edition V1.0 (05/2021) © 2021 by Reinhard Lehmann Abbildungsnachweise: Umschlag (Teufel, Hexentanzplatz Thale) © Frank_P_AJJ74 | pixabay.com Porträt des Autors © Reinhard Lehmann Lektorat: Sascha Exner Verlag: EPV Elektronik-Praktiker-Verlagsgesellschaft mbH Obertorstr. 33 · 37115 Duderstadt · Deutschland Fon: +49 (0)5527/8405-0 · Fax: +49 (0)5527/8405-21 E-Mail: mail@harzkrimis.de Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de (http://dnb.d-nb.de) abrufbar Allgemeiner Hinweis: Bei den Schauplätzen dieses Romans handelt es sich um reale Orte. Die Handlung und die Charaktere hingegen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen wären reiner Zufall und sind nicht beabsichtigt. Inhalt Titelseite (#ulink_fbedbb15-75a7-5f53-a734-4de8d6e5d249) Impressum (#ulink_ac9cc9b2-ac30-54d4-a68b-4f4dd3590e7e) Prolog (#ulink_90509c0d-6e2d-5c0e-86d1-09a5bb9f046d) Kapitel 1 (#ulink_e7bb36f6-e0f4-540e-a09d-776953dbc219) Kapitel 2 (#ulink_cd9b887c-3fa6-58fb-9892-d4962efc7b66) Kapitel 3 (#ulink_7f0eb4d0-46e1-590b-8942-154ad10ea159) Kapitel 4 (#ulink_a7f2fa49-4b14-5f82-953c-7cb898cedfcd) Kapitel 5 (#ulink_280598eb-612a-5b22-9808-fb4f05b158c3) Kapitel 6 (#ulink_62f9c39b-5bee-504e-aa03-46d8becb0e72) Kapitel 7 (#ulink_7bae8498-c87f-5399-be61-f76c9e6ab78b) Kapitel 8 (#ulink_e4554d9c-7266-59f2-a267-8892d76cfc83) Kapitel 9 (#ulink_53526a3e-9d35-59cf-9339-106f5f10415b) Kapitel 10 (#ulink_f145d235-7e1f-52d9-b69d-72d522062f46) Kapitel 11 (#ulink_94d86481-1534-55e4-b7d9-eb4251fca7cc) Kapitel 12 (#ulink_bf20d0e6-9ed1-5a23-a194-d3810229a62e) Kapitel 13 (#ulink_ca620e2f-6060-5a85-b76b-099461eb4025) Kapitel 14 (#ulink_6133d2f1-28c9-53f4-97fc-5181bf919a48) Kapitel 15 (#ulink_162d2100-beec-5e49-ba32-21d4a8928d49) Kapitel 16 (#ulink_864e1e61-eb69-54de-80d3-412baaa9fcd0) Kapitel 17 (#ulink_0ad86d8e-067c-566f-aedc-8d9fde90da8c) Kapitel 18 (#ulink_cabaa943-9212-53b9-9be7-58b568acdd39) Kapitel 19 (#ulink_d14598bd-a4de-503b-a1b2-6997eed75ded) Kapitel 20 (#ulink_8de99bac-9b26-5d21-bebd-70e72e34b0c3) Kapitel 21 (#ulink_6b4f8bb0-801b-5a9a-9949-6fef471deddf) Kapitel 22 (#ulink_c065db27-af82-5482-bbe1-43572a446e01) Kapitel 23 (#ulink_f7e64058-ceae-592c-bf3f-e6decda5c6ab) Kapitel 24 (#ulink_73789828-e73c-511a-978c-13f196ad31ca) Kapitel 25 (#ulink_53d8c61c-a9c7-5971-adfb-0dec88fa3fa8) Kapitel 26 (#ulink_32382040-fd12-518f-9978-99b02a6c2195) Kapitel 27 (#ulink_c66d1085-df8c-5148-b7ce-db2780ada72c) Kapitel 28 (#ulink_e3fcf026-f5d9-50e1-b3f1-eabd67d0d498) Epilog (#ulink_76cffb45-0c9b-527a-9913-8a5af93bb437) Anmerkung des Autors (#ulink_916d9c82-0b4c-56b9-adba-6859e4ee2bed) Über den Autor (#ulink_bd365f6c-ee36-5ed9-98f2-04d96ff4df22) Eine kleine Bitte (#ulink_d230afc9-4b4b-5014-95c9-0306b4b33055) Prolog Sein Job lautet, einen Tathergang zu klären. Die Aktenlage ist dürftig und die Personaldecke eng. Ein Alleinarbeitsplatz, der ihm eine Woche Zeit einräumt. Eine Menge Fragen bleiben zurück. Wer ist der Mensch, dessen sterbliche Überreste ohne Kopf das Wildwasser des Flüsschens Bode freigab? Wie hochgradig ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um den vermissten Führer einer ortsansässigen Sekte handelt? Der Tatortermittler beim Landeskriminalamt in Magdeburg reist nach Thale, einem Städtchen am nordöstlichen Harzrand. Hier erfährt er am eigenen Leib, dass der Mythos im Anbeten heidnisch-germanischer Götter in der Fallbearbeitung eine entscheidende Rolle spielt. Weil er mit dieser Tradition nichts am Hut hat, bringt ihn das in höchste Gefahr. Dabei dreht es sich um die Prophezeiung über den Akt des Teufels, der einen ruchlosen Menschen bestraft. Passiert an einem Morgen, der nach Sommer und Frieden roch. Für einen Moment ließen die Strahlen der Sonne vergessen, dass sich diese Idylle bald mit dem Auftauchen zahlreicher Touristengruppen verlor. Nichts deutete auf jene Katastrophe hin, die Angst und Schrecken verbreiten würde. Sie setzte sich mit einem unschuldigen Kind in Gang, das von der Teufelsbrücke im Harzer Bodetal stürzte. Ein Unfall durch mangelnde Aufsichtspflicht der Eltern. Nicht die Spur vom Teufelswerk, dessen Mythos in der Sagen-und Götterwelt der Region tief verwurzelt ist. Der Vorgang befeuerte eine lebhafte Fantasie, die im Sagenharz einen gewaltigen Aufschrei erzeugte. Lorenz, der Tatortermittler, begreift zu langsam diese Macht. Zu spät erkennt er die Absicht einer Tätergruppe, künstlerisch visualisierte Skulpturen der Harzer Sagenwelt für ihre Zwecke zu missbrauchen. Seine öffentliche Demütigung und die der Polizei war lange geplant. Vom Wahn getriebene Auftraggeber haben Killer rekrutiert. Die kennen sich bestens mit den Geschichten rund um das Felsplateau des Hexentanzplatzes und der Rosstrappe aus. Sie erzählen von einer geheimnisumwobenen Welt der Hexen und Teufel im Harz. Das sind Kultstätten, die der Huldigung jener Fabelfiguren dienten. Einen solchen Platz wählen sie aus, um Lorenz hier den Geschmack des Todes wahrnehmen zu lassen. Er erfährt, wie religiöse Rituale Zwietracht säen und in Feindschaft enden. Diese Art der Einflussnahme ist eine neue Erfahrung. Es ist eine gezielte Form der Manipulation des Bewusstseins und der Willensstärke. Bald kommt er dubiosen Geheimnissen auf die Spur. Dabei nutzte er geschickt die Zuneigung der Enkelin des Vermissten. Solche Verbindungen sind ihr verboten. Der religiöse Glaube verbietet den Kontakt zu Personen außerhalb der Gemeinschaft. Es bleibt nicht aus, dass der Intimkontakt unbekannte Schergen in Position bringt: Feinde. Die greifen ohne Vorwarnung an. Sie überwältigen ihn auf dem Bergplateau Hexentanzplatz. Die vermummten Kreaturen fixieren ihn mit Gewebeband an eine der mannsgroßen Fabelskulpturen aus Bronze. Das Mischwesen mit dem hochglanzpolierten Hintern erfüllt seine Aufgabe vorbildlich. Die heißt Demütigung in der Öffentlichkeit. In skandalöser Machart pressen sie sein Gesicht in die Falte des polierten Bronzehinterns. Hautnah drängt sich ihm bis heute der Geschmack des Blutes mit dem Metall aus der Verbindung von Kupfer mit Zinn im Mund auf. In blinder Wut über das eigene Versagen schiebt er alle Vorsicht zurück. Da passiert es. Seine Peiniger schlagen wieder zu. Lorenz setzen sie in einem Verlies unermesslichen Folterqualen aus. Er entkommt schwer verletzt mit knapper Not. Ab dem Moment ändert sich die Lage. Die Schlinge um potentielle Täter zieht sich langsam zu. Sie erhellen zugleich Ereignisse in einer finsteren Vergangenheit, die in der Gegenwart weiterhin Zwietracht säen. Das ist eine Geschichte, die der religiösen Familie des Vermissten eine schwere Bürde auferlegt. Es war die Brandmarkung, Werwolf und Nazi zu sein. Verleumdung brachte einem engen Verwandten den grausamen, ungesühnten Tod im russischen Gulag. Wieder ist es ein Mitglied der Familie, das Jahrzehnte später sein Leben verliert. Lorenz erhält Kenntnis vom spektakulärsten Selbstmord in der Geschichte der Harzer Eisenmetallurgie. Es ist ein chancenloser Todessprung, der dem ehemaligen Stahlwerk am Rand der Stadt Thale zu keiner Ehre gereicht. Fakt ist, dass die Gießpfanne mit 1625 Grad Celsius brodelndem Stahl einer ungeborenen Tochter den Vati entreißt. Sie ist heute eine erwachsene Unternehmerin, mit der Lorenz eine Liebschaft in Gang setzte. Der Überlebenskampf schritt voran. Von ihm fordert er, Klarheit in sein Intimleben zu bringen. Gleichzeitig wuchs die Enttäuschung mit. Alles deutete darauf hin, dass sie ihren Kundenkreis in akute Gefahr brachte. Kekse aus der Herstellung in ihrer Manufaktur wiesen Spuren eines Nervengiftes auf. Das ist Quecksilbersulfid, auch Zinnober genannt. Ein Farbpigment zur speziellen Verwendung bei der Produktion von Keksdosen. Die Lösung zur Offenlegung des Verursachers ist verblüffend. Sie führt ins Herz der Sekte. In deren Verlauf gelingt es Lorenz, ein Komplott aufzudecken. Die Verbrecher sind alle entlarvt. Dabei sieht Zufriedenheit anders aus. Kapitel 1 Nichts deutete auf jene grauenerregenden Ereignisse hin, welche die friedliche Idylle der Kleinstadt bald darauf zunichtemachen würde. Am Anfang der schrecklichen Welle von Zerstörung menschlichen Lebens standen dreizehn Buchstaben: Teufelsbrücke! Mittendrin der Teufelskopf mit zwei gebogenen Hörnern auf der Stirn. Klar, dass damit die Neugier des zehnjährigen Jungen explodierte. Er stürzte auf die schnörklige, überdimensionale, schwarze Schrift zu. Sie prangte auf dem die Brücke überspannenden Bogen. Mit seinem kindlichen Gemüt erkannte er nichts von der Gefahr, die voraus bestand. Den Schriftzug entzifferte er wegen der vergnüglichen Ungeduld mit Mühe. Nahe der Gruppe zu bleiben, verschwamm das mahnende Wort der Mama. »Sieh«, rief er aus voller Kehle, um die entfesselte Energie lebhaft mit den Händen zu bekräftigen. Die leibliche Mutter verharrte zwanzig Meter vor ihm auf dem Wanderweg. Sie hörte den Ruf nicht. Das tosende Wasser unter der Brücke erlaubte keine Kommunikation. Mit Handzeichen bedeutete sie ihm, zurückzukommen. Vergebens! Die inspirierende Kraft der Maske hatte endgültig das Interesse des Kindes geweckt. Anfassen um alles in der Welt, darauf war er erpicht. Wie? Das blieb unbeantwortet. Er war ein Bürschchen im Wachstum. Das Ziel weit über den ausgestreckten Händen. Unerreichbar, im ersten Moment. Nicht dafür, einen blitzschnellen Entschluss zu fassen. Das Teufelsgesicht präsentierte sein verheißungsvolles Lachen. Es begleitete den Sturz des Jungen in die Tiefe. Das doppeldeutige Grinsen war, äußerlich betrachtet, des Teufels Lohn. Es flankierte den Burschen den Weg über die Brückenbrüstung hinaus. Der markerschütternde Schrei, die Ohnmacht der Untätigkeit, der Schock des Ereignisses zeigten sich omnipräsent. Aus der Gruppe setzten Gestalten zu einem Endspurt an. Zu spät. Der Körper trieb flussabwärts. Der schlauchartige, felsige Talabschnitt gab den Wassermassen genügend Speed. Zig Meter unterhalb der Brücke bremsten Felsbrocken die Irrfahrt, um dadurch die Bergung des Jungen zu erlauben. Glück im Unglück. Ab sofort galt der Kampf der abrupt abflauenden Lebensenergie. Ersthelfer aus der Wandergruppe pressten den Tod aus dem geschundenen Oberkörper. »Der Junge übersteht es«, erklärte der eine halbe Stunde später eintreffende Notarzt. »Ohne Wiederbelebung wäre der Tod eingetreten. Sie haben das Richtige unternommen. Keine Sorge. Die Verletzungen verheilen zügig.« Er hatte es kaum ausgesprochen, da überschlugen sich die Ereignisse. Das Team des Bergrettungsdienstes erlebte Minuten nach dem Abtransport des Kindes eine unheilvolle Überraschung. Knapp neben der Bergeposition des Jungen offenbarte sich ein grausiger Fund. Ein teilskelettierter menschlicher Körper ohne Kopf, eingehüllt in Kleidungsfetzen, forderte neue Aufmerksamkeit. In dem Moment wandelte sich der urige Platz rund um die Teufelsbrücke zum medienwirksamen Tatort. Frust begleitete Benno Lorenz. »Verdammt, warum ich? Das ist eine Beleidigung für jeden alten Hasen im Amt«, hielt er dem Chef vom Dezernat 25 im LKA entgegen. »Bleiben Sie cool«, erwiderte der grinsend. »Oberkommissar, Sie sind ein ausgebuffter Draufgänger. Einer der besten Tatortermittler. Ich setze auf Sie! Zum abschließenden Verständnis: Ziehen Sie den Job nach eigenem Ermessen durch.« Dies traf den Ehrgeiz des ambitionierten Einzelkämpfers. Er war hundertprozentig die Sorte Mensch, auf den das zu seiner Person erstellte psychologische Profil zutraf. »Für Sie ein Routinejob«, rundete die Sache ab. Die Beschwichtigung half. Lorenz presste mit den Zähnen knirschend seine Zustimmung heraus. »Okay, auf mich ist Verlass. Was gibt es zu klären, Chef?« Der nickte bestimmend. »Ich schicke Sie in den Harz. Urlaubsvertretung, ab sofort, Oberkommissar! Ein teilskelettierter menschlicher Körper ohne Kopf hat gigantische Wellen geschlagen. Meine Erwartung ist, dass Sie den Vorgang in der Stadt der Mythen schnellstens abschließen.« »Habe ich Unterstützung vom Revierkriminaldienst im Harz?« »Dem Grunde nach, ja. Bitte, ich brauche vor Ort einen ausgebufften Beamten. Ergreifen Sie die Chance. Ihre Beförderung, steht die nicht an? Na ja, egal, Sie sind dran. Und, es tut mir leid, Lorenz, wegen der unpräzisen Aussage«, sagte der Kriminaloberrat gedämpft. »Sehen Sie es wie ein Trostpflaster. Der Einsatz stimmt die Kollegen garantiert positiv.« »Wenn Gott nichts anderes im Schilde führt. Okay, Skelettfragmente ohne Kopf werfen eine Menge Fragen auf.« »Sicher, Lorenz! Ihr Job besteht darin, Licht in die Sache zu bringen. Wo ist das Problem? Ich sehe keines. Verlieren Sie sich im Fulltimejob, vierundzwanzig Stunden. Kommen Sie mit Fakten zurück. Ich beabsichtige, den Fall schnellstens abzuhaken. Begreifen Sie das?« »Ja!«, erwidert er knapp. »Ich rekonstruiere aus den mageren Informationen was Brauchbares. Eine makellose Überraschung, versprochen, in drei bis fünf Tagen.« »Tun Sie das. Mich interessieren keine Ausreden. Wie gesagt, Sie haben freie Hand. Ein Hinweis, Lorenz. Es schadet nicht, wenn Sie die Vermisstenanzeige zu einem Wanderführer in die Ermittlungen einfließen lassen. Schaffen Sie Klarheit.« Kapitel 2 Das Erwachen brachte höllischen Schmerz mit sich. Nichts passierte. Friedhofsstille, tiefe Dunkelheit und Leere im Hirn begleiteten Lorenz. »Zeit, die Augen zu öffnen«, blieb ein scheuer Gedanke. Alle Mühe war umsonst! Die Wimpern am Rand des Ober- und Unterlids ließen sich keinen Millimeter bewegen. Verkrustetes Blut bedeckte die zarten Härchen und verschmolz sie miteinander. Der kräftezehrende Kampf, das zu ändern, war zum Scheitern verurteilt. Licht zu erheischen, um das Eingesperrtsein zu ergründen, fiel aus. Das war beileibe nicht alles. Den Kopf hatte sein Attentäter mit Gewebeband fixiert. Den Rest des Körpers mit meisterlicher Gründlichkeit ebenfalls. Das Blut in den zusammengepressten Adern stockte. Verharren in der Bewegungsunfähigkeit brachte Gefühllosigkeit und Schmerz. Das einzig Positive daran: es verordnete Konzentration und verhalf, den ersten klaren Gedanken zu fassen. »Wo, verdammt, ist der Feind ... mein Peiniger? Wie bin ich in seine Fänge geraten? Welcher Tag ist heute?« Eine Antwort blieb aus. Die Grabkammer demonstrierte, wofür sie der Täter geschaffen hatte: Angst zu verbreiten. Demut zu schaffen. Ja, was denn, war sein Leben bedroht? Und warum? Fragen, denen sich komplexe Erinnerungen entzogen. Dabei war es nicht lange her, da überschlugen sich die Wogen in Erwartung auf ein Date. Wartete nicht Evelyn Feist am Ende des Wegs? Der Gedanke war dicht dran. Die aktuelle Lage zeigte sich von ihrer schlimmsten Seite. Mit übermenschlicher Anstrengung gab das Gehirn Parallelen zum Vorgang auf dem Hexenplateau nahe der Stadt Thale frei. Die Gedanken auf Kurs zu bringen halfen sie nicht. Zu penetrant waberte das eigene Unvermögen mit der fatalen Selbstüberschätzung seiner Kräfte. Indes endete das im bitteren Sarkasmus mit einem Ergebnis. Dem perfiden Verfall in einen Gedankenblitz. Das Wort Vertrauen verbarg sich darin. Fehlanzeige! »Mist«, verbreitete sich die stille Reflexion rasant im Hinterstübchen aus. Ein übler Beigeschmack bedrängte ihn. Dominante Übelkeit setzte ein. Sie verstärkte seinen Wunsch, den quälenden Durst zu löschen. Hinzu kam dieser unsägliche Harndrang. Unverzagt quollen die Gedanken über. Sie reiften zu Worten, die hervorsprudelten, um sich am verschlossenen Mund wie eine Welle in der Meeresbrandung anzustauen. Hier einzig dem Zweck verbunden, Verständigung zu erlangen. Der Verschluss erfüllte das Qualitätsversprechen des Gewebebandherstellers. Lorenz hing festgezurrt wie an einem Marterpfahl. »He, zeigt euch, ich muss pinkeln. Gebt mir was zu trinken. Wasser!« Beides verlor sich erneut in seiner Gedankenwelt. Zu den Unbekannten drangen sie nicht vor. Lorenz meinte, deren Verhaltenskodex zu erkennen. Pure Angst des Versagens, was sonst. Da gab es diese unsägliche Betäubung. Die traf ihn aus heiterem Himmel. Nichtsahnend! Blitzschnell! Hochwirksam! Das, obwohl der Schütze den von komprimierter Luft getriebenen Pfeil nicht zielgenau verschoss. War er abgelenkt? Hatte er Angst? Kam da Verzweiflung zum Ausdruck? Agierte er daher mit brutalen Schlägen und Tritten? Lorenz erinnerte sich ebenfalls daran, dass die Wirkung des Narkotikums die Schmerzempfindlichkeit ausschaltete. Leider bis zu diesem Moment, wo sich der Speichel mit Blut vermischt im Mund sammelte. Er schluckte ihn runter, stieß dabei vor Schmerzen ruckartig die Luft aus. Ein Fehler, denn das Nasenbein schien gebrochen. Vorsicht war angesagt. Nicht aufregen! Nicht husten! Den Erstickungsanfall wegdenken. Dem blutigen Auswurf erlauben, aus der Nase zu fließen. Die Methode, Angst wegzudenken, funktionierte leidlich. Sie brachte ihm Entspannung und Platz für neue Wahrnehmungen. In Wirklichkeit hatte sich was verändert. Er bemerkte einen sanften Luftzug. Da gab es demzufolge ein offenes Fenster, eine Tür? »Mein Gott, was ist das?«, verlor sich in der Aufnahme muffig riechende, lauwarme Luft, die über nicht vom Klebeband bedeckten Hautpartien im Gesicht strich. Der Geruch von Schweinestall hatte sich darin verfangen. Dem auszuweichen, schien unmöglich. Sich dem Peiniger gegenüber zu artikulieren nicht. Lorenz fluchte innerlich. »Ich gebe nicht auf«, verlor sich in dem von Schmerz durchfluteten unsichtbaren Blick in der künstlich geschaffenen, bedrohlichen Dunkelheit. In dieser Szenerie wuchs eine tödliche Gefahr heran. Die hatte ihren Ursprung im Speichel, der sich in der Halbmaske staute. Mittlerweile führte der zu einem würgenden Schlucken, welches den ausgeprägten Adamsapfel in der Mitte des Halses krampfen ließ. Nichts geschah, um es zu verhindern. Ein oder zwei Sekunden lang trieb ihn der pure Instinkt einer taffen, selbst auferlegten Disziplin zu folgen. Das verhinderte, elendig zu krepieren. Die Akzeptanz, die undurchdringliche Dunkelheit wie ein Geschenk zu handhaben, zeigte ihre Stärke. Im Handumdrehen stellte sich die Frage nach dem Wie. Die Antwort hieß: durch absolute Konzentration! Durch Täuschung des Gegners! Bewusstlosigkeit vorzutäuschen wäre eine Option. Das Ziel, die Aufmerksamkeit der Schergen abzulenken. Was immerfort notwendig ist. Er hatte kaum genug Zeit, sich diesem Gedanken zu widmen. Das Martyrium zu beenden hieß, der Notlage mit List zu begegnen. Auf sich gestellt, bedurfte das einer blitzgescheiten Lösung. Sehen, hören, atmen war einzig in der Form machbar, wie man es ihm gestattete. Der ganze Körper, außer der ramponierten Nase, war mit Klebeband umwickelt. Hilflosigkeit schaffen gehörte zu einer ausgeklügelten Strategie. Es setzte mit der wachsenden Handlungsunfähigkeit Ängste frei. Die konzentrierten sich auf Schmerz, Betäubung der Seele und Muskulatur. Dem Hohn zum Trotz hatte man ihm eine Atemhalbmaske aufgesetzt. Ein geschickter Schachzug, der ein Teil des psychologischen Kalküls der Namenlosigkeit war. Ungeachtet dessen bedeutete das bei ausbleibender Hilfe den Tod. Der zeigte ungeniertes Interesse. Sein betäubter Geist versuchte grade, dem zu entgehen. Er drängte ihn, aus dem Dämmerzustand zu erwachen. Wie sich herausstellte, gestaltete sich das zu einem eher schwierigen Unterfangen. Die Maske saß nicht. Keiner richtete den Sitz, sodass der mit Blut angereicherte Speichel sich darin ansammelte. Die Behinderung erwies sich der Sache dienlich. Für Lorenz und seine Peiniger öffnete sich dadurch eine Tür ins Heute, mit dem einzigen Ziel: die Anonymität aufzubrechen. Nein, sterben lassen war nicht drin. Dieses Risiko einzugehen, bedurfte der Billigung eines Auftraggebers, nicht der seiner Vasallen. Gebetsmühlenartig wiederholte er den Gedanken. »Abwarten, Lorenz! Füge dich! Erfülle ihnen der Form halber ihren Wunsch. Deine Stärke ist die Anpassung! Locke sie! Lass sie protzen! Stelle fest, ob ihnen das gasförmige Narkotikum Sevofluran ein Begriff ist. Gefesselt, hilflos dazustehen, ist die eine Wahrheit. Die andere, das dem Gegner nicht zu zeigen. Wie? Das liegt an dir. Sie sind scheinbar Meister der Manipulation. Mit deinem Körper und Geist über willfährige Werkzeuge zu verfügen, ist ihre Passion.« Es blieben mahnende, unausgesprochene Worte, die mit dem salzigen Geschmack von den Lippen auf das Hirn übergingen. Der Versuch, den Kopf in die Schultern einzuziehen, misslang. Ebenso die verklebten Augen zu öffnen. Der Mund weigerte sich, vernehmbare Laute zu artikulieren. Schweiß strömte über das Gesicht. Die beißende Körperflüssigkeit bedeckte mittlerweile den ganzen Körper. Das Gefühl des Ekels verwob sich mit der stickigen Luft. Angst, an einem Krampf zu verrecken, breitete sich wieder aus. In der schrecklichen Bewegungslosigkeit wie eine Presswurst zu verharren, gab dem einen Rang. Mit einem Ruck änderte sich die Wirrnis. Fahles Licht verdrängte durch die geöffnete Tür einen Teil der Dunkelheit. »Hey, lass den Schalter auf Off«, schwappte ihm entgegen. Zwei Stimmen in unmittelbarer Nähe drängten sich wie durch eine Nebelwand in sein Ohr. »Er ist wach, verliert sich grade in einer Art Dämmerzustand.« »Du Esel, der massive Schock sitzt dem Kerl im Körper. Bist Du blind? Hättest ihn um ein Haar erschlagen. Gefangennahme ja, das war dein Auftrag. Vergessen? Was sehe ich? Einen Kripomann, der nicht ansprechbar ist. Blödmann! Polizistenmord endet lebenslänglich! Ziehst mich da rein, Scheiße verdammt.« Die hohe Stimme klang zunehmend fuchsiger. »Haben wir nicht genug andere Probleme? Mistkerl, elender.« »Bleib cool, Chef. Der Kerl kam mir schnurstracks entgegen. Ich habe reagiert, ihm eine übergebraten. Na ja, zur Sicherheit opferte ich ein paar Meter extra Klebeband. Ist dir das ebenfalls nicht recht?« »Das ist Vergangenheit. Augen, Nase, Ohren befreist du von dem Firlefanz«, bellte die Stimme der scheinbar übergeordneten Person. Sie traf den Begleiter auf Anhieb. Zugleich klärte sie unmissverständlich, wer hier das Sagen hatte. »Warte!«, bohrte sich der zischend scharfe Ton in den Raum. Mit der Hand auf das Panzerband verweisend, senkte er den Befehlston ab. »Trotz alledem, tüchtige Arbeit! Arme und Beine bleiben fest mit dem Körper verbunden. Binde ihn da hinten an den Pfosten. Vierundzwanzig Stunden im Stehen, das ist meine Therapie der Ernüchterung. Den Glaubensbrüdern von Wilhelm zu schaden, hat just seinen Preis. Hör zu. Zweimal am Tag schiebst du dem Kerl fünf Kekse in den Hals. Hinterher ein Glas Wasser mit einem Narkotikum. Ruhigstellen nennt sich das. Begriffen?«, traf der eisig mutierte Ton fragend die zweite Gestalt. Deutlich erkennbar ein Vertrauter, der ihn Chef nannte. »Ja, keine Frage. Der Bulle erlebt glasklar, welch ein Mist das Leben produziert, wenn man dagegen anläuft.« »Hast du treffend erkannt. Na hoffentlich irre ich nicht. Wir sind in den nächsten Tagen aufeinander angewiesen.« »Weil? Was verbirgt sich dahinter, Bestatter?« »Wisch dir den Rotz vom Kinn. Glotz nicht. Wir schlagen ein neues Kapitel auf. Unser eigenes Spiel kommt in Gang.« »Das heißt? Eine Erleuchtung? Behandle mich nicht wie einen Aussätzigen. Ich bin dein Partner.« »Du nervst. Sperr die Hinweise auf unsere Identität weg. Verdammt, hier nicht. Was gibt es da zum jetzigen Zeitpunkt zu erzählen. Wart`s ab«, grinste er breit. »Mir ist egal, was der über uns weiß. Er ist eine Bedrohung. Eine lebende Gefahr, der wir gegebenenfalls ein paar Monate des Darbens schenken. Ergo, treuer Helfer, du brauchst ihn nicht direkt umlegen. Körperlicher Zerfall sorgt dafür, dass er dahinvegetiert.« »Ahnte ich`s. Chef, du bist unter die Giftmischer gegangen. Der langsame Tod. Qualvoll! Anstelle die Garotte singen zu lassen. Warum machst du dem Kerl kein Geschenk? Einen kurzen, schmerzlosen Tod.« »Nein, halte das Maul. Ich setze auf ein Nervengift.« »Oha, wie im Krieg?« »Denkbar, du Knallkopf, einzig hier an diesem Ort. Denke an Quecksilber. Die allerkleinsten Mengen schädigen den Menschen. Füttre den Bullen mit den Keksen, mehr ist nicht erforderlich.« »Hoi, die hab ich ebenfalls gegessen. Du ebenso. Verkauft das Gedöns diese Evelyn Feist?« »Mensch, drück dich klarer aus. Wer sonst? Die Enkelin der Wahrsagerin.« »Ja, die sogenannte Älteste der Sekte. Das ist keine gebrechliche Oma. Die hat mehr auf dem Kasten als du Miesepeter.« »Von mir aus. Ich weiß, diese Evelyn produziert die rote Keramik mit blauen Farbeinträgen.« »Stimmt! Das Geheimnis liegt in der Keksmischung. Das honigsüße Gelumpe ist ein Verkaufsschlager im Harz. Niemand anderes außer ihr Gott ist im Bilde, wo die tödliche Gefahr des schleichenden Giftes lauert.« »Korrekt! Hinzu kommt, die Zeichen stehen auf Sturm. Wilhelm steht in den Startlöchern. Er spricht davon, des Herrn Fürsprecher zu sein. Da tobt ein Machtkampf. Zu unserem Vorteil helfen wir dem Stärkeren. Die Evelyn ist ein Bastard, gezeugt von einem Selbstmörder, der gegen den Ehrenkodex verstieß.« »Für mich zeigt sich da eine lebende Lüge, die ich in deinem Auftrag heimlich beobachtet habe.« »Klar, du hast das Richtige auf die Reihe gebracht. Wenn das hier mit dem Kripomann vorbei ist, wirst du ihr Schatten bleiben. Wie klingt das für dich? Du schaust in ihre Seele, durch die Haut hindurch. Vergiss es, denn berühren, nein, das funktioniert nicht. Bist du dem gewachsen?« Er lachte mit Niedertracht im Blick auf. »Ha, ha, da werde ich direkt eifersüchtig. Sie braucht einen potenten Kerl.« »Dich?«, prustete der Helfer fragend los. »Du Esel, ich trete dir in den Arsch. Such dir gefälligst andere Weiber. Die Evastochter zähme ich langsam. Der impfe ich Gefügigkeit ein, treibe die Gottesfürchtigkeit aus. Zugleich besteige ich die Stute wie ein geiler Hengst.« Er gurrte wohlgefällig. Mit zwei Schritten stand er neben Lorenz. »Hmm, mein Riesenbaby hat dich bestens fixiert. Wir wünschen, dass du den Aufenthalt hier genießt. Ach ja, verstehst mich nicht.« Er schlug sich schallend auf einen Schenkel und sagte: »Bist angepisst, was? Bin gleich weg. Du kriegst sofort Marscherleichterung, der Höflichkeit wegen. Keine Fragen! Klar?« »War’s das, Chef? Der ist hin. Ich füttere ihn später.« »Ja! Komm!« Ungeachtet dessen, wurmte ihn was. Kurzerhand drehte er den Kopf, reagierte mit Häme im Tonfall. »He Kriminaler, wie schmeckt die neue Erfahrung? Egal, lass dir sagen, es bereitet mir Freude, dich hier zu sehen. Verehrtester, genieße jeden Augenblick. Er ist eine Art Geschenk. Eine Bitte hätte ich. Stirb nicht! Das wäre fatal, weil es mir den Spaß an deinen Qualen vergällt.« Die Stimme entfernte sich von Benno Lorenz. Mit einem dröhnenden Knall flog die Tür ins Schloss. Urplötzlich herrschte Ruhe. Zeit, um alles neu zu ordnen. Vergebens! Der Komplize des Redners hatte ihm über die Atemmaske eine Droge beigemischt. Die Dröhnung brachte tiefe Dunkelheit. Für den Moment vertrieb sie ebenfalls den Schmerz. Kapitel 3 Schlaksig, wie man das von Lorenz kannte, trat er vor zwei Tagen durch die Tür zum Dezernat 25 der Abteilung 2. Und wie es aussah, war er nicht mehr in der Lage, dem auszuweichen. Die Vorsehung hieß Jobhopping. Personallücken im Kriminaldauerdienst zu füllen, funktionierte stetig gleich. Seine Begeisterung war dünn. Die Disziplin fordernd. Zu diesem Zeitpunkt war nicht erkennbar, dass er sich durch die Aktivität fanatischer Täter in höchste Gefahr begab. Im Gegenteil. Die Euphorie durch private Glücksempfindungen trieb ihn in den Tag hinaus. Jede Sekunde davon auszukosten, war ein internes Versprechen. Genauso, Kollegen aus der Patsche zu helfen. Diesen heiligen Schwur brach er niemals. Polizist zu sein, bedeutete ihm, für Ehre, Treue und Kameradschaft einzustehen. Im Augenblick gewann eine andere Wahrnehmung die Oberhand. Mit dem frühen Sonnenaufgang erwachte die Lust. Es gab keinen Zweifel. Neben ihm lag Simone, die Spezialistin aus dem Cybercrime Competence Center des LKA. Nackt wie ein Fleck lichterfüllter Farbe schürte sie sein Begehren. Die ersten Sonnenstrahlen reflektierten auf dem zarten Braun ihrer Haut. Sie bemerkte den Blick. Lächelnd ergriff die fünfundzwanzigjährige Polizeikommissarin mit beiden Händen seinen Kopf. Sie näherte sich ihm, um genüsslich ihre Zunge zwischen seine Lippen zu schieben. Euphorisch flüsterte sie: »Komm, küss mich!« Sie blieb an der durchtrainierten, muskulären Gestalt hängen, die eine erstaunliche Kraft entwickelte. Eine Gegenwehr schied vorbehaltlos aus. Aufstehen, kultiviert den Job anzutreten, war dahin. »Okay, gib nach, genieße«, redete der erstarkende Geist im Hirn drauflos. »Schlaf mit ihr. Vergiss den Verdruss. Das Beste, was dir je passierte! Nimm es an!« Darüber nachzudenken entfiel. Der Testosteronspiegel stieg sprunghaft an. Das Geschlechtshormon schaffte eine sichere Reaktion auf den Clinch, den ihre kraftvollen Schenkel um seine Lenden bewirkten. Willig ließ ihn die betörende Venus gewähren. Scheinbar in Höchstform, befeuerte sie den Liebesakt mit ungemeinem Ehrgeiz. Die langen, kohlrabenschwarzen Haare hingen ihr wirr vorm Gesicht. Sie verhinderten, ihre Ekstase augenfällig wahrzunehmen. In einer Art Wettkampf krümmte und bog sie sich. Das lebendige Wesen zu beherrschen, funktionierte nicht mehr. Ihre Oberschenkel fixierten ihn wie ein gigantischer Greifarm. Zum Andenken an die Explosion in ihr verblieb ein winziger Kratzer auf seinem Hals. Ein Obolus an den errungenen Sieg, in der Entrückung mit ihren Zähnen erzeugt. Erstaunlich, die aufgelaufenen vierzig Lebensjahre verliehen ihm die Gabe eines Stehaufmännchens. Im Job des Kriminalbeamten jeden Tag erneut ausgespuckt, rang er dem das Beste ab. Hierzu zählte, den nach den Regeln der Behörde, soweit außer Frage realisierbar, mit eigenen Abläufen zu durchsetzen. Bisher funktionierte das ausgezeichnet. Er stammte aus einem Elternhaus mit geringem Einkommen. In kurzer Zeit lernte er, sich durchzuboxen. Dieses Vermächtnis investierte Lorenz in den Aufbau einer rundweg eindrucksvollen Karriere. Die kam zwar vorwärts, schob dagegen den krönenden Abschluss im gehobenen Dienst der Kriminalpolizei vor sich hin. Um zwei Stufen die Leiter hinaufzufallen, erlaubte das Amt. Das Band tiefer Befriedigung litt streckenweise darunter. Ausgepowert durch ein vom Personal ausgelaugtes Landeskriminalamt, Engpässen bei der Beförderung einschließlich der Vergütung bedurfte es Beamten wie ihn. Der fliegende Atem mit einem klopfenden Puls verzog sich beim Betreten des Raumes schlagartig. Rasch fand er zu dem stetig gleichen Rhythmus, der für die Bekundung ernsthaft gesetzter Absichten zuständig war. Das betraf ebenfalls, die Peinlichkeit des Auftritts bewusst hinzunehmen. Unrasiert, Zigarettenrauch verbreitend, mit zerknitterten Klamotten bot er nicht den besten Anblick. Das scherte ihn mehr am Rande. Von all dem vermutete die Person hinter dem Schreibtisch nichts. Er war der geschmeidig-protzige Chef. Ein Gigant mit Befehlsgewalt über die Abteilung 2, zu der das Dezernat 25 mit der Tatortgruppe gehörte. Dem ordnete sich Lorenz generell unter. Egal, was da auf ihn zukam. Wie das ausging, stand nicht zur Debatte. All die unterschwelligen Gedanken störten den Beamten nicht im Geringsten. »Ich brauche Sie für einen Sondereinsatz«, brach die Anspannung endgültig. Alle Anzeichen, wieder einen Ranzer zu kassieren, verschwanden. »Also hab ich nichts falsch angepackt«, verzog sich im Sekundenbruchteil. Dabei lag die Ausrede im Hinterstübchen parat. Sein Verhältnis mit der Cyberspezialistin gehörte nicht zum Themenkreis. Das war ein Privatproblem, nicht das der Polizei. Na ja, für tiefgründige Gespräche über den Job blieb bisher keine Zeit. Die paar Stunden zwischendurch galten dem Vergnügen. Das war die einzig richtige Verständigungsbasis. Den Versuch, eine Vorstellung von dem zu erhalten, was ihn erwartete, winkte er im tiefsten Inneren ab. Hängen blieben da gegebenenfalls die Abende in den Kneipen, die 120 Zigaretten pro Tag, die schmuddelige zivile Kleidung. Der Drang nach dem Kick, zu kitzlige Fälle zu bearbeiten. »Ich werde meine Haut gepfeffert verkaufen«, schob den Frust über den Ausfall der geplanten paar Tage Urlaub auf dem Darß in die Ferne. »Seifenblasen zerplatzen. Waren sie nicht dafür da? Und hatten sie nicht mit ihrem Glanz eine Aufgabe erfüllt, um dann ungeschminkt Wahrheiten zu verkünden?« Simone blieb der leibhaftige, rühmenswerte Engel mit den schwarzen Haaren. Der Geschmack ihrer Haut lag anhaltend auf der Zunge. Er trug ihn mit hinein zum Chef, um zumindest daraus für den heutigen Tag Hoffnung zu schöpfen. Gedanken für die Ewigkeit, die er in höchstem Maße verinnerlichte. »Keine Angst, wir geben uns einander hin. Täglich, zwischendurch, mit sportlicher Note. Ich bin dein Preis. Geh in dich. Der Job hat Priorität, sei wachsam!«, verlor sich in Anbetracht der Aufforderung, sich zu setzen. Wer von der Obrigkeit dafür ein Auge hatte, entzog sich ihm. Weil sich an dem nichts ändern ließ, erwiesen sich jegliche fieberhaften Überlegungen als unnütz. Hier drehte sich alles um Disziplin. Das Gefühl, Großes zu bewirken, stimmte ihn beschwingt. Intern zählte er zu den leistungsstarken Gutmenschen mit Visionen, die in der Lage waren, einen Riecher für Erfolg zu generieren. Den Spannungsbogen zwischen privatem und dienstlichem Engagement hatte er lange vorher für sich geklärt. Verbrechen Einhalt zu gebieten, ein Anspruch, den er täglich bereit war, anzustreben. Einzig das zählte. »Lorenz, setzen Sie sich«, klang nach einer Einladung, nicht wie ein Befehl. Der Rest verlor sich in den üblichen Beschwörungen. »Bleiben Sie bei der Stange. Es ist Urlaubszeit. Na ja, Sie wissen damit umzugehen. Ein Sondereinsatz. Vorübergehend überstelle ich Sie dem Revierkriminaldienst der Polizeidirektion im Harz. Ich habe Sie persönlich avisiert. Bereit?«, sah er ihn fragend an und streckte den Daumen nach oben. Die Antwort schien dem Chef geläufig. Trotz alledem schob er den dafür üblichen Spruch hinterher: »Ich sorge für angemessene Unterstützung, Lorenz.« Es dauerte Millisekunden, um sich darauf einzustellen. »Chef, ich habe kein Problem, auszuhelfen. Seit zwei Jahren arbeite ich in fremden Gefilden. Bin buchstäblich der Ausputzer mit Besoldungsgruppe A 10.« »Was denn, versteckt sich da eine Beschwerde? Nicht heute. Sie pokern zum falschen Zeitpunkt«, bohrte sich die Antwort monoton in sein Ohr. Sie besaß eine gewisse Schärfe und demonstrierte Angriffslust. Dieser Eindruck bestätigte sich. Es bestand keine Chance, sich zu wehren. Er gewahrte, wie die Disziplin Besitz von ihm ergriff. Ein Grund mehr, das Gesicht zu wahren. Wie um sich zu beruhigen, sog er ein paarmal die Luft ein und erklärte: »Bringen wir die Sache hinter uns. Ich bin bereit!« »Und wie Sie das sind. Sie lecken sich die Lippen. Ich sehe, wie es Sie drängt, sich zu beweisen. Das ist wieder eine Chance, sich in unkonventionellen Vorgehensweisen der Fallbearbeitung auszuprobieren. Lorenz, Sie gehören zu den Kriminalisten mit Biss. Die brauche ich bitter nötig. Und bitte, stecken Sie das dämliche Grinsen weg.« Er schaute zu dem Oberrat auf. Verdammt, sein Verhalten war nicht professionell. Persönliche Interessen der Jobausführung voranzustellen, nein, das funktionierte nicht. Der Chef hatte den Sarkasmus mit der Besoldung auf eigene Art weggesteckt. Gott sei Dank. Wenn es einen Augenblick gab, dieser Blamage zu entrinnen, schien das sofort angebracht. Es kam anders. Der Vorgesetzte drückte eine Taste auf der Sprechanlage. »Bitte bringen Sie für mich und den Oberkommissar Kaffee, Zucker und Milch und Gebäck. Kommen Sie, Lorenz, setzen wir uns dort drüben an den Tisch. Unser Gespräch dauert eine Weile. Klar, ich erteile Ihnen den Befehl, das war’s. Das bringt nichts. Die Sache ist zu prekär. Finden Sie es selber heraus. Da kommt eine Winzigkeit obendrauf«, brachte er in einer Art väterlichem Ton rüber. »Sie realisieren den Job im Alleingang. Ich verfüge volle Handlungsfreiheit. Sagen wir, drei bis fünf Tage für die Zeugenbefragungen. Sie lösen das Rätsel um den Vorgang, den Sie gleich zur Kenntnis erhalten. Und Achtung: Ich schicke Sie in einen Krieg! Erstaunt? Inhalieren Sie das wörtlich. Es ist bitterernst. Vermeiden Sie öffentliches Aufsehen!« »Chef, was soll die Vorrede. Entweder bin ich dafür der geeignete Ermittler oder nicht.« »Okay. Auf den Punkt gebracht heißt das: ein teilskelettierter, menschlicher Körper ohne Kopf im Flusslauf der Bode stiftet Unruhe. Hmm, hätte ich bald vergessen. Da gibt es eine ungeklärte Vermisstenanzeige. Die sticht mir ins Auge.« »Weil? Und weswegen ist das ein Vorgang, der dem LKA anhängig ist?« »Der Kerl ist beim Staatsschutz eingängig bekannt. Bei dem handelt es sich um den geschassten Anführer einer Sekte.« »Da ist mein Einsatz eine reine Formsache? Wir reagieren, um Ruhe in den Vorgang zu bringen?« »Ja und nein! Ich brauche einen nüchternen Bericht, den Sie verfassen. Keine Heldentaten. Ich setze auf Ihre Integrität. Beweisen Sie, dass mein bester Ermittler das nachfolgende Beförderungsamt verdient hat. Diesen Ritterschlag würde ich gern vollziehen.« »Uff, das haut mich um«, erwiderte Lorenz. »Das Ausputzen mit meinem Vorwärtskommen zu verknüpfen, endet hin und wieder tödlich.« »Quatsch, das basteln Sie hin. Da bin ich voller Zuversicht. Bitte, Oberkommissar, ich brauche kein Konfliktpotential mit den anderen Kollegen. Wir reagieren auf das Amtshilfegesuch der Polizeidirektion Harz. Schlagen Sie dort auf. Schalten Sie sich in die Ermittlungen ein«, hob er eine Art Sprechgesang an. »Werde ich, verlassen Sie sich drauf. Okay. Sie erwarten von mir die Abklärung von Identitäten nebst Todesursache in drei bis fünf Tagen. Ist das in Ihrem Sinn?« Auf das in die Länge gezogene »Hmm, tja, äh« folgte: »Korrekt! Keinen Schritt anders. Vergessen Sie nicht, der Bürgermeister der Stadt betet Sie garantiert an, den Fund tunlichst bedeckt zu kommunizieren. Erfüllen Sie ihm den Wunsch. Den erkennungsdienstlichen Teil, die Daktyloskopie, den Nachweis der DNA, überlassen Sie den Kollegen vom Dezernat 23. Schauen Sie zuerst da vorbei. Die Rechtsmediziner schaffen gemeinsam mit dem Forensiker über den Todesfall Gewissheit. Runden Sie das Bild vor Ort ab. Die Frage, ob ein Gewaltverbrechen beziehungsweise eine natürliche Todesursache vorliegt, ist wie gewohnt nach Handbuch zu klären. Hier lugt eine enorme Verantwortung um die Ecke. Ich bin nicht sicher, meine Vermutung legt mir nahe, dass da Ärger vorprogrammiert ist. Ich rieche das. Die Lage im Harzvorland ist angespannt. Sie sind der Joker. Ach, ein winziges Detail wäre in dem Zusammenhang zu beachten.« Er hob den Kopf, sah den KOK mit zusammengekniffenen Lippen an. Die öffnete er schlagartig, um ernüchternde Worte preiszugeben. »Mensch Lorenz, passen Sie gefälligst auf sich auf! Keine Eigenmächtigkeiten! Disziplin! Gott behüte. Verkacken Sie das nicht. Für den Jahresabschluss der polizeilichen Kriminalstatistik brauche ich aufgeklärte Fälle. Ein solcher Fund ist nicht nützlich für das Tourismusgeschäft der Harzstadt. Mein Rat, spannen Sie den Bürgermeister mit seinem Team in die Datensammlung ein. Irgendeiner hat garantiert was bemerkt. Die Stadt quillt ja über mit potentiellen Nachrichtenträgern.« »Reden wir von den steigenden Touristenzahlen?« »Was denn sonst, Lorenz. Mahlzeit, wenn die Medien Beute wittern. Es reicht, dass der Torso mitten in der Urlaubshochzeit zufällig zum Vorschein kam.« »Chef, Sie haben da Details weggelassen.« »Was? Quatschen Sie nicht rum!«, brauste der auf. »Sagte ich ja. Begeben Sie sich zu den Kollegen vor Ort. Schauen Sie, ob es da irgendwelche Verbindungen zum Vermissten gibt. Eine Menge treuer Anhänger verehren die gesuchte Person. Lassen Sie sich das vernünftig erklären. Denkbar ist alles. Nachrangig ein möglicher Bezug zum Fund in der Bode.« »Hmm, wenn Sie meinen. Ich bin voll dabei«, erklärte sich Lorenz, um sofort nachzuschieben. »Rein hypothetisch betrachtet. Mir sind viele Tote bei den Ermittlungen in den Jahren begegnet. Die schmoren in der Vergangenheit. Ich dagegen kümmere mich um das Heute und die Zukunft.« »Prima! Na das passt bestens in meine Überlegungen hinein. Schätzen Sie sich glücklich und freuen Sie sich, dass ich Sie nicht mit einem nackten Befehl abgespeist habe. Ihr Verständnis ist gefragt. Ich brauche jemanden mit eisernem Kalkül. Um Ihnen mehr Informationen zu liefern, hieße das, in die Trickkiste zu greifen. Funktioniert leider nicht. Erledigen Sie das vor Ort, oder bleibt das am Chef des Amtes hängen?« »Blödsinn, ist das ein Test? Herr Kriminaloberrat, Sie foppen mich. Die Aufgabe ist eindeutig. Erklären Sie mir die Vorgehensweise in Kurzform. Das reicht. Zufrieden?« »Ich glaube ja. Das ist eine schlitzohrige Antwort. Hmm, Sie wissen es besser. Ohne Frage mit versöhnlicher Absicht. Passt haargenau in das Klischee eines Spitzenbeamten. Bissig, mit blitzschneller Reaktion.« Er grinste. Sein Blick traf den von Lorenz. Mitleidserfüllt. Glasig. Aufgewühlt von einem harten Disput. »Habe gehört, das hilft, die Aversion gegen Glaubensfanatiker abzulegen.« »Oh je, das ist zutiefst konkret. Vorschlag, wir kommen wieder runter vom hohen Ross. Sie sind mein Chef, geben die Befehle. Ergo, keine Sorge. Sie investieren in einen Profi mit Hungergehalt«, sagte er mit beißendem Spott auf der Zunge. Dafür erntete er einen fragenden Blick. »Das wüsste ich. Lorenz, erst der Job. Die Lobhudelei folgt. In dieser Reihenfolge. Haben Sie das begriffen? Abtreten!« Eine Stunde später jagte ein eisiger Schauer über die Haut. Sein Handy schaltete sich per Freisprechanlage im PKW zu. »Hier ist das Sekretariat der Stadtverwaltung. Sie sind Oberkommissar Lorenz?« »Korrekt, der bin ich!« »Na Gott sei Dank. Es dreht sich um den Fund menschlicher Skelettreste in der Bode. Ich verbinde Sie mit dem Bürgermeister.« Seine Konzentration galt in dieser Sekunde unwiderruflich dem Anrufer. Obendrein hatte er eine geistige Notiz parat. Volltreffer! Das traf den Nerv des Stadtpolitikers. Der ursprüngliche Erregungszustand verblasste im Nu. Ein Funke von Sympathie sprang über. »Herr Bürgermeister, wir sind beide einer Meinung. Hier steht eindeutig eine Menge auf dem Spiel. Ob Unfall, Totschlag oder Mord, es gibt ein Ergebnis, garantiert. Ich verbürge mich dafür. Es stimmt, die Umstände sind kurios.« »Einzig aus diesem Grund befeuern sie kontroverse Diskussionen. Ein menschliches Skelett ohne Kopf in der Bode, das ist ein äußerst schreckliches Ereignis. Herr Lorenz, das Image der Stadt leidet. Degradiert da jemand den Tourismus in unserer Harzregion zu einem Tal der Tränen? Haben wir ein ernsthaftes Problem? Bitte, lassen Sie mich Ihnen helfen. Wir reden bei mir am Tisch darüber. Ich habe Verstärkung hinzugezogen. Das versetzt Sie garantiert in Erstaunen. Bei dieser Gelegenheit: Negativschlagzeilen verabscheue ich. Sie ebenfalls, meinte Ihr Vorgesetzter. Seien Sie nicht zimperlich«, gab er telefonisch mit auf den Weg. »Und, passt das? Im Übrigen, Sie fahren ja in ein Urlauberparadies«, folgte mit einem vernehmbaren Lachen. »Spaß beiseite. Kundige Kriminalisten besuchen uns nicht jeden Tag. Mein Vorschlag: Lernen Sie den Brunnen der Weisheit kennen. Das dient den Ermittlungen. Wo wir schon mal dabei sind, der Weg zu mir führt unmittelbar daran vorbei. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter vom Harzklub erwartet Sie. Wann treffen Sie ein?« »In einer Stunde, sagt zumindest das Navigationssystem.« »Bestens, Herr Lorenz. Konzentrieren Sie sich auf das Café gegenüber dem Rathaus. Ist nicht zu verfehlen. Parkmöglichkeiten finden Sie in der angrenzenden Einkaufspassage.« »Danke, ich komme klar. Sie kennenzulernen, ist mir eine Ehre«, brummte er zufrieden und drückte das Gespräch weg. Es gab nichts mehr zu sagen. Zurück blieb der Gedanke an die unzureichende Vorbereitung. Dem Termin fuhr er buchstäblich blind entgegen. Mit Wissenslücken aufzukreuzen, gefiel ihm absolut nicht. »Scheiße, die werfen mich in aller Ruhe in eine Sache rein, die mir unter Umständen das Genick bricht«, murmelte er mit Blick auf den Straßenverkehr. Die bloße Erkenntnis, dass der Harzklub mit dem Zweigverein der Stadt enormen Druck auf den Stadtvater ausübte, drängte sich im Gedächtnis nach vorn. Ein bis dahin unbekannter Fakt verblieb. Der Vermisste hatte engen Kontakt zum Verein. Da blieb die Frage offen, wieso sein Verschwinden nicht auffiel. Keine Anzeige bei der Polizei. Und ebenfalls keine Nachfragen im Bekanntenkreis. Einzig die Enkelin reagierte. Für sie war ihr Opa nicht nur ein Teil der Familie, sondern ein Geschichtenerzähler, stetig vermittelnd, um Zusammenhalt der Menschen bemüht. Klar zählte er zu den prominenten Wanderführern in der Region. War ein meisterhafter Kenner der germanischen Mythologie in der Harzer Sagenwelt. Darauf aus, nicht auf der Erde, sondern problemlos über Meere und sogar auf den Wolken zu reiten. Wie Sleipnir, das gewaltige Schlachtross, Wotans achtbeiniges Zauberpferd? War es denkbar, dass sich hier jemand verbarg, der den Zorn Andersgläubiger auf sich zog? Züngelte da ein Glaubenskrieg? Für Lorenz blieb das weitestgehend unbeantwortet. Die Frage drängte nach einer Lösung. Ungestüm, jeden Kilometer anmahnend, den der Passat auf dem Weg in die Harzstadt zurücklegte. Wie gefährlich war ein Skelett? Oder der vermisste Wanderführer? Für die Öffentlichkeit offenbarte sich mit dieser Person jemand, der in den Sommermonaten die Walpurgisnacht mit der Götterdämmerung den Zuhörern nahebrachte. Ein Künstler, in der Lage, die großflächigen Wandgemälde an der Seitenfassade eines Hauses inmitten der Stadt zum Leben zu erwecken. Ein Meisterredner, der die Mythologie zur Werbemasse erkor, um die Lobpreisung seiner Gottesansichten mit dem Einzug ins Paradies zu verweben. Die verhieß Rettung vor dem grausamen Tod. Eine Botschaft, die den sensationshungrigen Harztouristen zeitweise ein bloßes, primitives Lächeln entrang. Fragmente an Daten, die er dem flüchtigen Stöbern in einem dünnen Ordner entnahm. »Hier lesen Sie das. Der Rest obliegt Ihrer Intelligenz. Und vergessen Sie nicht, Sie sind im Augenblick meine einzige scharfe Klinge. Mit dem Status des Sonderermittlers verfügen Sie über ausreichende Kompetenzen. Fragen Sie nicht, handeln Sie!« Erst auf dem Parkplatz, im Auto sitzend, sammelten sich die einzelnen Bilder. Die Zigarettenlänge brachte Klarheit. Unterm Strich hing da eine banale Begebenheit dran. Zwei furchtbar nüchterne Fakten. Ein teilskelettierter menschlicher Körper ohne Kopf und eine Vermisstenanzeige. Alles eingepackt in den Bericht der Kollegen von der Polizeidirektion. Mehr Fragen, keine Antworten. Was stimmte daran nicht? Am Zielort eingetroffen, schwächelte er. Der heiße Augusttag trieb unnachgiebig den Schweiß auf die Haut. »Mir ist übel«, murmelte er. Das hielt ihn nicht davon ab, sich die nächste Zigarette anzuzünden. Verständlicherweise draußen unter dem Sonnendach des Eiscafés am Rathausplatz. Den Rauch von vierzig Stück hatte er lange im Vorfeld inhaliert. Im Moment vertrieben die Glimmstängel die Wartezeit auf den angekündigten Besuch. Von dem erhoffte er sich Einsichten über die vermisst gemeldete Person. Sein Gastgeber stürmte sprichwörtlich auf ihn zu. Alle Achtung. Der Kerl zog das Interesse der Kaffeetrinker, Kuchenesser und Raucher an den Tischen auf sich. Seine massige Gestalt schob sich unaufhaltsam auf seinen Platz zu. Er hatte die Hände ausgebreitet. Das Gesicht von der Anstrengung gerötet und mit Schweißperlen auf der Stirn, stoppte er den Schnellgang. Sein Atem glich dem austretenden Dampf aus einem defekten Rohr. Heiß und zischend schlug er Lorenz ins Gesicht. Die Sekundenwahrnehmung endete mit der dominanten Aussage: »Ah, Sie sind der Gast des Bürgermeisters. Der Herr Kriminaloberkommissar vom LKA Magdeburg. Treffer, stimmt´s? Scheiß Hitze heute. Na egal, ein herzliches Willkommen in der Stadt der Mythen.« Der gedrungene Vierziger schob zur Begrüßung die Hand vor. »Ich bin Wilhelm Feist, Immobilienmakler, Mitglied im Harzklub. Auf Bitten des Ratsherrn der zuständige Ansprechpartner, Ihr Führer durch den Harzer Mythendschungel.« »Korrekt! Ihre Annahme stimmt.« Dem folgte sein stummes Lächeln. »Ich würde heute besser schlafen, wenn unsere Verabredung mir weiterhilft. Verehrter Herr Feist, trinken wir einen Kaffee zusammen? Kommen Sie. Setzen Sie sich.« Die Antwort erstaunte ihn. »Habe ich Ihre Erlaubnis, das da zu sehen?«, tippte der Begleiter mit dem Finger in Richtung der Ausbeulung unter der Sommerjacke. Lorenz grinste unverhohlen. »Was ist derart wissenswert? Bin ich bekleckert, ein Kaffeefleck? Ist ja ein merkwürdiger Empfang.« »Äh, äh, Verzeihung. Hab niemals eine richtige Polizeikanone in der Praxis gesehen. Ich frage mich, ob das die Gelegenheit ist. Problem damit?« »Nein! Bin gespannt, wie Sie die Antwort interpretieren. Wenn die Waffe hilft, Gefahr von mir abzuwenden, beflügelt das aus Ihrer Sicht Zufriedenheit? Ergo, in fremde Hände geben funktioniert nicht. Die Pistole ist wie eine Lady, auf Befingern reagiert sie kopflos.« »Klar. Akzeptiert!« Irritiert fuhr sich Wilhelm Feist über das dünne Kopfhaar. Die Gesichtshaut wechselte innerhalb von Sekunden die Farbe. Aschfahl zeigte sie sich grade. »Verzeihung, hab mich blöd benommen. Bitte, das bleibt hoffentlich unter uns, Herr Oberkommissar.« »Hmm, hab es dauerhaft zurückgedrängt. Scheiß Idee, Ihr Interesse. Okay, beschließen wir das Thema. Auf jeden Fall ist das Vorkommnis an der Teufelsbrücke ein unheilvolles Omen. Ohne Aufsehen gerät die Sache nicht in Vergessenheit.« »Diese Vorstellung trage ich mit, Herr Lorenz. Hier ist mein Vorschlag. Sie hatten einen langen Weg in den Harz. Wechseln wir den Gesprächsort. Es ist heiß. Bitte folgen Sie mir. Der Weg da hinten rund um die Skulpturen ist entspannend. Die Wasserspiele bringen Abkühlung.« Zugleich wies er mit einer Hand in diese Richtung, um fortzufahren: »Ich hoffe, Sie nicht zu überfordern. Schauen Sie.« Lorenz verzog die Lippen. Er begriff nicht, warum sich dieser Wilhelm hinter einer Fassade versteckte. Wovor, das blieb ein Rätsel. Zumal sie sich nicht kannten. »Vorsicht!«, zischte er denkbar knapp. »Das ist nicht grade cool.« »Was ist los?«, hob der Gastgeber an, um zugleich fassungslos die Luft auszustoßen. »Ich beabsichtige, Ihnen nichts anderes als die nackte Schönheit der Figuren aus der germanischen Götterwelt nahebringen. Die könnten Teil der Recherchen sein. Vergessen? Sie verweilen auf dem Boden einer Harzer Mythenstadt.« Lorenz guckte erstaunt auf. »Ist das denn nicht gewollt? Droht uns hier Gefahr? Von dem imposanten Kerl mit dem Speer dort drüben?« »Nein, um Himmels willen, das ist Wotan, der höchste Germanengott«, traf ihn unbekümmertes Lachen. »Leisten wir ihm Gesellschaft. Er trinkt aus dem Brunnen der Weisheit, die Zukunft vorhersagend. Ein Grund, wie mir scheint, dem Harz einen Besuch abzustatten. Liege ich falsch?« »Sie haben akkurat den Punkt getroffen«, fuhr es knapp aus seinem Mund. »Herr Feist, wenn ich des Philosophierens wegen angereist bin, würde ich es Sie wissen lassen. Klar?« »Hmm, Pech, das nennt man angearscht. Hab ich verdient, den Tadel.« Er wandte den Blick ab, schien ins Leere zu starren. Mit gesenktem Kopf fuhr er in bewusst demütigem Ton fort: »Nochmals, äh, äh, äh, tut mir leid«, krächzte er hustend. Lorenz lachte. »Sie sind ein komischer Kauz. Das die Knarre eine solche Anziehungskraft hat, gottverdammt, ist mir partout nicht bewusst. Sie haben´s versucht. Strich drunter. Erklären Sie mir, wie es sich mit den Proportionen der Skulptur verhält. Wo bleibt das Geheimnisumwobene? Was hat es mit dem gigantischen Kerl auf sich?« »Sie sprechen von Wotan mit dem Speer?« »Ja! Das sind Ihre Worte.« Feist zuckte die Achsel. »Klingt erhellend. Hab das nie in der Form betrachtet. Ich frage Sie, sind Sie denn bereit, dafür ein Opfer zu bringen?« »Wie meinen Sie das?« »Symbolisch! Wotan gab ein Auge. Sind Sie ebenfalls für einen solchen Schritt aufgeschlossen?«, versuchte er schmunzelnd den Blick des Kripobeamten einzufangen. Der zeigte sich baff, im gewissen Sinne vom Ansturm der Worte überfordert. Hinzu kam das Gefühl, dass sich Feist auf unerklärliche Art versteckte. Die Angst, dass er dem auf die Spur kam, erzeugte einen erbärmlichen Gestank. Der Gedanke verlor sich abrupt, weil sein Gastgeber grade sagte: »Oberkommissar, ich bin der Auffassung, Sie bedürfen dringend der beiden Raben Hugin und Munin. Die Vögel berichten der Legende nach mit ihren täglichen Erkundungsflügen über das Geschehen in der Welt.« Er sah auf, grinste frech und redete weiter. »Ich helfe, soweit es mir machbar erscheint. Staunen Sie! Es verwundert mich nicht, wenn Sie erschrocken um Rat bitten und beten, um abschließend dem Fest der Verbrüderung zu frönen. Habe ich den Nerv getroffen?«, sprudelte es aus ihm in einer Art Befreiungsschlag heraus. »Oh Gott, was war das denn? Eine Überraschung wie ein Picknick im Grünen?«, lachte Lorenz entspannt auf. »Das ist eine dummdreiste Vorstellung. Wer hat Ihnen die eingeflüstert? Poesie ist nicht meine Sache. Mich reizt, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Skelett und dem Vermissten gibt. Wie sehen Sie das? Wen suche ich? Einen Mörder? Oder hat sich derjenige aus freien Stücken aus dem Leben gestohlen?« »Entschuldigung, Oberkommissar, wenn ich Sie bedrängt habe. Setzen wir unseren Disput im Rathaus fort. Der Bürgermeister erwartet Sie. Meine Aufgabe ist es, die Harzstadt zu vertreten. Nebenbei bemerkt, die Raben sind auf eine gewisse Art eingenordet. Dutzende verbundene Seelen sind aufgefordert, Informationen zu beschaffen. Das ist, zumindest symbolisch betrachtet, ihre Passion. Spaß beiseite, sehen Sie sich um. Kommen Sie! Den Mörder finden Sie früh genug. Ich verspreche Ihnen, es Sie wissen zu lassen, wenn die Raben mir was soufflieren.« Lorenz strich sich mit der Hand über das Gesicht. War das ein Signal dafür, sein aufgebauschtes Gehabe wegzuwischen? Nein, zumindest verschaffte es ihm Millisekunden des Nachdenkens. Der Gastgeber schob sich grade ins rechte Licht. Er buhlte um seine Gunst. Die Herausforderung erforderte eine Reaktion. »Ist ein weiser Spruch. Fangen wir mit dem ersten Schritt an. Greifen Sie zu. Meine Hilfe kostet nichts«, sagte er mit den Achseln zuckend. Stracks schob er nach. »Alleingang hat keinen Sinn. Die Alteingesessenen legen Wert auf eine effiziente Vernetzung. Zum gegenseitigen Vorteil, egal ob sie in irgendeiner Form gläubig oder Freidenker sind. Sie geben nichts preis ohne speziellen Grund, Herr Lorenz.« Der sah in ein Gesicht, das einer undurchdringlichen Maske ähnelte. Darin fuhr der Mund unablässig fort zu reden. »Wissen Sie, es ist Zeit, zu akzeptieren, weshalb Sie mich zum Bürgermeister begleiten. Ich bin hierher gereist, um Ihr Städtchen von einem üblen Omen zu befreien. Meine Ausbildung hilft mir, Täter zu entlarven. Das biete ich Ihnen an. Hilfe anzunehmen betrachte ich, wie ein Geschenk zu beanspruchen. Mit Anstand und Würde. Hätte ich einen Wunsch offen, beträfe der die Entscheidung, hier zu leben. Dafür gäbe ich alles, was Ihnen jeden Tag zufliegt.« »Sie scheinen ein prima Kerl zu sein. Egal. Ich hätte mit einer wärmeren Begrüßung gerechnet. Ein gemeinsames Bekenntnis zum Beispiel. Vorschlag, erlauben Sie mir, Sie mit Ihrem Namen anzusprechen? Ehe ich jedes Mal Kriminaloberkommissar ausspreche, ist Weihnachten.« »Einverstanden! Der bloße Dienstgrad bringt keinerlei Erkenntnisfortschritte.« »Danke! Egal was passiert, weihen Sie mich und die Kameraden rechtzeitig ein. Unterm Strich haben wir alle einen untadeligen Ruf zu verlieren.« »Sie haben es drauf, Spannung zu erzeugen«, gab Lorenz Minuten später beim Gang ins Rathaus eine Erklärung ab. »Überraschen Sie mich.« Das trat mit der Präzision eines Uhrwerks ein. Das Räderwerk schaltete zugleich den höchsten Repräsentanten zu. »Schlau eingefädelt, mein Gott«, schüttelte Lorenz den Kopf. Er grinste und behielt für sich, was er nicht auszusprechen gedachte: »Für mich nicht ausgekocht genug! Dieser Wilhelm ist mir unsympathisch. Schleim trieft aus ihm heraus. Ich werde ihn in die Enge treiben.« Er hatte das Gefühl, dass Feist Teil dieses von ihm kreierten Netzwerkes war. Der beste Weg, ihn zu überführen, würde sich öffnen, wenn er sich dem Kult anschloss, um ihn von innen heraus zu sprengen. Verlockung pur, von der eine enorme Anziehungskraft ausging. Sie brachte die Entscheidung, Feist wie einen Rammbock zu benutzen. Eine unsagbare Erregung verbreitete sich mit diesem Gedanken. Sie beinhaltete die Lösung des Rätsels innerhalb eines Geheimnisses. Ein Privatkrieg, eine Verschwörung lag im Reich des Möglichen. Zu weiteren Überlegungen reichte die Zeit nicht, denn der Bürgermeister begrüßte ihn mit hartem Handschlag. »Willkommen Herr Kriminaloberkommissar!«, sagte ein flott daherkommender, geringfügig fülliger Mittvierziger. Gutherzige, dunkelbraune Augen schauten in sein Gesicht. »Ergreifen Sie meine Hand. Ich bin zuversichtlich, mit Ihrer Hilfe dem Verbrechen auf die Spur zu kommen. Bitte, setzen Sie sich. Sie haben die Raben aufgesucht. Das lässt sich nicht verheimlichen. Um Sie bei der Informationsbeschaffung zu unterstützen, dafür sind wir angetreten.« Er erhob sich, zeigte mit einem Lächeln auf zwei Personen in der Tischrunde. »Das hier ist der Chef der Bergwacht, dort mein Pressesprecher, Herr Steiner. Ansonsten sind wir bestens mit der hiesigen Feuerwehr vernetzt. Schön, dass ich Sie als Vertreter der Polizeidirektion begrüßen darf. Ich hörte, es war ihr Wunsch, zunächst mit den Stadtvertretern zu sprechen. Das ist eine gute Idee. Sie können jede Menge Unterstützer gebrauchen, um dem Geheimnis im Bodetal auf die Spur zu kommen.« Gesichter voller Erwartung sahen ihn an. Die Hand auf den Griff der P6 im Holster erhob er sich. Aufmerksame Augen verfolgten die Geste. Lorenz ließ keine Zeit verstreichen. Betont trocken sagte er: »Ich verstehe! Der Job verlangt von mir, eine Identität zu klären. Die Frage bedarf der Klärung, ob im Zusammenhang mit dem Fund ein Verbrechen vorliegt. Wäre ein Unfall vorstellbar? Ist es möglich, dass ein Wanderführer in der unwegsamen Bergwelt vom Weg abkommt. Ein krankheitsbedingter Sturz ist ebenso nicht ausgeschlossen.« »Unwahrscheinlich, Herr Lorenz.« »Bitte, was spricht dagegen? Bedenken Sie. Das reißende Wasser, Geröll und Tierfraß haben den Körper arg geschädigt. Zum Glück fanden unsere Spezialisten auswertbare Spuren, die Schlüsse zur Person zulassen. Eine Reihe von Fragen bleiben auf jeden Fall offen.« »Welche, Oberkommissar?«, meldete sich der Pressesprecher. »Was erwarten Sie vom Team an diesem Tisch?« »Eine berechtigte Frage, meine ich. Die Antwort darauf klingt eine Kleinigkeit theoretisch. Habe ich dennoch Ihre Aufmerksamkeit?« »Legen Sie los. Die Kripo beehrt unser Haus nicht jeden Tag.« »Okay, Ihr Wunsch. Die Aussage hört sich nüchtern an. Seien Sie nicht geknickt. Es stimmt. Das Landeskriminalamt in Magdeburg beauftragte mich mit der Aufklärung des Falls. Ich bin der Tatortgruppe zugeordnet. Mein Job besteht in der Unterstützung der Kollegen von der hiesigen Polizeidirektion. Es ist Sommer, Urlaubszeit. Ich leiste bei der Zuordnung erkennungsdienstlicher Aufgaben Hilfestellung.« »Entschuldigung, Sie sind ein Ausputzer? Ich war der Auffassung, wir brauchen hier Spezialisten. Von dem Toten in der Bode existiert ja weiter nichts als ein paar Knochen. Der Kopf fehlt. Was gibt es denn da zu ermitteln?«, presste Steiner giftig raus. Automatisch füllte sich die Raumluft mit Spannung. Winzige, elektrisch geladene Teilchen ließen die angewärmte Luft knistern. »Meine Herren, Anspannung ist fehl am Platze. Sind wir einer Meinung?«, griff Lorenz in den Disput ein. »Sie sind Pressesprecher, stimmt’s? Sehen Sie, das Fest kommt gerade erst ins Rollen. Wir tanzen gemeinsam in einem Kreis voller Unbekannter, fern jeglichen lautstarken Beifalls.« »Bei Gott, Herr Lorenz, ich versichere Ihnen ...«, nickte der bedeutsam. »Bei all dem, das ist wundersam«, rief er aus, in dem Bemühen, seine Stimme erschrocken klingen zu lassen. »Erklären Sie, was uns den Atem anhalten lässt. Das hier riecht nach Geheimnissen.« »Hmm, Sie springen ungeprüft in den Teich der Gerüchteküche. Dachte ich mir’s. Typisch Journalist!« Er hielt kurz inne, sah den Herrn an, um festzustellen, dass der sich durch sein Aussehen von den Teilnehmern der Runde abhob. Die angestaute Wut ließ sich nicht verheimlichen. Zumindest erklärte das dieses verdammte ständige Zusammenziehen der Pupillen, was die Iris vergrößerte. Dadurch erschienen die graublauen Augen leuchtender, was auf solcherart Emotionslage hinwies. Das verlieh ihm im Übrigen einen vorteilhaften Touch. Mit seinem gebräunten Teint und dem dunkelblonden Haar gehörte er ohnehin zu den gutaussehenden Menschen. Er sah jünger aus und setzte sich dadurch von den Teilnehmern der Tischrunde ab. Die saßen erstarrt auf den Stühlen. Wie angeschmiedet, unfähig zu reden. Diesem einschneidenden Erlebnis entzog sich niemand. Es war die verwegene Art, mit der er Probleme zu lösen anging. Nicht die des vertrauten Trottes, wie in Stadtratsversammlungen üblich. Lorenz grinste. »Ich bin kein Gespenst, vielmehr jemand aus Fleisch und Blut, einem Hirn, dem Gefühle entspringen. Sie entschuldigen mein Aufbäumen. Wachrütteln ist angebrachter. Bitte, Herr Steiner, für wie blöd halten Sie mich? Ich hoffe, Sie brechen keinen Streit vom Zaun. Am besten scheint mir, Sie aus der Höhle der Unvernunft zu befreien. Seien Sie nicht das Arschloch in Ihrer eigenen, wundersamen Welt. Wir sind quitt, was den Ausputzer betrifft.« Der Bürgermeister ließ die paradoxen Gedanken auslaufen. Ein paar Sekunden Verschnaufpause vergingen. »Hmm, das war erhellend. Ich hab Sie ausreden lassen, um den Frust in eine Richtung zu lenken. Sowas gab es in dieser Oase der Vernunft bisher nicht. Ihre Empfindungen wie ein Heilmittel einzusetzen, alle Achtung, cool! Herr Lorenz, das genügt. Belassen Sie es dabei. Der Polizeichef hat uns um Hilfe gebeten. Hier sitzt ein bevorrechtetes Gremium in Warteposition. Sie sind dran. Ich bitte Sie, Ihren Vortrag fortzusetzen. Unser Wohlwollen gehört Ihnen.« Das war der Zeitpunkt für Einsicht. Der Bürgermeister hatte dafür gesorgt, dass ihm niemand mehr was vormachen würde. Der erste Sieg. Diesen Augenblick zu nutzen, gebot die Vernunft. Er stieg darauf ein. Und Tatsache, die Augen und Münder der Gefolgsleute passten sich ihm jedes Wort verschlingend an. Lorenz sprach in den Raum hinein, bemüht, die Teilnehmer zu einer Aussage zu bewegen. »Ich bemühe mich, den Blick für den Job des Kriminalisten zu öffnen. In diesem Fall arbeite ich eng mit den Spezialisten vom Bundeskriminalamt zusammen. Hierbei dreht es sich vor allem um die sichere Identifizierung der Personen im Tathergang. Reicht das?« »Nein! Ist mir zu allgemein«, erklärte sich der Bergwachtchef. »War das ein Todessturz von den Felswänden im Bodetal? Ein Unfall? Der vermisste Erich ist es garantiert nicht. Der Wanderführer gehört zu den absoluten Kennern der Materie.« Mit eiskaltem Blick in den Augen mischte sich Wilhelm Feist ein. »Entschuldigung! Die Wahrheit besteht meiner Ansicht darin, dass bisher nichts passiert ist, was die Aufklärung erhellt. Na ja, abgesehen vom Auffinden der Skelettreste durch Wanderer.« »Und die Bergung durch örtliche Polizeikräfte?«, schloss sich der Pressesprecher fragend an. »Was meinen Sie, Oberkommissar, liegt hier ein Verbrechen vor? Handelt es sich bei dem Knochenfund um den Vermissten?« »Sie haben den wunden Punkt getroffen. Jede Menge Fragen, deren Antworten wir im Moment nicht kennen. Darum sitze ich hier. Geben Sie mir ausreichend Input. Sie heben den Herrgott in den Himmel, verfügen auf der anderen Seite über schmalbrüstiges Wissen. Ist ja komisch!« Sein Gegenüber übernahm die Antwort mit einem Scherz. »Meine Erfahrungen im Bergrettungsdienst stelle ich gern bereit, wenn es das Wohlergehen von Menschen betrifft. Bitte, ich fange bei Ihnen an. Zeigen Sie mir Ihre Schuhe«, sagte er breit lächelnd. Stumm zählte Lorenz die Sekunden. Eins. Zwei. Drei ... da traf ihn eine schnippisch-ernüchternde Antwort. »Na hoffentlich halten Sie im Gepäck brauchbare Wanderschuhe bereit. Die Fundstelle ist mit PKW nicht erreichbar. Zu Fuß ist angesagt. Leider auf einem spärlich ausgebauten Wanderweg. Nix von Gefahr, dagegen Aufmerksamkeit einfordernd. Der führt auf der rechten Seite des Bodeufers entlang. Endstation ist der Bodekessel nahe der Teufelsbrücke. Von Interesse ist das erst, wenn Sie bei Ihrer Version bleiben: tragischer Unfalltod oder Selbstmord. Scheidet beides aus, haben wir ein echtes Problem. Angenommen, dem Erich Feist saß einer der Getreuen im Nacken, spitzt sich die Lage zu. Ein Glaubensstreit ist der einzige Grund für eine interne Auseinandersetzung.« »Weil?« »Ist ja den meisten ansässigen Personen in der Region bekannt. Der Erich war über Jahrzehnte Chef der ortsansässigen Glaubensgemeinschaft. Er hat die Menschen missioniert, um sie auf die Gottergebenheit der Sekte einzuschwören. Erst der grausige Selbstmord seines Sohnes im Stahlwerk hat ihn gebrochen. Der Junge war dort Ingenieur.« Lorenz stand kurz davor zu explodieren. Ungläubig fragte er: »Wieso, in Gottes Namen, leiern Sie das emotionslos herunter?« Seine Augen blitzten gefährlich auf. »Was stimmt nicht mit dem Herrn? Ist es richtig, dass er den Job eines religiösen Anführers mit dem des Harzer Wanderführers eingetauscht hat? Trägt diese Überlegung ebenfalls seine Enkelin?« Abrupt endete er. Für Sekunden herrschte Schweigen. Lorenz unterbrach die Stille und fuhr gelassen fort. »Das ist alles, verehrte Herren? Ich bin auf die drei Kilometer vom Ortskern bis an den Fundort vorbereitet. Schauen Sie«, reagierte er aus der Lage heraus. Er hob ein Bein an. »Da, festes Schuhwerk, reicht das?«, entwickelte sich sein Grinsen zu einem lauthalsen Lachen. »Es gibt ausreichend Urlaubslektüre, um den Harz zu erwandern. Wenn ich mich nicht täusche, ist das ein durchgehend befestigter Weg.« Das Feixen der Teilnehmer überstieg auf Anhieb alle anderen Geräusche. »Angeschmiert, Jürgen«, hob Pressesprecher Steiner an. »Sagte ich ja, du wirst dich blamieren. Reize den Beamten nicht.« Der Bürgermeister erhob sich zwischenzeitlich. Lorenz sah darin einen taktischen Zug, um die Lage zu entspannen. »Kommen Sie bitte hierher ans Fenster. Den Herren ist es nicht gelungen, Sie einzuschüchtern. Freut mich. Das verzapfen die hauptsächlich, wenn Fremde in unser Reich eindringen.« Er nickte spielend mit dem Kopf in Richtung des Brunnens. »Sehen Sie, Wotan beschützt uns. Wir vertrauen auf seinen imposanten Speer in der Hand. Diesen Anspruch übertragen wir ebenfalls auf Sie und Ihre Kollegen. In diesem Sinne. Trinken wir Kaffee, einverstanden?«, fragte er. Im selben Moment griff er zum Telefonhörer der Haussprechanlage, um den bei der Sekretärin anzufordern. »Ach bitte, die rote Keramikdose mit den Keksen nicht vergessen«, folgte im Nachsatz. Lorenz nutzte die Chance, um die Stille zu durchbrechen. »Ich beabsichtige keinerlei Schuldzuweisung, verehrte Herren, denn ich habe einen Ruf zu verlieren. Der verbindet sich logischerweise mit dem LKA. Legen wir die Fakten auf den Tisch. Ihr sagenumwobener Landstrich verdient das«, traf auf verblüffende Gesichter. »Fragen Sie mich, was ich sehe. Die Antwort lautet: Ein Flussbett, wo das Wasser zu kochen scheint. Die in die Tiefe gerissene Luft schäumt perlend wieder auf. Über der Bode reflektieren kleinste Wassertröpfchen. Das sind die Edelsteine im Harz, antworten Sie mir gleich verklärend. Dem halte ich nichts entgegen. Wenngleich mittendrin der Tod lauert. Die Frage ist, wie kam der an diesen Ort?« Ein Raunen war deutlich hörbar. Die Anwesenden saßen konzentriert am Konferenztisch. Niemand schien die Ruhe durchbrechen zu wollen. Bis sie der Weckruf des Beamten traf. »Was sieht der erfahrene Ranger? Massen an Touristen. Die spazieren vom Gasthaus Königsruhe zur Teufelsbrücke, den Bodekessel, bis tief in die Felsschlucht des Harzgebirges hinein. Ich frage Sie allen Ernstes: Einhundert Kilometer Harzer Hexenstieg, was vermitteln die uns? Sind die Augen und Ohren der Mitglieder in den Verbänden der Harzregion verschlossen? Nein, sagen Sie? Das glaube ich nicht. Da badet kein Mensch bei der sommerlichen Hitze in den Fluten der Bode? Ist ja ein Witz. Verbotene Kletterei und Abstürze in den Felsschluchten der Region sind ebenfalls nicht bekannt. Hmm, was ist mit dem vermissten Wanderführer? Wann hat ihn letztmalig jemand gesehen? Wer und wo? Sieht sich die Stadt in der Pflicht?« »Moralisch betrachtet, ja! Weil das Team hier am Tisch den Erich bestens kennt«, kam halbwegs gehemmt über die Lippen des Chefs der Bergwacht. Er richtete den Blick auf den Nebenmann aus. »Bitte Wilhelm, erkläre du das.« »Gern, wenn das jemand wünscht«, sagte er auf eine Antwort wartend. »Ja«, schob Holger Steiner dazwischen. »Ich rate, zügele deinen Eifer für den Herrgott. Der Kriminalbeamte dankt es dir. Ah, Entschuldigung, das ist unfair von mir.« »Meine Herren. Rumfrotzeln bringt nichts. Das haben wir nicht nötig. Gebt euer Wissen weiter. Die Lage ist heikel. Erich Feist war ein hochbetagter Mensch. Dass die sterblichen Überreste einen Hinweis auf ihn liefern, ist im Moment Spekulation. Keine Ahnung, ob die Galionsfigur im Sagenharz einem Verbrechen zum Opfer fiel. Ich versichere, die Ratsmannschaft trägt zur umfassenden Aufklärung bei. Versprochen!« »Ja«, fuhr Lorenz geistesgegenwärtig fort. »Das ist der einzig brauchbare Ansatz. Hand in Hand mit der Polizei vorzugehen. Die Lage zwingt uns zur Ordnung. Kommen wir alle wieder runter auf den Teppich. Bürgermeister, bitte übernehmen Sie das.« »Entschuldigung, wir sind abgedriftet. Emotionen, Sie übersehen das besser. Unser friedvolles Städtchen zu schützen, ist heilig. Zeit für den Profi«, wandte der sich an den KOK. »Üben Sie Nachsicht«, schob Wilhelm Feist, ohne abzuwarten, in die Tischrunde hinein. »Ich hätte eine Frage an den Kriminalisten. Wie stelle ich mir heute eine Identifizierung vor? Technisch betrachtet, meine ich.« »Das zu erklären erfordert einen langen Atem. Ich versuch`s. Zuerst danke ich für den unbeabsichtigten Hinweis. Sie haben mich da auf eine Fährte gebracht.« »Oberkommissar, auf welche? Bitte lassen Sie uns teilhaben.« »Okay. Aus meiner Sicht ist es notwendig, beide Vorgänge zusammenzuführen. Erich Feist, Ihr hochgelobter Wanderführer, hatte jeden Grund zu leben. Leider liegt keine Spurenlage vor, die auf ein Gewaltverbrechen hinweist.« »Was passiert da, Herr Lorenz? Dass ich nicht lache«, kam es von Steiner zurück. In seine Stimme hatte er angestaute Wut hineingezwängt. »Das ist der ganze Kommentar? Wenn die paar Knochen eine Identität erhalten haben, war’s das?« »Nein! Der Reihe nach, bitte. Meine Herren, Sie baten um eine Aussage zur technischen Betrachtung des Vorgangs. Zum Verständnis, ich spreche von einem hochkomplexen Verfahren. Es liefert dem LKA Anhaltspunkte zum möglichen Tathergang. Das Ganze nennt sich Fingerabdruck-Identifizierungs-System. Kurz: AFIS.« »Oha, das klingt nach einem hochfliegenden Begriff«, mischte sich der Pressesprecher ein. »Ihre Antwort zeugt von Skepsis, Herr Steiner. Von mir aus nennen Sie es so. Geben Sie mir die Chance, Sie vom Gegenteil zu überzeugen. Schauen Sie, Wissenschaft, Erfahrung und Bauchgefühl treffen aufeinander. Hochleistungsdatenbanken erfassen die biometrischen Charakteristika einer Person. Es kommt zum Vergleich vorhandener und neuer Datensätze. Diese Methode stellt eine beträchtliche Erleichterung für die Strafverfolgung dar. Es ist kein Hexenzeug, auf dem die Harzlegenden aufbauen. Reicht meine Aussage?« »Nein, Herr Lorenz. Die Leichenteile unterlagen lange dem Einfluss der Naturgewalten. Wie funktioniert denn das mit der Druckerschwärze an den Fingerkuppen? Da sind keine Abdrücke mehr brauchbar«, reagierte Jürgen aufgeregt. »Bleiben Sie locker, bitte. Die Spurenlage ist momentan katastrophal. Das Wasser hat über Wochen an dem Körper gezehrt, ihn ausgelaugt. Die Frage ist berechtigt. Die Natur zerstört die organische Struktur allmählich. Das schließt alles Mögliche ein.« »Ist die Kripo da nicht außer sich vor Wut?«, schob Wilhelm Feist fragend hinterher. Lorenz nickte. »In gewisser Weise haben Sie recht. Wo liegt darin für Sie das Problem? Scheinbar hören alle nicht zu, wenn man ihnen was sagt.« Er atmete hörbar aus. »Kommen wir auf den Punkt, meine Herren. Sie haben mir Ihre Hilfe angeboten. Das erfordert, darüber zu sprechen, welche Art von Informationen mir helfen. Um das Thema Spurensicherung halbwegs abzuschließen, verweise ich auf Beiträge im Internet. Dort finden Sie den Begriff Live-Scan-Technologie. Lesen Sie es nach! Das besser zu erklären, gelingt mir nicht.« »Klingt sperrig, überkompliziert, Herr Lorenz. Erzählen Sie den Rest. Obwohl ich zugebe, davon bisher keine Kenntnis zu haben«, griff Steiner erneut ins Gespräch ein. Er wandte sich an Feist. »Wilhelm, wechsle den Job. Mit diesem Wissen brauchen wir den Oberkommissar nicht«, lachte er ein heiser klingendes ha, ha, ha. Lorenz’ Miene blieb unerforschlich. »Hmm, je nachdem, wie man die Sache betrachtet. Ernsthaft, was bringt das«, erklärte er kampfbereit. »Ich führe hier nicht irgendwelche Tests durch. Was den Toten in der Bode betrifft, wir sind zu spät gekommen. Der Teufel hat ihn freigegeben. Zumindest, was von dem armen Menschen übrig blieb.« »Ist ja nicht von der Hand zu weisen«, stimmte Wilhelm Feist mit frostiger Miene ein. »Meine Herren. Unbeabsichtigt sind eine Reihe von Emotionen hochgekocht. Ordnen wir uns dem Teamgeist unter. Unsere Stadt braucht einen makellosen Tourismus. Die Todesursache der Person aufzuklären ist Arbeit für Spezialisten. Sie sind ebenfalls in Ihren Jobs im Rathaus Profis. Als Ihr Bürgermeister stehe ich mit meinem Wort an der Seite der Ermittlungsbehörden. Enttäuschen Sie mich nicht.« »Stimmt! Entschuldigen Sie bitte, Herr Lorenz. Jeder leistet den Teil in der Gesellschaft, wofür ihn Gott auserwählte. Es sei Ihnen versichert, wir sehen das im Kreis meiner Glaubensbrüder in besagter Art«, endete Feist. »Okay! Fragen an mich?«, nickte Lorenz in den Raum hinein. »Nein, Vorschlag: Wilhelms Worte lassen wir mal so stehen. Sie erlauben«, setzte Steiner den Gedanken fort. »Einverstanden! Aus Sicht der Kripo halte ich es für erforderlich, unser Thema zur Identifikation von Personen abzuschließen. Sie löchern mich sonst weiterhin. Ich habe hier einen Toten und einen Vermissten. Schauen Sie sich das an«, sagte Lorenz schmunzelnd. »Das Material hier verschafft eine Menge Einsichten und hält sicher auch die eine oder andere Überraschung parat. Der Blick für die Verbrechensaufklärung schärft sich.« »Das sagen Sie. Ich sehe einen Berg Statistik, ineinander verschlungene Linien«, verzog Steiner den Mund zu einem eher quälenden Grinsen. »Schade«, konterte Lorenz. »Zu meiner Verteidigung. Ich hab nicht erwartet, dass Sie mit geschwollener Brust am Tisch sitzen.« »Wieso das denn?« »Weil Sie grade Ihre erste Erfahrung mit dem Verlauf von Papillarlinien einfahren. Das trifft logischerweise auf die anderen Herren genauso zu.« Bewusst richtete er den Blick auf den Bürgermeister. »Mir ist klar, Sie sind Jurist, ein Papiermensch, kein Ermittler. Was ich davon ableite, ist reines Handwerkszeug. Geben Sie mir ein paar Minuten zur Erklärung, meine Herren«. Der Rathauschef unterbrach sein Stimmungshoch. »Sie haben sich bemüht. Oberkommissar, das reicht aus, sonst führen die Details zur Verwirrung.« »Danke«, sagte er. Schlagartig war ihm die Dringlichkeit der Lage wieder bewusst. Unterstützer zu generieren, darum war er hier. »Konzentriere dich auf die Mission«, hämmerte es im Hirn. Die Stimme im Kopf leitete ihn an. Sie versuchte, ihm zu sagen, seine Gefühle zu ordnen und die Konsequenzen der Feststellung zu begreifen. Er beanspruchte drei oder vier Sekunden, um sich einen Ruck zu geben. Die Zeit reichte, die glänzenden Pupillen der anderen Gesprächsteilnehmer am Tisch zu erfassen. Begierig auf Sensationen hingen sie an seinen Lippen. Lorenz gewahrte, dass seine Haut vor Anspannung kribbelte. Den richtigen Ton zu treffen, darauf kam es an. »Hören Sie! Ich bin Tatortermittler und damit ein Erfüllungsgehilfe der modernen forensischen Wissenschaft. Erst sie bietet realitätsechte Rezepte zur Identifizierung sterblicher Überreste.« »Was heißt das konkret, Herr Lorenz?«, traf ihn die Frage des Pressesprechers. »Sie kennen die Antwort. Mein Handeln als Kriminalist basiert auf sittlichen und moralischen Grundsätzen. Das versuche ich zu vermitteln. Wenn Menschen sterben, begegnen wir ihnen mit Respekt und Würde. Ich bin sicher, unsere Forensiker lassen sich davon leiten. Wir sind dicht dran, die DNA und weitere anatomische Merkmale aufzuschließen. Seien Sie versichert, dem Skelett entreißen wir sein Geheimnis. Das verspreche ich. Sie erfahren rechtzeitig, wenn das kriminaltechnische Gutachten vorliegt.« Gerötete Gesichter, die an seinen Lippen hingen, ließen seine Haut kribbeln. Die Anspannung war echt. Er hatte den Job des Kriminalisten mit ein paar Sätzen bestens verkauft. Aus scheinbar unerfindlichen Gründen, wie es aussah. »Erlauben Sie mir, unsere Zusammenkunft für eine Erklärung zu nutzen«, wandte er sich an den Rathauschef. Der reagierte sofort. »Meine Herren, mit deutlichen Worten ausgedrückt: Der Jurist meint, das da an der Teufelsbrücke ist Ekel erregend, grauenhaft. Mit der Stadt der Mythen hat das nichts am Hut. Bedenken wir. Der Teufel über der Brücke ist ein hausbackenes Produkt. Geschaffen für einen florierenden Tourismus. Ein Symbol der visualisierten germanischen Götterwelt. Wir bestimmen, wann er Ausgang erhält. Bekannterweise an den Festlichkeiten rund um Walpurgis. Herr Lorenz ist hier, damit das Ansehen der aufblühenden Touristenstadt nicht weiter aus dem Gleichgewicht gerät.« Vor Aufregung rutschte ihm über die Lippen: »Uff, ist eine anstrengende Rede. In diesem Augenblick ist sie raus, bin erleichtert. Zur DNA ein paar Gedanken. Wissen Sie, Herr Lorenz, das Allgemeinwissen des Juristen sagt mir, wir sprechen vom Träger der menschlichen Erbsubstanz. Dass die Spezialisten vom LKA das zu ermitteln versuchen, stimmt mich für die Lösung des Falls zuversichtlich. Geben Sie einen abschließenden Kommentar ab?« »Ja, kurz. Solange die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind, gibt es keine Preisgabe von Details. Ich telefoniere heute mit den zuständigen Beamten beim Bundeskriminalamt. Es ist denkbar, dass die Datenbank nichts von Wert ausspuckt. Die Erfahrung verlangt, Vergleichsmaterial zu beschaffen. Wie gesagt, jede Hilfe ist willkommen.« »Oh ja. Da bin ich sicher«, meinte Wilhelm Feist. »Eine Chance sehe ich darin, unsere Mitglieder vom Harzklub zu mobilisieren. Der Fokus liegt auf der Suche nach Erich. Ist für mich naheliegend. Er war mein Onkel. Ein Mensch mit positiven Seiten und Fehlern. Mit ihm verschwunden ist seine Warmherzigkeit.« »Die Zeit ist reif, um die Signale zum letzten Aufenthalt zu bündeln. Korrekt, hier setze ich auf die Kraft der Gemeinschaft«, unterbrach Lorenz. »Leider wissen wir das nicht«, plapperte Steiner los. »He Holger, bleib cool, das klärt sich. Da passt meine Frage«, setzte Wilhelm an. Um dem mehr Gewicht zu geben, erhob er sich. Ihm war nicht bewusst, dass seine Worte unter diesen Umständen einen hölzernen Eindruck hinterließen. »Äh, ach ja, Oberkommissar, sagen Sie, wie verbindlich ist die Erwartung, dass es sich bei dem Skelett um den Vermissten handelt? Wie realistisch ist ein solcher Fall?« »Beantworten Sie die Frage für sich.« »Pardon. Ich beabsichtige nicht, Sie anzugreifen. Mein Onkel ist ein 86-jähriger Herr. Körperlich recht ordentlich gestählt. Sonst hätte er den Freizeitjob des Wanderführers nicht ausgeübt. Eine feste Größe im Harzklub. Der hatte garantiert keine Feinde.« »Sie sagen das mit Bestimmtheit. Woher beziehen Sie Ihr Wissen?« »Wilhelm, erklär´s dem Beamten«, protestierte der Chef der Bergwacht. »Das ist die klügere Wahl. Erzähl ihm von der Verwandtschaft.« »Ich höre zu, Herr Feist, bitte sprechen Sie.« »Sie haben ohne mein Zutun eh Kenntnis von der familiären Bindung. Die Anzeige hat Cousine Evelyn aufgegeben. Wir haben die Kinderjahre gemeinsam in einer Glaubensgemeinschaft verbracht. Erich war für uns die Stimme Gottes.« »Komm Wilhelm, leg was oben drauf«, traf ihn Steiners Einwurf. Dafür erhielt der eine Abfuhr. Die zusammengekniffenen Augen des Angesprochenen versprühten Missfallen. »Wieso ich? Weil wir über drei Ecken verwandt sind?«, drang es aufgeregt aus seinem Mund. »Ja, eben darum. Sag, verlangt eure Religion nicht das friedliche Miteinander, um Gott zu erleben?« »Korrekt! Onkel zählte zu den gern gesehenen Menschen. Ich achte ihn wegen der streitbaren Verwirklichung seiner Glaubensvorstellung«, warf er Jürgen einen Blick zu. »Ist ein zu vollendetes Ebenbild unseres Herrn. Bitte akzeptiere, das gehört hier nicht her. Sonst klingt das wie ein Schuldbekenntnis.« »Oh, solcherart Einsichten sind okay. Das vereinfacht meinen Job. Gibt mir obendrein die erste Richtung vor. Ich beabsichtige auf jeden Fall, mit Ihrer Verwandten zu sprechen. Begleitet mich einer der Anwesenden? Sie, der Cousin?« Minuten nach diesen Turbulenzen zerstreute sich die Runde. »Herr Lorenz, einen Moment bitte. Ich habe Ihren Besuch genossen. Mein Sekretariat hat im Berghotel auf dem Hexentanzplatz ein Zimmer reservieren lassen. Passt das?« »Danke, Bürgermeister. Eine prima Idee. Der Job hier ist bald erledigt. Ich sorge für die Aufhebung der Absperrung an der Teufelsbrücke. An Spuren ist da nichts Neues zu holen. Zum Schluss ein Gedanke außer der Reihe.« »Bitte, gern. Ich kann mir denken, worauf Sie anspielen«, sagte das Stadtoberhaupt einnehmend lächelnd. »Hmm, tja, damit ist alles gesagt. Eine hochinteressante Diskussion, die sich hier am Tisch bot. Sie verfügen über mitdenkendes Personal. Herzlichen Glückwunsch!« »Danke! Die Stadt lebt vom Engagement ihrer Bewohner. Differenzstandpunkte zu verkraften ist Teil meines Jobs. Das trifft auf uns beide zu. Rufen Sie mich an, jederzeit, wenn Gesprächsbedarf besteht. Ich habe Herrn Feist gebeten, Sie zu begleiten. Er wartet vor dem Rathaus. Die Cousine war Ihr Ziel. Oder haben Sie Ihre Absicht geändert?« »Oh ja, fleißige Raben sehen Sie in der Gestalt des lobenswerten Menschen«, erklärte sich Wilhelm Feist. »Göttlich, Sie an meiner Seite zu wissen. Steigen Sie ein. Wohin führt die Reise?« »Unser Ziel ist der Nachbarort. Ein altes Bauerngehöft. Sie werden staunen. Die Besitzer haben ihrer Fantasie freien Lauf gelassen. Meine Cousine wohnt dort. Sie ist ledig, die Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Ich habe ihr geholfen, von Gottes Pfad nicht abzuweichen.« »Danke! Ich beabsichtige nicht, die Beständigkeit zur Religion zu prüfen. Für mich ist es bedeutsam, dass von der Person die Meldung zum Verschwinden eines Menschen ausging. Eine Pflicht, die Ihnen ebenfalls oblag. Der vielgerühmte Wanderführer trägt den gleichen Nachnamen. Verbirgt sich dahinter nicht eine ausgedehnte Verwandtschaft?« »Das stimmt. Allerdings sah ich anfangs keinen Grund zum Handeln. Zudem fand ich sein Verschwinden auch nicht besorgniserregend. Nachdem ich mit anderen Mitgliedern des Harzklubs gesprochen hatte, beschlossen wir, einfach abzuwarten. Eines Tages fehlte der redegewandte Rentner. Der Felsen auf der Rosstrappe blieb leer. Erste Anfragen von Urlaubern trudelten bei der Stadtverwaltung ein. Die Touristen sehnten sich nach den Geschichten des sagenumwobenen Mythenführers. Vergebens! Kein Problem, um zu hinterfragen. Erich hatte sich öfters zurückgezogen. Der Grund: Meditation. Ich sah ihn oftmals wochenlang nicht. Fragen Sie nachher seine Enkelin. Die klärt das auf.« »Wir sprechen von Evelyn Feist? Mensch Wilhelm, ich habe keine Lust, Ihnen alles aus der Nase zu ziehen. Erzählen Sie. Wer ist sie in Wirklichkeit? Lassen Sie die Kuh vom Eis. Wieso spüre ich Anspannung in Ihren Worten?« »Verzeihung! Ich versuch´s, fange von vorn an. Sie arbeitet freiberuflich, ist Kunsthandwerkerin. Töpferwaren mit ausgeprägten Farbnuancen stehen ganz ober auf der Beliebtheitsskala. Auf den Wochenmärkten im Harz ist sie oft anzutreffen. Sie begegnen ihr gleich auf dem Wirtschaftshof ihrer Oma.« »Ist ein Wort. Okay! Ihr Gesicht, Wilhelm. Es ist blass. Gibt es Spannungen, von denen Sie mir nichts erzählt haben?« »Nein, nicht, wie Sie es erwarten. Ich versuche, Ihnen klarzumachen, dass es besser für Sie wäre, meine Worte zu verinnerlichen. Die Hofbesitzerin ist eine ehrbare Person. Hatten Sie im Leben je die Möglichkeit, einem religiösen Oberhaupt zu begegnen? Höre ich ein Nein?« Er lachte verhalten. »Entschuldigung, ich habe die Antwort vorweggenommen. Das ist die Älteste. Sie steht in der Hierarchie der Gläubiger an erster Stelle. Hinzu kommt der geheimnisumwitterte Ruf einer Wahrsagerin. Mit ihren 86 Jahren ist sie ein wahres Leuchtfeuer. Ihre Passion, die Malerei, erwähne ich nebenbei. Herr Lorenz, ich bin ihr Neffe. Der Familienzusammenhalt ist uns heilig. Machen Sie sich selber ein Bild. Ansonsten treffen wir gleich mit meiner Cousine zusammen. Fragen sind ja erlaubt. Sie bewohnt ein alle Annehmlichkeiten bietendes Appartement innerhalb des Anwesens.« »Ja. Verstehe. Um die Sache abzukürzen, halte ich für mich fest: Ihre Cousine genießt die Geborgenheit einer intakten Familie. Sie lebt nicht im Nirgendwo.« »Okay. Dem stimme ich zu. Ihr Verhältnis zum Opa ist logischerweise anders zu bewerten. Ich habe mehr Abstand.« »Weil? Gibt es dafür eine Erklärung? Das klingt ein wenig nach einem angespannten Verhältnis zwischen Ihnen.« »Gott hat Kenntnis, dass mein Onkel in einer schweren Vergangenheit gefangen war. Dies hat ihn vom Weg angebracht. Bitte, ich beabsichtige nicht, vorzugreifen. Eines ist sicher, persönliche Befindlichkeiten schaffen Befangenheit. Das ist der Stimme Gottes unwürdig.« »Klingt logisch. Obwohl dem ein Stück Überzeugung fehlt. Eines spricht für Sie. Es ist eine gewisse Portion an Talent, Menschen zu beschwatzen.« »Hmm, ist nicht grade ein Kompliment, Herr Lorenz. Ist es nicht legitim, sein Wissen erst freizugeben, wenn keine Gefahr droht? Meine Gefühlswelt mag Ihnen sicher etwas sonderbar vorkommen. Die Bibel zu lesen ist die eine Seite, deren Gebote zu befolgen eine andere. Zumindest gibt es jede Menge weiterer Ebenen, die Genuss versprechen. Graben Sie an der Stelle und mein Onkel verliert den Strahlenkranz der Lichtgestalt. Die Familie, vergessen Sie niemals deren Einfluss.« »Oha, ich bin im Begriff, das zu unterschätzen. Ist nicht meine Absicht. Herr Feist, ich frage Sie mit aller Deutlichkeit. Weshalb fahren wir zur Hofanlage? Weil dort Ihre Cousine wohnt? Nein, Sie verheimlichen mir was. Für mich ist sie eine Zeugin. Die Vorladung zur Polizei wäre der bequemere Weg.« »Ihr Problem! Ich helfe Ihnen auf die Sprünge.« »Nein, danke! Ergo, worum geht’s? Ich meine, hat Ihre Cousine Andeutungen gemacht? Wieso bringen Sie die Familie ins Spiel?« »Herr Lorenz, das überlasse ich Ihrem kriminalistischen Feingefühl. Erich hatte vor langer Zeit die Fähigkeit verloren, Sprachrohr Gottes zu sein. Die Gruppe hat sich von ihm abgewandt. Jene Achtung, die sie früher brüderlich miteinander verband, ist in Wut, Hass und Spott umgeschlagen.« »Ja, ist eine verrückte Sache. Sie gehören ebenfalls diesem Kreis an«, sagte Lorenz zur Bestätigung nickend. »Vorschlag! Alles ist in Ordnung. Die Vergangenheit ist vorbei. Die Zukunft bietet einen vielversprechenden neuen Ansatz. Sehen Sie in mir eine Art Steuermann. Das entlastet Sie, großspurig zu tönen.« »Da verkneife ich mir lieber das Lachen. Verzeihung, Herr Lorenz, wonach suchen Sie denn auf dem Hof? Welche Erkenntnis erhoffen Sie sich?« »Jawohl! In erster Instanz nach der Dame, die eine Vermisstenanzeige aufgab. In Ihrem vertrauten Umfeld. Und, wie sich herausstellte, zu einer Person mit gleichem Familiennamen. Wie Sie, Wilhelm Feist. Mit dem Unterschied, dass er nicht redet. Sie dafür umso mehr. Erstaunlich, wie Sie ihn in den Himmel gehoben haben. Ich habe das nicht rasch genug verarbeitet, weil der Held Sekunden später ein Abtrünniger ist. Für mich ergibt sich da die genialste Aussicht auf eine bemerkenswerte Persönlichkeit.« Seine Stimme überschlug sich. »Ich vermute, der Ort kann uns einiges an Aufschluss verschaffen und helfen, den Tod aufzuspüren.« In Bruchteilen von Sekunden durchfuhr Wilhelm ein eiskalter Schauer. Er reagierte verhalten. »Hmm, schwer zu sagen. Unser Gott ist unermesslich. Auf jeden Fall begegnen Sie überlegenen Ereignissen.« Für sein unüberlegtes Herauspoltern ohrfeigte er sich innerlich. Üppig darüber zu reden, bringt Unglück. Halte Dich zurück, entsprach da eher den tausend Variablen für ein solches Szenario. Er hatte einen Fehler begangen. Zu spät. Der Bulle hielt bis heute nichts Konkretes in der Hand, außer geborgenen Teilen eines Skeletts. In dem Moment fuhr der PKW auf eine Toreinfahrt zu. Das imposante, zweiflügelige, dunkelbraune Holztor stand offen. »Wir sind angekommen. Ich gehe vor. Cousinchen erwartet uns.« Der Rest seines Redestroms verlor sich in der verblüffenden Begrüßung. »Hallo Wilhelm! Ach ja, mit angekündigtem Gast«, traf es beide aus Neugier erfülltem Mund. »Na, in dem Fall ein herzliches Willkommen, Herr Polizist! Ich bin Evelyn Feist. Höchstwahrscheinlich plauderte das Ihr Begleiter bereits aus«, fiel sie ihm mit einer Frage ins Wort. »Ihr Besuch kommt wider Erwarten. Gibt es denn einen Grund dafür?« »Korrekt! Erinnern Sie sich? Es gibt eine Vermisstenanzeige bei der Polizeidirektion, die Ihre Unterschrift trägt. Beantwortet das die Frage? Fangen wir von vorn an«, sagte er schmunzelnd. »Mein Name ist Lorenz, Kriminaloberkommissar beim Landeskriminalamt in Magdeburg.« »Oha, da bearbeiten Sie Mordfälle? Das ist hier nicht die richtige Adresse«, meinte sie steif. »Ich akzeptiere Ihre Meinung, aber ich habe meine Gründe«, unterbrach er sie. »Penibel betrachtet, ist es das einzig Angemessene. Außer Ihnen gab niemanden, dem sein Verschwinden aufgefallen ist. Ist kurios. Ihr Cousin meinte, Sie sind eine Kämpferin.« »Oh, da irrt er. Ich bin kein Fighter, nichts Übersinnliches. Der Vermisste ist Teil meiner Familie. Er hat mich aufgezogen. Seine Lehren zum Herrn sind auf mich übergegangen. Opa ist ein gutherziger Mensch mit ehrbaren Absichten. Hmm, Wilhelm, hast du das in der Form rübergebracht?«, fragte sie und wies mit einer Handbewegung in Richtung Haus. »Wenn es an dem ist, tretet ein.« »Klar, was sonst, Evelyn! Familie ist heilig«, erzeugte bei ihr ein verächtliches Zucken der Mundwinkel. Sie lachte gequält. »Na, ich schätze, du hast dem Kriminalisten deine Version eingeredet. Die Frage, die sich mir auftut, ist: warum?« Wilhelm Feist zuckte mit den Achseln. »Was glaubst du? Ich habe geantwortet. Bin Zeuge, wie du.« Lorenz nickte. Der Disput war ihm peinlich. Sein Aufenthalt nicht koscher. Er drehte sich ihren sanftmütig, braunen Augen zu. »Bitte, mein Besuch ist eine reine Formsache. Ihre Aussagen sind dokumentiert. Ich habe sie gelesen. Dem Cousin gebührt Dank für die Idee, Ihnen persönlich zu begegnen.« »Tja, was erwarten Sie von mir?«, fragte sie Aufmerksamkeit einheimsend. Das verschmitzte Lächeln ließ sich dabei nicht verbergen. »Schau´n wir in die Zukunft. Ich glaube, die Lösung des Falls liegt in der Familie verborgen. Bitte, das ist eine rein rhetorische Aussage«, versuchte er den Satz abzuschwächen. Zu spät. Evelyn reagierte mit sichtbarer Leidenschaft, sich darin einzubringen. »Herr Lorenz, eine Annahme, die sich momentan nicht bestätigen lässt. Außer mit meiner Zuarbeit? Verlangen Sie da nicht zu Anspruchsvolles?« »Stimmt. Bleiben wir beim aktuellen Thema. Ohne Frage gibt es da weitere Geschehnisse abzuklären. Sofern Sie hierfür bereit sind. Die Vorladung auf die Polizeidirektion entfällt vorerst. Sagen wir, ich gewähre Ihnen eine Art Freundschaftsdienst.« »Was denn, ist das eine Aufmunterung für ...«, fiel sie ihm erregt ins Wort, ohne den Satz auszusprechen. »Oh ja. Das wäre vorstellbar«, ließ er sich feixend auf den spöttischen Tonfall ein. »Sie teilen kräftig aus. Ist eindrucksvoll! Ihr Cousin hat mich nicht ausreichend vorgewarnt. Tja, zu spät!« »Nicht hundertprozentig. Ich bin überzeugt, tief graben ist angesagt. Dem Gedanken stimme ich zu. Wilhelm hat hoffentlich nicht dramatisiert. Was ich nicht zu leisten vermag, darüber entfällt jegliche Spekulation.« »Genug. Kommen Sie runter, Evelyn Feist. Der Ermittler braucht Ihre Hilfe. Da gibt´s garantiert Informationen, die mich interessieren könnten. Sofern Sie, Verehrteste, das zulassen. Deal?« »Hab ich eine Wahl?«, wandte sie sich fragend an Lorenz. Dem war die Frage in Gegenwart von Cousin Wilhelm peinlich. Dessen Reaktion schien angesichts des Disputs verständlich. »Evelyn, es stimmt. Die Gerüchteküche bietet fesselnde Einsichten, beantwortet sie. Gibt Auskunft darüber, was wahr und unwahr ist? Verdammt, du bringst mich in Schwierigkeiten!« »Ist keine Absicht. Opa ist wie vom Erdboden verschluckt. Die Polizei ermittelt wegen des Toten in der Bode. Das bereitet mir panische Angst. Das ist meine Wahrheit.« »Danke! Ein ehrliches Wort«, schob sich Lorenz in die Schusslinie der beiden. »Klar, Evelyn, dass Sie einen dicken Hals einheimsen.« Versöhnlich sagte er: »Ein Grund für Panikattacken sehe ich nicht. Keine Sorge, wenn’s an dem ist, merken Sie es.« »Wie? Werde ich vorgeladen?« »Nein. Ich bringe Sie zur Polizeidirektion. Das Protokoll fertigt ein Kollege, den ich auf die Lage eingestellt habe. Zufrieden?« Sie schmunzelte. Lorenz meinte, eine gewisse Gelöstheit zu erkennen. Die knappe Antwort befriedigte ihn. »Ich nehme Sie beim Wort.« »Hmm, na ja, wenn Sie das sagen.« »Werde ich, denn uns eint ein Gedanke.« »Und welcher?« »Wir suchen beide eine Wahrheit, die für alles eine Erklärung bereithält.« »Den Schritt gehe ich grundsätzlich mit. Herr Lorenz, bis auf die Tatsache, dass ich Gebete ausschließe, in denen religiöse Überzeugungen zu Worthülsen verkommen. Im Übrigen stehe ich an Ihrer Seite.« »Davon bin ich überzeugt«, sagte er, bis ihm ein Licht aufging. Hier schwang Sympathie mit. Es gab da keine Sicht der Ereignisse, die diese Gefühlsregung trüben würde. »Ich liefere Ihnen Auskünfte, egal, ob die mir gefallen oder nicht«, sagte sie gedämpft. Für Lorenz unsichtbar schrie die Stimme in ihrem Hirn: »Geh in die Offensive.« Seit einigen Minuten war ihr bewusst, dass sich mit dem Ermittler eine Chance bot, Bewegung in den Anzeigevorgang zu bringen. Zurückhaltung war nicht angebracht. Seine Antwort bestätigte die Vermutung. »Gern. Das kommt meiner Interessenlage entgegen.« Er zögerte einen Augenblick. Sein Instinkt verriet ihm, dass ein schwerer Brocken auf ihre Seele drückte. In dem Moment sagte Sie zu Ihrer Entlastung: »Mir ist klar, das Sie zur Aufklärung von Opas Verschwinden jede Information gebrauchen können. Also, fragen Sie mich«, endete im Aufblitzen eines Lächelns. »Hm, das werde ich. Im Hinterkopf hat sich bei mir festgesetzt, dass ihr Opa sich des Öfteren zur Meditation zurückzog. Wann nahmen Sie das letztmalig wahr? Wo hielt er sich auf? Und für mich ist es nicht nachvollziehbar, dass ein bekannter Wanderführer einfach so von der Bildfläche verschwindet. Hat es denn überhaupt keine Nachfragen gegeben?« »Wissen Sie, Opa hat sich bei mir nicht abgemeldet. Er war da, wenn der Tourismusverband einen versierten Geschichtenerzähler brauchte. Vor ein paar Wochen bin ich zur Polizei. Nicht ohne Grund, denn er war seit Tagen unerreichbar. Herr Lorenz, heute sind Sie hier und ich bin voller Neugier, wie Sie weiter vorgehen.« »Das verstehe ich. Wissbegierde ist in dieser Hinsicht kein verwerfliches Omen. Wir stehen nicht unter Beschuss. Na ja, Sie wissen, dass meine Konzentration dem Skelett in der Bode gilt. Logischerweise stelle ich mir die Frage, ob es da einen Zusammenhang zu dem Vermissten gibt. Ah ja, hab vergessen, bei Verwandtschaft sind die Regeln der Geheimhaltung straffer ausgerichtet.« »Korrekt«, reagierte Wilhelm. Einen flüchtigen Blick lang wähnte er, die Kontrolle über das Zusammentreffen zu verlieren. Nein, im Gegenteil. Er gab eine prima Figur im Rennen ab. Alles entwickelte sich wie vorausgesehen. Die Cousine hatte keinen blassen Schimmer, was in den letzten Wochen passiert war. Sie tappte im Dunkeln. »Zuhören, das ist meine Passion«, entschied er blitzartig. Eine Rolle zu übernehmen, lag ihm seit langem im Blut. Sie war konkreter Bestandteil eines Spiels. Wilhelm fand sich bestens darin zurecht. Er war ein Genie. Beherrschte jedwede Form der Kontrolle, um wirksamen Einfluss auf den menschlichen Geist auszuüben. Soeben passierte das wieder unbemerkt. »Meine liebe Cousine, mir ist bewusst, das Telefongespräch, unser Erscheinen ... sieht nach einem Überfall aus. Bitte übe Nachsicht! Fakt ist, die Kripo hat reagiert. Sie schickt einen erfahrenen Kriminalisten. Das ist mehr, als ein Protokoll am Schreibtisch aufzunehmen.« Seine Worte erzielten Wirkung. Er hakte nach. »Ja klar. Ich helfe mit, der Polizei Argumente zu liefern. Erich und der Tote in der Bode, das ist für mich die Kernfrage.« »Hör auf, Wilhelm. Kein Rotz um die Backe. Vergiss die blöden Sätze. Darüber hinaus ist ja bisher nichts passiert.« »Das sehe ich anders, Cousine. Unterm Strich ist mir die ganze Sache scheißegal. Was dich betrifft, meine Liebe, du bist die Gegenwart und Zukunft. Wir beide verkörpern Gottes Stimme.« »He, alle zwei. Der Ermittler bin ich. Lorenz, Kriminaloberkommissar. Vergessen? Ich bin hier, weil Ihre Hilfe erforderlich ist.« »Herr Oberkommissar, Hand aufs Herz, nähern wir uns der Nabelschnur? Der des Skeletts ohne Kopf. Der unseres verehrten Erich? Oder sind Sie hier bald wieder weg, überlassen einen ungeklärten Fall?«, brachte Wilhelm nun schnippisch hervor. »Nein, ich halte die Stellung! Hellsehen ist out«, bellte Lorenz missgelaunt zurück. »Sorgen wir gemeinsam dafür, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.« Er warf den beiden ein knappes Nicken zu. »Hören Sie. Mein Appell heißt, ich bestimme den Gesprächsverlauf. Das betrifft ebenso die Älteste, Erna Feist.« Wilhelm reagierte gelassen. »Einverstanden! Eine Bemerkung, denke ich, ist angebracht«, stammelte er in verkorkster Tonlage. »Der Glaube ist wie ein reinigendes Bad. Er setzt hoffnungsfrohe Gefühle frei. Wie heute zwischen uns dreien.« »Fertig? Ich schäme mich, Wilhelm. Lauf den frommen Wünschen hinterher«, sagte sie vor Erregung zitternd. »Herr Lorenz, mein Cousin folgt einem alten Verhaltensmuster der Glaubenslehre. Es erlaubt, sich zeitweise an der eigenen moralischen Überlegenheit zu berauschen. Besser, es begünstigt die Voraussetzungen, Antworten auf tiefere Fragen zu finden. Verzeihen Sie ihm. Er ist heute zu direkt und ruppig vorgegangen.« »Okay! Gern! Sorgen um Sie beide resultieren daraus nicht. Was die Fallbearbeitung betrifft, der Kripo fehlen ausreichend Hinweise, die ein Täterprofil nahelegen. Wir hatten bisher keine Möglichkeit, exakte Tathergänge abzubilden.« Sie nickte mit einem friedfertigen Schmunzeln. »Das Verschwinden von Opa aufzudecken ist von hoher Relevanz. Er hat mich gelehrt, zufrieden mit dem Leben zu sein, um sich damit wie ein Teil einer einzigen, weltweiten Familie zu erfahren. Ich frage mich oft genug, warum Gott enorme Mengen an Leid zulässt. Heute stehe ich ohne Fürsprecher da. Verzeihung. Das war´s.« »Im Augenblick, Evelyn Feist, ist das eine berechtigte Ansage. Mit Verlaub. Wieso gibt der alte Herr uns allen ein Rätsel auf?« Rote Flecken in ihrem Gesicht zeugten von enormer Aufregung. »Ich frage Sie, Oberkommissar, bringt uns Opa auf diesem Wege bei, die Angst zu beherrschen? Verbirgt sich dahinter ein Versteckspiel, um eine Sache aus der Bedeutungslosigkeit zu bergen? Das sind jede Menge Unklarheiten. Besseres passiert nicht bei dem Wetter. Kühlen die Gemüter ab. Ein Eistee wäre nicht schlecht. Kommen Sie mit, ich gehe voran«, erklärte sie mit Bedacht, um die Verlegenheit zu umspielen. »Herr Lorenz, Sie erleben garantiert nicht die gleiche Faszination beim Rundgang wie ich. Drücken Sie die Augen zu, wenn Ihnen das herumstehende Gerümpel im Wege ist. Bitte beachten Sie das Sammelsurium nicht.« Gelegenheit zum Antworten bekam er nicht. Sie schien die Luft anzuhalten, sprach weiter, um ja nicht aus dem Redefluss zu kommen. »Ich lebe heute mit Oma Erna auf diesem Hof. Der ist mittlerweile eine Art Begegnungsstätte. Aufrichtige, beachtenswerte Menschen einer Konfession versammeln sich hier. Die alte Dame ist das Oberhaupt meiner Familie. Unsere Gemeinschaft verehrt sie sprichwörtlich wie eine Königin.« »Bitte Evelyn, das ist zu allgemein. Erklären Sie mir das etwas genauer. Betrete ich hier eine Kirchgemeinde mit überzeugten Gläubigern?« »Ja, Gottes Soldaten, wenn Sie das verinnerlichen.« »Oh, ein Elitekorps, das sich durch harte Arbeit aufopfert? Trifft das den Kern? Eine Sekte?« »Nein. Sie liegen falsch. Wir sind eine Gemeinschaft von Menschen, die dem Herrn dienen. Mein Opa stand über Jahre hinweg an deren Spitze. Er war angetreten, die Gläubiger aus der Dunkelheit in ein neues Zeitalter der Erleuchtung zu führen.« »Stopp, Evelyn Feist«, hob Lorenz mit einer warnenden Gebärde die Hand. »Ach ja, Verzeihung, ich bin in dieser Beziehung ein Ungläubiger. Bei mir prallen solche Aussagen weitestgehend ab.« »Ja klar. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Leider klingt das aus Ihrem Mund abwertend. Die Anhänger widmen ihre Gedanken und auch ihr Tun der Rettung vor dem grausamen Tod. Die Belohnung für diese Mühen folgt mit dem Eingang ins Paradies. Erich Feist, mein Opa, war jahrelang ihr geistiger Anführer. Zum tieferen Verständnis. Für uns ist so jemand ein Sprachrohr Gottes.« »Verstehe, ich suche einen Clanchef, der urplötzlich verschwunden ist«, stellte er trocken fest. »Dem stimme ich zu, Herr Lorenz. Ihm reden die verlassenen Anhänger nach, abtrünnig zu sein, weil er Verfehlungen in seiner Ergebenheit zuließ. Da ist was dran, wenn nicht die Gerüchteküche wäre ... na ja, erwägen Sie lieber eigene Gedanken.« »Hmm, ein Psychogefängnis, aus dem es kein Entrinnen gab«, schoss es Lorenz unvermittelt durch den Kopf. Von Gott auserwählt. Das klang abstrus, war der Wirklichkeit entrückt. Obwohl sich darin ein Stück Wahrheit verbarg. Die Geschichte faszinierte ihn über das normale Maß hinaus. Die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Toten in der Bode und dem Vermissten gab, schien eine verlockende Alternative zu sein. Einzig die Gesprächspartnerin würde hier eine fehlerfreie Antwort finden. Sie schilderte ihm grade ihre Version vom Zusammenleben mit den Großeltern. »Herr Lorenz, Opa war ein herzensguter Mensch. Seine geschiedene Ehefrau, Oma Erna, steht mir trotz der ehelichen Differenzen mit ihm nahe. Ihr verdanke ich die göttliche Bestimmung. Das ist meine Art, den Vorstellungen der germanischen Mythologie und ihren Berührungspunkten mit der Harzer Sagenwelt künstlerisch zu begegnen.« »Verstehe. Sie hegen beste Absichten. Vereinfachend gesagt, das übersteigt die bloße Vermarktung von Ideen.« »Absolut! Ich sehe, Sie sind meinem Cousin haushoch überlegen. Aufrichtigen Dank dafür!« Lorenz lächelte. »Was führen Sie im Schilde?« Sie warf ihm einen auffordernden Blick zu. »Lust, mitzumachen?« »Wenn dem eine Erklärung folgt.« »Gern. Ich lese in Ihren Augen. Wir halten an einer gemeinsamen Herangehensweise fest.« »Bin gespannt drauf. Welche?« »Den Menschen Freude bereiten, sie animieren, das sagenhafte Naturareal im heimischen Bodetal zu erkunden. Das schließt den Hexentanzplatz, die Rosstrappe, den Tierpark und andere Sehenswürdigkeiten ein. Darin sehe ich eine echte Herausforderung. Ehrlich, halten Sie mich für verrückt?« Der letzte Satz verlor sich beim Durchschreiten einer gigantischen Scheune. Lorenz stand für Sekunden neben sich. »Oh Scheiße«, huschte es über seine Lippen. »Irrsinnig!« Den unartikuliert dahingeworfenen Ausspruch registrierte sie grinsend. Das betraf ebenso den Funken, der sich darin verbarg. Er riss die Augen weit auf, um ja nichts zu verpassen. Vor ihm zeigte sich eine gewaltige freie Fläche bis oben zum Dach. Die umschloss eine Konstruktion aus geleimten Holzelementen. Das suggerierte die Wahrnehmung von unvorstellbarer Größe. Eine Handvoll Kojen mit künstlerischem Bauanspruch rundeten dieses Bild vom ersten Eindruck ab. »Sie brauchen sich nicht anzustrengen, Herr Lorenz«, drang es an sein Ohr. »Das Ganze hier ist dreißig Meter lang, fünfzehn breit, ragt mindestens zehn in die Höhe. Die Entkernung setzte eine gewaltige Hülle frei. Platz für eine großzügige Werkstatt und einen Ausstellungsraum mit Präsentationsfläche. Ich zeig´s Ihnen.« »Genial«, rutschte ihm über die Zunge, wofür er ein Lächeln erntete. »Ich habe eine Überraschung parat. Eistee, aus Kräutern hergestellt, selbstgemachtes Gebäck. Mögen Sie?« Sie hob den Blick. Wie zufällig trafen sich die beiden Augenpaare. Lorenz zuckte elektrisiert zusammen. Der Blitz hinterließ einen Funken, einen Bann, den Zwang, ihr wieder nahe zu sein. Ein Gefühl, das üblicherweise nicht zwischen ihm und einem Kontakt zustande kam. »Bitte, verschwenden wir keine Zeit«, sagte sie. Ihre Hand wies auf einen Rohrsessel. »Habe ich in eigener Handarbeit hergestellt. Sind alles Haselnussruten.« Lorenz drehte vor Begeisterung den Kopf hin und her. Überall bemerkte er Holzgestelle mit Keramiktassen, Vasen, Teller, Schüsseln. Der leuchtende Rotton mit wolkenartig eingelagerten graublauen Einfärbungen faszinierte ihn. »Das ist Spitzenklasse, Evelyn Feist. Ein satter Ton, der zum Hinsehen animiert. Habe ich bisher in keinem Geschäft, geschweige denn Baumarkt gesehen.« »Freut mich, Ihre Begeisterungsfähigkeit. Ich vermarkte meine Waren direkt auf Wochenmärkten im Harzkreis. Kaum überregional. Der Fokus ist auf das Plateau des Hexentanzplatzes ausgerichtet. Die Produkte verkaufen sich recht ordentlich. Ich lege Wert auf Design und Qualität. Schauen Sie sich in der Werkstatt um. Ich bin gespannt auf Ihre Meinung.« Lorenz ließ die Worte vorbeigleiten. »Probieren Sie das da«, meinte sie. In der Hand hielt sie eine zylindrische Keramikdose mit Deckel. »Kekse, ein Verkaufsschlager im Harz. Das Rezept der Hausherrin.« »Pardon, mich reizt vielmehr die Form des Behälters. Die Lasur ähnelt der auf den anderen Gefäßen. Irre ich da?« »Ihr Gefühl trügt nicht. Das sind absolute Highlights. Bitte, ich schlage vor, die Höflichkeit zur Seite zu legen. Eine Stunde Gespräch, vier Gläser Eistee, selbstgebackene Kekse schaffen Lust auf mehr.« »Trifft auf mich ebenso zu! Ihnen hier zu begegnen, war eine vernünftige Entscheidung. Sie verfügen über eine meisterhafte Begabung. Tja, vor allem das freigiebige Entgegenkommen mit einem geballten Paket an Informationen war erste Klasse«, sagte er. Wilhelm Feist bemerkte das Feixen in seinem Gesicht. Beschämt drehte er sich zur Seite. Lorenz gab keinen Kommentar ab. Es war ihm zu blöd. »Ich werde am späten Nachmittag im Polizeipräsidium erwartet. Besten Dank!«, erklärte er stattdessen. »Verstehe, das heißt, Sie checken sicher gleich im Hotel ein?«, wollte Evelyn Feist nun wissen. »Ja, unter Umständen, weshalb fragen Sie? Ist für mich die Gelegenheit, um noch eine Mütze voll Schlaf zu bekommen. Zu wandern beabsichtige ich nicht.« »Schade, mir liegt grade ein Vorschlag auf der Zunge. Ich würde Sie liebend gern begleiten.« »Einverstanden!«, sprudelte es aus ihm heraus. »Nicht heute. Morgen, übermorgen. Wohin möchten Sie mich denn führen?« »Zur Walpurgishalle, nahe dem Hexentanzplatz. Das ist ein geschichtsträchtiger Ort. Ein blockhausartiger Museumsbau im altgermanischen Stil. Götterdämmerung, Teufel und Hexen zeigen sich dort mit neuem Blick für Übersinnliches. Die beste Gelegenheit, um Verständnis zu schaffen. Ich sehe Ihnen an, wie sich Ihre Gedanken gegen all das hier in meinem Heim auflehnen. Interesse?« »Angenommen! Zustimmung erteilt! Wann treffe ich Sie?«, unterdrückte er das aufkommende, interne Siegesgeheul im Hinterkopf. »Morgen, neun Uhr vor dem Hotel, okay?«, schwebten ihre Worte anhaltend in der Luft. Und dem Augenschein nach erzielten sie Wirkung. Sein Gesicht färbte sich puterrot. »Das ist faktisch unmöglich«, versuchte er sich auf die Gegebenheit einzustellen. »Auf Wiedersehen, Evelyn Feist«, sagte er aus tiefer Inbrunst heraus. Sein Blick konzentrierte sich auf ihren makellos kurzen Haarschnitt. Der passte blendend zu dem fein geschnittenen Gesicht. Ihre Art Lebenskunst, die sich gegen traditionelle Normen des Frauenbildes in der Sekte wandte. Sein Instinkt verriet, dass sie ihm Vertrauen entgegenbrachte. Mit dem Gedanken, dass sie im Augenblick die einzige Möglichkeit war, Insiderwissen zu erlangen, verabschiedete er sich. Kapitel 4 Stunden später erschien Lorenz in der Polizeidirektion Harz. Eine Entscheidung, die er bezüglich des Zeitpunktes eigenmächtig traf. Sie erwies sich goldrichtig. Zuerst der Bürgermeister, gefolgt von Evelyn Feist. Schlusslicht bildete der Ansprechpartner der hiesigen Dienststelle. Was sie alle gemeinsam hatten, war die Kenntnis über eine dürftige Datenlage. Ein Polizeioberrat riss ihn aus der Traumwelt. Die Gegenwart zeigte sich anders. Brutaler, wie sie im Gesicht geschrieben stand. Der Vorgesetzte ließ ihn spüren, dass Beförderung Macht bedeutete. Sein Titel an der Tür unterstützte diesen Eindruck. Lorenz registrierte es still. Es war ihm scheißegal. Beim Betreten des Raumes bohrte sich der Anblick einer dünnen Akte ins Auge. Sie lag auffällig auf dem sonst leergefegten Schreibtisch. Einem Scheißhaufen voll ungeklärter Fragen gleichkommend. »Und, Oberkommissar, was tragen Sie bei, den Deckel zu füllen?«, fiel die Begrüßung frostig aus. »Sie haben sich den Befehlen widersetzt. Das kostet Sie Ihren Kopf. Bei allem gebührenden Respekt zu Ihrer Person. Der vorauseilende Glanz passt nicht zu der Tatsache, beratungsresistent zu sein. Ich habe Sie vor dem Auftritt in der Öffentlichkeit an meinem Tisch erwartet. Sie zogen es vor, den Bürgermeister zu beschwatzen. Scheiße, verdammt! Die Ausreden sind nichts wert«, verlor er sich in einer Handbewegung. »Egal. Ich höre Ihnen zu. Setzen Sie sich«, folgte ohne Übergang. »Ihre Kollegen in Magdeburg haben sie der Form halber telefonisch avisiert. Äh ja, das Gutachten, schauen wir uns das an«, erklärte er mit einer Kopfbewegung zur Tischplatte. Der sprichwörtliche Stock im Rücken lockerte sich geringfügig. Der Sache zuliebe fahre ich einen Gang zurück. »Hier, Ihr Vorgang,« sagte er, den Kriminalisten vom LKA einen Moment anstarrend. Er saß Lorenz aufrecht in einem ohne jeden Reiz wirkenden Büro gegenüber. Beide Hände lagen gefaltet auf einem Stapel beschrifteter Ordner. Die Kontaktlinsen auf den graugrünen Augen ließen seinen Blick kaum deuten. »Entschuldigung! Ich hege keine Absicht, Stress zu bereiten. Es hätte ein paar Telefonate gebraucht. Stattdessen rechtfertige ich mich hier. Na ja, leider waren Sie nicht erreichbar. Die Order meines Chefs lautet: Handeln Sie! Das ist mit dem Präsidenten des LKA abgestimmt. Soweit zum Anschiss. Fragen?« »Sie sind mit der Materie vertraut, Kriminaloberkommissar?«, änderte urplötzlich alles. »Nein, nicht tiefgründig genug. Ich sitze hier, um von Erkenntnisfortschritten in der Fallbearbeitung durch ihre Dienststelle zu profitieren.« »Herr Lorenz, das klingt nach Kritik. Hmm, die Details lesen Sie besser selbständig. Der Kollege vom Revierkriminaldienst, der den Fall bearbeitet, befindet sich im Krankenstand.« »Okay. Ich helfe gern. Mit ein Krümchen Glück bin ich in drei bis vier Tagen wieder im LKA.« »Vorbehaltlich, Sie schaffen es, zwei ungeklärte Fälle aufzuklären.« »Was spricht dagegen? Der eigentliche Stachel bei meinen Ermittlungen ist die DNA. Darüber lässt sich ohnehin vielschichtig debattieren. Ich werde keine Ruhe geben. Das Bauchgefühl sagt mir, wir jagen einen einzigen Täter.« »Gefühl hin oder her, Ihr Tatverdächtiger lacht sich eins ins Fäustchen.« »Von mir aus. Ich leite hier eine komplett andere Ermittlung. Das Tatmotiv scheint sich weit mit Ereignissen in der Vergangenheit zu verknüpfen.« »Hmm, das verwundert mich. Lassen Sie hören. Bin gespannt. Kaum springt ein Rock über den Weg, da halluzinieren Sie. Ihre leichtgläubige Vorgehensweise korrespondiert nicht mit der wirklichen Lage vor Ort. Mein Rat: Zügeln Sie ihr imposantes Seelenleben. An dieser Stelle bereitet mir das Angst.« »Weil? Ich verstehe nicht.« »Lorenz, verschaukeln Sie mich nicht.« »Im Gegenteil. Sie verfügen über die höhere Dienststellung. Ich habe den Kontakt zur Basis«, schnaubte er. »Da draußen agiert ein Monster. Eine Tötungsmaschine. Wir philosophieren, halten uns an irgendwelche Vorschriften. Was meinen Sie, warum man mich an die Front geschickt hat. Bitte, wir schließen Frieden und vergessen die Kompetenzstreitigkeiten.« »Lorenz, ihr dreckiges Grinsen sorgt für Irritationen. Sie sind das berühmte Schlitzohr, das Feuer schürt. Ist mir klar. Einzig fehlt den Worten der überzeugende Beweis.« Statt Frust zu versprühen, lächelte er artig. Er erhob sich, um auf Lorenz zuzugehen. »Hier, meine Hand. Schlagen Sie ein.« Zögerlich folgte dessen Antwort: »Einverstanden! Deal!« »Prima! In Ihrer Haut zu stecken, verkneif ich mir lieber. Egal! Ihr Geschäft scheinen Sie ja zu beherrschen. Handeln Sie nach Gutdünken.« »Bin dabei. Es gibt einen relevanten Ansatzpunkt, um Licht in den Scheißhaufen der Gerüchteküche zu bringen.« »Und? Sie meinen, das ist ein Anfang?« »Ja! Es betrifft den Sohn des Vermissten. Er hat vor Jahren Selbstmord begangen. Das ist ein schwerer Verstoß gegen den Kodex der Sekte. Selbsttötung entspricht nicht der Moralauffassung der Gläubiger. Und Rache ist ein gebräuchliches Motiv für Tötung und Mord.« »Dem stimme ich zu und unterschreibe es blind. Sie prüfen jeden Schatten eines Verdachts. Und bitte, nicht übertreiben. Negative Überraschungen brauche ich nicht.« »Geduld und Diskretion beflügeln die Wahrheitssuche.« »Da ist was dran. Gefällt mir, Lorenz. Angenommen, ich unterschätze Ihre Ungeduld. Stürzt Sie die Ignoranz der Gefahr in ein tiefes Loch?« »Nein! Ich bin ja lange genug dabei. Heute gab es bemerkenswerte Begegnungen mit einmütigem Ende.« »Ja und? Das Ergebnis?« »Der Vermisste gab erste Hinweise zur Identität frei.« »Das erstaunt mich. Aber warum überrascht mich das nicht? Ist das einer Ihrer Tricks, Lorenz? Wer verbirgt sich dahinter?« »Herr Polizeioberrat. Nicht er, sondern was, ist die bessere Frage.« »Wortklauberei. Karten auf den Tisch. Wie lautet die Lösung?« »Wenn ich nicht einem Irrtum unterliege, gründet sie auf einem Konflikt.« »Blödsinn! Sie benutzen wieder einen dieser irrsinnigen Blitzableiter?« »Ja. Macht kontra Mord!« »Es reicht. Schaffen Sie eine klare Beweislage. Spekulationen hasse ich. Und formen Sie Ihr taffes Selbstbewusstsein.« »Das lob ich mir. Es gehört zu meiner Lebensart. Mit dem Auftritt im Rathaus entlädt sich die gigantische atmosphärische Energie komplexer Ermittlungen.« Sichtbar erleichtert fuhr er Luft schnappend in lockerer Tonart fort. »Bitte hören Sie. Ich beabsichtige, den unbekannten Tätern die Wichtigkeit des Erinnerns klarzumachen. Da ist diese rote Linie, die Hass in Gewalt umschlagen lässt. Diese Grenze wahrzunehmen, lautet: Bis dahin, okay. Überschreitung heißt, die Härte des Gesetzes zu erfahren.« »Mensch Lorenz, wechseln Sie zur Staatsanwaltschaft. Das Denkmuster gefällt mir. Es ist nicht neu, nein. Zugegeben, ein Vermächtnis im Kampf gegen die Kriminalität. Damit das beste Argument, das ich in letzter Zeit zur Kenntnis erhielt.« »Danke für die Lobeshymne! Schurken jagen gehört zu meiner Mission. Dem menschlichen Skelett in der Bode geben wir bald einen Namen. Die DNA wird’s hoffentlich richten. Und ein vielversprechender Anfangskontakt, der mich in die Nähe des Vermissten bringt.« »Abgemacht, Oberkommissar. Das ist Klartext, der mir zusagt. Ich überlasse Ihnen den Vorgang zur eigenständigen Bearbeitung. Verstärkung wär ja deplatziert. Treiben Sie die Sache voran. Ihrem Chef lasse ich aus erster Hand die Arbeitsfortschritte zukommen. Passt das?«, verlor sich im Nebel der Gedankenwelt von Lorenz. »Evelyn Feist, ich bin dir nahe«, schob sich grade in den Vordergrund. Zum allerbesten Zeitpunkt, wie es schien. Es passierte unverhofft, einer kurzentschlossen Eingebung folgend. Der Ewiggestrige stolperte in die bekannte Falle. Beziehungsgeflechte zum weiblichen Geschlecht vernebelten ihm oft genug das Hirn. Kaum einer der Gleichaltrigen im Amt schwor mehr auf das Festhalten an lockeren Bindungen, wie er es tat. Der Polizeioberrat würde diese Gedankengänge nicht gutheißen. Sie waren zu abstrakt, dem Instinkt und Glücksmomenten geschuldet. »Lorenz, Ihre übergroße Klappe haben wir heute mit einem Handschlag besiegelt. Beifall klatschen Sie lieber nicht. Sie stehen sonst auf weiter Flur im Abseits. Na ja. Wem erkläre ich das. Mein Wort hat Gültigkeit: Hier, ergreifen Sie die schützende Hand. Wenn Sie Beistand benötigen, da, das Telefon.« Er hob es in Augenhöhe an und sagte impulsiv: »Es ist für Sie rund um die Uhr empfangsbereit.« Lorenz nickte dankend. »Ich komme drauf zurück, garantiert«, antwortete er nüchtern in dem Bewusstsein, gleich das Büro zu verlassen. »Ich wurschtele mich durch«, behielt er für sich. Ebenfalls die Absicht, zuallererst Evelyn Feist zu befragen. Bei derartigen Gedanken klopfte der Puls. »Raus hier«, signalisierte eine Stimme in seinem Hirn. »Nimm die Akte und geh!«, verlor sich im weiteren Fortgang, wobei er abwesend darin blätterte. Weil das Smartphone nervend tönte, schnappte er es, den Frust hineinschreiend. »KOK Lorenz am Apparat. Mit wem spreche ich?« »Mensch Benno«, erwiderte da der Experte für digitale Forensik. »Das ist ja eine Ewigkeit her. Ausgezeichnet, dich an der Strippe zu haben. Bist mir im LKA entwischt.« »Hallo Rolf, dein Pech, das mit dem Telefon. Ich mach´s kurz. Vor mir liegt der Bericht zu dem Toten in der Bode. Bekannt?« »Hmm, ich schlussfolgere daraus, dass du im Moment in der Polizeidirektion im Harz sitzt.« »Das ist eine veränderliche Größe. Ja, Treffer. Mindestens eine Woche lang. Bin für den Zeitraum unterstützend bei der Fallbearbeitung im Harzvorland tätig. Personalengpässe, du weißt«, verschluckte er nachdrängende Wörter. »Komm, verderben wir uns nicht den Tag mit solchen Themen. Hör zu. Ich benötige dringend deine Hilfe. Am Telefon in Kurzform«, schob er hinterher. »Ja klar«, folgte blitzartig die Antwort. »Du kennst meine Einstellung.« Der Forensiker lachte in den Hörer. »Gib mir die Vorgangsnummer. Bleib den Moment am Apparat. Ich befrage den elektronischen Kumpel. Ah, da lässt sich was erahnen. Hier ist Fieses passiert«, hörte er den Freund ausrufen. »Ich stelle mir vor, dass dich die Analytik nebst Bewertung der gefundenen Spuren irritiert. Sag, haben die Kollegen bei den Ermittlungen Hinweise zum Umgang mit Quecksilber dokumentiert? Das wäre ein Schlüssel von hoher Relevanz. Der Tote hatte damit hundertprozentig zu schaffen. Aus meiner Sicht besteht der Verdacht, dass er der Wirkung des Schwermetalls ausgesetzt war.« »Rolf, ein chemisches Element? So ein Stoff wie im Thermometer?« »Korrekt. Ist ein heimtückisches Material. Es schädigt das Nervensystem.« »Bitte beschreib das näher.« »Wenn du das wünscht, gern. Ich empfehle, Details nachzulesen. Sieh im Internet nach. Das langt hinreichend, ohne in tiefgründige Fachsimpelei zu verfallen.« »Vortrefflich gesprochen. Setzt voraus, mein Lieber, die Identität des Toten zu kennen.« »Benno, das ist die eine Seite. Für eine umfassendere Antwort: Geh tief in dich. Überlege, was ein Mensch erlebt, der Stimmungsschwankungen ausgesetzt ist. Die setzen sich fort mit Erregungszuständen. Schlimmstenfalls treten Sprachstörungen und Muskelzuckungen ein. Sag mir, was der Betroffene unternimmt?« »Er sucht den Arzt auf, was sonst!« »Akkurat! Das bedeutet, derjenige vertraut sich im Regelfall einem Facharzt an. Hast du in den Protokollen zu diesem Erich Feist passende Hinweise gefunden?« »Nein. Aus anderer Richtung steht Hilfe an. Ich bin mit der Enkelin des Vermissten in Kontakt. Sie hat die Anzeige aufgegeben. Staune, ihr Opa war ein bekannter Führer der örtlichen Sekte. Später der beliebteste Wanderführer im Harzvorland.« »Bleiben wir beim Thema. Für mich liegt der Teufel im Detail. Benno, Gesundheitsschädigungen lassen sich nicht lange verbergen. Erst recht nicht bei einer solch öffentlich bekannten Person.« »Ich verstehe. Danke, Rolf. Sag mir lieber, was das alles mit der biologischen Arbeitsstofftoleranz auf sich hat. Die findet explizit im Text Erwähnung. Ist mir zu fachspezifisch.« »Hmm, glaub ich. Ist schwer für den Laien nachzuvollziehen. Pass auf! Anfangs merke dir dafür die Abkürzung, Benno. Ergo, BAT nennt sich das. Die liegt um die zweihundert Mikrogramm pro Liter im Blut, etwa vierhundert im Harn.« »Ja okay. Was bedeutet das?« »Das ist kein bloßes Zahlenwerk. Der springende Punkt: Darin versteckt sich der unvermeidliche Todesstoß. Das ist eine Dosis, die ohne ärztliche Behandlung die Gesundheit schädigt.« »Rolf, bitte mach’s dem Laien verständlich. Ich habe einen Versuch, das dem Bürgermeisterteam zu erklären.« »Verstehe! Bist du empfänglich für eine klitzekleine Lektion?« »Ja! Du beschämst mich.« »Ach hör auf. Keine Gefühlsduselei. Merke dir: Bei einer Vergiftung speichern die Organe wie Leber, Milz oder das Gehirn Quecksilber. Die Nieren scheiden es langsam wieder aus. Eine Schädigung zeigt sich durch Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen. Die Klärung der Frage, wie das Gift in den Blutkreislauf gelangte, gibt dir Auskunft über die Todesquelle. Die basiert in erster Linie auf langanhaltend verabreichten, hohen Konzentrationen. Zum Beispiel durch Einatmen von Dämpfen oder Beimischung in den Nahrungskreislauf. Richte die Suche darauf aus!« »Okay, danke für die Lehrstunde.« »Angenommen! Dafür bin ich da! Das ist pure, angewandte Wissenschaft.« »Och, brauchst du Lobgesang?« »Mensch Rolf, dich drückt kein Chef im Hintergrund. Du bewertest Materialien und erfährst Aufmerksamkeit. Ich laufe gegen Wände.« »Hmm, unter Umständen. Du weißt, im Team waren wir unschlagbar. Ich bin voll aufgeregt. Was hältst du davon, das zu wiederholen?« »Klingt vernünftig!« »Wie denn sonst. Ich bin dein Freund. Hinzu kommt die Tatsache, im Dienstgrad höhergestellt zu sein. Hast gewaltig was nachzuholen.« »He, he, du fieser Knackarsch. Lass uns das beim Bier austauschen.« »Wann, wo? Benno, einen Wunsch hege ich. Bringe mir den Kopf des Toten. Die Gerichtsmediziner umarmen dich dafür. Ich sage, da ist mehr drin.« »Scheiße, du triffst den wunden Punkt. Wieso der fehlt, hmm, lässt sich nicht beantworten. Gefühlsmäßig schließe ich einen Sturz aus. Den Kopf hat jemand gewaltsam entfernt.« »Denkbar. Hier verging sich ein Perverser. Der Normalo ist zu solcherart Schandtat nicht imstande.« »Hoi, ist da ein Auftragskiller unterwegs?« »Keine Sorge. Es ist ein vager Hinweis, der sagt, bei den Ermittlungen allergrößte Vorsicht walten zu lassen. Zuerst weben wir ein Spinnennetz.« Er lachte. »Rolf, ich habe dich gefunden.« »Ja, am Telefon.« »Das ist ein Anfang. Du wirst hier im Harz gebraucht. Ich brauche meinen Freund. Ein Auftrag. Für uns beide. Der Ermittlungsführer bin ich. Was sagst du?« Er sah logischerweise nicht, dass sich der Gesichtsausdruck von Rolf verfinsterte. »Komm her. Ich erzähle dir alles. Da steht eine Riesensache im Raum.« »Das schaffst du ohne mein Zutun, Benno!«, schallte es aus dem Hörer. »Du gehörst zu der Sorte Mensch, die man einen Heißsporn nennt«, verfiel er in ein lauthalses Lachen, das sich blechern anhörte. »Ja, nimm mich seelenruhig hops, Rolf. Ich rieche deinen bissigen Spott am Telefon. Bitte minimiere das Risiko für die Heldenpose. Du bist ein Forensiker, der wissenschaftlich fundierte Beweislagen schafft.« »Benno, echte Hilfe erhältst du erst, wenn ich umfangreicheres Material für die Analytik an die Hand bekomme.« »Übertreibe nicht, Rolf. Auf Tötung oder Mord zu plädieren, dafür ist es zu früh. Zusätzlich gibt es da unter Umständen ein anderes Problem.« »Sprich, das wäre?« »Du glaubst es kaum. Ein ausgedünntes Amt. Im Gegensatz nicht zuletzt mein Ehrgefühl, den Vorgang erfolgreich abzuschließen. Bitte versteh das nicht falsch. Der einzige Joker vor Ort bin ich.« »Oha, sehe ich da Speichel am Kinn runterfließen? Heftiges Eigenlob, was du da verbreitest! Na, ich wünsche Glück. Schau´n wir, ob das reicht, Personalmanko wettzumachen.« »Rolf, der Kommentar folgt erst an der Theke beim Bier.« »Kein Problem. Bis dahin tu mir einen Gefallen. Ich erfahre zuerst, wie das Gift in das Opfer gelangte. Du bearbeitest ab sofort einen Mordfall. Das setzt komplett andere Prioritäten. Wirst du die SOKO leiten?« »Dieser Blick in die Zukunft ist abwegig. So weit voraus schaue ich nicht.« »Komm, lass dir nicht jedes Wort aus dem Mund ziehen. Da spinnt sich was im Hintergrund zusammen. Ich würde dich sonst falsch einschätzen, Benno.« »Dein Riecher erlaubt mir nicht, Hals über Kopf Sachen neu zu erfinden. Die Wahrheit, mein Freund. Es gibt eine heiße Spur.« »Ich wusste es. Benno, denk dran, Alleinarbeiter sind im Hause auf Dauer verpönt. Es war ein sinnvoller Gedankenaustausch. Tschüss, mein Lieber«, verlor sich im pulsierenden Geräusch des Freizeichens. Aufgelegt. Die Gelegenheit, urplötzlich aufkommende, gefühlsbetonte Anwandlungen zu unterdrücken. »Außer zu Evelyn, die auf mich wartet«, schoss ein Signal durch seinen Kopf. Kapitel 5 Zwei Monate zuvor. Ein unheilschwangerer Sommertag im Harzvorland. Für Erich Feist der Tag des Harmagedon, der ihm das Ende der Welt in seiner derzeitigen Form brachte. Die entscheidende Schlacht zwischen Gott und Satan, bei der Christus alle ruchlosen Menschen vernichtet, trug sich unerkannt zu. »Ich fass es nicht, dass du hier wieder aufschlägst«, passte nicht ernstlich zur Begrüßung durch die alte Dame. »Oh, du raffst das nicht. Das ist echt peinlich. Egal, es ist der beste Moment, den wir bisher miteinander verbrachten, um zu reden.« »Wenn du wieder fortgehst, kümmert sich die Gemeinschaft um dein Wohlergehen. Im Augenblick bist du hier. Nimm Platz. Schließen wir vorübergehend Frieden, der alten Zeiten wegen.« Erna Feist kramte eine wuchtige Tasse aus der seitlich stehenden Vitrine heraus. »Daraus hast du gern getrunken.« »Stimmt, eine Meisterarbeit. Dafür bewundere ich dich.« Die Wertschätzung erzeugte bei ihr ein gurgelndes Lachen. »Du kennst meine Gedanken. Wer wagt, der gewinnt. Ich habe auf das richtige Pferd gesetzt. Die Lasur für die Keramikarbeiten, den Figuren aus Holz, auf Papier entstammt einem uralten Rezept. Urgroßmutter hat das hervorgekramt, um den Vorfahren zu huldigen. Vergessen?« »Nein, ich preise die scharlachrote Farbe mit den graublauen Wölkchen an der Innenwandung. Hmm, obendrein der anregende Pfefferminztee. Mein Gott, ist das ein Genuss!« »Ja, für dich extra ohne Zucker. Wie die Plätzchen da drüben mit den Haselnüssen, zuckerfrei, dafür mit Naturhonig, Zimt, Anis. Ein Geheimrezept, geeignet, um jegliche Übeltäter von ihren Anhängern fernzuhalten.« Mit einem Augenzwinkern fügte sie hinzu: »Vernichtend, wenn notwendig. Du verstehst, für mich sind sie Köder und Delikatesse zugleich. Sie rücken meine Schäfchen näher zusammen, entfachen dabei in mir eine geistige Kraft, die sie an uns bindet. Keiner kommt davon los, denn sie hilft uns, ins Paradies zu gelangen.« Erich ließ den Redefluss ungestüm in die Stille fallen. »Ergötzt du dich, dass wir an einem Tisch zusammenfinden?« Erna zuckte die Achseln. »War nicht unproblematisch, dir gegenüberzutreten.« »Warum? Du verbreitest Angst. Sind die Kekse vergiftet?« Er wandte sich ihr zu, um daraufhin eine Antwort zu formulieren. »Nein, das bringst du niemals fertig. Wir standen uns in der Ehe einst nahe. Ich liebte dich auf meine Art. Erna, das Glück war uns hold. Mir hat es geholfen, die Freude am Leben zu fördern.« »Tja, Erich, obschon du seit langer Zeit enge Freundschaften zu den Ungläubigen pflegst, liebäugelst du mit deren schamloser Lust. Auf deiner Wanderschaft bekehrst du sie nicht zu unserer Konfession. Du sonnst dich in ihrem Schmalz. Gefällst dir in der Rolle des Mythenführers im Harzvorland. Ha, ha, ha, da lässt sich nicht drüber lachen. Du bleibst eine Galionsfigur, die weltliche Werte verbreitet.« »Das klingt gehässig. Gibt es ein Problem damit?« »Ja! Beweise, dass du dem Leben in der Gemeinschaft ebenso im hohen Alter gebührende Selbstachtung abringst. Wenn du vor Harmagedon stirbst, bekommst du eine zweite Chance, um dich für oder gegen Gott zu entscheiden. Ich spreche im Ältestenrat für dich.« »Erna, ich hoffe, dein Keksvorrat ist ausreichend. Bitte lass es mich in dieser Form sagen. Verzicht auf den himmlischen Genuss, nein, das zuzulassen ist eine fatale Sünde für die ohnehin arg strapazierten Geschmacksnerven. Die Leidensbilanz seit der räumlichen Trennung von dir ist erdrückend genug. Ich vermisse die überlegene Kochkunst meiner ehemaligen Gemahlin. Ich potenziere das Lob, welches bis auf den heutigen Tag die täglichen Weissagungen für ein beschaulicheres Leben einschließt.« »Erich, vierzig Jahre lang berührte dich das kaum.« »Das sagt sich mühelos dahin. Am Ende des Tages zerbrach alles an der Vergangenheit. Ungeachtet dessen hegst du den Wunsch, mich zu bekehren?« »Richtig! Du gabst mir lange Beistand, warst wie ein Anker. Trotz alledem gelang es mir nicht, ausreichend Seelenfrieden für dich zu erbitten.« »Nein, unbestreitbar nicht. Verstehe! Zumindest ist dir meine Lage vertraut.« »Das ist im Nullkommanichts gesagt. Da verkommt alles zur Ausrede! Die Wahrheit lautet anders. Du leugnest die Geschichte, denn die brachte Tränen in die Augen. Sie erzählt das schmerzliche Geschehen über den Tod unseres Sohnes, den meines Bruders in den Nachkriegswirren. Wir liebten sie. Sie starben für den Gottesglauben.« »Das lässt sich für mich mühelos nachvollziehen. Ich bin mir sicher, der abgrundtiefe Hass in dir zerstört dich eines Tages.« »Hör auf, Erich, ich beschwöre deine Seele. Das ist eine nicht haltbare Vision. Fakt ist, sie erfuhren einen Wandel.« »Lass das. Ist doch purer Blödsinn!« »Hör auf, du verträgst die Wahrheit nicht. Ihr Tod schmerzt heute wie in jenen ausweglosen Stunden. Sie sind nicht umsonst gestorben, weil wir dadurch lernten, die Bibel noch tiefgehender zu lesen und zu erfahren. Die Gebote zu befolgen, ist eine der Lehren daraus.« »Schluss damit, Erich. Ich habe genug davon. Es ist unerträglich, wie die ehemalige Hand Gottes ständig Lügen fabriziert.« »Und du schaffst einen Mythos, indem du seine Gebote mit einer Vielzahl von Verboten belegst.« »Ach ja? Was stimmt nicht mit deiner Seele, die vor Hurerei strotzt? Untreue in der Ehe erfordert konsequente Ahndung. Von dem Recht hast du reichlich abgebissen.« »Schweig! Erna, ich verzeihe dir nie, dass du mir Fehlverhalten wegen des Kontaktes zu Ungläubigen vorwirfst. Grund genug für dich, um die Beständigkeit unserer Beziehung zu leugnen. Ergo, lass das Aufplustern. Dieses verdammte Orakeln hat mich zur geistigen Gefahr verschrien. Ich versuche, meiner Heimat ein geachteter Wanderführer zu sein. Was ist daran verkehrt? Wieso verstößt du einen alten Gefährten aus der Gruppe?« »Oh, klingt nach schwerem Vorwurf. Mich mit Worten zu berauschen, gelingt dir nicht. Das zählt nicht. Sag mir Bescheid, sobald mein Versprechen deine Seele mit Ernsthaftigkeit erreicht und dir Schutz bietet. Erich, das gilt bis in die Ewigkeit. Eines akzeptiere. Der Eintritt in das Paradies kostet dich ein erneutes Bekenntnis. Überwinde den Schmerz. Ich kümmere mich um dein Seelenheil, egal, ob ich dafür Unmengen Plätzchen backe. Rette unsere Familie. Tritt vor die Versammlung. Den Brüdern und Schwestern fehlt eine orientierende Stimme. Meine Kraft reicht nicht aus, um die Botschaft Gottes nachhaltig zu verbreiten.« »Nein, na sowas. Das ist ein verblüffend neuer Zug. Da erschließt sich mir leider eine andere Auffassung.« »Ach? Erklär´s mir, Erich.« »Erna, es dreht sich hier nicht um irgendeine Rettung des Seelenheils. Wenn wir uns nicht in der ganzen Komplexität des realen Lebens in der existierenden Welt verantwortlich einbringen, entfremdet sie sich uns. Nein, diese Stimmungslage frisst alles Bewährte auf. Sieh dir die Alten in den Gruppen an. Sie sind wie Wölfe in Schafskleidern. Ihre Heuchelei mit einem Riesenhass auf mich sind allgegenwärtig. Warum verbreiten sie, dass ich es für angebracht heiße, die Religion der Gemeinschaft zu verleugnen. Es gibt Mitglieder, die frönen in übertriebener Selbsteinschätzung offen den weltlichen Freuden. Dein Neffe Wilhelm zum Beispiel ist ein Trinker. Ist dir bekannt, dass er öfters Sex außerhalb der Ehe praktiziert? Wieso ehelicht er nicht eine Schönheit aus der Mitte der Gläubiger? Die Gelegenheit hierfür ist allgegenwärtig. Stattdessen raucht er Unmengen an Zigaretten, trinkt, kifft und beflügelt andere, es ihm gleich zu tun.« »Stopp! Jammere nicht. Schlage den Maulaufreißern, den Müßiggängern vor, mehr zu beten. Lass sie die Bibel studieren. Bringe sie auf unseren Pfad Gottes zurück.« »Erna, du verwirrst mich. Ich entspreche bedingt deinem Wunsch. Mein Rat ist, hinaus zu gehen, um die Unordnung dem Schöpfer im Gebet darzulegen. Wenn er aufrichtig ist, findet Wilhelm jemand, der ihm vertraut. Du dagegen hast dich vor langer Zeit von mir abgewandt. Eines habe ich mir bewahrt, Gott der Allmächtige gibt mir Freiheit.« »Erich, ich fasse es nicht. Dieses Verhalten war es, welches dich von der Gemeinschaft entfremdete. Okay, bleib dabei. Zurückziehen ist eine der Lösungen. Erwarte nicht, dass sich in nächster Zeit jemand um deine Seele bemüht.« Beschwörend hob sie eine Hand, um damit enthemmt in der Luft herumzufuchteln. Erstaunlicherweise entwertete sie den erzeugten Druck. »Versteh, du gehörtest trotz des Verstoßes gegen das Gebot der außerehelichen Fleischeslust zu den aufrichtigen Ehemännern. Es ist mein sehnlichster Wunsch, dass du erneut zum angesehenen Mitglied der Gemeinde aufsteigst. Begreife, Ungehorsam erfordert Bestrafung. Es ist alles gesagt. Trinke den Tee. Wende dich mir zu. Ansonsten erwarte nicht, dass du in nächster Zeit wieder die Gelegenheit hast, dem Familientribunal Antworten zu erläutern.« »Ich kapiere das nicht«, brummte er im Weggehen von der langen Rede betäubt vor sich hin. In aller Regel gab es keinen Rückwärtsgang. »Nimm die Büchse mit den Glückskeksen, gönne der Zunge die Freude«, murmelte sie, sodass er den Rest nicht hörte. Ihr wohlmeinender Gesichtsausdruck erstarrte dabei zu einer Maske. »Sie bringen dich mir zurück, in eine andere, heile Welt. Geh, bevor mich dein Verlust schmerzt«, verlor sich im Raum. Die Tränen verbarg sie. »Verdammt, die Jahrzehnte im Dienst am Herrn, unserem Gott, verschwende ich nicht sinnlos.« Kapitel 6 Das Gespräch lag eine Weile in der Vergangenheit verborgen. Die Sonne auf dem Aussichtsplateau der Rosstrappe zeigte in der Ferne das Ende des Tages an. »Einen Schluck Tee aus der Thermoskanne, ein paar Kekse gönn ich mir. Ein Nickerchen auf dem Granit vor dem untergehenden gelbroten Licht am Horizont schadet nicht.« Die letzten verblassenden Gedanken in der freien Natur. Sein Blick schweifte von dem 403 Meter hohen Granitfelsen über die um Haaresbreite senkrecht abfallenden, schroffen Berghänge. Kaum sichtbar drücken sie da unten im Tal die Bode in ein enges Flussbett. Undeutlich erkennbar blieben ebenfalls die 18 Spitzkehren des Wanderwegs Schurre zwischen den Baumwipfeln. Ein lohnendes Streitobjekt, weil Felsabstürze durch die jahrelange Sperrung des Weges sich zum Objekt des Zornes erhoben. Grund genug, morgen den Menschen anderweitig Freude zu bereiten. Diese Überlegungen brachte er nicht zum Abschluss. Die Fantasie im Kopf nährte sich aus dem Bauch. Sie hinterließ ausreichend Spuren, um die Geschichte des steinernen Hufabdrucks auf dem Aussichtspunkt mit Leben zu erfüllen. Pointenreich erzählt, entwickelte sich das Geschehen um das Granitmassiv zum Renner der geführten Touren. In Gedanken versunken hörte er den Hund aus der Sage um Ritter Bodo und Brunhilde tief aus dem Schlund des Bodekessels heulen. Jener Kultplatz zählt heute in der Öffentlichkeit zu den heiligen Stätten der Vorfahren. Sie baut auf einer facettenreichen, visionären Geschichte auf. Angst beschlich ihn. Übelkeit setzte ihm zu. Nein, er war keiner von den vier Jünglingen, die beim Versuch, die Krone aus der Bode zu retten, starben. Tot sein heißt Leben in einer anderen Dimension. Seine Stimme brummte in der Euphorie der Erwartung. »Ja, lehne dich weit hinaus. Beweg deinen Arsch. Was sind denn 86 Lebensjahre.« Tonlos, weil in der alten Kehle festgehakt, verhallte die Zahl. Die Unfähigkeit, sie lauthals hinauszuschreien, verschwand in der Akzeptanz der Unsichtbarkeit. Zu einem war sie fähig, sie trieb die müden Knochen an. »Gib nicht nach, das Paradies zeigt sich alleinig dem wahren Gläubigen.« Die scharlachrote Büchse in der Hand, den himmlischen Genuss verinnerlichend, schritt er das kurze Stück Weg bis zum Hotelkomplex der Rosstrappe zurück. »Erich, siehst müde aus. Komm für einen Moment rein«, überhörte er das Angebot eines Angestellten vor dem Restaurant. Ebenso verlor sich: »Na okay, an einem anderen Tag passt es besser. Wünsche dir einen geruhsamen Nachhauseweg. Pass auf, heute sind wieder die Downhiller unterwegs.« »Danke, ich werd`s mir merken. Da besteht keine Gefahr«, antwortete er halblaut, wobei der Rufer unbefriedigt den Kopf schüttelte. Der Wanderer zog unbeirrt weiter. Er verzog schmunzelnd die Mundwinkel, denn dem modernen Bergabfahrsport jugendlicher Enthusiasten an der Rosstrappe gewann er Positives ab. Seine Harzstadt brauchte das Image. Die Mountainbiker rasten die Strecke unter fünf Minuten hinab ins Tal. Für ihn hatte heute die tickende Uhr null Bedeutung. »Ich gönne mir einen Moment Auszeit«, sagte er kleinlaut vor sich hin. Kein Wanderer erhielt davon Notiz, dass er sich am Wegrand gegen einen Baumstamm lehnte. Er liebäugelte damit, Teile des Radweges der Sportler zu benutzen. Die zählten zu den couragierten Mountainbikern, die im Harz eine neue touristische Attraktion ins Leben riefen. Bei allem Verständnis, die Müdigkeit in den Knochen siegte. Ein Schluck Kräutertee aus der Thermoskanne, eine Handvoll Kekse aus der roten Blechbüchse. In Sekunden senkten sich die Augenlider. Nachdem er drei Stunden dahindämmerte, traf ihn die Ernüchterung. Dunkelheit hatte sich ausgebreitet. Die Blätter in den Baumkronen der Laubbäume verschluckten jedes Fünkchen Licht vom glasklaren Abendhimmel. »Verdammt, hab verpennt.« Er fasste es nicht, mitten in der Nacht im Wald zu sein. Nach einer Lösung suchend schaute er sich um. »Okay, ich bin am Leben und frei in meiner Entscheidung!«, sagte er vernehmbar in dem Bewusstsein, dass ihn kein Mensch hörte. »Wanderweg oder die Straße hinunter in die Stadt«, fiel wie ein Schatten über seine Miene. Sein Ausdruck verfinsterte sich augenblicklich. Die Asphaltschlange bedeutete ein Vielfaches vom Weg durch den Wald. Der Vorteil: Sie bot ein bequemeres und sicheres Geleit. Auf halber Wegstrecke registrierte er den grellen Lichtschein eines Fahrzeuges, das sich flott näherte. Leider bergauf. Schade. Das hieß, den Trip fortzusetzen. Er hob den Arm, um die Augen zu schützen. Dass der Fahrer das Kennzeichen abgedeckt hatte, sah er nicht. Es entging ihm, dass derjenige eine Sturmhaube mit Sehschlitz trug, wie sie Gangster benutzten. Dagegen blieb die Identität des abendlichen Wanderers kein Geheimnis. Ihr kam die Rolle zuteil, schicksalsbesiegelnd zu sein. Dem routinierten Profi, der sich hinter dem grellen Lichtstrahl verbarg, perlte der Schweiß auf der Stirn. Nicht, weil die Angst ihn jagte. Nein, wegen des zu erwartenden Aufpralls auf menschliches Fleisch. Das vorauseilende Geräusch brechender Knochen trieb die Erregung auf den Höhepunkt. Das Gaspedal im Fahrzeug berührte den Boden. Millisekunden lang regte das vegetative Nervensystem an, die Kontraktion der Haarbalgmuskeln anzukurbeln. Die Follikel erhoben sich über der Hautoberfläche und das Haar richtet sich auf. Der sogenannte Gänsehauteffekt setzte ein. Der Tod des Menschen vor ihm war beschlossene Sache. Grelles, weißliches Fernlicht fokussierte die unscheinbare Figur. »Leck mich am Arsch, alter Knabe«, brummte er verdrossen. Die zweihundert PS brachten den Ford Ranger DoKa Limited auf einhundert Stundenkilometer. »Halte drauf, ramme ihn«, schrie eine quirlige Stimme in seinem Kopf. »Erlöse ihn! Los!« Zeit für Überlegungen verblieb nicht. Millisekunden später gewann das schwere Gefährt den Kampf für sich. Das breit bereifte rechte Vorderrad übernahm den Job des Mordwerkzeugs. Der Aufprall, das Knacken des Schädels, verlor sich im Getöse des Motors und dem Geräusch des abrupten Bremsvorgangs. Die Gestalt mit dem vermummten Kopf parkte den Pick-up in der Todeszone. Die Scheinwerfer erzeugten um ihn herum gespenstische Schatten. Er bemerkte sie nicht. Grinsend, herablassend zeigte er dem Toten nach getaner Arbeit sein Antlitz. »Mein Versprechen ist eingelöst. Niemand bringt dich zurück. Nimm das hier mit auf den Weg in die Ewigkeit. Wilhelm lässt herzlichst grüßen. Deine letzte Begegnung mit den Wäldern im Harz. Genieße sie«, sagte er mit brutalem Sarkasmus in der Stimme. Zugleich drehte er das Gesicht der am Boden klebenden Hirnmasse zu, um sie sorgsam aufzuklauben. Der verschließbare Behälter mit der eingesammelten Todesfracht landete achtlos auf der Ladefläche. Gleiches geschah mit dem besudelten Laub, Gras und Erdmaterial. Die benutzte Schaufel schlug er aufs Genaueste in einer Plastetüte ein. Alles Tätigkeiten, die ihm geläufig waren. Jeden Zentimeter entkernte Fläche versetzte er mit einer 10%igen Lösung aus Wasser, Wasserstoffperoxid und einem Industriereiniger. Desinfektion funktionierte nie besser. Der Todesfahrer lächelte bei diesem Gedanken. Spuren würde hier niemand finden. Das scharlachrote Metall der Keksbüchse übersah er ungewollt. »Es ist Zeit. Mach dich auf die Reise, Alter. Dein Sohn lässt ebenfalls grüßen.« Er starrte den toten Körper im Lichtschein der zusätzlich benutzten Taschenlampe an. »Ich bin gekommen, um auf das zerstörte Fleisch zu spucken. Dir widme ich meinen ganzen Hass. Du bist ein Verräter unseres Glaubens. Daher schuldest du mir diesen Kopf hier. Freue dich drauf. Du bestreitest die Macht der Gemeinschaft nicht mehr. Vergiss nicht, die Kameraden sind zahlreich! Ich bin ihr Glaubenswächter und Rächer. Deine Seele gehört mir.« Aus einem Etui mit Reißverschluss entnahm er ein Skalpell, wie es Mediziner verwenden. Das Scheinwerferlicht reflektierte den Glanz der hochwertigen Edelstahlklinge in den Pupillen. Was übrig blieb, war ein Blitz darin, der von einem Sieg kündete. Der setzte sich in einer geübten Handbewegung fort. Die scharfe Klinge drang unterhalb des Kieferrandes am Kopf in den Hals ein. Wie Butter zerteilte sie die Haut, Knorpel, Muskeln, Sehnen, Arterien und Venen. Die Hand führte das Instrument kraftvoll. Der kompetent auf Zug und Druck abgestimmte Bewegungsablauf zerstörte mühelos den ersten Halswirbel, dessen medizinischer Begriff – Atlas – ihm vertraut war. Seine Aufgabe, das gesamte Gewicht des Kopfes zu tragen, fand damit ein Ende. »Ab in den Sack, Alter«, sagte er zufrieden, um ihn sofort in einen undurchsichtigen Folienbeutel zu schieben. Zum Schluss verbog er die sterblichen Überreste, indem er solange an ihnen zerrte, bis alles hineinpasste. Die Aufregung war vorbei. Atem und Puls beruhigten sich. Die Dunkelheit verschluckte das Verbrechen. Sie war Teil der sich schleichend ausweitenden Routine im Job des selbständigen Bestatters. Vorsichtshalber kontrollierte er die Verschnürung der Fracht auf dem Pick-up. »He, hast es bequem?«, nickte er dem Paket zu. »Wir beide fahren in ein Versteck, wo niemand auf die Idee kommt, uns zu suchen. Mit deinem Antlitz habe ich zur Freude der Anhänger Besseres im Sinn.« Nach ein paar Kilometern wendete das Fahrzeug auf Höhe des Abzweigs zur Rosstrappe. Seine Anwesenheit blieb unbemerkt. Kapitel 7 Den nervigen Klingelton des Smartphones gewahrte der Gast im Berghotel auf dem Hexentanzplatz wie im Rausch. Minuten vergingen, ehe er begriff: »Für mich. Scheiße, Augen auf. Oh verdammt, wie spät ist es?« Den Oberkörper abrupt senkrecht aufgerichtet, saß er im Bett. »Ah, eine WhatsApp.« Die Nachricht ließ seine Alarmglocken schrillen. »Ich brauche Hilfe, sofort! Kommen Sie zur Scheune, Evelyn!« »Moment«, brummte er langgezogen vor sich hin. »Es ist fünf Uhr morgens«, den Blick wie hypnotisiert auf die Zeiger der analogen Armbanduhr gerichtet. Er wählte ihre Nummer. »Teilnehmer ist abwesend«, erklärte die elektronische Ansagerin. »Evelyn, nimm ab. Los!« Die Gefühlsregungen im Kopf purzelten durcheinander. Rationale Überlegungen waren ihm nicht vergönnt. Einzig der Gedanke, ihr zu helfen, trieb ihn ungewaschen in die Klamotten. Es gab einen stichhaltigen Grund. Ein Signal auf Rot! Hastig kleidete er sich an. Die Dienstpistole, eine SIG Sauer P6, verstaute er im Holster, das auf der linken Körperseite am Gürtel der Hose hing. Die Frage, ob er von der Waffe Gebrauch machen würde, stellte sich ihm nicht. Im Dienst gehörte es zur Pflicht, sie am Körper zu tragen. Er verließ das Zimmer, begab sich zum Passat auf dem Parkplatz hinter dem Hotel. Von dem Moment an umgab ihn Dunkelheit. Der Schlag auf den Hinterkopf tötete nicht. Nein, der Ausführende schien darin geübt zu sein. Eine Beule mit aufgeplatzter Kopfhaut blieb äußerstenfalls zurück. Unstrittig waren auch die einsetzenden Kopfschmerzen, die mit einer elenden Übelkeit einhergingen. Das Signal, das die Schläger aussendeten, war eindeutig: die Polizei mit beißendem Hohn und Spott bedecken. Sie brauchten nichts im Speziellen zu arrangieren, außer Lorenz dem preiszugeben. »Komm«, schnarrte der Kleinere den Größeren an. »Versteck deinen blöden Kopf, mach es wie ich«, sagte er bestimmend. »Sieh her. Zieh die Kapuze tief in Gesicht. Los, du gehirnamputiertes Riesenbaby. Ist das Klebeband griffbereit?«, fuhr er stimmgewaltig den Kerl neben ihm an. Er schaute missfallend aufwärts. Zumindest überragte der ihn mit seinen zwei Metern Körpergröße um Längen. »Klaro, bin ja nicht verblödet«, knurrte der. Dass er dem Rang nach Helfer war, kümmerte ihn nicht. In der Hand hielt er graues, selbstklebendes Gewebeband. »Hier, sieh her! Reicht das?« Die Antwort entfiel. Stattdessen: »Los, stell den Bullen hier drauf. Halte den Kerl einen Moment fest.« Er griff nach der zusammenklappbaren Sackkarre, um sie eilfertig zu öffnen. »Fixiere ihn darauf provisorisch. Da, das Seil. Zieh los! Ab zur Bronzefigur.« »Die da mit dem fetten, polierten Arsch? Die Hexe oder was sie darstellt?« »Was denn sonst? Das ist eine beliebte Kultfigur. Beweg dich, Idiot.« »Okay. Das ist der Spaß. Sobald das Programm die Bilder hochlädt«, schob er ein feixendes Lachen in den Vordergrund. »Klappe halten, Kerl. Erledigen wir den Job. Ich trete dir in die Eier, wenn du aufmuckst. Glaub mir, die Älteste schiebt dein dämliches Spatzengehirn in die Verdammnis. Mach hin. Klar?« »Okay! Bin ja dabei. Stopfen wir ihm das Maul?« »Ja, pass auf, dass der Bulle nicht erstickt. Haben sonst den ganzen Klüngel am Hals. Und lass die Finger von der Kanone. Deine lüsternen Augen verraten dich. Die Knarre fasst du nicht an. Ist das klar?« »Von mir aus. Ich mach ja, was du sagst.« Sie stellten Lorenz dicht an die nach vorn gebückte Bronzefigur heran. Empfindungslos, mit der Routine eines Roboters, folgten Unmengen Klebeband, um seinen Körper mit dem der Figur zu fixieren. Das Riesenbaby zurrte es sorgfältig fest. »Unzerstörbar«, brummte er befriedigt mit einem Feixen, das dem Ebenbild der Hexe zur Ehre gereichte. Die Umstände beherrschten ihn. »Ist geil, Chef«, sagte er an den Mitstreiter adressiert. »Ein Scheiß Bulle, Bestatter. Sein Markenzeichen verpasse ich ihm eigenhändig. Das brennt sich in den Birnen ein.« »Fertig mit dem Quatsch? Erledige den Job, du Stück Scheiße«, traf den Redner, dessen Brust sich vor Selbstwertschätzung wölbte. »Keine Namen, hab ich dir gesagt. Schluss damit. Drück den Bullen fester an das bronzene Hinterteil«, hörte er den Meister sagen. »Verdammt, pass auf. Press seine Nase in die Ritze am Arsch. Ich verlange, dass du ihn zumindest symbolisch Scheiße fressen lässt.« Der Helfershelfer lachte mit einem Grunzen auf. »Ja, kein Problem.« Er drückte das Gesicht mit einem heftigen Ruck an den Werkstoff aus einer Legierung aus Kupfer und Zinn. Zufrieden knurrte er. »Mehr Action? Sieh her, da klebt Speichel mit Blut vermischt an der Bronze.« »Lass sein. Hast deinen Job erledigt. Es reicht! Die Befreier toben garantiert, wenn sie das Panzerband entfernen. Hat mir Spaß bereitet. Darauf trinken wir nachher einen.« Von Spaßigkeit blieb angesichts des deprimierenden Bildes nichts übrig. Die Verletzung der Regeln störte sie nicht. Im Gegenteil. Mittlerweile erlaubte das an Helligkeit zunehmende Tageslicht, die Szene mit dem Smartphone lupenrein zu fotografieren. »Für den Eigenbedarf«, lautete der Befehl ihres Auftraggebers. »Überlasst den schaulustigen Touristen den Vorrang. In einer Stunde gibt es tausende Klicks.« Und so kam es. Benno Lorenz vernahm aufgeregt diskutierende Stimmen. Das Geschehen aus der Umgebung wahrzunehmen, funktionierte eingeschränkt. Die Augen durchdrangen das undurchsichtige Dunkel der nach Karbol riechenden Verhüllung nicht. Was sich hervortat, erfühlte sich kühl und glatt. Zu allem Überfluss hatte sich im Mund ein metallischer Geschmack aufgebaut. Der vermischte sich mit dem Blut von den aufgeplatzten Lippen. Eine grässliche Angelegenheit, die ihn unmittelbar mit der Gegenwart vernetzte. Er würgte den Speichel hinunter. »Luft, atme«, schrie die Stimme im Kopf angsterfüllt. Husten begleitete die Welle panischer Angst. Der schmale Spalt unter dem fixierten Mund an der Gesäßspalte der Figur, ließ abfließendes Sekret erkennen. »Spare deine Kraft. Handele wie ein Blinder, besser, sei ein Taubstummer. Konzentriere dich auf die Umgebung«, verordnete den Muskeln Ruhe. Just in diesem Moment kam die Erinnerung zurück. Der Schlag auf den Hinterkopf, der Schmerz in den Millisekunden bis zur tiefen Ohnmacht mit einer plötzlichen Leere. Die Gedanken rasten, ohne ein Gesamtbild zu formen. Allen angespannten Muskeln zum Trotz verschärfte die völlige Bewegungsunfähigkeit die Angst vor der unbekannten Gebrechlichkeit. »Bin ich gestürzt? Wo, auf dem Parkplatz?« Da umschwirrte ihn das Gewirr eines deutlich wahrnehmbaren Bienenschwarms. Es schwoll an, zeigte sich menschlich, gab der eigenen Ohnmacht des Gefangenseins Gewissheit. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». 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