Zwang zu töten Dieter Aurass Im ansonsten eher ruhigen Koblenz am Rhein wird ein Mann an den Füßen aufgehängt und vollständig ausgeblutet aufgefunden. Ein skurriler Einzelfall? Die Mordkommission um Hauptkommissar Auer ermittelt. Als eine weitere Leiche entdeckt wird, offenbart sich eine Gemeinsamkeit: Beide Opfer litten an einer Zwangsstörung und waren bei demselben Psychotherapeuten in Behandlung. Droht weiteren Patienten Gefahr? Wer bringt diese Leidens-genossen um und … warum? Die dritte Leiche bestätigt den Verdacht, dass es tatsächlich jemand auf die Mitglieder einer Gesprächstherapie-Gruppe abgesehen hat. Der Fall entwickelt sich zu einem Albtraum für Auer, da er bei den Ermittlungen mit der Erinnerung an ein traumatisches Ereignis aus seiner Vergangenheit konfrontiert wird. All den Menschen, die unter psychischen Problemen oder Erkrankungen leiden und leider so oft von ihrer Umgebung nicht ernst genommen oder gar verlacht werden. Die Geschehnisse, sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de © 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln www.niemeyer-buch.de Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: C. Riethmüller Der Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbH eISBN 978-3-8271-8404-7 Dieter Aurass Zwang zu töten Ulf Auers zweiter Fall „Es gibt eine Geschichte hinter jeder Person. Es gibt einen Grund, warum sie so ist, wie sie ist. Sie ist nicht so, weil sie so sein will. Etwas in der Vergangenheit hat sie zu dem gemacht, und manchmal ist es unmöglich, sie zu ändern.“ Sigmund Freud, 1856–1939 Begründer der Psychoanalyse Prolog Koblenz-Innenstadt, 09:30 Uhr 1 – 2 – 3 – 4 – 5 ... Er verfluchte sich, weil er sich nicht mehr erinnern konnte, wie viele Stufen diese verdammte Treppe hatte, obwohl er sie schon zigmal hinauf- oder hinabgegangen war. 26 – 27 – 28 – 29 ... Ich meine, es waren zweiundvierzig, aber warum kann ich mich nicht erinnern? Die Frage war absolut fehl am Platze, denn er wusste grundsätzlich genau, warum er sich nicht erinnern konnte. Weil er nicht nur diese Treppenstufen zählte, sondern alle Treppenstufen, die er jemals betreten hatte. Und er zählte nicht nur Stufen, nein, er zählte alles, was man im Vorbeigehen zählen konnte: Parkuhren am Straßenrand, Parkplätze in einer langen Parkbucht, die senkrechten Streben eines Brückengeländers oder die Laternenmasten in seiner Straße. Dr. Rossbacher hatte ihm erzählt, woher dieser Zwang kam, aber das war nicht wirklich nützlich gewesen, seine Zwangsneurose zu lindern. „Scheiß auf die Kindheit! Ich will, dass das aufhört und nicht wissen, warum und wodurch der Grundstein für diesen manischen Zählzwang in meiner Kindheit gelegt wurde.“ Dr. Rossbacher hatte nicht gerade freundlich reagiert, als er ihn während einer der vielen Einzelsitzungen angeschrien und ihm wiederholt sehr barsch versichert hatte, dass es ihn einen Scheißdreck interessiere, wie man diese Erkrankung nannte: Arithmomanie. Wie sollte ihm das helfen? „Und diese Gesprächssitzungen in der Gruppe kotzen mich auch an! Ich habe keine Lust, mich mit lauter Bekloppten zusammenzusetzen und denen von meinen Problemen zu erzählen. Lassen Sie sich gefälligst eine bessere Therapie einfallen!“ Raimund Kellermann war nicht der Typ, der sich auf lange Diskussionen einließ, und er war es nicht gewohnt, dass ihm jemand widersprach. Mit fünfundvierzig war er bereits einer der Stars in der deutschen Werbebranche und führte eine eigene Werbeagentur in Koblenz. Keiner seiner Mitarbeiter durfte ihm widersprechen, das war eine seiner eisernen Grundregeln. Allerdings war in letzter Zeit vermutlich einigen seiner Angestellten aufgefallen, dass er sich nicht immer völlig „normal“ verhielt. Er hatte es nicht verhindern können, dass seine ständige Zählerei bemerkt worden war. Vor allem bei Besprechungen hatte er es nicht unterlassen können, auf einem Zettel Strichlisten zu führen: wie oft Wegner sich an die Nase fasste, wie viele Male Haschke: „Wenn Sie wissen, was ich meine?“, sagte oder wie oft die Müller auf die Uhr sah. Leider hatte er seinen Zettel liegen lassen, und die Überschriften über den Strichen mit den jeweiligen Namen und Handlungen sprachen Bände. Aber auf keinen Fall durfte einer seiner Leute mitbekommen, dass er bei so einem Psychoheini in Behandlung war. Gott bewahre, wenn das jemand rausbekam, konnte er in der Branche einpacken. 41 – 42 – 43. Also doch, er hatte sich fast richtig erinnert. Er verließ das Schängel-Center auf der Clemensstraße, in dem er im Obergeschoss sein tägliches Fitnesstraining absolviert hatte, und hastete über den Zentralplatz in das Parkhaus des Forum Mittelrhein. Die bösen Blicke einiger Passanten, als er einfach über die Straße lief, anstatt sich an der Fußgängerampel anzustellen, ignorierte er. Wahrscheinlich galten sie sowieso eher seinem stylischen Kleidungsstil und seinem jugendlichen und sportlichen Aussehen, auf das er in seinem Beruf angewiesen war. Sein langer blonder Pferdeschwanz wippte, und der warme Septemberwind ließ sein weites Baumwollhemd flattern. Im Parkhaus angelangt und auf dem Weg zu seinem Porsche, in dem er die Sporttasche abstellen wollte, kam er nicht umhin, die in der langen Reihe parkenden Autos zu zählen: 7 – 8 – 9 – 10 – 11. Er warf die Tasche in den Kofferraum und machte sich umgehend auf den Weg zurück, damit er den Termin mit dem potenziellen Kunden noch schaffen würde. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er noch fast zehn Minuten Zeit hatte, was für ihn bei einer Entfernung von geschätzten hundertfünfzig Metern bis zum Treffpunkt kein Problem darstellen sollte. Also verließ er das Shoppingcenter am nordwestlichen Ausgang und wechselte über die Görgenstraße ins Altlöhrtor in Richtung Löhrstraße. Schon beim Verlassen des Gebäudes begann er die Schritte zu zählen, um seine Entfernungsschätzung zu bestätigen. 56 – 57 – 58 – 59. Beim Café Höfer angekommen, fand er nach einer überschlägigen Rechnung seine Schätzung bestätigt. Ziemlich genau hundertfünfunddreißig Meter bis zum Eingang des Cafés. Die acht, nein, neun Tische vor dem Café waren bis auf zwei alle besetzt, und er blickte sich suchend nach einem einzelnen Herrn um, der nach seinem Aussehen als Auftraggeber für eine Werbekampagne für ein neues, revolutionäres Produkt infrage kommen könnte. Aus dem eigentlichen Produkt hatte der Anrufer ein Geheimnis gemacht, und auch zur Branche hatte er sich noch nicht äußern wollen. Das sei auch der Grund für den ungewöhnlichen Treffpunkt, anstatt in die Agentur in der Koblenzer Innenstadt zu kommen. Egal ... Hauptsache, ein Abschluss war zu tätigen. Das Produkt war Kellermann ziemlich egal. Die Erfahrung in seiner Branche hatte gezeigt, dass man mit der richtigen Werbekampagne jeden Scheiß an den Mann oder die Frau bringen konnte. „Herr Kellermann?“ Er fuhr herum und sah sich einem unscheinbaren Mann mittleren Alters gegenüber, den er unter anderen Umständen eher für einen Büroangestellten gehalten hätte. Allerdings kam ihm der Mann entfernt bekannt vor. Wo hatte er ihn schon mal gesehen? „Herr Paschke?“ „Ja, genau. Wir sind verabredet.“ Kellermann streckte die Hand aus und schüttelte die seines Gegenübers. Ihm fiel auf, dass sie schweißnass war, und obwohl der September einer der wärmsten seit Jahrzehnten war, hatte diese unappetitliche Feuchte nichts mit der Witterung zu tun. Was für ein unangenehmer Zeitgenosse. „Okay, Herr Paschke, wollen wir uns setzen? Ich habe noch weitere Termine, und es wäre mir lieb, wenn wir möglichst schnell zur Sache kämen.“ Der Mann wand sich ein wenig, als wäre ihm etwas peinlich. „Wäre es sehr schlimm, wenn wir zuerst zu meinem Wagen gehen, damit ich Ihnen das Produkt zeigen kann? Ich habe es im Kofferraum meines Wagens und möchte es nicht durch die Stadt tragen.“ Diese Geheimniskrämerei begann Kellermann auf die Nerven zu gehen, aber er wollte einen potenziellen Kunden nicht zu einem so frühen Zeitpunkt verprellen. Der Mann schien zu merken, dass Kellermann ein wenig ungehalten wurde, und beeilte sich zu versichern: „Es dauert nicht lange, mein Wagen steht direkt hier im Altlöhr-Parkhaus, keine fünfzig Meter von hier. Es geht wirklich schnell, aber Sie müssen einen Blick auf das Produkt werfen, unbedingt. Dann können wir eine der größten Werbekampagnen planen, die Sie je hatten. Sie werden begeistert sein, versprochen.“ Dessen war sich Kellermann nicht so sicher, aber er gab klein bei. „Okay, gehen Sie voran und zeigen Sie mir dieses geheimnisvolle Produkt. Auf ein paar Minuten mehr oder weniger kommt es nun auch nicht an.“ Gemeinsam gingen sie zum Parkhaus und fuhren dort mit dem Fahrstuhl auf das oberste Parkdeck. Der Mann roch unangenehm nach Schweiß, was Kellermann dazu veranlasste, sich so weit wie möglich von ihm weg in eine Ecke des Fahrstuhls zu drücken. Endlich öffnete sich die Tür, und sein zukünftiger Klient eilte voraus. Kellermann folgte ihm langsam, um auch den Abstand zu ihm nicht zu klein werden zu lassen. Zielsicher steuerte der Mann auf einen kleinen Toyota zu, der neben einem dunklen Kleintransporter stand. Was soll das denn? Wenn der so einen Kleinwagen fährt, wie will der dann die Werbekampagne bezahlen? Kellermann begann zu befürchten, dass bei diesem Treffen nichts als verlorene Zeit herauskommen würde. Aber einen Blick auf das ominöse Produkt wollte er nun ja doch riskieren. Der Mann hatte gerade den Kofferraum aufgeschlossen und nach oben geklappt. Dann war er einen Schritt zur Seite getreten und wies mit einer Hand auf den geöffneten Kofferraum. „Voilà, sehen Sie und seien Sie beeindruckt!“ Kellermann steuerte auf den Wagen zu und blickte in den dunklen Kofferraum, dessen Beleuchtung offensichtlich kaputt war. Das passte zu dem überhaupt schäbigen Eindruck, den das Fahrzeug machte. Er trat näher heran, blickte hinein und sah ... nichts. „Was ...?“, wollte er aufbegehren, als sich von hinten eine Hand mit einem Lappen auf seinen Mund presste. Der beißende Geruch nahm ihm den Atem, und als er erschrocken tief Luft holte, bemerkte er noch, wie ihm ganz schwummrig wurde. Im nächsten Moment gingen alle Lichter im Parkhaus aus ... und tiefe Dunkelheit umfing ihn. *** Langsam kehrte sein Bewusstsein zurück, und die erste Sinnesempfindung, die er verspürte, waren die hämmernden Kopfschmerzen. Was? Wo? Er spürte eine schaukelnde Bewegung, und als er versuchte, sich irgendwo abzustützen, bemerkte er mit Entsetzen, dass seine Hände hinter seinem Rücken gefesselt waren. Der plötzliche Adrenalinschub holte ihn gänzlich ins Hier und Jetzt und ließ ihn die Augen aufreißen, die mit einer klebrigen Substanz bedeckt zu sein schienen. Trotz der bohrenden Kopfschmerzen schüttelte er heftig den Kopf, und es gelang ihm tatsächlich, die zähe Flüssigkeit von seinen Augen wegzuschütteln. Was er erblickte, ließ ihn entsetzt aufschreien. Er hing kopfüber über einer Pfütze, und ein erschrockener Blick in Richtung seiner Füße offenbarte ihm gleich mehrere schockierende Dinge: Seine Füße waren mit einer Art Kette zusammengebunden, die über einen Ring in der Decke an eine etwa einen Meter entfernte Wand führte. Sein Blick blieb auch an seiner ehemals hellbeigen Designerhose hängen, bei welcher der Gürtel geöffnet war und die nicht mehr hell, sondern nun dunkelrot war – zumindest oberhalb seiner Oberschenkel in Richtung des Gürtels. Ein Blick nach unten zeigte ihm, dass sich sein Kopf etwa einen Meter über einer großen Pfütze befand. Ein süßlicher Geruch stieg von der Pfütze zu ihm auf, und es dauerte eine Weile, bis er ihn als Blutgeruch erkannte. Erst als ein Tropfen von seinem Kopf in die Pfütze tropfte und kurz darauf der nächste, dämmerte ihm, was die dunkle Verfärbung seiner ehemals hellen Hose zu bedeuten hatte. Es war SEIN Blut, das da heruntertropfte, und die Pfütze war bereits riesig. Er spürte keine Schmerzen, aber der Verdacht war naheliegend, dass er aus einer Wunde am Oberschenkel blutete. Was soll das? Warum hänge ich hier und blute? Was kann ich tun? Seine lauten Hilferufe und sein heftiges Schütteln und Schaukeln blieben ohne jede Wirkung ... außer, dass sich die Frequenz der in die Pfütze fallenden Tropfen etwas erhöhte. Er kam nicht umhin, von den stetig fallenden Tropfen so eingenommen zu werden, dass er begann, sie zu zählen. Auch die Frage, wie lange er diesen Blutverlust wohl würde überleben können, änderte nichts daran, dass er ohne Unterlass weiterzählte. 35 – 36 – 37 ... Er merkte, wie ihm schummrig wurde und er sich immer schlechter konzentrieren konnte. 51 – 52 – – 53 – – – 54 – – – – 55 ... Kapitel 1 Tag 1 Polizeipräsidium Koblenz, 09:15 Uhr Der Morgen hatte so friedlich begonnen, dass Kriminalhauptkommissar Ulf Auer sich nicht hätte vorstellen können, dass an diesem Frieden recht plötzlich etwas zerbrechen könnte. Er und sein Team von der Mordkommission des Polizeipräsidiums Koblenz hatten in Ruhe und gemeinsam Kaffee getrunken und sich dann an die Erledigung von Routinearbeiten gemacht: alte Akten aufarbeiten, Überstundenzettel ausfüllen, Reisekosten beantragen oder noch fällige Berichte zu Ende schreiben. Es gab immer etwas zu tun, auch wenn gerade kein aktuelles Tötungsdelikt ihre ungeteilte Aufmerksamkeit verlangte. Er lehnte sich bequem in seinem Bürostuhl zurück und ließ seinen Blick durch das Großraumbüro „seiner“ Mordkommission gleiten. Die anderen Mitglieder seiner Truppe saßen an ihren Schreibtischen und waren in ihre jeweilige Arbeit vertieft. Kriminaloberkommissar Gerd Duben, der niemals wirklich darunter gelitten hatte, dass er vom Hauptkommissar zum Oberkommissar degradiert worden war, weil er in volltrunkenem Zustand einen Dienstwagen gegen eine Wand gesetzt hatte. Der Siebenunddreißigjährige und inzwischen trockene Alkoholiker war Ulfs bester Freund, ein sehr zuverlässiger Ermittler und eine große Unterstützung. Kriminaloberkommissar Klaus Saibling, den alle nur „Fisch“ nannten, wobei keiner mehr wusste, ob er den Spitznamen seinem Nachnamen oder seiner Fähigkeit, sich aus allen Schwierigkeiten wie ein Aal herauszuwinden, zu verdanken hatte. Fisch war ein Computergenie und hatte sich schon mehrfach Disziplinarverfahren eingefangen, die aber alle ins Leere gelaufen waren, weil man ihm nie etwas bezüglich seiner teilweise illegalen Aktivitäten im Internet hatte nachweisen können. Der Zweiunddreißigjährige nahm es mit den gängigen Vorschriften, was den juristisch einwandfreien Zugriff auf das Internet anging, nicht wirklich genau, war aber immer so schlau gewesen, sich nicht erwischen zu lassen. Das älteste Mitglied der Truppe, der siebenundfünfzigjährige Harald „Harry“ Kruse, war im Grunde harmlos, aber dennoch Ulfs größtes Sorgenkind. Harry war der typische Dandy, gab und kleidete sich trotz seines Alters wie ein dreißig Jahre jüngerer Mann und kaschierte seine mangelnde Körpergröße mit hochhackigen Stiefeletten. Das Problem mit ihm war, dass er die Finger nicht von jüngeren Frauen lassen konnte, unabhängig davon, ob sie verheiratet oder vielleicht sogar Zeuginnen in Ermittlungsverfahren waren. Das hatte ihm schon sehr viele Schwierigkeiten und in einem Fall sogar ein Disziplinarverfahren eingebracht und war auch der Grund gewesen, warum man ihn zu Ulf Auer versetzt hatte – in die sogenannte „Loser-Truppe“. Ulf Auer selbst war zwar ein anerkannter und aufgrund seiner Erfolge geachteter Ermittler, hatte aber sein Mundwerk nicht im Griff und war deshalb immer wieder mit den Personen seines beruflichen Umfeldes, vor allem mit seinen Vorgesetzten, aneinandergeraten. Er war deshalb in Ungnade gefallen, und das war auch der Grund gewesen, warum seine Mordkommission in einen Kellerraum verbannt worden war, der nun als Großraumbüro eingerichtet die Heimat seiner Truppe darstellte. Aber inzwischen fühlten sie sich hier so heimisch, dass sie nicht wieder in eine bessere Unterbringung wechseln wollten. Nach dem spektakulären Erfolg im vergangenen Jahr, als sie einen psychopathischen Serienkiller zur Strecke gebracht hatten, hatte der Polizeipräsident sie belohnen wollen und eine Rückkehr in die oberen Etagen des Polizeipräsidiums angeboten, aber Auer hatte nach Rücksprache mit seinen Leuten dankend abgelehnt. Sein umherschweifender Blick blieb an ihrem „Neuzugang“ hängen, der, oder besser gesagt, die erst vor drei Monaten ihren ersten festen Arbeitsplatz bei der Kriminalpolizei bei ihnen eingenommen hatte. Corinna Crott, die von allen nur Coco genannt wurde, hatte vor drei Monaten ihre Ausbildung zur Kriminalkommissarin mit Auszeichnung abgeschlossen und war danach durch Auers Fürsprache und auch als Anerkennung ihrer Rolle bei der Lösung des letzten großen Falles sofort der Mordkommission Koblenz zugeordnet worden. Alles in allem hätte Auer wohl mehr als zufrieden sein können, wenn ... ja, wenn da nicht noch immer der ungeliebte direkte Vorgesetzte, Kriminaloberrat Wasgau, der Leiter des K 11, gewesen wäre. Ulf schüttelte missmutig den Kopf, als er an den Schwiegersohn des Polizeipräsidenten dachte, der ihm und seiner Mannschaft immer wieder Schwierigkeiten machte, wenn es um Entscheidungen über die Vorgehensweise oder den Umgang mit den Medien ging. Aber ihm war klar, dass es eben nicht immer nur Licht, sondern auch Schatten gab und er sich wohl mit dem Umstand abfinden musste, dass er einen schwierigen und häufig wenig kompetenten Vorgesetzten ertragen musste. Er dachte an die vielen Streitgespräche, die er mit Wasgau in den vergangenen Monaten geführt hatte, und musste lächeln. Sein Chef war ihm weder in Diskussionen noch in Fragen des Sachverstandes gewachsen, weshalb Wasgau oft mit eingezogenem Schwanz von dannen hatte ziehen müssen. Sein Telefon klingelte aufdringlich, und noch immer lächelnd nahm er den Hörer auf. „Auer?“ Sein Lächeln erstarb, als der Anrufer ihm mitteilte, dass man eine Leiche gefunden habe und die Auffindesituation keinen Zweifel daran ließe, dass es sich um einen Fall für die MK handele. Nachdem er sich alle Informationen hatte geben lassen und diese notiert hatte, legte er auf. „Alle Mann, Achtung“, rief er in den Raum und hatte sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit der Anwesenden. „Wir haben einen neuen Fall, und nach allem was ich bisher weiß, könnte das wirklich interessant sein.“ Kapitel 2 Koblenz-Wallersheim, Industriegebiet, 09:45 Uhr Der Parkplatz des „Lasertag-Zentrums“ im Industriegebiet von Koblenz-Wallersheim wäre leer gewesen, wenn nicht drei Streifenwagen und das Fahrzeug eines Bestattungsunternehmens in unmittelbarer Nähe des Einganges geparkt gewesen wären. „Was ist das denn für ein Laden?“, fragte Harry Kruse erstaunt, als Auer den Dienstwagen direkt neben einem Streifenwagen parkte. „Lasertag, kennst du das nicht?“, fragte Auer überrascht zurück. „Lesen kann ich selbst, aber was ist das für eine Firma? Stellen die Laser her, oder was?“ Auer musste kurz auflachen, denn wieder einmal zeigte sich, dass Harry mit seinen siebenundfünfzig Jahren und als ältestes Mitglied der MK nicht wirklich auf die neuen Trends der Zeit stand. Er hatte wenig mit Computern zu tun und nutzte sie lediglich im Rahmen der dienstlichen Aufgaben, wobei er aber auch regelmäßig auf die Unterstützung durch Klaus Saibling angewiesen war. Lange hatte er sich gegen ein Smartphone gewehrt und es lediglich als dienstliches Hilfsmittel akzeptiert, weil inzwischen über dieses Medium auch Bilder von Tatorten oder Beschlüsse der Staatsanwaltschaft an die Beamten übermittelt wurden. „Das, mein lieber lebensälterer Kollege, ist nach Auslegung der heutigen Jugend eine Sportstätte, in der junge Leute mit Laserwaffen aufeinander schießen, so ähnlich wie Paintball, wo sie sich in der freien Natur mit Farbkugeln beschießen.“ Harry sah ihn ungläubig an. „Du verarschst mich, oder?“ Nun musste Ulf Auer tatsächlich laut auflachen. „Nein, ehrlich nicht. Ich habe mir das interessehalber mal angesehen, und ich muss sagen ... es hat was. Ist gar nicht so uninteressant, ganz spannend und tatsächlich auch anstrengend, wenn man nicht zu früh wegen zu vieler Treffer ausscheiden will.“ Harry Kruse schüttelte ungläubig den Kopf und murmelte, während sie ausstiegen und sich zum Eingang des Gebäudes begaben, irgendetwas vor sich hin. Auer konnte lediglich etwas wie: „Ich versteh die Welt nicht mehr“, verstehen. Noch während sie durch den Eingang das Gebäude betraten, sah er aus den Augenwinkeln, dass der Dienstwagen mit Gerd Duben und Coco gerade auf das Gelände einfuhr. Ein Uniformierter, der direkt hinter der Eingangstür stand, sprach Auer an: „Einmal ganz durch und dann hinten rechts, in einem Lagerraum ... da hängt er. Die Spurensicherung ist schon da.“ Ulf und Harry folgten seiner Richtungsangabe und bewegten sich zwischen eingezogenen Wänden und Hindernissen durch eine Art Labyrinth, das jedoch aufgrund der eingeschalteten Deckenbeleuchtung nicht schwierig zu durchschreiten war. Auer bemerkte, dass Harry sich die ganze Zeit verwundert umblickte, immer wieder den Kopf schüttelte und vor sich hin murmelte. Auf der einen Seite fragte er sich, ob Harry in seinem Alter dem Wandel der Zeit und der Gebräuche noch lange gewachsen sein würde, andererseits hatte das Alter auch etwas für sich. Harry erinnerte sich an Vorgänge, die schon viele Jahre zurück lagen, und zog Rückschlüsse aufgrund seiner langjährigen Erfahrung in verschiedenen Bereichen der Kriminalpolizei. „Und was machen die jungen Leute in diesem Laby­rinth nun ganz genau?“, fragte er gerade, während sie zwischen den etwa zwei Meter hohen Wänden durch diesen künstlichen Irrgarten gingen. „Sie kämpfen sich in Teams zwischen diesen Wänden und Deckungen durch und schießen mit Lasergewehren auf die Mitglieder des anderen Teams. Dabei tragen sie Westen, die einen Treffer mit dem Lasergewehr registrieren und irgendwann anzeigen, dass ein Gegner ausgeschaltet ist“, entgegnete Ulf geduldig. „Ich habe allerdings irgendwo gelesen, dass es inzwischen Westen gäbe, die leichte elektrische Stromstöße an den Träger weitergeben, damit auch ein Streifschuss wenigstens ein wenig Schmerzen verursacht. Ich glaube, das ist aber bisher nur in den USA erlaubt.“ Belustigt stellte Ulf fest, dass Harry immer noch fast ununterbrochen den Kopf schüttelte. Er wurde von weiteren Erläuterungen erlöst, als sie das Ende der Halle erreichten, wo ein anderer Uniformierter stand, der einem Spurensicherungsbeamten im weißen Overall die Tür zu einem Raum aufhielt, aus dem er mit seinem Alukoffer und einer großen Plastiktüte gerade heraustrat. Der Beamte erkannte Ulf und Harry sofort. „Ihr kommt ein wenig zu spät, sie haben ihn soeben abgehangen. Da müsst ihr euch dann schon die Fotos ansehen. War übrigens ein interessanter Anblick, wie der da so hing. Hat mich ein bisschen an ein Schlachthaus erinnert ... nur nicht so kalt.“ Ulf nickte lediglich schweigend und würdigte ihn keiner Antwort. Sie wäre vermutlich etwas barsch ausgefallen, da ihn die lockere Art, mit der viele Beamte der Spurensicherung, die ja an fast jeden Tatort gerufen wurden, schon immer gestört hatte. Es mangelte vielen von ihnen an Empathie und Pietät. Grundsätzlich hatte er Verständnis dafür, dass diese Arbeit zu einer Verrohung oder Abstumpfung führte, denn anders wäre diese Tätigkeit langfristig wohl nicht zu ertragen gewesen. Aber dennoch störte es ihn, wenn an Fundorten von Leichen Witze gerissen wurden oder gelacht wurde. Er und Harry betraten den Raum, bei dem es sich um ein Lager handeln sollte, was sie an zwei Regalwänden bestätigt sahen, in denen Bekleidung und technische Gerätschaften abgelegt waren. Zwei weitere Wände bestanden aus unbehandeltem Beton, in dem Haken und Ösen eingelassen waren, deren Zweckbestimmungen nicht sofort ersichtlich waren. Eine schwere Eisenkette war an einem Haken in der Wand befestigt und führte über eine Öse in der Decke wieder nach unten. In der Verlängerung darunter befand sich eine riesige Pfütze, bei der Ulf Auer davon ausging, dass es sich um Blut handelte. Bei der Größe der Pfütze ging er ebenfalls davon aus, dass die Person, die noch vor Kurzem an der Kette gehangen haben musste, komplett ausgeblutet war. Die Leiche lag etwas abseits außerhalb der Blutlache auf einer Plastikfolie, um Verunreinigungen vom Hallenboden an der Kleidung zu vermeiden. Ulf und Harry näherten sich langsam dem Körper, über den einer der Spurensicherungsbeamten gebeugt stand und mit behandschuhten Händen gerade die Gesäßtasche der blutdurchtränkten Hose durchsuchte. Ein weiterer Beamter machte Fotografien aus allen möglichen Blickwinkeln. „Und, was könnt ihr uns denn schon sagen?“, fragte Harry den Kollegen, der gerade eine Brieftasche herausgezogen hatte und diese aufklappte. „Mit etwas Glück gleich noch mehr, als dass wir hier eine männliche Leiche haben, die offensichtlich ausgeblutet ist. Also gedulde dich noch ein paar Sekunden.“ Ulf grinste in sich hinein. Es war typisch für Harry, die Initiative zu ergreifen und sofort zu fragen, anstatt darauf zu warten, dass der Kollege ihnen die Informationen von sich aus gegeben hätte. Geduld war noch nie Harrys Stärke gewesen. Zum Glück wurde seine mangelnde Geduld nicht auf eine große Probe gestellt, denn bereits nach wenigen Augenblicken richtete sich der Beamte ächzend auf und entnahm der Brieftasche mehrere mit Blut beschmierte Karten. „Ihr habt Glück, Freunde. Der Personalausweis lag zwischen Führerschein und irgendwas anderem und ist gut lesbar. Wenn ich es richtig entziffern kann, heißt euer Opfer Raimund Kellermann, ist, beziehungsweise war ... Moment ...“, er richtete die Augen gegen die Decke und bewegte lautlos die Lippen, „ ... wenn ich richtig rechne, fünfundvierzig Jahre alt. Als Wohnort ist hier Koblenz, Simmerner Straße 74, angegeben.“ Ulf hob überrascht die Augenbrauen an. Diese Gegend war jedem Kriminalbeamten in Koblenz nur zu gut bekannt, denn in dieser Straße befand sich unter der Hausnummer 14A die Justizvollzugsanstalt Koblenz im Stadtteil Karthause. Die Adressen mit den höheren Hausnummern lagen oberhalb der JVA und hatten oft einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt. „Was kannst du uns denn zum mutmaßlichen Todeszeitpunkt sagen?“, fragte Ulf, nachdem er sich die Daten notiert hatte. Der Spurensicherer wiegte den Kopf hin und her, bevor er antwortete. „Angesichts der hohen Temperatur in diesem Raum“, er wischte sich mit dem Ärmel seines weißen Overalls den Schweiß von der Stirn, „bin ich so kühn, mal zu behaupten, dass euer Opfer seit mindestens sechs Stunden tot ist. Soweit ich mitbekommen habe, war ein Mitarbeiter dieses Tempels der Schießwütigen gestern um vierundzwanzig Uhr das letzte Mal in diesem Raum.“ Er grinste breit. „Ich geh mal davon aus, dass das Opfer da noch nicht hier hing. Da er vermutlich hier ausgeblutet ist, können wir den Todeszeitpunkt wohl auf irgendwann zwischen null und zwei Uhr festlegen, da der Tote heute Morgen um neun Uhr entdeckt wurde. Aber da müsst ihr sicherlich noch ein wenig ermitteln, und da gibt es ja auch noch die Rechtsmedizin.“ Zwischenzeitlich waren auch Gerd Duben und Coco Crott hinzugekommen und hatten die letzten Ausführungen mitgehört. Beide waren so umsichtig, keine Fragen zu stellen, die Ulf oder Harry vielleicht schon längst gestellt hatten. „Okay“, meinte Ulf nachdenklich. „Dann schlage ich vor, dass Harry und ich wieder ins Präsidium zurückkehren und ihr ...“, er blickte Duben und Coco an, „... seid bitte so gut und klärt hier die noch offenen Fragen. Also, wer hat Zugang, wer sind die Beschäftigten ...? Ach was, das brauch ich euch ja nicht zu sagen.“ Er hatte den vorwurfsvollen Blick von Duben bemerkt, der sehr genau wusste, welche Ermittlungen an einem Tatort durchzuführen waren. Und selbst Coco, die ja gerade erst ihre Prüfung abgelegt hatte, war mit Sicherheit in der Lage, an alle wichtigen Ermittlungen zu denken. Aber Ulf konnte seine Angst, irgendetwas könnte in Vergessenheit geraten oder übersehen werden, einfach nicht unterdrücken. „Sorry, Leute. Wir machen uns jetzt auf den Weg, und wir können uns ja jederzeit telefonisch austauschen. Ich sende Fisch gleich die Personalien des Opfers, und dann schauen wir mal, was er im Internet über ihn herausfinden kann.“ Noch im Hinausgehen drehte er sich ein letztes Mal um und rief dem Spurensicherer zu: „Und ihr stellt so schnell wie möglich alle Informationen in unsere Datenbank, ja?“ „Aber natürlich, großer Meister“, antwortete ihm der Kollege, „gut, dass du es erwähnt hast. Ich hätte sicherlich nicht dran gedacht.“ Ulf Auer sah zu, so schnell wie möglich wieder zum Auto zu kommen, konnte aber nicht verhindern, dass ihn das Gelächter der Kollegen verfolgte. Kapitel 3 Polizeipräsidium, Büro der MK, 10:30 Uhr „Also, was wollt ihr denn so wissen?“, begrüßte Fisch seine Kollegen Auer und Harry, als sie den Kellerraum betraten, in dem die Mordkommission angesiedelt war. Das Großraumbüro, in das die Truppe vor mehr als einem Jahr verbannt worden war, stellte inzwischen eine gut ausgestattete Zentrale für das fünfköpfige Team dar, in der es an nichts fehlte: Eine moderne Kaffeemaschine war ebenso unverzichtbar wie die Besprechungsecke, und die locker auf den etwa fünfzig Quadratmeter großen Raum verteilten Schreibtische boten ausreichend Platz. Des Weiteren verfügte der Raum über eine kleine Teeküche und eine eigene Toilette mit Waschgelegenheit. Als einziges Manko empfand Auer lediglich die auf einer Seite des Raums gelegenen mickrigen Oberlichter, die nur sehr wenig Tageslicht in den Raum gelangen ließen. „Du hast also schon ein wenig das Internet gequält“, bemerkte er jetzt mit einem anzüglichen Grinsen. „Was hast du denn so über unser Opfer herausfinden können?“ „Eine ganze Menge. Der war schon ein recht erfolgreicher Geschäftsmann. Seine Werbe- und Marketingfirma ist wohl ziemlich renommiert, hat die Geschäftsräume im Zentrum von Koblenz, und seine Villa auf der Karthause ist, wenn man den Luftaufnahmen bei Google Earth glauben darf, auch nicht ohne.“ „Familienstand?“, warf Harry in die Unterhaltung ein. „Geschieden, wobei ...“, Klaus Saibling machte eine bedeutungsschwere Pause, „... ich mit dem Scheidungsurteil nicht so ganz klarkomme.“ Er hielt inne, als er die hochgezogenen Augenbrauen von Auer sah. „Mensch, Ulf, mach dir nicht ins Hemd. Die Datenbank des Familiengerichtes ist jetzt wirklich keine große Sache. Also keine Angst, da merkt schon keiner, dass ich da mal nachgesehen habe. Wir müssen die Unterlagen halt nachträglich noch offiziell anfordern, aber zumindest wissen wir schon mal, dass es sich vermutlich lohnt.“ Auer stöhnte vernehmlich auf, und Harry grinste still in sich hinein. „Eines Tages fällst du wirklich mal auf, und eigentlich würde ich dich ungern verlieren. Aber du musst es ja wissen, was du da so auf eigene Gefahr treibst. Also ...“, fragte Ulf schließlich, „... was ist da so ungewöhnlich oder schwer zu verstehen?“ Fisch ließ sich Zeit, und sein zufriedener Gesichtsausdruck zeigte, dass er es genoss, wieder einmal aufgrund seiner illegalen Aktivitäten mehr zu wissen als alle anderen. Schließlich ließ er sich dazu herab, zu berichten. Auer und Harry hatten sich Stühle herangezogen und lauschten ihm aufmerksam. „Also ... es gibt da Andeutungen, nichts wirklich Genaues leider, dass er seine Frau – oder besser Ex-Frau – in den Wahnsinn getrieben haben muss aufgrund bestimmter psychischer Defizite, die sie nicht mehr aushalten konnte. Vermutlich“, er lachte laut auf, „hatte das Gericht wohl Angst vor genialen Hackern, die diese Unterlagen einsehen könnten, weshalb da keine genauen Erkenntnisse drinstehen.“ Als das wohl erwartete Lob seiner Genialität ausblieb, fuhr er etwas frustriert fort: „Na ja, wie dem auch sei, er musste auf jeden Fall einen nicht unerheblichen Betrag an Unterhalt zahlen, weshalb ich die Ex-Frau mal von der Liste der Verdächtigen streichen würde, denn die hat jetzt auf jeden Fall die A-Karte gezogen, wenn die Zahlungen ausbleiben.“ Harry Kruse hatte die Stirn gerunzelt, und seine Augenbrauen hatten sich zusammengezogen. „Das ist alles? Ich fass es nicht. Und über solche Kleinigkeiten machst du so einen Aufriss? Pah!“ Er hatte sich erhoben und war in Richtung der Kaffeemaschine aufgebrochen. Dabei grummelte er vor sich hin und brachte so sein Missfallen zum Ausdruck. „Was hast du denn bisher in der Sache geleistet, hä?“, rief Fisch ihm hinterher, und Auer sah sich genötigt, einzugreifen. „Jetzt mal langsam, Jungs. Das ist doch für den Anfang schon mal was. Ich halte das für einen guten ersten Ansatzpunkt, und vielleicht bekommen wir ja bei den Ermittlungen am Arbeitsplatz oder der Vernehmung der Ex-Frau genauere Hinweise darauf, wo ein mögliches Motiv liegen könnte und um was für ein Problem es sich handelt, an dem die Ehe gescheitert ist. Zumindest“, rief er etwas lauter in Richtung Kaffeemaschine, „wissen wir ja schon mal, auf was wir achten müssen!“ „Pah“, schallte es wenig überzeugt von der Kaffeemaschine herüber. „Mach dir nichts draus“, beruhigte er Fisch, der schon zu einer weiteren Entgegnung ansetzte, „er ist bloß frustriert. Keine große Sache.“ Manchmal, dachte er leicht genervt, komme ich mir vor wie im Kindergarten, wo man ständig zwischen den sich streitenden Kleinen vermitteln muss. Hoffentlich haben Duben und Coco noch was Positives am Tatort herausbekommen können. Als hätten sie seine Gedanken hören können, öffnete sich in diesem Moment die Tür und Gerd Duben ließ Coco an sich vorbei in den Raum treten, was Auer ihm nicht zugetraut hätte, da Gerd normalerweise nicht wirklich ein Gentleman der alten Schule war. Als allerdings hinter Coco eine weitere Frau durch die Tür hereinkam, wurde ihm klar, woher die besondere Höflichkeit kam. Dicht hinter Coco Crott trat Sandra Hartung ein, die Oberstaatsanwältin, von der lediglich die Mitglieder der Mordkommission wussten, dass sie das feste Liebesverhältnis von Ulf Auer war. Wobei das mit dem „fest“ so eine Sache war, von deren fehlender Beständigkeit die Kollegen zum Glück selten etwas mitbekamen. Leider viel zu oft gerieten Ulf und Sandra aneinander, wobei es meistens um die mögliche Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft ging. Momentan befanden sie sich in einer der „Friedensphasen“, in der das Thema eben gerade mal kein Thema war. Der Blick der Neununddreißigjährigen erhellte sich, als sie Ulf sah, und sie ging mit einem kurzen Nicken in Richtung der anderen geradewegs auf ihn zu. „So, ihr habt also wieder einen neuen Mordfall, und wenn die Informationen, die mir bisher vorliegen, richtig sind, dann handelt es sich mal wieder um etwas Spektakuläres, richtig?“ „Ja, leider“, seufzte Ulf, während er um ihre Taille griff, sie zu sich heranzog und ihr einen kurzen Kuss auf die Lippen gab. „Der Tatort lässt darauf schließen, dass es sich nicht um ein spontanes Verbrechen gehandelt hat, sondern von langer Hand geplant und vorbereitet war. Aber diesbezüglich stehen wir wirklich noch ganz am Anfang.“ Sandra Hartung schüttelt ihre lange schwarze Mähne, die ihr helles Gesicht mit den rot geschminkten Lippen so kontrastreich einrahmte. „Ich will doch hoffen, dass es sich nicht wieder um den Auftakt einer Serie handelt. Sollten wir eine Sonderkommission bilden, damit ihr Unterstützung bei den Ermittlungen habt?“ „Gott bewahre“, beeilte sich Auer zu entgegnen. „Mal den Teufel nicht an die Wand. Bisher kommen wir sicherlich noch alleine zurecht, und an einen neuerlichen Serientäter will ich gar nicht denken. Aber da fällt mir ein, dass ich Coco und Gerd noch über den Ermittlungsstand informieren wollte, und dabei kannst du gleich zuhören.“ Er winkte Coco und Gerd zu sich heran, und sie setzten sich gemeinsam an den kleinen Besprechungstisch. „Auch einen Kaffee, Frau Oberstaatsanwältin?“, fragte Coco noch stehend. Sandra Hartung bejahte, und Coco beeilte sich, zwei Tassen Kaffee zu holen und an den Tisch zu bringen. „Okay“, fragte Coco, nachdem sie sich gesetzt hatte, „was gibt es, was wir noch nicht wissen? Ich kann jetzt schon sagen, dass es auf jeden Fall mehr ist, als wir am Tatort herausfinden konnten, aber dazu gleich mehr. Du zuerst“, sagte sie in Richtung Auer und nippte an ihrem Kaffee. Auer erzählte von den Erkenntnissen bezüglich der Ex-Frau, wobei er es vermied, die Quelle der Informationen zu nennen. Aus den zusammengekniffenen Augen und dem misstrauischen Seitenblick in Richtung Fisch durch Sandra Hartung konnte er allerdings schließen, dass sie sich denken konnte, dass diese Informationen auf bestenfalls halb legalen Wegen an die MK gelangt waren. „Und was habt ihr vom Tatort zu berichten?“, lenkte Auer mit seiner Frage an Duben die Aufmerksamkeit der Oberstaatsanwältin von Fisch ab. „Berichte du, Coco, es frustriert mich zu sehr“, antwortete Duben genervt. Coco nahm sofort den Faden auf. „Nun ja, es ist wirklich nicht sehr erfreulich. Das ist der denkbar schlechteste Tatort, den man sich vorstellen kann, zumindest aus unserer Sicht. Für den oder die Täter war es ein Segen. Keine Alarmanlage, keine Videoüberwachung, Unmengen von Schlüsseln, über die es keine Nachweise gibt, zahlreiche Angestellte, überwiegend Teilzeitkräfte, und vor allem keine Kundendatei, aus der wir eruieren könnten, wer alles die Anlage ausgespäht haben könnte. Wir haben selbstverständlich eine Liste aller Beschäftigten, und Fisch kann ja mal in den einschlägigen Systemen checken, ob jemand Bekanntes dabei ist, aber ich verspreche mir nicht wirklich viel davon. Da jede Menge junger Leute einfach so vorbeikommen und sich stundenlang zum Spielen dort aufhalten können, kann es Hunderte von Leuten geben, die sich dort in aller Ruhe umgesehen haben und dabei feststellen konnten, wie einfach es ist, da reinzukommen und wie lange die Anlage zwischen den Öffnungszeiten in der Nacht verwaist und unbewacht ist. Tut mir leid.“ Auer winkte ab. „Das ist dann halt nicht zu ändern. Also ermitteln wir erst mal mit dem Wenigen, was wir bisher haben. Ich schlage deshalb vor“, fuhr er nach kurzer Überlegung fort, „dass ein Team sich schnellstmöglich in diese Werbeagentur begibt und dort die Ermittlungen aufnimmt. Ein weiteres Team sollte versuchen, die Ex-Frau ausfindig zu machen und zu befragen. Wer macht was?“ Er sah, wie Sandra Hartung die Augen verdrehte. Er wusste, dass sie es nicht verstand, wie viel Entscheidungsfreiheit er seinen Mitarbeitern ließ. Sie an seiner Stelle hätte eine Einteilung vorgenommen, egal, ob die ihren Mitarbeitern gefallen hätte oder nicht. Kapitel 4 Werbeagentur Kellermann, 11:30 Uhr „Das ist jetzt ein Scherz, oder? Ist das ‚Versteckte Kamera‘?“ Duben sah den Mitarbeiter der Werbefirma entgeistert an. Man erlebte ja eine Menge an unterschiedlichen Reaktionen, wenn man Todesnachrichten überbrachte, aber ein grinsender Mitarbeiter, der an einen Scherz zu glauben schien, war ihm bisher noch nicht untergekommen. „Nein“, antwortete er barscher, als es vielleicht angebracht war, aber der Typ kam ihm übermäßig gut gelaunt vor, und an seinem amüsierten Gesichtsausdruck änderte sich auch dadurch nichts, dass Duben ihm den Dienstausweis vor die Nase hielt. „Echt jetzt? Ohne Quatsch? Wow, das ist ja mal eine gute Nachricht.“ Sowohl Harry als auch Duben sahen den etwas zu flippig angezogenen Mittvierziger verständnislos an und wussten beide nicht, wie sie reagieren sollten. Gerd Duben öffnete mehrmals den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn aber sofort wieder, weil ihm nicht die richtige Entgegnung einfallen wollte. Zum Glück erlöste der Mann sie aus ihrer Unsicherheit, indem er die Tür weit aufriss und sie gut gelaunt einlud: „Kommen Sie rein, kommen Sie rein. Sie müssen uns alles genau erzählen. Nur einen kleinen Moment, ich ruf mal die Kolleginnen und Kollegen zusammen.“ Duben sah Harry mit offenem Mund an und schüttelte nur den Kopf. Harry zuckte schweigend mit den Schultern und folgte dem Mann in die Räume der Werbeagentur. Der Kollege, der sie an der Tür empfangen hatte, gab ihnen nicht die Chance, die Nachricht selbst zu überbringen, denn gerade als sie in das Großraumbüro eintraten, in dem drei weitere Männer und drei Frauen an ihren Computern saßen, verkündete er: „Leute, aufgepasst, hier sind zwei von der Kripo, die uns die frohe Botschaft überbringen, dass unser geliebter Chef tot ist. Angeblich ist es kein Scherz, aber das werden sie uns sicherlich noch genauer erklären.“ Obwohl Duben von dieser Ankündigung schockiert war, beobachtete er dennoch sehr genau die Reaktionen der Anwesenden. Zwei der Frauen schienen geschockt, eine machte einen sichtlich erleichterten Eindruck, und die drei Männer grinsten. Was ist das denn für ein Laden? Haben die keine Angst davor, dass die Firma jetzt den Bach runtergeht und sie ihre Jobs verlieren? Duben hatte wirklich schon viel erlebt, aber so etwas noch nie. Er musste sich zusammenreißen, um sich auf die übliche Vorgehensweise zu konzentrieren. „Harry, du die Männer, ich die Frauen.“ Harry verdrehte die Augen, fügte sich aber in sein Schicksal. Er schien genau zu wissen, dass Duben ihn andernfalls auf seine zahlreichen Verfehlungen im Zusammenhang mit Zeuginnen hingewiesen hätte. Gerd deutete mit dem Finger auf den flippigen Mitarbeiter. „Sie gehen mit dem Kollegen, die anderen Herren warten hier, bis sie an der Reihe sind. Ich möchte zuerst mit Ihnen reden ...“, er deutete auf die Dame, die einen so auffällig erleichterten Eindruck gemacht hatte, „... und mit den anderen Damen unterhalte ich mich im Anschluss.“ Er wandte sich der etwa fünfundzwanzigjährigen und ausgesprochen hübschen Brünetten zu. „Wo können wir uns denn mal in Ruhe unterhalten?“ Kapitel 5 Mülheim-Kärlich, 11:40 Uhr Auer und sie waren schon auf der Fahrt übereingekommen, dass Coco die Gesprächsführung übernehmen sollte, quasi „von Frau zu Frau“. Damit hatte Coco kein Problem. Sie wusste nur zu gut, dass es bei einer solchen Nachricht von Vorteil sein konnte, wenn sie von einer Frau überbracht wurde. Eventuell brach die Empfängerin der Nachricht zusammen und musste in den Arm genommen werden. Da war es besser, wenn das eine Beamtin machte, um alle möglichen Missverständnisse zu vermeiden. Es war kein Problem gewesen, Verena Kellermann, die Ex-Frau des getöteten Raimund Kellermann, als inzwischen in der kleinen Stadt Mülheim-Kärlich, nur zehn Kilometer westlich von Koblenz, wohnhaft auszumachen. Sie hatte sich ordentlich umgemeldet, und bereits in den Scheidungsunterlagen war ihre noch immer gültige Adresse angegeben gewesen. Sie bewohnte laut Meldeunterlagen das kleine Einfamilienhäuschen alleine, ging keiner Beschäftigung nach, und sie hatten auch insofern Glück, dass ihnen bereits wenige Sekunden nach ihrem Läuten geöffnet wurde. Bereits aus dem Scheidungsurteil war ersichtlich gewesen, dass Verena Kellermann ganze zehn Jahre jünger war als ihr nun verstorbener Ex-Mann. Die gepflegte Blondine, die ihnen die Tür öffnete und sie fragend ansah, machte auf Coco sofort einen Eindruck, zu dem ihr lediglich der Ausdruck „Luxus-Weibchen“ einfiel. „Ja, bitte?“, fragte sie, sah ihnen direkt ins Gesicht und strich sich mit überlangen und grellrot lackierten Fingernägeln die langen blonden Haare zurück. Wäre sie nicht dabei gewesen, hätte Coco ihr gesamtes Auftreten als sofortigen Flirtversuch mit Auer ausgelegt. Sie beeilte sich, ihr Anliegen so schnell wie möglich vorzutragen, damit kein falsches Bild entstand. „Guten Tag, Frau Kellermann, mein Name ist Crott, und das ist mein Kollege Auer. Wir kommen vom Polizeipräsidium Koblenz und haben leider schlechte Nachrichten für Sie. Dürfen wir hineinkommen?“ Sowohl sie als auch Auer hatten ihre Ausweise gezückt und hochgehalten. Ihre Reaktion zeigte Coco, dass sie vermutlich weder Kinder noch Geschwister hatte, um die sie sich hätte Sorgen machen können. Ansonsten wäre die wahrscheinlichste Reaktion auf eine solche Ankündigung ein erschrockenes: „Oh Gott, ist was mit ...?“, gewesen. Sie hatte die Stirn gerunzelt und sah sie misstrauisch an. „Da ich vor fünf Minuten mit meiner Mutter in Frankfurt telefoniert habe, kann da eigentlich nichts vorgefallen sein, also bin ich mal gespannt, was Sie mir Schlimmes erzählen wollen.“ Na, das kann ja heiter werden, dachte Coco überrascht. Laut Scheidungsurteil waren Frau Kellermann und ihr Ex-Mann erst seit vierzehn Monaten getrennt und seit drei Wochen geschieden, aber sie schien keine Sekunde an ihren Ex-Mann zu denken. Sie folgten der schnellen Schrittes vorausgehenden Frau ins Haus, bis sie in ein edel eingerichtetes Wohnzimmer gelangten, wo sie auf eine große Ledercouch wies. „Nehmen Sie Platz. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten oder ein Wasser?“ „Ein Kaffee wäre sehr nett“, kam es wie aus der Pistole geschossen von Auer, und Coco musste sich ein Grinsen verkneifen, offensichtlich hatte er Angst, sie würde ablehnen. Verena Kellermann ließ sich Zeit, man hörte sie in der Küche rumoren, und kurz darauf kam sie mit einem Tablett zurück, auf dem sie drei dampfende Tassen, Milch, Zucker, Süßstoff und einige Plätzchen ins Wohnzimmer trug. Sie platzierte die Tassen vor Coco und Auer auf dem Couchtisch, nahm sich selbst eine Tasse und ließ sich schließlich in einem Sessel nieder. Ihr war keine Neugier anzumerken, und Coco fragte sich, wie sie das werten sollte. Normalerweise blieb niemand so cool, wenn die Polizei mit einer nicht näher bezeichneten „schlechten Nachricht“ erschien. „Nun“, eröffnete Verena Kellermann schließlich das Gespräch, „was ist denn so Schreckliches passiert?“ Dabei sah sie abwechselnd Coco und Auer an, als wartete sie darauf, wer denn nun so kühn sein würde, ihr die Botschaft zu überbringen. Coco hatte genug Zeit gehabt, sich eine an diese kalte Gelassenheit angepasste Vorgehensweise zu überlegen. „Ihr Mann wurde ermordet.“ Kein Drumherumgerede, kein vorsichtiges Herantasten, sondern einfach die Fakten. Verena Kellermanns Reaktion hätte nicht überraschender sein können. „Soso. Und was geht das, mal abgesehen von dem Umstand, dass er mir nun keinen Unterhalt mehr zahlen wird, mich an? Das hätte mir auch das Gericht mitteilen können. Oder der Notar, falls ich wider Erwarten vielleicht doch was erbe.“ Sie sah die beiden weiterhin ohne die geringste Gefühlsregung erwartungsvoll an, und Auer war schockiert. Bevor er irgendetwas sagen konnte, ergriff Coco schnell wieder das Wort. „Angesichts des Umstandes, dass Sie nicht wirklich betroffen wirken, erlaube ich mir, offen mit Ihnen zu reden. Mal abgesehen davon, dass Sie im Erbfall auf jeden Fall zum Kreis der Tatverdächtigen gehören, gebietet es der Anstand, dass man die nächsten Angehörigen als Erstes verständigt, bevor sie die unappetitlichen Einzelheiten aus der Presse erfahren. Deshalb ...“, sie unterbrach sich, denn Verena Kellermann war in ein lautes und herzliches Lachen ausgebrochen. Coco fiel auf, dass Auer völlig schockiert immer wieder zwischen ihr und Frau Kellermann hin und her blickte. Er war weit emotionaler veranlagt als Coco und konnte offensichtlich nicht fassen, was er da hörte. Verena Kellermann hatte sich wieder etwas beruhigt. „Nächste Angehörige ... das ist gut ... da müssen Sie aber lange suchen. Zu seinen Eltern hatte der schon seit Jahren keinen Kontakt mehr, und als Einzelkind hat er ansonsten nichts, das man als ‚Angehörige‘ bezeichnen könnte. Der Arsch hat es sich eigentlich mit jedem so sehr verdorben, dass seine Beerdigung vermutlich eine ‚One-Man-Show‘ werden wird. Haha.“ Erstmals bereute Coco es, dass das Scheidungsurteil nicht mehr hergab als ein „unüberbrückbares Zerwürfnis“ aufgrund „psychischer Dissonanzen“, die allerdings nicht näher erläutert waren. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als genau diesen Punkt zu hinterfragen. „Was waren das für psychische Dissonanzen, von denen in Ihren Scheidungspapieren die Rede ist?“ Verena Kellermann reagiert nicht überrascht, dass der Polizei dieser Umstand bereits bekannt war, sondern erläuterte kalt: „Er war bekloppt. So einfach ist das. Total bekloppt.“ Sie sah die Fragezeichen in den Augen der Beamten und fuhr seufzend fort: „Okay, das ist nicht der offizielle Begriff, aber für mich hat es sich so dargestellt. Mein lieber Ex-Mann hatte Arithmomanie, und falls Ihnen das nichts sagt ...“, es sagte Coco zwar etwas, und auch bei Auer sah sie ein Verstehen, aber sie wollte die Frau nicht in ihren Ausführungen unterbrechen, „... das bedeutet ‚Zählzwang‘. Das hört sich harmlos an, aber Sie können sich nicht vorstellen, was das, verbunden mit einer despotischen Veranlagung, für seine Umgebung, also die Ehefrau, Verwandte und vor allem alle, mit denen er beruflich zu tun hatte, wirklich bedeutet. Zumal er sich gegen jede mögliche Hilfe mit aller Kraft gewehrt hat. Er wollte das zwar loswerden, hat aber alle, die ihm helfen wollten, niedergemacht und als inkompetent hingestellt.“ Coco wusste aus ihrem Psychologiestudium und aus ihrem Praktikum im „Nette-Gut“, der Einrichtung für gewalttätige psychisch Kranke, dass eine ausgeprägte Arithmomanie sowohl für den Betroffenen als auch sein Umfeld eine wirklich große Belastung darstellen konnte. Sie musste es nicht ausführen, denn das übernahm Verena Kellermann sofort und ungefragt. „Er hat alles gezählt ... ALLES! Und wehe dem, der ihn dabei unterbrach oder gar bat, das doch zu lassen. Ha! Schritte, Latten an einem Zaun, die Streifen an einem Fußgängerüberweg, Treppenstufen, Bücher in einem Regal, Fliesen auf dem Boden, die korrekte Anzahl der Tassen und Teller im Schrank, einfach wirklich alles, was zählbar war.“ Sie war während ihrer Ausführungen immer lauter geworden. „Und wenn jemand weiß, woher die Redewendungen ‚nicht mehr alle Latten am Zaun‘ oder ‚nicht mehr alle Tassen im Schrank‘ kommen könnten, dann sicherlich ich. Es war einfach nicht mehr zu ertragen.“ Sie hatte sich immer weiter nach vorne gelehnt und ließ sich nun erschöpft in den Sessel zurücksinken. Dann ergänzte sie ihre Ausführungen leise: „Wenn ich nicht so unter ihm gelitten hätte, könnte er mir nun fast leidtun. Nun aber zu sagen, das habe er nicht verdient, erschiene mir scheinheilig. Und eines kann ich Ihnen sagen“, setzte sie nach einer kurzen Pause hinzu, „Sie werden wenige finden, die anders darüber denken.“ Kapitel 6 Polizeipräsidium, Büro der MK, 17:55 Uhr Es ging auf achtzehn Uhr zu, aber es war nicht ungewöhnlich, dass sich die Mitglieder der MK bei einem aktuellen Fall um diese Zeit noch in den Diensträumen aufhielten oder, wie heute, gerade erst wieder zusammenfanden, wenn sie von verschiedenen Ermittlungsorten zurückkehrten. Obwohl Fisch den gesamten Nachmittag auf der Dienststelle vor seinem Computer verbracht hatte, war er der Erste, der an den Kühlschrank neben der Kaffeemaschine ging und sich ein „Feierabend-Bier“ herausholte. „Noch jemand?“, rief er in den Raum, aber außer einem: „Ja, ich bitte“, von Harry erntete er nur Kopfschütteln. Die anderen drei versorgten sich mit Kaffee und setzten sich an den Besprechungstisch. „Fangt ihr bitte an“, forderte Auer Duben und Harry auf, während er sich noch Milch und Süßstoff in den Kaffee einrührte. Es wunderte ihn nicht, dass Gerd Duben das Wort ergriff, denn obwohl Harry den höheren Dienstgrad hatte, war es Duben, der eloquenter war und in der Lage, sachlich und auf den Punkt die wichtigsten Fakten zu schildern, ohne ins Schwafeln zu kommen. „Ich muss ehrlich sagen, dass ich so was noch nie erlebt habe wie in dieser Werbeagentur. Wir beide nicht, oder?“, er blickte zu Harry, der nur wortlos nickte. „Von den sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Opfers waren lediglich zwei Frauen betroffen, die anderen fünf waren richtiggehend happy und erleichtert, dass der, Zitat: ‚Despot endlich weg ist!‘. Zitat Ende. Auf jeden Fall hat niemand ihm eine Träne nachgeweint. Er muss ein echter Tyrann gewesen sein, der weder Widerspruch geduldet noch eine andere Meinung als seine eigene akzeptiert hat. Er hat zwar die Agentur aus dem Nichts heraus aufgebaut und groß gemacht, aber dennoch hielt sich die Dankbarkeit der Mitarbeiter für ihre lukrativen Arbeitsplätze sehr in Grenzen. Also könnte man bei diesen Personen schon jemanden dabeihaben, der ein Motiv für einen Mord hat, auch wenn ich jetzt noch niemanden definitiv benennen könnte.“ Er machte eine kurze Pause und trank ein wenig von seinem Kaffee. Dann blickte er kurz auf seine Notizen, bevor er fortfuhr: „Bei einer Mitarbeiterin hatte ich zuerst so ein Gefühl, eine gewisse Katrin Günther, weil sie so unsäglich erleichtert schien, aber im Laufe des Gesprächs hat sich herausgestellt, dass er ihr gestern gekündigt hatte und sie lediglich Angst vor einem extrem schlechten Zeugnis hatte. Am meisten aufgestoßen ist mir die Art eines gewissen“, er blickte erneut auf seine Notizen, „Heinz Meiser, der seine Freude und Zufriedenheit weder verstecken konnte noch überhaupt wollte. Er muss Kellermann regelrecht gehasst haben, obwohl er sein zweiter Mann in der Agentur war. Da werden wir noch mal genau nachhaken müssen, woher dieser Hass auf seinen Chef kam. Die Kollegen wollten auch nicht damit rausrücken. Ich gebe Fisch gleich alle Namen und Daten der Personen, dann kann er mal sehen, ob er über die was rausfinden kann.“ Fisch verzog das Gesicht angesichts der auf ihn zukommenden Arbeit, kommentierte die Ausführungen aber nicht. „Ach ja, eines habe ich noch vergessen“, meldete Duben sich noch einmal zu Wort. „Raimund Kellermann muss eine erhebliche Macke gehabt haben, zumindest, wenn man den Aussagen der Beschäftigten Glauben schenken darf. Er muss wohl ständig bei Besprechungen Notizen zu den einzelnen Mitarbeitern gemacht haben und dabei gezählt haben, wer welches Wort wie oft gesagt hat oder wer sich wie oft am Kopf gekratzt hat und ähnliche Sachen. Ich weiß nicht, ob das für uns von Bedeutung sein kann, aber ich wollte es zumindest mal erwähnen.“ „Danke, Gerd“, schaltete Auer sich sofort ein, „du hast recht, es ist auch von Interesse, allerdings haben wir dazu von der Ex-Frau noch einiges mehr erfahren.“ In den folgenden Minuten schilderte er das Gespräch mit der Ex-Frau in allen Einzelheiten, wobei Coco ihm teilweise mit fachlichen Ergänzungen zu der genannten Zwangsstörung zu Hilfe kam. „Dann wäre es wohl sicherlich eine gute Idee“, merkte Duben an, „wenn wir versuchen herauszufinden, ob und wo er in Behandlung war.“ „Die Ex-Frau hat behauptet, er habe eine Behandlung abgebrochen, aber sie wisse nicht, bei welchem Arzt das gewesen ist“, erinnerte sich Auer. „Das kann eigentlich nur bei einem Psychotherapeuten gewesen sein“, steuerte Coco ihre fachlich fundierte Meinung bei. „Wenn er jemals bei einem gewesen ist, sollte das die Krankenkasse wissen oder wir finden vielleicht in seiner Wohnung Abrechnungsunterlagen.“ „Lasst uns das morgen als Erstes angehen.“ Auer blickte auf seine Armbanduhr. „Es ist schon nach achtzehn Uhr, und heute erreichen wir bei Krankenkassen eh niemanden mehr. Unter Umständen stehen uns auch ein paar anstrengende Tage bevor, weshalb wir lieber morgen ausgeruht an die Sache herangehen sollten.“ Aus den Augenwinkeln sah er, dass Fisch aufbegehren wollte, woraufhin er abwehrend eine Hand erhob. „Und nein, Fisch, du hackst dich nicht in die Datenbanken der Krankenversicherungen, dass das klar ist. Bislang ist das eine normale Mordermittlung und kein Grund zur Eile gegeben. Alles klar?“ Fisch nickte ergeben und begann, seinen Schreibtisch notdürftig aufzuräumen. Kapitel 7 Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, ging selbst um 18 Uhr 30 der Leiter der Gerichtsmedizin in Mainz bereits nach dem zweiten Klingeln ans Telefon. „Mangel?“ „Hallo, Werner, ich bin es, Ulf. Es scheint ja wohl unser Schicksal zu sein, dass wir immer dann, wenn es eine neue Leiche gibt, bis in die Puppen arbeiten müssen“, eröffnete Auer die Unterhaltung. „Hallo, Ulf, schön mal wieder von dir zu hören, wenn auch der Anlass wie meist kein sehr erfreulicher ist“, erklang die tiefe Bassstimme von Professor Werner Mangel. „Ja, das ist wahr. Aber ich befürchte, daran wird sich wohl in absehbarer Zeit nichts ändern ... leider.“ „Aber Jammern hilft wohl nichts“, entgegnete Professor Mangel, und Auer konnte sein Lächeln durch das Telefon hören. Mangel war schon seit Jahren so etwas wie ein Freund, und Ulf freute sich immer, wenn sich die Gelegenheit ergab, dass er ihn mal wieder in Mainz besuchen konnte, auch wenn es bedeutete, dass er an einer Obduktion teilnehmen musste. Allerdings reichte dafür oft die Zeit nicht, gerade wenn man mitten in den Ermittlungen zu einem Todesfall stand. Dann blieb nur das Telefon oder in Ausnahmefällen auch mal eine Videokonferenz. Er hatte seinen Freund um diese Uhrzeit angerufen, weil er wusste, dass der geniale Gerichtsmediziner mit großer Wahrscheinlichkeit noch im Institut war und ihm vielleicht schon erste Erkenntnisse mitteilen konnte. Natürlich würde Mangel den Obduktionsbericht so schnell wie möglich per Mail an die MK senden, aber vermutlich war er noch dabei, diesen zu verschriftlichen, und Auer hatte nicht den Nerv, bis zum nächsten Morgen zu warten. Er musste noch nicht einmal sagen, warum er anrief, denn das war Mangel selbstverständlich klar. „Okay, mein Freund, du möchtest also etwas über diesen neuerlichen Mord wissen, allerdings muss ich dich dahingehend enttäuschen, dass es kaum etwas zu sagen gibt, was du dir nicht selbst denken könntest. Euer Opfer wurde durch einen Schnitt in die rechte Oberschenkelarterie ins Jenseits befördert, aufgrund dessen er ausgeblutet ist. In seinen Lungenbläschen habe ich Spuren von Isofluran gefunden, ein recht schnell wirkendes Inhalationsanästhetikum, weshalb man davon ausgehen kann, dass er betäubt wurde, bevor er an den Füßen aufgehangen und danach der Schnitt in die Arterie vorgenommen wurde. Aus den Blutspuren am Körper ist der Rückschluss zulässig, dass der Schnitt tatsächlich erst angebracht wurde, als er schon kopfüber gehangen hatte. Ansonsten gibt es an dem Körper keine Spuren, die nicht mit der Auffindesituation übereinstimmen. Ich meine die Fesselung an den Füßen mit einer Kette und die Fesselung der Hände auf dem Rücken.“ Mangel machte eine Pause, als wartete er auf eine Frage von Auer. Dem fiel allerdings nichts Passendes ein. Es war frustrierend, wenn es, auch zu einem so frühen Zeitpunkt der Ermittlungen, noch keine Anhaltspunkte dafür gab, in welche Richtung man ermitteln sollte. „Ich merke“, setzte Mangel wieder ein, „dass ihr noch keine Ahnung habt, wie es weitergehen soll, habe ich recht?“ „Ja, leider“, musste Auer zerknirscht eingestehen. „Dann drücke ich euch die Daumen. Wenn ich noch etwas Außergewöhnliches finden sollte, melde ich mich natürlich sofort. Ach ja, was ich noch fragen wollte: Wie macht sich denn eure neueste Errungenschaft, die überaus talentierte Frau Crott, die ich ja seit dem letzten Jahr nicht mehr gesehen habe?“ Es freute Auer, dass Mangel sich nach Coco erkundigte, denn sie war so etwas wie sein Protegé, und es hatte ihn schon vor einem Jahr sehr gefreut, dass auch sein Freund Mangel seine Begeisterung für die junge und überaus intelligente Frau geteilt hatte. „Sehr gut, sehr gut, obwohl es noch keinen vergleichbaren Fall wie im letzten Jahr gegeben hat, bei dem sie ihre Fähigkeiten mal wieder unter Beweis stellen konnte. Aber zumindest hat sie ihre Prüfung zur Kommissarin als Lehrgangsbeste bestanden und sich wirklich wunderbar in die MK eingefügt.“ Er musste kurz auflachen. „Es ist ja wirklich ein Wunder, dass sie es tatsächlich wahrgemacht hat und sich für meine ganz spezielle Truppe beworben hat. Aber der PP hat ihrer Bewerbung zugestimmt, und meine Leute haben sie mit offenen Armen empfangen und akzeptiert. Also bin ich guter Dinge, dass sie beim nächsten großen Fall allen beweisen wird, dass ich mich zu Recht für sie eingesetzt habe.“ „Da bin ich mir ziemlich sicher, mein Freund. Mach dir keine Gedanken. Sie wird allen beweisen, was in ihr steckt. Bitte melde dich jederzeit, wenn du neue Informationen oder eine Frage hast, ja?“ „Selbstverständlich. Vielleicht wissen wir morgen ja schon etwas mehr. Mach nicht mehr zu lange. Bei dem, was du mir bisher erzählt hast, kommt es nicht auf ein paar Stunden mehr an, bis der Obduktionsbericht bei uns eintrudelt. Ich wünsch dir noch einen schönen Abend.“ „Danke, gleichfalls. Wir telefonieren.“ Kapitel 8 Tag 2 Koblenz-Karthause, 08:00 Uhr In Ermangelung anderer Ermittlungsansätze hatte Auer sich entschlossen, das Team zu begleiten, das die Villa des Opfers durchsuchen sollte. Coco freute sich darüber, denn sie arbeitete am liebsten mit Ulf Auer zusammen. Duben, Harry und Fisch waren in Ordnung, aber sie waren einfach Kollegen, mit denen man zusammenarbeitete und vielleicht auch mal nach getaner Arbeit ein Bier trinken ging. Na ja, zumindest Duben war vielleicht sogar so was wie ein Freund. Aber mit Ulf Auer war das eine andere Sache. Sie mochte ihn, bewunderte ihn seit ihrer Zusammenarbeit vor nun etwas mehr als einem Jahr und wollte von ihm lernen. Er war ihr Vorbild und ihr Mentor. Sie hing an seinen Lippen, kopierte seine Handlungen und wünschte sich nichts mehr, als einmal ein so guter Ermittler wie er zu werden. Die MK hatte sich etwas früher als gewöhnlich, also schon um 7 Uhr 30, in den Diensträumen getroffen, die Aufteilung festgelegt, und schon kurz darauf hatten sich Coco, Auer und Duben auf den Weg in den Stadtteil Karthause gemacht. Da die Schlüssel zur Villa bei der Leiche gefunden worden waren, gab es keinen Grund, einen Schlüsseldienst zu verständigen. Fisch und Harry sollten sich um die Ermittlungen zu den Terminen des Opfers kümmern, die noch aus einem mit Passwort gesicherten und bei der Werbeagentur sichergestellten Rechner extrahiert werden mussten. Des Weiteren stellte sich die Frage, wo sich der Pkw von Raimund Kellermann befand, denn das würde Aufschluss über seinen letzten Aufenthaltsort geben. Laut übereinstimmenden Angaben der Beschäftigten war Kellermann in der Agentur zuletzt gesehen worden, bevor er sich auf den Weg ins Fitnessstudio gemacht hatte. Auch dort musste überprüft werden, wann er das Studio verlassen hatte ... wenn denn jemand dazu eine Aussage machen konnte. Auer hatte sich entschlossen, zuerst eine grobe Durchsicht des Hauses durch sie drei vorzunehmen, bevor er die Spurensicherung beauftragte, durch dieses Haus zu gehen. Als eigentlicher Tatort des Mordes stand die Schießanlage „Lasertag“ schon fest, es war lediglich noch die Frage, von wo das spätere Opfer entführt worden war. Sollte sein Fahrzeug im Innenstadtbereich gefunden werden, schied die Villa als Entführungsort eigentlich aus. Das bedeutete, dass der Einsatz der Spurensicherung in einer so großen Villa maßlos übertrieben gewesen wäre. Es sei denn, sie fänden in der Villa Spuren, die auf einen Kampf, einen Streit oder eine gewaltsame Entführung hindeuteten. Coco empfand es als richtig, die Ressourcen der Spurensicherung zu schonen, denn diese Truppe hatte wahrlich genug Arbeit. „Wir teilen uns für den Anfang auf, und jeder übernimmt ein anderes Stockwerk. Coco, sei du bitte so gut und sieh dich im Kellergeschoss um, Gerd, du nimmst das Obergeschoss, und ich sehe mich hier im Erdgeschoss um.“ Duben sah ihn misstrauisch an. „Willst du Treppen vermeiden?“ Auer lachte trocken auf. „Nein, du Schlaumeier, ich möchte so schnell wie möglich am Fundort irgendwelcher Hinweise sein, und das geht am besten aus der Mitte. Und wenn einer von euch was findet, Coco im Keller oder du oben, dann muss ich die Treppen ja eh laufen, oder?“ Duben sah ihn verdutzt an, und Coco musste herzlich lachen über diesen pragmatischen Ansatz, der allerdings einer gewissen Logik nicht entbehrte. Sie fragte sich nur, ob Ulf sich das gerade erst ausgedacht hatte oder es wirklich von Anfang an sein Plan gewesen war. Dieser Mann ist manchmal einfach undurchschaubar. Kopfschüttelnd zog sie die Handschuhe über und begab sich in den Keller. Die frei stehende Villa hatte eine Grundfläche von etwa hundertzwanzig Quadratmetern, was eine Gesamtwohnfläche von circa dreihundertsechzig Quadratmetern bedeutete, und dabei war das Dachgeschoss mit vermutlich einigen Abstellmöglichkeiten unter dem Walmdach nicht mitgezählt. Als Erstes versuchte sie, sich einen Überblick über die einzelnen Räume des Kellers zu verschaffen, bevor sie sich entscheiden wollte, mit welchem Raum sie beginnen würde. Direkt nach dem Treppenabgang befand sich linker Hand der Zugang zu einer Garage, die bis auf einen Stapel Winterreifen an einer Seite des Raumes leer war. Das nächste Zimmer beinhaltete eine kleine Sauna, eine Dusche, zwei Saunaliegen und eine Sonnenbank. Coco musste grinsen. Wenn das so weiterging, war sie mit ihrem Teil der Durchsuchung relativ schnell fertig. Ihr Grinsen verstärkte sich, als sie im nächsten Raum zwei große Regale mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs wie Toilettenpapier, Küchenrollen, Reinigungsutensilien und ähnliche Dinge fand. Sie hakte den Raum als Vorratskammer ab. Das Grinsen verging ihr, als sie den nächsten, von einem kleinen Flur abgehenden Raum betrat. Bei diesem Zimmer handelte es sich ganz offensichtlich um ein Büro, das nicht nur einen großen Schreibtisch, Computer und Monitor, sondern auch an drei Wänden Regale mit umfangreichen Aktenordnern aufwies. Seufzend schloss sie die Tür wieder und setzte ihre oberflächliche Inspektionstour fort. Nachdem sie aber lediglich noch einen Heizungskeller, eine Waschküche und eine kleine Rumpelkammer vorfand, begab sie sich wieder zurück in das Büro und begann die mühevolle Arbeit, den Schreibtisch und die Akten zu sichten. Ganz in das Aktenstudium vertieft, hatte sie nicht bemerkt, dass jemand das Kellerbüro betrat, und ließ erschrocken den Ordner fallen, als hinter ihr eine Stimme ertönte. „Ich dachte, du wolltest mich rufen, wenn es etwas Interessantes zu sehen gäbe?“ Coco atmete pustend aus. „Boah, hast du mich erschreckt. Mensch, Ulf, wie kannst du dich so anschleichen?“ Sie hatte sich umgedreht und funkelte Auer böse an. Der machte ein schuldbewusstes Gesicht, aber sie konnte erkennen, dass es ihm nicht wirklich leidtat. Er schien zu überlegen, was er ihr sagen sollte. Coco winkte ab und lächelte wieder. „Okay, selbst schuld. Vielleicht hätte ich tatsächlich sofort Bescheid sagen sollen, als ich das Büro entdeckt habe. Aber vielleicht klopfst du das nächste Mal an, bevor du einen Raum betrittst, in dem sich eine schreckhafte Kollegin aufhält.“ Jetzt war es an Auer, zu lächeln. „Das ist eher unwahrscheinlich, aber egal, sorry, dass ich dich erschreckt habe. Und, hast du was Interessantes gefunden?“ „Das würde mich aber auch interessieren“, erklang die Stimme von Gerd Duben von der Tür. Diesmal zuckte Auer erschrocken zusammen, und Coco musste laut lachen. „Wir sind wohl alle ein wenig schreckhaft heute, was? Leute ... das ist doch kein Geisterhaus hier. Da wir nun alle hier sind, gehe ich davon aus, dass ihr beide in den oberen Stockwerken nichts gefunden habt. Wenn wir hier überhaupt etwas finden, dann sind es höchstens Unterlagen, die uns etwas über das Leben des Opfers sagen. An den Computer kam ich nicht ran, der ist mit einem Passwort geschützt. Da muss Fisch mal schauen, ob er das knacken kann. Aber ich habe unter all den Akten bisher lediglich eine gefunden, die uns zumindest einen Schritt weiterhilft.“ Sie sah, dass sie nun die volle Aufmerksamkeit von Duben und Auer hatte. „Es handelt sich um einen Abrechnungsordner für seine Krankenkasse, und aus den Rechnungen ist ...“, sie musste sich zurückhalten, um nicht laut „Tataa“ zu rufen, „... der Name des Arztes ersichtlich, bei dem er in psychotherapeutischer Behandlung war.“ „Und das ist ...?“, fragte Duben ungeduldig. „Ein gewisser“, sie blickte noch einmal in die Akte, die sie inzwischen wieder vom Boden aufgehoben hatte, „Doktor Heribert Rossbacher, ein Koblenzer Psychotherapeut.“ „Aha, na, dann haben wir ja jemanden, bei dem wir mal nachhaken können, woran unser Opfer gelitten hat und ob er vielleicht seinem Therapeuten etwas über andere Probleme erzählt hat.“ Coco hatte den letzten Teil von Dubens Aussage nicht mehr gehört, denn ihre Aufmerksamkeit war voll auf Auer gerichtet. Ihr war die dramatische Veränderung nicht entgangen, die mit ihm vor sich gegangen war, seit sie den Namen des Psychotherapeuten genannt hatte. Sämtliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, sein Mund stand offen, und er starrte ins Leere. Er war so geschockt, wie sie es noch nie bei ihm gesehen hatte. Kapitel 9 Koblenz-Innenstadt, 10:00 Uhr Christina hasste es, sich nach draußen zu begeben, aber es gab Dinge, die sie sich nicht liefern lassen konnte, und bestimmte Behördengänge konnte ihr auch niemand abnehmen. Es war nicht so, dass sie nicht nach draußen gehen konnte, Gott bewahre. Von Dr. Rossbacher hatte sie gelernt, dass man die Angst vor dem Aufenthalt unter freiem Himmel als Agoraphobie bezeichnete. Das waren wirklich arme Leute, die ihr Haus nicht verlassen konnten, und sie hatte Mitleid mit ihnen. Leider hatte kaum jemand Mitleid mit ihr, obwohl ihre Erkrankung ähnlich tragische Auswirkungen hatte. Der manische Waschzwang war das eine, was aber kaum jemand mitbekam. Nun ja, sie hatte ihre Arbeitsstelle letztendlich verloren, weil sie alle zehn Minuten auf die Toilette gegangen war, um sich die Hände zu waschen. Dabei hatte sie allerdings auch jedes Mal Unmengen von Papiertüchern dazu verwendet, alle Oberflächen, die sie anfassen musste, vorher zu reinigen. Ihr Arbeitgeber hatte sie anfänglich nur aufgefordert, das doch zu lassen, dann hatte er sie abgemahnt und sie letztlich auch auf Druck der Arbeitskollegen entlassen. Das war einerseits sehr ärgerlich, andererseits war sie heilfroh, diesem grauenvollen Ort entfliehen zu können, an dem es nur so vor Bakterien und Viren wimmelte. Manchmal hatte sie den Eindruck, sie könne die Bakterien sehen, wie sie sich grünlich schimmernd auf allen glänzenden Oberflächen breitmachten. Ekelhaft, grauenvoll und absolut nicht zu dulden. Mysophobie – so hieß laut Dr. Rossbacher diese panische Angst vor Ansteckung, die letztendlich auch der Auslöser für ihren Waschzwang war. Und er konnte sagen, was er wollte. Sie wusste, dass alles voller Bakterien war, davon konnte auch ihr Psychotherapeut sie nicht abbringen. Sie konnte sie riechen, sie konnte sie sogar sehen, und manchmal meinte sie auch, sie hören zu können. Aber alle Therapieversuche hatten bislang keine wirkliche Besserung herbeigeführt, auch nicht die Gesprächstherapie in der Gruppe. Die fand Christina zwar recht interessant und teilweise spannend, manchmal aber auch ein wenig beängstigend. Unter den fünf anderen Teilnehmern befanden sich zwei Personen, die ihr regelrecht Angst machten. Sie waren so aggressiv und pöbelten in einer Tour die anderen Gesprächsteilnehmer an, bezeichneten sie als „Irre“, mit denen sie nicht in einen Topf geworfen werden wollten. Christinas Gedanken wanderten in eine andere Richtung, nämlich zu Carlo Wagner, dem netten jungen Mann, der ganz anders war. Er war einfühlsam und scheinbar auf dem besten Weg, seine Zwangsneurose in den Griff zu bekommen. Vor allem war er aber sehr adrett, ordentlich und vermutlich auch sehr reinlich. Er wirkte immer frisch geduscht, roch angenehm, und sie hätte sich fast vorstellen können, ihm mal die Hand zu geben ... sogar ohne Handschuhe zu tragen. Gedankenverloren schloss sie ihren alten Opel Kadett auf, den sie im hintersten Winkel auf dem obersten Parkdeck des Löhr-Centers geparkt hatte, also möglichst weit weg von anderen Fahrzeugen. Sonst hätte vielleicht die Gefahr bestanden, dass neben ihr parkende Personen beim Aussteigen ihr Auto berührten oder ihr bei der gleichzeitigen Annäherung an das Fahrzeug zu nahe kamen. Sie hörte die Person nicht, die genau in dem Moment hinter dem Kofferraum hervortrat, als sie den Schlüssel in das Schloss der Tür ihres Wagens steckte. Die Anwesenheit eines weiteren Menschen bemerkte sie erst, als eine Hand von hinter ihrem Kopf auftauchte und ihr einen scheußlich riechenden Lappen auf den Mund drückte. Noch bevor sie den Gedanken, ob das Tuch vor der Benutzung auch desinfiziert worden war, zu Ende denken konnte, wurde ihr zuerst schwindelig, und dann erloschen alle Lichter. *** Bin ich in der Badewanne eingeschlafen? Ich kann mich gar nicht erinnern, ein Bad genommen zu haben? Die Benommenheit ging langsam zurück, und sie registrierte, dass sie fröstelte. Vielleicht war ja das Badewasser schon abgekühlt, dachte sie noch, bevor sie die Augen öffnete. Der Schock raubte ihr den Atem, und gleichzeitig offenbarten sich ihr gleich mehrere Umstände ihrer Situation. Sie stand zur Bewegungslosigkeit verdammt in einem Bottich, in dessen Mitte sich eine Art Pfahl befand. Sie war voll bekleidet, und das kalte Wasser stand bis zu ihrer Brust. Über ihrem Kopf befand sich eine Art Pendelleuchte, die ihre nähere Umgebung erhellte. Gleichzeitig registrierte sie, dass sie mit einer Kette fest an den Pfahl gebunden war. Allerdings waren ihre Arme frei beweglich, was sie erleichtert zu dem Schluss brachte, dass sie sich vielleicht aus eigener Kraft aus dieser Situation würde befreien können. Sie schüttelte sich voller Ekel, denn sie stellte sich sofort vor, dass es sich bei der Füllung des Bottichs wohl kaum um sauberes Wasser handeln konnte. Gleichzeitig erreichten immer wieder kleine Spritzer ihr Gesicht, die von einem in das Wasser plätschernden Strahl aus einem Rohr oberhalb ihres Kopfes stammten. Sie versuchte, sich von diesen Spritzern wegzudrehen, aber ihre Fesselung an den Pfahl war zu stramm. Der obere Rand des Bottichs befand sich einige Zentimeter über Augenhöhe, wo auch das Rohr – mit den Händen nicht erreichbar – über den Rand ragte. Mit aufkeimendem Entsetzen realisierte sie, dass der Wasserpegel langsam aber sicher anstieg und angesichts der Höhe des Randes irgendwann über ihren Kopf reichen würde. In ihrer sofort einsetzenden Panik begann sie, mit den Händen an der Kette zu rütteln, die sie an den Pfahl fesselte. Vergeblich. Als sie sich von ihrem Schock etwas erholt hatte, registrierte sie das große Vorhängeschloss, mit dem die Kette vor ihrer Brust geschlossen war. Da sie keine Haarklammern oder etwas Ähnliches vorzuweisen hatte, womit sie das Vorhängeschloss vielleicht hätte öffnen können, stieg ihre Panik für einen Augenblick in neue Höhen. Sie begann, aus vollem Hals zu schreien, und bemerkte erst, als sie völlig außer Atem das Schreien einstellen musste, dass es in dem Raum, in dem der Bottich stand, erstaunlich hallte. Da die Pendelleuchte nach unten strahlte, erhellte sie den Raum nicht so weit, dass Christina Wände hätte sehen können. Es musste sich um eine große Halle oder etwas in der Art handeln. Wo befand sich diese Halle, wenn niemand auf ihr Schreien reagierte? Verdammt, was nützen mir freie Hände, wenn ich dieses verdammte Schloss nicht aufbekomme? Wieder warf sie sich verzweifelt hin und her, konnte aber die Kette nicht im Geringsten lockern. Plötzlich fiel ihr Blick auf eine Art kleines Tablett, das an der Innenwand des Bottichs in Augenhöhe befestigt war. Sie schrieb es ihrer Panik zu, dass ihr das nicht vorher aufgefallen war. Zuerst wollte sie ihren Augen nicht trauen, als sie entdeckte, was da auf dem Vorsprung in einem kleinen Berg einer undefinierbaren Masse steckte: Aus der Masse heraus ragte der hintere Teil von etwas, was ohne Zweifel ein Schlüssel sein musste. Die Aufregung, verbunden mit der Erleichterung, ließ sie beinahe hyperventilieren. Der Schlüssel befand sich in erreichbarer Nähe, und sie musste nur nach ihm greifen, dann konnte sie sich sicherlich befreien. Ihre Todesangst war fast verschwunden, zumindest so weit, dass sie sich bei der Handbewegung hin zu dem rettenden Schlüssel fragte, was das wohl für eine Masse war, in welcher der Schlüssel steckte. Sie drehte den Kopf so weit es nur ging, um die Masse so gut wie möglich sehen zu können. Als sie sich noch ein wenig mehr in die Richtung neigte, erreichte sie ein Geruch, den sie sofort erkannte. Oh nein ... bitte nicht ... das kann doch nicht wahr sein. Bitte, lieber Gott, warum strafst du mich so? Kapitel 10 Koblenz-Karthause, 10:30 Uhr Sie kannte Ulf Auer nun seit etwas mehr als einem Jahr. Damals hatte sie als Praktikantin bei der Mordkommission Koblenz an den Ermittlungen zu einem Serientäter teilgenommen, bevor sie für die abschließenden neun Monate zurück an die Polizeischule gegangen war. Direkt nach ihrem Abschluss war sie vor drei Monaten zur Mordkommission zurückgekehrt, nun als fertige Kriminalkommissarin und vollwertiges Mitglied dieser Ermittlungseinheit. Seit sie Auer kannte, hatte sie ihn lediglich einmal in einem so desolaten Zustand gesehen. Es war damals an einem Tatort gewesen, wo sie die schrecklich zugerichtete Leiche einer Rentnerin hatten betrachten müssen. Dort hatte Auer sich abgewendet, den Kopf gegen einen Baum gelegt und einen Weinkrampf bekommen. Er hatte nie erzählen wollen, warum ihn ausgerechnet dieser Tatort so mitgenommen und aus der Bahn geworfen hatte. Nun stand er in ähnlicher Stellung in dem Kellerraum, der das Büro des getöteten Werbefachmanns gewesen war. Er hatte den Arm in Kopfhöhe gegen die Wand gelegt, und seine Stirn ruhte auf seinem Unterarm. Coco wollte nicht neugierig sein, aber sie beobachtete ihren Chef und Mentor genau, weshalb ihr die Tränen, die seine Wangen hinunterliefen, nicht entgingen. Sie überlegte, ob sie ihn ansprechen, vielleicht eine Hand beruhigend auf seine Schulter legen und ihn trösten sollte. Aber da sie nicht wusste, was der Grund für seinen Kummer war, konnte sie ihn auch nicht trösten. Hilflos blieb sie einfach stehen und blickte fragend zu Gerd Duben. Der zuckte lediglich mit den Schultern und schüttelte den Kopf. Entweder hatte er genauso wenig Ahnung wie sie, was mit Ulf los war, oder er spielte nur den Unwissenden, um ihr zu signalisieren, dass sie das nichts anging. Also standen sie lediglich herum, ohne etwas zu sagen. Es handelte sich letztendlich lediglich um zwei Minuten, die ihr aber wie eine kleine Ewigkeit vorkamen. Auer straffte sich, wischte sich mit dem Ärmel über sein Gesicht und drehte sich dann zu ihnen um. „Sorry, Leute, tut mir leid, aber ich bin momentan etwas angespannt“, war seine nichtssagende Erklärung. „Können wir dir irgendwie helfen?“, versuchte Coco ihre Unterstützung anzubieten. „Dich bedrückt doch irgendwas ziemlich, oder?“ „Ach was, halb so schlimm. Ich möchte nicht drüber reden. Außerdem haben wir zu tun.“ Coco runzelte die Stirn und wusste nicht, was sie von diesen Ausflüchten halten sollte. Das war ansonsten nicht Ulfs Art, der auch schon mal persönliche Dinge mit ihr besprach. „Okaaay“, zog sie ihre widerwillige Zustimmung in die Länge und hoffte, dass er ihre Missbilligung verstand. Vielleicht würde er ja zu gegebener Zeit von selbst darauf zu sprechen kommen, was dieses seltsame Verhalten zu bedeuten hatte. Sie hakte es für den Moment ab und richtete ihre Konzentration auf den vorliegenden Fall. „Wie wollen wir vorgehen? Ich denke mal, wir sollten diesen Doktor Rossbacher zu unserem Opfer befragen. Vielleicht ist er ja bereit, uns ein wenig unter die Arme zu greifen.“ Ihr entging nicht, dass Ulf bei der Nennung des Namens wiederum zusammenzuckte. „Gute Idee, ganz meine Meinung“, sagte er im nächsten Moment mit wieder fester Stimme. „Ich schlage vor, du und Gerd fahrt mal zu ihm und befragt ihn. Vielleicht bringt es uns ja zusätzliche Informationen. Ich mache mich derweil mit dem Rechner des Toten auf zu Fisch. Eventuell kann der ja die Sicherung knacken, und wir erfahren durch die Auswertung etwas mehr.“ Mit diesen Worten drehte er sich wieder um, ging zu dem Computer und begann wortlos, ihn abzubauen. Coco und Duben sahen sich an und schüttelten beide verwundert den Kopf. Bereits auf der Fahrt zurück in die Innenstadt konnte Coco sich nicht zurückhalten, Duben auf den Vorfall anzusprechen. „Hast du Ulf schon mal so erlebt? Das ist doch nicht normal. Was hat er denn?“ Duben schüttelte den Kopf. „Ich habe tatsächlich auch keine Ahnung. Und ich gebe dir recht, das ist nicht normal für unseren Chef.“ „Aber ihr seid doch schon ziemlich lang befreundet“, hakte Coco nach. „Ich habe ihn lediglich einmal so gesehen, und das war am Fundort der Leiche von Gerlinde Bräunig, weißt du noch? Die Leiche der Rentnerin, die wir so schrecklich zur Schau gestellt aufgefunden haben. Erinnerst du dich noch an seinen Zusammenbruch am Fundort?“ Duben wandte den Blick von der Straße ab und sah sie kurz mit aufgerissenen Augen an. „Du hast recht“, entgegnete er dann bedächtig, „damals hat er sich auch so seltsam verhalten. Ich hab da gar nicht mehr dran gedacht. Aber was hat dieser Fall mit dem von heute zu tun?“ „Keine Ahnung, aber ich vermute, es gab etwas in seiner Vergangenheit, an das er erinnert wurde“, meinte Coco nach kurzer Überlegung. „Seit wann kennt ihr euch?“ Duben musste nicht lange überlegen. „Wir waren zusammen in der Ausbildung, also schon seit neunzehn Jahren. Er ist zwar sechs Jahre älter als ich, aber er ist nicht sofort nach der Schule zur Polizei gegangen, deshalb waren wir in einer Ausbildungsgruppe.“ „Und seit ihr euch kennt, ist nichts passiert, was dieses Gefühlschaos erklären könnte?“ Dubens Mundwinkel sanken nach unten, als er nach kurzem Überlegen den Kopf schüttelte. „Hat er dir denn irgendwann mal etwas über einen Vorfall erzählt, der sich vielleicht vor eurem Kennenlernen ereignet hat?“, gab Coco nicht auf. Duben reagiert nicht sofort, sondern konzentrierte sich zunächst aufs Fahren ... bis er plötzlich die Augen aufriss. „Doch, da war mal was“, rief er überrascht aus und sah wieder zu Coco auf den Beifahrersitz herüber. „Ganz am Anfang unserer Ausbildung hat er mir mal erzählt, dass er eine traumatische Erfahrung gemacht hat, die ihn letztendlich dazu bewegt hat, sein Studium abzubrechen und zur Polizei zu gehen. Aber er hat nie erzählt, was das für ein Erlebnis war, da bin ich mir sehr sicher.“ Das war eine neue Information für Coco, denn von einem Studium hatte Ulf ihr noch nie etwas erzählt. „Und was hat er studiert? Weißt du das?“ Duben sah sie überrascht an. „Psychologie, wusstest du das nicht? Ich dachte, das hätte er dir erzählt, weil du doch auch ein paar Semester Psychologie studiert hast.“ Coco schüttelte konsterniert den Kopf. „Nee, mit keinem Wort. Das ist seltsam. Warum hat er das nie erwähnt?“ „Keine Ahnung. Wir sind übrigens da. Ich lasse den Wagen hier stehen, dann sind es nur ein paar Meter bis zur Praxis dieses Arztes.“ Duben hatte ihr Gespräch offensichtlich wieder zu den Akten gelegt und sich ganz professionell der anstehenden Arbeit zugewandt. Kapitel 11 Koblenz-Innenstadt, 13:00 Uhr Die Praxis von Dr. Heribert Rossbacher lag im ersten Obergeschoss eines Gebäudes unweit der Fußgängerzone und gegenüber der Herz-Jesu-Kirche, also sehr zentral in Koblenz. Schon beim Betreten des Hauses bemerkten Coco und Duben die getrennten Klingelschilder unter der Praxisbezeichnung: Dr. Rossbacher Psychotherapeut und Psychiater Gruppenklienten → hier klingeln Einzelklienten → hier klingeln Coco war nicht klar, warum hier zwischen unterschiedlichen Klienten – sie wusste, dass in der Psychotherapie nicht von Patienten, sondern stets Klienten die Rede war – unterschieden wurde. Sie machte sich eine mentale Notiz, den Doktor unbedingt danach zu befragen. Duben war allerdings noch nicht mal der Grund für die spezielle Bezeichnung der Kunden des Arztes bekannt. „Wieso Klienten? Der ist doch kein Anwalt!“ Er sah Coco fragend an. Sie erklärte ihm die Zusammenhänge, wobei sie gleichzeitig den Klingelknopf für „Einzelklienten“ drückte. „In der Psychotherapie spricht man von Klienten, da ,Patient‘ in der Medizin bedeutet, dass eine Person passiv durch einen Arzt behandelt wird, zum Beispiel mit Medikamenten. In der Psychotherapie handelt es sich aber eher um Kunden, die aufgrund einer Beratung selbst etwas tun müssen, also eben mitarbeiten. Deshalb hat sich hier der Begriff ,Klienten‘ eingebürgert.“ „Ja, bitte?“, ertönte jetzt eine weibliche Stimme aus der Sprechanlage und unterbrach weitere Erklärungen. „Kriminalpolizei Koblenz. Wir müssten mit Doktor Rossbacher sprechen. Die Angelegenheit ist dringlich“, drängelte Duben sich vor. Coco war zwar nicht klar, was so dringlich an der Befragung des Arztes war, von der sie sich sowieso nicht viel versprach, aber sie schwieg und wartete ab. „Jaja, natürlich, kommen Sie hoch und nehmen Sie im ersten Stock die rechte Tür.“ Sofort darauf summte es, und Duben konnte die Tür aufdrücken. Er ging voran, und Coco folgte ihm das enge Treppenhaus hinauf in das Obergeschoss. Dort angekommen, ging Duben ohne zu zögern auf die Tür auf der rechten Seite des Treppenabsatzes zu, auf der in großen Lettern EINZEL stand, und öffnete sie. Dahinter verbarg sich ein schmaler Gang, der nach wenigen Metern vor einer weiteren Tür endete. Coco hatte sich für den Moment mit ihrer eher passiven Rolle abgefunden und sah nun ein wenig amüsiert, dass Duben den Türgriff herunterdrückte, die Tür aber verschlossen zu sein schien. Sie tippte ihm auf die Schulter, und als er sich überrascht umdrehte, deutete sie mit einem feisten Grinsen auf die Kamera, die rechts über der Tür angebracht und genau auf sie beide gerichtet war. Duben winkte in die Kamera und sagte dann überdeutlich, als erwartete er, auf der anderen Seite könne jemand Lippen lesen: „Hallo, wir kommen von der Polizei und müssten mit Doktor Rossbacher sprechen.“ „Treten Sie ein“, erscholl eine angenehme, dunkle Männerstimme. Gleichzeitig ertönte ein Summen, und als Duben nun die Klinke herunterdrückte, öffnete sich die Tür. Sie betraten hintereinander einen Raum, der sich als eine Mischung aus Bibliothek, Büro und Behandlungszimmer darstellte. Letzteres drängte sich Coco deshalb auf, weil sich an einer Seite des Raumes, gegenüber einem riesigen Schreibtisch, eine bequem aussehende Couch mit einem davorstehenden Sessel befand. Hinter dem Schreibtisch wurde die komplette Wand von einem bis zur Decke reichenden Bücherregal eingenommen. Der Mann, der sich bei ihrem Eintreten hinter dem Schreibtisch erhob, erinnerte Coco sofort an den Schauspieler George Clooney, vielleicht etwas jünger, vermutlich so um die Mitte vierzig. Groß, schlank, leicht ergraute kurze Haare, mit einem Seitenscheitel getragen, ein Dreitagebart, buschige Augenbrauen und ein perfektes Gebiss, das er gerade durch sein strahlendes Lächeln zur Schau stellte. „Ich begrüße Sie, die Dame, der Herr, was kann ich denn für Sie tun? Nehmen Sie doch gerne Platz“, wobei er auf zwei unbequem aussehende Plastikstühle vor dem Schreibtisch wies. „Ich bin Kriminaloberkommissar Duben, und das ist meine Kollegin, Kriminalkommissarin Crott. Wir brauchen Ihre Hilfe in einer Mordermittlung.“ „Wie kann ich Ihnen da behilflich sein?“ Seine Stimme empfand Coco als sehr angenehm. Dunkel, sanft, einfühlsam. Sie konnte sich vorstellen, dass er ein sehr guter Psychotherapeut war. „Nun ja“, fuhr Duben fort, „es geht um ein Mordopfer, das laut den Unterlagen seiner Krankenkasse Patient bei Ihnen war. Da könnten Sie uns natürlich mit Informationen zu seinem Umfeld weiterhelfen. Hatte er Feinde, vielleicht auch ein anderer Ihrer Patienten, hatte er mit jemandem Streit, was wissen Sie über sein Privatleben und so weiter?“ Coco wunderte sich, dass Duben nicht klar war, wie die Reaktion auf sein Ansinnen sein würde. Sie kannte ihn als wirklich guten Ermittler, aber entweder war er nicht ganz bei der Sache oder er hoffte, dass Dr. Rossbacher es mit den Vorschriften nicht ganz so genau nehmen würde. Die Reaktion des Psychotherapeuten war sogar wesentlich drastischer, als sie es sich vorgestellt hatte. Das eben noch freundliche Lächeln verschwand und machte einem regelrecht feindseligen Ausdruck Platz. Die Kiefer mahlten, und die Lippen waren fest aufeinandergepresst. Schließlich öffnete er die Lippen einen Spalt weit und knurrte lediglich: „Raus hier ... aber sofort. Ende des Gesprächs.“ Er war aufgestanden und wies mit der Hand auf die Tür. „Aber ...“, versuchte Duben noch etwas zu retten. „Nichts aber“, schrie Dr. Rossbacher nun, und die Empörung war ihm anzusehen. „Was soll das werden? Sie wissen doch genau, dass ich Ihnen nicht mal bestätigen darf, ob die Person bei mir Patient war, selbst wenn Sie behaupten, es zu wissen. Und alles, aber auch wirklich alles, was ich von einer solchen Person erfahren würde, unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht. Ihnen dürfte auch der § 53 der Strafprozessordnung bekannt sein, der das Zeugnisverweigerungsrecht von Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten eindeutig regelt. Also kann ich nur vermuten, dass Sie mich überrumpeln wollten oder darauf hoffen, ich würde wissentlich gegen Gesetze verstoßen. In beiden Fällen handelt es sich um eine Unverschämtheit, die ich mir verbitte. Also ... raus hier und zwar sofort!“ Die letzten Worte hatte er förmlich geschrien, und von dem sympathisch wirkenden Mann war für Coco nichts mehr zu erkennen. Als Duben noch etwas erwidern wollte, legte Coco ihm die Hand auf den Arm und schüttelte den Kopf. „Lass uns gehen, er hat ja recht.“ Sie stand auf und zog Duben am Ärmel seiner Jacke mit sich. Noch im Hinausgehen wandte sie sich allerdings noch einmal um. „Eine Frage hätte ich noch, Doktor Rossbacher ... und sie hat nichts mit einem Ihrer Klienten zu tun“, fügte sie schnell hinzu, als sie sah, dass er erneut aufbegehren wollte. Er beruhigte sich genauso schnell, wie er sich aufgeregt hatte. „Okay, bitte?“ „Warum gibt es die getrennten Eingänge für Einzel- und Gruppentherapien?“ Nun erschien wieder dieses sympathische Lächeln auf seinen Lippen. „Genau aus dem gleichen Grund, warum ich Ihnen niemals eine Auskunft geben werde. Die Menschen, die zu mir kommen und mich um Hilfe bitten, haben ein Anrecht auf Anonymität. Sie möchten noch nicht einmal, dass andere Menschen mitbekommen, dass sie mich aufsuchen. Also kommen sie zu einem Eingang herein und gehen zu einem anderen hinaus, damit sie nicht anderen Menschen, die sie vielleicht sogar kennen, begegnen müssen. War’s das dann?“ Coco schenkte ihm ihr schönstes Lächeln. „Aber natürlich, vielen Dank, Herr Doktor.“ Duben vor sich herschiebend, ging sie den gleichen Weg hinaus, den sie beim Betreten genommen hatten. Kapitel 12 Tag 3 Polizeipräsidium Koblenz, Büro der MK, 09:00 Uhr Auer ließ den Blick über die Anwesenden im Büro und gleichzeitigem Besprechungsraum der Mordkommission im Keller des PP gleiten. Diesmal waren außer seinem Team auch noch sein Chef, KOR Stefan Wasgau, der Leiter des K 11, und die zuständige Oberstaatsanwältin Sandra Hartung anwesend. „Und? Was haben wir bis jetzt? Haben Sie schon einen Ansatzpunkt für Ermittlungen oder vielleicht sogar schon Verdächtige?“, richtete Hartung die Frage an ihn. Er bewunderte sie für die Coolness, mit der sie ihn in Anwesenheit Unwissender wie einen Fremden ansprach, obwohl sie doch regelmäßig das Bett teilten. Davon wusste allerdings nur sein Team etwas, ansonsten gab es im Präsidium lediglich Gerüchte, dass er die Oberstaatsanwältin eventuell besser kannte, als die meisten dachten. Zu diesen Unwissenden zählte sein Chef Wasgau, der das auch auf keinen Fall erfahren durfte. Seit Auer ihn einmal als „Kompetenzsimulant“ bezeichnet und ihm schon mehrfach öffentlich seine Unfähigkeit vor Augen geführt hatte, waren sie so etwas wie Todfeinde – zumindest betrachtete Wasgau ihn als solchen. Er selbst hatte meist nur Mitleid mit Wasgau, der definitiv der falsche Mann am falschen Platz war. „Herr Auer, sind Sie noch bei uns?“, riss ihn Sandras Stimme aus seinen Gedanken. „Oh, Verzeihung, ich war wohl in Gedanken“, entschuldigte er sich. „Aber leider habe ich auch noch nichts wirklich Erhellendes zu berichten. Bisher stecken wir noch mitten in den ersten Ermittlungen und haben noch keinen wirklich ernsten Ansatzpunkt.“ „Wen wundert‘s“, raunte Wasgau halblaut, aber deutlich hörbar, doch Auer entschied sich, nicht darauf einzugehen, und strafte seinen Vorgesetzten mit Missachtung. „Wir haben sein Haus und die Firma nach Hinweisen durchsucht und am ehesten auf seinen Computer gesetzt. Des Weiteren haben wir nach seinem verschwundenen Fahrzeug gesucht, aber dazu können die Kollegen Kruse und Saibling am besten selbst berichten.“ Er nickte Fisch zu, der daraufhin sofort mit seinem Bericht begann. „Also ...“, begann er gedehnt, um es wie immer so spannend wie möglich zu machen, „ ... ich habe sowohl den Firmencomputer als auch den Rechner aus seinem Büro in der Villa gecheckt und dabei Folgendes entdeckt: Auf dem privaten Computer ist eine Spiegelung aller Daten des Firmengerätes, weshalb der alleine schon gereicht hätte, aber das konnten wir ja nicht wissen. Fangen wir mal mit dem Wichtigsten an. Am Tag vor seinem Auffinden hatte er einen Termin mit einem gewissen“, er sah auf seine Notizen, „Paschke, wegen eines nicht näher bezeichneten Werbeauftrages für ein nicht näher bezeichnetes Produkt. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass er sich mit ihm im Café Höfer am Altlöhrtor treffen wollte. Ob das Treffen stattgefunden hat, konnten wir noch nicht ermitteln, da die Beschäftigten des Cafés, die zur besagten Zeit dort gearbeitet hatten, gestern nicht da waren. Teilzeitkräfte halt“, er zuckte mit den Schultern. „Wenn es denn aber stattgefunden hat, was ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehme, dann war es sein letztes Treffen, denn alle darauffolgenden Termine hat er nicht mehr wahrgenommen. Das haben wir bereits durch die Angestellten der Firma überprüfen lassen.“ „Und weshalb sind Sie so sicher, Sie Oberschlaumeier“, mischte Wasgau sich ein, „dass das Treffen stattgefunden hat, solange Sie noch keine Bestätigung durch die Angestellten des Cafés haben, hä?“ Würdest du nur endlich lernen, deinen Mund zu halten, wenn es nicht angebracht ist, dachte Auer und schüttelte leicht den Kopf. Das ist genau das, worauf Fisch gewartet hat. Wasgau erhielt prompt die Quittung für seine vorschnelle Frage. „Das, mein lieber ‚Oberchef‘, war leicht“, beantwortete Fisch mit einem breiten Grinsen die Frage, „denn in ganz Koblenz und im Umkreis von vierzig Kilometern gibt es lediglich vier Paschkes, die wir alle abtelefoniert haben und bei denen es höchst unwahrscheinlich ist, dass sie eine teure Werbekampagne in Auftrag geben würden. Natürlich müssen wir das Alibi des Malermeisters noch überprüfen, aber die Rentnerin und die Hausfrau und auch der neunzehnjährige Student scheiden wohl per se aus, oder?“ Er blickte abwartend auf Wasgau, der lediglich leicht säuerlich den Mund verzog, ihn aber diesmal glücklicherweise hielt. „Also gehen wir mal davon aus“, fuhr Fisch unaufgefordert fort, „dass der Name des Treffpartners nicht sein wirklicher Name war, und hoffen, dass wir von den Angestellten des Cafés vielleicht eine Personenbeschreibung bekommen können. Aber zumindest bezüglich des verschwundenen Wagens unseres Opfers kann uns Harry etwas mehr sagen.“ Er blickte Harry Kruse an. „Dein Auftritt.“ Harry schüttelte den Kopf. „Kindskopf! Aber okay, ja, wir haben bezüglich des Wagens einen Erfolg zu vermelden. Nachdem wir im Fitnessstudio nachgefragt haben, wo er von elf Uhr bis zwölf Uhr trainiert hat, haben sie uns dort erzählt, dass er nach dem Duschen mit seiner Trainingstasche wieder gegangen ist. Die Rezeptionistin meinte, sie hätte mal mitbekommen, dass er meistens mit dem Auto käme, weshalb wir durch die Kollegen von der Trachtengruppe“, ein warnender Blick von Auer ließ ihn in seinen Ausführungen stocken, „äh ... ich meine, durch eine Gruppe von der Schutzpolizei die umliegenden Parkhäuser haben überprüfen lassen. Und voilà, der Wagen stand im Parkhaus des Forum Mittelrhein. Beim Opfer befanden sich ja auch die Schlüssel zu dem Wagen, übrigens ein sündhaft teurer Jaguar, und wir haben im Kofferraum seine Sporttasche gefunden. Man kann also wohl davon ausgehen, dass er vom Training aus zum Wagen gegangen ist, die Tasche abgelegt hat und dann zu dem Treffen mit dem ominösen Paschke gegangen ist. Aufgrund der Angaben im Fitnessstudio und der Wegstrecke können wir also inzwischen davon ausgehen, dass das Treffen etwa um 12 Uhr 30 stattgefunden haben muss. Das macht es vielleicht ein wenig einfacher, Zeugen zu finden, die es eventuell beobachtet haben können. Wir werden heute noch mal die Angestellten des Cafés befragen.“ Harry legte seinen Zettel mit den Notizen hin und signalisierte damit, dass er nichts mehr zu erzählen hatte. „Okay,“ übernahm Auer wieder die Gesprächsführung. „Gerd, berichtest du bitte von eurem Besuch bei Doktor Rossbacher? Bitte für Herrn Wasgau und die Oberstaatsanwältin auch den Hintergrund, warum ihr ihn befragt habt.“ Befriedigt stellte Auer fest, dass seine Unterschlagung der Dienstbezeichnung seines Chefs die gewünschte Wirkung gezeigt hatte. Wasgau hasste es, nicht mit Kriminal­oberrat angesprochen zu werden, und war, wie zu erwarten, zusammengezuckt. „Die Kollegin Crott und ich“, begann Duben zu Sandra Hartung und Wasgau gewandt, „hatten bereits durch die Befragung der Ehefrau und der Mitarbeiter in der Werbeagentur erfahren, dass Raimund Kellermann unter einer psychischen Störung litt. Bei der Durchsuchung seiner Villa haben wir Unterlagen seiner Krankenkasse gefunden, laut dessen er bei einem Doktor Rossbacher, einem Koblenzer Psychotherapeuten, in Behandlung war. Coco und ich waren gestern Nachmittag bei dem lieben Doktor, und der Besuch war ... nun ja ... mal einfach ausgedrückt, höchst unbefriedigend. Er beruft sich auf seine ärztliche Schweigepflicht und hat noch nicht mal bestätigen wollen, dass Kellermann einer seiner Patienten war. Ich war da wohl ein wenig blauäugig, was die Bereitschaft eines Doktors angeht, der Polizei in einer Morduntersuchung zu helfen.“ Er zuckte hilflos mit den Schultern. Auer sah Sandra Hartung an. „Sehen Sie eine Chance auf die Erwirkung eines richterlichen Beschlusses zur Beschlagnahme der Patientenakten, Frau Oberstaatsanwältin?“ Sie sah ihn überrascht an. „Auf welcher Grundlage? Weil ein Mordopfer Patient bei einem Psychotherapeuten war? Gibt es auch nur den kleinsten Hinweis darauf, dass seine Ermordung etwas mit seinen psychischen Problemen zu tun hatte? Ich denke mal, nein, denn sonst hätten wir es ja bereits gehört, nicht wahr? Also ... kein Beschluss. Ich hole mir doch keine rote Nase beim zuständigen Ermittlungsrichter, keine Chance.“ Wasgau schien es nicht mehr aushalten zu können. „Ja, und wie soll es dann mit den Ermittlungen weitergehen? Haben Sie schon einen Plan, was man als Nächstes tun kann?“ Bevor Auer antworten konnte, kam die sofortige Retourkutsche der Oberstaatsanwältin, die sich offensichtlich angesprochen fühlte. „Na, dann machen Sie doch mal einen intelligenten Vorschlag.“ Sie wartete noch nicht einmal ab, ob Wasgau in der Lage war, einen solchen zu machen, und fuhr barsch fort: „Ach ja, ich hatte vergessen, dass das nicht so Ihre Sache ist ... das mit den intelligenten Vorschlägen.“ Sie stand auf und machte sich auf den Weg zum Ausgang. Über die Schulter rief sie noch: „Halten Sie mich auf dem Laufenden!“, und war kurz darauf verschwunden. „Hmmm ...“, meldete sich Fisch in das betretene Schweigen, „ich hätte da mal eine Frage. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Psychotherapeuten und einem Psychiater? Ich weiß, ich könnte das einfach googeln, aber da wir ja eine Quasi-Expertin unter uns haben“, er warf Coco einen vielsagenden Blick zu, „dachte ich, sie könnte uns das mal erklären ... oder zumindest mir“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu. Bevor Coco antworten konnte, gab Auer sich einen Ruck und setzte mit einer Erklärung an. „Man unterscheidet zwischen Psychiatern, Psychotherapeuten, Psychologen und Neurologen. Der Psychiater ist ein Arzt, der aber auch gleichzeitig Psychotherapeut sein kann. Beide behandeln Erkrankungen des Geistes und der Seele. Allerdings kann der Psychotherapeut keine Medikamente verschreiben, wenn er nicht gleichzeitig Psychiater ist. Der Psychologe macht eher in Diagnostik, wenn er nicht auch gleichzeitig Psychotherapeut ist, und der Neurologe kümmert sich eher um körperliche Erkrankungen, zum Beispiel der Nervenbahnen. Das ist ein sehr komplexes Thema, zumal es verschiedenste Kombinationen der einzelnen Fachrichtungen gibt.“ Das war eine für seine Verhältnisse eher längere Ansprache, und Auer registrierte sehr wohl die überraschten Blicke von Fisch und Harry. Duben nickte lediglich, als hätte er nichts anderes erwartet, als dass Auer sich diesbezüglich auskannte. Es wunderte ihn allerdings etwas, dass auch Coco nicht erstaunt schien, da sie ja nichts von seinem Studium wusste. „Woher weißt du so viel darüber?“, fragte Fisch erstaunt. „Das ist doch Allgemeinwissen, so was sollte ein Kriminalbeamter eigentlich wissen“, beschönigte Auer und bemerkte gleichzeitig die hochgezogene Augenbraue bei Coco. Sie glaubt mir nicht. Vielleicht sollte ich ihr doch ehrlicherweise erklären, woher ich mich so gut auskenne. Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». 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